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		<title>Leben mit Leerstelle</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 14:50:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portrait]]></category>
		<category><![CDATA[Das Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2007/10/logo_invert1.gif"><img class="aligncenter size-full wp-image-20" title="Das Magazin - Logo" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2007/10/logo_invert1.gif" alt="" width="200" height="32" /></a><span style="color: #993366;"><em> </em></span>

<span style="color: #333300;">Der Schriftsteller André Kubiczek, seine laotische Mutter, eine ostdeutsche Kindheit und der Versuch, das Fremdsein zu verstehen</span>

<a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/04/Foto-Kubiczek1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1180" title="Foto Kubiczek" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/04/Foto-Kubiczek1.jpg" alt="" width="540" height="800" /></a>

<span style="color: #333300;">Foto: © Stefan Pramme</span>

André Kubiczek ist im Prenzlauer Berg geblieben. Er mag die Gegend, in der schon sein erster, 2002 erschienener Roman „Junge Talente“ spielt, auch wenn die Straßen heute nicht mehr grau und kohleverrußt sind wie damals in den letzten Jahren der DDR, in die sein erstes Buch führt. Mit seiner unaufgeregten, zurückhaltenden Art verkörpert Kubiczek noch immer etwas vom Lebensgefühl der alten Szene, die hier so gut wie ausgestorben ist.

Es scheinen mindestens drei Kinder bei ihm zu leben: Volle Kleiderhaken auf Hüfthöhe im Flur, gebastelte Figuren auf dem Schränkchen daneben, eine Wand voller Kinderzeichnungen in seinem Arbeitszimmer. Doch alle diese Spuren stammen von einem Kind, seiner achtjährige Tochter, die jede halbe Woche bei ihm lebt. „Dieses hier, das war ihre erste gegenständliche Zeichnung.“ Kubiczek weist auf ein Bild, dessen „Gegenstand“ jedoch nicht genau erkennbar ist. „Ein Mensch“, erklärt er. „Ein Gesicht mit Augen, Nase und Haaren, und einem Körper, allerdings fehlen die Arme und Beine.“

Die achtjährige Tochter kommt in seinem neuen autobiografischen Roman „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ nicht vor, obwohl die Handlung bis in die Gegenwart reicht. „Das Buch ist beides, autobiografisch und fiktiv“, erklärt der Autor. Weitgehend authentisch ist die Familien- und Kindheitsgeschichte im ersten Teil. Auch André Kubiczek hat nun also ein Werk für den Kanon der DDR-Kindheitsbücher geschaffen. Der Roman, der die enge DDR teilweise verlässt und in die Heimat von Kubiczeks Mutter, nach Laos führt, ist atemberaubend und in vieler Hinsicht besonders. Für den Autor allerdings war es ein schwieriger Stoff...]]></description>
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		<title>Politik verzweifelt gesucht</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 08:48:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Seite 3]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2007/10/blz_logo2.gif" alt="Berliner Zeitung" />

<a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/04/Héctor-3-by-Castagnola.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1191" title="Hector Huerga / Occupy Activist aus Spanien" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/04/Héctor-3-by-Castagnola.jpg" alt="" width="565" height="376" /></a>

<span style="color: #993300;">Héctor Huerga aus Barcelona / Foto: © Pablo Castagnola</span>

Es steht noch nicht fest, ob der Sessel für Angela Merkel aus Leder oder Stoff, ob es eher ein modernes oder ein nostalgisches Modell sein wird. Möglicherweise findet sich ein Sessel aus der DDR, Hellerauer Werkstätten, Bauhaus. Vorerst gibt es den Merkel-Sessel nur als Plan und im Internet. In dem Blog <a href="http://www.merkelchair.wordpress.com/">www.merkelchair.wordpress.com</a> ist er aus braunem Leder und schon ein bisschen verschlissen.

Der 39jährige Schriftsteller Héctor Huerga aus Barcelona wird den Sessel für die Kanzlerin in der großen Ausstellungshalle in den Kunstwerken aufstellen und beim Leerbleiben filmen. Er macht sich keine Sorgen, wo er etwas Passendes für die Kanzlerin  finden wird. Wichtiger für ihn ist, dass der Merkelchair-Blog in möglichst vielen Sprachen erscheint, denn dort sollen Bürger der ganzen Welt ihre Fragen an Angela Merkel stellen. Héctor Huerga ist einer der Occupy-Aktivisten, die von den Kuratoren der Biennale Berlin eingeladen wurden. Er ist ein drahtiger Mann mit wachen, dunklen Augen und seegebräunter Haut. Er schaut sich in der großen Ausstellungshalle um. Die 400 Quadratmeter, die der Kurator Artur Zmijewski den Aktivisten zur freien Verfügung gestellt hat, sind noch eine Baustelle. Die Halle soll durch Vorhänge in verschiedene Räume geteilt werden, in denen Vorträge, Videoinstallationen, Workshops und natürlich Asambleas stattfinden. So werden die öffentlichen Versammlungen der Occupy-Bewegung nach dem spanischen Vorbild genannt. Der Sessel wird in der Asamblea für die Kanzlerin reserviert. „Wenn Angela Merkel kommt, werden wir ihr alle Fragen, die wir im Blog gesammelt haben, vorlesen“, sagt Héctor Huerga.

Eine junge Frau, auf deren Kopf sich hellbraune Locken türmen, bittet Héctor, beim Aufbau des großen Zeltes zu helfen. Mit Héctor sind Manu und Laurent nach Berlin gekommen. Auch sie können helfen, das Zelt zu stemmen. Von Occupy Berlin ist kaum jemand da. Die junge Frau nennt sich Mona. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Seit einem halben Jahr arbeitet die 23jährige Aktivistin an der Vorbereitung des Biennale-Happenings. Ein Vollzeitjob, sagt sie, aber es ginge gerade. Vor einem halben Jahr habe sie ihren Bachelor in Erziehungswissenschaften abgeschlossen, gerade in dem Moment, als das mit Occupy richtig losging. Mona ist die jüngste von drei jungen, aktiven, gebildeten Frauen, flankiert von einem, maximal zwei Männern, die den Hauptanteil bei der Vorbereitung der Biennale-Aktion geleistet haben.

Occupy Berlin, das sind Aktivisten aus verschiedenen Ländern. Ihre Zahl lässt sich schwer bestimmen. Sie liegt irgendwo zwischen 50 und 100. Das symbolische Camp in der Kunstausstellung ist umstritten, auch...]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 10. April 12</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Apr 2012 11:14:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kathrins Notiz-Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeeren]]></category>
		<category><![CDATA[Jolanda]]></category>
		<category><![CDATA[Kathrins Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Kolja]]></category>
		<category><![CDATA[Leon]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Wir besuchten Koljas Mutter an einem der ersten Frühlingstage. Die Luft war aus Silber. Silbern waren auch der See und das Gras, das sich vom Winter erholte.
Koljas Mutter hatte sich über meinen Anruf gefreut. Ich hatte ihr gesagt, dass ich mal wieder in der Gegend sei und gern vorbeikommen würde, diesmal mit meiner Tochter Jolanda.

Sie gab Jolanda die Hand und wie immer lag in ihrem „Guten Tag!“ eine besondere Aufmerksamkeit, ein Signal ihres Interesses, zurückhaltend, aber erwartungsvoll. Schon in ihrem Gruß lag der Anspruch, in ihrem kleinen Haus kein Vorurteil und keinen Allgemeinplatz zuzulassen, keine Banalität. Sie war in dieser Hinsicht streng. Jolanda versuchte, sich an diesem Gruß vorbei zu mogeln.

