Heute bin ich durch den Regen gelaufen. Die Pfützen lagen wie helle Scherben auf dem Asphalt, in denen sich der Himmel spiegelte. Und dann entdeckte ich, dass sich in den vielen kleinen Scherben die ganze Stadt spiegelte. Alles stand Kopf. Einige Bilder habe ich euch mitgebracht.
Archiv für das Jahr: 2008
Rami im Glück mit Bafög

Ein junger Migrant will Ingenieur werden – genau, was Deutschland braucht. Fast wäre er an dummen Regeln gescheitert
Nur ein einziges Mal hatte Rami das Gefühl, diskriminiert zu sein in Deutschland, weniger Wert als seine Freunde, die hier geboren sind. Das war, als er im letzten Herbst sein Studium begann und erfuhr, dass ihm kein Bafög zusteht.
Rami fand das ungerecht. Nur, weil seine Eltern nicht lange genug in Deutschland gearbeitet hatten. Dabei hatten sie doch von Anfang an arbeiten wollen, aber nicht gedurft.
Seit er zwölfjährig mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester nach Berlin gekommen war, hatte er sich in der Stadt wohl gefühlt. Sofort hatte er Freunde gefunden, Freunde, mit denen er arabisch, Freunde, mit denen er russisch und schließlich Freunde, mit denen er deutsch sprechen konnte, Christopher zum Beispiel. In der Küche von Christopher hatte Rami das erste Mal eine Folienkartoffel mit Würstchen gegessen. Daraufhin hatte er Christopher zu arabischen Reis eingeladen. Von diesem Moment an, da sie sich vergewissert hatten, dass man sowohl deutsches als auch arabisches Essen genießen kann, trennte sie nichts mehr.
Rami ist in Donezk, in der Ukraine geboren. Sein Vater, ein Palästinenser, war zum Studium nach Donezk gekommen und hatte dort seine zukünftige Frau, eine Ukrainerin kennengelernt. Rami hat die großen Augen, die vollen Lippen und das dunkle, glatte Haar seiner Mutter.
Davor hatte die Familie in Libyen gelebt, wo der Vater nach dem Studium eine Anstellung als Arzt bekommen hatte. 1995 musste die Familie sich schnell ein neues Zuhause suchen. Die libysche Regierung ordnete an, dass alle Palästinenser das Land zu verlassen hätten. Es war eine Reaktion auf das erweiterte Autonomieabkommen zwischen Israelis und Palästinensern. Die Familie hatte in Deutschland einige Verwandte. Daher beschlossen Ramis Eltern, hierher zu kommen.
Irgendwann, als er schon fast erwachsen war, hatte Rami im Bücherkarton seiner Mutter ein Buch des Amerikaners Paul C. Bragg gefunden. Bragg schreibt, dass ein Mensch einhundertzwanzig Jahre alt werden kann, wenn er gesund isst, Sport treibt, ausreichend schläft und darauf achtet, immer ein zufriedenes Herz zu wahren. Rami beschloss, das auszuprobieren.
An jenem Tag, als er erfuhr, dass er niemals Bafög bekommen wird, stand sein Ziel, das Alter von einhundertzwanzig Jahren zu erreichen, ernsthaft auf dem Spiel. Der amerikanische Gesundheits-Guru hält Traurigkeit und Wut für ebenso schädlich wie Alkohol und Nikotin.
Deshalb verkniff sich Rami die Trauer und die Wut über diese Ungerechtigkeit wie andere Leute sich das zweite Glas Wein oder die dritte Zigarette verkneifen.
Von diesem Tag an erkannte er, dass Traurigkeit eine Art Luxus für Leute ist, die Zeit haben. Das Lernpensum der Hochschule war happig, aber Rami blieb keine Zeit zum Lernen mehr. Er musste einen Job finden, der ihm seinen Lebensunterhalt sicherte, denn seine Eltern hatten nicht das Geld, ihn zu unterstützen. Sie kamen ja selbst kaum über die Runden.
Rami fand Arbeit bei einer Rechtsanwältin. Täglich sortierte er nach den Vorlesungen ihre Papiere, schrieb Briefe, erledigte Anrufe. Zum Lernen blieb ihm oft nur die Nacht. Er musste die Regeln von Paul C. Bragg in zwei weiteren Punkten vernachlässigen. Er fand nicht mehr ausreichend Zeit zu schlafen. Das Sport-Programm fiel ganz aus.
Ungefähr zu der Zeit, als Rami sich für das Studium der Gebäude -, Energie – und Informationstechnik an der Technischen Fachhochschule beworben hatte, war die Nachricht über die ungerechte Behandlung der Migrantenkinder bei der Bundesregierung angekommen. Sie beschlossen, die Sache zu ändern.
