Steig auf mein Pferd!

Es kann so viel schiefgehen beim Küssen, viel mehr als beim Sex, aber wenn er die richtige Temperatur hat, geschmacksneutral und frisch ist, dann können mit einem vollendeten Kuss die wundervoll-verheerendsten Affären beginnen.

Nora Marleen. Küssende Masse

Illustration: © Nora Marleen https://noramarleen.de

Von Zeit zu Zeit treffe ich meine Freundin im Trespassers auf ein oder zwei Gläser, bei denen wir die Neuigkeiten austauschen. Seit einiger Zeit wird der Ton zwischen uns rauer. Die Themen sind andere als noch vor Jahren.

Es geht jetzt oft um Kindererziehung, Jobsuche und andere anstrengende Dinge. Außerdem platzt meine Freundin neuerdings gern mit schockierenden Geschichten raus, die sie wer weiß wo aufgelesen hat, wahrscheinlich bei den Dachpartys ihrer Firma: von Bordellbesuchen ihres Chefs, der shoppingsüchtigen Tochter einer Kollegin, einem Fahrradfahrer, der nachts durch unser Viertel fährt und Frauen Säure ins Gesicht schüttet und der Pornoseite, die unvermittelt aufploppte, als ihre zehnjährigen Zwillinge für die Hausaufgaben im Netz recherchierten. Detailliert schilderte meine Freundin alle verstörenden Details, die auf der Seite zu besichtigen waren.

Mein Eindruck ist, dass sie mir sagen möchte, wie unsicher das Leben in einer kriminellen Gesellschaft geworden ist, in der selbst die Liebe (früher unser Lieblingsthema) zu einem Business verkommen ist. In einer Welt wie dieser nämlich hat die ungemütliche Lebenspartnerschaft, an der sie seit Jahren der Kinder wegen festhält, ihre volle Berechtigung, ja, sie kann unter solchen äußeren Bedingungen geradezu als Glückstreffer gesehen werden. Ich habe ihr immer wieder geraten, ihren Freund zu verlassen. Er respektiert sie nicht und sieht nicht, was für ein wunderbarer Mensch meine Freundin ist. Vielleicht war meine Ratschläge zur Trennung etwas übergriffig, Continue reading

Letzter Aufruf

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Foto © Andrea Vollmer

„Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her.“

Mit 50 Jahren kannst du noch entscheiden, ob du wirklich jung werden willst

Mit neunzehn Jahren, in zerrissenen Turnschuhen, ungeschminkt und unzufrieden mit meinem Körper, meinen Haaren, meinem Gesicht und dem Leben überhaupt, in das ich geworfen war, unternahm ich manchmal den Versuch, mir eine bessere Zukunft auszumalen. Eines fernen Tages, mit Mitte Zwanzig ungefähr, würde ich eine begehrenswerte, schöne Frau sein, mit einem oder mehreren Liebhabern und einem Beruf, in dem meine Meinung geschätzt und meine Ideen gefragt sind. So machte ich mir Mut. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich diese erträumten Lebensumstände erst einstellen würden, wenn ich 50 Jahre alt geworden bin. In Worten: F Ü N F Z I G. Ein derart hohes Alter überhaupt zu erreichen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute bin ich überzeugt, dass einige meiner Vorbild-Frauen, Continue reading

Völlig hingerissen

Wir haben alles, wir brauchen nichts, das Richtige zu schenken ist ohnehin ein kompliziertes Ding. Sind Weihnachtsgeschenke folglich sinnlos? Niemals!
Eleonore Roedel.Katze

Illustration © Eléonore Roedel

Zum Geburtstag habe ich eine dieser Manga-Katzen aus Plastik geschenkt bekommen, die ständig winken. Man sieht sie häufig in Schaufenstern von Asia-Shops. Ich war irritiert, als meine Freundin mir die Katze überreichte. Das konnte eigentlich nur ironisch gemeint sein. Am nächsten Tag trug ich die rote Katze in der Wohnung umher, auf der Suche nach einem Platz, der ausreichend respektvoll ist, an dem sie aber nicht stören würde. Schließlich stellte ich sie im Bad in die weiß geflieste, in die Wand eingelassene Ablage für Klopapierrollen. Ich schaute der Katze eine Weile beim Winken zu und dachte über meine Freundin nach.