In der Ecke mit dem Sofa und den Büchern war der Kaffeetisch gedeckt. Koljas Mutter fragte, ob wir öfter zusammen einen Ausflug machten. „Niemals“, sagt Jolanda. „Ist die ultimative Ausnahme.“ Koljas Mutter schaute amüsiert auf. „Da muss ja was Schlimmes  passiert sein.“

„Wir sind gerade beide allein“, sagte Jolanda, warf sich schwungvoll auf das Sofa und ließ ihren Kopf nach hinten ins Polster fallen.

„Wunderbar“, sagte Koljas Mutter.

„Finde ich überhaupt nicht“, sagte Jolanda. „Es ist das Schlimmste, was passieren kann, so schlimm, dass man mit seiner Mutter aufs Land fährt.“

Koljas Mutter lachte. Sie stand noch immer, mit der Kaffeekanne in der Hand, in der Bewegung gefroren, hingerissen davon, wie Jolanda sich ihren Raum nahm. „Das ist ja ein Drama! Und ich dachte, es wäre gar nicht mehr möglich, allein zu sein, heute, wo alle mailen und twittern und skypen.“

„Dieser technische Kram ersetzt keinesfalls das Zusammenleben“, sagte Jolanda. „Ich muss trotzdem allein einkaufen gehen. Schon das ist schrecklich.“

„Ich gehe viel lieber allein einkaufen“, warf ich ein, aber im selben Moment wurde mir klar, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Eigentlich ging ich gern mit Leon einkaufen. Als wir uns kennengelernt hatten, waren unsere Spaziergänge oft zu Shoppingtouren geworden. Wir hatten uns komplett neu eingekleidet. Im letzten halben Jahr war Leon oft allein einkaufen gegangen. Er brauchte mich nicht mehr. Und wenn ich neue Schuhe kaufte, versteckte ich sie vor ihm, weil ich keine Lust auf sein Grinsen hatte, wenn er sagte, dass Madame ja doch noch ein paar Groschen übrig hat. Natürlich, irgendwann kam der Kommentar, wenn ich die Schuhe zum ersten Mal trug. Meine neue Seidenwäsche war ihm neulich nicht einmal aufgefallen. Besser so. Ich wollte mir nicht den Spaß durch seine Groschen-Kommentare verderben lassen.

Koljas Mutter hatte inzwischen Kaffee eingegossen und uns jedem ein Stück Kuchen auf den Teller gelegt. Es gab sogar Schlagsahne. Ich legte die Schlagsahne auf den Kaffee. Es war einfach wunderbar, wieder auf diesem alten Sofa zu sitzen, ob mit dem Kopf in den Polstern oder mit angezogenen Beinen - hier war es erlaubt. „Man muss lernen, mit der Einsamkeit zu leben“, sagte sie. „Das ist ein schwieriger Prozess.“ Sie erzählte, wie sie es gelernt hatte, als sie für ihr Studium in eine kleine Stadt gegangen war und ihr Freund in Berlin geblieben war. „Als ich auf mich selbst zurückgeworfen war, habe ich mich entdeckt. In diesen zwei Jahren ist mir klar geworden, was ich wirklich machen möchte. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich würde eines Tages eine Wissenschaftlerin sein, aber nun entdeckte ich das Theaterspielen. Als ich nach Berlin zurückkam, bewarb mich an der Schauspielschule. Mein Freund schlich sich davon. Ich hatte mich in dieser Zeit weiter entwickelt. Er konnte mir nicht folgen.  Glaub mir, das wäre niemals passiert, wenn ich immer mit ihm zusammen gehockt hätte.“

„Ich habe Angst davor, mich selbst zu entdecken“, sagte Jolanda.

„Du brauchst Mut dazu“, sagte Koljas Mutter. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ihre Hand lag schon wieder auf dem gewölbten Deckel der blau-weißen Kanne.

Seit einigen Tagen, seit Leon wieder in Verviers war, rief er nicht mehr jeden Abend an. Wenn ich ihn anrief, klang seine Stimme von weiter her als sonst. Er gab sich gleichgültig. Es lag sogar eine Spur Arroganz in seinem Ton.

„Was habe ich davon, zu entdecken, dass ich doch keine Kriminalistin werden möchte, sondern, sagen wir: Zirkusclown. Arbeitslos werde ich so oder so sein.“

Koljas Mutter schaute sie lange an. Ihr Blick spiegelte Jolandas Bedenken. "Ihr habt ganz andere Probleme als wir damals", sagte sie. "Ich verstehe dich", sagte sie.

Nach dem Kaffeetrinken ließ ich die beiden allein und ging am See spazieren. Ich fand ein Boot, das, noch im Winterschlaf, umgekippt am Ufer lag. Ich rief Leon an. Seltsam, seit er sich zurückgezogen hatte, war mir klar geworden, wie sehr ich ihn liebte. Er meldete sich aus seinem Hotelzimmer. Er klang einsam. Wieder lag diese Distinktion in seiner Stimme. Ich versuchte, über alle Bedenken hinweg zu gehen, beschrieb ihm den See und die Uferlandschaft, das Licht und den Bootsrumpf, auf dem ich hockte. Ich hätte ihm gern von Koljas Mutter und Jolanda erzählt. „Du fehlst mir“, sagte ich. Er erwiderte nichts. Mir stockte der Atem. Ich wagte nicht, weiter zu fragen. Aus den Fragen, die ich nicht zu stellen wagte, konnte er schließen, dass ich verstanden hatte: Er wusste von Kolja und mir.

Ich legte auf, blickte über das Wasser, hinüber zu dem Wald, der noch grau war und spürte, dass ich den See und die Bäume, den Sandstrand und das welke Schilf, dass ich alles verloren hatte.]]></description>
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		<title>Wenn man Angst hat, muss man gehen</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Mar 2012 17:46:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Berliner Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Zen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2007/10/blz_logo2.gif" alt="Berliner Zeitung" />

<a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/03/Seitaro-Natsuki-Yasuyo.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-1161" title="Seitaro, Natsuki &#38; Yasuyo" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2012/03/Seitaro-Natsuki-Yasuyo.jpg" alt="" width="529" height="428" /></a>

<em><span style="color: #800000;">Seitaro, Natsuki und Yasuyo (von links nach rechts) wollten in Japan auf einem Bauernhof zusammen leben. Das Erdbeben im März 2011 hat ihre Pläne umgeworfen. Jetzt leben sie alle drei in Berlin. Für Yasuyo war es die schwerste Entscheidung ihres Lebens. </span>
</em>

Als am 11. März 2011 um  14:46 Uhr das Beben einsetzte, war die Familie Hioki gerade mit Vorbereitungen für das Wochenende beschäftigt. In der Präfektur Saitama nördlich von Tokio, wo ihr Bauernhof lag, sollte ein Kunstfestival stattfinden. Sie hatten eine Künstlerin eingeladen, auf dem Hof auszustellen. Diese fertigte Kleidung und Taschen für Kinder, auch Mobiles und Spielsachen. Das passte gut, denn die Hiokis hatten viele Freunde mit Kindern in der Gegend. Yasuyo Hioki, die Montessori-Pädogogin, würde in wenigen Tagen ihre eigene Schule eröffnen.

