Archiv Dezember 2010

Grazy

Shirat Isaak kam nach Berlin, um den Weg ins Internationale Musikgeschäft zu finden


© Foto Stephan Pramme

Shirat Isaak läuft den Kurfürstendamm hinauf. Sie ist auf dem Weg nach Hause. Ihr Gang wirkt trotz des sperrigen Gitarrenkoffers leicht. Der kühle Wind bläst das Haar aus ihrem Gesicht, so dass es noch schmaler wirkt. Es ist ein Gesicht, das die Blicke auf sich zieht, obwohl die junge Israelin eine zurückhaltende Erscheinung ist, ungeschminkt und so einfach wie die Musik, die sie schreibt: eingängige Songs zwischen Folk und Rock. Aber ihre unbedingte Natürlichkeit fällt auf, weil sie so verletzlich scheint.

Als die dreißigjährige Künstlerin von ihren Plänen spricht, wird klar, dass diese Natürlichkeit nichts ist, was ihr durch ein behütetes Leben bis heute erhalten blieb, sondern ein Charakterzug, den sie zu schützen und zu verteidigen weiß.

Vor vier Monaten ist sie von Tel Aviv nach Berlin gezogen. Sie hatte gehört, dass Berlin die europäische Stadt ist, die jungen Künstlern auf dem Sprung in eine internationale Karriere die besten Bedingungen bietet: noch offene Strukturen, bezahlbare Lebens – und Arbeitsräume und die Präsenz großer und kleiner Musikunternehmen, die sich in den letzten zehn Jahren in der Stadt an der Spree ansiedelten. Nach einer Testphase von zwei Monaten steht für die Künstlerin fest, dass sie bleiben wird. „Ich habe in dieser kurzen Zeit viel mehr Leute getroffen, die sich für das, was ich mache, interessieren, als in Israel in mehreren Jahren.“ Ihre Auftritte im Café Bialik in Tel Aviv waren beliebt, aber sie genügten ihr nicht mehr. Die abgestoßenen Ecken des schwarzen Gitarrenkoffers erzählen von Auftritten an wechselnden Orten, von engen Clubs mit rauen Fußböden, voll gepackten Kofferräumen, vom Hin und Her des Künstlerlebens, von lange geprobten und spontanen Konzerten.

Das Mädchen aus der kleinen Siedlung Karnei Shomron im Westjordanland, Tochter orthodoxer Juden, brachte sich das Gitarrespielen selbst bei, brach ihr Architekturstudium mit 22 Jahren ab und finanzierte ihr Leben als Musikerin fortan mit Jobs in Musikgeschäften und – Verlagen, Agenturen und Radiostationen. Sie traf dabei auf erfahrene Kollegen, die ihr rieten, nicht aufzugeben. Der Umzug nach Berlin ist der vorläufige Höhepunkte dieses Weges. Ihre Eltern unterstützen die Entscheidung.

Ein Freund hat ihr die kleine Neubauwohnung am oberen Ende des Kurfürstendamms für den Beginn des Berlin-Experiments zur Verfügung gestellt. Der Raum ist wie ein Hotelzimmer mit dem nötigsten ausgestattet. Die Gitarre bekommt einen Platz neben dem Bett. Shirat Isaak klappt den Laptop auf. In Berlin ist sie zunächst eine von vielen jungen Künstlern, die auffallen möchten. Sie hat ein ganzes Debütalbum im Gepäck, das sie endlich produzieren will. Sie schaut sich nach neuen Musikern um, mit denen sie in Zukunft zusammen arbeiten kann. In Tel Aviv hatte sie eine sechsköpfige Band. „In Israel ist der Markt sehr klein. Du musst schon ein Star sein, bevor sich ein Label überhaupt für dich interessiert. Du musst ein großer Schauspieler sein, eine große Sängerin und ein Model obendrein. Aber ich will mich auf meine Musik konzentrieren.“ Ihre musikalischen Vorbilder sind John Frusciante, Bernard Butler und Amy McDonald.

