Kathrins Notiz-Blog 25. August 2010

© Illustration Liane Heinze

Kolja hat mich nach der Arbeit zu einem Cocktail eingeladen. Mit Kolja fällt das Reden leicht. Unsere Gespräche sind wie ein Bach, der über Kiesel springt. Die Themen finden kein Ende und werden niemals schwer. Vor dem Gorki-Park saß ein Cello-Spieler auf dem Bürgersteig. Wir hörten ihm eine Zeitlang zu. Es ging gegen zehn. Der Vollmond knallte und erleuchtete den Himmel sommerlich türkis. Ich dachte an unseren Wandschirm hinter dem Bett und wie Leon mich morgens in den Wasserlichtern mit seinem Penis aufweckt. Ich dachte an die drahtigen Locken, die ich als erstes spüre, wenn ich morgens verschlafen nach dem Tier suche. Kleine Tornados. Es macht mir Spaß, sie lang zu ziehen und wieder in ihre Form zurück schnippen zu lassen. Unvorstellbar grausam der Gedanke, dass eine andere Frau ihm so nahe kommen könnte.

Der Himmel funkelte und sprenkelte, als käme dieses Türkis nicht von den Sternen, sondern von weiter her, aus der pulsenden Mitte des Universums.

„Ich möchte mich mal wieder verlieben“, sagte Kolja. „Ich mag dieses Gefühl.“

„Ich auch.“

Einmal hatte ich Leon gefragt, was ein Mann fühlt, wenn er eine Frau liebt. Er hatte gesagt: „Vertrauen.“

„Ach komm, Vertrauen, das fühlt man auch zu guten Freunden.“

Er: „Lass mich in Ruhe, ich kann es dir trommeln, aber Worte habe ich dafür nicht.“

„Sie möchte ein Kind“, sagte Kolja. „Nächstes Jahr. Ehrlich gesagt, habe ich Angst davor.“

Wir schleppten uns den Weinbergsweg hinauf. Kolja sprach vom Älterwerden und seinem besten Freund, der mit Mitte Zwanzig schon Vater geworden war. Wie er sich schlagartig verändert hatte. Eben waren sie noch um die Häuser gezogen. Und nun machte er auf Familie. „Ich will ausgehen, tanzen, einen drauf machen. Hin und wieder brauche ich das. Verstehst du?“

„Hm.“

„Das ist vielleicht die letzte Sommernacht“, sagte Kolja. Er sah übrigens hinreißend aus. Seine blonden Haare sind zwar schon ziemlich dünn geworden, aber Kolja besitzt die Ausstrahlung eines gewieften Dorfjungen, der genau weiß, wo man die besten Pferde stiehlt. Unwiderstehlich. Man rechnet immer damit, dass er einen Frosch aus seiner locker sitzenden Hose hervor zieht, oder mindestens einen Popel. Ich vermute, dass er je älter, umso verwegener aussehen wird.

„Ist Leon nicht eifersüchtig?“

„Er weiß ja nicht, dass ich mit dir ausgehe.“

„Er lässt dich tagelang allein. Glaubt er, du sitzt zu Hause und strickst?“

„Das glaubt er wohl.“

Kolja blieb stehen und musterte mich mit zusammen gekniffenen Augen.

„Früher war ich höllisch eifersüchtig. Ich bin verrückt geworden, wenn meine Freundin allein mit einem anderen Mann war oder bei einem Freund übernachtet hat.“

„Jetzt nicht mehr?“

„Ich habe eine Therapie gemacht. Ich komme damit klar.“ Es klang, als spräche er von seiner Kastration. Er wühlte in der Hosentasche. Laubfrosch? Popel? Nein, eine verschrumpelte Zigarette.

Wir gingen ins Zaza. Ein Windlicht flackerte zwischen uns. Kolja hielt es an die Zigarette und paffte. Sie war offensichtlich feucht.

„Einmal hatte ich Angst, dass Leon sich in eine andere Frau verliebt hat.“

„Und?“ Kolja hielt inne und kniff mich in seine Augenzange, die kalte Zigarette zwischen den Zähnen.

