Kathrins Notiz-Blog 14. Juni 10

© Illustration Liane Heinze

Ich wünsche mir einen Tag, an dem nichts geschieht. Einen Tag, an dem Leon nicht bis Mitternacht im Netz nach Waren für seinen Online-Shop sucht, einen Tag, an dem ich kein Formular für Froschkinn ausfüllen muss. Ich wünsche mir eine Nacht, in der Leon nicht sofort wach wird, wenn ich mich aus seiner Umklammerung löse und einen Sonntag mit einem Frühstück in der Sonne, einer Zeitung und Kaffee zu zweit.

Gestern habe ich Leons kalten Kaffee gegen Mittag wieder weg gekippt, weil er, noch immer nackt und unrasiert und ohne Frühstück, im Schneidersitz auf den Dielen mit seinem Laptop saß.

Nur ein einziger Tag, an dem wir an die Ostsee fahren und im Sand schlafen. Ein einziger, langsamer Tag, an dem ich ihm endlich zuvor komme, an dem ich ihn verführen muss. Wenn er neben mir schläft. Wenn er sich auf die Seite rollt. Wenn ich mich über ihn beuge und seine Augen mit meinen Haaren kitzle, wenn er sich knurrend auf den Rücken dreht, verschwitzt, voller Sand, lecke ich seine Lippen weich, küsse die Mittellinie seines Körpers vom Hals bis zu den Oberschenkeln, die sich unter den Leisten hervor wölben, rau und rund, mit kupfernen Haarkringeln darauf, die nach Sonne schmecken. Dort ruhe ich am liebsten, auf diesem weichen Fleck zwischen den Hügeln neben dem kleinen Tier, das, zurück gezogen in seine Höhle, schläft. Ich locke es, rufe und streichele und küsse es. Wenn wir so weiter machen bis zum Abend… Und Leon danach ins Hotel geht, fernsehen und ich allein am Strand entlang laufe und Steine in die Ostsee werfe.

„Ich werde nach Belgien fahren und nach alten Fahrrädern suchen“, sagte Leon am Abend. „Wir wollen uns auf Mountainbikes aus den Achtziger- und Neunzigerjahren spezialisieren, auf die europäischen und amerikanischen Manufakturen, die es alle nicht mehr gibt.

Kathrins Notiz-Blog 26. Mai 10

© Illustration Liane Heinze

Leon trommelte nebenan. Der Rhythmus war schleppend. Es klang, als ziehe jemand ein Bein nach. Ich dachte an das Haus aus Pappe und sah den Gang zwischen den Betonwänden im 14. Stock des Hochhauses, so schmal, dass es schien, wir würden darin stecken bleiben. Ich sah den Mann, der aus der Wohnungstür quoll und uns mitteilte, dass Leons Mutter verschwunden ist. Es war der Rhythmus dieser Begegnung, den Leon spielte.

Ich hatte seinen Anorak unter meinen Po geschoben, auf meinem Lieblingsplatz, auf dem Fensterbrett in der Küche. Der kalte Frühling drückte gegen die Scheibe. Wieder erschien mir Leon ungeschützt, wie er seinen Schmerz in der Musik austrug. Ich konnte ihn im Wandspiegel im Flur beobachten. Niemals würde ich ihn verlassen.

Leon hörte auf zu spielen. Er kam in die Küche. Er umarmte mich, zog mich, verlangte mich.

„Mir ist kalt. Ich bin ein Eiszapfen.“

„Na komm, kriechen wir ins Bett“, sagte er.

„Nein, nein…ich…so geht das nicht. Wieso muss es immer gleich Sex sein? Ununterbrochen nur Sex, Sex, Sex!“

„Sex? Wann? Ich kann mich nicht erinnern“, sagte Leon.

„Gestern“, behauptete ich. Aber es war vorgestern.

„Es ist mindestens eine Woche her.“ Leon ließ mich los, er warf die Arme hoch. Er ließ mich zurück wie ein Jäger seine angeschossene Beute, die sich als unbrauchbar erweist.

Gibt es eine Entschuldigung für verweigerten Sex? Nicht in Leons Universum. Nirgendwo. Mein schlechtes Gewissen ist unendlich.