Den Eindruck von Introvertiertheit bestätigt das Video zu dem Song „Grazy“, das auf Youtube zu sehen ist. Er stammt aus der Feder ihres Freundes David Swirsky. Das Lied scheint wie für sie gemacht. Begleitet von einem satten Gitarrensound singt Shirat Isaak mit warmer, voller Stimme von Trennung und der „Verrücktheit“, aus dem gewohnten Leben auszubrechen und einen neuen Weg zu finden. „Evrything looks different from the other side“, heißt es darin. Wie hat der Sprung nach Berlin ihren Blick verändert? Sie sei mit der europäischen Kultur durch ihr Elternhaus sehr verbunden, sagt Shirat Isaak. Als Kind habe sie sogar einige Jahre in Schweden gelebt. Ihr Vater hatte eine Zeitlang dort gearbeitet. Er vermittelt Gastspiele israelischer Künstler in jüdische Gemeinden in Europa und bringt europäische Künstler nach Israel. Shirat Isaak war zehn Jahre alt, als die Familie nach Skandinavien ging, zugleich die Heimat ihres Vaters. Er ist Anfang der Fünfzigerjahre in Dänemark geboren worden, wohin seine Eltern vor den Nazis in Deutschland geflüchtet waren. „In Israel haben mich viele gefragt: ‚Wie kannst du nach Deutschland gehen? Hast du vergessen, was geschehen ist?’ Auch meine Eltern. Auch sie sind vom Holocaust betroffen. Ich habe die Geschichte nicht vergessen, aber ich weiß, dass Deutschland sich verändert hat. Es gibt andere Dinge, die mich interessieren, zum Beispiel, dass Berlin eine wichtige Stadt für Musiker aus aller Welt geworden ist.“

Viele Leute erzählen Shirat Isaak, dass sie Bescheid wissen, dass sie in der Schule alles über den Holocaust gelernt haben. „Ich habe das Gefühl, sie warten darauf, zu hören, dass ich ihnen verzeihe“, sagt sie. „Aber ich bin nicht deswegen nach Berlin gekommen. Wenn ich erzähle, dass ich Musik mache, dann kommen wir ganz schnell zurück in die Gegenwart und zu anderen Themen.“ Nach der zweimonatigen Berliner Probezeit ist sie noch einmal nach Hause, nach Israel gereist. Sie kam als Gast, als jemand, der seine Heimat bereits von der anderen Seite aus betrachtet. „Es hat mir sogar Spaß gemacht, über das Wetter zu reden. Ich sagte: Bei uns in Berlin ist es viel angenehmer als hier, nicht so heiß.“

Shirat Isaak sucht jetzt Arbeit, was nicht einfach ist, da sie noch kein Deutsch spricht. Die Arbeitssuche beansprucht einen großen Teil ihrer Zeit. Sie sucht im Internet und auf ihren Stadtspaziergängen. Warten und Schauen, so könnte man ihre jetzige Beschäftigung beschreiben. Ihr Debütalbum hat sie verschiedenen Labels vorgestellt. Einige signalisierten Interesse, aber noch ist nichts geschehen. Die kurze Zeit in Berlin wirkt sich aber schon belangvoll auf ihre Arbeit aus. Sie hat neue Songs geschrieben und an ihrem Stil gearbeitet. „Ich möchte das Folk-Element stärker betonen und insgesamt nachdenklicher und zurückhaltender im Ausdruck werden.“ Klingt, als hätte sie ein Stück mehr zu sich selbst gefunden.