Das Gesetz trat im Januar 2008 in Kraft, kurz bevor Rami zu den ersten Prüfungen antreten musste. Die Hälfte der Prüfungen hatte er bereits nach hinten verlegen können. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Hoffnung, die Regelstudienzeit von drei Jahren einhalten zu können.
Doch Rami ist ein Optimist, jemand, der die Dinge heiter und positiv sieht. Er hat immer gewusst, dass es so ungerecht nicht zugehen darf, nicht hier in Berlin, wo er sich immer als Berliner gefühlt hat. Er wusste es vor dem Sachbearbeiter auf dem Bafög – Amt. Der schaute ihn verdutzt an und ließ sich die Neuigkeit von dem Student aus dem Internet fischen. Auf den Seiten seiner eigenen Behörde.
Mittlerweile hat Rami das Gesundheitsprogramm nach Bragg wieder aufgenommen. Er trinkt Pfefferminztee, schläft, joggt und lernt. Hin und wieder arbeitet er. Er arbeitet im Büro einer Agentur, die ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland vermittelt. Man schätzt dort seine Sprachkenntnisse.
Paul C. Bragg ist übrigens im Alter von ungefähr neunzig Jahren beim Windsurfen in Kalifornien verunglückt. Möglicherweise war er auch erst achtzig Jahre alt. Über sein wahres Alter wird spekuliert. Es heißt, er habe sein Geburtsjahr zugunsten seiner Theorie gefälscht.
„Man hat seine Organe untersucht und festgestellt, dass sie noch so gut in Schuss waren wie die eines Dreißigjährigen“, sagt Rami.
Rami hat Bragg auf russisch gelesen. Seine Mutter muss das Buch noch in der Sowjetunion erworben haben. Sie hat es mit nach Libyen und später nach Deutschland genommen. Es muss ihr also etwas bedeuten. Rami hat nie mit seiner Mutter über das Buch gesprochen. Seine Eltern haben andere Sorgen. Die Ausländerbehörde zweifelt daran, dass sie für den Lebensunterhalt der Familie sorgen können. Sie warten noch immer auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.
Rami glaubt, dass er jetzt eine bekommen wird. Eigentlich hätte er sie bereits am 1. Juli in Empfang nehmen können, doch wegen des Streiks im öffentlichen Dienst muss er sich noch ein paar Tage gedulden. Es steht außer Frage, dass er hier bleiben will. Er ist hier zu Hause. Sobald er die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat, wird er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Auch seine Eltern und seine Schwester werden das tun.
„Meine Schwester hat mehr Glück als ich“, sagt Rami. „Sie ist sechs Jahre jünger. Sie ist nur in Deutschland zur Schule gegangen und hat die Sprache von Anfang an gelernt. Sie wird ein sehr gutes Abi machen.“
Rami achtet darauf, dass seine sechzehnjährige Schwester Anna genügend schläft. Er schickt sie jeden Abend um 22 Uhr ins Bett. Schließlich soll auch sie einhundertzwanzig Jahre alt werden, denn allein macht das keinen Spaß.
Was er sich wünscht, jetzt, da er in der Lage ist, das Leben eines ganz normalen Studenten zu führen? Rami fällt lange nichts ein. „Mal wieder ins Theater. Oder essen gehen mit der ganzen Familie.“
Doch jetzt, vor den Prüfungen, spürt er, dass er noch immer an der Last des ersten Semesters trägt. Teilweise fehlt ihm Stoff aus der Zeit, als er einfach nicht zum Lernen kam. Zum Glück kann er einen Teil der Prüfungen nach den Semesterferien absolvieren.
„Ohne Bafög hätte ich das Studium wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt Rami. „Selbst wenn man sehr schlau ist und alles schnell lernt, man braucht die Zeit, um Zeichnungen anzufertigen und im Labor zu arbeiten.“
Viele Jugendliche aus Migranten-Haushalten, die in der Vergangenheit kein Bafög beantragen konnten, brachen ihr Studium irgendwann ab. Rami hat Glück gehabt. Aber das war knapp.
Berliner Notiz-Blog 7. Juli 2008
Der Mann, der Hitler den Kopf abriss, tat das nicht wegen einer Stammtischwette. Er tat es aus einem einzigen Grund: Weil er Hitler den Kopf abreißen wollte. Er musste zeigen, dass das schwarz-gelbe Absperrband, dass die Besucher im Berliner Wachsfigurenkabinett von Hitler trennte, eine Lüge ist. Die Lüge der Geschichte. Weil er mehr begriffen hat als die Geschichtsvermesser, die Epochen von hier nach dort spannen und mit schwarz-gelben Bändern voneinander trennen. Der Mann stand Hitler gegenüber. Direkt. Das Einzige, was er in dieser Situation tun konnte, war, Hitler den Kopf abzureißen und „Nie wieder Krieg!“ zu rufen. Das ist doch ganz normal. Oder? Was ist daran schlecht? Jeder hätte sich gewünscht, das zu tun, was er tat.
