Kultur der Mischung

Berliner Zeitung

Isabelle Bruniquet hat afrikanische, asiatische und europäische Wurzeln. Sie weiß nicht recht, wohin sie gehört

Wegen ihres Akzents glaubt man, sie sei Französin. Sie ist schlank. Sie hat hellgrüne Katzenaugen, rotes Haar und Sommersprossen.
Die Schwarzen im Lumumba, ihrem Lieblingsclub in der Karl-Marx-Allee, sagen: „Du bist doch eine von uns. Hast eben nur die falsche Hautfarbe.“

„Es ist mein Dilemma“, sagt Isabelle Bruniquet. „Ich weiß eigentlich selbst nicht, wer ich bin.“

Isabelle Bruniquet ist Kreolin. Vor 39 Jahren wurde sie auf Réunion geboren, einer Insel im Indischen Ozean, achthundert Kilometer östlich von Madagaskar. Ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern wurden ebenfalls auf Réunion geboren. Doch dann verlieren sich die Spuren der Familie auf drei Kontinenten, in Indien, Afrika und Europa.

Isabelle studierte in der Hauptstadt Saint-Denis französische Sprach – und Literaturwissenschaft. Sie liebt die französische Sprache und Literatur. Sie ist froh, dass Réunion politisch zu Europa gehört. Sonst hätte sie, die Tochter einfacher Leute, kaum die Chance zu studieren gehabt.

Sie war noch Studentin, als sie ein interessantes Angebot aus Deutschland bekam. An der Universität Bamberg arbeiteten Sprachwissenschaftler an der Erforschung der Kreolischen Sprachen. Sie erstellten ein Etymologisches Wörterbuch. Und Isabelle sollte dabei sein.

Das ist ihre Chance, die kleine Insel, um die man im Auto in drei, vier Stunden herum fährt, zu verlassen. Sie weiß schon lange, dass sie hier weg möchte, raus in die Welt, zu den Wurzeln ihrer Familie, ihrer Sprache.

Bamberg erschien ihr engherzig und kühl. Aber immerhin verliebte sie sich. In Bamberg kam ihr Sohn Lucien zur Welt. Nach zwei Jahren wurde ihr die Luft in der fränkischen Stadt zu knapp. Mit Mann und ihrem Sohn ging sie nach Berlin und fand Arbeit als Französisch-Lehrerin in einer privaten Sprachschule.

Einmal saß ihr einer ihrer Schüler auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn gegenüber. „Plötzlich sagte er: ‚Ich wusste es! Sie haben afrikanische Füße. Sie kommen aus Afrika’.“

Ein paar Wochen später blätterte die Französischlehrerin im Wartezimmer in einer Zeitschrift und las, dass Anthropologen nach der Länge des zweiten Zehs in griechische und ägyptische Füße unterscheiden.

Isabelle Bruniquet ärgert sich, dass körperliche Nebensächlichkeiten wie Zehenlängen und Hautfarben in Europa ein Thema sind.

Natürlich unterscheidet man auch auf Réunion die Cafres, die Nachkommen der Afrikaner von den Zarabes, den hellhäutigen Indern aus dem Norden und den dunkleren aus dem Süden, den Malbars. Man nennt die Nachkommen der armen Europäer P’tit blancs und die Kinder der Reichen Grand blancs, man spricht von den chinesischen yabs und den französischen Z’oreilles. Wessen Herkunft nicht mehr klar erkennbar ist, der gehört zu den Créoles. Wie Isabelle. Und niemand macht eine große Geschichte daraus, dass sie ein bisschen heller ist und trotz ihrer roten Haare richtig braun wird im Sommer. Was Haut, Haare und Augen angeht, ist auf Réunion, der Name bedeutet Versammlung oder Zusammenkunft, alles möglich.

Bis ins 18. Jahrhundert lebte kein Mensch auf der Insel. Dann kamen gleichzeitig Europäer, Asiaten, Afrikaner, die einen als Plantagenbesitzer, die anderen als ihre Sklaven und Bediensteten.

„Es ist nicht so, dass aus der Mischung eine neue Identität entsteht“, widerspricht Isabelle Bruniquet dem Kulturtheoretiker Edouard Glissant, als er im Französischen Kulturzentrum in Berlin zu Gast ist. Glissant hat eine Vision von der „Kreolisierung“ der Welt, die Theorie, dass sich die Kulturen im Zuge der Globalisierung so weit miteinander vermischen, dass die Identität der Menschen nicht länger aus tief verwurzelten Traditionen und Gebietsansprüchen genährt wird, sondern aus dem Geflecht der Begegnungen und Mischungen. Glissant glaubt, dass daraus neue kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten entstehen. Dabei kritisiert er den „Kulturimperialismus“ der Kolonisatoren.
Isabelle sieht die Kolonialmacht Frankreich ambivalent. „Jeder auf Réunion ist froh über das Gesundheits – und Bildungswesen. Ich liebe die französische Kultur. Aber bin ich eine Französin? Nein. Obwohl ich in Berlin fühle, wie französisch ich bin.“

„Nimm dir von allem das Beste“, rät ihr Glissant, doch die rothaarige, weiße Kreolin findet darin keine Antwort. „Das beendet doch nicht diese Quälerei“, sagt sie.