Ich lebe auf einer Insel

Der Schriftsteller Artur Becker, geboren in Polen, lebt seit 25 Jahren in Deutschland, ist immer noch hin – und hergerissen und hat den Plural für Zuhause erfunden: Zuhäuser

Es ist ein Montagmorgen. Der Schriftsteller Artur Becker steht in seiner Küche vor der Espresso-Maschine und schaut zu, wie der Kaffee in die Tasse tröpfelt. Seine Frau ist zur Arbeit gegangen. Der sechzehnjährige Sohn hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen. »Sieht nicht so aus, als würde ›Der Lippenstift‹ ein Bestseller werden«, sagt Becker. »Der Lippenstift meiner Mutter«, sein neuester Roman, ist in diesem Herbst erschienen. Artur Becker erzählt darin von seiner Kindheit in dem ostpolnischen Städtchen Bartoszyce, das im Buch den Namen Dolina Roz trägt.

Vorhin hat er im Internet einen schmalen Verriss seines Romans in einer großen Tageszeitung gelesen. Der Kritiker schreibt, Beckers Romane seien Kitsch. »Wissen Sie, ich habe seit Jahren das Gefühl, ich lebe auf einer Insel«, sagt er. Der Schriftsteller Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren. Seit fünfundzwanzig Jahren lebt er in Deutschland, in Verden an der Aller, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen.

»Der Eskapismus«, sagt er. »Es ist richtig. Ich fliehe in meinen Büchern vor der Wirklichkeit. Das hat mit dem Verlust der sogenannten Heimat, der Kindheit und Jugend zu tun. So kommen meine Bücher zustande, und doch glaube ich wie Isaac B. Singer, Welten retten zu müssen, die es nicht mehr gibt.«

Im letzten Jahr erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, mit dem Autoren geehrt werden, die auf Deutsch schreiben, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Deutsch zu schreiben war eine schwierige, eine existentielle Entscheidung für Artur Becker. Er traf sie nur vier Jahre nach seiner Einreise. Er hatte bereits in Polen Gedichte und Essays veröffentlicht. Aber als er 1985 sechzehnjährig nach Deutschland ging, war er noch zu jung und unbekannt, um daran anknüpfen zu können.

Erzählen musste er. So blieb ihm nur, sich in der deutschen Literaturszene zu etablieren. »Ich wollte ein polnischer Dichter werden«, sagt er. »Ich wollte nicht nach Deutschland. Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich war wütend auf die Verhältnisse in Bartoszyce, auf den hässlichen Sowjetismus und den  primitiven Katholizismus in der Provinz. Ich fühlte mich als Rebell, als Rockstar und war gleichzeitig sehr glücklich. Mein Mädchen lebte in Poznan.« Das Mädchen aus Poznan, Magdalena, folgte Becker einige Jahre später nach Verden an der Aller und ist heute seine Frau. Sie arbeitet als Pädagogin für behinderte Kinder. Immer wieder wird Becker gefragt, warum er nicht in ein literarisches Zentrum Deutschlands geht, nach Berlin oder nach Frankfurt. Doch er will hier nicht weg. »Ich bin so viel unterwegs«, sagt er. Da ist es praktisch, dass er in Verden gleich am Bahnhof wohnt. Seine Eltern leben auch hier. Seine Mutter gab an der Volkshochschule Polnischunterricht. Sein Vater arbeitete in der Firma seiner deutschen Verwandten. Hier und im nahen Bremen, wo Becker Slawistik und Germanistik studierte, wuchs er in die literarische Szene, hielt er seine ersten Lesungen. Der Bremer STINT-Verlag gab Gedichtbände und seinen ersten Roman »Dadajsee« heraus, der prompt den Preis des Deutschen Schriftstellerverbandes gewann. Mit seinem ersten Lektor Bernd Gosau aus dem STINT-Verlag verbindet ihn bis heute eine enge Freundschaft. Die Band »Les Rabiates« hat seine Lyrik vertont.

