Archiv 2010

Kathrins Notiz-Blog 28. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

„Du hast nicht angerufen. Ich dachte, es würde dich interessieren, was für eine Note ich habe. Aber du hast nicht angerufen.“

Leon blickte nicht von seiner Arbeit nicht auf. Er montierte ein Schutzblech. Er trug eine geringelte Wollmütze über den Locken. „Doch“, sagte er. „Ich wollte es wissen. Ich habe auf dich gewartet.“ Er zog eine Mutter langsam fest. Dann setzte er den Schraubenschlüssel an der nächsten an.

„Hast du nicht“, schrie ich. „Wenn man auf jemanden wartet, dreht man die Heizung auf, zündet Kerzen an und kocht etwas.“ Ich sprang von der Werkbank, floh ins Haus, verletzte mich an der Pedale eines Rennrades von dem Kunden, der gerade den Hof betrat, aber das sah ich erst später. In diesem Moment fühlte ich nichts. Mein Weinen klang wie ein Lachen. Wenn das Weinen wie ein Lachen klingt, fühlt man nichts mehr. Meine Teetasse lag zerbrochen in der Garage. Ich warf die Wohnungstür hinter mir zu und dann blieb die Zeit stehen.

„Was ist los?“ Leon stand in der Tür.

„Lass mich in Ruhe.“

„Ich möchte mit dir reden“, sagte er.

Jedes an mich gerichtete Wort, erst recht seine Berührung, waren unerträglich. „Geh weg.“

Ich saß in der Küche auf dem Fensterbrett, zusammen geschnürt wie ein Päckchen. Ich musste den ganzen Nachmittag so gesessen haben, denn als ich ruhiger wurde, kroch der Abend in den Hof. Ich schaute nach unten. Die Garage war verschlossen. Leon war nicht da.

Ich wusch mein Gesicht und setzte mich vor den Fernseher. Ich wusste nicht mehr, was ich sah. Es war unwichtig. Später kam Leon und stellte eine Gepäcktasche in die Küche und packte aus: Spaghetti, Parmesan, Sardellen, Kapern, Oliven und Petersilie. „Na komm“, sagte er. „Wir kochen.“ Und setzte den großen Topf mit Wasser auf. Ich zerdrückte die Sardellen und Kapern auf einem Teller und schnitt die Oliven und die Petersilie.

„Ich habe eine Eins bekommen“, sagte ich.

Kathrins Notiz-Blog 26. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

In Westkreuz drängte eine Frau mit einem dünnen, weit ausgeschnittenen T-Shirt in den Regionalexpress aus Potsdam. Über dem Shirt trug sie einen offenen, glänzenden Blouson. Fünf Grad Außentemperatur, und sie war gekleidet wie im Sommer. Ihr dünnes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie hielt eine geöffnete Cola-Flasche in der Hand. Ihr Körper quoll teigig aus dem Dekolleté. Unter dem Shirt zeichneten sich Fettröllchen ab. Hatte sie keine Zeit mehr gehabt, sich anzuziehen? War sie geflüchtet? An der gleichen Haltestange klammerte eine andere Frau in einer lila und grau karierten Winterjacke. Ihre Schultern waren starr, das Gesicht unbewegt, die Lippen farblos. Wie war sie zu dieser Jacke gekommen? Die Jacke war neu. Hatte sie irgendeine Jacke gekauft, die erstbeste, weil sie nicht gern in Mode-Geschäfte ging? Oder hatte sie die Jacke in einem Discounter aus dem Container gezogen und in ihren Einkaufswagen gelegt? Ein älterer Mann mit braunen Zähnen fragte eine junge Frau, deren schwarze Haare bis zum Po reichten, ob das jetzt Charlottenburg sei. Sie nickte, freundlich. Ich betrachtete sie, ihre schwarze Kleidung, das schwarze Haar, die grauen Kunstlederstiefel. Wurde sie von jemandem geliebt?

