Doktor Hoffnung

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In Dresden können Gymnasiasten Esperanto lernen, die Plansprache, die die Welt einmal verbinden sollte. Der Lehrer hat den Traum davon noch nicht aufgegeben und hofft, dass seine Schüler den Kurs durchhalten


© Photo: Stephan Pramme

Doktor Benoît Philippe unterrichtet am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Dresden Französisch. Er ist nicht zufrieden. Er findet, dass seine Muttersprache für Schüler in Sachsen nicht wichtiger sein sollte als Sorbisch. Oder Suaheli.

Es ist Montagnachmittag. Herr Philippe wartet vor dem Zimmer 104 auf seine Schüler. Seine schwarze Ledertasche trägt er wie einen Schulranzen auf dem Rücken. Der blau-weiß-rote Sticker auf dem Deckel der Tasche ist schon ziemlich abgegriffen. Doktor Benoît Philippe ist jugendlich schlank, sein kurzer Bart tadellos geschnitten. Ein kleiner, blauer Kragen liegt über dem hellen Wollpullover. Er unterscheidet sich in Gelassenheit und Eleganz erheblich von den anderen Lehrern, die durch die Gänge des modernen Gymnasiums eilen.

Felix, Vivien, Sophie und Carolin aus der Achten treffen zuerst ein. „Saluton“, begrüßt Herr Philippe die Schüler. „Saluton“, grüßen sie zurück. Ein paar Minuten später kommen Janek und Pia aus der Siebten. Der Esperanto-Unterricht kann beginnen.

Der Lehrer rückt vier Tische für die kleine Gruppe zusammen. Er schreibt Worte an die Tafel, deren Endungen die Schüler vervollständigen sollen. Das ist einfach, denn in Esperanto endet jedes Substantiv/Einzahl auf „o“ und jedes Adjektiv auf „a“. Deshalb erinnert die Sprache immer ein wenig an spanisch, obwohl ihr Wortschatz aus vielen europäischen Sprachen stammt. „Vi bone lernis“ – du hast das gut gelernt, lobt der Lehrer, als Vivien einen Satz aus den Wörtern bildet. Vivien ist gegen den Willen ihrer Eltern zu den ersten Esperanto-Lektionen gekommen. Ihre Eltern, sie sind beide Lehrer, finden die Sprache sinnlos. So wie Viviens Eltern denken viele: Warum eine Sprache lernen, in der man in keinem Hotel der Welt ein Frühstück aufs Zimmer bestellen kann? Aber Vivien ist neugierig auf die Sprache, von der Herr Philippe sagt, dass sie sich schneller als Englisch und Französisch lernen lässt. Vielleicht taugt sie als Geheimsprache. Felix lernt Esperanto, um in Französisch besser voran zu kommen. Denn ihr Lehrer, Herr Philippe, hat ihnen gesagt, dass Esperanto eine gute Grundlage für jede europäische Sprache ist. Sophie möchte Dolmetscherin werden. Als zweite Weltsprache kann sie sich Esperanto nicht vorstellen. „Ich könnte niemanden im Internet auf Esperanto anquatschen.“  Pia fällt auf in der Gruppe. Sie ist ein Mädchen mit einem blassen Gesicht und großen, braunen Augen, die nachdenklich und distanziert schauen. Zugleich ist sie sehr präsent. Auch sie möchte später einen Beruf haben, in dem sie Sprachen braucht wie ihre Mutter, die kürzlich beruflich in Afrika zu tun hatte. Pia hat sich ihre Gedanken gemacht über Esperanto, die vor allem als gerecht geltende Kunstsprache. „Da kommt ja so viel aus dem Polnischen.“ Das haben vielleicht ihre Eltern behauptet, die kein Esperanto sprechen. Im Esperanto bündeln sich Einflüsse aus allen europäischen Sprachgruppen. Trotzdem sind Pias Bedenken richtig. Für einen jungen Kosmopoliten bleibt es eine ungerechte, weil europäische Sprache. „Englisch ist irgendwie cooler“, sagt Pia.

