Kathrins Notiz-Blog 30. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Ich komme zehn Minuten zu spät zu unserer Verabredung ins Café Sibylle. Zwei Männer sitzen allein im Café. Der Philosophiestudent mit dem Zopf, der in einem Reclam-Bändchen liest, kann es nicht sein, also ist es der hinter der Berliner Zeitung.

„Guten Tag“, sage ich. Ein junger Mann mit hellbraunen Locken springt hinter der Zeitung hervor und streckt mir seine schmalen, blassen Finger entgegen. Helle Augen hängen wie Regentropfen in seinem Gesicht und geben ihm einen melancholischen Ausdruck.

Ich habe mir einen Dreißigjährigen, der in der Karl-Marx-Allee eine Vier-Zimmer-Wohnung kauft, selbstbewusster und kräftiger vorgestellt. Warum eigentlich? Dort, wo die Berliner Zeitung auf der Kaffeetasse liegt, saugt sie sich gerade voll Milchschaum. Der Däne – er heißt Synne – reißt sie ungeschickt weg und faltet sie liederlich zusammen. Während ich noch überlege, was ich statt einem blöden Aufwärmsatz wie: Ich freue mich, dass Sie mir ihre Wohnungseinrichtung anvertrauen! sagen könnte, beginnt Synne schon von sich zu erzählen. Er spiele Bratsche, unter anderem bei den Berliner Philharmonikern. Er sei ein freier Künstler, komponiere auch und würde am liebsten dauerhaft in Berlin bleiben, habe aber noch ein Engagement in Kopenhagen, so dass er gezwungen sei zu pendeln. „Für einen Komponisten gibt es keine bessere Stadt als Berlin“, sagt er. Ich nicke und freue mich, aber die Lobhudelei auf Berlin wird mir langsam unheimlich. Ich frage mich, ob die vielen Zureisewilligen sich während ihrer Aufenthalte wirklich in derselben Stadt wie ich bewegen oder ob ich das Beste an Berlin verpasse? Der Däne sagt, es sei ihm eigentlich völlig egal, wie die Wohnung aussieht. Er habe einfach keine Lust, das selbst zu machen. Zum Komponieren brauche er eh nur einen Arbeitstisch mit Blick auf die Karl-Marx-Allee. „Das lässt sich machen“, sage ich. Ich frage, an wen er die Wohnung vermieten will, wenn er selbst nicht in Berlin ist. „An Musiker wie mich“, sagt er. „Da gibt es eine Menge, die für ein paar Tage in die Stadt kommen und nicht in ein Hotelzimmer eingesperrt sein wollen.“

„Vielleicht sind die auch so anspruchslos wie Sie. Dann lohnt sich der ganze Aufwand gar nicht.“

Synnes Regentropfenaugen werden schwerer. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Auch wenn man es nicht braucht, selbst wenn man es nicht will, ist es dennoch schön, nach Hause zu kommen in Räume, in denen man sich gut fühlt. So ist es auch, wenn ich meine Eltern in ihrem Sommerhaus besuche. Es ist so groß. Jedes Mal denke ich, dass am Abend noch Gäste kommen werden. – Genau!“ Synnes Mundwinkel klappen auf beiden Seiten seiner schmalen Lippen im rechten Winkel nach oben. „Eine große Wohnung gibt das Gefühl, als käme gleich noch jemand vorbei“, sagt er mit einem freundlich, naiven Kindergesicht.

Wir verabreden uns wieder in einer Woche. Dann werde ich Entwürfe und den Kostenvoranschlag dabei haben. Synne reicht mir seine schmalen Finger und verbeugt sich leicht.

Das Möbelhaus, in dem ich unseren Wandschirm gekauft habe, ist nicht weit vom Café Sibylle entfernt. Wie damals nehme ich den Lift, lasse mich zwischen den Regalen und Polstermöbeln dahin treiben und denke mir Räume für Synne als Versicherung gegen die Einsamkeit aus. Ein Sofa mit einem olivgrün karierten Bezug gefällt mir. Das könnte seine Farbe sein. Grün an sich ist jung und ungeduldig, die Farbe des Aufbruchs und der Wut, aber der schlammige Ton dämpft die Aufregung. Wenn jemals ein Sofa versprechen kann, dass gleich noch jemand vorbei kommen wird, dann dieses. Ich messe aus.

