Die Schrittmacherin

Dagmar Gail kämpft um jeden Zentimeter Mensch

Ihr antiker Schreibtisch ist überladen mit Paragraphen und deren Deutungen, Entwürfen, Lexika, Briefen und Fachzeitschriften. Die Ordner stapeln sich nebenbei auf dem Teppich. Pfeif auf die Papiere. Das Telefon klingelt ununterbrochen an diesem Vormittag.

Eine Frau aus Suhl möchte sterben. Dagmar Gail kennt diesen Wunsch. Sie kann die Frau verstehen. Sie sagt: „Umbringen können Sie sich immer noch. Jetzt gehen wir erst einmal den nächsten Schritt. Das wird nicht einfach. Das wird weh tun. Danach sehen wir weiter.“ Sie schiebt die weißen, kurzen Haare flach aus der Stirn, bis sie ihr zu Berge stehen. Die Augen treten leicht hervor.

An den Wänden Fotos von Kongressen und Empfängen, wieder Briefe, besondere Briefe, Zeichnungen. Medizinische Plakate mit grafischen Darstellungen des menschlichen Gefäßsystems. Die Flüsse und Deltas der Adern. Rotes Blut. Blaues Blut. Blut, das fließt. Blut, das stockt.

Auf dem Empfangstisch für Gäste zwischen Orangen und Schokolade liegt das kleine Modell der Arterie, die sich im Bauch in zwei Arme, besser Beine, teilt und die unteren Extremitäten versorgt. Eine kleine, rote Hose zum Aufklappen. Drinnen wächst Plaque an den Wänden, dick und gelblich wie Zahnbelag. Periphere Arterielle Verschlusskrankheit heißt das und kostet jährlich ungefähr fünfzigtausend Deutschen ein Bein. Das will niemand hören. Das ist das Schlimmste. Lieber sterben als das.

Eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren und weißen Perlen am Ohr bringt Kaffee von nebenan. Nadine Borchert ist noch keine dreißig Jahre alt. Sie hat Sozialarbeit studiert. „Wenn ich Freunden erzähle, dass ich für die Amputierten-Initiative arbeite, dann sehen sie mich meist erschreckt an. Ich habe sogar den Eindruck, dass sie ein Stück von mir abrücken.“

Die Dame mit den weißen Haaren hat aufgelegt. Sie wählt sofort die nächste Nummer. „Wenn Sie die Prothesenversorgung ablehnen“, erklärt sie, „wird die Patientin gerichtlich dagegen vorgehen. Ich werde Ihnen Urteile faxen, die Amputierten in der Vergangenheit das Recht auf eine wasserfeste Prothese zugestanden haben. Ich weise Sie darauf hin, dass Richterrecht nicht durch die ökonomischen Interessen der Krankenkassen verworfen wird.“

Vor sechzehn Jahren hat Dagmar Gail die Amputierten-Initiative e.V. in Berlin gegründet. Seit Beginn leitet sie den Verein ehrenamtlich. Die Amputierten-Initiative e.V. hat ihren Sitz in einem modernen Haus zwischen den Villen am Schlachtensee. Es ist der einzige Verein in Deutschland, der sich um die Bedürfnisse Amputierter kümmert und durch Aufklärung Amputationen zu verhindern hilft.

Einst, als sie auf zwei gesunden Beinen im Leben stand, leitete Dagmar Gail eine Künstler – und Konzertagentur. Berühmtheiten wie der Schauspieler Karl-Heinz Böhm waren bei ihr unter Vertrag. Doch als sie ihre zweite Karriere als Juristin aufbauen wollte, sie war Mitte vierzig, begannen die Schmerzen im Bein. Wahnsinnige Schmerzen.

Heute weiß sie, dass die Amputation hätte verhindert, zumindest aber um einige Jahre verzögert werden können. Heute weiß sie alles über Untersuchungen wie ABI, den Knöchel-Arm-Index oder CW-Dopplersonographien und präventive Maßnahmen wie Infusionen und Bypässe.

Damals musste sie die Fehldiagnose auf Gelenkkapselentzündung hinnehmen und falsche Medikamente schlucken, anschließend mehrere Bypass-Operationen über sich ergehen lassen, bis der Unterschenkel doch amputiert wurde.

