In Lehmanns Medizinischer Buchhandlung an der Charité, eine Buchhandlung, deren Regale überwiegend mit Büchern über Knochen, Muskeln und innere Organe sowie den Beschreibungen des Verfalls derselben gefüllt sind, eine Buchhandlung mit sachlich-kühler Ausstrahlung -die meisten dieser Bücher sind in frischen Farben und dem emotionslosen Ausdruck westlicher Medizin gestaltet- empfahl mir die Buchhändlerin ein schmales Taschenbuch aus der kleinen Ecke der Belletristik. „Paradies verloren“ von Cees Nooteboom ist endlich wieder ein Buch!!! Ich hatte vergessen, was Literatur vermag. Es ist lange her, dass ich mich in einem Buch verloren habe, zuletzt passierte mir das vor einigen Jahren mit „Der Eisvogel“ von Uwe Tellkamp, das ich wegen der Schönheit seiner Sprache und der Spannung nicht mehr aus der Hand legen konnte. „Paradies verloren“ von Cees Nooteboom ist die Essenz der Poesie, das Zwischen, Über, Unter und Hinter der Geschichte, das ganze Bild, die Wahrheit, die Bilder allein nicht vermitteln können, weswegen man sich mit Bildern oft so allein fühlt. Das also unterscheidet Literatur von dem, was nur Literatur sein will. Man muss es suchen. Die Poesie versteckt sich in der Menge der Bücher. Sie ist verborgen wie Gold in einem tropischen Fluss.
Archiv für das Jahr: 2009
Die kleine Rote
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Nicola Nord ist 33 Jahre alt. Sie wuchs in Frankfurt am Main auf.
Sie liebte die DDR. Heute thematisiert die Performerin mit ihrer Theatergruppe „andcompany & co.“ den Untergang des Ostblocks und den Kommunismus
Die Reisen nach Spanien mit den Eltern gingen in Ordnung, aber das Beste waren die Sommerferien in den Pionierlagern der DDR. Nicola hatte von ihren Eltern gelernt, dass die DDR das bessere, das gerechtere Deutschland sei. Ihre Eltern waren Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei. Die Familie lebte in Frankfurt am Main.
Nicola liebte die DDR. Sie fand Thälmann-Orden schöner als Micky-Maus-Button. Die sozialistische Vita-Cola schmeckte ihr besser als Coke. Klar hat es einige Kinder im Ferienlager gegeben, die sie wegen ihres rosa Minnie-Maus-Anzuges eine Angeberin schimpften, erzählt Nicola, doch sie habe nie auch nur den geringsten kulturellen Unterschied zwischen sich und den DDR-Kindern verspürt. Mag daran liegen, dass die West-Kommunisten ihre Kinder nach den DDR-Erziehungsleitbildern erzogen, also nicht so liberal wie 68er – Eltern, erstaunlich dennoch, denn Nicola wuchs in einer freieren Gesellschaft auf. Zu Hause gingen Kommunisten aus allen Ländern ein und aus, eine Zeitlang lebten chilenische Familien in dem Haus, dass sie sich, ähnlich wie eine Kommune, mit den Familien anderer Genossen teilten. Aber nur in den Ferienlagern der DDR war sie eben ohne Ausnahme unter Gleichgesinnten. Dort waren keine Kinder, die von den Eltern angehalten wurden, nicht mit den kleinen Roten aus der Nachbarschaft zu spielen.
Nicola Nord ist 33 Jahre alt, auffallend hübsch und immer mittendrin. Inzwischen kommen die DDR-Anekdoten aus ihrer Kindheit gut an. Sie sorgen auf jeder Party für fröhliche Gesichter. Einige beneiden Nicola sogar um den Exotenbonus, besonders bei der Geschichte, wie sie Erich Honecker einmal ein goldenes Feuerzeug überreichen durfte. In jenem Sommer war sie zur Bundespionierin ernannt worden. Von allen Kindern war es Nicola, die das meiste Geld für Schulen in Nicaragua gespendet hatte, denn ihre bunt bemalten Vita-Cola-Kronkorken waren auf dem Soli-Basar der Verkaufsschlager. Ein bisschen peinlich ist ihr diese Geschichte schon. Sie will ja nicht als Streberin dastehen. Also behauptet sie, dass alle nur bei ihr gekauft hätten, weil sie so ein süßes Mädchen war. Vielleicht hatte sie auf dem Basar einfach die kräftigste Stimme.