Die Frau, die den Rechner zersägt

Berliner Zeitung

Foto: Kathrin Schrader

Datenfälschung, Kontenbetrug, Identitätsklau – die Internet-Kriminalität wächst rasant. Claudia Eckert leitet als Professorin eine Forschungsgruppe, die Gegenstrategien entwickelt, auch mit unkonventionellen Methoden

Garching. Claudia Eckert ist Informatikerin, Professorin und eine Frau von unruhigem Wesen. Man musste sich etwas einfallen lassen, sie zu halten.

Als Claudia Eckert dem Ruf der Technischen Universität München folgte, den neuen Lehrstuhl „Sicherheit in der Informationstechnologie“ einzurichten, bot ihr das Land Bayern gleich noch ein bisschen Geld zum Forschen an.

Nun baut die 50jährige Wissenschaftlerin in Garching bei München bereits die dritte Zweigstelle des Instituts auf, das sie seit 2001 leitet, das Fraunhofer Institut für Sicherheit in der Informationstechnologie (SIT). Hunderte Spezialisten kämpfen hier in Garching, im Darmstädter Stammsitz des Instituts und einer weiteren Außenstelle bei Bonn gegen Trojaner, Würmer und Viren. Geführt von Claudia Eckert suchen sie nach  Fehlern in den Immunsystemen der Rechner.

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der polizeilich gemeldeten Fälle auf dem Gebiet der Informations – und Kommunikationstechnik-Kriminalität um zirka 300 Prozent gestiegen. Allein in Berlin wurden im vergangenen Jahr 22 665 Internet-Betrügereien gemeldet. Die meisten Delikte drehen sich um das Online-Banking. Dabei werden Geheimnummern und Kreditkartendaten ausgespäht. Mit verschiedenen Methoden, immer unter Verwendung von sogenannter Schadsoftware, leiten die Täter Transaktionen um. Die kleinen Programme, Trojaner genannt, sind in der Lage, Empfänger und Beträge zu ändern, dem Absender auf Rückfrage aber dennoch die ursprünglichen Daten zur Bestätigung zu schicken. Immer öfter kommt es auch vor, dass im Internet bestellte und bezahlte Waren nicht geliefert werden.

Das neue Büro von Claudia Eckert befindet sich in einer halbfertigen Business-Welt im Niemandsland an der Bundesstraße von Garching nach Nürnberg. Von ihrem Fenster aus blickt die Professorin auf Baukräne, einen Kreisverkehr mit schlammigen Baggerspuren und einen künstlichen Teich mit immergrünen, rasierten Wiesen.

Sie nimmt die Hände von der Tastatur, dreht sich entspannt in ihrem Stuhl. Hohe Wangenknochen, dunkle Augen, ein natürliches, einfaches Gesicht, ungezupft, ungeschminkt. Sie trägt Bluse, Hose und Blazer, alles in schwarz. Diese Kleidung wirkt an der Wissenschaftlerin wie ein Kompromiss mit der Geschäftswelt, in deren Mitte sie das neue Büro eingerichtet hat.

Das Geld der bayerischen Regierung dient lediglich als Anschubfinanzierung. Künftig muss sich auch diese neue Zweigstelle, wie das gesamte Institut, durch Aufträge aus der Wirtschaft und öffentlich geförderte Forschungsprojekte selbst finanzieren. Professor Eckert und ihre Teams sind dabei nicht konkurrenzlos. Neben dem Fraunhofer Institut bieten private Unternehmen Sicherheits-Prüfungen. Es gibt auch einen TÜV für Netzwerksicherheit.

„Was uns unterscheidet, ist, dass wir so kreativ wie die Hacker selbst arbeiten“, erklärt Professorin Eckert. Ihre Stimme klingt fest. „Wir gucken schräg auf die Probleme, kombinieren Dinge, die zu kombinieren man normalerweise nicht auf die Idee käme. Dadurch werden wir auf viele Sicherheitslücken erst aufmerksam. Das ist ein anderer Stil, als nur formalen Schritten zu folgen, wie Behörden das tun. Wir sägen auch mal einen Computer auf, um an bestimmte Dinge ran zu kommen.“ An dieser Stelle bekommt ihre Stimme einen distanzierten Schliff, als ginge ihr Arbeitsstil eigentlich niemanden etwas an. Vielleicht fürchtet sie, der schräge Blick und die Säge im Schreibtisch könnten die Einrichtung des Instituts beschädigen, das Ansehen der jungen, hochbegabten Mitarbeiter, die in diesen schmucklosen Räumen vor ihren Monitoren tüfteln, Informatiker wie sie selbst, auch Mathematiker, Physiker, Elektrotechniker und Juristen.