Dagmar Gail spricht über dringend notwendige Aufklärungsmaßnahmen und Ärzte, die einfache Gefäßuntersuchungen anstellen könnten, es aber nicht tun und über Spezialisten und Gefäßkliniken, mit denen der Verein zusammenarbeitet. Sie spricht ohne Punkt und Komma, immer wieder unterbrochen vom Telefon. Auflegen. Weiter. Als wäre das ihre letzte Gelegenheit, jenes Wissen, das rings um ihren Schreibtisch gestapelt liegt, nach draußen zu geben, auf dass es die Gesunden erreicht. Doch für die Jogger und Nordic-Walker da draußen tönt das Wort Amputation wie ein düsterer Kanonenschlag von längst überwucherten Schlachtfeldern her. Wie jeden Morgen sporteln sie an dem Haus vorbei zum Grunewald.

Allenfalls hat man vom Raucherbein gehört. Ein Wort, dass augenblicklich den nächsten Aufklärungsschwall bei Dagmar Gail auslöst. Eine Schuldzuweisung sei diese Bezeichnung, zumal nicht allein das Rauchen die Ursache des sogenannten Raucherbeins sei, sondern eine Vielzahl anderer Faktoren.

Dann schweigt sie. Sie steht auf und läuft. Sie muss sich auf jeden Schritt konzentrieren. Jeder Schritt schmerzt. Sie steht noch immer mit beiden Beinen im Leben, nur dass es jetzt langsamer vorwärts geht, was normalerweise kein Nachteil sein müsste. Starrer und schmerzhafter als das Bein aus Holz und Draht sind die ökonomischen Zwänge der Gesellschaft, die mehr und mehr von Eng – und Kleindenkern vollstreckt werden. Wieso sie sich für einen Mann engagiere, der dem Krankenhaus täglich fünftausend Euro koste?, herrschte sie kürzlich ein Arzt aus Dresden an. Und der außerdem sein Leben lang geraucht habe.

„Das Ziel unserer Arbeit ist, Beine und Arme zu retten“, sagt sie, als sie den kleinen Gästetisch erreicht und Platz genommen hat. „Die meisten Amputationen könnten nämlich verhindert werden, wenn man rechtzeitig untersuchen und präventive Maßnahmen einleiten würde.“

Betroffenen will der Verein helfen, auf die Ersatz-Beine zu kommen, Schritt für Schritt ein verändertes Leben zu erlernen, einen neuen Sinn zu begreifen. Die Amputierten-Initiative vermittelt an Geh-Schulen, Psychologen, Physiotherapeuten und andere Spezialisten sowie an Gefäß-Kliniken, die sich um den Erhalt des gesunden Beines bemühen.

„Wissen Sie, was das beste Erlebnis für den zwölfjährigen rumänischen Jungen war, der bei einem Unfall beide Beine verloren und jahrelang nur im Rollstuhl gesessen hatte? Als er mit den Prothesen laufen konnte, dieser Moment, als er endlich ohne Begleitperson zur Toilette gehen konnte, hat ihm ein neues Selbstbewusstsein gegeben.“

Mehr als eintausend Anfragen gehen pro Jahr bei der Amputierten-Initiative ein. Dagmar Gail weiß, welche Hilfsmittel es gibt und steht den Betroffenen zur Seite, wenn sie um ihre Rechte kämpfen müssen. Sie akzeptiert nicht, dass die Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen zunehmend von den Errungenschaften des medizinischen Fortschritts ausgeschlossen werden. Dafür legt sie sich mit Krankenkassen und Oberärzten an.

Da ist die Sechsundziebzigjährige, die morgens sieben Uhr von einer Gutachterin aus dem Bett geklingelt wird. Unangemeldet. Sie wolle sich ein Bild machen, wie die Patientin mit ihrer Morgentoilette zurecht käme.