Doktor Philippe fürchtet, dass die Schüler aufgeben. Der Kurs ist im letzten Jahr von fünfzehn auf sieben Schüler geschrumpft. Zwar haben in seinen Esperanto-Kursen, anders als in den Spanisch – und Italienisch-AGs, immer einige Schüler bis zum darauffolgenden Jahr durchgehalten, weil sie weniger schnell entmutigt waren, aber schließlich haben die Jugendlichen um diese Zeit schon einen langen Schultag hinter sich. Und er darf keine Zensuren geben. Die leichte Kunstsprache hilft den Schülern also nicht einmal, ihren Abi-Durchschnitt zu heben.

In Deutschland ist Esperanto als Schulfach nicht zugelassen. In Großbritannien, Norwegen, Polen, Ungarn, Bulgarien, Italien, Österreich, Bosnien, den USA, China, Neuseeland und vielen weiteren Staaten ist die Plansprache anderen Fremdsprachen gleichgestellt. Dort werden Lehrer für den Esperanto-Unterricht ausgebildet. Benoît Philippe hat 1980 einen Abschluss als Esperanto-Lehrer in Varna gemacht.

Esperanto sei zweckmäßig und gerecht, argumentiert er. Er zählt die Erfolge seiner Esperantogruppe auf und hält sie gegen die miserablen Französischkenntnisse der Schüler im Allgemeinen. Französisch stehe nur zur Abschreckung auf dem Lehrplan, damit die Schüler sich für das leichtere Englisch entscheiden, sagt er. Zwei, drei senkrechte Falten bilden sich zwischen seinen blauen Augen auf der sonst glatten Stirn. Dann winkt er ab. „Das ist natürlich Unsinn, aber manchmal habe ich solche Ideen.“

Esperanto ist für diesen Lehrer nicht nur ein Argument. Es ist eine Leidenschaft. Er entdeckte die Sprache als Student in Freiburg, im Disput mit einem Freund, der Philippes zunächst ablehnende Haltung mit den Worten konterte: „Du weißt nicht, wovon du sprichst.“ Das habe ihn überzeugt. Seine Begeisterung wuchs mit dem Lernen. Die Dissertation -er studierte Romanistik und Philologie- schrieb er über die Entwicklung der Plansprache. Sein Professor, ebenfalls ein Romanist, hatte keine Mühe, die Sprachbeispiele zu verstehen. Seit vielen Jahren schreibt Benoît Philippe Gedichte in Esperanto. Er gibt eine Zeitschrift heraus und sammelt Literatur.

„Es hat vielleicht mit meiner Geschichte zu tun, dass ich so offen war für die Idee einer gerechten Sprache“, sagt er. „Meine Familie kommt aus dem Elsass, wo abwechselnd Deutsch und Französisch verboten waren, je nachdem, wer gerade an der Macht war.“ Als sein Großvater in den ersten Weltkrieg zog, verließ er ein deutsches Dorf und kehrte heim in ein französisches. Die Eltern wurden während der Annexion durch Hitler in ihrer Kindheit gezwungen, Deutsch zu sprechen. Nach 1945 war die Sprache der Nazis im Elsass unerwünscht.

Benoît Philippe wurde in Baden-Baden geboren. Er wuchs in einer Siedlung für die französischen Besatzer auf. Sein Vater arbeitete dort als Lehrer. „Wir nannten diese Siedlung ‚das Ghetto’, erzählt er. „Das war kein Frankreich. Das war kein Deutschland. Das war…“ Er schaut sich im Schulhaus nach einem Vergleich um. Sein Blick fällt in den verwahrlosten Lichthof im Zentrum des Gebäudes, gleich neben Zimmer 104. „Das war wie auf dem Mond. Die Militärs und ihre Familien blieben maximal drei Jahre. Ich war neidisch auf meine Mitschüler, weil sie wieder gehen konnten. Sie gingen an Orte, die so wunderbare Namen hatten wie Bordeaux oder Marseille. Wenn wir zu Beginn des Schuljahres die Formulare ausfüllen mussten, deckte ich meinen Geburtsort zu. Ich war der Boche, der schmutzige Deutsche.“

