Berliner Notiz-Blog 18. Juni 2008

An jedem Samstag treffen sich die jüngsten Schauspieler der Agentur Tomorrow im Coaching-Studio im ersten Stock eines Hinterhauses in Berlin-Mitte. Es sind Sieben – bis Elfjährige. Erstaunlich, wie viele Kinder es in Berlin-Mitte gibt. Auf der Straße sieht man sie nicht. Wahrscheinlich werden sie von ihren Eltern nach der Schule in Musik – und Kampfsportschulen gefahren oder auf die Tanz-, Pantomime – und Yoga-Studios des Bezirkes verteilt.

Zum Training am Samstag kommen auch interessierte Eltern mit ihrem Nachwuchs, um zu schauen, ob das Film – oder Werbegeschäft etwas für ihre Kleinen wäre.

Der Trainer beginnt mit einer Aufwärmübung. Die Kinder stehen im Kreis. „Hau ab!“ schreit der Trainer das Mädchen links neben sich an. Die wendet sich rasch ihrem Nachbarn zu und brüllt den Satz weiter. Die „stille Post“ kracht ringsherum. Nächste Runde: „Ich hasse dich! – Sag mal, S I E H S T D U M I C H L A C H E N?“ Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. Sie ist an diesem Tag zum ersten Mal hier. Der Trainer schickt sie aus dem Kreis. Sie darf vom Rand aus weiter zuschauen. „Das Spiel dient der Konzentration“, erklärt er in der Pause. „Deshalb werden die Sätze, die nachgesprochen werden sollen, immer länger.“ Der Trainer ist 14 Jahre alt. Er gehört zur jugendlichen Crew der Agentur. Sein blondes Haar ist fransig aus der Stirn gegeelt. Er ist einer der Stars der Agentur. Er hat schon einige Male gedreht.

Im Keller probt eine ältere Schauspielerin mit jungen Mädchen. Auch hier geht es darum, sich möglichst aggressiv anzuschreien. „Lockerungsübungen“ nennt die Schauspielerin das. Die Jugendlichen sollen lernen, aus sich heraus zu gehen. Es wird geschrien, geboxt, später gerockt. Leise Töne kommen im Coaching an diesem Samstagvormittag nicht vor. Hier findet die Einstimmung auf Betrieb und Lärmpegel der Medien statt. Die Sensiblen, Langsamen, die schon im Sportunterricht leiden, gehen in diesem Geschäft unter.

Berliner Notiz-Blog 8. Juni 2008

1968. Nacht der Literatur – so war die Veranstaltung in der Akademie der Künste am Freitagabend überschrieben.

Jetzt, dachte ich, jetzt! als Volker Braun in seiner Eröffnungsrede von der Politik sprach, die Armut straff organisiert und „den Reichtum vagabundieren lässt“, von der zunehmenden Zahl der Tagelöhner, als er unser Schweigen mit einer schwarzen, zähen Masse verglich. Endlich, dachte ich. Hier also. In diesem herrlichen Palast aus Glas.

Günter Grass, Uwe Timm, Ulrich Pletzer, Tanja Dückers und Raul Zelik waren auf dem Podium zusammen gekommen, um über „Die Literatur und das politische Engagement“ zu diskutieren. Der Abend versprach spannend zu werden, denn die drei jungen Autoren schreiben politisch engagiert, die Älteren sowieso.

Doch die junge Generation sagte erschreckend wenig. Sie verteidigten sich gegen Günter Grass Anspruch, Literatur müsse politisch sein, weil, so hatte Grass seine Haltung begründet, der Dichter nicht frei sei, sondern eingebunden in eine Gesellschaft und ihre Verhältnisse und, da er, Grass, sich in erster Linie als engagierter Bürger fühle, müsse er sich als Schriftsteller mit dem auseinandersetzen, was ihn bewegt. Er habe manchmal versucht, völlig unpolitisch zu sein, sei jedoch spätestens nach vier Zeilen wieder in seiner Zeit angekommen.