„Ich habe ihn gefragt. Nichts. Ich hatte mich geirrt.“

„Männer lügen. Was glaubst du, wie oft ich meine Freundin schon belügen musste.“

Und Frauen durchschauen die Lügen, wollte ich sagen, sprach es aber nicht aus. Ich fand es reizvoll, dass Leons Lüge an diesem Abend eine Möglichkeit blieb.

„Es muss sich lohnen“, sagte Kolja. Er hatte seine Zigarette endlich in Gang gebracht und lehnte sich zurück.

„Was?“

„Das Verlieben. Es muss eine interessante Frau sein. Sie muss so sein, dass ich meine Freundin für sie verlassen würde.” Ich traute mich nicht, Kolja anzuschauen. Ich wünschte mir, diese Frau zu sein, hielt aber für ausgeschlossen, dass er mich meinte. „Meistens ist es umgekehrt“, sprach er weiter. „Die Leute gehen fremd, aber sie haben Angst, ihre langjährige Beziehung zu gefährden. Ich möchte aber nicht nur Sex. Ich möchte verliebt sein. Emotionales Bungee-Jumping.“
In diesem Moment dachte ich, es später darauf ankommen zu lassen. Beim Abschiedskuss ein Stück abrutschen und dabei seine Lippen berühren. Es waren nur ein paar Millimeter, dann würde das Bungee-Seil mit uns in den Abgrund stürzen.

„Sieh mal, die Farben!“ Ich hielt meinen rosa Watermelon-Man neben seinen gelben Ladykiller. Wir schwiegen und saugten. Dann versuchte ich das Gespräch noch einmal auf meine Entwürfe für den Optiker zu lenken, aber Kolja hatte keine Lust, darüber zu sprechen. Wir hatten uns schließlich den ganzen Nachmittag damit beschäftigt.

„In Helsinki hast du die Tür zu deinem Zimmer in der Nacht offen stehen lassen“, sagte Kolja. Meinte er mich doch? Ich hackte mit dem Strohhalm auf die Eiswürfel ein.

„Ich bin klaustrophob“, sagte ich.

„Du hast ziemlich viele Ängste.“

„Du auch.“

„Stimmt. Sagt mein Therapeut auch. Man merkt es mir aber nicht an.“

„Mir auch nicht“, sagte ich.

„Doch“, sagte Kolja. „Ich habe es sofort gesehen, als du die Bürotür geöffnet hast, wie du dich blitzschnell orientiert und keinen Schritt weiter getraut hast.“

„Du spinnst.”

„Es ist wahr. Ich musste aufstehen und dir entgegenkommen.”

„Ich bin ein höflicher Mensch.”

„Warst du als Kind mal eingesperrt oder warum fürchtest du geschlossene Türen?“

„Glaub nicht. Es wird schlimmer mit den Jahren. Ist wohl eher die Angst vor dem Sargdeckel.“

Kolja grinste. „Du bist melancholisch. Wie ich.“ Sein Cocktailglas war leer. Er schlürfte die letzten Tropfen zwischen den Eiswürfeln weg. Eine Kehrmaschine zog träge und laut durch den Rinnstein.

„Was ist Melancholie?“, fragte ich.

„Es gab mal eine Ausstellung“, sagte Kolja. „Da wurde es erklärt.“

Ich erinnerte mich an die Ausstellung. Es war ziemlich lange her. Mir fiel ein, dass ich schon lange keine Galerie, keine Ausstellung mehr besucht hatte. Wir redeten über Gestirne, das Mittelalter, schwarze Galle und Depressionen. Kolja gähnte. Es ging langsam auf drei. Es war kalt. Die Eiswürfel schmolzen nicht mehr.

Kathrins Notiz-Blog 23. August 10

© Illustration Liane Heinze

Leon war hier, jedoch nicht vollständig. Er hat Fahrradteile auf dem Fußboden verteilt, meine Skizzen auf dem Küchentisch aufgewirbelt und ist dann in seiner Garage verschwunden. Er könne nicht mehr schlafen, sagte er, als ich kurz vor Mitternacht in die Garage ging, um nach ihm zu schauen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Seine Augen schienen ein Stück weiter aus dem Gesicht in Richtung der Ohren gerutscht zu sein. Seine Locken standen in staubigen Bündeln vom Kopf ab. Er war unrasiert.

