Kathrins Notiz-Blog 17. November 09

© Illustration Liane Heinze

Gestern Abend nach dem Essen erzählte Leon Jolanda, wie es war, als er so alt war wie sie, als er fort gegangen ist von Zuhause, mit nichts in der Tasche außer seinen Trommeln und seinem Traum.

„Wieso denkt ihr nur an die Karriere und an das Geld. Wo sind eure Wünsche, eure Träume?“, fragte Leon.

Jolanda ließ die Arme zu beiden Seiten ihres Stuhles baumeln. „Wen meinst du mit ‚ihr’?“ Sie wartete Leons Antwort nicht ab. „Falls du mich im majästetis pluralis ansprichst;  ich habe einen Wunsch: Ich möchte ein Kind haben.“

„Ein Kind.“ Leon hob den Blick und die Hände beschwörend in Richtung der Decke.

„Du musst doch erst einmal raus, die Welt entdecken.“

Jolanda sagte, dass es überhaupt kein Problem mehr ist, mit Kindern zu reisen, weil es in jedem Zug Mutter-Kind-Abteile gibt und in den Flugzeugen sogar kleine Hängematten für Babys. Sie habe auch keine Angst vor Afrika und Indien, weil die Menschen dort sowieso viel kinderfreundlicher seien als hier.

Leon wieherte wie ein erschrecktes Pferd. „Sei doch einmal planlos!“, rief er. „Bis jetzt bist du dein ganzes Leben lang brav jeden Morgen zur Schule getrottet. Jetzt kannst du raus. Los. Und morgens nicht wissen, wo du abends ankommst.“

„Ist nicht so meine Art zu reisen“, sagte Jolanda.

Leon sagte, dass er von Jolanda enttäuscht sei, dass er von ihrer Generation mehr Widerstand erwartet hätte, einen revolutionären Geist und Poesie.

Jolanda fragte, wieso er Revolution und Poesie nicht selbst macht.

Leon sagte, sein ganzes Leben sei Revolution und Poesie. Jeder neue Tag.

Jolanda sagte, Leon sei auf dem Niveau eines Sechzehnjährigen stehen geblieben.

Leon sagte, Jolanda rede wie eine alte Frau.

Jolanda knallte die Küchentür.

Leon sagte, dass Jolanda eine typische neue Spießerin sei.

Ich setzte Wasser für Tee auf und aß ein Stück Schokolade nach dem anderen, weil ich so nervös war. Ich finde, dass sowohl Leon als auch Jolanda Recht haben. Ich finde, dass das Leben nicht einfach falsch oder richtig ist, sondern meistens beides gleichzeitig.

Jolanda steckte den Kopf herein. Sie sagte, sie sei jetzt mit Sören verabredet.

Leon sagte, er habe ihr nicht weh tun wollen.

Jolanda entschuldigte sich für ihre Respektlosigkeit.

Mir war schlecht von der Schokolade.

Kathrins Notiz-Blog 2. November 09

© Illustration Liane Heinze

Wie aufgeregte Theaterbesucher schwatzten die goldenen Kirschblätter auf dem Schulhof. Jolandas Gesicht stach hell aus der Dämmerung. Der Wind zauste ihre lockigen Haare. Sie trug Kniebundhosen und ein weites, weißes Hemd. Sie würde an diesem Abend den schlauen Diener „La Flèche“ in Molières Komödie „Der Geizige“ spielen. Mit ihr waren Jakob und Natascha nach unten gekommen. Jolanda stellte uns gegenseitig vor. „Meine Mischeltern“, sagte sie. Dann verkroch sie sich mit Jakob und Natascha in eine windgeschützte Nische hinter der Eingangstür, um zu rauchen.

Wir stiegen die Stufen zur Aula empor. Leon trug einen Mantel, der seit mindestens zehn Jahren in seinem Kleiderschrank hing und nur bei besonderen Anlässen hervor geholt wurde. Bevor wir losgegangen waren, hatte er immer wieder seine Haare in die Stirn gedrückt und gewischt und dabei sehr unglücklich ausgesehen.

Es war das erste Mal, dass ich mit einem Freund, mit einem Mann, in Jolandas Schule ging, so dass man glauben könnte, wir wären ihre Eltern. Ich glaube, es war auch das erste Mal, dass Leon als ein Mischelternteil eine Schule betrat. Ich hatte mich bei ihm untergehakt. Es war ein ziemlich altmodischer Moment, aber er brannte in meinem Herzen so gemütlich wie ein Kartoffelfeuer.

