Kathrins Notiz-Blog 23. September 10

© Illustration Liane Heinze
Statt meinen Po wie gewohnt vor dem Einschlafen an seinen Bauch zu ziehen und seine linke Hand auf meine Brüste zu legen, hat Leon mir den Rücken zugewandt und ist eingeschlafen. Ich bin aufgestanden, aber er ist nicht wie sonst davon erwacht. Er schlief einfach weiter. während ich in dieser mondlosen Nacht durch die Zimmer wanderte. Unser Wandschirm und die Trommeln hockten finster im Raum, wie eine Herde, die gegen mich vorrückt. Ich zog mich in den Fensterrahmen zurück und drehte die Heizung auf. Ich weinte nicht. Es war schlimmer. Ich war gefasst, analysierte die Lage. Leon liebte mich nicht mehr. Aus unserer Beziehung war endgültig die Luft raus.
Gegen Morgen wühlte ich meinen karierten Wanderrucksack aus der Abstellkammer. Leon erschien mit kleinen Augen. Er zerrte sein T-Shirt über seinen Penis. Das tut er immer, obwohl er weiß, dass es mich wahnsinnig macht.
„Was ist denn los?“, fragte er.
„Ich fahre nach Jerichow“, sagte ich. Ich will in die Altmark, nach Jerichow, seit ich weiß, dass es diesen Ort gibt, der genauso heißt wie meine Großeltern. Meine Großeltern haben einander niemals verlassen, nicht, weil sie von Konventionen, der Gesellschaft oder der Familie gezwungen wurden, sondern weil sie sich liebten. So etwas gibt es. Nicht einmal der Tod konnte sie trennen. Nachdem Opa Jerichow gestorben war, besuchte er seine Frau weiterhin. Ich habe ihre Treffen einmal beobachtet, als ich gegen Morgen aus einem Club nach Hause kam. Meine Großmutter saß im warmen Licht der Schreibtischlampe an ihrem Sekretär und schrieb in ein kleines Buch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sprach mit ihm. Er musste auf dem Klavierhocker vor dem Flügel gesessen haben. Ich reckte meinen Hals, aber vom Treppenabsatz aus gelang es mir nicht, ihn zu sehen. Die halb geöffnete Tür verstellte mir den Blick. Vor zwei Jahren ist Oma Jerichow in ihrem Sessel auf dem Balkon für immer eingeschlafen. In ihrem Sekretär fand ich einen ganzen Stapel der kleinen Liebeschroniken aus jenen Nächten. Ich nahm sie an mich und bewahre sie in meinem Kleiderschrank auf.
Ich stopfte Shirts, Slips, Hosen und eine Regenjacke in den Rucksack.
„Ich komme mit“, sagte Leon. Zuerst wollte ich protestieren. Nach dieser Nacht, in der er mir den Rücken zugewandt und nicht einmal erwacht war, als ich mich davon geschlichen hatte, hielt ich ihn für unwürdig, Jerichow zu besuchen. Er hatte kein Recht auf diesen Namen. Er gehörte mir allein. Aber im nächsten Moment verschluckte ich meine Wut und dachte, dass wir zum Abschied noch eine gemeinsame Reise unternehmen sollten.
Die Altmark liegt nordwestlich von Berlin. Meine Großeltern waren niemals in Jerichow. Aber ich glaube, dass Namen verbinden. Sie hinterlassen Spuren in uns. Jeder Name besitzt einen Klang, eine Farbe. Er weckt Erinnerungen. Ich sehnte mich nach etwas Vertrautem, nach Trost. Jerichow ist ein slawisches Wort. Im Internet habe ich die Übersetzung gefunden: Die Burg der Kühnen und Tapferen. Auch so kann man die Liebe nennen.
Das besondere an der Altmark ist der Horizont. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einem Land gewesen zu sein, dass ausgestreckt wie das Meer vor einem liegt. Die Wolken hängen tief über diesem Land und die Linie des Horizonts leuchtet. In diese Ebene ist die Elbe eingebettet. Die Menschen und Kühe und Schrebergärten schrumpfen in den Wiesen, aber alles, was in den Himmel ragt, was sich über den Horizont erhebt, wirkt aufständisch und stark: die Windräder und die Adler und das still gelegte Kraftwerk.
Wenn Leon und ich mit den Rädern unterwegs sind, sprechen wir kaum. Wir wedeln dicht hintereinander durch das Land und bleiben hin und wieder stehen, um zu schauen. An diesem Tag fuhr Leon mit gesenktem Kopf. Er sah den Horizont nicht. Er hörte nicht, als ich ihn rief, gegen den Wind, weil ich das verlassene Betriebsgelände des Kraftwerkes anschauen wollte. Er war schon weit voraus auf der leeren Straße, die man einst dafür angelegt hatte. Ich musste mich beeilen, ihn einzuholen.