Claudia Eckert federt durch die Gänge, nickt ihren Mitarbeitern zu. Und wieder, während sie kurze Absprachen mit ihren Mitarbeitern trifft, passt der schwarze, etwas zu große Blazer nicht zu dem Knistern, das sie spürbar treibt, von Uni zu Institut, von Kongressen zu Messen und zurück, abgesehen von telefonischen Verabredungen und unzähligen Emails, die beantwortet werden müssen. Der Kalender ist voll. Sie brauche das, sagt sie. Sie müsse immer im roten Bereich rotieren. Für den Job mit der Säge bleibt keine Zeit mehr. „Lust habe ich schon, aber das ist unrealistisch, das geschieht höchstens, wenn ich mit einem meiner vielen Doktoranden mal über einem Problem knispele.“ Sie sei mehr eine Wissensmanagerin geworden.

Sie besitzt den Ruf einer hervorragenden Netzwerkerin, organisiert Plattformen, auf denen sich Wissenschaftler und Unternehmen begegnen. Sie referierte auch schon vor Krimi-Autoren. Ihr Thema: Die reale Gefahr des Cyberterrorismus. Die Bombe im Rechner. „Es braucht nur jemand einen kleinen Trojaner auf ihren Rechner pflanzen“, erklärt sie auf dem Weg zum Carl-Linde-Hörsaal der TU München. „Unauffällig, weil sie etwas leger mit ihm umgegangen sind, und schon agiert ihr Computer als Zombie-Rechner mit Millionen anderen in einem sogenannten Botnetz, um, sagen wir mal, den Reaktor eines Kernkraftwerkes zum Schmelzen zu bringen. Botnetze kann man übrigens im Internet mieten. Oder stellen sie sich vor, die Finanzstruktur bricht zusammen. Alles basiert darauf, dass die Börsen online sind, die Transaktionen müssen laufen. Wenn die ihre IT-Dinge nicht mehr abwickeln können, überleben die nicht länger als zwei Tage.“

Im ICE nach München klapperten die Tastaturen noch so leicht. Plötzlich werden die mobilen Netzwerker zu ahnungslosen Lieferanten der gut organisierten, sogenannten Underground Economy, deren Hauptziel es ist, virtuelle Identitäten zu handeln. Die Schad-Software errechnet aus den persönlichen Daten auf Facebook, Xing und Co. in Windeseile mögliche Passwörter. Glaubt man Professor Eckert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die richtigen Passwörter finden, extrem hoch, weil die meisten Nutzer leicht durchschaubare Varianten verwenden.

Der Hörsaal an der TU München, wo Claudia Eckert heute ihre Vorlesung hält, ist gut gefüllt. Doch die wenigsten Studenten machen sich Notizen. Einige haben ihren Laptop aufgeklappt, lesen Emails oder surfen im Netz. Ein ständiger Lärmpegel steht im Raum: Kichern und Murmeln. Die Professorin lässt sich von der undisziplinierten Atmosphäre nicht stören. Auf ihrem Tablet-PC rechnet sie Beispiele durch, kringelt Ergebnisse ein, setzt Pfeile. Am Ende der Vorlesung bekommt sie Applaus- für die Aufzählung der Themen, die sie in der Prüfung nicht abfragen wird.

Nur wenige Mädchen haben im Auditorium gesessen. Auch wenn die Frauenbewegung mehr als hundert Jahre alt ist, fragt man sich, wie Claudia Eckert es geschafft hat, in einer Männerwelt wie der Informationstechnik so weit voran zu kommen.

Keine privilegierte Herkunft. Der Vater arbeitete als Vermessungsingenieur in der Stadtplanung, unruhig auch er, begierig darauf, sich auszuprobieren. Die Familie lebte im Ruhrgebiet, in der Schweiz, dann wieder in Deutschland. Die Mutter, eine gelernte Apothekenhelferin, war Hausfrau. Immer hätten die Eltern ihre Begabung unterstützt, sagt Claudia Eckert. Sie und ihre Schwester seien nie klassisch wie Mädchen erzogen worden.

In den Siebzigerjahren hörte die Abiturientin Claudia ihrem Vater gespannt zu, wenn er von seiner Arbeit mit den ersten IBM-Großrechnern berichtete. Sie folgte seinem Rat, nicht Mathematik, ihr Lieblingsfach, zu studieren, sondern Informatik. 1980, während der Promotion, richtete sie an der Seite ihres Professors den Lehrstuhl Informatik in Oldenburg mit ein. Gleich nach der Promotion bekam sie eine Habilitationsstelle in München, übernahm erste Vertretungsprofessuren in anderen Städten.