Ludwig Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, wurde einhundert Jahre vor Benoît Philippe geboren, im Dezember 1859. Er wuchs in der Stadt Białystok an der Grenze des Russischen Reiches auf. Heute liegt Białystok in Polen. Als Ludwig Zamenhof ein kleiner, jüdischer Junge war, wurde in der Stadt Jiddisch, Polnisch, Russisch, Litauisch und Deutsch gesprochen. Ludwig Zamenhof führte die Feindschaft unter den Völkern auf ihre verschiedenen Sprachen zurück. Zamenhof wurde Augenarzt. Er sprach mehrere Sprachen. Mindestens ein Wörterbuch muss er immer unter seinem Arztkittel versteckt haben, das hebräische, lateinische oder griechische. Er wollte den Sprachen an die Wurzel gehen. 1887 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Doktor Esperanto“ –Esperanto bedeutet „Der Hoffende“ – seinen Entwurf einer Lingvo Internacia. Doktor Esperanto war nicht angetreten, die Sprachen der Völker zu verdrängen, sondern sie zu erhalten. Keine Sprache sollte in ihrer Bedeutung über die andere erhoben werden. Esperanto war als Brücke der Verständigung gedacht. Der jüdische Augenarzt hatte eine politische Bewegung ins Leben gerufen.

Die Idee fand schnell Anhänger. Zeitschriften entstanden, Kongresse wurden organisiert. Dresden hat eine reiche Esperanto-Geschichte. 1908 fand hier der Weltkongress der Esperantisten statt. Die Esperanto-Schriftstellerin Marie Hankel lebte in der Stadt. Heinrich Arnold, Sohn des Kunstmäzen und Bankiers Georg Arnold, an den in Dresden noch heute ein Bad erinnert, engagierte sich für die Verbreitung der Plansprache. Er schrieb das Vorwort für die Esperanto-Ausgabe des Buches „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner, mit der er auch befreundet war. Zeitgenossen berichten, dass er auf seiner Strandburg an der Ostsee die grüne Flagge der Bewegung hisste. In den Zwanzigerjahren lernten sogar die Dresdner Polizisten Esperanto, um für den Fremdenverkehr gerüstet zu sein.

Die Nazis verboten die pazifistische Sprache. In der DDR wurden erst wieder Mitte der Sechzigerjahre, nach dem Ende der Stalinzeit, Kurse an Volkshochschulen und in Betrieben angeboten.

Heute ist von dem einstigen Enthusiasmus nichts mehr in der Stadt zu spüren. Es gibt einen Stammtisch und einen Freundeskreis Esperanto, den der Leiter des Dresdner Esperanto-Archivs ins Leben gerufen hat. Zwei Lehrer fallen Benoît Philippe ein, die wie er Esperanto in Dresden und dem Umland unterrichten.

Die Weltsprache ist Esperanto eben nicht geworden. Man schätzt, dass es fünf Millionen Sprecher weltweit gibt, genaue Zahlen sind nicht bekannt. Die Schätzung beruht auf einem Vergleich der Wikipedia-Einträge auf Esperanto mit denen anderer Sprachen.  So betrachtet, liegt Esperanto irgendwo zwischen Dänemark und Litauen. In Litauen leben über drei Millionen, in Dänemark zirka fünf Millionen Menschen. Die aktiveren Esperanto-Gruppen findet man in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Es sind junge Intellektuelle, die in der Geburtsstadt Zamenhofs den Fernsehsender Bjalistoko Esperanto betreiben.

Esperanto ist heute zu einem Sprachsport geworden, ausgeübt von Sprachbegabten bei regionalen und weltweiten Treffen. Doch was motiviert zum Lernen? Esperanto hat keine Landschaft, kein Haus, kein Lied. Benoît Philippe würde sagen: Esperanto hat alle Landschaften, alle Häuser alle Lieder. Doch das läuft auf dasselbe hinaus. Die Entscheidung für eine Sprache erfolgt aus Notwendigkeit oder Liebe. Es ist heute nicht notwendig, Esperanto zu lernen. Wen oder was lieben Menschen, die sich für Esperanto entscheiden? Eine Idee? Ein Spiel?

Jonne Saleva ist ein Austauschschüler aus Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands. Er ist siebzehn Jahre alt. In seiner Muttersprache spricht man das „o“ in seinem Namen weder kurz noch lang. Man hält das „o“ ein wenig, man schaukelt es wie ein Baby, bis der Name eine kleine, unbekannte Melodie erzeugt, die es sonst in keiner anderen europäischen Sprache gibt. Man muss das üben. Es hilft, sich einen dunklen Wintertag in Lappland dabei vorzustellen. Es hilft, sich ein Haus in das verschneite, flache Land zu denken und darin ein Feuer.