Die Quälerei fing schon in ihrer Kindheit an. Obwohl in ihrem Elternhaus Kreolisch gesprochen wird, verbietet die Mutter Isabelle, draußen, auf der Straße oder in der Schule kreolisch zu sprechen, nicht, weil der Einwanderer-Mix, für den es keine einheitliche Schrift gibt, als offizielle Sprache verboten ist, sondern weil sie sich dafür schämt. „Wer kreolisch spricht, ist ein Depp“, sagt die Mutter. Kreolisch ist nicht die Sprache der Gebildeten. Ende der Siebzigerjahre existiert noch keine kreolische Literatur. Auf kreolisch werden Märchen von Generation zu Generation weiter gegeben. Es ist die Sprache der Sänger und der einfachen Leute, der Arbeiter, der Bauern. Als Isabelle zur Schule geht, publiziert lediglich die kommunistische Zeitung der Insel Artikel auf kreolisch. In den Siebzigerjahren kämpfen einige Intellektuelle dafür, dass die Sprache eine einheitliche Schrift bekommt, die sich möglichst von Französisch unterscheiden sollte. Sie gelten als radikal.

„Es ist meine Sprache“, sagt Isabelle. „Und es waren die Franzosen, die diese Sprache unterdrückt haben.“

Ihre Eltern verstehen bis heute nicht, dass sie sich ernsthaft mit ihrer Muttersprache auseinandersetzt, sie erforscht und sogar an einem Wörterbuch mitgearbeitet hat.

In der Berliner Wohnung von Isabelle stehen Regale voller französischer Literatur, zwischendrin Skulpturen und Instrumente aus Afrika. Sie lernt jetzt afrikanisch trommeln und tanzen. Sie hat sich auf die Suche nach Leuten von Réunion gemacht und tatsächlich einige gefunden. In Berlin sind sie zu dritt, es gibt noch jemanden in Dresden und mehrere im Rheinland. Sie haben den Verein „Reunion der Kulturen“ gegründet, den Verein zur Förderung der Kultur Réunions e.V.

In einer Ecke ihres Zimmers hat sie die Fotos ihrer Familie aufgehängt. Ihr sehr weißer Sohn Lucien neben dem dunklen Großvater. Die indische Urgroßmutter im Kreis ihrer Kinder.

„Auf Réunion“, sagt sie, „lebt man mehr in der Gemeinschaft. Wir lernen von klein auf, die Tabus der anderen zu respektieren. Es gibt jede Religion und eine Menge Aberglauben. Die Kirchen läuten, die Muezine rufen von den Moscheen. Und niemand beschwert sich, wenn er wegen einer religiösen Prozession im Stau steht. Wenn ich früher zu meiner Großmutter gegangen bin, habe ich darauf verzichtet, einen Ledergürtel zu tragen, weil es ihre religiösen Gefühle verletzt hätte. Sie glaubte, dass Kühe heilige Tiere sind.“

Es sieht aus wie ein kleiner Altar für ihre Ahnen, ein Ort der Sehnsucht. Vielleicht brechen Menschen auf und begeben sich an andere Orte, damit ihre Sehnsucht Namen bekommt. Die Namen der verlassenen Orte. Die Namen der Menschen auf den Fotos und den Gräbern.
In den Forts von Senegal, Ghana, Benin und Mosambik, an den Orten, an denen die Gefangenen Afrikas auf Schiffe verladen wurden, endet ihre Identität im Nichts.

Isabelle war erst einmal in Afrika. In Burkina Faso, der Heimat ihres Freundes. „Sie haben mich dort wie eine Einheimische behandelt“, erzählt sie. „Nicht wie eine französische Touristin. Niemand hat versucht, mich übers Ohr zu hauen.“ Sie spricht von der Solidarität der Afrikaner, dem Familiensinn, der ihr näher ist, als die zentrifugalen Ego-Kräfte Europas. Sie denkt, dass sie eher nach Afrika gehört als nach Europa.

Sie möchte dorthin zurück, die sogenannte Sklavenroute abfahren. Sie weiß, dass es unmöglich ist, die Wege der Sklaven nach Réunion nachzuvollziehen, aber sie hat in Erfahrung gebracht, auf welchen Wegen die Bevölkerung verschachert wurde, dass auch Schwarze Schwarze verkauften, die Stärkeren die Schwächeren. Sie hat gehört, dass es eine Route über Südafrika an die Ostküste gab, dass viele der Sklaven auch aus dem Landesinneren kamen, nur weiß keiner, aus welchen Ländern. In Burkina Faso hat sie Leute aus dem Tschad getroffen und Worte aus dem Kreolisch ihrer Heimat aufgespürt, mit derselben Bedeutung. Das ist noch kein Beweis. Es ist nur ein Gefühl, dass ihre Vorfahren möglicherweise von dort…?