Ein Jahr ist seitdem vergangen. Yasuyo Hioki spaziert am Fränkelufer in Kreuzberg entlang. Seit dem letzten Sommer lebt sie in einem sehr schmalen Zimmer in der Nähe des Landwehrkanals zur Untermiete. Sie liebt den Kanal, die Brücken und Uferwege, auch jetzt, wenn zwischen Winter und Frühling die Bäume und Sträucher im wiederkehrenden Licht noch kahler wirken als in der dunklen Jahreszeit. Sie ist 31 Jahre alt, eine zierliche Japanerin mit einem hellen, offenen Gesicht, in das einige Ponyfransen fallen, die sie mit immer derselben ruhigen Geste aus der Stirn wischt.

„Ich räumte gerade eine Scheune auf“, erzählt Yasuyo Hioki. „Da bei uns oft die Erde bebt, dachte ich mir zuerst nichts dabei und arbeitete weiter. Aber das Beben wurde ungewöhnlich stark. Ich schaute hinauf zur Decke und sah, dass sich die Holzbalken gefährlich verschoben hatten. Ich rannte hinaus. Wir standen alle drei auf dem Feld, mein Mann, seine Mutter und ich, und beobachteten, wie die Dachziegel auf den Häusern tanzten. Es war schwierig, sich auf den Beinen zu halten. Das Beben hielt die ganze Nacht an. Wir legten uns hin, aber an Schlaf war nicht zu denken.“

Noch lange danach, sagt Yasuyo, habe sie unvermittelt das Gefühl gehabt, dass unter ihr die Erde bebte. Selbst hier in Berlin zucke sie oft zusammen, wenn unter ihr eine U-Bahn rumpelt. Das Beben hat kein einziges Gebäude auf dem Bauernhof zerstört, aber es hat Yasuyos Leben aus den Angeln gehoben. Fünf Tage nach der Katastrophe machte sie sich auf den Weg nach Deutschland.

„Ich kannte das Leben in Deutschland schon, weil ich meine Ausbildung zur Montessori-Lehrerin hier gemacht habe. Ich bin glücklich hier.“ Sie sagt es freundlich, mit einer Spur Melancholie, die eine kleine Distanz zu ihren Worten schafft. Die Reise, die sie nach dem Erdbeben vor einem Jahr antrat, war anders als die in ihrer Studienzeit. Zwar reiste sie wie immer mit wenig Gepäck, aber diesmal befand sich kein Plan in ihrer Tasche, weder die Adresse einer Universität noch die eines Freiwilligencamps, kein Ziel für einen konkret bemessenen Zeitraum.

Lediglich die Adressen ihrer europäischen Freunde hatte sie in den Koffer gesteckt. Sofort nach der Katastrophe hatten sie ihr E-Mails geschickt und angerufen. Sie solle das Land doch bitte so schnell wie möglich verlassen und eine Zeitlang bei ihnen wohnen. Da die japanischen Medien nur wenig berichteten und wenn, dann nur in beschwichtigendem Ton, hatte Yasuyo in den Tagen darauf BBC und CNN angeschaltet, um sich über das havarierte Kernkraftwerk Fukushima und die sich abzeichnende Kernschmelze zu informieren. Ihre Familie, die nicht so gut Englisch sprach wie sie,  glaubte ihr nicht, was sie gehört und im Internet gelesen hatte. Sie solle sich ein paar schöne Tage in Europa machen, sagte ihr Mann. Er könne jetzt nicht weg. Die Tomatenernte sei in vollem Gange. Er müsse täglich liefern. Es gebe schließlich Verträge.

Zwei Wochen wollte Yasuyo bei Freunden in München bleiben. Sie zweifelte an sich selbst und an der Gefahr. Bildete sie sich alles nur ein? Reagierte sie über, so wie es die japanischen Zeitungen auch der ausländischen Presse unterstellten? Mit dem Ticket für den Rückflug in der Tasche konnte Yasuyo noch ein paar Tage so tun, als sei sie nur in den Urlaub gefahren. Aber die Angst wollte nicht weichen.

Dann hörte sie vom Open Home in Berlin. Ein deutscher und ein japanischer Künstler hatten es gegründet, um Japanern, die ihr Land für einige Zeit oder für immer verlassen wollen, Hilfe anzubieten. Auch um die Rückfahrt hinauszuschieben, entschloss sie sich, bei  dem Projekt mitzuarbeiten. In den nächsten Wochen würde sie dolmetschen und E-Mails beantworten und sich so von ihren Zweifeln ablenken. Fast täglich habe sie ihren Mann angerufen, erzählt Yasuyo. Ich weiß nicht, was du hast, habe er gesagt. Hier ist nichts.

Sie habe ihn gedrängt, ihr nach Berlin zu folgen oder wenigstens zu seinen Verwandten in den Westen Japans zu gehen. Er sei der Letzte, der den Hof verlassen würde, habe er geantwortet, das Land, das seine Familie seit 400 Jahren bewirtschaftet. Er fühle sich verantwortlich für seine Mutter und für die Verwandten im Dorf. Die Eltern ihrer Schüler fragten an, wieso sie denn gerade jetzt, kurz vor der Eröffnung der Schule, gegangen sei. Sie sei doch nicht schwanger, dass sie sich sorgen müsse. „Niemand hat mir einen direkten Vorwurf gemacht, aber ich spürte den Vorwurf in ihren Fragen“, sagt Yasuyo. „Sie sahen schon eine Gefahr. Aber sie sahen nicht die Gefahr, die ich sah.“

An einem sonnigen Morgen Anfang Mai ging Yasuyo wieder einmal am Landwehrkanal spazieren. Sie rief ihren Mann an, bei dem bereits später Nachmittag war. An diesem Tag erklärte er ihr, dass er keinen Weg mehr sehe, mit ihr gemeinsam auf dem Hof zu leben. Sie solle doch bitte in Europa bleiben. Er beantrage die Scheidung. „Als ich aufgelegt hatte, dachte und fühlte ich gar nichts. Ich lief einfach immer weiter“, sagt Yasuyo.

Sie hatten einander auf der Universität kennengelernt und acht Jahre zusammen in Tokio gelebt, bevor sie vor zwei Jahren den Bauernhof übernommen hatten. Dann kam das Beben, und es scheint, als habe es einen Riss offenbart, der lange schon verborgen zwischen Yasuyo und ihrem Mann klaffte.

Fehlt er ihr? „Nein“, sagt Yasuyo. „Die Zeit der Auseinandersetzungen hat uns voneinander entfernt. Ich hätte nie gedacht, dass ihm der Hof so wichtig ist; dass er sich so sehr darüber definiert; dass er Angst hat, nichts mehr zu sein, wenn er den Hof verlässt.“ Sie vermisse ihr altes Leben kaum, sagt Yasuyo, aber dennoch sei es die schwierigste Entscheidung ihres Lebens gewesen, ihre Familie und die geplante Schule aufzugeben. Aber sie könne in Berlin genauso leben wie in Japan, Landsleute treffen, japanisch kochen und  Kendo trainieren, dieses japanische Fechten mit einem Bambusschwert, das sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr betreibt.

Wie sie den besten Coffeeshop für das erste Treffen wählt, wie sie sich bewegt und kleidet, wie sie lacht, wirkt Yasuyo wie eine Frau, die schon immer in Europa lebt. Das liegt nicht nur an ihrem perfekten Englisch. Sie sei es eben gewohnt, ihren Schlafsack an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu entrollen, sagt sie. Als Studentin sei sie durch die ganze Welt gereist und in den verschiedensten Kulturen klargekommen.