„Es war komisch, allein Esperanto  zu lernen, ohne zu wissen, wofür“, erzählt Jonne. Sein Deutsch hat einen starken sächsischen Einschlag. Er hat die Besonderheiten dieses Dialekts längst analysiert. „In Lappland gibt es nur zwei Leute, die Esperanto sprechen: Mein Lehrer Pekka und ich. Eines Tages rief Pekka an und sagte, dass sein Freund aus Japan da sei. Dieser Japaner sprach nur Japanisch und Esperanto. Es war das erste Mal, dass ich jemanden traf, mit dem ich mich nur auf Esperanto verständigen konnte. Das war großartig.“

Zum zweiten Mal besucht Jonne den Stammtisch der Dresdner Esperantisten. Benoît Philippe organisiert die Treffen im „Neustädter Diechl“, einem Restaurant in der Äußeren Neustadt, dem Szeneviertel Dresdens. Überwiegend ältere Herren sind um die Tafel versammelt. Als Jonne gegen neun Uhr im Gastraum sein Hütchen lüftet und die graue Filzjacke auf das Kanapee wirft, machen sich die ersten Besucher bereits auf den Heimweg.

Die meisten der Akademiker beherrschen wie Jonne zwei oder mehr Sprachen perfekt. Ein stämmiger Lateinlehrer mit dunklen Haaren und breiten Hosenträgern spricht fließend Spanisch, Russisch und Arabisch. Jetzt lernt er Chinesisch und unterrichtet das auch schon an seiner Schule. Sein Tischnachbar hat in der DDR Ökonomie studiert. Seit vielen Jahren ist er arbeitslos. Langeweile hat er nicht. Er übersetzt Computerprogramme ins Nieder – und Obersorbische. „Um die Sprachen zu pflegen“, sagt er.

Ein buntes Hündchen mit spitzer Nase wedelt um den Tisch, wenn wieder ein knuspriges Bauernfrühstück oder ein Schnitzel serviert wird. In dieser Runde passiert es, dass die Männer aus dem Esperanto heraus ins Sächsische fallen. Je weiter sie von Benoît Philippe entfernt sitzen, desto ausgiebiger. Mi krokodilas – ich krokodiliere, sagen Esperantisten, wenn sie miteinander in ihrer Landessprache sprechen. An diesem Abend kämpft Benoît Philippe nicht allein gegen das Krokodilieren. Sein langjähriger Freund Hubert Schweizer, ein Heilpraktiker und altkatholischer Priester, sitzt am anderen Ende des Tisches. Die beiden achten darauf, dass am Tisch nicht wieder von der Aufgabe des Abends abgewichen wird. Doktor Philippe hat eine Liste mit Wörtern vorbereitet, für die es noch keine Entsprechung auf Esperanto gibt, das Wort „piercing“ beispielsweise. „Korpo traboraga“, lautet ein Vorschlag, der durchbohrte Körper, „pikornamo“ ein anderer, Stechschmuck. Man plaudert über die Traditionen des Piercing auf anderen Kontinenten, -es scheint ein spaßiges Thema zu sein- und diskutiert, ob eher das Verb bohren oder pieken zutrifft. Die erarbeiteten Übersetzungs-Vorschläge schickt Benoît Philippe nach Leipzig, an den Herausgeber des Wörterbuch Deutsch-Esperanto, Professor Erich-Dieter Krause. Um die Auflage des Werkes wird ein kleines Geheimnis gemacht. Der Verlag will nur verraten, dass sie irgendwo zwischen 1000 und 3500 Exemplaren liegt. Eine ähnliche Zahl liest man auch über den Weltbund der Esperantisten: 1300 Deutsche sind dort als Mitglieder erfasst.

Am nächsten Montag wartet Doktor Philippe wieder vor Zimmer 104 auf seine Schüler. Jonne steht neben ihm und knetet seinen Hut. Fast alle kommen, um den Gast aus Lappland kennenzulernen: Sophie, Vivien, Felix, Carolin und Janek. Jonne soll etwas über seinen Alltag in Finnland erzählen. Doktor Philippe hat bereits eine Finnland-Karte aus dem Geographie-Kabinett geholt. Pia hat abgesagt. Sie muss zur Orchesterprobe. Sie denkt sowieso darüber nach, die AG aufzugeben. Sie möchte sich stärker auf Englisch konzentrieren.