So steht die Performerin und Theatermacherin Nicola Nord heute auf der Bühne: klein, blond und laut. In ihrem Stück „little red(play): her story“ nimmt sie das Publikum mit ins Ferienlager der DDR. Sie erklärt, wie man ein Halstuch richtig bindet, nicht mit den Enden schlaff nach unten wie der Bart von Väterchen Stalin, sondern straff zur Seite wie Lenins Bart. Meist aber rennt „die kleine Rote“ auf der Bühne gegen die Zeit. Sie muss zurück ins Jahr 2000, denn im Jahr 2000, so hat sie es im Pionierlager gelernt, wird der Kommunismus weltweit gesiegt haben. Im Jahr 2000 ist sie mit den anderen Pionieren an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz verabredet.
Nicola Nord sieht oft so aus, als wäre sie eben gerannt, auch an diesem Dienstagabend, als sie in Begleitung ihres Lebensgefährten Alexander Karschnia mit erhitzten Wangen das Restaurant „Gorkipark“ in Berlin betritt. Auf dem Weg diskutierten sie eine Idee für ihr neuestes Stück „eldederado – der letzte Sommer der Indianer“. Es wird um Western im Osten gehen, Gojko Mitic der jugoslawische „DEFA-Indianer vom Dienst“ wird darin eine Rolle spielen und Dean Reed, der aus den USA in die DDR desertierte „Cowboy“, sowie Sarah Günther, die Enkelin von Indianisten aus Bautzen. Nicola pustet die Haare aus der Stirn, während sie den Mantel abstreift. Sofort erzählt sie begeistert von Sarah Günther, der jungen Schauspielerin aus Bautzen, deren Mutter als Dramaturgin am sorbischen Theater arbeitete. Zum vierten Mal thematisieren Nicola Nord und Alexander Karschnia mit ihrer Theatergruppe „andcompany & co.“ den Untergang der DDR und des Ostblocks. Die DDR ist ihr quasi Beruf geworden. Doch was geschah in Nicolas Leben zwischen der real existierenden und der Bühnen-DDR?
Als die Mauer fiel, war sie vierzehn Jahre alt. Die Eltern und Freunde standen unter Schock. Es breitete sich das aus, was Nicola heute „das große Schweigen“ nennt, die Unfähigkeit der westdeutschen Kommunisten, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch bei Nicola saß der Schreck tief. „Noch Jahre nach dem Mauerfall fühlte ich mich durch jeden Satz, der gegen die DDR gesagt wurde, persönlich beleidigt.“ Heute durchschaut sie die Propaganda, der sie als Kind in den sozialistischen Musterfamilien und – Betrieben ausgesetzt war.
Nicola hatte Politikerin werden wollen. Nun studierte sie Film-, Theater- und Medienwissenschaften an der Goethe-Uni in ihrer Heimatstadt Frankfurt/Main. Ein Stipendium der Amsterdam School for Performing Arts führte sie und Alexander Karschnia in die niederländische Hauptstadt. Dort gründeten sie mit dem Musiker Sascha Sulimma „andcompany & co.“, eine Theatergruppe, an die sich andere Künstler und Künstlergruppen projektgebunden andocken können. In Amsterdam und New York, wo ihre Arbeit sie häufig hinführte, hörte man Nicolas Kindheitserinnerungen unvoreingenommen und mit großer Ernsthaftigkeit zu. Häufig wurde sie von Kollegen ermuntert, mit den Erfahrungen ihrer Kindheit zu arbeiten. „In Deutschland wären wir wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, ein Stück über den Kommunismus mit Nicolas Erinnerungen zu machen“, sagt Alexander Karschnia. „Dort war die Geschichte noch viel zu nah und zu blutig.“
„Little red“ wird der erste große Erfolg von „andcompany & co.“ Nicola Nord glaubt, sie habe mit dem Stück „das große Schweigen“ endlich gebrochen. Im Vorfeld der Arbeit hatte sie ehemalige DKP-Mitglieder interviewt. Weil Nicola eine von ihnen war, hatten sie eingewilligt und zaghaft von ersten Zweifeln gesprochen, die sie bereits damals hatten.