Ich nahm seinen Kopf in meine Hände und drückte ihn an meinen Bauch. Er blickte mich von unten an, aus einer großen Entfernung. Später versuchte ich zu schlafen, allein vor unserem Wandschirm, auf den das Mondlicht fiel, aber ich fand keine Ruhe.

Kathrins Notiz-Blog 7. Juli 10

© Illustration Liane Heinze

Im Radio sprach ein Physiker über die Zeit. Er wurde gefragt, ob die Zeit auch unabhängig von uns Menschen existiert. Er sagte, man wisse es nicht so genau, vermute es aber. Auf jeden Fall sei die Zeit nicht das, was wir dafür halten und was Uhren und Kalender messen.

Diesen Verdacht, dass die Uhren nicht stimmen, habe ich schon lange. Es gibt Zeitphänomene, die das beweisen. Phänomen Nummer eins (ich nenne es das Schildkröten-Phänomen): Zeit gewinnt man nicht, indem man sich beeilt. Unsere Sprache drückt den Zeitgewinn korret aus. Man muss ich Zeit-lassen oder Zeit-nehmen.

Aber der Physiker im Radio war der Meinung, dass wir zu schlampig mit dem Wort: Zeit umgehen. Wir sagen: Ich habe keine Zeit, aber eigentlich müsste es heißen: Ich bin nicht frei. Oder: Ich bin beschäftigt. Denn jeder Mensch hat gleich viel Zeit.

Ich habe den ganzen Tag über der Skizze des Optikerladens gesessen. Morgen gehe ich damit zu Kolja. Er hat versprochen, mir bei der Umsetzung zu helfen.

Während ich meine Skizzen in eine Mappe packte, dachte ich, dass nur die Zeit, in der wir einen anderen Menschen lieben, wahrhaft gelebte Zeit ist. Dazwischen ist nur ein Polster aus etwas, aus dem man die Luft auch rauslassen, das Ding zusammenlegen, hinter einen Schrank schieben und vergessen kann.

Leon war in einem Fahrradgeschäft in Quatre-Chemins, als ich anrief. Er war völlig aus dem Häuschen, weil er gerade eine Campagnolo-Schaltung gefunden hatte. Ich fragte, ob er immer noch ein Kind mit mir haben möchte.

„Jetzt?“, sagte er. „Das ist vielleicht nicht der richtige Moment, oder?“

„Vor ein paar Wochen wolltest du unbedingt.“

„Möchtest du?“, fragte er.

„Ja“, sagte ich.

Held der Arbeit

Berliner Zeitung

In Wieland Giebels Buchladen Berlinstory werden nicht nur die Kunden glücklich – sondern auch die Angestellten


Die Berlinstory Unter den Linden 26 ist keine schöne Buchhandlung. Wahrscheinlich ist sie die hässlichste der Stadt. Gleich am Eingang quellen dem Besucher Ampelmännchen und T-Shirts mit Bärennasen entgegen, gefolgt von Nofretete- und Friedrich – Büsten aus Marmorstaub und Alabastergips, in diesem Jahr auch Luisen in allen Größen, gleich neben den Trabis. Es folgen mehrere Stapel dünner Broschüren mit teilweise dünnen Informationen über die Geschichte Berlins. Der Verkaufsschlager „Die Berliner Mauer 1961-1989“, ein Heft mit knapp erläuterten Fotografien aus dem Landesarchiv Berlin, erhältlich in 10 Sprachen, ist zu einem dicken Klotz vom Boden bis in Brusthöhe gestapelt. 9,80 Euro – Geschichte light für den Easy-Jetter.

Die erste Irritation geht von der Kassiererin aus. Obwohl ziemlich viel los ist, bleibt sie freundlich. Ihre Freundlichkeit ist weder angestrengt noch laut, sondern natürlich. Befinden wir uns wirklich in einem Touristenladen Unter den Linden? Kein Zweifel.