Als ich auf dem Teppichboden des Einrichtungshauses hocke und das schlamm – und olivgrün karierte Sofa an die Wand gegenüber der geöffneten Glastür zu Synnes Arbeitszimmer zeichne, so dass sein Blick darauf fällt, bevor er sich zum Komponieren an den Schreibtisch setzt, ruft Kolja an. Er fragt, ob ich am Abend Lust habe, mit ihm „raus“ zu fahren. Ein paar Sekunden bin ich wie gelähmt. Ellas Porträt auf Koljas Monitor treibt durch meine Gedanken. Ohne nachzudenken sage ich ja.

Die Dame von der Espresso-Bar stellt ein Glas Sprudelwasser vor mich auf den Teppich. Durch die großen Glasscheiben blicke ich nach draußen auf die blendenden Wolken.
Ich nehme einen Schluck Wasser. Und noch einen. Plötzlich schmeckt das Leben wie dieses Wasser, das ich trinke ohne Durst, einfach nur, um meine Vorräte aufzufüllen. Es ist wie ein Spiel. Ganz einfach. Als würde ich nie wieder Durst bekommen, wenn ich auf diese Weise weitermache. Ich hatte nicht bemerkt, wie sehr ich mich nach Kolja gesehnt habe. Da ist auch Angst. Die Angst um Ella und ihre Mutter wird zur Angst um mich selbst. Seltsam. Ich darf Kolja nicht zuviel Raum geben. Ich schaue auf den Entwurf zwischen meinen Knien. Keine Regale, denke ich. Nichts Anstrengendes. Lieber Sideboards und einige Bilder an den Wänden. Und irgendwo ein Fahrrad.

Sir, ich habe auf Sie gewartet!

Berliner Zeitung

Der Fotograf Thomas Sandberg erinnert sich daran, wie er Peter Ustinov fotografieren sollte und ihn nicht fand


© Foto Thomas Sandberg

Ustinov gibt im Theater in Hannover ein Autogramm; Sandberg hat es fotografiert.

Es war ein ungemütlicher, kalter Sonntag im März des Jahres 1994, als ich im Auftrag der englischen Tageszeitung The Independent nach Hannover fuhr, um Sir Peter Ustinov zu fotografieren. Um elf Uhr waren wir in seinem Hotel verabredet. Ustinov tourte gerade mit einer Unterhaltungsshow durch Deutschland. Zwei Abende vorher war er in München aufgetreten.

„Peter Ustinov wohnt nicht hier“, sagte der Mann an der Rezeption. Ich glaubte ihm kein Wort. Es war doch ausgeschlossen, dass die Kollegin in der Hamburger Agentur, die den Auftrag vermittelt hatte, mir die falsche Adresse genannt hatte. Ich beschloss, es später noch einmal zu versuchen und verzog mich in ein Café, das dem Hotel direkt gegenüber lag. Das Café war an diesem Sonntagvormittag fast leer. Die Trostlosigkeit hatte sich wie kalter Rauch darin festgesetzt. Es war wie die ganze Gegend an der Hildesheimer Straße nicht einmal hässlich zu nennen. Diese Häuser, denen man nicht erlaubte zu altern, sondern immer wieder sauber angestrichen hatte, erzeugten in mir ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Sie brauchen keinen Fotografen, dachte ich, denn ein Foto will die Spuren des Alterns, die verlorene Zeit, festhalten. Ich rauchte, trank Kaffee, rauchte wieder und hing meinen Zweifeln nach. Das Hotel drüben war modern, vier oder fünf Sterne, nicht schlecht also, aber der ausruckslose Bau erschien mir einem Gast wie Peter Ustinov völlig unangemessen. Ich fragte mich, worauf ich eigentlich noch wartete. Ganz offensichtlich war in der Absprache etwas schief gelaufen. Aber es war ein Sonntag. Ich konnte in der Agentur nicht rückfragen.

Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits für deutsche und internationale Magazine. Als die Kollegin aus der Focus-Agentur in Hamburg angerufen hatte, war ich zuerst nicht bereit gewesen, den Auftrag anzunehmen, denn die Arbeit für Tageszeitungen ist für freie Fotografen finanziell nicht besonders attraktiv. Allein die Reisekosten drohten das Honorar aufzufressen. Andererseits: Wann würde ich wieder die großartige Gelegenheit haben, Peter Ustinov zu fotografieren? Jeder hat ein paar Schauspieler, die er besonders mag. Bei mir sind das Laurence Olivier, Alec Guinness und ja – eben Peter Ustinov. Ich liebe ihn in Topkapi und als Kommissar Poirot in den Agatha-Christie-Verfilmungen. Weil ich ein wirklicher Verehrer seiner Kunst bin, nur deshalb habe ich schließlich zugesagt.

Nach zwei Stunden ging ich rüber in das Hotel und fragte den Mann am Empfang, ob er etwas von Ustinov gehört hätte. Etwas genervt schaute er nach. Da hätte es eine Buchung gegeben, sagte er, aber Ustinov sei nicht angereist. Mein Misstrauen blieb. Warum sollte sich dieser glatte, uniformierte Rezeptionist überhaupt mit meiner Fragerei befassen? In seinen Augen war ich nur ein Fotograf.

Ich fuhr zum Flughafen. Zuerst fragte ich nach dem Flieger aus München, dann aus London. Die Stewardessen schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Peter Ustinov war in keiner Maschine gewesen. Ich fiel in ein Loch aus Selbstzweifeln. Es war nicht einmal die Angst zu versagen. Ich hatte bereits versagt. Ich hatte ihn nicht gefunden. Der Tag war gelaufen.

Aber ich tat, was jeder Fotograf, der seine Arbeit ernst nimmt, auch unter den widrigsten Umständen tut: Ich blieb und wartete. Ich hatte eine letzte, kleine Chance. Den Spielort wusste ich und ich hatte auch in Erfahrung gebracht, dass die Show nicht abgesagt war. Die Stadthalle in Hannover ist ein rotundenartiger Bau aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Autos ziehen im Kreis ringsherum. Ungefähr eine Stunde vor Beginn der Show stellte ich mich an den Bühneneingang. Mit mir wartete eine Traube von Autogrammjägern. Die sahen nicht aus, als seien sie alle Ustinov-Fans. Die meisten machten wahrscheinlich Geschäfte mit Autogrammkarten. Ich fürchtete, dass die Autogrammhändler mir auch noch die letzte Gelegenheit vermasselten. Eine halbe Stunde später fuhr ein Auto vor. Vom Beifahrersitz sprang ein junger Mann im grauen Abendanzug und öffnete Ustinov die Tür des Fonds. Ein weiterer, älterer Herr stieg auf der anderen Seite aus. Alle drei kamen schnell auf uns zu, Ustinov in schwarzem Anzug und Fliege. Ich stand direkt an der Eingangstür. Als er nahe genug war, schrie ich: „Sir! Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet! Wo waren Sie?“ Ich hatte zunächst auf Englisch geschrien, dann, als mir eingefallen war, dass er perfekt deutsch spricht, weiter auf Deutsch. Dieses Gebrüll war wirklich unhöflich, aber Ustinov muss die Verzweiflung darin wahrgenommen haben. Er reagierte keineswegs empört, sondern gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich war den ganzen Tag im Hotel“, sagte er mit einem gelassenen Lächeln. „Aber wo?“, fragte ich, immer noch völlig aufgebracht. Er nannte den Namen. Es war natürlich ein anderes.