Am Alex stieg ich aus wie immer, trieb im Strom der müden Leute zur U-Bahn. Meine Schuhe waren staubig. Meine Gedanken fühlten sich an wie hinter schmutzigem Glas. Ich war erschöpft, ein leerer Brunnen in der Sahara, in dem der Wind den Sand aufwirbelt. In den letzten Nächten hatte ich eine Hausarbeit geschrieben und ein Modell des Optikerladens gebaut. Ich hatte eine Eins bekommen. Das Glück darüber stieß von innen gegen meine schlaffe Haut. Erst das Glück machte mir bewusst, wie leer meine Hülle um mich hing. So weich vom Glück und der Müdigkeit taumelte ich zwischen den Leuten, die schubsten und drängten, hin und her. Ich hatte Hunger.

Die Wohnung war kalt. Die Küche sah genauso aus wie ich sie am Morgen gegen sechs verlassen hatte. Auf dem Tisch lagen noch die Schnipsel meiner Nachtarbeit. Der Kühlschrank war leer bis auf einen Rest Butter, eine angefangene Packung Milch und eine halbe Zitrone auf einem Teller.

Aus der Garage im Hof sickerte blaues Licht. Leon war wieder vor dem Computer eingefroren und hatte vergessen, seine Schreibtischlampe anzuschalten. „Nichts“, sagte ich. Das Wort verschwand hinter der Tapete wie ein Schwarm Kakerlaken. Ich wickelte den langen, violetten Wollschal wieder um meinen Hals und verließ die Wohnung. Ich schlich die Straße hinab. Als Jolanda noch klein war, hatte ich manchmal befürchtet, eines Tages eine Bettlerin zu sein, obdachlos. Jetzt war es soweit. Es war nicht so schlimm wie ich gedacht hatte. Ich war eine Bettlerin, die eine Eins bekommen hatte.

Im Spätverkauf an der Ecke trank ich einen Tee und rief Sören an. Er begann sofort zu weinen. Wir verabredeten uns für die Nachtvorstellung im Kino, zwei Obdachlose, die ein Asyl gefunden hatten. Ich streichelte seine Hand. Er lehnte an meiner Schulter. Zwischen unseren Beinen stand ein Eimer Popcorn.

„Du wirst dich wieder verlieben“, sagte ich. „Wetten?“

„Nie mehr“, sagt er so entschieden ernst, dass ich ihm glaubte und Angst bekam.

„Ich habe eine Eins bekommen“, sagte ich.

„Jolanda hatte nur noch diesen dämlichen Abiball im Kopf. Was interessiert mich der Abiball? Als wäre der Ball ihr Leben.“

„Vielleicht war er zu dieser Zeit ihr Leben?“

„Klar, Jakob saß im Komitée.“

„Du hättest ein bisschen an ihrem Leben teilhaben sollen.“

„Blieb mir ja nichts anderes übrig. Sie hat jeden Abend ne Riesenwelle gemacht.“

„Sie wollte dein Mitgefühl provozieren.“ Ich schluckte die Tränen hinunter.

„Mitgefühl? Mit jemandem, der den ganzen Tag im Café gesessen, geraucht, gekichert und geflirtet hat?“

„Es ist doch auch anstrengend, so einen Ball zu organisieren. Sie hat es für euch alle gemacht.“ Die Tränen liefen jetzt wie Bäche über meine Wangen.

„Dieser Scheißball hat mein Leben zerstört.“ Sören klappte schluchzend wie ein Taschenmesser zusammen.

„Nicht weinen“, schluchzte ich. „Ist ja gut.“ Ich fand kein Taschentuch und wischte mein Gesicht am Ärmel meiner schwarzen Cordjacke trocken.

Wir taumelten ins Freie. Ich trug den leeren Popcorn-Eimer am Arm. „Ruf mich an“, sagte ich. Ich schaltete mein Telefon an. Leon hatte nicht angerufen.