In den Sommermonaten ist jedes zweite verkaufte Buch ein fremdsprachiges. Der Tourist wird an den Bücherstapeln zur Linken entlang in das Café verführt. Berliner schweifen nach rechts zu den Büchertischen und Regalen. Dort differenziert und vertieft sich der Blick auf Berlin. Es geht um einzelne Bezirke und kulturelle Ereignisse. Das Angebot ist nach geschichtlichen Epochen und Sonderthemen wie Küche, Krimis und Kinderbücher sortiert. Der Blick einer älteren Dame fliegt hastig über die Neuerscheinungen zu den Hohenzollern. „Hab ich schon…hab ich auch schon“, raunt sie ihrer Begleiterin zu. „Ich gehe hier nicht ohne was raus.“ Ihr Blick bleibt an dem Bildband „Der grüne Fürst“ hängen, streift die Potsdamer Pomologischen Studien und die Friedhofs-Reihe der Edition Luisenstadt. In einem unteren Fach entdeckt sie ein vergessenes Bändchen „Wilhelm II. in Doorn“, Staub wirbelt auf, als sie danach greift. Sie blättert eine Seite auf, wirft es zurück.

Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory, steht hinten am Tresen, hinter dem seine Buchhändler recherchieren und Bestellungen abwickeln. Er ist groß und schlank. Mühelos überblickt er sein Geschäft. Sein kurzes, drahtiges Haar ist weiß. Giebel ist sechzig Jahre alt. Er blickt in seinen Laden, als denke er darüber nach, wieder zu gehen. Den cognacfarbenen Lederblouson hat er noch nicht abgelegt.

„Die Kassiererin heißt Susanne Roder“, sagt Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory. „Sie hat ein rotes Rennrad, das nicht draußen stehen darf, weil es ein ganz besonderes Rad ist. Deshalb müssen wir jeden Tag einen Platz hier drin finden.“ Giebel klingt, als würde er lieber draußen in der Sonne Unter den Linden entlang flanieren, mit Tagebuch und Kamera, seinen ständigen Begleitern, um anschließend bis zum Feierabend an seinem Berlinstory-Blog zu schreiben.

Zu seinem Unternehmen gehören außer der Buchhandlung mit Café ein Theatersalon im Untergeschoss, in dem an fünf Tagen in der Woche gespielt wird und der Berlinstory-Verlag auf der Galerie über seinem Kopf, in dem alle zwei Wochen ein neues Buch erscheint. Im August findet wieder die Historiale statt, Giebels eigenes Geschichts-Festival, mit Kino, Führungen, Vorträgen und einer Party. Thema sind in diesem Jahr die Zwanzigerjahre. Im Oktober eröffnet im Untergeschoss das Berlinstory-Museum. Auf 1.600 Quadratmetern regiert Wieland Giebel über 30 Mitarbeiter. Pro Jahr macht seine Buchhandlung 2,4 Millionen Euro Umsatz. Die Berlinstory hat an jedem Tag des Jahres geöffnet. Und Giebel steht am Tresen und plaudert über das rote Rennrad der Kassiererin.

Giebel sagt, es sei eines seiner wichtigsten Anliegen, dass seine Mitarbeiter zufrieden sind. Er möchte, dass sie ihre Begabungen entwickeln, auch über ihre eigentlichen Arbeitsbereiche hinaus. „Jobenrichment“, sagt Giebel. Nach dem Management-Lexikon von Dr. Kraus und Partner bezeichnet „Jobenrichment“ das Bemühen, die Aufgaben eines Mitarbeiters interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, bzw. den Arbeitsbereich durch qualitativ höherwertige Aufgaben auszuweiten. Aus Giebels Mund klingt dieser Begriff aus der Etage der Menschenverwalter seltsam. Er passt nicht zu ihm. Aber er sagt das Wort gern. Es ist das einzige, das er in einer ihm fremden Welt für sich entdeckt hat und nun wie einen kleinen Schatz vor sich her trägt.

