schwereleicht

Ausstellungen mit Esther Glück, Kerstin Hille, Ina Stachat und der kleinenfraubraun

Esther Glück „Reigen“. 2014. Papierschnitt

Ich möchte keine Ausstellung von Esther Glück verpassen. Aber heute war schon wieder Finissage im Friedhofsmuseum an der Prenzlauer Allee. Deshalb käme dieser Artikel eigentlich zu spät, wenn nicht zu jeder Zeit daran erinnert werden kann, dass sich ein Besuch im Verwalterhaus von St. Marien – St. Nikolai immer wieder lohnt. 

Gleich beim Betreten des Hauses fiel der Blick auf den Reigen der spielenden Libellen von Esther Glück. Eigentlich sind es Schnaken. Die Künstlerin findet, dass die lichtscheuen Tiere mit den langen, zitternden Beinen zu Unrecht als hässlich gelten. An der romantisch-fleckigen Wand im Verwalterhaus erinnerten sie mich eher an die vielen Libellen in allen Größen und Farben, die ich in diesem Sommer wie in keinem zuvor auf meinen Wanderungen durch die Mark Brandenburgbeobachtet habe. 😉

Esther Glück faszinieren auch andere Lebensformen mit filigranen Details. An Menschen faszinieren sie besonders Hände und Füße. Sie zeichnet und schneidet diese in kühnen Perspektiven. Wirbel für Wirbel baut sie die  Rückenlinie einer im Gras liegenden Frau. Spielerisch ein Staubkorn und das bunte Wollknäuel. Esther Glück stellte mit Kerstin Hille aus, die ihre Holzschnitte zeigte und kapriziöse Collagen aus kleinen bunten Schnipseln, zur Hälfte auch Zeichnung. Dazu im ganzen Haus verteilt die romantischen Arrangements von Ina Stachat. 

Kerstin Hille „Wasserzeichen I“. 2016. Holzschnitt

Ina Stachat „Verwandlung“ 2019. Objekt.

Jemand sagte mir kürzlich, Kunst müsse die Verfasstheit der Gesellschaft widerspiegeln, müsste politisch sein. Ich kann diesen Anspruch nachvollziehen. Ich habe diese Sehnsucht auch. Aber ich kann mich auch für den Finecut einer Schnake begeistern. Schnaken sind nicht politisch, jedenfalls nicht ausdrücklich.

Das Friedhofs-Verwalter-Wohnhäuschen aus dem vorigen Jahrhundert ist angefüllt mit der Schönheit der Trauer und des Vergänglichen. Es hüllt die Kunst zärtlich ein, schützt vor dem Verriss, was noch nicht ganz zur Reife gelangt ist, barmherzig wie die Grabsteine draußen. 

Es sagt schon etwas über die Gesellschaft, dass hier drinnen Kunst gezeigt wird, Lesungen und Konzerte stattfinden, Wein und Kaffee ausgeschenkt wird, dass die Menschen draußen vor den Gräbern sitzen und plaudern, ohne dass es respektlos wirkt. 

Diekleinefraubraun hat das Haus 2014 zum ersten Mal mit einer Installation bespielt. Was sie in den verlassenen Räumen fand, u.a. eine Spielzeugeisenbahn und einen Karton voller Krawatten, brachte sie im Haus zum Schweben. Spektakulär war das. Berlin hatte wieder neue, alte Wände, zwischen denen die Gedanken und die Dinge frei im Raum hängen durften, über einer nostalgische Kochmaschine, vor blinden Fenstern, zwischen hundertjährigen Fliesen, auf knarrenden Stufen. 

Kerstin Hille und Diekleinefraubraun

Eine Installation der kleinenfraubraun ist wieder hier zu sehen, schon bald, ab dem nächsten Freitag.

Vernissage am Freitag, 23. August

„Heimatgefühle: Über äußere und innere Zustände“. 

Bis 15. September 2019 

Do & Fr 16-20 Sa & So 12-18 Uhr. 