Kathrins Notiz-Blog 12. Oktober 10

© Illustration Liane Heinze

„Ich mache mir Sorgen um dich“, sagte Jolanda. „Du klingst wie die meisten Frauen in deinem Alter. Du musst mal raus.“

Ich versuchte, das Telefon so zu halten, dass ich es nicht berührte. Meine Hände waren schmierig. Ich blickte an meinen bekleckerten Arbeitshosen hinab zu den rot-weißen Sneakers, die ich nur noch zum Renovieren trug. Es war die erste Kette, die ich aufzog. Leon war wieder einmal nicht da. Ich vertrat ihn in der Garage. Nur zwei Tage, kein Problem also. Ich hatte gerade nicht viel für die Uni zu tun, nicht soviel, dass ich nicht von Zeit zu Zeit in der Garage aushelfen konnte.

Als Jolanda aufgelegt hatte, versetzte ich dem Fahrrad einen Tritt.

An diesem Abend ging ich mit ihr, Jakob und Jakobs allein lebenden Vater in die Sophiensäle. Das Stück hieß „Barnes-Dance“ nach dem amerikanischen Verkehrsingenieur, der die Kreuzung erfunden hatte, bei der alle Fußgänger gleichzeitig über die Kreuzung laufen. Wie an der Kreuzung hinter dem Checkpoint Charlie. Auf dieser Kreuzung spielten sich immer wieder die gleichen Szenen ab. Zwei Frauen sprachen ständig dieselben Sätze, ein Schwarzer wurde angerempelt und ein Türke verlor eine Familienpackung Orangen. Einmal half ihm eine japanische Touristin, die Orangen wieder aufzusammeln. Das war eigentlich die schönste Szene des Stücks. Sörens Vater fand „Barnes-Dance“ poetisch. Ich fragte mich, was poetisch daran ist, angerempelt zu werden, Obst zu verlieren und immer das gleiche zu reden. An der Bar im Foyer betrachtete ich meine Hände. In den Rillen hockte noch immer der Schmutz von der Kette. Meine Fingernägel hatte ich auch nicht richtig sauber gekriegt. Nichts war poetisch.

In der Nacht rief Leon an und fragte, ob in der Garage alles in Ordnung sei. „Übrigens geht es mir gut“, sagte ich. „Danke der Nachfrage.“

Wenige Tage später gingen Bertram und ich ins Radialsystem, zum Musikfestival „Nordlichter“, das die ganze Nacht dauerte. Es störte mich, dass in den Konzertsälen Bier getrunken und Gulasch gegessen wurde. Bertram fand das gut. Er fand, es sei ein Fortschritt gegenüber der steifen, bürgerlichen Konzertatmosphäre. Wir stritten über die Heiligkeit der Kunst. „Wieso nimmst du das so schwer? Was ist mit dir los?“, fragte Bertram.

„Beim Sex isst man auch keinen Gulasch“, sagte ich.

„So unkreativ kenne ich dich gar nicht“, sagte Bertram. Er lachte mich aus.

Hatte es etwas mit dem Alter zu tun, dass mich Gulasch-Geruch während eines Konzerts wütend machte? War ich etwa verbittert? Wieso nervten mich die Leute auf der Barnes-Kreuzung, die doch nur taten, was alle in dieser Stadt tun?

Gegen Morgen verließ ich das Festival. Ich rief Jolanda an. „Kann ich zu dir kommen? Wir könnten zusammen frühstücken. Ich bringe Croissants mit.“

„Komm vorbei“, sagte Jolanda.

Wir hatten beide die ganze Nacht nicht geschlafen. Jolanda war mit Jakob in einem Club gewesen. Wir saßen zu zweit in der Küche und tranken Kaffee und freuten uns, mit verschmierter Schminke in die Morgensonne zu blinzeln.