Der Schulleiter regte seinen Kopf über die aufgeregte Menge in der Aula. Er sah aus wie ein Greifvogel. Leon trug ein weißes Hemd unter dem Mantel, aber er schien unfähig, seinen Hals in weißen Kragen zu bewegen. Er wirkte selbst wie frisch gestärkt.

„Was möchte Jolanda werden?“ fragte er nach der Vorstellung, als wir uns von den Kindern verabschiedet hatten und den Weinbergweg hinauf spazierten.

„Kriminalistin“, sagte ich. Ich erzählte Leon, dass Jolanda Kinder haben möchte.

„Wieso denkt sie jetzt schon an Kinder?“, fragte Leon.

„Weil sie…klug ist, vorausschauend?“, sagte ich.

„Aber sie muss doch erst einmal die Welt entdecken, das Leben studieren, raus, sehen, wie es anderswo ist.“ Leon ereiferte sich. „Nicht gleich fertig eingerichtet und Kinder.“

„Heißt es, dass man sich fertig einrichtet, wenn man Kinder bekommt?“

„Du kannst die Dinge nicht mehr einfach so laufen lassen. Du übernimmst Verantwortung.“

„Hast du deshalb keine Kinder?“, fragte ich.

Leon blieb stehen. „Nein. Nein.“ Er schaute auf seine Schuhspitzen. Er hatte elegante, schwarze Schuhe angezogen. „Ich hätte gern Kinder gehabt.“ Einige Blätter raschelten über den Bürgersteig. Die Tram heulte den Berg hinauf.

„Machen wir ein Kind?“, flüsterte Leon in der Nacht. Ich lag auf seinem Bauch. „Mit dir ein Kind – das muss wunderbar sein. Du mit einem dicken Bauch.“

Regen trommelte an die Scheibe. Ich legte mein Ohr an sein Herz und hörte, wie es schlug. „Woher nimmst du den Mut?“, fragte ich.

„Ich bin nicht mutig“, sagte er. „Ich habe Lust darauf.“

Einmal Westend und zurück

Berliner Zeitung

Ein einsamer Wissenschaftler, ein reinlicher Botschaftsmitarbeiter, eine enttäuschte Französin – auf der Suche nach einem WG-Zimmer in Berlin macht man jede Menge Bekanntschaften. Aber findet man auch ein Zuhause? 

Es ist in Berlin möglich, von einem Tag auf den anderen umzuziehen. Vorausgesetzt, man reist mit Handgepäck. Transportfirmen sind auf Wochen ausgebucht. Umherziehen ist ein Normalzustand der Berliner. Die Stadt bietet jederzeit teil-, voll – und nichtmöblierte Zimmer, halbe Wohnungen, Gartenlauben, auch komplette Häuser. Katzen und Hunde inklusive.

Eine Wohnung am Falkplatz, im Prenzlauer Berg. Isabelle entschuldigt sich für die DDR-Holzfolie auf den Türen, für die Wände, an denen sich die Anstriche verschiedener Zeiten überlagern, dazwischen weiße Gipsflecke. Mir gefallen die Wände. Sie erinnern mich an alte Buchseiten. Der Balkon im vierten Stock über dem Falkplatz ist überwältigend. Sonne flirrt über die staubigen Dielen und das große Pult am Fenster. Zeichnungen liegen darauf, Skizzen, Bündel weißer Federn, Muscheln, Treibholz und Korallen. Isabelle hat das Pult auf Ziegelsteine gehoben, damit die Arbeitshöhe stimmt. In ihrer Freizeit arbeitet sie hier an ihren Kunstobjekten. Sie ist groß und schlank, eine Frau in den Vierzigern in einem hellen, mit Blumen bestickten Leinenkleid. Sie läuft barfuß.

Eigentlich ist sie raus aus der Wohnung, umgezogen, nach Schöneberg, erzählt sie. Ihre dunkle Stimme klingt melancholisch. Aber sie kann sich von der Gleimstraße noch nicht trennen. Deswegen lasse sie einige Dinge hier. Drei Umzugskisten mit der roten Aufschrift „EBAY“ sind an der Wand aufgestapelt, daneben ein halbes Bücherregal, ein Ofenrohr und ein Buddha aus Holz. Gelegentlich käme sie vorbei, um an ihren Objekten zu arbeiten. Ob mich das stört? Keineswegs. Das Unentschiedene ihrer Wohnung gefällt mir. Es entspricht meiner emotionalen Lage.