„Little red“ entsteht gegen die Bedenken von Nicolas Eltern. Es ist ein erster Schritt zum eigenen Umgang mit der Kindheit, die Nicola ihren Eltern niemals zum Vorwurf gemacht hat. Nicht radikal, noch ängstlich, dass ihre Arbeit zum Bruch mit den Eltern führen könnte, wählt Nicola Nord die kindliche Perspektive auf die Geschichte, immer wieder gebrochen durch ironische Distanz. Ideologische Unentschlossenheit flackert durch die gesamte Inszenierung. Wenn Nicola von der Angst ihrer Eltern spricht, dass ihnen im Theaterstück der Tochter die eigene Vergangenheit um die Ohren fetzen, man sich über sie lustig machen könnte, wird spürbar, wie sehr das auch noch ihre eigene Angst ist. Doch die absurde Zeitreise im Dekor der sowjetischen Dreißiger – und ostdeutschen Siebzigerjahre tut niemandem weh.
Nicola setzt die Effekte ihrer DDR-Performances genau. Sie setzt ihren Sozialismus in Szene. Sie spielt ihn. Nach dem Spiel überlässt sie Alexander das Gespräch. Von ihm kommt der intellektuelle Unterbau der Inszenierungen. Alexander Karschnia promovierte über das Theater von Heiner Müller. Die Debatten der Intellektuellen in den Anfangsjahren der DDR schmökert er weg wie andere skandinavische Krimis. Das Paar liest Heiner Müller und Brecht. Sie diskutieren Derrida. Von dem russischen Futuristen Velimir Chlebnikov ließ sich Alexander zur Idee der „time republic“, dem Nachfolgestück von „little red“ inspirieren. Dem dritten Teil „Mausoleum buffo“ ging ein intensives Studium des Stalinismus und seiner Folgen und eine Reise nach Moskau voran. Die Intensität dieser Arbeit macht die Klugheit und den eigenen Stil, und damit den Erfolg von „andcompany & co.“ aus.
Der Schmerz, Nicolas Schmerz, der auch Alexanders Schmerz ist, arbeitet mit, noch verschwiegen. Nicola zieht eine abgegriffene Plastikhülle aus ihrer Handtasche. Darin steckt eine zerfledderte Ausgabe der Zeitung „Pionier“ aus dem Jahr 1988. Das Cover zeigt Nicola mit ihrer Band „Coolkids“. Aus runden, blauen Augen blickt sie ernst in die Kamera, in einer 80er-Jahre-Bandleader-Pose, Nase nach vorn. Ein Abschiedsbrief steckt auch in der Hülle, aus dem Jahr 1990. Eine Freundin beschreibt darin detailliert ihren Abschied von der DDR, den sie am Tag der Wiedervereinigung allein mit DDR-Fahne in der Küche ihrer Eltern zelebriert.
Im vergangenen Jahr ist das Paar nach Berlin gezogen, nach Kreuzberg. Voraus gegangen war das Angebot einer dauerhaften Zusammenarbeit mit Matthias Lilienthal vom Hebbel am Ufer. In Berlin gehen sie bei Theatermachern der DDR ein und aus, für die der Traum vom Kommunismus in jenem Jahr starb, als das DKP-Verbot im Westen aufgehoben wurde und Nicolas Eltern eintraten: 1968, im Jahr des Prager Frühlings.
„Auf der Bühne bin ich Kommunist“, sagt Alexander. „Brecht sagte, dass Kunst und Kommunismus mit dem Unmöglichen zu tun haben. Deswegen habe ich in unseren Blog geschrieben: Seien wir realistisch, Genossen! Versuchen wir das Unmögliche!“
Und Nicola? Sie nickt. Vorsichtig. „In meinem Herzen auf jeden Fall“, sagt sie. Es ist ein schwieriges Geständnis. Ganz und gar nicht reif für eine typische andcompany-Performance. Noch nicht.
Die nächsten Aufführungen von andcompany & co:
Mausoleum buffo:
20.04.2009 Krakow
Cracow Theatrical Reminiscences Festival (PL)
02. + 03.05.2009 Theaterhaus Jena
crash.boom.bau.festival
Little Red:
24.+25.04.2009 Behauviour Festival, The Arches, Glasgow (UK)
29.+30.04.2009 54. Sterijino PozorjeFestival, Novi Sad (SRB)
Berliner Notiz-Blog 14. April 09
Das Feng-Shui von Berlin
Hausnummern wurden erfunden, damit man sich besser zurechtfindet, und in den meisten Städten klappt das auch ganz gut. Nicht in Berlin.