„Haben Sie keine Fantasie?“, schimpft Dagmar Gail in den altmodischen, weißen Hörer. Ihre Augen treten noch ein Stück weiter aus den Höhlen. „Können Sie sich nicht vorstellen, wie eine ältere Dame mit einem Bein morgens aufsteht und zur Toilette und ins Bad geht?“

Mit Spardruck von oben redet sich die Sachbearbeiterin der Krankenkasse am anderen Ende heraus. Man müsse Maßnahmen zur Prüfung der Fälle abrechnen.

„Wir fühlen uns mehr und mehr abgeschoben, in eine Ecke gedrängt“, sagt Dagmar Gail. „Und jetzt ist der Bart ganz ab.“

Gestern abend habe sie den Entwurf des neuen Hilfsmittelverzeichnisses von den Spitzenverbänden der Krankenkassen bekommen und noch in der Nacht überflogen. „Ich bin zusammen gebrochen“, sagt sie. Man glaubt es der ungemütlichen Fünfundsechzigjährigen nicht so recht, dass auch sie, deren Ehrenamt darin besteht, permanent zu nerven, zusammenbrechen könnte. Bereits heute hat sie ihre Wut gebündelt und sämtliche Einsprüche in einem Brief formuliert.

In dem neuen Verzeichnis finden sich Sätze wie der folgende: „Das Wirtschaftlichkeitsgebot schließt eine Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenkasse für solche Produkte aus, deren Gebrauchsvorteile nicht die Funktionalität, sondern in erster Linie die Bequemlichkeit und den Komfort betreffen.“ Doch wer legt fest, wo Funktionalität aufhört und Bequemlichkeit anfängt? Wer darf sich anmaßen, über die Lebensqualität eines anderen zu entscheiden? „Respektlosigkeit gegenüber dem demokratischen System der Bundesrepublik Deutschland“, wirft Dagmar Gail den Spitzenverbänden vor.

Dagmar Gail referiert regelmäßig auf Fachkongressen. Nadine Borchert, die junge Sozialarbeiterin, hielt in diesem Jahr ihr erstes Referat zur psychosozialen Bewältigung nach Amputationen auf dem Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Richard von Weizsäcker schickt regelmäßig aufmunternde Worte. Der Verein erhält Briefe wie jenen von Professor Diehm aus dem Klinikum Karlsbad-Langensteinbach: „Im übrigen sehe ich überall die Spuren Ihrer Arbeit. Ich kann Sie dafür nur beglückwünschen. Sie bewerkstelligen politisch mehr als viele große andere Organisationen.“ Schöne Worte, doch die Vereinskasse füllen sie nicht.

Draußen joggen die Gesunden vorbei. Der Computer an ihrem Knöchel mißt Puls, Herzfrequenz und Energieverbrauch. Dagmar Gail fühlt sich immer häufiger am Ende ihrer Kraft. Sie zweifelt, ob ihre kleine Widerstandszelle ausreicht, immer und immer wieder gegen die Ausgrenzung derer, die nicht mehr effizient funktionieren, anzukämpfen.

Wie lange sie den Verein noch halten, wovon sie ihre junge Mitstreiterin Nadine Borchert in den nächsten Jahren bezahlen soll, das weiß sie noch nicht.

Berliner Notiz-Blog 29. Februar 08

Letzten Sonntag war ich in einer fremden Wohnung. Das heißt, ich war in einer Galerie. Präzise gesagt, war ich sowohl in einer Wohnung als auch in einer Galerie. In dieser Wohnung wurden für die Dauer eines Wochenendes verschiedene Kunstwerke aus der ganzen Welt ausgestellt. Sie waren in einem großen Karton geliefert worden und die Galeristen, das heißt, das Paar, das jene Wohnung bewohnt, konnte sie dann stellen, hängen oder legen, wie sie es für richtig und gut hielten.

Die Wohnung, das heißt, die Galerie, war für nur wenige Stunden geöffnet.

Offen gestanden, bin ich nicht in erster Linie wegen der Kunst dorthin gegangen. Es reizte mich, eine fremde Wohnung zu betreten.