Bevor Isabelle zur Nachtschicht in das Archiv eines Fernsehsenders fährt, richten wir uns auf dem Balkon ein. Der Plastiksessel mit dem Schaffell darin passt gerade zwischen die Pflanztöpfe. Magere Halme und Kakteen mit festen Stacheln ragen aus den Töpfen empor. Zwischen den geschwungenen Füßen zweier Terrakotta-Töpfe liegt ein Tierschädel.

Isabelle erzählt von ihrer WG in Schöneberg. In den Achtzigerjahren hat sich schon einmal dort gelebt, in ihrer Zeit als Punk. Sie will wieder politisch aktiver werden, sucht Gleichgesinnte. Aber sie ist enttäuscht. Das Gemeinschaftsgefühl sei nicht mehr dasselbe wie früher. Sie denkt darüber nach, nach Frankreich zurück zu gehen. Sie habe sich in Berlin eh immer fremd gefühlt. Die Staaten wären auch eine Option.

Ich lebe in einer Wohnung am Rosa-Luxemburg-Platz, in einem Haus, dessen Tür ich in den nächsten Wochen hin und wieder öffnen werde, um meine Post aus dem Briefkasten zu nehmen, mit klopfendem Herzen, weil es sein könnte, dass ich auf der Treppe dem Mann begegne, den ich eigentlich noch liebe.

Isabelle fürchtet, die Wohnung bald aufgeben zu müssen, weil die Miete erhöht wird. Ein, zwei Monate reichen mir. Solange wird es dauern, bis ich ein neues Zuhause und einen freien Termin bei einer Transportfirma gefunden habe.

Ich suche in der ganzen Stadt. Manchmal will ich nur wissen, wie es anderswo ist. Zum Beispiel in Westend in Charlottenburg: Die Fassade ist trist, das Treppenhaus dunkel. Ich steige auf einem gepflegten Teppich hinauf in den zweiten Stock. Es ist so still, als wäre das Haus verlassen. Der Wissenschaftler, ein drahtiger Mann in den Fünfzigern, führt mich durch verwinkelte hundert Quadratmeter. Das freie Zimmer hat einen steinernen Balkon nach Westen. Im Arbeitszimmer liegen Zeitschriften über erneuerbare Energien auf dem Fußboden. Der Wissenschaftler arbeitet über die sozialen Aspekte ökologischer Entwicklungen. Über den Ostbalkon betreten wir die Küche mit Möbeln aus den Fünfzigerjahren. Einbauschränke im Flur. Genügend Platz. Der zweite Mitbewohner, ein Maler, ist nicht zu Hause. Die gläserne Schiebetür zum Teesalon ist von innen mit seinen Leinwänden zugestellt. Ich frage den Wissenschaftler nicht, wie lange er schon hier lebt, ob er eine Familie hat, Kinder, warum seine Frau nicht mehr da ist und ob er die große Wohnung einige Jahre allein unterhalten konnte, als er noch eine gut bezahlte Arbeit hatte und wie lange es schon anders ist. Ich möchte ihm nicht zu nahe treten. Als errate er meine Fragen, legt er häufig den Finger auf die Lippen, während ich mir einen Raum anschaue und sagt mit gesenktem Kopf leise „ja“. Dann wieder spricht er mit kindlicher Begeisterung von den Radwegen in den nahen Grunewald.

Herr Hosokawa kündigt in seiner Annonce einen großzügigen Dachgarten im Wedding an. Ich klettere auf einem abgetretenen Kokosläufer hinauf in den fünften Stock. Der Dachgarten ist eher ein großer Balkon, die Pflanzen prächtig. Der Blick geht in die Wohnungen im Hinterhaus und über die Dächer. Hinter einer Reihe Satellitenschüsseln ragt der Fernsehturm empor. Herr Hosokawa serviert grünen Tee in dunklen Keramikschalen. Seinem Untermieter hat er gekündigt, weil er zuviel raucht. Doch zu diesen unangenehmen Dingen kommt er später. Beim Tee erfahre ich, dass er als Mitarbeiter der japanischen Botschaft in der DDR zwischen Ost- und Westberlin hin und her fahren durfte und seiner DDR-Frau und den Kindern alles im Westen kaufen konnte, was immer sie sich wünschten. „Eine schöne Zeit“, sagt Herr Hosokawa wehmütig. Nach Wende und Ehescheidung baute er einen Vertrieb für japanische Waren auf: Zehensocken, Bento-Boxen, Teezubehör…alles, was unter Japan-Fans gefragt ist. Die Finanzkrise ruinierte zuerst seine japanischen Geschäftspartner, dann ihn.