Er hat niemals mit Popcorn auf dem Schoß in „Der Untergang“ gesessen und danach darüber palavert, ob das ein guter oder schlechter Film ist und ob es eine gute Idee war, einen solchen Film zu machen und was es bedeutet, wenn Menschen solche Filme drehen. Er hat niemals die Augen verdreht: Schon wieder Hitler!
Ihm ist der kalte Schweiß ausgebrochen. Mit Geld hatte das nichts zu tun.
Woher ich das alles weiß? Keine Ahnung. Ich habe den Mann, der Hitler den Kopf abriss, nicht getroffen. Ich wünsche mir, dass es so war.
Es besteht kein Grund, Hitler wieder herzustellen. Man sollte ihn so lassen, wie er jetzt ist. Mit abben Kopf. Man könnte den Kopf auf seinen Schreibtisch legen. Oder auf den Fußboden. Man könnte auf ein kleines Schild den Namen des Mannes schreiben, der „Nie wieder Krieg!“ gerufen hat.
Berliner Notiz-Blog 30. Juni 2008
Ich bin umgezogen. Während des WM-Finale gestern Nacht sortierte ich meine Bücher in die Regale. Meine Regale sind im Laufe der Jahre zu klein geworden. Die Bücher müssen jetzt in doppelten Reihen stehen. In der letzten Wohnung hatte ziemliche Unordnung geherrscht. Unordnung in meinem Leben. Chaos in meinen Büchern. Einige von ihnen hatte ich vergessen und hieß sie wie alte Bekannte in meinem neuen, kleinen Universum willkommen.
Durch das Platanendach vor dem Fenster drang der Lärm der Spiels, der Chor der Zuschauer. Ich fühlte mich erschöpft. Um Kraft zu sammeln, sprach ich mich mit den Büchern. Ich machte denen Mut, die ständig zwischen den Etagen wandern mussten und ich schimpfte, wenn die vordere Reihe immer wieder umkippte.
Ich sagte mir die Namen laut auf, während ich sie ins Alphabet stellte – Aitmatow, Auster, Brett, Cocteau, Duras, Hein und Heym, Gavalda, die Manns, Marai, Nabokov – ich glich dem Sportreporter, der die Namen der Spieler nennt, die gerade am Ball sind – Salinger, Saint-Exupery, Schwarzer, Tschechow, Woolf, Wander, Yoshimoto, Zeh und Zinner – meine geliebte Nationalmannschaft!
Berliner Notiz-Blog 21. Juni 2008
Auch bei „Emil“ in der Schumannstraße läuft am Freitagabend das EM-Spiel Kroatien gegen Türkei. Drei Personen sitzen in dem kleinen Gastraum im Souterrain vor dem Flachbildschirm. Das Pärchen in der Ecke blickt wie abwesend auf das Spielfeld. Er streichelt ihre Seitenlinie in dem engen schwarzen T-Shirt auf und ab. Ein Student mit kariertem Hut blättert in einem Gedicht-Band.
Draußen reden Damen mittleren Alters in weiten Leinengewändern über das Theater, das eben aus ist. Die Schauspielerin Barbara Schnitzler radelt vorbei.
So steht es lange 0:0. Beim ersten Tor blickt der Student aus seinem Büchlein auf und ordert noch ein dunkles Bier.
Nach dem zweiten Tor des Abends gießt sich die Wirtin ein Glas Wein ein und folgt nun konzentriert dem Spiel.
Drei Männer kommen die Stufen in die Kneipe hinab. Eher zufällig sind sie in die letzten spannenden Minuten des Spiels geraten. Sie besetzen die Hocker an der Bar und spekulieren mit dem Wirt über das anstehende Elfmeter und mögliche Vorgänge draußen in der Stadt, wenn Deutschland im Halbfinale gegen die Türkei antreten sollte, Vorgänge, die an den ruhigen Hinterzimmern ihrer großzügig geschnittenen Wohnungen in den türkenfreien Straßen vorbei gehen werden.
Nach dem Sieg für die Türkei beginnt jenseits von Mitte das Feuerwerk. Man hört Hupen und Schreien aus der Albrechtstraße. Das Pärchen steht auf und zahlt. Der Student schiebt das Büchlein in die Außentasche eines altmodischen Koffers, zahlt und macht sich auf den Weg in ein Hostel.