An diesem Abend fährt sie mit dem Zug nach Darmstadt. Morgen wird sie am Hauptsitz des Instituts eine Aufsichtsratsitzung leiten. „Ich habe niemals eine Zurückweisung erfahren, weil ich eine Frau bin“, sagt sie. „Ab einer gewissen Position versucht immer jemand, ihnen ein Beinchen zu stellen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Aber dass ich anfangs extrem unterschätzt worden bin, das hat damit zu tun, dass ich eine Frau bin.“

Sie ärgert sich, dass das Bild der Informatik in der Gesellschaft negativ besetzt ist, noch immer dominiere der Pizza mampfende Freak, der abseits der Welt, in seinem Keller bastele. „Dabei ist die Informatik eine kommunikative Wissenschaft. Man muss häufig mit anderen Menschen arbeiten, man muss sie verstehen, die Lösung so bauen, dass sie damit umgehen können. Man arbeitet immer im Team. Da liegt eigentlich eine Stärke von Frauen, diese Bindegliedfunktion zu haben, und dann trotzdem das technische Verständnis mitzubringen, das Analytische.

Die Zahl der weiblichen Informatik-Studenten nimmt gerade wieder ab. Nach einem Höchststand von zirka zwanzig Prozent vor einigen Jahren ist die Zahl jetzt auf unter zehn Prozent gefallen.

Claudia Eckert kennt Theorien, die das Phänomen zu erklären suchen, dass sich Mädchen weniger für Computertechnik interessieren als Jungen. Unter anderem läge es am Unterricht in den Schulen. Mädchen hätten andere Herangehensweisen an Probleme als Jungen. Während Jungen im Computerkabinett einfach loslegten und ausprobierten, versuchten Mädchen zuerst, das Problem zu durchdringen, zu analysieren und stolperten dann noch bei den ersten Schritten herum während die Jungen schon weiter sind. So kämen die Mädchen leicht zu dem Schluss, dass sie mit Computern nichts anfangen können.

Ihre Karriere kommentiert sie einfach: „Ich hatte Glück.“ Sie erwähnt nicht den guten Studienabschluss, die überzeugende Doktorarbeit, ihre Bereitschaft, für eine Vertretungsprofessur durch das ganze Land zu fahren, viele Jahre, bevor die ICEs zu ihrem bevorzugten Arbeitsort wurden. Sie ist eben gern unterwegs. Und sie verdankt ihre Karriere letztlich auch dem Boom, den ihr Wissenschaftszweig in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Inzwischen ist jeder Mensch auf dieser Welt von funktionierenden Netzwerken abhängig. Die Datensicherheit ist eines der dringendsten Probleme der modernen Gesellschaft geworden.

Auf dem Bahnhof bleibt noch Zeit für eine Tasse Kaffee im Stehen. Die Wissensmanagerin ist längst weiter, in der Zukunft, im Internet der Dinge. „Dieser Kaffeebecher zum Beispiel.“ Sie hebt ihn von dem Bistrotisch hoch, blickt auf den Boden der Tasse, an die Stelle, an der dieser Becher zukünftig mit dem Internet der Dinge verbunden sein wird. „Sie gehen damit zum Automaten. Der Betrag wird gleich von ihrem Konto abgebucht. Diese Daten, die dabei ausgetauscht werden, stellen Sicherheitsprobleme ganz neuer Art. Ich weiß heute, wie ich einzelne Menschen und große Server identifizieren kann. Jetzt muss ich tausende von Bechern identifizieren. Wie soll ich das machen?“ Die Frage wird sie eine Weile beschäftigen.

Kathrins Notiz-Blog 16. Mai 10

© Illustration Liane Heinze

Wo immer ich hingehe, bin ich allein. Im Kino. Im Theater. Im Literatursalon. Leon begleitet mich auch nicht zu Ludwig und Bertram. Die finden das nicht schlimm. „Lass ihn doch“, sagen sie. Es ist wie früher, als ich ein Single war und davon träumte, jemanden an meiner Seite zu haben.