Spürt jemand, der wie sie von der japanischen Gesellschaft geprägt ist, keinen kulturellen Unterschied, keine Fremdheit? Vielleicht ist es typisch japanisch, dass sie darüber nicht sprechen will. Aber immer wieder betont sie, wie viel es ihr bedeutet, dass ihre besten Freunde, der Zen-Mönch Seitaro Higuchi und seine Frau Natsuki, nach Berlin gekommen sind. Sie hatte sie vor einigen Jahren in Tokio kennengelernt, beide hatten sich für die Montessori-Philosophie und Yasuyos Schule interessiert, sie erwarteten ein Baby und hatten vor, nach der Geburt des Kindes zu Yasuyo und ihrem Mann aufs Land zu ziehen.

In der Wohnung der Higuchis sitzen sie an einem niedrigen Tisch bei einer Tasse grünem Tee zusammen, Yasuyo im Schneidersitz neben Natsuki, die das Baby im Arm hält. Issey ist in Berlin zur Welt gekommen. Seitaro kniet in der dunklen Mönchstracht am Kopfende. Nicht jeder sei so privilegiert wie sie, einfach fortgehen zu können, sagt er. Er bewundere die Entscheidung von Yasuyos Mann, in Japan zu bleiben. „Aber wenn man Angst hat, sollte man gehen. Deshalb ist es auch gut, was Yasuyo getan hat.“

Ein einjähriges Visum für Freiberufler erlaubt Yasuyo, in Berlin als Japanischlehrerin zu arbeiten. Es wird kein Problem sein, das Visum im Sommer zu verlängern, denn sie kann mit ihrer Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen. Vor einigen Tagen hat sie eine japanische Montessori-Lehrerin kennengelernt. Mit ihr zusammen möchte sie etwas aufbauen, die Montessori-Pädagogik unter den Japanern in Berlin bekannter machen, Kurse für Kinder geben, eine Schule gründen. „Kouun Ryuusui“, sagt Yasuyo. „Lebe dein Leben wie eine Wolke oder wie das Wasser im Fluss. Du wirst an Steine stoßen, aber sie werden dich niemals aufhalten. Diese Worte von Seitaro haben mir geholfen, zu meiner Entscheidung zu stehen.“ Sie hatte sich gewünscht, dass sie und ihr Mann als Freunde auseinandergehen, ihre Entscheidungen gegenseitig respektieren. Während der Meditationen sei ihr die Wut auf ihren Mann bewusst geworden, der ihr gemeinsames Leben weggeworfen habe. „Manchmal, vor dem Schlafengehen, stelle ich mir vor, dass ich meine Wut in einen Karton packe, mit dem Karton die Treppe hinabgehe und die Straße bis vor zum Kanal laufe. Dort kippe ich ihn aus. So kann ich besser schlafen. Wenn ich am nächsten Tag über die Brücke gehe, schaue ich einige Sekunden hinunter und erinnere mich, dass das Wasser meine Wut nach und nach davonträgt.“]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 13. Februar 12</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Feb 2012 14:16:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kathrins Notiz-Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeeren]]></category>
		<category><![CDATA[Jolanda]]></category>
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		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Jolanda kommt allein zum Essen. „Jakob hatte keine Lust“, sagt sie.

Ich habe ein Familienessen vorbereitet, den Tisch aus der Küche ins Zimmer getragen und mit dem neuen Service gedeckt, das ich auf dem Flohmarkt gekauft habe. Der Platz zwischen dem Fenster und unserem Wandschirm ist ein guter Ort zum Essen und Reden. Das Kerzenlicht spiegelt sich in den gläsernen Schuppen und auf den Dielen.

Jolandas Blick streift mit der Verwunderung der jungen Leute über die Launen der Älteren über die Gedecke, Servietten und Blumen. „Was ist mit ihm?“, frage ich. Sie zuckt die Schultern. „Keine Ahnung.“ Als ich mit dem Fisch aus der Küche zurückkomme, blickt sie abwesend aus dem Fenster. „Ihr hattet Streit.“

 Jolanda beginnt zu weinen. Sie schüttelt ein Taschentuch aus und schnaubt geräuschvoll hinein.

Auf dem Tisch dampft der Fisch. Er brodelt noch in der Pfanne. „Jakob zieht sich mehr und mehr zurück“, sagt Jolanda. „Es ist dasselbe wie vor einem halben Jahr. Er sagt, er sei noch nicht so weit, mit jemandem zusammen zu leben, auf Familie zu machen, blabla.“ Jolanda schaut den Fisch an. „Das sieht gut aus“, sagt sie unter Tränen und schnäuzt sich wieder. „Möchtest du?“ frage ich. Sie nickt und hält mir den Teller hin. „Schönes Geschirr“, sagt sie traurig. „Warum kann man nicht einfach ganz normal zusammen leben?“ Der Teller in ihrer Hand beginnt zu zittern. Sie schluchzt. Der Teller kippt nach rechts. Sie schafft es gerade noch, ihn abzusetzen, ohne dass die Sauce auf das Holz kleckert. „Ich glaube, er hatte sogar Lust, mitzukommen, aber er tut es nicht, weil er mir zeigen will, wie unerhört selbstbestimmt er ist. Das ist doch Kinderkram, oder? – Tröste dich, er hat nichts gegen dich. Er kommt auch nicht mit zu meinen Freunden. Er hat etwas gegen mich. Statt dass wir es uns mal schön machen, geht er drei Tage mit seinem Kumpel Max in die Sächsische Schweiz klettern.“

Ich will etwas erwidern, aber Jolanda wehrt sofort ab. „Ich weiß, was du sagen willst: Lass ihn doch klettern! Aber das meine ich nicht. Von mir aus kann er mit Max solange die Felsen rauf und runter klettern, bis sie rund sind. Aber warum weigert er sich, auch mal was mit mir zu machen? Wenn man sich liebt, macht man doch auch Dinge dem anderen zuliebe, oder?“ Sie steht auf und tritt ans Fenster. „Darf ich eine rauchen?“

„Die Felsen in der Sächsischen Schweiz sind schon rund“, sage ich leise. „Was meinst du, warum er sich so verhält? Was steckt dahinter?“

Jolanda schluckt hastig den Rauch. „Keine Ahnung, er hat offenbar ein Problem damit, dass wir zu zweit sind. Er ist ein Egoist.“

„Wirklich? Aber du liebst ihn doch.“

„Man kann auch Egoisten lieben.“

„Vielleicht fühlt er sich unterlegen?“, sage ich.

„Hast du irgendwo einen Aschenbecher?“ Jolanda hält die glühende Asche über ihren Handteller. Sie öffnet das Fenster. In der Küche suche ich nach etwas, das man als Aschenbecher verwenden könnte, aber unsere Küche ist wirklich mangelhaft ausgestattet. Schließlich fische ich ein ausgebranntes Teelicht aus dem Mülleimer. „Sieh mal, er ist zu dir gezogen. Das ist deine Wohnung. Das schafft ein bestimmtes Verhältnis zwischen euch. Er bewegt sich sozusagen in deinem Geltungsbereich.“

„Quatsch“, sagt sie. Sie hat ihren Fisch noch nicht angerührt, und allein schmeckt es mir auch nicht. Ich schenke uns ein Glas Wein ein. „Drehst du mir auch eine?“

„Klar.“ Sie setzt sich wieder an den Tisch und breitet um ihren Teller herum die Raucher-Utensilien aus. „Jetzt ist es unsere Wohnung. Wir haben sie zusammen eingerichtet.“

Ich erinnere mich an den Tag, als ich zu Leon gezogen bin. Wie Jakob hatte ich einfach ein paar Sachen gepackt und auf seinen Bügeln wieder aufgehangen. Er war so glücklich. „Ich finde es unglaublich mutig, dass du das machst.“ Mutig? Ich hatte mich in seinem Spiegel betrachtet und mich darin schön gefunden. Ja, ich war mutig. Wenn ich mein Leben betrachtete, hatte ich in allen Entscheidungen immer Mut bewiesen. Leon war der Erste, der es bemerkt hatte. Nicht einmal mir selbst war es bisher aufgefallen.