„Aber solange ich auch suche“, sagt sie. „Ich werde es nie wissen.“

Berliner Notiz-Blog 13. Mai 2008

Ein Buddha aus hellem Sandstein tritt aus dem Dunkel des Raumes. Das ist kein industrieller Mode-Buddha, wie sie in Jeans – und Pulloverläden in den Auslagen stehen. Dieser stammt aus der Stille eines Tempels. Wenn ich abends an der geschlossenen Galerie vorüber gehe, tönt die Stille in meine Gedanken. Ich bleibe dann stehen und werfe einen Blick an dem Buddha vorbei ins Fenster. Ich muss den Blick an der Scheibe abschirmen, um drinnen etwas zu erkennen. Teppiche von magischer Schönheit hängen an den rohen, unverputzten Wänden. Auf den zerkratzten Dielen liegen Rollen, Bündel, wie hingeworfen. Einige sind zerlöchert. Andere existieren nur noch als Fragment. Aber gerade diese zerrissenen, durchlöcherten Reste sind ergreifend. Als habe man die geretteten Teile uralter, geheimnisvoller Schriftrollen vor sich.

Eines Tages brennt drinnen Licht. Bambusröhren klappern an der Klinke. Auf der Galerie erscheint ein drahtiger Mann, die dunklen Haare zu einem Zopf gebunden. Pascal Michaud studierte Sinologie. China hatte Anfang der Neunzigerjahre gerade begonnen, sich dem Westen zu öffnen, als er seine ersten Teppiche auf Flohmärkten und in alten Bauernhäusern im tibetischen Hochland fand und zu sammeln begann.

Er spricht von den Überlieferungen der Teppiche. Die Weberinnen erzählten Faden für Faden, Zeile für Zeile ihren Alltag, ihre Märchen und Sagen und ihren Glauben.

Viele Bücher wurden seither mit den Deutungen der Teppichmuster gefüllt. Pascal Michaud hat sie gelesen und weiß, dass jeder Experte seine eigene Deutung hat. Die Diskussionen darüber ermüden ihn, genauso wie die Händler, die das Charisma der Teppiche nicht sehen, aber viel Geld damit machen wollen. Es ist schwer geworden, noch alte Teppiche zu finden. Das Geschäft mit alter Handwerkskunst blüht.

Die Teppich-Wollen wurden mit reinen Naturfarben gefärbt. Keine Farbcharge glich der anderen, so sehr sich die Färber damals auch darum bemühten. Aber gerade die winzigen Nuancierungen begründen ihre lebendige Ausstrahlung. Im vermeintlich Unvollkommenen liegt das Geheimnis ihrer Schönheit.

Nachsatz 2010: Wenige Monate, nachdem ich Pascal Michaud besucht habe, wich seine Galerie einem Modegeschäft. Wo die Teppiche ausgestellt waren, hängen jetzt ein paar Hosen und Blusen an Fleischerhaken. Das Scheunenviertel entwickelte sich in den letzten zehn Jahren zu einer der beliebtesten Gegenden Berlins. Edel-Läden und kleine, teure Bistros bestimmen mehr und mehr das Bild der engen Straßen, in denen einst die ärmsten Menschen der Stadt ums Überleben kämpften, nicht immer auf legale Weise. Beinahe jedes freie Grundstück wurde mit Wohnhäusern bebaut, in denen teure Lofts zum Verkauf stehen. Internationale Konzerne mit Marken wie Adidas, Boss oder Lacoste verdrängten kleine, individuelle Händler wie Michaud, um an diesem Standort mit einer Filiale präsent zu sein.