Am S-Bahnhof Friedrichstraße sprach mich gestern eine Frau an, ob ich ihr sagen könne, in welche Richtung sie zur Friedrichstraße Nummer 235 laufen müsse.
Wir gingen ein Stück in Richtung des Kultur-Kaufhauses und stellten fest, dass wir uns auf dieser Seite der Straße in den Neunziger-Nummern befinden. Gegenüber entdeckten wir die Nummern 150 und die 151. Wo aber könnte die 235 sein? In den meisten Städten befinden sich die geraden Zahlen auf der einen, die ungeraden auf der anderen Straßenseite. Man braucht im Grunde nur zwei Häuser, um festzustellen, in welche Richtung sie auf – oder absteigend verlaufen und kann dann ungefähr schätzen, wie weit es noch bis zur gesuchten Adresse ist.
Nicht in Berlin. Hier zählten die Hausnummernvergeber, nachdem sie ein Haus auf der rechten oder linken Straßenseite zur Nummer 1 erklärt hatten, auf dieser Seite einfach immer weiter bis zum Ende der Straße, und anschließend auf der anderen Seite der Straße, rückwärts weiter, so dass die Nummer 1 schließlich der größten Hausnummer gegenüber liegt. Man muss sich das wie eine Haarnadel vorstellen.
Die Friedrichstraße ist sehr lang, eine der größten Haarnadeln Berlins. Ich wusste nicht, ob sich die Nummer 1 am nördlichen oder südlichen Ende befindet. Aber selbst wenn ich es gewusst hätte, wären wir nicht weitergekommen, denn ebenso gut hätte die 235 eines der letzten Häuser auf der Seite der aufsteigenden 90er Nummern sein können als auf der linken Seite mit den aufsteigenden 150er Nummern. Jede der beiden Möglichkeiten lag einige Kilometer von unserem Standpunkt entfernt. Was ich sicher sagen konnte, war nur, dass die Hausnummer 235 wahrscheinlich zu den höchsten in der Friedrichstraße gehört. Tja. Aber diese Information brauchte die Frau nicht.
Sie hatte noch zehn Minuten Zeit bis zu ihrem Vorstellungsgespräch bei einer Firma in der Nummer 235. Sie rieb nervös die Knie aneinander. Sie trug einen kurzen, schmalen Rock. Ich fragte sie, um was für eine Firma es sich handele. Sie sagte, es sei ein Vertrieb für Kommunikationssysteme. Mein Instinkt sagte mir, dass ein Vertrieb nicht in die Nachbarschaft der Start-ups und Werbeagenturen im Norden passt, eher schon an das unschicke, südliche Ende der Friedrichstraße.
Zu Hause schaute ich nach und stellte fest, dass ich sie in die richtige Richtung geschickt hatte. Sie hatte wirklich Glück, dass ich mich so gut in Berlin auskenne.
Wer hat sich nur dieses verwirrende Nummernsystem ausgedacht, in einer Stadt, in der man sich eh immer wie kurz nach einer Explosion fühlt, weil ihre Zentren so weit verstreut liegen? Ein Feng-Shui-Experte sagte, das läge an dem vielen Wasser in der Stadt. Tatsächlich kann Berlin mehr Wasser und Brücken vorweisen als Venedig. In der City breitet die Spree ihre Arme aus. Ein Netz von Kanälen durchzieht die Stadt. Weiter draußen strömen Havel und Dahme, nicht zu vergessen die kleine Panke, die teilweise unterirdisch der Spree entgegen kollert. Das fließende Wasser, sagte der Feng-Shuist, schaffte die berlintypische Unruhe und das Chaos in der Stadt. Es erschwere die Bildung von verlässlichen Strukturen. Die Flüsse trügen das Alte unermüdlich mit sich fort und schafften ständig Neues herbei. Nichts könne sich dauerhaft an diesem Ort etablieren, keine Tradition, keine große Familiendynastie und auch kein Reichtum.