Wir hatten uns vor einigen Jahren in der Warteschlange vor einem Theater kennengelernt. Das heißt, es war gar kein Theater gewesen, sondern ein verlassenes Stadtbad, in dem „Das Gastmahl“ von Platon aufgeführt wurde. Continue reading

Ich muss dich mal kurz wegdrücken

Cindy. Schmid.Telefondame

Collage © Cindy Schmid

Es kommt einem vor, als drängelten sich Ladenkassen, Milchkaffeedüsen, Zugtüren und Presslufthämmer immer massiver in den Vordergrund der Gespräche. Oder liegt das daran, dass wir – die Telefongeneration – nur noch miteinander reden, während wir von einem Termin zum anderen durch Straßen und Kaffeeläden hasten?

Auch ich telefoniere unterwegs. Warum sollte das Warten auf den Bus oder im Kaffeeladen nicht genutzt werden, um mit Freunden und Verwandten zu plaudern? Ich trage einen Knopf im Ohr. Auf diese Weise bin ich immer auf Empfang. Im Sommer fahre ich mit dem Knopf im Ohr Fahrrad, im Winter erspart er mir die Fummelei in der Tasche, wenn es klingelt. Ich trage zwei Paar Handschuhe, von denen das zweite so dick ist, dass ich mir damit nicht einmal die Haare aus dem Gesicht schieben kann ohne mir die Pelzmütze vom Kopf zu reißen. Nein, ich lebe nicht am Polarkreis. Aber ich gehöre zur frostempfindlicheren Sorte. Ich brauche Wärme. Ich brauche Zuwendung und Austausch.

Im Büro liegt das Telefon neben dem Laptop. Gerade schreibe ich eine Geschichte, die in einem verschlafenen Fischerdorf spielt. Es ist gar nicht so leicht, sich in einem Gemeinschaftsbüro über einer sechsspurigen Straße in ein verschlafenes Fischerdorf zu versetzen. Eigentlich möchte ich nicht gestört werden, aber es könnte ja etwas passieren. Meine Tochter Jolanda könnte wieder den Haustürschlüssel abbrechen, mein Freund Eric einen Herzinfarkt erleiden. Das Telefon neben dem Laptop ist eine Art Versicherung, dass da draußen alles in Ordnung ist, beziehungsweise ich rechtzeitig zur Stelle und eingreifen kann.

Als ich es mit der ersten Tasse Kaffee endlich in das Fischerdorf geschafft habe, ruft Jolanda an.

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Das Knistern…

…der Seiten

Lesen ist wie Arbeit in einem Bergwerk, aber es erzeugt ein besonderes Geräusch. Das hat mit der Kunst des Umblätterns zu tun, und wer die beherrscht, mit dem kann man auch eine Beziehung führen

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Wird es knistern?

Bücher und Zeitschriften führen ein Leben wie andere Menschen auch. Sie haben einen Körper. Ihr Körper ist aus Papier. Er ist alles andere als totes Holz. In diesem Körper sind Bücher unterwegs. Mal liegen sie oben und mal unten. Sie bilden auch Gruppen und verlassen diese wieder, einige schneller, andere nie. Sie können Staub aufwirbeln, Risse und Quetschungen davontragen und von Milben befallen werden. Deshalb sind es keine appetitlichen Tiere, mit denen Leser verglichen werden: Bücherwurm! Leseratte! Lichtscheue Biester. Im Untergrund mit der Taschenlampe. Ja. Lesen ist wie die Arbeit in einem Bergwerk.

Aber dieses Kratzen und Schaben erzeugt ein feines Geräusch. Das Blättern klingt wie wenn etwas schleift. Wenn jemand in ein Buch oder Magazin versunken ist, durchströmt mich das Gefühl, mein Körper löse sich im Klang des Lesens allmählich auf. Gleichzeitig ist es wie eine zärtliche Berührung. Ich bewege mich nicht mehr. Ich falle aus der Zeit, genussvoll versunken in das Knistern und Rascheln der Seiten. Wird das Buch zugeklappt, ist alles vorbei.

Ich nenne es die Kunst des Umblätterns. Ein Bildschirm kann das nicht. Er flimmert. Er strengt an. Elektronische Bücher sind zwar anders. Sie flimmern nicht. Sie liegen wie eine ruhige, beleuchtete Buchseite in der Hand. Ich habe nichts gegen ebooks. Sie sind großartig für alle, die gern in der Dämmerung im Garten oder auf dem Balkon lesen, eine Erleichterung für Menschen, die mit viel Lesestoff reisen müssen und wunderbar für ältere Leute, denen dicke Wälzer beim Lesen im Bett zu schwer sind. Ihr Versuch zu knistern ist allerdings erbärmlich.

Die Kunst des Umblätterns ist eines der sinnlichen Vergnügen, die allein unmöglich sind. Denn ein anderer muss für mich blättern. Ich kann nicht gleichzeitig lesen und das Knistern der Seiten genießen. Es ist eine Frage der Konzentration. Continue reading