Doch ins Bett geht Leon nicht ohne mich. Er schläft vor dem Fernseher ein, den Oberkörper auf einen Arm gestützt, bis er nach vorn kippt und wieder aufschreckt. „Woher nimmst du bloß die Energie?“, fragt er, wenn ich ein oder zwei Stunden nach Mitternacht nach Hause komme. „Daher“, sage ich. „Da, wo ich jetzt her komme, daher nehme ich die Energie.“

Manchmal bin ich müde. Im Büro, wenn ich nach den Artischockenherzen in der Kantine durch das Netz surfe, auf der Suche nach zukünftigen Jobs. Mein Praktikum geht in einer Woche zu Ende. Ich muss mit Froschkinn im Jobcenter über die Finanzierung des Studiums sprechen.

Kolja hat mir einen Flyer entworfen. Wenn man ihn aufschlägt, ist es, als ob man ein Fenster öffnet und einen leeren Raum betritt, in dem einige rote Bauklötze stehen. Weiter nichts. Vor den roten Bauklötzen liegt ein weißer,  auf dem mein Name und meine Adresse stehen.

Ich kann mir Müdigkeit jetzt nicht leisten. Je klarer mir das wird, desto müder werde ich. Schwerfällig. Beladen. Wie ein Flugzeug, das langsam zum Start rollt.

„Du schaffst es“, sagte Leon gestern Abend. Er sagte es mit so viel Überzeugung, dass ich ihm glaubte. Ich bin erstaunt, dass dieser Satz funktioniert. Ich habe noch niemals gewagt, jemandem auf so banale Weise Mut zu machen. Ich habe schon mit Freunden zusammen gesessen, ihre Situation analysiert, abgewogen. Einen Spruch wie diesen hätte ich lächerlich gefunden. Ich hätte befürchtet, falsche Hoffnungen zu verbreiten.

Weil ich nicht wusste, dass Hoffnung niemals falsch ist. Das ist es, was ich von Leon lerne. Er, der selbst schon Abstürze überlebt hat, trifft den einzig möglichen Ton, in dem dieser Satz gesagt werden kann.

Kathrins Notiz-Blog 19. April 10

© Illustration Liane Heinze

Ich habe Jolanda im Café Berger getroffen. Es war das erste Mal in diesem Jahr, das wir draußen auf den Gartenbänken sitzen konnten. Über den Armlehnen hingen noch die Wolldecken vom Winter, aber Jolandas Nase und ihre Wangen waren schon mit Sommersprossen übersäht. Das ist in jedem Jahr das Startsignal für den Frühling. Ihre Augen glühten wie sattes Moos im Sommer.

„Was meint Leon, wenn er sagt: Etwas zusammen aufbauen? Ist doch logisch, dass man als Paar etwas zusammen aufbaut, oder? Das geschieht doch von selbst“, fragte ich die zukünftige Kriminalistin.

Jolanda zündete sich eine Zigarette an. Sie stieß energisch den ersten Rauch aus. „Du wirkst immer etwas abwesend, Mama. Egal wo du bist, du bleibst am Rand. Wahrscheinlich fürchtet er, dass du dich eines Tages auflöst, dass er sich umschaut und du bist verschwunden.“

Sie musterte kritisch die Vorgänge hinter dem Tresen.

Ich bezog auf der Gartenbank meinen Verteidigungsposten. „Ich bin da. Er weiß es. Er hat vielleicht Angst, mich zu verlieren, aber ich bin da. Ich bin heftig da. Ich setze mich mit seiner Familie, mit seiner Arbeit auseinander, berate ihn…“

Jolandas schattige Moosaugen sprangen mich abwechselnd an und an mir vorbei. Ein Pingpong bis zu meiner nächsten Atempause, um mir ins Wort zu fallen. Ihre Lippen lagen bereits in Startposition. Dann wurde ihr Salat serviert. Sie drückte die Zigarette aus, kippte, ohne zu probieren, Salz und Balsamico über die Blätter und Körner und begann zu essen. Ich holte Luft und redete weiter. „Ich koche. Ich habe die Wohnung umgeräumt. Ich räume sein Leben um. Ich arbeite wie eine Trümmerfrau. Und er sagt: Mit dir kann man nichts aufbauen.“

Jolanda tauchte aus dem Salat auf. „Trümmerfrau. Ein Wesen ohne Namen. Verhärmt, grau, Asche.“

Ich flüchtete an meine Kaffeetasse. Der Kaffee war schnell kalt geworden, bot keinen Trost mehr. „Du meinst doch nicht, ich…“