Kathrins Notiz-Blog 5. April 10

© Illustration Liane Heinze

Leon war seit Stunden in seiner Garage verschwunden. Es war kalt. Es regnete. Ich saß im Fensterrahmen. Die Heizung bullerte unter meinem Po. Die SISUSTA! hat mir Lust gemacht, Räume zu entwerfen, zu kaufen, was ich will, ohne Limit, eine Werkstatt zu haben, in der ich aus aufgegebenen, verlorenen, weg geworfenen Objekten etwas Neues gestalte. Ich möchte losgehen und Dinge suchen, alte Möbel, Holzstücke, Metall, Plastikschnipsel, auf Böden und in Kellern stöbern, wie ich es als 16jährige gemacht habe, auf ein Dorf fahren und die Leute überreden, mir ihre Häuser und Wohnungen zu zeigen. Statt hier zu sitzen und mir die Hände an einer Tasse Tee zu wärmen.

Ich zog meinen dicken Anorak an, packte Mütze und Handschuhe und etwas Proviant ein.

Leon scrollte die Angebote auf Ebay durch.

„Ich fahre in die Uckermark. Spätestens mit dem letzten Zug komme ich zurück.“

Ich nahm die Wochenendausgabe der Zeitung mit, las aber nicht. Die ganze Fahrt lang döste ich aus dem Fenster.

Der Bahnhof von Wilmersdorf ist wie viele Bahnhofsgebäude dem Verfall preisgegeben. Es ist ein schönes, altes Haus aus roten Ziegeln. An seiner Fassade sind die Kilometerzahlen bis Berlin und Greifswald angegeben, ein nostalgisches, hellgraues Zahlenrelief: 156,5 km bis Greifswald, 86,5 km bis Berlin.

Vier Bahnsteige sind über eine Brücke miteinander verbunden. Auf der Brücke warnte ein rot-weißes Schild vor einer bröckelnden Stufe.

Die Bahnhofsstraße, eine holprige Allee, kaum genutzt, drückt sich in die Wiesen, in die Nähe des Waldes, führt in einem schüchternen Bogen zu einer kleinen Ansammlung von Häusern. Auf der anderen Seite des Dorfes rauscht die Bundesstraße entlang, dekoriert mit gelben und blauen Schildern, die Orte ankündigen und die nahe Autobahn in Richtung Berlin und Stettin, in Klammern Szczecin. Die Vergangenheit besaß auf diesem Schild Gültigkeit. Die Gegenwart war in Klammern gesetzt. Das Schild erinnerte mich daran, dass ich in einem Land, das Orte und Zeiten so behandelt, eigentlich nicht leben möchte.

Ich lief entlang der Bundesstraße. Ich war wütend, weil ich so viel Geld für eine Fahrkarte nach Wilmersdorf bezahlt hatte, ein ganzes Tagesbudget für wenige Stunden. Ich fühlte mich allein. Ich bog in einen Waldweg ein und lief und lief, bis sich die Landschaft endlich vor mir öffnete. Die rötlichen Baumkronen am Horizont faserten in die violetten Streifen des Himmels aus. Davor lagen Felder und Seen, die noch Eis atmeten, auch sie von einem roten Licht bedeckt. Der Frühling war zart wie Anfang März. Er wehte leicht und kalt von der Ostsee herein. Ich rief Leon an. „Ich möchte, dass du das siehst. Kommst du?“ Er seufzte düster.

„Es ist magisch schön“, sagte ich. Was für ein Blödsinn! Dieses Bild ließ sich nicht beschreiben. Er machte ein knappes, zustimmendes Geräusch. „Die Arbeit frisst mich auf.“

„Wir können später mal mit den Rädern herkommen“, schlug ich vor.

„Es passiert gerade sehr viel“, sagte Leon. „Ich habe jemanden getroffen. Wir wollen einen Internet-Handel für Retro-Bikes aufziehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Er entschuldigte sich dafür, in nächster Zeit viel reisen zu müssen.