Ustinov betrat nur kurz die Garderobe, dann ging er zur Bühne. Er setzte sich auf eine Art Barhocker und begann vor sich hin zu brabbeln. Ich bin nicht sicher, ob das überhaupt Worte waren, die er von sich gab, oder nur Laute, um seine Lippen aufzuwärmen. Wenn ich fotografiere, höre ich nicht wirklich zu. Die Beleuchter richteten das Licht ein. Und plötzlich erschien eine junge Frau in einem netten, kleinen Rock. Sie war eine der Garderobenfrauen. Sie hatte ein Plakat zum Signieren mitgebracht. Ein echter Fan. Ich kniete mich vor die beiden. Ihr Gesicht brauchte ich nicht, aber ihre Beine im Minirock neben dem alten Ustinov, wie er seine Unterschrift auf das Plakat setzt, gefielen mir.

In der Pause konnte ich Ustinov kurz in seiner Garderobe besuchen. Er saß an einem Tischchen, auf dem Mineralwasserflaschen und ein altes Tastentelefon standen. Das Interieur passte hervorragend zu meinen traditionellen schwarz-weiß-Fotos. Ustinov sah meine Leica und erzählte von einem berühmten japanischen Fotografen, der auch mit Leica fotografiert und zu ihm gesagt hatte: „I dont like these japanese shit, prefere german cameras!“ Ustinov imitierte seinen Akzent. Wir lachten. Dann begleitete mich der Assistent wieder nach draußen. Ustinov brauche noch etwas Ruhe. Ich hatte nicht mehr als zehn Minuten mit ihm verbracht.

In der Woche darauf rief mich der Bild-Chef des Wochenendmagazins des Independent, Colin Jacobson, an und bedankte sich für die tollen Fotos. Sie hätten beschlossen, eine längere Magazin-Geschichte daraus zu machen. Ich bekam sogar noch ein ganz gutes Honorar. Ich bedankte mich, dass er meinen „Old School“ – Fotos in seinem berühmten Magazin einen Platz einräumte.

Old School sage ich, weil diese Art der Reportage-Fotografie damals in deutschen Magazinen schon nicht mehr gefragt war. Wenige Stunden, bevor ich Ustinov in Hannover fotografiert habe, hatte ein Kollege von mir, mit dem ich heute persönlich befreundet bin, ihn in München getroffen. Sein Foto erschien in Farbe auf der Doppelseite eines bekannten Magazins. Peter Ustinov sitzt in einem Studio und hält sich einen Lorbeerkranz über den Kopf. Ein typisches Beispiel für die neue inszenierte Fotografie. Ich mochte dieses Foto nicht, weil es am Schreibtisch entworfen wurde. Ich glaube nicht, dass es in der Fotografie einen solchen Weg vom Gedanken ins Bild gibt. Die Wirklichkeit hat weit mehr zu bieten, als ich mir am Schreibtisch ausdenken kann. Als Fotograf habe ich die Oberfläche, das, was der Typ aufgrund seiner Körperlichkeit, seines Gesichts, seiner ganzen Person kommuniziert. Ich brauche den übergeordneten Gedanken eines Redakteurs oder Autors nicht. Was mir da vorgeführt werden soll, überlagert das Vorhandene nur, macht es unzugänglich und führt dazu, dass wir das genaue Hinsehen verlernen. Denn der Lorbeerkranz über Ustinovs Haupt ist doch schon vorhanden. Man muss da nicht so plump nachhelfen.

Ich erzähle die Geschichte oft meinen Studenten an der OSTKREUZ-Fotoschule. Einmal sagte ein Student, Erfolg sei planbar. Ja, vielleicht, wenn man ohne Wagnis, ohne Risiko, allein einem gedanklichen Konzept folgt. Aber ein gutes Zeitschriftenfoto zu finden ist eine Form der Kunst, also höchst riskant. Der Fotoreporter berichtet auf persönliche Weise, was er erlebt, ebenso wie Kisch, Döblin oder Polgar es mit Worten getan haben. Es war damals mein Glück, dass die Briten ein bisschen konservativer sind.

 


Kathrins Notiz-Blog 13. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Kolja hat mich zur Begrüßung nicht gelesen. Sonst überfliegt er mein Gesicht wie eine Titelseite, bevor er mich an sich drückt. Noch immer macht mich seine Aufmerksamkeit verlegen. Heute küsste er an meinen Wangen vorbei. Und holte für mich einen piefigen Hocker aus der Küche, ein Ding mit drei Löchern im Sitz. Sieht aus wie eine geplättete Bowlingkugel. Man kann nicht einmal damit kippeln.