Plötzlich sehne ich mich nach Hause in den Prenzlauer Berg, wo ich die meiste Zeit meines Lebens gewohnt habe. Alle meine Freunde leben dort. Meine ganze Familie. Was auch immer über diesen Bezirk geredet und geschrieben wird, dass er nur noch schick ist und die Spekulanten keinen Raum mehr für Rentner und Arbeitslose lassen; es ist wahr, die Mieten sind meist unverschämt, dennoch leben viele Hartz-IV-Empfänger im Prenzlauer Berg. Sie haben allerdings jede Menge zu tun. Auch die Künstler sind noch da. Und die Rentner sehen hier eben nicht aus wie alte Leute. Sie alle kämpfen um ihr Bleiberecht.

Herr Hosokawa holt Desinfektionsmittel aus dem Bad. Der Teppich im Flur ist durchgetreten, die Tapeten vergilbt. Der Untermieter sitzt auf dem Sofa im Flur, ein junger Mann mit dichten, dunklen Haaren. Er trägt eine schwarze Lederjacke. Die Hände liegen nebeneinander im Schoß, als erwarte er, dass man ihn in Handschellen abführt. Er beobachtet uns wütend mit gesenktem Kopf. Herr Hosokawa sprüht Desinfektionsmittel auf die Klinke, bevor er das Zimmer öffnet und weist mich an, nichts zu berühren. Eine Matratze liegt unter dem Fenster. Kleidungsstücke sind auf dem Boden verstreut. Es stinkt.

Paula und Thomas wohnen jetzt in ihrem Haus in Mecklenburg. Eigentlich. Die Wohnung am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg möchten sie aber nicht aufgeben. Es gäbe auch noch berufliche Verbindungen in die Stadt, die erfordern, dass sie gelegentlich  hier übernachten. Und die Kinder würden hin und wieder ihre alten Freunde in der Großstadt besuchen wollen. Ob uns das stört? Paula ist Kinderbuchautorin, Thomas ein IT-Spezialist. Wir sitzen in der geräumigen Küche, Paula und Thomas, Dilek, meine zukünftige Mitbewohnerin und ich. Alles ist vertraut: Die hohen Räume. Der Kinderlärm vom Platz vor dem Haus. Ringsum Läden, die sich nicht zwischen Café, Spielplatz, Second Hand und Bar entscheiden können.

Ich habe ein neues Zuhause gefunden. Nach zwei Monaten. Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, ich sei eine Prenzlauer-Berg-Chauvinistin. Immerhin habe ich auch im Wedding gesucht. Und um Haaresbreite wäre ich nach Westend gezogen.

An einem warmen Septemberabend im Hof erzähle ich meiner Mitbewohnerin Dilek von meiner WG-Suche. Ich halte den Kalender neben das Teelicht, um die Namen und Adressen noch einmal zu lesen. Wie eine Abenteurerin nach der Heimkehr die Stationen ihrer Weltreise auf der Karte absteckt. Ich möchte Dilek eine Ahnung von der Größe dieser Stadt geben. Sie ist Rechtsanwältin, Anfang vierzig und von Neuss nach Berlin gezogen, um noch einmal richtig durchzustarten. Dilek ist begeistert von Berlin und erstaunt, weil in unserem Haus so viele Künstler leben, die zwei Frauen zum Beispiel, die sich später mit einer Flasche Wein zu uns setzen und beraten, wie sie mit selbst gebackenen Keksen in den Feinkostgeschäften ringsum ihr Hartz IV aufbessern können. Sie haben Kostproben mitgebracht. Kastanien-Plätzchen. Ich nehme eins und freue mich, dass ich wieder da bin.

Kathrins Notiz-Blog 21. Oktober 09

© Illustration Liane Heinze

Leon tanzt nicht. „Komm!“ Ich nahm seine Hände, wollte ihn auf die Tanzfläche ziehen. Er schüttelte mich ab wie ein Insekt.