Ich bin eine Voyeurin. So waren die Höhepunkte meines Galeriebesuches nicht die öffentlichen Kunstschnipsel, die überall in den Räumen verteilt waren, sondern: Die Urlaubsbilder des Paares, an einen Draht geklammert, der Stil ihres Wohnens, die Spuren ihres Glücks, denn offensichtlich waren sie glücklich, obwohl ich die subtilen Zeichen dessen nicht mit Dingen benennen kann, die Bücher auf dem Nachtisch, die Medaille vom Berlin-Marathon über dem Bett, ein überdimensionaler Liebesbrief in einem goldenen Rahmen, der Schreibtisch. Das echt private Leben.

Berliner Notiz-Blog 19. Februar 2008

Jeden Tag zieht Johanna Feierabend eine karierte Kunstledertasche auf Rädern durch unsere Straße und stopft alles hinein, was sie auf dem Bürgersteig findet: Papierschnipsel, leere Tüten, kalte Zigarettenkippen und trockene Hundekacke. Sie hebt die Abfälle mit einem Greifer auf. Sie pickt den Müll auch aus dem Löwenzahn, der zwischen den Pflastersteinen wächst.

Johanna Feierabend ist 70 Jahre alt. Sie lebt in dem Seniorenwohnhaus in unserer Straße. Sie hat ihr ganzes Leben lang als Putzfrau gearbeitet. Ich habe sie einmal gefragt, warum sie damit nicht aufhören kann. Sie sagte: „Ist doch schön, wenn alles sauber aussieht.“ Ich gab ihr Recht. Sie trägt eine abgeschabte Lederjacke mit Blumenornamenten auf der Brust, ein Halstuch mit Silberfaden und gestrickte Leggins. Wenn ich ihr sagen würde, dass die jungen Mädchen vorn in der Neuen Schönhauser Straße ein Vermögen für dieses Achtzigerjahre – Outfit bezahlen, würde sie den Kopf schütteln und lachen. Sie würde nicht laut und herzlich lachen, sondern erstaunt den Mund verziehen und einen trockenen Laut ausstoßen. Man würde ihre großen Zähne sehen. Das Haar trägt sie gerade geschnitten und so kurz, dass es nicht über die Augen fällt, wenn sie den Blick nach unten gerichtet hält. Ihr Körper ist schwer. Sie trägt ihn mit kleinen Schritten. Ihre Unterlippe wächst immer weiter in Richtung der Pflastersteine. Ich grüße Johanna Feierabend, wenn sie mit dem Rolli und dem Greifer an mir vorübergeht, aber sie hört und sieht mich nicht. Sie hat nur Augen für das Unkraut und den Müll.

Der Ungleichgestellte

Berliner Zeitung

Der Zahnarzt Ali Al-Akla hat keine Probleme, in Berlin eine Arbeit in seinem Beruf zu finden. Aber er darf ihn nicht ausüben.

Dreizehn Jahre sind vergangen, seit der Zahnarzt Ali Al-Akla mit seiner Frau und seinen zwei Kindern aus Libyen nach Deutschland kam. Damals war er vierunddreißig Jahre alt. Die Familie hatte nicht viel Gepäck und kein Vermögen, doch Ali und Ina Al-Akla waren voller Hoffnung. Ihre gute Ausbildung würde ihnen auch in Deutschland weiter helfen. Der Zahnarzt brachte Berufserfahrungen aus einer modernen Praxis mit.

Heute ist Ali Al-Akla siebenundvierzig Jahre alt, ein Alter, in dem einige Menschen noch jung, andere schon alt sind.

Herr Al-Akla trägt das dunkle Haar kurz geschnitten. Er ist schlank. Seine Haut ist glatt.

Doch seine Stimme klingt matt und so gleichförmig wie die Linie eines erloschenen Herzens.

Er sitzt in seiner Wohnung in der Friedrichstraße, an deren glanzlosen Ende, in Kreuzberg. Auf dem Tisch und dem Sofa rings um ihn stapeln sich Papiere: Anträge und Bewerbungen. Zu- und Absagen. Zertifikate. Listen mit den Paragraphen der Aufenthaltstitel und deren Bedeutung. „Paragraph? Absatz? Satz eins oder zwei?“, fragen die Sachbearbeiter auf den Behörden, um die Al-Aklas in der richtigen Kartei ab – und stillzulegen. Dabei möchte der Zahnarzt nur eins: Endlich in seinem Beruf arbeiten.