Treibstoff der Poesie

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Keine Kalorien-Tabelle verrät, wie viel Energie beim Bücherschreiben verbraucht wird. Ernährungsexperten fächern das Spektrum der menschlichen Tätigkeiten in unterschiedlich anstrengende Beschäftigungen wie Fitnesstraining, Autofahren, Hundeausführen und Fernsehen. Die Poesie kommt darin nicht vor.
Der Schriftsteller sitzt am Schreibtisch. Das sieht leicht aus. Von außen wirkt er relativ unbewegt, und solange man ihn nicht anspricht, sogar entspannt.
Er wirkt, als lebte er von Luft und Duft und gelegentlich einer Handvoll Haselnüssen. Die Künstler selbst tun wenig, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.
Keiner spricht über die Mühen. Eher lakonisch lassen die Dichter die Schwierigkeiten mit den Worten anklingen. Man ahnt den Ringkampf mit der Sprache. Dass er sie häufig vom Monitor weg, in die Defensive in Richtung Küche treibt, dieses Detail des künstlerischen Prozesses halten sie nicht der Rede wert. Eine Nachfrage offenbart pikante Gewohnheiten.
Die Literaturübersetzerin Elina Kritzokat gesteht, dass manche Schreibunterfangen so bedrohlich scheinen, dass sie sich mit einem extra vollen Magen dafür präpariert. »Man lernt ja schon als Baby, dass Sicherheit sich durch Essen einstellt.«
Es kann nicht verkehrt sein, sich derart zu bevorraten, denn immerhin verschlingt der Kopf zwanzig Prozent unseres gesamten Energiebedarfes. Wissenschaftler behaupten zwar, es spiele dabei keine Rolle, ob jemand viel oder wenig denkt. Dichten würde demnach nicht mehr Energie verbrauchen als Briefesortieren.
Dem widersprechen Berichte wie die von Jens Sparschuh. Er sagt: » Das Schreiben macht mich sehr hungrig, mehr als Gartenarbeit.« Vermutlich haben die Wissenschaftler bei ihren Berechnungen die Kunst außen vor gelassen. Kunst lässt sich eben nicht in Kalorien umrechnen. Es ist bekannt, dass kreative Denkprozesse ziemlich viel Dampf im Kopf erzeugen. Doch woher kommt diese Energie?
Jenny Erpenbeck schleicht hin und wieder zu ihrem geheimen Vorrat an Salzlakritz und quitschsauren Gummis. Tamara Bach zerfetzte ihre Lippen mit Salt & Vinegar-Chips, während sie ihre mehrfach preisgekrönten Jugendromane »Marsmädchen« und »Jetzt ist hier« schrieb. Sogar Richard Wagner, der ein äußerst ambivalentes Verhältnis zur Küche hat, sucht diese gelegentlich am Vormittag auf, um sich einige Röllchen einer deftigen italienischen Salami abzuschneiden, wenn er mal nicht weiter weiß.
Poeten brauchen offenbar starke Geschmacksreize. Wie sollten sie auch Werke komprimierten Lebens schaffen, wenn sie sich von blassen Flocken oder Blättern ernährten? Jenny Erpenbeck drückt es so aus: »Manchmal braucht man etwas Physisches, damit die Gedanken kein Übergewicht bekommen.«
Süße, Säure, der Geschmackskick eben, hilft offenbar, die Kopflast auszutarieren, die kreative Lust zu zügeln.
Für die Literatur zerstören die Autoren ihre Zähne, ihre Haut, den Magen und die Arterien. Vielleicht spielte Peter Rühmkorf auf diese Diskrepanz zwischen Kunst und Gesundheit an, als er sagte: »Wer sich nicht ruiniert, aus dem wird nichts.«