„Das ist wunderbar“, sagte ich. Er machte wieder dieses knappe, zustimmende Geräusch.

Dass er nicht bei mir war, nicht sah, was ich sah, tat weh, fast wie ein Trennungsschmerz.

Auf dem Rückweg scheuchte ich am Bahnhof zwei große Katzen aus ihrem Versteck. Sie hatten im Windschatten des Schuppens gegenüber gehockt. Eine Lampe klickte an, beleuchtete spärlich den Bahnsteig. In einem der oberen Fenster des Bahnhofsgebäudes brannte Licht. Ich lief zurück, fand den Eingang der Wohnung, ein Namensschild. Durch das Schlüsselloch stank es nach Katzenpisse. Kunstblumen standen auf einem kleinen Tisch im Flur, daneben eine Yuccapalme. Ich fasste mir ein Herz und klingelte. Nichts geschah. Ich klingelte noch einmal. Minuten vergingen, dann polterte jemand die Treppe hinab. Ich trat ein Stück von der Tür zurück. Ein Biker mit strähnigen Haaren öffnete. Er musste um die Fünfzig sein. Sein Bauch quoll über den Bund der schwarzen Lederhose. Er schob die Hemdsärmel hoch, legte die tätowierten Unterarme frei. Er wirkte verlegen. Ich entschuldigte mich und fragte, ob es möglich wäre, den Bahnhof zu besichtigen. „Ich bin Architektin“, log ich.

„Schon wieder eine Architektin?” Er strich die Haare hinter die Ohren. „Das nächste Mal verlange ich Eintritt.“

„Sie passen auf den Bahnhof auf, ja?“

Er antwortete nicht, verschwand. Ich wartete. Es dauerte einige Minuten, dann kam er mit dem Schlüssel. „Bringen sie ihn zurück, wenn Sie fertig sind”, sagte er.

Der Zug nach Berlin fuhr in Bahnsteig zwei ein, auf der anderen Seite der Brücke.

Durch die grauen Gardinen und die verdreckten Scheiben der Bahnhofshalle sah ich nur eine Minute später den Zug sich beschleunigen. Dann war es so still, dass man den Staub über den Fußboden wehen hörte. Es hatte ein Bahnhofsrestaurant gegeben und einen Zeitungsladen. Die Türen waren verschlossen.

„Seit wann ist der Bahnhof gesperrt?“, fragte ich den Mann, als ich den Schlüssel zurück brachte. Vielleicht würde ich erfahren, ob er der Sohn oder Schwiegersohn, ob er seine Eltern Ostern besuchte, ob sie noch lebten. Ich hatte noch viel Zeit bis zum nächsten Zug. Vielleicht würde er mir einen Kaffee kochen. Ich war bereit, mich mit ihm über seine Harley zu unterhalten, über die nächste Kneipe oder ein Konzert, was auch immer er zu erzählen hatte, nur, um nicht allein zu sein.

„Keine Ahnung.” Er lehnte in der Wohnungstür. Es roch nach angebranntem Käse. Über seiner Schulter glänzte ein Stück Schrankwand. Unter seinen Achseln lagen Spitzendeckchen und Kunstblumen auf dem Fensterbrett. Der Fernseher lief. Vielleicht war seine Mutter kürzlich verstorben und er plötzlich ganz allein mit den Spitzendeckchen und den Kunstblumen. Vielleicht hatte er seine Einsamkeit noch gar nicht bemerkt.

Ich schlenderte über die Bahnsteige, studierte lange den kleinen Fahrplan und lief schon zwanzig Minuten vor dem nächsten Zug nach Berlin über die Brücke, um ihn ja nicht zu verpassen.

Jolanda hatte eine SMS geschrieben. Frühling nervt.

Verkriech dich einfach hinter deinen Büchern, empfahl ich ihr.

Wenn der Frühling nicht so nerven würde, schrieb sie.

Seit der kaputten Waschmaschine hatte ich Jolanda nicht gesehen. Ich schlug ihr ein Treffen vor.

Ziemlich verfroren und hungrig kam ich zu Hause an. Leon saß immer noch in der Garage. Er schaute nicht auf, als ich ihm einen Kuss in den Nacken gab.