Die Paragraphen, Absätze und Sätze haben Herrn Al-Akla müde gemacht. Es scheint, dass sein Leben in Deutschland nur um Papiere kreist.

Aus Gewohnheit kleidet er sich jeden Morgen elegant. Kaum, dass sie in Berlin angekommen waren, hat er sich auf die Suche nach einer Arbeit gemacht. Immer, wenn er an einer Zahnarztpraxis einen arabischen Namen las, ging er hinein und stellte sich vor. „Al-Akla. Ich habe am Staatlichen Medizinischen Institut Donezk in der Ukraine studiert. Danach praktizierte ich in Libyen.“

Mehrere Zahnärzte bescheinigen ihm, dass sie ihn einstellen, sobald er eine Aufenthaltsgenehmigung hat und arbeiten darf.

Das dauert. Erst im Jahr 2004 erhält die Familie nach jahrelanger „Duldung“ eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Der Zahnarzt stellt einen Antrag auf Berufserlaubnis beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Doch die Behörde lehnt ab. „Nach den Bestimmungen des Zahnheilkundegesetzes ist die Behandlung der hiesigen Bevölkerung Deutschen und Staatsangehörigen eines der übrigen Mitgliedsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraumes vorbehalten.“

Im Gesetz steht die Staatsangehörigkeit sogar an erster Stelle vor weiteren Voraussetzungen für den Ärzteberuf.

„Warum sind Sie hierher gekommen?“, habe ihn die Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde bei einem Besuch gefragt, erzählt Al-Akla. Sie hätte die Frage nicht gestellt, weil sie an diesem Palästinenser, der statt einem Pass nur ein Reisedokument besitzt, das ihn als staatenlos auswies, sonderlich interessiert gewesen wäre.

„Weil Sie hier Geld machen wollen, nicht?“ hätte die Frau gesagt.

Und Herr Al-Akla habe geantwortet: „Ich bin gekommen, um zu arbeiten. In meinem Beruf als Zahnarzt.“

Doch das ist nur die halbe Antwort. Die Al-Aklas sind nach Deutschland gekommen, um ihr Leben zu retten.

1995 forderte die libysche Regierung alle Palästinenser auf, das Land binnen dreißig Tagen zu verlassen, eine Reaktion auf die Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern. Eine Rückkehr in den Libanon, wo Ali Al-Akla vor seinem Studium in der Sowjetunion lebte, ist nicht möglich. Der Libanon verweigert Palästinensern die Einreise. Das Ehepaar beschließt, Zuflucht in Deutschland zu suchen, weil sie hier Verwandte haben.

Die ersten Jahre lebt die Familie in einem Heim für Flüchtlinge. Sie gelten als „illegal eingereist“. Ob sie bleiben können, ist lange ungewiss.

In der Praxis von Ghassan Douedari in Friedenau brummt noch der Bohrer, obwohl die Sprechzeit seit einer Stunde vorbei ist. Das Behandlungsbesteck klappert auf den Glasplatten.

Die Patientin, ein arabisches Mädchen, spült wenig später den Mund aus, steht auf und schüttelt das lange Haar. Die Zahnarzthelferin bereitet den Platz für den nächsten Patienten vor. Eine verschleierte Praktikantin schaut ihr dabei zu, die Daumen lässig in den Taschen ihrer bauchfreien Jeans.

„So ist es jeden Tag“, sagt Ghassan Douedari. Er mag älter sein als Ali Al-Akla, doch seine Stimme klingt ruhig und fest. Er streift die Gummihandschuhe ab und fährt mit der flachen Hand über die kahle Stirn. Seine braunen Augen hinter den kleinen, runden Brillengläsern zeigen keine Spur von Müdigkeit. „Heute kamen nur unangemeldete Patienten.“ Fünfzig Prozent seiner Patienten sind Araber, dreißig Prozent Deutsche, der Rest ist gemischter Herkunft.

