Zu zweit in der Soße

Illustration für die Veröffentlichung in DAS MAGAZIN von © Tine Schulz

Die letzten Monate waren nicht inspirierend. Das Trespassers hatte die Läden runtergelassen, die Möbel auf der Terrasse standen zusammengekettet. Kraut wucherte zwischen den welken Rosen. Von meinen Freundinnen und ihren Affären hörte ich nichts. 

Um etwas zu tun, lauschte ich am Telefon der Geschichte eines Mannes, der sein Leben so sensationell fand, dass er meinte, es müsste in einem Buch erzählt werden. Es war zum Gähnen. Ich finde das, was in einem Lebenslauf gemeinhin als sensationell erlebt wird, selten spannend und schiebe es daher gern in Nebensätze. Mich interessiert das Alltägliche: Gewohnheiten, Beziehungen, Ärger, alles eben, das davon handelt, was es heißt, heute hier zu leben und klar kommen zu müssen. Eigentlich bin ich viel unterwegs, am liebsten an drei Orten gleichzeitig, sperre Ohren, Mund und Nase auf, um solche Geschichten zu hören. Aber genau das durfte nicht mehr praktiziert werden. Ich fragte den Mann nach seinen Gewohnheiten, Beziehungen, seinem Ärger… Er sagte, er habe keinen Ärger und hätte nie welchen gehabt. Ich gab die Telefonate auf und begann die Wohnung aufzuräumen. Zuerst ordnete ich meine Kleidung. Ich nahm sämtliche Sachen aus dem Schrank und hängte sie wieder hinein. Die Lieblingsstücke zuerst. Alle anderen unterzog ich einer Prüfung. Schließlich hingen sie alle wieder im Schrank, aber geprüft. Das gleiche tat ich mit Geschirr, fehlgekauften Lippenstiften, Büchern und Bastelvorräten. 

In dieser prüfungsreichen Zeit geschah es, dass eines Tages Herzchen flogen, rote, grüne und orangefarbene Herzen auf meinem Display. Jeden Morgen. Beim ersten Mal hatte sich der Absender entschuldigt. Er habe die Herzen gar nicht gewollt, sie seien von selbst hoch gegangen, hätten sich irgendwo gelöst, er wisse gar nicht warum, es täte ihm leid, mich so erschreckt zu haben. Ich schrieb, dass die Herzen mich nicht erschreckt hätten. Worauf sie noch intensiver flatterten. 

Das Trespassers hatte bereits seit Wochen wieder geöffnet, aber keiner von uns war es passend erschienen, sich dort zu treffen. Mittlerweile ging der Sommer und es roch immer noch in der ganzen Stadt nach Desinfektionsmitteln. 

An einem Herbstabend saß ich dort auf der Terrasse, wärmte meine Hände an einem Heißgetränk und wartete auf ihn. Ein Termin am anderen Ende der Stadt hatte ihn aufgehalten. Zwanzig Minuten später bremste ein Taxi an der Straßenecke. Auf seiner Seite neigte sich der Wagen zum Bordstein. Er schnaufte. Sein Gesicht war gerötet. Unter seinem Kinn hing noch die blaue Wegwerf-Maske, die er im Taxi getragen hatte. Ein freundliches Kindergesicht mit hellen Augen und wenigen Haaren. Er trug teure Kleidung, strengte sich aber kein bisschen an, attraktiv zu sein. Das gefiel mir. 