Mein Freund Bertram hatte den Club an seinem Geburtstag gemietet. Zwei georgische Jungs mit glatt gescheitelten, glänzenden Haar, wie Zwillinge in weißen Hemden und schwarzen Hosen, legten auf. Keiner von uns war in der Lage, bei dieser Musik sitzen zu bleiben. Leon blieb als einziger an der verlassenen Tafel zurück. Farbige Lichter tupften die Tanzfläche. Ludwig, Bertrams Lebensgefährte, warf die Beine wie ein Kosak abwechselnd in die Luft. Es sah angestrengt aus. Sein Hemd klebte am Rücken. Ich hatte ihn noch niemals so ausgelassen erlebt. Ludwig treibt die Langeweile von Geburtstagsgesellschaften gewöhnlich auf die Spitze. Letztes Jahr hatte er aus einem längst vergessenen Roman eines unbekannten russischen Dichters vorgelesen. Er hatte das Buch hinter dem Heizungsrohr in seiner Bibliothek gefunden.

Die beiden DJs stiegen auf den Tisch. Neben dem Mischpult präsentierten sie ihre blank geputzten, spitzen Schuhe. Ich schaute zu Leon. Er sah alt aus. Ich ekelte mich vor seinem Mund, der in Abscheu erstarrt war. Aber ich konnte nicht verhindern, dass ich uns plötzlich mit seinen Augen sah. Die wippenden Brüste der Mädchen fand ich peinlich, lächerlich, wie Bertram vor Ludwig auf den Knien rutschte, der verkrampft die Beine hoch riss, während ihm der Schweiß aus den Haaren lief.

„Er ist nicht gut für dich“, sagte Jolanda heute Morgen in der Küche, als Leon gerade raus gegangen war, um Croissants zu kaufen. „Du bist mies drauf.“ Jolandas Haare waren noch strubblig von der Nacht. Um die Schultern trug sie das bunte Fransentuch, das ich auch schon getragen hatte, Mitte der Achtziger. Ein Freund aus Westberlin hatte es gestrickt, damals, als alle strickten, als es schick war, bei Freunden seine Wolle auszupacken und Tee auf dem Fußboden zu trinken.

„Er ist unbequem. Ich liebe Herausforderungen“, sagte ich. Ich setzte mich auf die Ofenbank am Fenster und mahlte die Kaffeebohnen. Ich war müde. „Ich habe viel durch ihn gelernt.“

„Was denn?“, fragte Jolanda.

„Über Häuser aus Pappe.“

„Und?“, fragte Jolanda.

„Ein Haus aus Pappe ist…“

„Was?“

„Es ist…nicht mehr da, es kann in einem Fluss davon treiben, der Wind kann es nehmen, und zurück bleiben nur ein paar Pusteblumen, es hatte keinen Keller, keinen Boden, kein böses Geheimnis. Ich glaube, Leon ist wie dieses Haus, er ist einfach, ehrlich, er kann sich nicht verstellen, nicht anpassen, nicht lügen. Er ist wie er ist.“

Zielfahnder: Auf der Suche nach der Tupperdose

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In seiner freien Zeit streift Timo durch die Gegend, um an schwer zugänglichen Orten versteckte Mitteilungen zu finden. Er ist ein Geocacher. Er bevorzugt Schwierigkeitsstufe 5, die gefährlichste. 

© Photo: Stephan Pramme

Timo sucht das Codewort. Er ist nicht wegen der morbiden Schönheit des Gebäudes hier.

Timo Schygulla, 27 Jahre, aus Berlin-Reinickendorf, ist gekleidet und ausgerüstet wie für eine Expedition auf einen unbekannten Kontinent. Dabei streift er nur durch Brandenburger Land. Er trägt feste Schuhe und eine Hose mit vielen Taschen, in denen er seine Ausrüstungsgegenstände, GPS-Gerät, Telefon, Taschenlampe, Spiegel und feuerfeste Handschuhe, unterbringen kann. In seinem Rucksack stecken ein Wasserbeutel, aus dem er sich über einen Schlauch direkt bedient, und eine Kletter ausrüstung. Timo ist Geocacher. Er ist auf der Suche nach dem »Cache«, dem Versteck.