Romy Herzog sieht zufrieden aus. In ihrem schmalen Gesicht scheint alles zum Strahlen angelegt: die großen Augen, die fein gezeichneten, vollen Lippen, die makellosen Zähne. Die 31jährige betreut das Kinderbuch-Sortiment. Sie sagt, es sei ihr Herzenskind. An diesem Montag ist der Tisch ziemlich geplündert. Am Wochenende ist Kinderbuch-Zeit. Großeltern schlendern mit ihren Enkeln Unter den Linden entlang, spendieren ihnen ein Eis und was gutes zum Lesen. Der geschäftsreisende Papa greift in Sonntagslaune noch flugs nach einem Mitbringsel.

Romy Herzog wird oft gefragt, wo man die Mauer noch sehen kann und wo der Führerbunker ist. Manchmal wollen Kunden wissen, ob sie in Ost – oder Westberlin geboren ist. Dann erzählt sie, dass sie in Thüringen aufgewachsen ist, in der DDR. Romy Herzog hat einen vierjährigen Sohn. Nach der Elternzeit wollte die Buchhandlung, in der sie bis dahin gearbeitet hatte, sie nicht weiter beschäftigen. Per Annonce suchte sie eine Teilzeitstelle. Sie erinnert sich an den Anruf von Wieland Giebel: „Er sagte: ‚Sie sind doch sicher Mutter. Wir können Sie gut gebrauchen.“ Nachdem sie ein halbes Jahr Teilzeit gearbeitet hatte, entschloss sich Romy Herzog, wieder voll in ihren Beruf einzusteigen. „Es ist das beste Team, in dem ich je war.“

Über ihre Arbeit an dem Mauerbuch für Kinder spricht sie nicht so gern. Es sei doch maßlos übertrieben, dass sie es lektoriert habe. Lediglich an der Gestaltung habe sie ein bisschen mitgearbeitet. „Die Mauer ist ein schwieriges Thema, gerade für Kinder“, sagt sie. „Dass mir in dem Buch etwas fehlte, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich aus der DDR komme. Wenn man die Bücher heute anschaut, ist alles grau, aber meine Erinnerung ist bunt. Ich möchte nicht in Ostalgie fallen, aber auch nicht alles schlecht reden. Ich möchte, dass diese Zeit realistisch dargestellt wird.“

Der Band „Die Mauer war immer ein Schnitt in meinem Herzen“ ist eins von drei Kinderbüchern des Autorenpaares Magdalena und Gunnar Schupelius. Gunnar Schupelius ist Kolumnist und Reporter der Berliner Boulevardzeitung BZ. Vor einer Wand mit dem Memo-Spiel DDR, dem DDR-Quiz und dem DDR-Puzzle, dem Bastelbogen „King of Kebab“ und den „Berlintussen“ zum Ausschneiden und Anziehen, liegen die drei Neuerscheinungen auf einer Palette, je vier kniehohe Stapel der rot gebundenen Luise-Biografie und der blauen Friedrich-Biografie. Auf der anderen Seite acht Stapel des Mauerbuches. „Die Sache mit dem Pioniergeburtstag zum Beispiel.“ Herzog blättert auf Seite 46. „Ich wollte dieses Foto von einem Pioniergeburtstag einfügen, damit klar ist, dass das eine Massenveranstaltung war und nicht eine Geburtstagsfeier, wie die Kinder sie heute kennen.“ Auf Anregung der Kinderbuchhändlerin wurden ein Vorwort und weitere Fotos hinzugefügt und die Illustrationen mit Sprechblasen versehen. Herzog empfahl, den Kindern in einem Infokasten zu sagen, dass man den Luftbrücke-Flughafen Gatow und die Mauergedenkstätte heute noch anschauen kann. „Kinder gehen doch gern auf Entdeckungsreise.“

Im Café der Berlinstory sitzt die Buchhändlerin Antje Werner vor ihrem Laptop. Antje Werner ist 46 Jahre alt, eine zierliche Frau mit Friesellocken. Sie sieht zufrieden aus. Sie hat gerade eine Woche Urlaub in Barcelona hinter sich. In der Berlinstory betreut sie die Sortimente Architektur, regionale Bezirke, das moderne Antiquariat und die Kollektion Buddybären. Heute ist ihr freier Tag, aber sie ist trotzdem gekommen. Sie arbeitet an einem Taschenkalender für 2011. Sie schloss dafür einen Autorenvertrag mit dem Verlag Berlinstory. Wie hoch die Provision ist, die sie pro verkauftes Exemplar erhält, hat sie vergessen. Es sei ihr nicht wichtig. Und ob sie die Überstunden, die sie für den Kalender macht, je abfeiern wird, weiß sie auch noch nicht. Die Arbeit an dem Kalender mache ihr einfach Spaß.