„Ich habe Falafel mitgebracht.“

Er hob den Blick vom Monitor. „Gut, ich bin am Verhungern.“

„Warte.“ Ich lief nach oben und holte ein paar Kerzen. „Die ganze Uckermark war mit Osterfeuern getupft, überall, wo Häuser stehen, loderte ein kleiner Haufen Reisig.“ Wir saßen auf der Werkbank. Der Luftzug brannte die Kerzen schief.

„Wir sind wie diese Kerzen”, sagte Leon. „Wir flattern auseinander.” Wie er in die Flammen schaute, das machte mir Angst. Es war die Angst, dass wir in unserer Verschiedenheit diesem Leben nicht gewachsen sein und aneinander wahnsinnig werden könnten.

„Ich möchte mit dir gemeinsam etwas aufbauen“, sagt er. Es klang wie eine Drohung.

„Ich auch“, sagte ich, aber ich wollte nicht schon wieder über das Auswandern sprechen. Keine Chance.

„Wir sollten weggehen aus Berlin“, sagte Leon.

„In die Uckermark?“

„Weiter weg.“

„Warum?“

„Warum nicht?“

„Weil Fernumzüge anstrengend und teuer sind. Ein riesiger Aufwand, nur um nach einem halben Jahr festzustellen, dass die Menschen anderswo dieselben Probleme haben wie wir.“

„Wir sollten uns ein Zuhause schaffen, einen Ort, an dem wir etwas Gemeinsames aufbauen, einen Ort, an dem wir ankommen können.“

„Warum müssen wir dafür weggehen?“, sagte ich. „Dieser Ort könnte hier sein. Er kann überall dort sein, wo wir sind. Wir sind dieser Ort.“

„Diese Garage fällt mir auf den Kopf. Berlin schnürt mir die Luft ab“, sagte Leon.

„Diese Arbeit mit Kolja…”, wandte ich ein. „Ich lerne gerade sehr viel. Sein Projekt ist mir wichtig.“

„Und wenn man dir irgendwann einen Job als Innenarchitektin anbietet, 600 Kilometer von hier entfernt? Würdest du ihn annehmen?“

„Das ist etwas anderes“, sagte ich.

„Wieso?“

Er saß auf dem Sprung. Seine Augen quollen aus dem Halbdunkel der Garage.

„Ich glaube nicht, dass ich diesen Job annehmen würde. Ich möchte hier bleiben. Bei dir und Jolanda.“

Kathrins Notiz-Blog 23. März 10

© Illustration Liane Heinze

Beim Frühstück sagte Leon, dass er für die Retro-Bike-Ausstellung am kommenden Wochenende meine Hilfe braucht. Ausgerechnet an diesem Wochenende fliege ich mit Kolja zur SISUSTA! nach Finnland.  Die SISUSTA! ist eine Einrichtungsmesse. Leon schaute mich an, als hätte ich gesagt, dass ich bei Kolja einziehe. Er stimmte ein Geheul an, steckte sein Croissant in den Kaffee und lief auf und ab. Er erinnerte mich an den Zyklopen aus dem alten Sindbad-Film, nachdem Sindbad ihm einen Pfeil in die Ferse gerammt hat.

Im Türrahmen blieb er stehen, die Stirn gegen das Holz, als hätte er sein Horn dort hinein gestoßen und käme jetzt nicht mehr frei. „Das geht so nicht“, sagte er. Er war völlig verzweifelt. Ich fühlte mich schuldig. Ich nahm seine Hand. Ich spürte seinen warmen Atem.

„Jeder denkt nur an seinen eigenen Arsch“, klagte er.

„Diese Messe“, begann ich. „Sie ist sehr wichtig, verstehst du? „Im Hinblick auf…meine Selbständigkeit.“

Er blieb im Türrahmen stecken. Die Ausstellung sei die wichtigste der Branche. Er könne dort die Weichen für die Zukunft stellen. Schließlich wolle er nicht ewig in der Garage hocken und billige Stadträder flicken. Er tue das alles nur für uns, für mich.

Ich erklärte ihm meinen Plan, ein Studium zu beginnen und nebenbei schon ein eigenes Büro aufzubauen, warb um sein Verständnis für den Zeitdruck, unter dem ich mit fast vierzig Jahren stehe, rechtfertigte meinen Anspruch auf ein eigenes, unabhängiges Leben. Ich redete und redete. Ich konnte nicht versprechen, dass ich es für uns tat. Ich würde Zeit brauchen, seine Unterstützung, vielleicht hin und wieder sein Geld.