Kathrins Notiz-Blog 23. September 10

© Illustration Liane Heinze

Statt meinen Po wie gewohnt vor dem Einschlafen an seinen Bauch zu ziehen und seine linke Hand auf meine Brüste zu legen, hat Leon mir den Rücken zugewandt und ist eingeschlafen. Ich bin aufgestanden, aber er ist nicht wie sonst davon erwacht. Er schlief einfach weiter. während ich in dieser mondlosen Nacht durch die Zimmer wanderte. Unser Wandschirm und die Trommeln hockten finster im Raum, wie eine Herde, die gegen mich vorrückt. Ich zog mich in den Fensterrahmen zurück und drehte die Heizung auf. Ich weinte nicht. Es war schlimmer. Ich war gefasst, analysierte die Lage. Leon liebte mich nicht mehr. Aus unserer Beziehung war endgültig die Luft raus.

Gegen Morgen wühlte ich meinen karierten Wanderrucksack aus der Abstellkammer. Leon erschien mit kleinen Augen. Er zerrte sein T-Shirt über seinen Penis. Das tut er immer, obwohl er weiß, dass es mich wahnsinnig macht.

„Was ist denn los?“, fragte er.

„Ich fahre nach Jerichow“, sagte ich. Ich will in die Altmark, nach Jerichow, seit ich weiß, dass es diesen Ort gibt, der genauso heißt wie meine Großeltern. Meine Großeltern haben einander niemals verlassen, nicht, weil sie von Konventionen, der Gesellschaft oder der Familie gezwungen wurden, sondern weil sie sich liebten. So etwas gibt es. Nicht einmal der Tod konnte sie trennen. Nachdem Opa Jerichow gestorben war, besuchte er seine Frau weiterhin. Ich habe ihre Treffen einmal beobachtet, als ich gegen Morgen aus einem Club nach Hause kam. Meine Großmutter saß im warmen Licht der Schreibtischlampe an ihrem Sekretär und schrieb in ein kleines Buch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sprach mit ihm. Er musste auf dem Klavierhocker vor dem Flügel gesessen haben. Ich reckte meinen Hals, aber vom Treppenabsatz aus gelang es mir nicht, ihn zu sehen. Die halb geöffnete Tür verstellte mir den Blick. Vor zwei Jahren ist Oma Jerichow in ihrem Sessel auf dem Balkon für immer eingeschlafen. In ihrem Sekretär fand ich einen ganzen Stapel der kleinen Liebeschroniken aus jenen Nächten. Ich nahm sie an mich und bewahre sie in meinem Kleiderschrank auf.

Ich stopfte Shirts, Slips, Hosen und eine Regenjacke in den Rucksack.

„Ich komme mit“, sagte Leon. Zuerst wollte ich protestieren. Nach dieser Nacht, in der er mir den Rücken zugewandt und nicht einmal erwacht war, als ich mich davon geschlichen hatte, hielt ich ihn für unwürdig, Jerichow zu besuchen. Er hatte kein Recht auf diesen Namen. Er gehörte mir allein. Aber im nächsten Moment verschluckte ich meine Wut und dachte, dass wir zum Abschied noch eine gemeinsame Reise unternehmen sollten.

Die Altmark liegt nordwestlich von Berlin. Meine Großeltern waren niemals in Jerichow. Aber ich glaube, dass Namen verbinden. Sie hinterlassen Spuren in uns. Jeder Name besitzt einen Klang, eine Farbe. Er weckt Erinnerungen. Ich sehnte mich nach etwas Vertrautem, nach Trost. Jerichow ist ein slawisches Wort. Im Internet habe ich die Übersetzung gefunden: Die Burg der Kühnen und Tapferen. Auch so kann man die Liebe nennen.

Das besondere an der Altmark ist der Horizont. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einem Land gewesen zu sein, dass ausgestreckt wie das Meer vor einem liegt. Die Wolken hängen tief über diesem Land und die Linie des Horizonts leuchtet. In diese Ebene ist die Elbe eingebettet. Die Menschen und Kühe und Schrebergärten schrumpfen in den Wiesen, aber alles, was in den Himmel ragt, was sich über den Horizont erhebt, wirkt aufständisch und stark: die Windräder und die Adler und das still gelegte Kraftwerk.