Becker spricht längst nicht mehr über den Schmerz, den ihm die deutsche Sprache anfangs bereitet hat. 1998 schrieb er im Gedicht »Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle«: »Weil ich in dieser gottverfluchten Sprache schreiben muß / In dieser scheiß Sprache gottverdammten Sprache … In dieser Frikadellen Pommes Bratwurstbudensprache / In dieser Wörter Wörterbuchsprache / Dich ich so hasse hasse hasse …«

Artur Becker ist inzwischen angekommen im Literaturbetrieb der Deutschen und kann als »Pole vom Dienst« über Nacht Essays liefern. Wenn der seltene Fall eintritt, dass die Tagesschau über das Nachbarland Polen berichtet, sind die Kommentare von Artur Becker in den Medien gefragt. Er äußert sich zu Polen und Erika Steinbach, zu Polen und der deutschen Regierung, zu Polen vor den Wahlen und zum Flugzeugabsturz von Smolensk. Kürzlich diskutierte er im ZDF-Nachtstudio mit anderen Gästen über die kulturelle Entwicklung Osteuropas.

»Es ist bestimmt so, dass ich eine Rolle angenommen habe und spiele«, sagt er heute. »Manchmal ist es, als ob ich ein T-Shirt mit dem polnischen Adler trage und damit durch die Gegend laufe, ein anderes Mal halte ich mich für einen guten Repräsentanten der Bundesrepublik, der für diese moderne, kunterbunte Gesellschaft steht.«  Mit Handkuss und Anreden wie »Verehrteste« spielt er den großbürgerlich-liberalen Polen. Von wegen T-Shirt: Becker ist einer der letzten Intellektuellen, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Krawatte zu besichtigen ist. An der rechten Hand trägt er einen silbernen Siegelring mit dem polnischen Adler. Seine Frau hat ihn als kleinen Provinzler beschimpft deswegen, der sich mit diesem Kitsch groß tun müsse. »In der Ukraine kam ein junger Mann nach einer Lesung und warnte mich, ich könne auf dem Heimweg verprügelt werden. Und einmal hat mich eine Frau in einem Café gefragt, ob ich adliger Abstammung bin.« Er streckt seine Hand aus, blickt auf den Ring. »Übrigens würde ich Ihnen empfehlen, Silber immer in Polen zu kaufen. Es ist dort billiger als in Deutschland und, wie ich finde, besser verarbeitet.«

Der deutsche Dichter mit dem polnischen Adler auf der Hand – wo ist er zu Hause? Was ist seine Identität? Er fühle sich ganz klar als Pole, sagt er. Durch und durch. Mit seiner Frau und Sohn Philip spricht Becker polnisch. Deutsch, findet er, taugt weder für das Schlafzimmer noch für die Küche. Es ist seine Dienstsprache. Von seinem Schreibtisch in der Diaspora aus treibt Becker Wurzeln in die polnische Literaturgeschichte, zu Czeslaw Milosz, Bruno Schulz und Isaac B. Singer. Dort, in der Landschaft der Masuren und in den Armen von Magdalena ist er zu Hause. Der Schreibtisch steht nach wie vor im Exil. Becker besteht auf dem Wort Exil, da es die politischen Verhältnisse gewesen seien, die seinen Eltern das Leben in Polen unerträglich machten. Nach jeder Deutschlandreise sei der Vater vom Geheimdienst verhört worden. Auch die Mutter, die in Danzig studierte und Freunde unter den polnischen Dissidenten gehabt habe, hätte mehr und mehr unter Druck gestanden, so dass der Weg nach Deutschland, wo der Vater Verwandte hatte, schließlich unausweichlich geblieben sei.

Wie geht das: polnisch fühlen und deutsch schreiben? »Das geht eigentlich nicht«, sagt Becker, als würde es ihm heute Morgen in der Küche zum ersten Mal klar. »Das geht überhaupt nicht. Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser …« Er blickt kurz fragend auf. »Sagt man so?« Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes »Zuhause« erfindet? »Unsere Zuhäuser sind so fragil geworden. Selbst wenn jemand nach 1989 in Plauen geblieben ist oder in Cottbus, ist er mit einer neuen Identität und Wirklichkeit konfrontiert. Er hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Natürlich ist mein Zuhause in Deutschland. Aber ich habe auch ein Zuhause in Masuren.« Immer wieder taucht in Beckers Romanen der Pole aus Masuren auf, der nach Deutschland ging, nach Bremen.