Der Mann hatte eine Idee, wie er meine beruflichen Kontakte für sich nutzen könnte. Kaum, dass ein Tee vor ihm dampfte, sprach er darüber. Ich hätte beleidigt sein können, aber da wir außer Meinungen zu politischen Tagesthemen und Kurzberichten aus unseren Quarantänen, Herzen, Smileys und lustigen GIFs nichts ausgetauscht hatten, nahm ich es gelassen. Wahrscheinlich wollte er mir zu verstehen geben, dass es sich hier keinesfalls um ein Date handelte und dass es ihm leidtäte, falls ich das geglaubt hätte. Es war dieselbe Nummer wie die Entschuldigung für die versehentlichen Herzchen. Ich habe Verständnis für Menschen meines Alters, denen Herzen und Dates Angst machen. Schließlich haben wir einige Krisen durchschritten. Auch er. Seine Ehe war schiefgelaufen. Nachdem wir das Berufliche schnell geklärt hatten, begann er zu erzählen. Wie fantastisch es sich anfühlte, einem fremden Menschen leibhaftig gegenüber zu sitzen, ihm zu lauschen, ihn dabei anzuschauen, seine Lippen und Augen zu studieren, unmaskiert. Er machte Pausen, geriet in Verlegenheit, stockte, überlegte, wollte etwas weglassen und musste es dann doch erzählen, denn es ging ja um die ganze Geschichte, und um ihn. Er beteuerte, alles getan zu haben und dass es wirklich nicht seine Schuld sei. Seine Geschichte war so viel besser und aufrichtiger als die Anekdoten des Mannes, dem ich ein Buch schreiben sollte. Ich saugte sie auf wie ein vertrockneter Schwamm das Wasser. Nur ein einziges Mal kam ich mit den Orten durcheinander, an denen sich seine Ehe zugetragen hatte. Meine Gedanken waren abgeschweift zu meinem eigenen Leben. Ich hatte es plötzlich merkwürdig gefunden, dass ich schon so lange in ein und derselben Stadt lebte. 

Nach zwei Stunden wusste ich eine Menge über ihn, er allerdings kaum etwas über mich. Er stellte höflich eine Frage, aber wir waren durchgefroren und mussten uns verabschieden. Agatha Christie hat einmal gesagt: „Wer selbst redet, erfährt nichts Neues.“ Ich erfahre gern Neues. Und vielleicht war das der wahre Grund, warum ich ihn treffen wollte. Ich wusste jetzt, was mir in den Wochen des Lockdowns gefehlt hatte.  

Ein einziges Mal war ich mit meiner Dienstagsfreundin im Regen weiträumig um das geschlossene Trespassers spaziert. Sie hatte Kräutertee in einer Thermoskanne mit Henkel dabei, den wir im Park aus Bambusbechern getrunken hatten. Das Gespräch hatte sich um Inzidenzen, R-Werte und Fallzahlen gedreht. Sie hatte mich ermahnt, nicht so oft durch den Mund zu atmen, sondern meine Nase als Virenfilter zu nutzen. Ich hatte auf meine Nase geschielt wie Pinocchio beim Schwindeln. Mir war bewusst, dass ich falsch atmete, aber es war das erste Mal, dass ich mich dabei beobachtet fühlte. Eigentlich, dachte ich, mag ich das Leben lieber ungefiltert. 

Es gab in dieser Zeit einfach nichts zu erzählen. Wir standen alle ein bisschen unter Schock. Schließlich hatte keine von uns so etwas je zuvor erlebt. Es war, als täten wir die ersten Schritte auf einem dieser neu entdeckten, erdähnlichen Exo-Planeten. Alles, was du da oben tun kannst, ist, dich voran zu tasten und achtzugeben, vor allem auf deine Atmung im Schutzanzug. Du kannst beobachten und spekulieren, Zeichen geben oder funken, und das war‘s dann. 

Nach der Begegnung mit dem Herzchen-Mann aus dem Taxi fühlte sich das Leben für mich fast wieder normal an. Ich hatte mir während unseres Treffens seine Wohnung vorgestellt. Ich hatte uns eine Zukunft gedacht, hatte gesehen, wie wir mit Freunden feierten, nachdem wir bereits viele Jahre lang verheiratet waren. 

Am nächsten Tag schrieben wir uns, wie schön es war und dass wir uns bald wiedertreffen müssten. Die Herzchen flogen. Grüne, orangefarbene und rote. Doch dann warteten wir zu lange. Warum auch immer. Das Homeoffice erzeugte eine gewisse soziale Trägheit. Die Zeit verlor ihre Konturen, wurde zu einer Soße. Ich war nicht himmelhoch verliebt. Sonst wäre ich sofort bei ihm eingezogen. In dieser Zeit sind sicher eine Menge frisch Verliebter sofort zusammengezogen, um diese Ein- und Zwei-Haushalt-Fragen zu klären. 