Wenn Leon und ich mit den Rädern unterwegs sind, sprechen wir kaum. Wir wedeln dicht hintereinander durch das Land und bleiben hin und wieder stehen, um zu schauen. An diesem Tag fuhr Leon mit gesenktem Kopf. Er sah den Horizont nicht. Er hörte nicht, als ich ihn rief, gegen den Wind, weil ich das verlassene Betriebsgelände des Kraftwerkes anschauen wollte. Er war schon weit voraus auf der leeren Straße, die man einst dafür angelegt hatte. Ich musste mich beeilen, ihn einzuholen.

Am Nachmittag erreichten wir die mittelalterliche Stadt Tangermünde. Leon hatte keinen Blick für die heraus geputzten Fachwerkhäuser und die rote Backsteingotik. Bis nach Jerichow waren es jetzt noch zwanzig Kilometer. Hinter dem Stadttor von Tangermünde, wo der Radweg ins Feld führte, sah man im Dunst bereits die Türme der romanischen Kirche von Jerichow. Sie standen blass vor der Linie des Horizonts. Wir holten das Picknick aus unserer Tasche, kleine Plastikdosen, die ich mit Sandwichs und streifig geschnittenen Gurken und Karotten gefüllt hatte. Es macht mir Spaß, Picknicks vorzubereiten. Manchmal nehme ich einen Salat mit oder koche Eier. Ich packe auch Servietten und kleine Süßigkeiten ein. Und immer fülle ich eine Thermoskanne mit starken Kaffee.

„Du hast mich verlassen“, sagte ich. „Und wo bist du gerade, wenn ich fragen darf?“  Wir saßen Rücken an Rücken auf einem Feldstein. Von Leon kam keine Antwort. „In Belgien? Wo genau dort? In Verviers? In welchem Haus?“

„Ich bin nirgendwo“, sagte Leon. Wo unsere Rücken sich berührten, spürte ich seinen Bass brummen. „Ich bin ein umher Irrender.“

„Was ist passiert?“, fragte ich.

„Es ändern sich gerade viele Dinge“, sagte er.

„Welche Dinge?“

„Ich kann es noch nicht genau sagen. Mir wird vieles klar. Über mich.“

Ich musste jetzt aufpassen, aus Nervosität nicht alle Schokoriegel zu verdrücken. Ich stand auf. Leon blickte über das Stoppelfeld, weg von Jerichow, weg von mir. Seine Lippen waren ganz dünn. In den Mundwinkeln hingen Krümel.

„Hast du eine Therapie begonnen?“

„Quatsch.“

„Mit wem hast du über dich gesprochen?“

„Ich führe Selbstgespräche.“

„Tust du nicht!“

„Ich brauche keinen Therapeuten. Ich sehe nur, dass ich so wie bisher nicht weitermachen kann. Du siehst doch, was für ein Leben ich führe, wenn man das überhaupt Leben nennen kann. Ich mache mich fertig. Eines Tages bekomme ich einen Herzinfarkt. Und tschüß.“

„Ich werde dich verlassen“, sagte ich und streute die Krümel aus den Picknickdosen ins Feld.

„Spinnst du?“, sagte Leon.

„Nein“, sagte ich. „Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt. Es ist eben passiert.“

„Arschloch“, sagte Leon. „Ich hasse Arschlöcher.“

Ich war nicht sicher, ob er Kolja oder mich meinte. Sein Gesicht war plötzlich gefroren, seine vorstehenden Augen klein und starr. Auf seinen Lippen hockte ein verächtliches Wort. Er rutschte von dem Feldstein, lief ein paar Schritte durch die Stoppeln, kehrte zurück. Ich hatte ihn noch nie so verletzt. Ich begann zu weinen. Ich heulte wie ein Gespenst. Ich warf mich bäuchlings über den Feldstein, rappelte mich hoch und hielt mir die Rippen, die von dem Aufschlag schmerzten. Leon blieb abseits, wie eingefroren.