Tanja Dückers bekennt sich öffentlich als Schokoholic. »Schokolade erdet mich«, sagt sie. »Sie verhindert, dass der Geist beim Schreiben völlig in luftige Höhen abdriftet.«
Tanja Dückers macht hedonistischen Shopping-Touren durch die süßesten Läden Berlins und lässt ihre Schokoladentafeln offen auf dem Schreibtisch liegen, mindestens zwei, bevorzugt helle Bitter oder satte Vollmilch, fair gehandelt und beim Fachhändler erworben. Ausführlich informiert sie sich über neue Sorten mit gewagten Gewürzkombinationen und probiert sie alle aus. Dückers genießt und steht dazu. Wenn sie gerade keine Schokolade isst, denkt sie über Schokolade nach. Sie beschäftigt sich mit Sorten, Lagen und Ernten, mit der wirtschaftlichen Situation der Anbauländer und der sozialen Lage der Kakaobauern. Sie studiert Rezepte und Trends und verfolgt den Streit um die Prozentpunkte, ab wann sich eine Schokolade bitter oder halbbitter nennen darf.
Die New Yorker Autorin Lily Brett hat allen Treibstoffen der Künstler abgeschworen und komprimiert den Verzicht auf Zucker, Schmalz, Alkohol und Nikotin, indem sie sich exzessiv mit ihren Ess-Störungen auseinandersetzt. Sie ist das prominenteste Beispiel der neurotischen »hypermodernen Esser«. Lily Brett isst niemals nur des Genusses wegen, sondern um sich mit Mineral –und Ballaststoffen, Vitaminen, Polyphenolen, Omega-3-Fettsäuren und ausreichend Flüssigkeit auszustatten.
Was ist es, das uns im Innersten zusammenhält, im Magen, dem die traditionelle chinesische Medizin das Element Erde und den süßen Geschmack spätsommerlicher Ernten zuordnet? Keine Berufsgruppe scheint so anfällig für Extremernährung wie die der Künstler.
Die junge Autorin Tamara Bach pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrer Küche. Noch. Sie schreibt, raucht, isst und rockt darinnen. Gelegentlich wirft sie dabei Vasen und Teetassen um. Macht ja nichts. Den Laptop hängt sie anschließend zum Trocknen über den Herd.
Doch je reifer die Dichter, desto disziplinierter und bewusster wird ihr Umgang mit den Gefahrenklassen. Sie schätzen deren inspirierende Wirkung hoch und lassen sich nur noch selten vom Mangel an einem Wort willenlos in Richtung Keksdose treiben. Selbst Tanja Dückers beschränkt den Schokoladenkonsum inzwischen auf maximal eine halbe Tafel pro Tag.
Auch Richard Wagner mag neben den erwähnten Salamihäppchen zwischendurch mal ein Stück gute Schokolade mit hohem Kakaoanteil. »Das regt an und belebt. Schreiben ist ja auch eine sinnliche Erfahrung. Das ist aber auch das Einzige, was ich in der Küche mache. Denn ich koche nie.« Das hängt mit seiner persönlichen Geschichte zusammen. Er stammt aus Rumänien, 1987 kam er in die Bundesrepublik. »Anfang der Achtzigerjahre gab es in Rumänien wenig zu essen. In den Restaurants wurde kaum etwas angeboten. Ich musste jeden Tag selber kochen. Das war aufwändig. Als ich nach Deutschland ausgereist bin, habe ich mir geschworen, nie wieder zu kochen.« Heute isst er jeden Tag um die gleiche Zeit in dem kleinen italienischen Bistro in seiner Straße. Nach der Arbeit am Schreibtisch taucht er mit Bauarbeitern, Handwerkern und Angestellten in den Lärm der Straße, schaut den Köchen zu, wie sie Teig kneten und wenden und werfen und blitzschnell belegen. Er wählt sorgfältig aus und lässt sich Zeit für seine Mahlzeit.
Jens Sparschuh schlendert gern abends über den Wochenmarkt. Er betrachtet das Gemüse, prüft es, entwirft ein Abendessen für die Familie. Er passt das Ritual des Essens dem Kreislauf der Natur an und kauft nur saisonales Gemüse. In der Küche, am Herd oder in der Nähe eines Steinofens findet der Dichter die Verbindlichkeit wieder, die sein vagabundierender Geist während der Arbeit aufgibt. »Es ist ja gar nicht wahr, dass wir freien Künstler so frei sind«, sagt Jens Sparschuh. »Da drücken Termine. Du musst heute dahin und morgen dorthin.« Er hat nicht etwa eine Abneigung gegen Ortswechsel an sich. Im Gegenteil. Wie die meisten Schriftsteller empfindet er das Reisen als anregend.
In jedem Fall unterbrechen sie die Rituale des Essens. Wieder muss sich der Dichter dem Frühstücksbuffet in einem Hotel ausliefern, den immer gleichen gummiartigen Käse – und fettigen Wurstsorten, überzuckerten Cornflakes, zerkochten Kompotten und Billigmarmeladen. Wieder bekommt er nach den Lesungen und am Rand der Empfänge nur miese Salzbrezeln zu knabbern und dazu billigen Sekt, selbst, wenn der Bürgermeister spricht. Lesereisen sind meist eine kulinarische Tortur. Der Schriftsteller denkt an den Kräuterquark zu Hause im Kühlschrank, an die Bio-Kartoffeln, die er in der Schale röstet. Er sehnt sich nach einer Gemüsesuppe. Es geht ihm wie schon seinem Kollegen Oscar Wilde vor hundert Jahren: »Ich schwärme für die einfachen Genüsse. Sie sind die letzte Zuflucht der Komplizierten.«
Lily Brett hätte eine Lesereise durch Europa beinahe abbrechen müssen, weil ihre Portionen, die sie von zu Hause voraus geschickt hatte, im falschen Hotel angekommen waren. Tanja Dückers litt auf ihren Studienfahrten durch die osteuropäischen Länder unter dem Mangel an guter Schokolade, bis sie doch noch einige schmackhafte Sorten entdeckte: Polnische Kastanienschokolade und rumänische Karamellpralinen.
Thomas Brussig mag vor allem die italienische Küche. »Ich habe noch nie jemanden mit so viel Genuss essen sehen wie ihn«, erzählt seine Assistentin Kathrin Thienel. »Es ist unbeschreiblich. Seine Augen leuchten. Er sieht so glücklich aus.« Thomas Brussig wollte das Thema nicht selbst besprechen. Also ließ er seine Assistentin von seinen Kochkünsten schwärmen. »Nirgendwo habe ich so einen guten Latte Macchiato getrunken und das will etwas heißen. Ich habe immerhin 18 Jahre lang in Italien gelebt“, erzählt Kathrin Thienel.
Jeden Nachmittag bereite er ihn zu. »Dazu gibt es eine Süßigkeit, ein Stück Kuchen. Zum Arbeiten trinkt er aber lieber Eistee, den er selbst aus grünem Tee, Zitrone und Süßstoff zubereitet.« Zu seinen Ritualen gehört auch die Fastenzeit im Februar. »Da isst er einen ganzen Monat lang nichts. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es gesund ist.« Auch wenn er hungert, arbeitet er weiter. » Er hält sogar Lesungen. Man merkt ihm nichts an. Er ist äußerst diszipliniert. Lediglich seine Stimme wird etwas schwächer. In dieser Zeit stellt er sich vor, wie es sein wird, wieder zu essen und zu kochen. Er liest Rezepte und Speisekarten dann wie einen Roman.«

Berliner Notiz-Blog 18. April 2008

Die zwei Damen im Bus nach der Heerstraße stecken die Köpfe zusammen. Sie tragen helle Mäntel und Hüte. Der Bus ist voll. Sie stehen am Fenster. Sie halten sich mühsam fest. Sie reden über Kleider, die sie in den Läden in der Wilmersdorfer probiert haben.