Ich kannte seine Adresse. Ich stellte mir vor, bei ihm zu klingeln und zu bleiben. Zu zweit in der Soße zu treiben wäre sicher amüsanter als allein. Ich stellte mir vor, die Zeit in seinen Räumen zu vertrödeln, während er am Schreibtisch ackerte, in ständiger Bereitschaft auf seinem Sofa zu liegen und sonst nichts. Ich fragte mich, ob so etwas überhaupt erlaubt sei und erschrak über die Frage. Letztendlich blieb ich aber nicht aus Gesetzestreue zu Hause, sondern weil ich seine Angst vor der Liebe nicht befeuern wollte. Vielleicht bekäme er einen Panikanfall, wenn ich vor seiner Tür stehen würde. 

Ich trieb die Planung für ein zweites Treffen voran. Doch als wir uns endlich auf einen Abend im Trespassersgeeinigt hatten, wurde der nächste Lockdown angekündigt. 

Wir hätten Glühwein kleckernd an einer Ecke stehen oder durch die Straßen ziehen können. Glühwein trinken war das erste große Vergnügen auf dem Exo-Planeten. Er wurde aus dem Innern geschlossener Restaurants durch kleine Fenster gereicht oder an einem Tresen auf dem Bürgersteig verkauft. Mit allen Menschen, die mir etwas bedeuten, ging ich abends aus. Meine Dienstagsfreundin war sogar bereit, wieder Alkohol zu trinken. Wir hangelten uns an den Absperrseilen über rutschige 1,5 Meter-Markierungen, um dann flink Bestellungen in die kleinen Fenster zu rufen und blitzschnell zu entscheiden, wer wen zu dieser Runde einlädt. Das funktioniert nur in geübten Beziehungen. Am Bordstein der Glühwein-Straßen wurden Geschichten erzählt. Wir hörten von einer Musikerin, die jetzt in einem Biobäcker Brot verkaufte und erfuhren den Namen eines Glückspilzes, der bei der Verlosung der Kunst-Stipendien gewonnen hatte. Wir hörten Klagen über Familienangehörige, die nicht verstehen konnten, wie das ist, wenn ein halbes Einkommen wegbricht. Eine Frau weinte, weil sie zu Hause mit einem Mann eingesperrt war, der jeden Tag verwirrter und wütender wurde, weil er eine neue Diktatur auf uns zukommen sah. Jemand nahm sie in den Arm. 

Andere Gespräche drehten sich darum, ob der Glühwein mit oder ohne Orangenscheibe besser ist und ob wir lieber an Krebs oder an einem Virus sterben möchten. Polizeistreifen zogen durch die Straßen und entschuldigten sich für ihre Einsätze. Wir hatten Verständnis und rückten ein paar Schritte weiter auseinander. Wir alle froren. Die Kälte trug zu unserem Einverständnis bei. Gemeinsam etwas körperlich Anstrengendes zu absolvieren verbindet. Ich brauchte gerade Verbindlichkeit. Vertrauen. Deshalb scheute ich mich, mit dem Herzen-Mann hierher zu gehen. Ich brauchte Menschen, die sich verletzlich zeigen konnten, denn auch das verband uns. Meine Dienstagsfreundin und ich, wir stellten fest, dass wir uns verändert hatten, ernster geworden waren. Sie kuschelte gerade mit ihrem Ex, einfach, weil er noch da war und weil sie sich seit so vielen Jahren kannten. Ich nickte. Ich dachte an den Mann mit dem Kindergesicht und den hellen Augen, überlegte ihn anzurufen oder ihm ein Herz zu schicken. Dieser Abend im Trespassers, als sich unsere Linien gekreuzt hatten, war besonders gewesen. Ich dachte, dass es bei all den eng geschnürten, wirren Fadenlinien auf diesem riesigen Wollknäuel doch immer darum ging, Verbündete zu finden, Vertrautheit, andere in den eigenen Faden zu verwickeln, bis etwas Starkes, Unzertrennliches entstand. Ich fragte mich, mit wem er gerade Hand-in-Hand auf dem Planeten weitertappte, ob er auch mit seiner Ex kuschelte. 

Ich nahm mir vor, es herauszufinden, sobald das Trespassers wieder öffnen würde.  

Eine Frau. Drei Männer.