„Literatur muss gar nichts“, entgegnete Tanja Dückers. Ob der Literatur-Nobelpreisträger das nicht schon wusste? Doch damit war ihr Nachhilfeunterricht noch nicht zu Ende. Dem Publikum erläuterte sie später den Unterschied zwischen den Nachrichten im Internet und der Literatur. Danke!

Raul Zelik kritisierte den Literaturmarkt, auf dem so viel Schrott erscheine, woraufhin der Moderator Martin Lüdke sagte, das sei schon immer so gewesen, es habe schon immer Bücher gegeben, die nur von Frauen gelesen worden seien. Und als wäre dieser Satz nicht bereits vulgär genug, nahm er die Apfelsaftflasche, die neben seinem Stuhl stand und trank ganz einfach aus der Pulle.

Verflixt, ist das alles, was es heute Abend über politisches Engagement und Literatur zu sagen gibt? Ist da eigentlich keiner, den der Schmerz über das, was in Deutschland geschieht, an seinen Mac treibt? Hinter welchem leuchtenden Äpfelchen werden die heißen Eisen angegriffen: Dass diese Regierung durch ihre Politik die Demokratie akut gefährdet? Wer gibt dem Elend in Deutschland eine literarische Stimme, schafft authentische Figuren, die uns ergreifen, die uns nicht länger abschalten lassen? Wer stellt die Gleichgültigkeit bloß? Die Arroganz? Wo bleibt die Wut der Dichter?

In der Pause wandelten wir auf der Balustrade des Palastes, schauten rüber zum Reichstag. Wir lobten den Wein und die Farben des Himmels. Und der Mond, die schmale Sichel, schweigt auch so schön.

Kultur der Mischung

Berliner Zeitung

Isabelle Bruniquet hat afrikanische, asiatische und europäische Wurzeln. Sie weiß nicht recht, wohin sie gehört

Wegen ihres Akzents glaubt man, sie sei Französin. Sie ist schlank. Sie hat hellgrüne Katzenaugen, rotes Haar und Sommersprossen.
Die Schwarzen im Lumumba, ihrem Lieblingsclub in der Karl-Marx-Allee, sagen: „Du bist doch eine von uns. Hast eben nur die falsche Hautfarbe.“

„Es ist mein Dilemma“, sagt Isabelle Bruniquet. „Ich weiß eigentlich selbst nicht, wer ich bin.“

Isabelle Bruniquet ist Kreolin. Vor 39 Jahren wurde sie auf Réunion geboren, einer Insel im Indischen Ozean, achthundert Kilometer östlich von Madagaskar. Ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wurden ebenfalls auf Réunion geboren. Doch dann verlieren sich die Spuren der Familie auf drei Kontinenten, in Indien, Afrika und Europa.

Isabelle studierte in der Hauptstadt Saint-Denis französische Sprach – und Literaturwissenschaft. Sie liebt die französische Sprache und Literatur. Sie ist froh, dass Réunion politisch zu Europa gehört. Sonst hätte sie, die Tochter einfacher Leute, kaum die Chance zu studieren gehabt.

Sie war noch Studentin, als sie ein interessantes Angebot aus Deutschland bekam. An der Universität Bamberg arbeiteten Sprachwissenschaftler an der Erforschung der Kreolischen Sprachen. Sie erstellten ein Etymologisches Wörterbuch. Und Isabelle sollte dabei sein.

Das ist ihre Chance, die kleine Insel, um die man im Auto in drei, vier Stunden herum fährt, zu verlassen. Sie weiß schon lange, dass sie hier weg möchte, raus in die Welt, zu den Wurzeln ihrer Familie, ihrer Sprache.

Bamberg erschien ihr engherzig und kühl. Aber immerhin verliebte sie sich. In Bamberg kam ihr Sohn Lucien zur Welt. Nach zwei Jahren wurde ihr die Luft in der fränkischen Stadt zu knapp. Mit Mann und ihrem Sohn ging sie nach Berlin und fand Arbeit als Französisch-Lehrerin in einer privaten Sprachschule.