Auf der anderen Straßenseite ziehen die Plakate für und gegen den Erhalt des Flughafens Tempelhof vorüber. Ein Plakat der Flughafen-Gegner zeigt eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm.

„Det is doch jar keene Deutsche. Det is doch eindeutig ne Ausländerin. Wat hat die denn mit Tempelhof zu tun?“ Die andere nickt zustimmend. Sie schauen der jungen Frau auf dem Bild schweigend nach, während der Bus weiter die Neue Kant hoch zieht.

Megaher(t)z

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Brauchen Verliebte nur Gedanken-Frequenzen, um sich zu verstehen? Sind sie stärker als jedes Mobilfunknetz? Wird der Empfang klarer, je leidenschaftlicher die Beziehung ist? Und was passiert eigentlich, wenn der Empfang ausbleibt?

Erste Wolken fetzen an den Scheiben der Boeing vorüber. Wie ein Netz aus Lichtgirlanden liegt die Stadt am Boden ausgebreitet. Auf einer der schnurdünnen Landstraßen da unten fährt ein Mann zurück zu seiner Familie. In den Nächten hat er seine Arme und Beine wie eine Klammer um mich gelegt. „Ich laufe nicht weg. Keine Angst“, habe ich ihm in der Dunkelheit zugeflüstert. „Du wirst mich nie wieder los.“

Auf dem Flughafen, eine Stunde vor unserem Abschied, hat er gesagt, dass er seine Familie nicht verlassen wird. Er sah an mir vorbei zu den Terminals. Er schob mich zum Check-In. „Wegen der Kinder. Ich bringe es nicht übers Herz.“ In diesem Moment sehnte ich mich nach Sebastian. Ich wünschte, er trete geschminkt und kostümiert hinter einer Säule hervor, zaubere eine winzige Flöte aus dem Ärmel und tiriliere, bis die Kinder ihm nachlaufen oder trommele, dass dem Familienmann die Ohren platzen oder puste wie im Zirkus den Weltenschmerz aus seiner Tuba, dass er weit weg fliegt, bis unter die Kuppel und durch das kleine Loch hinaus noch höher, bis jenseits der Stratosphäre, wo niemand ihn mehr findet.

Seit Tagen habe ich nichts von Sebastian gehört. Er ist wieder auf Tournee, aber wo, das habe ich vergessen. Während des Steigflugs ist das Telefonieren verboten. In solchen Situationen helfen gedachte Frequenzen. Zwischen Verliebten schwingen sie ungestört, weil Verliebte immer aneinander denken. Gedanken-Frequenzen sind stärker als jedes Funknetz. Sie reichen über Ozeane und Gebirge hinweg. Je leidenschaftlicher die Beziehung, desto klarer der Empfang. Gedanken-Frequenzen bleiben immer geschaltet, sogar in der Oper und unter Wasser. Diese Woche mit dir war einfach…vollkommen, denke ich an den Familienmann auf der Straße. Vollkommen…das Wort ist zu wuchtig, es übersteigt das zulässige Handgepäck, aber mir fällt kein leichteres ein. Der Sternenhimmel vor dem Schlafzimmerfenster, die Skiausrüstung, die du besorgt hast, die Abende in der Sauna und danach nackt im Schnee…niemals ein Anruf, der störte. Perfekt organisiert… Ich habe nachgedacht. Das mit deiner Familie gefällt mir. Es passt zu dir. Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann.

Über unsere Frequenz empfange ich sein Lächeln. Er findet das Wort vollkommen angemessen. Er mag gewichtige Worte. Das habe ich gern für dich getan, Darling. Die Frequenz zwischen Sebastian und mir schwingt nicht mehr. Wenn wir auf unseren Reisen aneinander denken, dann nur, weil wir besorgt sind, dass zu Hause etwas nicht läuft.

„Hast du die Zeitung für nächste Woche abbestellt?“

„Ist Post für mich gekommen?“

„Und vergiss nicht, die Bäume zu gießen.“

Früher hätte Sebastian meinen ersten harmlosen Flirt mit dem Mann in Amerika sofort bemerkt. Selbst über den Ozean hinweg. „Du lachst eine Oktave höher. Was ist passiert?“

Die Maschine trägt schwer an den Passagieren, am Gewicht ihrer Lebensgeschichten. In dieser Höhe schwirrt die Luft von gedachten Frequenzen. Die Stadt ist unter den Wolken verschwunden. Bald beruhigen sich die Motoren. Wir sind oben. Ich taste mich auf Strümpfen durch die Reihen dösender Passagiere und hole abwechselnd Kaffee und Wasser. Schlafen kann ich nicht.

Am nächsten Morgen betrete ich eine geputzte, verlassene Wohnung. Ich gebe meinem Koffer einen Tritt. Er ist eh schon an einigen Stellen kaputt. Sebastian hat ihn mir geschenkt, als das mit den vielen Reisen anfing. Er hat mir damals Mut gemacht, mit sound bizarre zu arbeiten, einem weltweiten Netzwerk von Musikern. Wir komponieren und produzieren Filmmusik. Ungefähr in diese Zeit fiel sein Durchbruch als Musical-Clown. Seitdem erhält er Einladungen aus der ganzen Welt. Ich falle auf das Futon, noch in Mantel und Schuhen. Ich falle wie eine Statue vom Sockel und bleibe da liegen. Ich fühle mich von der Reise über den Ozean seltsam gedehnt. Als wäre mein Kopf noch in Amerika, während meine Füße hier in Europa auf dem Bett liegen.