Ghassan Douedari würde Herrn Al-Akla sofort als Assistenzarzt einstellen. „Er spricht fließend russisch und arabisch. Das können wir in der Praxis gut gebrauchen.“ Zweitausendfünfhundert Euro würde er Herrn Al-Akla monatlich zahlen. Das hat er ihm wiederholt schriftlich bestätigt. Hätten die Al-Aklas dieses Einkommen, stünde einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis nichts mehr im Wege. Doch es ist umgekehrt. Erst muss die Familie ohne staatliche Hilfe für ihr Einkommen sorgen, dann dürfen sie bleiben, dann darf Herr Al-Akla vielleicht als Zahnarzt arbeiten.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales weiß, dass Ghassan Douedari seinen jüngeren Kollegen wegen dessen Sprachkenntnissen sofort einstellen würde, lehnt aber dennoch ab, weil „kein Patient ein Anrecht auf eine Behandlung in seiner Muttersprache hat.“

Ghassan Douedari kommt aus Syrien. Er hat in Berlin studiert und längst eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Damit erfüllt er eine der Voraussetzungen, unter denen auch Ärzte von außerhalb der Europäischen Union in Deutschland arbeiten dürfen.

Denn während ein Arzt aus der EU einen Rechtsanspruch auf eine Berufserlaubnis in Deutschland hat, müssen Ärzte aus anderen Ländern sich darum bewerben. Dabei spielt es keine Rolle, wo sie ihre Ausbildung gemacht haben. Ein deutscher Arzt, der sein Diplom in Südamerika gemacht hat, besitzt allein aufgrund seiner Staatsangehörigkeit das Recht, hier zu arbeiten, während ein Südamerikaner, der in Deutschland studiert hat, keinen Anspruch darauf hat.

Ärzte, die an Universitäten außerhalb der EU studiert haben, müssen lediglich in einer sogenannten Gleichwertigkeitsprüfung beweisen, dass ihre Ausbildung dem europäischen Standart entspricht. Die Bundeszahnärztekammer warnt ausländische Bewerber auf ihrer Informationsseite im Internet vor der hohen Durchfallquote.

Doch bis zur Gleichwertigkeitsprüfung wird Ali Al-Akla gar nicht vorgelassen. Zuerst braucht er die Berufserlaubnis.

Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin hat sich mit der Geschichte der Berufsordnungen für Ärzte beschäftigt. Er verweist auf die Reichsärzteordnung von 1935. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal ein gesetzlicher Rahmen für die Ausübung des Ärzteberufes in Deutschland geschaffen. Verschiedene Ärztebünde hatten dies bereits in den Zwanzigerjahren immer wieder gefordert. „Anfänglich war in der Bundesrepublik, wie bereits in der Nazizeit, lediglich die deutsche Staatsbürgerschaft als Basis für den Arztberuf anerkannt“, erklärt Georg Classen. „Weil der generelle Ausschluss von Ausländern gegen EU-Recht verstieß, hat man das Recht auf Approbation später auf EU-Angehörige erweitert.“

Mittlerweile steht Paragraph im Widerspruch zu dem neu geschaffenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, nach dem niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf.

Das Land Berlin hat eine entsprechende Bundesratsinitiative veranlasst. Man wartet nun die Stellungnahmen der Berufsverbände ab.

Ali Al-Akla arbeitet seit November 2006 tagsüber als Berater in einer Nachbarschaftshilfe. Abends erledigt er die Buchhaltung in einer Arztpraxis. Seine Frau Ina jobbt als Kindermädchen.

Die Anwältin der Familie, Veronika Arendt-Rojahn ist überzeugt, dass die Familie nun eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen wird. Dennoch sieht sie wenig Chancen für ihren Mandanten. „Es gibt in Berlin genügend Zahnärzte, auch fremdsprachige. Das reicht als Begründung, um die Berufserlaubnis auch in Zukunft zu verweigern.“

Es gibt noch einen Trick, der Herrn Al-Akla relativ flott zu einer Berufserlaubnis verhelfen könnte. Die Ehe mit einer EU-Bürgerin würde ihn rechtlich privilegieren.

„Soll ich etwa meine Frau verlassen, um arbeiten zu können?“ Er schüttelt den Kopf. Seine Frau Ina ist Ukrainerin. Sie haben sich in den Achtzigerjahren während des Studiums in der Sowjetunion kennengelernt. Ina ist Germanistin. Sie ist dreiundvierzig Jahre alt, eine attraktive Frau, groß und schlank. Das schmale Gesicht wird von den dunklen Augen dominiert.