Es geht um eine Wohnung in der Karl-Marx-Allee. Kolja hat sie umgebaut. Ich soll die Inneneinrichtung übernehmen. Es ist der beste Job, den ich jemals hatte, aber das gebe ich vor Kolja nicht zu. Die Wohnung gehört einem Musiker aus Dänemark. Er möchte sie möbliert vermieten und teilweise auch selbst nutzen, wenn er ein Gastspiel in Berlin hat. Er hat weniger die Touristen im Auge, als viel mehr die Leute, die nach Berlin kommen, um sich hier beruflich was aufzubauen.

„Aber…“

„Kein Aber“, sagt Kolja. „Ich weiß, was du sagen willst. Die Spanier, Italiener, Franzosen und Israelis, die in Berlin Jobs suchen, leben in Zelten, Gartenlauben oder zur Untermiete bei Freunden, die gerade in Tel Aviv und New York Jobs suchen.“

„Hast du ihm das nicht gesagt?“, frage ich.

„Ich bin Architekt“, sagt Kolja. Er hängt sich eine zerknitterte Zigarette in den Mundwinkel. Er klickt in dem Vertrag mit dem Dänen herum. „Und du bist kein Unternehmensberater oder Coach“, sagt er.

„Aber ich…“

„Wenn Geld keine Rolle spielt, sollte man nicht weiter fragen“, unterbricht mich Kolja. „Geh einfach davon aus, dass ihm dieses Projekt Spaß macht.“ Er sieht müde aus. Die Zigarette wippt in seinem Mundwinkel und krümelt auf die Tastatur. „Die Einrichtung soll geschmackvoll sein. Der Däne benutzte das Wort: distinguiert.“

Koljas Mutter hatte gesagt, dass Menschen uns ihre dritte Haut anvertrauen. Also muss ich doch etwas über sie in Erfahrung bringen, wissen, woher sie kommen und wohin sie wollen und wie sie sich selbst sehen. Natürlich bin ich dann auch eine Unternehmensberaterin und ein Coach. Andererseits scheint es mir logisch, wie Kolja nicht über das hinaus zu gehen, was im Auftrag vereinbart ist. Um mehr darf es gar nicht gehen. Ich MUSS mich an die Spielregeln halten. Aber sind nicht gerade die Erfolgreichen geübt darin, die Regeln zu brechen? Dieses Dilemma ist typisch für mich. Ich kann mich nicht entscheiden. Zu jedem Argument habe ich sofort ein oder zwei Gegenargumente im Kopf. Alle leuchten mir ein. Ich bewundere Menschen, die für EINE ganz bestimmte Sache eintreten und kämpfen. Das muss ihnen ein wunderbares Gefühl von Sicherheit geben. Vielleicht habe ich die Sache, für die ich eintreten könnte, einfach noch nicht gefunden. Aber mit Anfang vierzig sollte man so weit sein, oder? Liegt es vielleicht daran, dass ich mich nicht traue, für meine Überzeugung einzustehen, dass ich Angst habe, man könnte mich für verrückt halten, weil ich glaube, dass eine Inneneinrichterin auch Unternehmensberaterin und Coach ist? Ich kann die Dinge, mit denen wir uns umgeben, nun mal nicht von ihrer Bedeutung trennen. Ich kann Gedanken nicht von dem lösen, worauf sie sich beziehen, nämlich, WIE wir leben sollten. Wenn ich eine Haltung betrachte, dann immer im Raum. Zum Beispiel drückt es etwas über den Charakter der Europäischen Revolution aus, dass sich die Assamblea immer unter freiem Himmel trifft, auf einem der großen, öffentlichen Plätze der Stadt. Überall auf der Welt finden die Versammlungen der Demokratiebewegung auf der Straße statt. Koljas Mutter würde sofort verstehen, was ich meine. Sie würde sagen: „Probiere es aus! Lass dich überraschen.“

Kolja strengt sich an, unbeobachtet zu tun und so lässig wie möglich auf seine Tastatur einzuhacken. Die Asche krümelt auf seinen Arm.