„Du hast Recht“, sage ich. „Das mit der Wohnung ist natürlich Unsinn.“
Wir rauchen und trinken den Wein. Im Kerzenlicht haben sich  die Blautöne des Wandschirms in Grautöne verwandelt und einige Grüntöne leuchten golden. „Seltsam“, sage ich.

„Was? fragt Jolanda fahrig.

„Ach, nichts weiter. Ich musste nur gerade daran denken, wie ich bei Leon eingezogen bin.“

Wir sitzen eine Weile schweigend.

„Du solltest ihn verlassen“, sage ich.

„Spinnst du?“ sagt Jolanda.

„Er tut dir weh.“

„Du verlässt Leon doch auch nicht.“

„Ich werde ihn verlassen.“

„Ach nee!“

„Ich brauche nur noch einen neuen Computer. Ich muss unabhängig sein.“

„Und es muss natürlich ein Apple sein.“

„Natürlich.“

„Du solltest das Geld für den Mac bei denen sammeln, die ihn nicht leiden können. Dann hast du es schnell zusammen.“

„Du wärst vielleicht erstaunt, wie viele ihn mögen.“

„Ach, wer denn?“

„So auf die Schnelle fällt mir niemand ein. Ist auch egal“, sage ich. Ich spüre den schweren Wein. „Meine Güte, haben wir ein schlechtes Karma. Woher kommt das nur?“

„Ich bin nicht du“, sagt Jolanda. „Ich werde niemals wie du sein.“

„Das hoffe ich sehr für dich“, sage ich.

„Das wäre dann also geklärt“, sage ich und schließe einen Moment lang die Augen. Mein Kopf summt.

„Ich liebe Jakob. Ich werde ihn niemals gehen lassen.“

Habe ich so etwas jemals über Leon gesagt? Plötzlich habe ich das Gefühl, menschlich versagt zu haben, nicht wirklich zu lieben. Der Fisch liegt still und kalt zwischen uns.

„Ihr braucht jemanden, der sich mit euch hinsetzt und redet“, schlage ich vor.

„Das habe ich auch gedacht, aber Jakob hält das nicht für notwendig.“

„Aber du leidest doch!“

„Vielleicht ist ihm das nicht klar. Ich werde mit ihm reden.“ Wir trinken den Wein aus und überlegen, wer als Mediator in Frage käme. Es müsste eine neutrale Person sein. „Leon?“

„Habe ich auch schon gedacht. Aber ich kenne niemanden, der als Mediator schlechter geeignet ist als Leon. Der kann doch nur sich selbst zuhören.“

„Er hört manchmal sehr genau zu“, protestiere ich. 

"Ja, um seinen Einsatz beim Streiten nicht zu verpassen." Jolanda kichert. 

"He? Lässt er beim Streiten neuerdings andere zu Wort kommen?" Ich muss lachen. "Ach, es könnte so lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre." Wir gehen die ganze Familie durch, den Freundeskreis. Niemand scheint uns wirklich geeignet. Plötzlich fällt mir Koljas Mutter ein. „Sie ist eine großartige Frau. Du musst sie unbedingt kennenlernen. Sie hat einiges erlebt. Wenn sie dich anschaut, fühlst du dich durchschaut, erkannt, wie auch immer. Wir müssen zu ihr fahren. Oder du und Jakob, ihr fahrt am besten zu ihr.“

„Du bist betrunken, Mama. Ich fahre doch nicht zur Mutter deines Liebhabers, um meine Beziehungsprobleme zu klären.“

„Ich bin nicht betrunken. Es ist mein voller Ernst. Sie weiß doch gar nicht, dass ich etwas mit Kolja habe.“

„Eben sagtest du, sie sei eine intelligente Frau mit Menschenkenntnis.“

„Du meinst, sie....“

„Hallo, ist sie es oder nicht?“

„Ja.“

„Muss man einer solchen Frau alles...“

„Scheiße, du hast Recht. Natürlich weiß sie es. Dreh mir noch ne Zigarette, ja!“

„Ist doch jetzt nicht schlimm, oder? sagt Jolanda. „Übrigens habe ich auf einmal einen Bärenhunger.“

Ich schiebe die Pfanne mit dem Fisch zurück in die Backröhre. Ich frage mich, wie ich so naiv sein konnte, zu glauben, Koljas Mutter ahne nicht das Geringste. Jolanda schleppt den Laptop rüber ins Zimmer und zeigt mir auf Youtube Videos mit Anna Depenbusch, die sie kürzlich entdeckt hat. In Gedanken gehe ich den letzten Besuch bei Koljas Mutter noch einmal durch. Tut sie das alles, weil sie sich für mich verantwortlich fühlt? Vielleicht mag sie mich gar nicht? Ich zeige Jolanda Videos von Daniel Kahn, den ich kürzlich entdeckt habe. Wir hüpfen ein bisschen im Zimmer herum, aber es hilft nicht gegen das flaue Gefühl im Magen, zu dem sich neben Hunger und Rotwein nun die Unsicherheit in der Deutung von Koljas Mutter gesellt. 

Beim Fisch beschließen wir, sie zu besuchen.]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 18. Januar 12</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 11:03:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Vor ein paar Tagen ist Leon wieder nach Amsterdam gefahren. Es kommt mir vor, als würde ich ihn abstoßen wie eine enge, alte Haut.

Jetzt breite ich mich in der beruhigten, warmen Wohnung im grünen Schatten unseres Wandschirms auf dem Bett aus und schaue in die Sonnenflecken auf den Dielen. Ich rufe Kolja an. Er meldet sich aus dem Büro. Wir wünschen uns ein gutes Jahr. Ich wünsche seiner ganzen Familie ein gutes Jahr und erschrecke über die Selbstverständlichkeit, mit der mir dieser konventionelle Gruß über die Lippen kommt. Ich habe Kolja nie nach seiner Frau gefragt. Seine Frau interessiert mich nicht. Aber als ich meinen Worten nachlausche, spüre ich, dass sie ehrlich gemeint sind. Ich möchte sie nicht verdrängen, die Mutter-Vater-Kind-Ordnung, in der Kolja lebt, niemals zerstören. Ich bin nicht einmal eifersüchtig, nur etwas neidisch, nicht auf seine Frau, aber auf Kolja.

„Wie bist du ins neue Jahr gekommen?“ frage ich.

„Zum Gähnen langweilig. Wir hätten uns treffen sollen.“ Er lacht. Dieses übermütige Lachen stört mich.

„Was machst du gerade?“, fragt er.

„Nichts.“

„Komm doch vorbei!“

„Ich komme nur, wenn du Arbeit für mich hast“, sage ich.