Ich vermute, dass es diese Energie des fließenden Wassers ist, die ich spüre, sobald ich am Hauptbahnhof nach längerer Abwesenheit meinen Fuß auf den Bahnsteig setze. Es ist diese Energie, die mich sofort fröhlich macht, wenn ich zurück nach Hause komme. Ich strudele im Strom der Passanten, die getrieben von Projekten und Plänen, immer gerade zu einer Beratung, einem Meeting, einer Präsentation oder Meditation hasten.
Die Berliner sind blass, schlecht ernährt und nachlässig gekleidet, aber immer voller Optimismus. Das Wasser treibt uns zu Höchstleistungen und laugt uns aus. Es ist wie eine Droge. Wenn in anderen Städten die Sperrstunde beginnt, kommt das Nachtleben in Berlin gerade erst in Gang. Dann verwechseln die Berliner ihre Tango- Salsa – und Swingnächte mit Schlaf. Am nächsten Tag wundern sie sich, warum sie müde sind. Sie haben doch nur getanzt. Aber schon am nächsten Kiosk blinken grüne und rote Pünktchen und formen das verheißungsvolle Wort: Kaffee.
Das Leben in diesem Teilchenbeschleuniger ist auf Dauer ungesund. Irgendwann, jenseits der dreißig, spürt das jeder. Die jungen Zuwanderer verlassen die Stadt wieder, sobald sie Kinder bekommen und besser bezahlte Jobs in ihren Heimatstädten. Ihren Umzug kündigen sie meist nicht an, aus Angst, dass ihre Freunde sie überreden könnten zu bleiben. Die echten Berliner hingegen reden ständig davon, die Stadt zu verlassen. Aber sie bleiben.
Kathrins Notiz-Blog 6. April 09
Expecto Patronum 2
Eben bin ich am Wasser entlang geschlendert. Ich habe den Bäumen zugehört, wie sie unsicher am Ufer wurzeln und ihre Arme dicht über dem Wasser ausstrecken. Sie suchen Halt am Himmel. Sie suchen Halt im Fluss. Sie suchen Halt aneinander. Ihre Zweige schwanken schutzlos auf dem Wasser. Ich habe alles verstanden. Sie haben nichts als ihr Holz. Die Schiffe ziehen vorüber. Auf der anderen Seite, im Kies vor den Mauerresten, eine Reihe Birken, ganz kahl noch. Mit ihrer weißen Haut sehen sie aus wie Greise. Und zwischen dem Abfall am Ufer kommen überall kleine Kirschbäume, die jetzt zu blühen beginnen.
Einmal wurde in unserem Garten eine Tanne gefällt. Es hieß, sie bedrohe das Haus. Ich habe geweint, als die Tanne fiel. Wenn ein Baum fällt, verschwindet ein Stück Magie aus der Welt. Wenn ein neuer, junger Baum nachwächst, kehrt sie zurück, doch es dauert Jahre, bis der kleine Baum die Zauberkraft der alten erreicht.
Im Nachbargarten stand eine riesige Birke. Sie ist eine der liebsten Freunde aus meiner Kindheit. Sie beschützte mich. Eine Zeitlang hatte ich Angst. Auch sie sollte gefällt werden, weil ihre Blüten immer zu uns herüber wehten. Meine Mutter schimpfte auf die Blüten und den Ostwind. Aber sie wollte nicht, dass ich wieder weine. Die Erinnerung an die weichen Zweige der Birke reicht für einen starken Patronus-Zauber. Sie steht noch immer im Nachbargarten. Jedes Jahr lädt sie den Staub ihrer Träume bei meinen Eltern ab, wenn der Sommer beginnt. Und der Ostwind ist noch immer pünktlich.
Der Amateur

Dies ist die Geschichte zu einer Annonce, die ich in Zitty fand: Amateurdarsteller/innen gesucht für Poesiekunstfilme. Keine Gage, interessante Mitarbeit und Spass. Harald
Zur Filmvorführung in die Z-Bar sind einige junge Frauen und zwei ältere Männer gekommen. Die jungen Frauen haben in dem Film mitgespielt. Die Männer sind langjährige Beobachter der Filmprojekte des 74jährigen Künstlers Harald Budde. Sie verpassen keine seiner Aufführungen.