Am Nachmittag erreichten wir die mittelalterliche Stadt Tangermünde. Leon hatte keinen Blick für die heraus geputzten Fachwerkhäuser und die rote Backsteingotik. Bis nach Jerichow waren es jetzt noch zwanzig Kilometer. Hinter dem Stadttor von Tangermünde, wo der Radweg ins Feld führte, sah man im Dunst bereits die Türme der romanischen Kirche von Jerichow. Sie standen blass vor der Linie des Horizonts. Wir holten das Picknick aus unserer Tasche, kleine Plastikdosen, die ich mit Sandwichs und streifig geschnittenen Gurken und Karotten gefüllt hatte. Es macht mir Spaß, Picknicks vorzubereiten. Manchmal nehme ich einen Salat mit oder koche Eier. Ich packe auch Servietten und kleine Süßigkeiten ein. Und immer fülle ich eine Thermoskanne mit starken Kaffee.
„Du hast mich verlassen“, sagte ich. „Und wo bist du gerade, wenn ich fragen darf?“ Wir saßen Rücken an Rücken auf einem Feldstein. Von Leon kam keine Antwort. „In Belgien? Wo genau dort? In Verviers? In welchem Haus?“
„Ich bin nirgendwo“, sagte Leon. Wo unsere Rücken sich berührten, spürte ich seinen Bass brummen. „Ich bin ein umher Irrender.“
„Was ist passiert?“, fragte ich.
„Es ändern sich gerade viele Dinge“, sagte er.
„Welche Dinge?“
„Ich kann es noch nicht genau sagen. Mir wird vieles klar. Über mich.“
Ich musste jetzt aufpassen, aus Nervosität nicht alle Schokoriegel zu verdrücken. Ich stand auf. Leon blickte über das Stoppelfeld, weg von Jerichow, weg von mir. Seine Lippen waren ganz dünn. In den Mundwinkeln hingen Krümel.
„Hast du eine Therapie begonnen?“
„Quatsch.“
„Mit wem hast du über dich gesprochen?“
„Ich führe Selbstgespräche.“
„Tust du nicht!“
„Ich brauche keinen Therapeuten. Ich sehe nur, dass ich so wie bisher nicht weitermachen kann. Du siehst doch, was für ein Leben ich führe, wenn man das überhaupt Leben nennen kann. Ich mache mich fertig. Eines Tages bekomme ich einen Herzinfarkt. Und tschüß.“
„Ich werde dich verlassen“, sagte ich und streute die Krümel aus den Picknickdosen ins Feld.
„Spinnst du?“, sagte Leon.
„Nein“, sagte ich. „Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt. Es ist eben passiert.“
„Arschloch“, sagte Leon. „Ich hasse Arschlöcher.“
Ich war nicht sicher, ob er Kolja oder mich meinte. Sein Gesicht war plötzlich gefroren, seine vorstehenden Augen klein und starr. Auf seinen Lippen hockte ein verächtliches Wort. Er rutschte von dem Feldstein, lief ein paar Schritte durch die Stoppeln, kehrte zurück. Ich hatte ihn noch nie so verletzt. Ich begann zu weinen. Ich heulte wie ein Gespenst. Ich warf mich bäuchlings über den Feldstein, rappelte mich hoch und hielt mir die Rippen, die von dem Aufschlag schmerzten. Leon blieb abseits, wie eingefroren.
„Warum kehrst du mir nachts den Rücken zu?“, schrie ich.
„He!“ Er kam näher. Er nahm mich in die Arme. Ich ließ mich gegen ihn fallen. „Ich liebe ihn gar nicht. Wir sind nur miteinander ausgegangen letzte Woche.“
Leon wiegte mich wie ein Kind. „Ich wollte es dir erzählen. Ich kann kein Geheimnis vor dir haben“, sagte ich. Ich kroch an seine Brust, begann ihn auszuziehen. Wir strampelten unsere Sachen vom Körper und klammerten uns aneinander wie Schiffbrüchige. Die Stoppeln stachen in unsere Füße. Leon hob mich auf den harten Feldstein. „Ich liebe dich“, sagte er immer wieder. „Ich liebe dich.“ Zwischen unseren Wangen stand Wasser. Ich weiß nicht, ob es seine oder meine oder unsere Tränen waren. „Ich will dich nicht verlassen“, sagte ich. Endlich war es an mir, ihn zu nehmen. Es war wie ein Trost.
Wir lagen schließlich auf unseren ausgebreiteten Jacken in den Stoppeln. Die Linie des Horizonts leuchtete. Die Türme der romanischen Kirche von Jerichow piekten zärtlich den Himmel.
Wir sind dann nicht mehr nach Jerichow gefahren.
Ich sitze am Küchentisch. Heute ist ein sonniger, warmer Tag, vielleicht ist es der letzte Altweibersommertag in diesem Jahr. Ich habe Lust, den Weg von Havelberg nach Tangermünde noch einmal zu fahren. Aber Tage wie diesen darf man nicht wiederholen. Das würde nur zu einer Enttäuschung führen. Außerdem habe ich viel zu lernen. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Unterlagen von der Uni. Ich studiere jetzt Kommunikations-Design in Potsdam.
Den Weg nach Jerichow kann ich immer noch fahren, allein oder mit Leon.