Geocaching ist ein relativ neuer Zeitvertreib. Gerade erlebt es einen Boom. Call-Center-Angestellte, Wissenschaftler, Verkäuferinnen, Informatiker, Rentner und Schüler sind unterwegs, um Tupperdosen in die Landschaft zu legen, mit einem Logbuch darin, in das der Finder seinen Namen und einen hübschen Spruch schreiben kann. Außer einem GPS-Gerät braucht man das Internet. Unter der Adresse www.geocaching.com werden die Koordinaten der Verstecke veröffentlicht. Dort wird auch registriert, wie oft jedes Versteck gefunden wurde und von wem. Daraus folgt das Punkte-Ranking der erfolgreichsten Cacher landes- oder weltweit. 860 000 Dosen, von fingerkuppenkleinen »Nanos« bis zu Munitionskisten, liegen auf allen fünf Kontinenten der Erde, einschließlich der Antarktis. Es ist allerdings anzunehmen, dass der prozentuale Anteil der Geocacher in Deutschland höher ist als beispielsweise in Patagonien. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Etwa 500 Geocacher streifen beispielsweise durch den Berliner Raum, schätzen Insider. Kaum noch eine Straße in der City, in der nicht unter einer Parkbank oder in einem Telefonhäuschen eine Dose klebt. Solche einfachen Verstecke sind aber nur der Anfang. »Multicaches« führen über mehrere knifflige Stationen zur Ziel-Dose, von den Cachern »Final« genannt. Der Ort, den Timo heute sucht, liegt 52 Grad, 15 Minuten und 704 Milliminuten nördlicher Breite und 12 Grad, 55 Minuten und 482 Milliminuten östlicher Länge.

Wir stehen vor der Ruine des Chirurgie-Pavillons einer ehemaligen Lungenheilstätte, im Flügel der Frauen. »Vom Eingang müssen wir 300 Meter peilen, direkt in die Mitte des Gebäudes«, sagt Timo. Unsere Schritte knirschen über Schutt und Glas. Ein langer Kreuzgang führt auf das Skelett einer zweiflügeligen, halbrunden Tür zu. Es zieht gewaltig, denn sämtliche Fenster sind zerbrochen. Links des Ganges gehen die ehemaligen Krankenzimmer ab. Die Türen wurden entfernt, weggetragen, wahrscheinlich waren sie schön, wie die Flügeltür am Ende, wie die leeren Fensterrahmen zum Park, deren Anstrich in so filigranen Blättchen vom Untergrund bricht, dass es wie ein Muster wirkt, wie feine Spitze. Die Gebäude wurden im 19. Jahrhundert gebaut. Beelitz-Heilstätten, das Sanatorium, rund 60 Kilometer südwestlich von Berlin, ist ein architektonisches und technisches Meisterwerk seiner Zeit. Nach 300 Metern befinden wir uns kurz hinter der Flügeltür, vor einem leeren Aufzugsschacht. Das Eisengitter rostet, gilbt, grünt. Der Verfall wirkt wie inszeniert. Nur noch Fragmente des geschmiedeten Geländers um den Aufzugsschacht, Blüten, Blätter und gedrehte Stäbe, sind geblieben. Sie wurden zersägt und abgebrochen. Der Aufzug hängt zwei Stock werke höher, eingerostet, wie für die Ewigkeit.

»Wichtig ist eine gute Story«, sagt Timo. Er führt Taschenlampe und Spiegel durch Entlüftungs- und Heizungsschächte und über offen liegende Rohre, um einen Hinweis auf Heinrich zu finden, der in einem der Pavillons von Beelitz-Heilstätten verloren gegangen ist. So weit die Story. Barbie & Bruettler haben den Multicache in Beelitz-Heilstätten gelegt. Geocacher arbeiten mit »Nicknames«. Timos Deckname lautet »Ultralist«. Auf www.geocaching.com ist zu lesen, dass Barbie & Bruettler in Kassel leben und seit 2006 knapp 4000 Funde gemacht haben, meist in hohen Schwierigkeitsstufen. Das Foto im Nutzerprofil zeigt eine rothaarige Schaufensterpuppe in Seidenwäsche. In einem nostalgischen Spiegel neben ihr ist der nackte Oberkörper des dazu gehörenden Schaufenstermannes zu sehen.