Einmal saß ihr einer ihrer Schüler auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn gegenüber. „Plötzlich sagte er: ‚Ich wusste es! Sie haben afrikanische Füße. Sie kommen aus Afrika’.“

Ein paar Wochen später blätterte die Französischlehrerin im Wartezimmer in einer Zeitschrift und las, dass Anthropologen nach der Länge des zweiten Zehs in griechische und ägyptische Füße unterscheiden.

Isabelle Bruniquet ärgert sich, dass körperliche Nebensächlichkeiten wie Zehenlängen und Hautfarben in Europa ein Thema sind.

Natürlich unterscheidet man auch auf Réunion die Cafres, die Nachkommen der Afrikaner von den Zarabes, den hellhäutigen Indern aus dem Norden und den dunkleren aus dem Süden, den Malbars. Man nennt die Nachkommen der armen Europäer P’tit blancs und die Kinder der Reichen Grand blancs, man spricht von den chinesischen yabs und den französischen Z’oreilles. Wessen Herkunft nicht mehr klar erkennbar ist, der gehört zu den Créoles. Wie Isabelle. Und niemand macht eine große Geschichte daraus, dass sie ein bisschen heller ist und trotz ihrer roten Haare richtig braun wird im Sommer. Was Haut, Haare und Augen angeht, ist auf Réunion, der Name bedeutet Versammlung oder Zusammenkunft, alles möglich.

Bis ins 18. Jahrhundert lebte kein Mensch auf der Insel. Dann kamen gleichzeitig Europäer, Asiaten, Afrikaner, die einen als Plantagenbesitzer, die anderen als ihre Sklaven und Bediensteten.

„Es ist nicht so, dass aus der Mischung eine neue Identität entsteht“, widerspricht Isabelle Bruniquet dem Kulturtheoretiker Edouard Glissant, als er im Französischen Kulturzentrum in Berlin zu Gast ist. Glissant hat eine Vision von der „Kreolisierung“ der Welt, die Theorie, dass sich die Kulturen im Zuge der Globalisierung so weit miteinander vermischen, dass die Identität der Menschen nicht länger aus tief verwurzelten Traditionen und Gebietsansprüchen genährt wird, sondern aus dem Geflecht der Begegnungen und Mischungen. Glissant glaubt, dass daraus neue kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten entstehen. Dabei kritisiert er den „Kulturimperialismus“ der Kolonisatoren.
Isabelle sieht die Kolonialmacht Frankreich ambivalent. „Jeder auf Réunion ist froh über das Gesundheits – und Bildungswesen. Ich liebe die französische Kultur. Aber bin ich eine Französin? Nein. Obwohl ich in Berlin fühle, wie französisch ich bin.“

„Nimm dir von allem das Beste“, rät ihr Glissant, doch die rothaarige, weiße Kreolin findet darin keine Antwort. „Das beendet doch nicht diese Quälerei“, sagt sie.

Die Quälerei fing schon in ihrer Kindheit an. Obwohl in ihrem Elternhaus Kreolisch gesprochen wird, verbietet die Mutter Isabelle, draußen, auf der Straße oder in der Schule kreolisch zu sprechen, nicht, weil der Einwanderer-Mix, für den es keine einheitliche Schrift gibt, als offizielle Sprache verboten ist, sondern weil sie sich dafür schämt. „Wer kreolisch spricht, ist ein Depp“, sagt die Mutter. Kreolisch ist nicht die Sprache der Gebildeten. Ende der Siebzigerjahre existiert noch keine kreolische Literatur. Auf kreolisch werden Märchen von Generation zu Generation weiter gegeben. Es ist die Sprache der Sänger und der einfachen Leute, der Arbeiter, der Bauern. Als Isabelle zur Schule geht, publiziert lediglich die kommunistische Zeitung der Insel Artikel auf kreolisch. In den Siebzigerjahren kämpfen einige Intellektuelle dafür, dass die Sprache eine einheitliche Schrift bekommt, die sich möglichst von Französisch unterscheiden sollte. Sie gelten als radikal.