Buchhändlerinnen als Autorin und Lektorin, der Praktikant Arthur aus Hongkong als Übersetzer des Mauer-Buches ins Kantonesische, die zwei Mitarbeiterinnen des Salons, die selbst auch auf der Bühne stehen – was stimmt nicht mit diesem Wieland Giebel, der ausgebildete Buchhändlerinnen fest anstellt, sie auch noch nach Tarif bezahlt und offenbar keine größere Sorge hat, als dass sie sich langweilen könnten?

Giebel sagt, er möge eben gern zufriedene Menschen um sich. Aber würden das nicht auch die vielen Ladeninhaber sagen, die qualifizierte Buchhändler aus Kostengründen durch studentische Hilfskräfte ersetzen? Obwohl in Deutschland kein Buchhandelssterben zu beobachten ist, und sich die Umsätze, zumindest in den vergangenen drei Jahren, auf einem stabilen Niveau halten, nimmt die Zahl der Beschäftigten kontinuierlich ab. Es mag an den gestiegenen Kosten liegen, die nicht mehr vom laufenden Umsatz gedeckt werden können. Vielleicht reizt viele Buchhändler aber auch nur die Einsparung, die durch den Einsatz von 400-Euro-Kräften möglich wird.

An Giebel bewahrheitet sich eine buddhistische Weisheit. Er hat gefunden, was er niemals suchte. Als er einmal eine Ausstellung der Gesellschaft historisches Berlin betreute, deren stellvertretender Vorsitzender er damals war, verkaufte er dort einige Bücher und stellte verwundert fest, dass ihm das Spaß macht. „Das habe ich mir als protestantischer Maoist niemals vorstellen können, dass ich eines Tages etwas verkaufe, Sachen verhökere, unter die Händler gehe, die Jesus aus dem Tempel getrieben hat.“ So kam es 1997 zur Gründung der Buchhandlung Berlinstory. Giebel ist kein Buchhändler. Er hat kein Problem mit dem „Non-Book“, jenem Bereich, der von vielen in der Branche naserümpfend abgelehnt wird: Filme und CDs, auch die Luise-Büsten und Trabis gehören dazu. „Ich habe keine Angst vor Schneekugeln und T-Shirts“, sagt er. Mit dem Non-Book-Bereich bestreitet Giebel die Hälfte seines Umsatzes.

Dieser ganze Touristen-Kram, die ständigen Neuerscheinungen seines Verlages, unter denen sich wirkliche Kleinode finden, neben Flops, die scheinbar unendliche Themenvielfalt der Stadt spiegelt seine Biografie, sein Leben, seine Suche. Der Jurist Giebel arbeitete sechs Jahre als Lagerarbeiter „um die Arbeiterklasse zu mobilisieren“, arbeitete ein Jahr mit Jugendlichen in Nordirland, entwickelte ein landwirtschaftliches Projekt in Ruanda und studierte dafür Ökotrophologie, er schulte sich nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zum Experten für Niedrigstrahlungen, engagierte sich in der Umweltbewegung, berichtete für das europäische Parlament über die zerstörte Natur in der DDR, gründete den Verlag Elefantenpress, wurde Historiker.