„Ach so läuft das jetzt?“

„Ich brauche deine Hilfe. Ich will etwas Geld verdienen, um unabhängiger von Leon zu sein.“

Er macht ein anerkennendes Geräusch.

„Kann ich auf dich zählen?“

„Natürlich“, sagt er. Seine Zusage beruhigt mich auf der Stelle. Ich weiß jetzt, dass mir nichts Schlimmes passieren kann und schäme mich ein bisschen dafür, dass ich so kleinlich war, zu glauben, er könnte mich wegen seiner Familie im Stich lassen.

„Ich habe wahrscheinlich etwas für dich“, sagt er. „Bin gerade am Verhandeln. Wollen wir uns treffen und darüber reden?“

„Warum nicht?“ Ich muss mich beherrschen, um nicht in Jubel auszubrechen. Mein Leben geht also weiter. Es bleibt nicht an der Garagenmauer hängen, sondern klettert darüber hinweg in den Nachbarsgarten, fliegt über die kleine Straße, anschließend die Schönhauser hinauf, direkt in Richtung Meer.

Nach dem Treffen mit Kolja muss ich Leon von meinem neuen Auftrag berichten. Ich werde mehrere Familien, die eine Baugemeinschaft gegründet haben, bei der Einrichtung beraten. Das sind Berliner Familien, die aufs Land ziehen. Im Sommer wird ihr Haus fertig. Aber Leons Telefon ist ausgeschaltet. Ich probiere es wieder und wieder. Wo ist er?

Ich blicke hinaus in die Nacht und habe das Gefühl, dass die Straße meines Lebens, die vorhin noch zum Meer führte, kurz vor dem Ziel ins Niemandsland abschweift, in ein spießiges Nest zwischen Wiesen und Feldern.

Wieso meldet er sich nicht?]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 3. Januar 2012</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 17:42:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Kurz vor dem Einschlafen, in der Phase zwischen Traum und Wachsein, beginnt der Lärm. Als ob ein Sack in meinem Kopf geöffnet wird und der ganze unbewältigte Kram hervorquillt. Gesprächsfetzen von dem Essen bei Jakobs Eltern am zweiten Weihnachtstag: Leon: „...Streubomben aus Ihren Spareinlagen...“ Jakobs Mutter: „...keine Alternative...“ Jolandas weist Leon barsch zurecht. Ihre Stimme hallt. Ich sehe den schmalen Esstisch mit der cremefarbenen Decke kippen, das Blümchenservice stürzt mir entgegen, die Gläser brechen. Plötzlich ist Kolja dort: „...wie lange denn noch...?“ Das Getöse reißt mich zurück ins Wachsein. Auf dieser Seite ist es ganz still. Leon atmet ruhig neben mir. Nichts ist passiert. Aber der Schlaf ist stark. Irgendwann zwingt er mich wieder durch den lauten Korridor. Was danach kommt, weiß ich nicht. Ich habe keine Erinnerung an den Schlaf, keinen Traum.

Beim Aufwachen am Morgen sind die Stimmen wieder da: Jolanda spricht schnell. Es sind andere Stimmen in dem Raum. Wahrscheinlich sind wir in einem Seminar. Leon flüstert: „...Liebling...“ Und dann ist es still. Leon flüstert: "Komm!" Er liegt dicht an mich gedrängt, umschlingt mich mit den Armen. Wie immer. Sein Penis küsst mich vorsichtig wach. Wie jeden Morgen. Es ist gar nichts passiert. Vielleicht kompensiert mein Kopf unser Schweigen mit dem Lärm. Wir sprechen in letzter Zeit zu wenig. Aber morgens beim Sex sind wir ehrlich zueinander. Die Heilige Nacht findet keinerlei Erwähnung. War wohl nicht der Rede wert.]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 28. Dezember 11</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Dec 2011 12:26:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Von meinem Platz im Küchenfenster halte ich den schmalen Lichtstreifen im Blick, der aus der angelehnten Garagentür fällt. Ich rechne eigentlich nicht mehr damit, dass die Tür sich in den nächsten Stunden öffnen und Leon erscheinen und hoch zu mir kommen und fragen wird, ob wir zusammen etwas kochen.

Heute ist Weihnachten. Ich habe den Tisch in der Küche aufgeräumt und eine rote Kerze darauf gestellt und ein paar Walnüsse ringsherum verteilt. Es könnte losgehen. Aber Leon feiert allein unten in der Garage. Er beschert sich selbst. In den letzten Tagen sind ein paar Fahrradrahmen aus den Achtzigern mit der Post aus Amsterdam eingetroffen. Ich habe geholfen, sie nach Hause zu tragen.

Im Fenster wird es kühl. Der Wind drückt gegen die Scheibe. Meine Füße sind kalt. Sie stecken in löchrigen Wollsocken. Ich könnte etwas Neues gebrauchen. Die rote Kerze auf dem Tisch brennt ruhig. Vielleicht würde es mir nichts ausmachen, wenn ich niemandes Frau wäre. Arbeiten könnte ich an diesem Abend wahrscheinlich nicht. Weihnachten bleibt etwas Besonderes in meinem Herzen, auch wenn ich die Art, wie die meisten es begehen, ablehne.

Es geht auf sieben. Ausgerechnet der Heilige Abend ist der längste des Jahres. Für die meisten beginnt er um sechs, einige fangen schon um fünf Uhr damit an.
Neben der roten Kerze liegt schwarz und flach mein Telefon. Jolanda ist mit Jakob zu seinen Eltern gefahren. Jakob hat richtige Eltern im passenden Elternalter, so um die Fünfzig, Vater und Mutter mit guten Berufen und einer richtigen Elternwohnung, in der man sich in ein Sofa lümmeln und den Fernseher anschalten kann.

Einmal haben Leon und ich in einem Geschäft vor einem Ledersofa gestanden und ernsthaft überlegt, aber dann schienen uns andere Dinge wichtiger.

Ich wähle Koljas Nummer. Er hält die Luft an, als ich sage, dass ich ihn gern sehen würde. Einen Moment lang höre ich nur die Laute in seiner Umgebung: Ellas Plappern und die Stimme von Koljas Mutter, wie dunkler Samt, dahinter Weihnachtsmusik. Koljas Frau höre ich auch, obwohl sie elfenhaft lautlos zwischen Küche und Esstisch hin und her huscht. Dann setzt Koljas Atem wieder ein. Er lacht. Er schlägt vor, sich in zwei Stunden im Büro zu treffen.

Ich schleiche ohne ein Wort an der Garage vorbei nach draußen. Die U-Bahn ist fast leer, die Straßen rings um das Architekturbüro wie ausgestorben. Viele Fenster sind dunkel. Jeder, der heute allein ist, verlässt sein Haus und drängt mit anderen Menschen um einen Tisch. Die Stadt wird komprimiert, der Energieverbrauch um mehr als die Hälfte reduziert. Mehr Liebe - das ist die Formel der Energieeffizienz.

Das Büro im ehemaligen Heizhaus ist grell erleuchtet. Durch die kahlen Forsythienzweige sehe ich Kolja in seiner Lederjacke am Monitor sitzen.
Er schließt die Tür auf, umarmt und küsst mich. Zu euphorisch. Ich winde mich frei.