„Warum kehrst du mir nachts den Rücken zu?“, schrie ich.

„He!“ Er kam näher. Er nahm mich in die Arme. Ich ließ mich gegen ihn fallen. „Ich liebe ihn gar nicht. Wir sind nur miteinander ausgegangen letzte Woche.“

Leon wiegte mich wie ein Kind. „Ich wollte es dir erzählen. Ich kann kein Geheimnis vor dir haben“, sagte ich. Ich kroch an seine Brust, begann ihn auszuziehen. Wir strampelten unsere Sachen vom Körper und klammerten uns aneinander wie Schiffbrüchige. Die Stoppeln stachen in unsere Füße. Leon hob mich auf den harten Feldstein. „Ich liebe dich“, sagte er immer wieder. „Ich liebe dich.“ Zwischen unseren Wangen stand Wasser. Ich weiß nicht, ob es seine oder meine oder unsere Tränen waren. „Ich will dich nicht verlassen“, sagte ich. Endlich war es an mir, ihn zu nehmen. Es war wie ein Trost.

Wir lagen schließlich auf unseren ausgebreiteten Jacken in den Stoppeln. Die Linie des Horizonts leuchtete. Die Türme der romanischen Kirche von Jerichow piekten zärtlich den Himmel.

Wir sind dann nicht mehr nach Jerichow gefahren.

Ich sitze am Küchentisch. Heute ist ein sonniger, warmer Tag, vielleicht ist es der letzte Altweibersommertag in diesem Jahr. Ich habe Lust, den Weg von Havelberg nach Tangermünde noch einmal zu fahren. Aber Tage wie diesen darf man nicht wiederholen. Das würde nur zu einer Enttäuschung führen. Außerdem habe ich viel zu lernen. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Unterlagen von der Uni. Ich studiere jetzt Kommunikations-Design in Potsdam.

Den Weg nach Jerichow kann ich immer noch fahren, allein oder mit Leon.

Berliner Notiz – Blog 4. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin. Oranienstraße 25.

Schwer zu sagen, wie alt sie ist. Sie trägt ein braun gestreiftes Kopftuch und über die ausladenden Hüften einen schwarzen Mantel, der bis zu den Knöcheln reicht.

Sie drängelt mit einem Plastiksack voller Fladenbrote zwischen den tanzenden Frauen und der Tafel hindurch und verteilt das Brot zwischen den Käseplatten und den Schälchen mit Humus, Tomatensalat und Oliven. Ihre Hände sehen jung aus, fast kindlich.

Ich bin ihr im Weg. „Was schreibst du?“ Ein neugieriger, zugleich skeptischer Blick fällt auf mein Notizbuch. „Ich schreibe über das Frühstück“, sage ich und mache ihr Platz. Sie stößt den Brotsack weiter. Sie macht einen Witz über meine Gummistiefel. Die älteren Frauen auf der anderen Seite der Tafel schauen grinsend herüber.

Ich bin zu Gast beim Frauenfrühstück des Vereins AKARSU in Berlin-Kreuzberg. AKARSU kümmert sich um Frauen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien. Fast alle Frauen an der Tafel tragen das Kopftuch. Auch die Anwältin, die eingeladen wurde, um in rechtlichen Fragen weiterzuhelfen. Die Probleme, in denen sie die Frauen am Tisch berät, drehen sich um Familienprobleme und Ärger mit dem Jobcenter.

Die Angestellten des Vereins, typische Kreuzberger Akademikerinnen, zeigen ihr Haar: glatt oder gelockt, meist bis zur Schulter oder länger. Sie tragen Jeans, Pullover und Brille. Auf den ersten Blick kann ich zwischen türkischen und deutschen Frauen nicht unterscheiden. Eine Sozialarbeiterin erzählt, sie sei mit der Rechtsanwältin zur Schule gegangen und erstaunt, dass sie jetzt ein Kopftuch trägt.