Giebel ist neugierig und weltoffen. Ein bisschen Glück hat er auch. Berlin boomt. Die Zahl der Touristen steigt weiter an. Unter den Linden hat Giebel den Ort gefunden, an dem er sich entspannt in den Yogi-Sitz begeben kann, ein gemütliches Om im Bauch, während Romy Herzog Kinderbücher durch kluge Anmerkungen verbessert und sein Hersteller Norman Bösch die Autoren Berlins mit seiner unkomplizierten Art bezaubert, während die Umsätze in der Lade der freundlichen Kassiererin klingeln -6,8 Prozent Steigerung im letzten Jahr-. Der Exot Giebel wird von den Berliner Buchhändlern mit Respekt bedacht. Wieland Giebel freut sich darüber, aber ein bisschen muss er sich auch rechtfertigen, er kann nicht anders. „Verkaufen hat ja auch damit zu tun, andere zu bereichern.“

Am 28. Juni erhielt das Unternehmen Berlinstory den Preis „Ausgewählter Ort im Land der Ideen.“

Kathrins Notiz-Blog 28. Juni 10

© Illustration Liane Heinze

Die Oper war großartig. In der Pause spendierte der Optiker ein Glas Sekt und zitierte sämtliche Feuilletons über die Inszenierung. Er musste sich den ganzen Nachmittag via Google vorbereitet haben. „Aber wie gefällt es Ihnen? Was ist Ihre Meinung?“ Diese Frage brachte ihn aus der Fassung. Er wurde rot. Das reizte mich, ihn noch mehr zu quälen. Ich entdeckte einen sadistischen Zug an mir. „Das wichtigste ist doch, berührt zu werden“, sagte ich. Er fing sich wieder und zitierte einen Intellektuellen über die Kraft der Bühne.

Morgen würde er mir sagen, dass er sich das mit dem Laden noch mal überlegt hat. Dabei hatte ich schon Ideen. Die Skizzen steckten in meiner Tasche. Ich hatte sie ihm in der Nacht zeigen wollen, oder nach unserem gemeinsamen Frühstück. Das hatte sich erledigt. Ich trug sie wieder mit nach Hause. Meinen ersten Auftrag hatte ich verpatzt.

Ich ließ mich erleichtert auf das Bett fallen. Ich war allein zu Hause. Es war kurz nach Mitternacht. Ich dachte an Leon, den ich seit Tagen nicht erreicht hatte. Ich trank Wein und tanzte durch die Wohnung. Gegen vier erreichte ich ihn endlich.

„Was ist passiert?“, fragte er.

„Das wollte ich dich fragen. Wieso ist dein Telefon seit Tagen ausgeschaltet?“

„Der Akku war leer.“

„Achso.“

„Was ist los?“ bohrte Leon. „Du klingst verloren.“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Kathrin!“ Er dehnte meinen Namen wie eine Stange Lakritz. „Ich bin nicht aus der Welt. Ich bin in Verviers. Wie gesagt: Mein Akku war leer.“

„Und wieso ist er jetzt wieder voll?“

„Heute habe ich ein Kabel gekauft.“

„Warum hast du nicht angerufen? Du hast doch gesehen, wie oft ich es versucht habe.“

„Ich war in der Stadt unterwegs, dann war es schon spät.“ Er sagte, er müsse jetzt öfter nach Belgien fahren. Es gäbe dort wirklich eine Menge zu entdecken.

Wir schwiegen. Ich lauschte in die Stille. Nach einigen Sekunden begannen wir gleichzeitig zu sprechen, brachen beide wieder ab und begannen dann wieder gleichzeitig.

„Sag du!“

„Nein, du.“

„Du hast dein Handy aufgeladen und mich stundenlang nicht angerufen.“

„Ich habe das Handy zum Laden im Hotel gelassen. Ich hatte es gar nicht mit in der Stadt. Als ich zurückkam, war es kurz nach zwölf, ich dachte, du schläfst vielleicht schon. Wieso bist du noch wach?“

„Ich habe gerade von meiner Beerdigung geträumt. Darüber bin ich wieder aufgewacht.“

„War es so schlimm?“

„Zuerst nicht. Sie spielten Jaques Offenbach. Aber die Luft im Sarg war schlecht. Ich hatte Angst zu ersticken.“

„Hmmm!“

Wieder lauschte ich in das Schweigen.

„Ich liebe dich“, sagte Leon. Es klang so feierlich, dass ich alle Angst verlor und ihm beinahe von dem Abend mit dem Optiker erzählt hätte und dass ich meinen ersten Auftrag verpatzt hatte.

Aber schließlich war er allein in einem belgischen Hotel in einer Stadt, die niemand kennt außer den Menschen, die dort leben. Das war schlimm genug.