„Du bist wirklich gekommen“, sage ich. „Wieso?“

„Man kann diesen Abend nur so verbringen.“

„Wie?“

Kolja zieht mich in der Taille an sich. „Mit dir. Mit einer Frau, für die man alles aufs Spiel setzt. Ich war so glücklich, als du angerufen hast.“

Er sieht blass aus. Oder liegt das am Neonlicht? Vielleicht hat ihn sein eigener Mut erschreckt. Ich spüre sein kaum sichtbares Zittern. „Liebst du mich?“ fragt er.

Ich schüttele den Kopf. "Nein."

„Wunderbar!“ Kolja schwingt mich im Walzerschritt bis zu seinem Schreibtisch. Er duftet nach Leder und einem frischen Parfüm. „Lass uns keine Zeit verlieren, ja?“ Er dreht mich weiter zu den Lichtschaltern, knippst sie im Vorbeitanzen aus. Es ist sehr dunkel. Hinter den Forsythien auf der anderen Hofseite leuchten einige Lichtpunkte in der Fassade, kleine Fenster, verziert mit Gardinen, Papier – und Strohsternen und Schwippbögen. Diese kleinen Fenster deprimieren mich jedesmal, wenn ich hier bin. So klein ist der Platz, den sich zwei Menschen teilen. So schnell sind sie vergessen. Wir werden ihre Geschichten niemals erfahren.

Mein Pullover sprüht beim Ausziehen Funken. Wir knistern beide. Koljas Hände lesen meine Haut wie seine Augen tags mein Gesicht lesen. Langsam werden unsere Umrisse in dem spärlichen Licht von draußen sichtbar. Koljas Zähne schimmern. Es ist seltsam, in diesem großen Raum nackt zu sein. Ich nehme Koljas Hand und lege sie auf die nackteste Stelle meines Körpers, wo kein einziges Haar mehr ist.

„Warum machst du das?“ fragt er.

„Gefällt es dir?“

Er antwortet nicht. Mit Kolja tut die Liebe nicht weh. Er ist kleiner und leichter als Leon. Er bricht nie in Schweiß aus. Er liebt mich wie er ein Buch liest. Er blättert langsam die Seiten um. Er bleibt aufmerksam und konzentriert, solange ich aufgeschlagen vor ihm liege.

Wir haben nichts in diesem Büro, nur Wasser aus der Leitung und Koljas Zigaretten. Also sitzen wir später, noch immer nackt, mit einem Glas Wasser und einer Zigarette auf dem Schreibtisch, die Füße auf der Heizung und blicken hinaus zu den Lebens-Lichtern.

„Jetzt sind alle schon fix und fertig vom Essen und Fernsehen.“ Kolja kichert. Leon, denke ich, wird irgendwann Hunger bekommen haben und rauf in die Wohnung gegangen sein. Er wird sich gewundert haben, wo ich bin. Ich habe das Telefon seinetwegen nicht ausgeschaltet. Ich möchte wissen, wann er anruft. Aber er ruft nicht an.

Zuerst hören wir Sting. „A soul cake, a soul cake, please, good misses, a soul cake, an apple, a pear, a plum or a cherry, any good thing to make us all merry, a soul cake, a soul cake....“ Wir springen umher. Später James Blake. „There is a limit to your love, like a waterfall in slow motion, like a map with no ocean....“ Ich halte Kolja, als wäre er der letzte Mensch, den ich treffe, am Ende der Welt. Gleich stürze ich vom Rand der Scheibe in das endlose Meer der Bedeutungslosigkeit. Die Computer hocken in der Dunkelheit wie stumpfe Tiere und sehen teilnahmslos meinem Ende zu. Die Lichter drüben erlöschen nach und nach. Die Leute gehen zu Bett. Wir kriechen in Koljas Schlafsack. Als wir uns endlich Ruhe geben, kann ich nicht einschlafen. Ich krieche nach draußen und suche in der Dunkelheit mein Telefon. Das Display leuchtet auf. Kein Anruf. Ich rauche noch eine Zigarette gegen den Hunger und blicke durch die große Scheibe in die Nacht, die jetzt nur noch von den Lichtern des Fernsehturms beleuchtet wird, die sich in den Wolken spiegeln.

Als ich am nächsten Tag nach Hause komme, ist der Lichtstreif aus der Garagentür genauso breit wie am Abend davor. Die Küche ist unberührt, ebenso das Bett. Ich lasse meinen Mantel im Flur fallen und gehe in den Hof, um zu schauen, ob Leon noch lebt. Von dem grauen Rasen aus höre ich Leon arbeiten. Er hat die Nacht also durch gemacht. Ich steige die Treppen wieder hinauf. Ich bin plötzlich müde. In der Badewanne presse ich mich so dicht wie möglich an den heißen Wasserstrahl. Kolja ist auf dem Weg zurück in die Märkische Schweiz, wo zwei Frauen mit einem festlichen Mittagessen auf ihn warten. Wir haben zusammen noch einen Kaffee getrunken, in dem Café vorn an der Ecke. Wir waren die einzigen Gäste.

Und Leon hat nicht einmal bemerkt, dass ich fortgegangen bin. Die Nacht hinterlässt keine Frage, nicht einmal die geringste Spur eines Zweifels.]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 8. Dezember 11</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 18:46:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Liebe]]></category>

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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

Ich habe schon jetzt dieses 1. Januar-Flattern. Es will nicht gemütlich werden um mein Herz. Die leeren Blätter des neuen Kalenders machen mir Angst. Wo werde ich leben? Was werde ich tun?

Vor ein paar Wochen hat Synne seine Wohnung in der Karl-Marx-Allee bezogen. Er war zufrieden mit meiner Arbeit. Er hat die Räume, die Kolja und ich gestaltet haben, mit großer Selbstverständlichkeit eingenommen, wie jemand, der an funktionierendes Personal gewöhnt ist. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen, aber ich hatte etwas mehr Anerkennung erwartet.

Synne hat Kolja und mich zu einem Konzert in eine düstere, archaische Halle im Wedding eingeladen. Dort wurde eine seiner Kompositionen gespielt. Sie gefällt mir. Ich fand mich darin wieder. Synne hat meinem Anfang-Januar-Gefühl-mitten-im-Advent einen Klang gegeben. Es klingt, als ob hauchdünnes Glas in Zeitlupe zerbricht, so dass man zuschauen kann, wie die Splitter durch die Luft wirbeln. 

Sicher bin ich völlig unbegabt. „Was willst du denn? Wir haben unseren Job gemacht und er hat bezahlt“, sagt Kolja in der Pause. Er stützt sich mit dem Ellbogen auf der klebrigen Bar ab. Er trägt die Lederjacke offen und rollt nervös eine Zigarette in den Fingern. „Kommst du kurz mit raus?“

Das ehemalige Werksgelände ist verlassen. Durch die Lichtkegel der Lampen sprüht feiner Regen. Es ist kalt. Ich bibbere. Mein Mantel liegt drin, auf der Lehne des Plastikklappstuhls.

„Hast du den Birkenast im Fenster an Synnes Arbeitstisch gesehen?“

„Klar“, sagt Kolja.