Harald Budde trägt eine karierte Schirmmütze, die er den ganzen Abend nicht absetzen wird. Darunter fließt sein gutmütiges Gesicht auseinander. Er raucht eine Zigarre. Der Künstler und sein Publikum haben sich um den hintersten Tisch der Bar versammelt. Budde behält die Eingangstür im Auge. Ein paar Minuten möchte er noch warten. Drei Stunden wird sein neuester Film dauern. Das ist die übliche Länge. Eine Pause ist nach dem zweiten Rollenwechsel vorgesehen. In keiner Zeitung, auch nicht auf der Website der Z-Bar, wird das Ereignis angekündigt. Das ist Teil von Buddes Konzept. Er hält ein Streichholz unter seine erloschenen Zigarre. Die Spitze blakt. Er saugt. Rauchwölkchen steigen ihm ins Gesicht. Als das Zündholz abgebrannt ist, geht auch die Zigarre wieder aus. „Tolstoi hat gesagt: Wenn man mit seiner Kunst auch nur eine Person tief berührt, hat man alles erreicht.“
Harald Budde ist Amateur. Als junger Mann begann er mit der Kamera zu experimentieren. Er schrieb Drehbücher und Dramen und fiel früh durch seine Begabung auf. Doch Zeit seines Lebens hat er jegliche Professionalisierung seiner Kunst vermieden. Er wird nicht müde, Universitäten und Akademien als Verstümmelungs-Anstalten der Individualität und Originalität anzuprangern. Die Frauen, mit denen er arbeitet, und von denen seine Filme handeln, kennt er seit vielen Jahren. Es sind Frauen, wie man sie täglich auf der Straße sieht, Frauen, deren Schönheit ins Auge fällt und andere, deren Schönheit sich erst aufschließt, wenn man sie wie in Buddes Filmen, lange betrachten darf. Sie tanzen. Sie zerpflücken Blüten. Sie schwenken Zimmerlampen vorm Balkon. Sie sitzen auf einem Sofa.
Es kommen immer neue Frauen dazu. Budde braucht Nachschub. Jeden Monat produziert er drei Stunden Film. Konsequent. Eigentlich suche er händeringend auch Männer, obwohl ihm die Arbeit mit Männern schwerer falle, weil Männer nicht einfach so spielen könnten wie Frauen. Immer versuchten sie, etwas darzustellen, aber darum ginge es in seinen Filmen eben nicht.
Doch es melden sich eh wieder nur Frauen auf seine Annonce, unternehmungslustige, neugierige Frauen und Frauen wie Lucile, die spielen möchten, so oft sich die Gelegenheit ergibt. Die dreiundzwanzigjährige Lucile kommt aus Aix-en-Provence und lebt jetzt seit anderthalb Jahren in Berlin. Den Bachelor für Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und französische Philologie hat sie in der Tasche.
Schon in Aix-en-Provence hat sie neben dem Studium am städtischen Theater gespielt. Die Theaterprojekte haben sie so in Anspruch genommen, dass sie das Studium am liebsten abgebrochen hätte, aber die Eltern waren dagegen. Sie hat es eingesehen. Es ist wichtig, wenigstens einen Abschluss in der Tasche zu haben, findet sie. Nun ist ihr klar geworden, dass das Spielen das Wichtigste in ihrem Leben ist. Jetzt ist es fast zu spät. An der Universität der Künste sagte man ihr, dass sie für die Ausbildung schon zu alt sei.
Lucile wärmt ihre Hände an einem Teeglas. Sie trägt große, silberne Ohrringe, so leicht, dass sie sich immer wieder in dem schulterlangen Haar verheddern. Heute Abend sieht sie das erste Mal einen Film von Budde.
Nach dem Film ist ihr klar, dass sie unbedingt mit ihm drehen möchte. Sie schwärmt von der Poesie dieser Bilder, dem anderen, behutsamen Blick auf die Frauen. Wenige Tage später besucht sie den Filmemacher.