Sie hat nicht bereut, nach Deutschland gegangen zu sein. „Für die Kinder ist es besser, in einem freien Land aufzuwachsen“, sagt sie. Sohn Rami hat im vergangenen Jahr ein Studium an der Technischen Fachhochschule begonnen. Die Tochter Anna macht gerade ihr Abitur.

Theoretisch könnte sich Ali Al-Akla von seiner ukrainischen Frau, die zwar Europäerin, aber keine EU-Bürgerin ist, trennen und eine Frau von Martinique, die zwar keine Europäerin, aber EU-Bürgerin ist, heiraten, vorausgesetzt, sie lebten beide in Berlin. Willkommen in der Absurdität!

Berliner Notiz-Blog 3. Februar 2008

Ein blasser, schmaler Junge von zirka 15 Jahren liegt seit ungefähr einer Stunde lesend in dem bunten Bretter-Verschlag in der Comicecke der Bibliothek, die langen Beine verknotet. Ab und an blickt er wütend über den Rand des Buches. Er befindet sich offensichtlich in einer Form des Widerstandes.

Abgesehen davon, dass der zeitraubende Vorgang des Lesen in unserer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft immer mehr wie eine subversive Handlung wirkt, scheint dieser Junge dem, was seine Eltern heute Nachmittag für ihn vorgesehen haben, Klavierunterricht vielleicht, oder Judo zu wiederstehen. Seine lässige Position verrät, dass er nicht das erste Mal schwänzt. Er weiß längst, wie man am bequemsten in dem Bretterverschlag liegt.

Ich glaube etwas von der Last der elterlichen Erwartungen in seinem Gesicht zu lesen, an der Einzelkinder am schwersten tragen. Wahrscheinlich finden seine Eltern, dass er endlich auch andere Bücher und nicht ständig nur Comics lesen sollte. Oder sie wollen immer wissen, was er liest und finden das ausnahmslos toll und interessant und wollen mit ihm darüber reden. Wie auch immer, es scheint ihn anzustrengen.

Es ist nicht still in der Kinder – und Jugendbuchabteilung im Untergeschoss der Bibliothek. Von oben schallt das Piepsen der Lesegeräte und Computer an der Buchausgabe und hin und wieder das ohrenbetäubende Zischen des Milchaufschäumers aus dem Café.

Plötzlich stürmt ein dicker, dunkelhaariger Junge die Betontreppe ins Untergeschoss hinab. Er schwingt um das Geländer und huscht in die Höhle unter der Treppe. Trotz seines Gewichts sieht das anmutig aus. Dann steht er dort in der Höhle und rührt sich nicht mehr. Nur sein Atem geht schwer. Er lauscht. Ein Aufzug rumpelt hinter ihm empor. Sonst ist da nur das Computer-Piepsen und Milchschäumen von oben. Der Junge wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Langsam traut er sich aus dem Schatten der Treppe. Er hat seine Verfolger abgehängt.

Er sieht den anderen Jungen in der Comicecke liegen. Die Blicke der beiden Flüchtlinge begegnen sich kurz. Der dicke Junge kennt die Bücherei von einem Schulausflug. Er hat damals in ein paar Bücher geschaut, aber Lesen macht ihm keinen Spaß. Er will hier wieder raus. Außerdem ist ihm heiß. Langsam schleppt er sich die Treppe nach oben, ins Foyer und macht sich auf den Heimweg. Vielleicht verbringt er den Nachmittag allein. Vielleicht wird er gegen das Alleinsein essen, Chips oder Schokoriegel, was er eben im Küchenschrank so findet.

Später kommen Mütter mit lärmenden Kindergartenkindern. Der 15jährige Comicleser entknotet seine Beine, nimmt seinen Anorak und stiehlt sich davon. An der Buchausgabe zieht er die pelzgeränderte Kapuze tief in das wütende Gesicht. Die Bibliothekarin darf ihn nicht erkennen. Er schuldet ihr noch einen Euro.