Der Erzähler Artur Becker lässt die Gesellschaft an seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identitätssuche teilhaben. Er bedient sich fiktiver Figuren, um seine existentiellen Fragen zu behandeln. Immer wieder stellt er die Frage: Was ist ein Pole? Was ist ein Pole heute in Deutschland, in Europa? Wer bin ich? Seinen letzten Studienaufenthalt in Venedig nutzte er, um zu lesen, was berühmte Italiener über die Polen gesagt haben und zitiert jetzt gern Casanova. »Er hat sehr richtig festgestellt, dass die Polen talentierte, gebildete Menschen sind, aber Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Linie zu finden, wenn es um wichtige Dinge geht.«

In seinem siebten Roman nun also, »Der Lippenstift meiner Mutter«, zeigt Becker die sonderbaren Bewohner des Städtchens Dolina Róż aus der Sicht des fünfzehnjährigen Bartek, der dort aufwächst. Damit nicht wieder alle wie bei den vorangegangenen Romanen fragen, wie autobiografisch das Ganze nun sei, erklärt Becker gleich zu Beginn des Buches, dass dies kein autobiografischer Roman sei, obwohl man lebende und verstorbene Personen aus der Umgebung des Dichters wiedererkennen mag. Trotzdem haben wieder alle gefragt. Denn Becker verheimlicht nicht, dass ihm seine Heimat, das ostpolnische Städtchen Bartoszyce, als literarische Vorlage diente.

Vor seiner Lesung im Deutschen Theater in Berlin sagt Becker: »Als ich anfing, über Masuren zu schreiben, entdeckte ich immer mehr, von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, immer neue Geschichten und dachte: Das alles muss noch erzählt werden. Wer erzählt es sonst?« Die Handlung des Romans bleibt jedoch  auf den unspektakulären Provinzalltag beschränkt. Obwohl die Geschichte Polens in Dolina Róż immer präsent ist, bleiben die aufregenden Entwicklungen der Achtzigerjahre, in denen »Der Lippenstift meiner Mutter« spielt, leider bedeutungslos, selbst für die Jugendlichen.

»Sicher ist meine Sprache ganz anders als die von zeitgenössischen Muttersprachlern.« Becker hält inne. Angesichts seiner Literatur ist nicht ganz klar, in welche Richtung dieser Satz zielt. »Wobei immer wieder gesagt wird, was für ein geschliffenes Deutsch ich spreche …«Selbst nach dem Chamisso-Preis bleibt eine Spur Verunsicherung. „Sie meinen: Sehr eigensinnig, das Ganze. Absurd vielleicht im Sinne der polnischen Erzähltradition von Mickiewicz, Gombrowicz und so weiter?“

Kein geschliffenes Deutsch ist es, dass Becker spricht. Er redet schnell und gewandt, mit einem polnischen Akzent, der nach Genuss und Spiel klingt. Er liest mit rundem Rücken und rundem Bauch, die welligen Haare aus dem runden Gesicht gestrichen. Nur seine starken Brauen sind nicht rund. Sie zucken wie spitze Zirkumflexe in die Stirn, wenn er über sein Lieblingsthema, die polnische Geschichte, referiert. Es ist Deutsch in Öl.

»Ich bin auf jeden Fall mustergültig integriert.« Er sagt das ganz im Ernst, obwohl man es für Zynismus halten könnte, wenn ein Intellektueller, der täglich die deutsche und polnische Presse liest, ein Slawist und Deutschland-Kenner, ein Germanist und Polen-Kenner, also ein Glücksfall für dieses Land, eine Phrase auf sich bezieht, mit der andere sich anmaßen, Gemüsehändler und Taxifahrer zu bewerten.