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Robi saß mit einer halben Pobacke auf der Liege für die Patienten, die Hände in den Taschen seines weißen Kittels. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn hier in der Notaufnahme zu treffen. Als er mich erkannte, lächelte er, wie er immer lächelt, wenn wir uns unverhofft irgendwo in der Stadt begegnen. Wenn Robi lächelt, bilden sich Grübchen in den Flächen seiner weißen Wangen und seine blauen, mandelförmigen Augen formen sich zu Halbmonden. Seit Jahren bin ich in ihn verliebt. Wie geht’s, sagte Robi und baumelte mit dem Spielbein. Gut, sagte ich. Er sah mich an und lächelte. Immer sehen wir uns an und lächeln und können nicht mehr damit aufhören.

Wie geht es dir?

Gut. Er lächelte.

Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest.

Seit einem halben Jahr.

Gefällt es dir?

Ich bleibe nicht hier. Ich gehe in die Chirurgie. Lächelnd. Ich hatte Lust, ihn zu küssen. Er hat die schönsten Lippen, die ich je gesehen habe.

Und du? Was kann ich für dich tun? fragte Robi. Meine Knie wurden weich wie Watte. Ich musste mich auf der Patientenliege abstützen. Warum bist du hier? fragte Robi. Ich hörte auf zu lächeln. Weiterlesen

Wie war ich glücklich

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Großmutter Lieselotte mit ihrem Hund Cora

Es gibt wieder Schlagsahne, Opis Magen streikt, Apollo 13 in Gefahr, Wäsche im Nu trocken – Kathrin Schrader sieht in den knappen Kalendernotizen ihrer Großmutter, wie man offenbar das Wesentliche aus dem Wust der Zeit herausfiltern kann. Das will heute nicht mehr gelingen. 

Nach dem Tod meiner Großmutter entdeckte ich ihre Tagebücher.

Sie befanden sich in der Vitrine mit den festlichen Gläsern, aber im unteren Schrankteil, neben den Vasen. Es sind kleine Kalender mit Kunststoffeinbänden in verschiedenen Farben, die meisten aus dem einzigen christlichen Verlag der DDR, der älteste von 1953. Da war Großmutter 42 Jahre alt. Ich schlug die Bücher auf, blätterte in ihrem Leben vor und zurück. In knappen Notizen hat sie Ereignisse festgehalten, die ihr wichtig waren: Dienstag, 11. Januar 1966: Großeinkäufe für die Geburtstagskinder. Es gibt seit gestern wieder Schlagsahne. Kalter Ostwind -6.

Politische Ereignisse erwähnt sie seltener, aber die großen, auch im Rückblick bedeutenden wie Mauerbau und Mauerfall, der Mord an Kennedy, der Krieg gegen den Irak im Jahr 1991 und noch einige andere Kriege hat sie festgehalten. Kriege belasteten sie. Sie wusste, was Krieg bedeutet: Montag, 5. Juni 1967: Krieg zwischen Israel und Ägypten furchtbar! Wenn sie Ereignisse bewertet, dann knapp: Donnerstag, 10. Februar 1966: Radio sendet keinen Rias mehr. So eine Pleite! Montag, 29.Juli 1968: heiß, wegen CSSR Westreisen abgesagt. / 20. August 1968: Opis Magen streikt. Lustlos geht er mit in der Stadt herum. CSSR-Krise.

Kinofilme, Theaterstücke und Konzerte kommentiert sie mit maximal zwei Adjektiven. Die Entwicklung von uns drei Kindern, ihrer Enkel, beschreibt sie in Stichpunkten.

Großmutter wäre die perfekte Twitterin. 280 Zeichen – mehr brauchte sie nicht, mit Ausnahme der Raumfahrt, die sie regelrecht ins Schwärmen versetzte: Sonnabend, 3. Januar 1959: Am 2. Januar sowjetische Mondrakete gestartet, sie kreist, nachdem sie am Mond vorbei geflogen ist, um die Sonne. / Sonntag, 22.Dezember 1968: Fahrt um den Mond: 3 Mann. Die Sensation!/ Sonntag, 20.Juli 1969: Die ersten Menschen, Amerikaner, auf dem Mond gelandet! Dienstag, 14.April 1970: Apollo 13 in Gefahr, Manöver klappt nicht, Hoffentlich kommen die Astronauten wieder lebend zurück./ Freitag, 17.April 1970: +20°, Wäsche draußen getrocknet, Konzert, Astronauten kommen gut trotz allem wieder zurück.