“Du wärst eine strahlende Erscheinung, wenn du nicht mit dieser Tarnkappe unterwegs wärst“, sagte Jolanda. „Du trägst sie links herum, umgekehrt. Wenn jemand eine Tarnkappe richtig aufsetzt, ist er unsichtbar, aber man kann sich an ihm stoßen. Du bist sichtbar, gerade noch so, aber man kann sich an dir nicht stoßen. Du weichst aus. Du schaffst jedem Platz, lässt alle so sein, wie sie sind…“

„Das nennt man Toleranz!“

„…das versteht er doch nicht. Außerdem – warum solltest du tolerieren, was dir weh tut? Er provoziert dich, um dich zu spüren, deinen Widerstand. Du solltest dich öfter mal beschweren, mehr klagen, etwas fordern, eben seine Sprache sprechen.“

Ich war hingerissen von Jolanda, ich konnte nicht anders. Wie sie den Salat aß, wie sie sich alles nahm, was sie brauchte, sich einverleibte und dabei sprühte und dampfte, dass alle zu uns rüber schauten…Ich konnte ihr den Unsinn, den sie redete, gar nicht übel nehmen.

„Ich bin eben ein sensibler Typ, am Rand, ja, eine Beobachterin. Ich bin anders als du, ich habe nicht deine Dichte. Aber so bin ich nun einmal. Vermutlich wurde ich so geboren. Wieso wird das Leise nicht wahrgenommen, beziehungsweise immer negativ bewertet? Wieso wird man schuldig gesprochen, wenn man nicht mit der Trommel durchs Leben stampft? In was für einer Welt leben wir eigentlich?“

„Genauso“, schnurpste Jolanda zwischen ihren Salatblättern hervor. „Motze ihn an für die Welt, in die er dich hinein zu ziehen unterstanden hat.“

„Feiner Deutsch.“

„Apropos: Ich brauche ein Ballkleid.“

„Apropos: Bereitest du dich auf die Prüfungen vor oder beschränken sich deine schulischen Aktivitäten auf die Organisation des Abi-Balls?“

„Apropos: Jakob ist im Komitee, du weißt, Jakob aus dem Schultheater: Harpagon.“

„Hmmm.“

„Auf einer Tournee nach Westberlin sind wir uns näher gekommen. Mit Sören und mir, das ging gar nicht mehr, weißt du.“

„Moment mal, sprichst du jetzt von Kleidern oder Menschen? Oder bringst du gerade beides durcheinander?“

Jolanda unterbrach das Zermalmen der Salatblätter. „Ich habe ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Aber was soll ich denn machen? Ich war noch nie im Leben so glücklich wie mit Jakob.“

„Wie geht es Sören?“

„Nicht so gut. Er würde sich sicher über deinen Anruf freuen.“

„Hmmm.“

Wir liefen durch die aufdringlich gut gelaunten Straßen. Seltsam, dass ich Jolanda so sehr liebe, obwohl sie ganz und gar verschieden ist von mir. Wir sehen uns ähnlich, sind aber verschiedene Typen. Diese Erfahrung, jemanden trotz seiner Verschiedenheit ähnlich zu sein und über alles zu lieben, macht man nur mit Kindern.

„War das deine Angst als Kind, dass ich mich auflöse und verschwinde?“

Jolanda rauchte schon wieder, blies den Rauch in den Himmel. „Damals, als du die Fahrschule gemacht hast, konnte ich mir nicht vorstellen, dass du ein Auto beherrschen kannst, so abwesend und verträumt wie du bist. Ich hatte Angst, einzusteigen. Todesangst. Natürlich habe ich mich nicht getraut, es zuzugeben.“

„Aber ich bin eine ausgezeichnete Autofahrerin. Ich reagiere blitzschnell. Das muss dir doch gezeigt haben, dass du mich völlig unterschätzt hast.“

„Ich erinnere mich, dass du ein oder zweimal an der Ampel standest und der Motor immer wieder ausging.”

„Na und? Das ist nicht lebensgefährlich. Ich bin völlig cool geblieben. Je mehr hupen, desto cooler werde ich.”

„Es war peinlich.”

„Deine Todesangst war also nur die Angst, sich zu blamieren.”

„Was heißt: nur? Manche Dinge sind so peinlich, dass man lieber sterben möchte.”

„Bin ich dir immer noch peinlich?”

„Du warst mir nie peinlich. Hallo?! Es war nur diese Situation. Im Gegenteil: Ich finde es immer lustig mit dir. Wir haben doch einige gute Performances hingelegt, oder?“