Nach 20 Minuten Suche schiebt sich ein Satz, mit schwarzem Edding auf ein Rohr geschrieben, in Timos Spiegel: »Woher kommt das viele Licht? Bin ich etwa noch im grünen OP? Heinrich.« Die Suche nach dem grünen OP führt durch mehrere zugige Gänge, von denen ehemalige Bäder, Toiletten und Krankenzimmer abgehen. »Ein lauschiges Plätzchen zum Vögeln« hat jemand auf die weißen Kacheln über ein Sofa gesprüht, das so aussieht, als hätte es schon mehrere Landregen aufgesogen. Das Dach des Gebäudes ist längst nicht mehr dicht. »In der Bildersafari für den großen Multi ist dieses Bild mit drauf«, sagt Timo. »Allerdings nur als Ablenkung.«

Auf keinen Fall möchte Timo sich ablenken lassen. Er nimmt die Besonderheit dieses Ortes zwar wahr, das Blut auf den blauen und rosa Kacheln, die ausgequetschten Ketchup-Flaschen in den Pfützen auf dem Betonboden, das verrostete Metallbett unter der altertümlichen OP-Lampe mit den blinden Augen, doch anders als die Fotografen und Filmleute, die in Beelitz-Heilstätten das Interieur des Schauders suchen, genießt Timo die besondere Herausforderung seines Caches. Nur das. Schwierigkeitsstufe fünf. Die höchste. Die Symbole auf der Web- site, ein Totenkopf, eine Kletterwand und eine Taschenlampe, sind die Indikatoren der Verstecke, die ihn interessieren. Wie die Figur in einem Computerspiel bewegt er sich in dem alten Krankenhaus. Glatt. Geschickt.

Timo ist Wirtschaftsingenieur, spezialisiert auf Multi-Media-Systeme, das heißt, auf die Anwendungen des Web 2.0 und Enterprise 2.0, also Blogs, Foren und Twitter. »Als Wirtschaftsingenieur hat man einerseits das technische Know-how und andererseits BWL«, erklärt er. Sein Studium hat er er folgreich abgeschlossen. Kürzlich hatte er ein Bewerbungsgespräch bei der Telekom. Es lief gut. Jetzt bereitet er sich auf die Prüfung im Accessmentcenter vor. Timo strahlt Leichtigkeit aus, die Sicherheit desjenigen, der gewohnt ist, dass ihm die Dinge gelingen. Schwer vorstellbar, dass ihm irgendwo ein peinlicher Satz entwischt. Es gibt Menschen, denen die Welt wie maßgeschneidert sitzt. Timo fährt Mountainbike, er paddelt und trainiert jetzt die Jugendgruppe seines Vereins am Tegeler See. Er löst Sudokus, hört die Nachrichten und geht zur Wahl. Seine Freundin Isabel studiert Mathematik. Geocaching langweilt sie. »Sie findet Finden schön«, sagt Timo. »Aber Suchen nicht.« Bei den Stammtisch-Treffen der Berliner Geocacher bleibt Timo alias »Ultralist« vornehm zurückhaltend. Vereinsmeierei ist ihm zuwider. Er mag keine Bier- und Weinseligkeit. Er ist am Austausch von Fakten interessiert.

Geocacher kommen aus allen Altersgruppen und Schichten der Bevölkerung. Es gibt ganze Familien, die cachen gehen, zum Beispiel der Diplomingenieur »Geolink«, seine Hausfrau »Lupini« und ihre gemeinsame Tochter »Midna«. Die Berliner »Gartenzwerge«, ein blasses, in Schwarz gekleidetes Paar, bezeichnen sich als Genusscacher. Was auch immer sie genießen, der gefährliche Multi in Beelitz- Heilstätten gehört sicher nicht dazu. »Jack Sparrow«, ein älterer Herr, der die Welt bereist und eine sagenhafte Punktezahl gesammelt hat, wird von vielen bewundert. Es gibt den Notarzt, der komplett auf einen Nickname verzichtet und sich einfach Jan Wagner nennt, als hätte er gar keine Lust, auch mal jemand anders zu sein als er selbst, und »Moenk«, den Geo-Informatiker, ein Star der Szene, ein Typ wie Timo: sportlich, sympathisch, klug und schön. Unter www.cachetalk.de betreibt er einen Podcast.