Der Mann in Amerika schläft noch. Er lebt mit seiner Familie in einem Holzhaus an einem Flussufer. Auf dem Weg zum Flughafen hat er einen Umweg gemacht. Er ist langsam an seinem Haus vorbei gefahren. Wie ein Scherenschnitt stand es vor dem leuchtenden Abendhimmel. „Hast du keine Angst, dass uns jemand sieht?“ Er antwortete nicht. Er blickte an mir vorbei nach draußen. Er bediente sich meiner Augen, um das Haus, den Garten mit Pool und den Zweitwagen vor der Garage ein weiteres Mal in Besitz zu nehmen. Eine kleine Affäre würde seine Existenz nicht gefährden.

Ich rappele mich mühsam vom Futon wieder hoch. Mir ist schwindlig. Ich wanke zu den Bäumen, befühle die Erde. Sie ist noch feucht. Es kann nicht lange her sein, dass Sebastian weg gefahren ist. Gegen Mittag ruft der Mann aus Amerika an. Er klingt ausgeschlafen. „Wie geht’s dir? Wie war dein Flug?“

„Du fehlst mir. Ich möchte zurück“, sage ich.

„Wir werden das bald wieder machen,“ tröstet er mich.

Ich habe ihm nicht von Sebastian erzählt. Ich frage mich, wie Sebastian reagieren würde, wenn er von dem Mann in Amerika erfahren würde. Ich hatte noch nie ein Geheimnis vor Sebastian. Seit zehn Jahren nicht, seit jenem Tag im Dezember, als er sich in einem Klaviergeschäft mir gegenüber an den Flügel setzte und in meine Ballade von Chopin einsetzte. Jedes Jahr am gleichen Tag besuchen wir wieder dieses Klaviergeschäft, in dem wir uns begegnet sind. Ich denke noch an Sebastian. Aber es ist Routine und Routine reicht bei weitem nicht aus, eine Frequenz am Leben zu halten.

In der Nacht rufe ich Sebastian an. Er ist in seinem Hotelzimmer vor dem Fernseher eingeschlafen. „Was ist los?“

„Hast du heute an mich gedacht?“, frage ich.

„Ist etwas passiert?“

„Nein.“

„Keine Post?“

„Auch kein Fax.“

„Ich bin müde“, sagt Sebastian.

„Danke, dass du die Bäume gegossen hast.“

„Langsam wächst alles zu. Und überall sitzen Spinnen.“

„Stören dich die Spinnen?“

Sebastian macht ein unentschiedenes Geräusch.

„Ich bin heute aus Amerika zurück gekommen.“

„Stimmt. Hatte ich schon vergessen. Entschuldige.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wo du gerade spielst.“

„Poznan.“

Als er einige Tage später nach Hause kommt, erzähle ich ihm von dem Mann in Amerika. Sebastian stürzt einen Whisky hinunter und gleich darauf einen zweiten. Er läuft in der Wohnung auf und ab. „Ich bin nicht verliebt. Wir werden uns auch nicht wiedersehen,“ sage ich. „Ich wollte dich nicht verletzen… aber diese Ödnis zwischen uns wird langsam unerträglich. Findest du nicht?“

Sebastian schnappt sein Saxophon und verschwindet. „Warte!“ Seine Schritte hallen im Treppenhaus. Dann klappt die Tür. Plötzlich steht alles auf der Kippe. Ich suche überall nach Zigaretten. Ich habe schon lange nicht mehr geraucht.Steh dazu! Du kommst durch! Keine Angst! Besser, wir beenden es jetzt als nie! Es wird uns einen Kreativ-Schub geben. Das steht doch in jedem Ratgeber. Loslassen! Erst hinterher wird uns klar sein, wie gut es war, so zu entscheiden. Ich wühle meine alten Handtaschen aus dem Schrank. Vergeblich. Keine Zigarette.

Ich rufe Sebastian an. Sein Telefon ist ausgeschaltet. Ich rufe seinen besten Freund an. Er ist nicht dort. Nachts liege ich wach. Basti, hörst du mich? Komm zurück. Ich möchte dich noch einmal lieben…Wir sollten nicht so auseinander gehen. Lass uns Freunde bleiben. Hörst du? Basti? Ich war niemals unehrlich zu dir. Ich wollte auch jetzt nicht unehrlich sein, mein liebster Freund. Eine erkaltete Liebe ist…man muss dazu stehen, dass es vorbei ist.

Es ist unheimlich, auf einer toten Frequenz zu senden…Hörst du mich? Basti? Wenn wir auseinander gehen, dann nicht wegen dem Mann in Amerika, sondern weil wir uns auseinander gelebt haben in den letzten zwei Jahren auf all diesen verflixten Reisen.