„Ist deine Mutter immer so – offen und interessiert?“, frage ich. „Nein, nein, warte: offen und interessiert klingt total blöd. Sie ist noch anders. Sie ist – weise. Ich habe noch nie eine weise Frau getroffen.“

„Alle glauben, von ihr geliebt zu werden“, sagt Kolja.

„Dann spielt sie allen etwas vor?“

„Sie ist Schauspielerin“, sagt Kolja.

Es gibt diesen berühmten Satz von Romy Schneider: Im Leben bin ich eine schlechte Schauspielerin gewesen.

„Es gibt wenig Leute, die sie wirklich kennen“, sagt Kolja.

„Kennst du sie?“

„Ein bisschen“, sagt Kolja.

„Sie hat mich eingeladen“, sage ich.

Kolja zuckt die Schultern. „Seit Vaters Tod ist sie ein bisschen einsam da draußen. Möchtest du ein Foto von Ella sehen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, holt Kolja das Foto auf den Monitor. Es zeigt ein durchsichtiges, verschrumpeltes, neu geborenes Gesicht. Ich glaube, dass Kolja eifersüchtig ist auf die vielen Leute, die sich von seiner Mutter geliebt fühlen. Es ärgert ihn, dass ich zu ihr gefahren bin.

„Kannst du Ellas Gesicht lesen?“, frage ich Kolja.

Er lacht und auf seinen Wangen erscheinen wieder diese Grübchen. „Da steht noch nichts geschrieben.“

„Doch, es steht schon was geschrieben“, sage ich. Damals habe ich Jolanda stundenlang und immer wieder angeschaut und vieles entdeckt, was sie aus ihrem kleinen Embryonenreich mit auf die Welt gebracht hat.

„Aber du siehst, dass ein Engel einen Finger auf ihren Mund gelegt hat, damit sie uns das Geheimnis nicht verrät.“ Kolja führt die Maus über die Kerbe unter Ellas Nase, die sich unter den Lippen fortsetzt: Der Abdruck des Engelfingers.

„Schade, dass wir diese guten Dinge bei der Geburt zurücklassen müssen“, sage ich.

„Es ist der erste Abschied unseres Lebens“, sagt Kolja. Er wendet sich von dem Bild seiner Tochter ab, zu mir. Er legt seine Hände auf meine Knie. Er muss sich dafür weit in dem Schreibtischsessel nach vorn beugen, weil der Hocker viel niedriger ist.

„Wie viele Abschiede hattest du bis jetzt?“, frage ich.

„Ich habe nicht gezählt“, sagt Kolja. „Viele. Sehr viele.“

Als ich mit den Entwürfen unter dem Arm nach Hause laufe, ruft Leon an. Er sagt, dass er heute Abend kommt. „Was möchtest du essen?“ frage ich. „Egal“, sagt er. Ich beeile mich, lege die Entwürfe zu Hause ab und mache mich gleich auf den Weg, etwas für uns einzukaufen.

BVG-Karten zum halben Preis

Freie Internationale Tankstelle in der Schwedter Straße in Berlin

arm & sexy ; Berlin mit vollem Herzen und leerem Portemonnaie genießen.

Die BVG muss sparen. Sie spart an Zügen, Personal und Tinte. Manchmal ist gar keine Tinte mehr in den Entwertern. Ein Freund von mir hatte seinen Fahrschein ordnungsgemäß entwertet, aber als er ihn bei der Kontrolle vorzeigte, war nichts drauf zu sehen. Eine echt miese Nummer der BVG, um an zusätzliches Schwarzfahrergeld zu kommen.

Schlagen wir den Feind mit seinen eigenen Waffen: Bevor die Tinte alle ist, werden die Drucke sehr schwach. Sie sind noch sichtbar, können aber locker noch einmal überstempelt werden. Voila, ein Fahrschein = zwei Fahrten!