Das Leben meiner Großmutter erscheint mir so klein wie diese schmale Nische im Haus, in der die Vitrine steht. In der schnörkeligen Sütterlin-Schrift, die sich Ecken erlaubt, wird der Spruch von Goethe, den sie ihrem Jahr 1965 voranstellt, zu einem Bild: Wozu dient all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut?

Ich kann über ihre Worte nicht hinweg scrollen. Ich sehe Großmutter, wie sie nachts an ihrem Sekretär sitzt und schreibt. Ich sehe sie abends auf ihrem Bett sitzen und in einem Buch blättern, auf der Suche nach dem Goethe-Zitat, das sie noch aufschreiben will. Die Nachrichten über die Raumfahrer haben sie beschäftigt. Sie würde selbst gern mal zum Mond reisen. Sie hat ein kapriziöses Abenteurerinnen-Herz, das sie vor der Welt versteckt. Aber dann liest sie die Worte von Goethe und findet, dass sie gut und richtig sind. Sie ist der glückliche Mensch, der sich inmitten von Monden und Planeten, Sternen und Milchstraßen, Kometen und Nebelflecken seines Daseins erfreut. Großmutter besaß die Größe, sich selbst in der richtigen Dimension wahrzunehmen. Als blicke sie wie eine Raumfahrerin aus dem All hinab auf die Erde und diesen winzigen Punkt, der ihr Leben ist. Sie nahm sich nicht wichtig. Deshalb machte sie wenig Worte. Weiterlesen

Nostalgie. Erinnerungen. Der ganze Mist

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Illustration © Claudia Pomowski. (http://www.c-pom.de)

Dann feiern wir eben, wenn alle wieder zu Hause sind, hatte Hannes gesagt. Zwischen den Jahren, hatte er gesagt, und Karla hatte gedacht: Zwischen den Stühlen.

Der Tisch war gedeckt. Es standen keine Stühle ringsum, sondern zierliche Sessel. Karla hatte sich in der Wanne quer gesetzt, ließ die Beine über den Rand baumeln und betrachtete durch die geöffnete Badezimmertür den gedeckten Tisch in der Küche. Weiße Teller. Darauf lagen die Geschenke. Sie würde noch Kerzen dazu stellen und Hannes müsste unbedingt Blumen vom Markt mitbringen. Sie rief ihn an. Er war gerade beim Fischhändler und konnte sich nicht entscheiden. Flussbarsche? – Ja, aber lass sie unbedingt schuppen und ausnehmen. – Klar. Und wofür die Blumen? – Für den Tisch. Ich meine, Weihnachten ist doch jetzt wirklich vorbei. Wir müssen nicht mit Tannengrün oder so anfangen. – Na gut. – Lass dir Zeit, ja? Ich brauche hier noch ein bisschen.

Karla ließ das Wasser ab, schälte sich umständlich aus der Wanne und griff bibbernd nach einem Badetuch. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Füße waren. Sie erschrak.

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Ein kleines, kuschliges Zugehörigkeitsgefühl

Kuschelheimat-Matroschka

Die Kuschelheimat-Matroschka mit den schönen, langen Wimpern zeichnete Anni von Bergen für Das Magazin. http://annivonbergen.com

 

Kathrin Schrader beneidet manchmal die anderen um ihre Heimat und ihr Heimweh. Ihr fehlt etwas, aber bald kommt ihr in den Sinn, dass sie sich so was Ähnliches längst erschaffen hat. 

Héctor gibt sich mal wieder seiner Verzweiflung über Deutschland und die Deutschen hin. Es ist immer dasselbe. Wir seien ein schweigsames, angepasstes Volk und hätten viel zu wenig Sex. Er könne niemals in diesem Land heimisch werden, in dem es mehr regnete als in London und kälter sei als in Alaska, im Sommer jedenfalls, in dieser Nation, in der keiner zu feiern verstünde und sowohl Männer als auch Frauen sich kleideten, als lebten sie noch in Erdbehausungen oder Holzhütten wie einst die Wikinger. Er werde in seinem Herzen und seiner Lebensart immer Franzose bleiben. Mir kommt es vor, als sei Frankreich für ihn eine Art Notfallkoffer, den er nur öffnen braucht, wenn mal ein Tag schiefging und schon steigt die fabelhafte Welt der Amélie daraus empor, nach frischem Baguette und Croissant

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