Mein Schuldgefühl wächst stündlich.

Kathrins Notiz-Blog 15. März 10

© Illustration Liane Heinze

Wenn ich meine linke Wange auf den Schreibtisch lege, blicke ich auf die Müllcontainer im Hof und Sträucher, die sich auf die Explosion im April vorbereiten. Dahinter die graue Fassade eines Hauses aus den Fünfzigerjahren. Auch die Gardinen stammen aus den Fünfzigerjahren. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Ich schaue da rüber und erwarte eine Hausfrau in Kittelschürze, die ihren Staubwedel ausschüttelt oder einen Gummibaum ins Fenster stellt.

Lege ich meine rechte Wange auf den Tisch, fällt mein Blick auf den eleganten Fuß eines Dreiundzwanzig-Zoll-Macintoshs. Vor und hinter mir arbeiten Architekten. Wenn wir in die Kantine gehen, um Artischockenherzen zu zerlegen oder Meeresfrüchten aufzuspießen, fürchte ich, dass jemand fragt, was ich früher gemacht habe. Soll ich ihnen erzählen, dass ich im letzten Sommer Erdbeeren gepflückt, im Sommer davor im Tiergarten die Beete gesäubert und noch davor in einem Teeladen gearbeitet habe? Zum Glück fragt niemand. Sie haben immer sehr viel von sich selbst zu erzählen.

Gestern war Leon noch in der Garage, als ich nach Hause kam. Er arbeitete an einem roten Rennrad. Er knurrte, als ich ihm von Koljas Entwurf eines Wohnhauses erzählte, in dem ich den späteren Bewohnern bei der Gestaltung der Innenräume helfen kann. Koljas Konzept sieht vor, dass die Bewohner gemeinsam mit uns planen, wie viele Zimmer sie in welcher Größe brauchen, so dass ganz individuelle Wohnungen entstehen. Er möchte verstellbare Trennwände einsetzen, so dass die Familien ihre Wohnungen später wieder ändern können, zum Beispiel, wenn die Kinder ausziehen.

„Wieder so eine Urban-Village-Masturbation für Schwaben?“ sagte er.

„Das werden keinen Eigentumswohnungen. Es ist eine Ausschreibung vom Senat.“

Leon fluchte über eine Schraube. Seine Lippen waren schmal.

„Ist noch etwas zu essen da?“, fragte ich.

„Nein“, sagte Leon.

„Aber jetzt haben die Läden zu“, sagte ich. „Es ist neun.“

Im Kühlschrank lagen noch drei Tomaten und ein paar Scheiben Salami. Spaghetti waren auch noch da. Und eine Zwiebel. Käse wäre toll. Naja. Ich machte mich an die Arbeit. Ich hatte Hunger.

Als das Essen fertig war, rief ich Leon an. Ich naschte von der Soße und wartete. Es war nach zehn. Ich rief Leon wieder an. Ich begann zu essen. Als Leon endlich kam, warf er seine rote Mütze so heftig auf den Küchentisch, dass die Kerze ausging. Er pappte die Locken in die Stirn und spülte sich die Hände. Er bedankte sich nicht dafür, dass ich wieder mal gekocht hatte. Er schaute mich nicht an. Als sein Teller leer war, sagte er: „Gute Soße.“

Kathrins Notiz-Blog 20. Februar 10

© Illustration Liane Heinze

Jolanda hat angerufen. Sie bittet mich vorbei zu kommen. Die Waschmaschine sei kaputt gegangen und Sören sei langweilig geworden. Ich sagte ihr, wo sie die Telefonnummer des Hausmeisters findet und dass sie jederzeit auch zu uns kommen könne.

„Ist so weit weg“, maulte sie. Ich recherchierte auf Google Maps. Leons Wohnung liegt zirka 700 Meter außerhalb des Reviers, das Jolanda nur unter zwingenden Umständen verlässt, wenn sie ein Amt aufsuchen muss zum Beispiel oder mit der Klasse ein Museum oder eine Gedenkstätte besichtigt.