„Denkst du an mich?“, frage ich den Mann in Amerika am nächsten Tag.

„Immer, Liebling.“

Ich könnte nach Amerika gehen und in seiner Nähe leben. Eine Zeitlang jedenfalls. Für einen Neuanfang wäre es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen. „Du bist jederzeit willkommen“, sagt er. Es klingt wie an einer Hotel-Rezeption.

Nach zwei Tagen ruft Sebastian an. Er möchte mich an einem neutralen Ort treffen. „In unserem Café, du weißt schon, wo es die Stufen rauf geht.“ Es ist eigentlich kein Café, sondern ein winziges Bistro mit zwei Tischen und schmalen ledergepolsterten Leisten an der Wand, auf denen man seinen Po abstützen kann. Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht haben Sebastian und ich dort gefrühstückt und seitdem immer mal wieder. Das Bistro ist geschlossen. Auf einem Schild an der Tür verabschieden sich die Inhaber von ihren Gästen und danken für ihre Treue. Ich setze mich auf die Stufen und warte. Endlich kommt Sebastian. Er sieht blass aus.

„Mit diesen vielen Reisen muss Schluss sein“, sagt er. Seine Stimme klingt erschöpft. „Ich möchte eine eigene Bühne gründen. Auf dem Land. Ich weiß nicht, ob du die richtige Frau dafür bist.“

„Du wirst jemanden finden“, sage ich.

„Es läuft gerade so gut bei dir. Du solltest das weitermachen“, sagt er.

„Das werde ich auch.“

Wir laufen die Straße hinab, essen in einem indischen Restaurant und gehen nach Hause.In der Nacht streichelt Sebastian die Seitenlinie meines Körpers, fahrig, auf und ab, wie er manchmal durch die Wohnung läuft. Mein Kopf liegt wie immer in der Mulde unter seiner Schulter. Es ist mein Platz. Ich habe ihn geformt. Er wird Sebastian für immer an mich erinnern.

„Kennst du eine Frau für dein Bühnenprojekt?“ Sebastian schüttelt den Kopf.Er rollt mich auf die Seite, wie er es immer tut. Er beißt mich in den Nacken, wie ich es liebe. Dann flüstert er meinen Namen. In voller Länge. Ohne Schnörkel hinten dran.

„Hast du eben meinen Namen gesagt?“

„Ja.“

„Du hast meinen Namen noch nie so zärtlich gesagt.“

„Ach komm…“

„Du hast mich im Bett immer bei diesen international üblichen Kosenamen genannt.“

„Ist das wahr?“

„Ich habe mir immer gewünscht, dass du beim Sex meinen Namen sagst.“

„Du hättest doch nur sagen brauchen, dass du drauf stehst.“

„So etwas spricht man nicht aus. Es muss sich übertragen. Ohne Worte.“

Sebastian flüstert wieder und wieder meinen Namen. Er dehnt und haucht und stottert ihn. Er schluchzt meinen Namen. Er atmet ihn. Ich liege wach und blicke zur Decke, während er längst schläft. Sein Kopf ruht wie üblich in der Mulde neben meinem Hüftknochen. Immer wieder höre ich, wie Sebastian meinen Namen sagt. Vom Urknall unserer Verliebtheit hat er meinen Wunsch erst jetzt empfangen. Auf einer langwelligen, unbekannten Frequenz.

„Ab dem 10. Dezember habe ich eine Woche frei“, sagt der Mann in Amerika. „Kommst du, Darling?“ Der 11. Dezember ist Sebastians und mein Tag. Das erste Mal seit neun Jahren würde ich nicht mit ihm in den Klavierladen gehen. Es ist gut, Rituale aufzubrechen.

„Hast du jemals meinen Namen…Ich meine, weißt du eigentlich, wie ich heiße?“

„Natürlich. Du heißt Simone. Ein wunderschöner Name.“

„Hast du schon einmal eine Frau mit diesem Namen geliebt?“

„Nein.“

„Seltsam nicht? Ein Name ist banal und gleichzeitig einzigartig. Wie das Leben gleichzeitig beides ist.“

„Wirst du kommen, Liebling?“

„Ich habe am 11. Dezember einen wichtigen Termin. Vielleicht lässt er sich verschieben…Ich rufe dich an.“

Am 11. Dezember beginnt es zu schneien. Ich stehe vor dem Klavierladen und schaue durch das Fenster. Niemand ist drin. Die Klaviere glänzen in der warmen Beleuchtung. Ich habe Lust, eins aufzuschlagen und die Ballade von Chopin zu spielen. Die Ballade von damals. Ich gehe weiter.

Am Nachmittag ruft Sebastian an. Er habe ein Haus für sein Theater gefunden. Ob ich Lust hätte, es mir anzuschauen. Ich steige ins Auto und fahre los. Außerhalb der Stadt wird das Schneetreiben dichter. Die Felder sind schon weiß. Ich überlege, ob ich auf dem Land leben könnte. Den Bäumen und Spinnen täte es jedenfalls gut.