LOOPS/THINGS

Eine Episode bei LAGE EGAL

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Textile Arbeit von Anja Schwörer, ohne Titel, bei LAGE EGAL in der Greifswalder Straße in Berlin. Im Vordergrund ein Teilstück des „Objekt 21“, einer Stahlkonstruktion von Klaus-Martin Treder 

Bei Lage Egal ist Eile geboten. Die Ausstellungen laufen nur drei Wochen, was für Berliner Dimensionen knapp bemessen ist. Ich meine nicht die üblichen Laufzeiten für Ausstellungen, sondern die Bedingungen in der Stadt: die Entfernungen, die auf verstopften Radwegen und Bürgersteigen absolviert werden müssen. Das Vorankommen in Berlin wird immer klaustrophobischer. Ich fühle mich mitunter wie in diesen Albträumen, in denen du auf der Stelle klebst und nicht vorwärtskommst. Gerade ist auch noch Urlaubszeit. Alles geschieht wieder einmal gleichzeitig.

Heute also, mitten in der Woche, noch schnell die Nase am Schaufenster in der Greifswalder platt gedrückt. Die Galerie ist ja nur am Wochenende geöffnet und übermorgen ist schon wieder Finissage. Glücklicherweise war der Galerist Pierre Granoux gerade da und öffnete mir.

Ja, und dann stand ich in dem schönen Raum, den ich in erster Linie wegen der textilen Arbeiten von Anja Schwörer aufgesucht hatte, und fühlte mich plötzlich nicht mehr getrieben und beengt. Diese Bilder anzuschauen war wie verstanden-werden, es war, als sei ich nach Hause gekommen und gar nicht mehr so bedeutungslos Weiterlesen

KLASSE DAMEN! im Jahr 2019

Selbstporträt von Gertrud Spitta. 1920

Gertrud Spitta. Selbstporträt. 1920. Foto © Michael Gorkow 

Ingeborg Ruthe, langjährige Feuilleton-Redakteurin der Berliner Zeitung, war die erste Journalist*in, der sofort klar war, dass in Schloss Biesdorf eine für Berlin enorm wichtige Ausstellung entstanden ist. Ihre zweiseitige Rezension weckte die Kolleg*innen. So bekam die bemerkenswerte Arbeit der Kuratorinnen Ines Doleschal, Ellen Kobe und Karin Scheel wenigstens eine angemessene Resonanz in den großen Medien.

Um öffentliche Gelder hatte sich die Ideengeberin von „Klasse Damen!“, die Bildende Künstlerin Ines Doleschal, über ein Jahr lang vergeblich bemüht. Weder der Bund noch die Stadt Berlin hielten es für notwendig, mit einer repräsentativen Ausstellung an die Öffnung der Berliner Kunstakademie für Frauen vor 100 Jahren zu erinnern. Weiterlesen

„Surditas“ von Marko Kusmuk

Marko Kusmuk "Disinhibition"
Marko Kusmuk „Surditas 1: Inhibition“. 2018. Zeichnung auf Papier.

Diese spannende Zeichnung des serbischen Künstlers Marko Kusmuk ist noch bis Ende August 2019 in der Galleri Heike Arndt DK in Berlin-Friedrichshain zu sehen. Sie ist Kusmuks Beitrag zur Gruppenausstellung FRESH LEGS.

„Disinhibition“ (Enthemmung) ist Teil einer ganzen Serie von Zeichnungen mit dem Titel „Surditas“ (gehörlos) des jungen Künstlers. Weiterlesen

Kunst ist eine Haltung

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Lukas Troberg „Drips“ 2013. Aluminium pulverbeschichtet. Gesehen am gegenwärtigen Standort der Galerie Lage Egal, auf einer „schwierigen“ Wand. (http://www.lage-egal.de) 

Wenn ich Künstler*innen im Atelier besuche, sehe ich manchmal Arbeiten, die sich mir nicht auf den ersten Blick erschließen. Erst wenn ich mit den Autor*innen ins Gespräch darüber komme, finde ich einen Zugang. Manchmal fasziniert mich die Haltung einer Künstlerin, die sich auf die Art und Weise, wie sie arbeitet auswirkt, stärker als ihr Werk. Letztendlich kann ich das aber nicht mehr voneinander trennen. Ich beginne, auch das Werk zu lieben, wenn ich im Gespräch Sensitivität und Ernsthaftigkeit spüre, und diese Unrast, Weiterlesen