„Ich habe ihn auf der Straße gefunden und mit geschleppt. Das hätte ich doch nicht tun müssen, oder? Unsere Arbeit ist doch ein bisschen mehr als ein Job...genauso wie die Musik. Synne möchte auch wissen, ob uns sein Stück gefallen hat. Wir sagen doch nicht: Er hat seinen Job gemacht und wir haben bezahlt.“

„Ist aber so“, sagt Kolja. „Von den meisten Leuten bekommt er kein Feedback, es sei denn, sie fanden es unmöglich. Man klatscht ein bisschen, steht auf und geht nach Hause.“

„Na komm, erstens wird unterschiedlich geklatscht und dann passiert da doch noch was. Man redet darüber, wenn man nach Hause geht.“

„Was geredet wird, hört er ja nicht. Der Künstler bleibt allein zurück“, sagt Kolja. „Wenn er Glück hat, geht jemand mit ihm essen. Wenn er noch mehr Glück hat, findet er in irgendeinem Blog eine Kritik. Das war’s.“

Kolja fand meine Arbeit gut, aber auch er sagt das ohne Begeisterung. Begeisterung scheint uncool zu sein. 

Ich bin sicher, Leon hätte den Birkenast auch mit geschleppt. Leon hätte ihn auch mit geschleppt, wenn er dreimal so schwer gewesen wäre. Aus purer Begeisterung über seinen Fund. Leon ist ungefähr so uncool wie ich. Er hätte Synne so lange von dem Ding geschwärmt, bis der wenigstens einen anerkennenden Pieps von sich gegeben hätte.

Kolja ist mir nahe, wenn er meinen Körper und mein Gesicht liest. Aber sobald er sich abwendet, reißt die Verbindung zwischen uns. Leon ist mir immer noch nicht fremd. Er ist immer noch mein Verbündeter. 

Aber jetzt: Der neue, saubere Kalender, die leeren Seiten, mit denen ich wieder nicht klar kommen werde, weil meine Schrift zu groß und zu chaotisch ist, die Ungewissheit, die vor mir liegt, gehalten in einer Struktur aus Monaten und Tagen, die ich mit Terminen füllen, die ich abhaken und sogleich vergessen werde, ein ganzes Buch voll Zeit, für die der weitere Verlust der Liebe vorausgesagt ist, die also nicht zählt. ]]></description>
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		<title>Kathrins Notiz-Blog 28. Oktober 11</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 09:05:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<strong><a href="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-664" title="illu-mit-muschel1[1]" src="http://www.kathrinschrader.de/wp-content/uploads/2011/01/illu-mit-muschel11.jpg" alt="" width="539" height="128" /></a></strong>

<strong><span style="color: #ff99cc;">©          Illustration Liane Heinze</span></strong>

„Ich kann jeden Tag eine andere Wohnung einrichten, aber nicht mein eigenes Leben.“

Koljas Mutter nickt mir zu mit einem Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es Anerkennung ist für die Wohnungen oder Gewissheit, dass ich das mit dem Leben auch noch hinbekomme. Ich sitze gleich links, wenn man in das Haus tritt, auf dem Sofa, unter den Büchern. Im Kamin glühen noch ein paar Holzstücke. Koljas Mutter trägt wieder das wollene Tuch mit den langen Fransen. Sie hat es fester um sich geschlungen im Laufe meiner Erzählung. Sie sitzt mir zugeneigt mit diesem freundlichen, konzentrierten Blick. Ihr kurzes, lockiges Haar ist vor den Ohrmuscheln zu akkuraten, spitz zulaufenden Locken geschnitten.

„Ich wollte Sie wiedersehen, weil ich glaube, dass Sie solche Gefühlszustände kennen“, sage ich.

Sie nickt. „Ich freue mich, dass Sie wiedergekommen sind.“ Sie hat Kaffee gekocht. Der Apfelkuchen, den sie dazu serviert, ist selbst gebacken.

„Ich verstehe Ihre Verunsicherung“, sagt sie. „Manchmal spürt man nur, dass etwas nicht stimmt, man will das nicht wahrhaben, man hört nicht auf das eigene Gefühl, man macht weiter...aber irgendwann weiß man, dass es Zeit ist zu gehen.“

„Wann?“

„Das ist schwierig. Manchmal wartet man zu lange.“

Wann ist ‚zu lange’?“

Sie schaut aus dem Fenster. Ihr Blick ist plötzlich nüchtern, fast kalt. Sie holt Luft. Dann kehrt sie schnell zurück, wieder freundlich. "Ist Ihnen warm genug?"

Ich nicke, aber sie steht trotzdem auf und wirft ein paar Holzscheite in den Kamin.

„Zu lange“, wiederholt sie. Sie schaut in das Feuer. „Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Sie tun auch richtig daran, auf die Liebe zu vertrauen, zu hoffen...an etwas zu glauben, das Sie miteinander verbindet. Tun Sie nichts überstürzt!“

Sie setzt sich wieder in den Sessel. Die Holzscheite krachen auseinander.

„Wenn man jemanden verlässt, verliert man so viele Dinge. Es ist, als ob man die Verankerung aus seinem Herzen fetzt“, sage ich.

„Denken Sie an sich. Passen Sie auf sich auf.“

Wie passt man auf sich auf, will ich sie fragen, aber ich schlucke die Frage hinunter.

„Vertrauen Sie Leon?“

„Ich weiß nicht...doch, ich glaube schon, in dem Sinne, dass er mir nichts vormacht. Aber er ist nicht gerade der Sicherheitsfaktor meines Lebens, falls Sie das meinen.“

„Es wäre gut, wenn Sie irgendwo etwas Ruhe finden könnten, einen Platz für sich“, sagt Koljas Mutter. „Einen Raum, in dem sie beginnen, aufzuräumen, zuerst Ihren Kopf, danach Ihr Herz, so lange, bis Sie sich völlig bei sich fühlen.“ Als sie das sagt,fühle ich mich wieder wie als Teenager, unbehauen, mit diesem naiven Ausdruck,  für den ich mich schämte und dann rutschten mir die Lippen aus wie kurz vor dem Weinen und ich wurde rot.

„Möchten Sie noch etwas Kaffee?“ Koljas Mutter schenkt aus der blau-weißen Kanne nach. Als sie die Kanne wieder absetzt, sagt sie: „Ich habe auch einmal einen Mann verlassen. Er hat mich immer wieder angelogen, aber es hat lange gedauert, bis ich es gespürt habe. Dann habe ich gegen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, weiter gelebt und so getan, als wäre alles in Ordnung. Ich habe mich nicht getraut, Fragen zu stellen. Ich hatte Angst vor der Wahrheit. Davon bin ich krank geworden." Sie zieht das Fransentuch enger um die Schulter.

„Wie lange ist das her?“, frage ich.

„Dreizehn Jahre. Ich war fünfzig.“

"Aber Sie sind gegangen."

Sie nickt. "Ich war noch sehr schwach. Es hat lange gedauert, bis ich wieder Kräfte gesammelt hatte."

„Haben Sie sich nie wieder verliebt?“

„Doch“, sagt sie. „Einmal.“

„Ich habe ein bisschen Angst vor dem Alleinsein“, sage ich.

„Sie sind nicht allein“, sagt Koljas Mutter. Dasselbe, was ich vor ein paar Tagen zu Jolanda gesagt habe.

Später legt sie den Fransenschal ab und kocht uns Reis und brät Gemüse an. Sie entschuldigt sich für das einfache Essen. Vielleicht hätte ich längst gehen sollen, aber ich mag noch nicht gehen. "Machen Sie sich keine Mühe", sage ich.  Sie schickt mich in den Garten Kräuter zu holen. Ich möchte am liebsten hier bleiben, wenigstens für diese Nacht, und morgen in Ruhe zurück nach Berlin fahren, nach dem Frühstück. Die Kühle im Garten ist weich. Es ist finster, aber als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, finde ich Rosmarin und Salbei.]]></description>
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