Timo hat die nächste Koordinate gefunden. Sie ist mit roter Farbe auf die Unterseite eines Fensterschenkels geschrieben. Die Spur führt hinaus aus der Chirurgie, durch den Park, zu einer gigantischen Ruine, noch immer im Flügel der Frauen. Die Ruine schiebt sich wie ein Kasten aus dem Park, rechts, links, unten und oben von Bäumen umgeben. Wir trauen zunächst unseren Augen nicht, doch dann bestätigt sich dieser erste wunderliche Eindruck: Im zerstörten oberen Stock werk des Gebäudes wachsen hohe Bäume. Ein Gang, verschüttet mit Holzbalken und Schutt, führt auf eine riesige Halle zu, deren Fenster zerstört sind, deren Fußboden von Steinen und Erde bedeckt ist, als wäre der Wald bereits erfolgreich gegen die Mauern vorgerückt. Die marode Treppe führt durch die Stockwerke hinauf in den Wald. Wie kommt ein kompletter Wald mit Nadeln, Moos, Ebereschen, Ahornbäumen und schlanken Kiefern in den vierten Stock eines Hauses? Die Treppe bricht in Höhe der Ebereschen ab. Timo hat keine Idee, wie der Wald hier rauf kam. Interessiert es ihn? Erstaunt es ihn? Gibt es überhaupt etwas, das ihn staunen macht, ihn entsetzt, auf die Palme bringt? War er jemals richtig wütend? Vertauschte Ziffern in Koordinaten hätten ihn schon verärgert, sagt Timo. Möglicherweise schleuderte die Bombe, die das Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstörte, einige Kilo Erde, ein Samenpaket, durch die Luft. Möglicherweise reichte das dem Wald aus, sich hier oben auszubreiten. Egal. Dieses Wissen wird im Multicache nicht abgefragt, ist also nicht von Belang. Hier kommt es lediglich darauf an, ein Loch im Waldboden zu finden, durch das Timo sein Kletterseil über den darunter liegenden, eisernen Balken der großen Halle fädeln kann. Im grünen Mooslicht der großen Halle, vielleicht ein ehemaliger Turn-, Fest- oder Speisesaal, in dem Vorträge über gesunde Lebensweise gehalten oder Konzerte aufgeführt wurden, legt Timo seinen Klettergurt um, befestigt zwei Reepseile an dem dicken Seil, in die er seine Füße stellt, und klettert wie auf einer mobilen Treppe unters Dach. Leicht sieht das aus. Das sind die Momente, die er an diesem Hobby liebt, Momente, in denen sein besonderes Können gefragt ist. Er muss jetzt nicht mehr suchen. Alle Rätsel sind gelöst. Er ist kurz vor dem Ziel. Er entspannt sich beim Klettern. »Es ist die Heraus forderung an Kopf und Können«, sagt er.

Als Nächstes möchte er gern den Cache auf dem Betonschiff in der Wismarer Bucht lösen. »Ich stelle mir das gut vor. Zuerst musst du da rüber paddeln, dann über die Bordwand klettern und dich drüben wieder abseilen.« Er würde auch gern mal nach Nepal reisen. »Die hohen Berge«, sagt er. »Der K2?« Er schüttelt den Kopf. Keine Extreme. Kein zu großes Risiko. Keine Besessenheit.

Wir finden Heinrich im Keller neben einer Metallkiste mit altem Röntgengerät. Natürlich keineLeiche, kein Skelett. Nur eine Tupperdose mit einem Logbuch drin. Außerdem befinden sich in der Dose ein kleines Spielzeugauto, ein leeres Jojo, ein alter Computerstecker, ein Button mit der Aufschrift »No War« und ein Geo-Coin. Diese Münzen stellen in der Szene einen Sammlerwert dar und werden nicht selten geklaut, weswegen von einigen Coins nur Kopien in Umlauf gegeben werden. Den Besitzer eines Coins kann man anhand der Ziffer über das Internet finden. Die amerikanische Firma www.geocaching.com verkauft die Geo-Coins. Die Hersteller der Münzen müssen an Groundspeak Tantiemen für die Vergabe der Nummern zahlen. Weitere Gewinne erzielt Groundspeak durch die Einnahme aus den Premium-Mitgliedschaften. Premium-Mitglieder zahlen für besondere Service-Leistungen und für die Exklusivität einiger Caches.

Wer war Heinrich? Ein langhaariger Kämpfer für den Frieden? Spielte er Jojo, um sich das Rauchen abzugewöhnen? Liebte er Autos? Wann kaufte er seinen ersten Computer? Barbie & Bruettler, die Erfinder von Heinrich, äußern sich dazu nicht. Das Spiel ist hier zu Ende, die Teile in der Dose sind zufällig. Sie bedeuten nichts.