„Es ist meine Sprache“, sagt Isabelle. „Und es waren die Franzosen, die diese Sprache unterdrückt haben.“

Ihre Eltern verstehen bis heute nicht, dass sie sich ernsthaft mit ihrer Muttersprache auseinandersetzt, sie erforscht und sogar an einem Wörterbuch mitgearbeitet hat.

In der Berliner Wohnung von Isabelle stehen Regale voller französischer Literatur, zwischendrin Skulpturen und Instrumente aus Afrika. Sie lernt jetzt afrikanisch trommeln und tanzen. Sie hat sich auf die Suche nach Leuten von Réunion gemacht und tatsächlich einige gefunden. In Berlin sind sie zu dritt, es gibt noch jemanden in Dresden und mehrere im Rheinland. Sie haben den Verein „Reunion der Kulturen“ gegründet, den Verein zur Förderung der Kultur Réunions e.V.

In einer Ecke ihres Zimmers hat sie die Fotos ihrer Familie aufgehängt. Ihr sehr weißer Sohn Lucien neben dem dunklen Großvater. Die indische Urgroßmutter im Kreis ihrer Kinder.

„Auf Réunion“, sagt sie, „lebt man mehr in der Gemeinschaft. Wir lernen von klein auf, die Tabus der anderen zu respektieren. Es gibt jede Religion und eine Menge Aberglauben. Die Kirchen läuten, die Muezine rufen von den Moscheen. Und niemand beschwert sich, wenn er wegen einer religiösen Prozession im Stau steht. Wenn ich früher zu meiner Großmutter gegangen bin, habe ich darauf verzichtet, einen Ledergürtel zu tragen, weil es ihre religiösen Gefühle verletzt hätte. Sie glaubte, dass Kühe heilige Tiere sind.“

Es sieht aus wie ein kleiner Altar für ihre Ahnen, ein Ort der Sehnsucht. Vielleicht brechen Menschen auf und begeben sich an andere Orte, damit ihre Sehnsucht Namen bekommt. Die Namen der verlassenen Orte. Die Namen der Menschen auf den Fotos und den Gräbern.
In den Forts von Senegal, Ghana, Benin und Mosambik, an den Orten, an denen die Gefangenen Afrikas auf Schiffe verladen wurden, endet ihre Identität im Nichts.

Isabelle war erst einmal in Afrika. In Burkina Faso, der Heimat ihres Freundes. „Sie haben mich dort wie eine Einheimische behandelt“, erzählt sie. „Nicht wie eine französische Touristin. Niemand hat versucht, mich übers Ohr zu hauen.“ Sie spricht von der Solidarität der Afrikaner, dem Familiensinn, der ihr näher ist, als die zentrifugalen Ego-Kräfte Europas. Sie denkt, dass sie eher nach Afrika gehört als nach Europa.

Sie möchte dorthin zurück, die sogenannte Sklavenroute abfahren. Sie weiß, dass es unmöglich ist, die Wege der Sklaven nach Réunion nachzuvollziehen, aber sie hat in Erfahrung gebracht, auf welchen Wegen die Bevölkerung verschachert wurde, dass auch Schwarze Schwarze verkauften, die Stärkeren die Schwächeren. Sie hat gehört, dass es eine Route über Südafrika an die Ostküste gab, dass viele der Sklaven auch aus dem Landesinneren kamen, nur weiß keiner, aus welchen Ländern. In Burkina Faso hat sie Leute aus dem Tschad getroffen und Worte aus dem Kreolisch ihrer Heimat aufgespürt, mit derselben Bedeutung. Das ist noch kein Beweis. Es ist nur ein Gefühl, dass ihre Vorfahren möglicherweise von dort…?

„Aber solange ich auch suche“, sagt sie. „Ich werde es nie wissen.“