Ayla Yilmaz, die Vorstands-Vorsitzende, kommt später. Sie trägt ein buntes Sommerkleid und ein herzliches Lachen. An ihren Ohren glitzern Steine im rötlichen Ton ihres welligen Haares. Ich habe die Geschäftsfrau in einem Salon getroffen. Ich mochte sofort ihre herzliche, offene Art und wie sie sofort meine zwanzigjährige Tochter Selma umarmte, weil sie einen türkischen Namen trägt. Aber Selma ist auch ein jüdischer Name. Wir nannten unsere Tochter nach einer ihrer jüdischen Tanten aus Amerika. Ich glaube, dass Ayla und Selma sich sofort umarmten und den ganzen Abend lang unterhielten, lag an ihrem ähnlichen Temperament. Selma wird auf Grund ihres Namens und ihres Aussehens in Berlin oft für eine türkische Frau gehalten. Sie ist nicht sehr groß und etwas rundlich, hat volles, gelocktes Haar und ausdrucksvolle, hellbraune Augen.

Ayla zog zwei Visitenkarten aus ihrer Tasche, die ihrer eigenen Firma –sie arbeitet als Steuerberaterin- und die des Vereins Türkischer Unternehmer und Handwerker Berlins, den sie mit ihrem Mann Hüseyin gegründet hat. Hüseyin Yilmaz ist auch der Geschäftsführer von AKARSU. Die Yilmaz sind jetzt in den Fünfzigern. Sie haben sich beim Studium in Deutschland kennengelernt. Ihre Töchter sind inzwischen erwachsen.

Als ich Ayla und Hüseyin gegenüber sitze, mit einem süßen, dunklen Tee, dann stelle ich mir vor, dass es früher in Berlin viele solcher engagierten jüdischen Paare gegeben hat. Sie haben die Atmosphäre der Stadt, ihre Dynamik und ihren Witz, nachhaltig geprägt.

Sie habe nichts gegen das Kopftuch, wenn es aus religiösen Gründen getragen werde, sagt Ayla. Auch ihre Mutter habe immer ein Kopftuch getragen. Aber in den letzten Jahren bekomme es immer stärker eine politische Bedeutung, in der Türkei zum Beispiel, wo die konservative AKP regiert und Frauen sich berufliche Vorteile vom Kopftuch versprächen.

Die kleine Frau mit dem Brotsack möchte nicht, dass ich ihren Namen in mein Notizbuch schreibe, aber sie verrät mir ihr Alter: Vierunddreißig. Sie ist geschieden. Ihre Tochter ist zehn Jahre alt. Einen Beruf hat sie nicht gelernt. Sie putzt morgens in einem Café. Sie macht eine wegwerfende Geste. „Was möchtest du gern machen?“ frage ich. „Zu Hause bleiben und schlafen“, antwortet sie. Sie kichert. „Witz“, sagt sie.

Sie sagt, ihre Religion verlange, dass sie das Kopftuch trägt. „Aber es sind religiöse Frauen hier, die kein Kopftuch tragen“, sage ich. Sie zieht die Schultern hoch. „Warum du?“, bohre ich weiter. Sie weist mit der Hand in die Runde der Frauen, als delegiere sie meine Frage weiter. „Muss“, sagt sie. Unter dem Kopftuch sehe ich den lockigen Haaransatz über ihren kleinen Ohren. Sie kommt mir plötzlich bekannt vor, als wäre ich ihr schon einmal begegnet, ohne Kopftuch, beim Fußballgucken in dem Café in meiner Straße, mit einer glitzernden Spange im Haar. Ich meine nicht, dass sie es war. Ich meine, dass ich eine Frau gesehen habe, die genauso schaute, sprach und kicherte wie sie.