Harald Budde lebt mit seinen Puppen Mirabelle und Jasmin2 in einer winzigen Wohnung am Görlitzer Park. Auf dem Arbeitstisch am Fenster stapeln sich die Päckchen der Super-8-Filme neben einem Projektor, dessen Monitor nicht größer als eine Lese-Lupe ist. Damit sichtet Budde das Material und schneidet. Regale und Tische sind überfüllt mit grauen Filmrollen und Plastiktüten, in denen er die Filme nach Darstellerinnen sortiert hat. In der Mitte des Raumes häufen sich Dinge, die er irgendwo fand und ihrer Poesie wegen mit nach Hause nahm. Seine große Liebe, Jasmin2, die Puppe mit dem hängenden Augenlid, die in jedem seiner Filme mitspielt, rettete er aus einem Müllcontainer. Schon als kleiner Junge hat er mit Puppen gespielt, die Puppen auch mit in die Schule genommen. Damals in der Nazizeit fand das keiner niedlich.
Budde führt Lucile durch sein Atelier. Er zeigt es gern. Er findet, dass es die Radikalität seines Lebens unterstreicht. Was immer er tat, er tat es niemals des Geldes wegen. Jahrelang lebte er von Arbeitslosengeld, nun von einer kleinen Rente. Er holt die Kamera aus dem Küchenschrank, setzt die karierte Mütze auf und beginnt sofort im Treppenhaus zu drehen. Lucile ist nicht darauf vorbereitet. Eigentlich ist ihr ein Anfang, auf den man sich wie im Theater vorbereiten kann, lieber.
In den Filmen von Harald Budde wird nicht gesprochen. Lucile kann einfach spielen. Sie treten auf die breite, belebte Straße. Lucile hat sich während der Filmvorführung in der Z-Bar gefragt, was Budde wohl für Regieanweisungen gibt. Gar keine. Sein Konzept sieht absolut authentische Filme vor. Er sagt nur: „Tu, was du willst. Spiele.“ Lucile, die bereits Hauptrollen im Theater hatte, steht auf der Straße zwischen all den Leuten und weiß nicht, wie man das macht: Spielen. „Tanze“, schlägt Budde vor. Lucile versucht zu tanzen. „Ich habe nicht die richtigen Schuhe an“, sagt sie. Sie findet Schuhe sehr wichtig für einen Schauspieler. „Er wechselt die Schuhe, bevor er die Bühne betritt. Das ist für ihn eine wichtige Handlung.“ Budde zieht einen roten Schleier aus seiner Anoraktasche, doch das ist Lucile zu konventionell. Schließlich entdeckt sie auf der anderen Straßenseite eine Mauer mit Graffiti.
Lucile tanzt vor der Wand mit den Graffitis. Sie fühlt sich plötzlich ganz leicht. Sie spielt. Sie nimmt die Passanten wahr, die vorüber gehen, aber sie stören sie nicht. Die Befangenheit ist vorüber. Sie berührt die Wand, schmiegt sich daran. Sie spielt wie als Kind in der Provence, als sie jeden Nachmittag etwas Neues erschuf, ein Theater aus einem Schuhkarton, Marionetten, und sie ihrem Zimmer jede Woche neue Namen gab, es immer wieder neu gestaltete und die Mutter manchmal genervt davon war.
Harald Budde ist von der letzten Szene begeistert. Trotzdem: Lucile entspricht nicht ganz seinem Anspruch. Sie ist keine Amateurin mehr. „Es ist schwierig mit ihr“, sagt er nach den Dreharbeiten. „Man merkt, dass sie in einer Theatergruppe spielt. Wahrscheinlich ist sie schon an Regieanweisungen gewöhnt.“
Wie ist es für ihn, mit so vielen attraktiven Frauen zusammen zu arbeiten, sie in Situationen zu führen, in denen sie sich preisgeben? „Ich bin froh, beim Drehen in einer Distanz zu sein, ich bin sehr misstrauisch. Ich habe viel erlebt. Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, sind Borderlinerinnen.“ Woher er das wisse? „Ich spüre das.“
Außerdem seien seine Puppen Mirabelle und Jasmin2 sehr eifersüchtig. Jedes Mal, wenn er von einem Dreh nach Hause kommt, sagt er deshalb: Keine Gefahr. Nur einmal sei Gefahr im Verzug gewesen. Das habe er seinen Puppen auch gestanden.
Am 6. und 30. April, jeweils um 21:00 Uhr läuft sein neuester Film „Romantica Nostalgica oder: Warten auf Cocteau“ in der Z-Bar. Darin wird auch Lucile zu sehen sein.