 

Kathrins Notiz-Blog 5. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Jolanda ist schon in der Bibliothek, als ich komme. Ich packe meine Bücher auf den Tisch neben ihr und versuche zu lernen, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Neben ihr sitzen und nicht reden können ist, wie in die offene Tüte Weingummi auf dem Nebentisch starren und nicht hineinlangen dürfen.

Mittags sitzen wir draußen vor der Mensa und trinken Kaffee. Jolanda hat die Beine auf die Bistrobank gelegt und blinzelt in die Sonne. „Wie geht’s deinen Männern? Sie machen dich beide nicht gerade glücklich, oder?“, sagt sie.

„Weiß nicht….Können Männer uns überhaupt glücklich machen?“, sage ich. „Sind es nicht eher die Frauen?“

Jolanda öffnet ein Auge halb wie jemand, der durch eine Jalousie linst, weil ihn ein Lärm draußen geweckt hat. „Hast du umgepolt?“

„Nein. Aber wenn ich zurück denke, war es schon immer so, dass ich die besten Gespräche mit Frauen hatte, von ihnen die schönsten Geschenke bekommen habe und ja…Frauen sind einfach interessanter. Aber es ist mir erst jetzt aufgefallen.“

„Manchmal dauert es eben länger. Wer ist es denn?, fragt Jolanda.

„Koljas Mutter.“ Ich erzähle ihr von der Begegnung. Jolanda kann nicht verstehen, wieso ich abends um acht mit dem Zug nach Müncheberg fahre, um bei einem fremden Menschen am Gartentor zu klingeln. Sie fragt, wieso ich stattdessen nicht zu Bertram und Ludwig gefahren bin.

„Intuition“, sage ich. „Bertram und Ludwig hätten mir in dieser Situation nicht helfen können. Sie sind zwar schwul, aber eben keine Frauen.“

Jolanda schaut unter einer runzligen Stirn hervor und lässt einen Laut verpuffen. Sie breitet ihr Rauchzubehör auf dem Tisch aus und dreht eine Zigarette. Sie hat kleine, feste Hände. Ihre Nägel sind grün lackiert.

„Ich liebe Männer“, sage ich. „Sie gehören dazu. Irgendwie. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Es ist ein Geheimnis. Ohne sie würde etwas fehlen.“

„Und in wen bist du nun verliebt? In Kolja? Seine Mutter? Oder vielleicht doch in Leon?“, fragt Jolanda.

„Das ist merkwürdig: Ohne Leon könnte ich Kolja nicht lieben. Ohne Kolja wäre ich seiner Mutter nicht begegnet. Und als ich ihr gegenübersaß, habe ich plötzlich gespürt, wie sehr ich Leon liebe. Es tat mir leid, dass ich ihn an diesem Abend allein gelassen hatte. Alle gehören zusammen. Die Begegnungen greifen ineinander, verzahnen sich mit meinem Leben. Das ist doch schön, oder? Wieso sehe ich unglücklich aus?“

Jolanda schaut mich streng an. „Ach, vergiss es, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Wahrscheinlich ist sie zu jung, das zu verstehen. Oder sie hat entschieden, es nicht verstehen zu wollen.

„Und du?“, frage ich. „Wie läuft es mit Jakob?“

Sie bläst den Rauch aus, schaut in die Wolken. Ihr Gesicht löst sich. „Ja“, sagt sie. Und noch einmal: „Ja.“ Jolanda enthüllt ihr Gesicht selten. Wenn es geschieht, bin ich jedes Mal gerührt. Aber heute bin ich ergriffen. Sie bemerkt es, senkt den Kopf, versteckt sich hinter dem Rauch, blickt wieder auf, strahlt. Das Glück ist nur so weit weg wie ein Bistrotisch breit ist. Diese Nähe löst in mir die Angst aus, es könnte weg flattern. Ich wage kaum zu atmen. Die Sonne brennt auf unsere nackten Schultern. Der Kaffee ist ausgetrunken. Ihre Zigarette dauert vielleicht noch zwei Minuten. Zwei Minuten noch, das Glück anzuschauen.