Letzter Aufruf

fullsizeoutput_1c47

Foto © Andrea Vollmer

„Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her.“

Mit 50 Jahren kannst du noch entscheiden, ob du wirklich jung werden willst

Mit neunzehn Jahren, in zerrissenen Turnschuhen, ungeschminkt und unzufrieden mit meinem Körper, meinen Haaren, meinem Gesicht und dem Leben überhaupt, in das ich geworfen war, unternahm ich manchmal den Versuch, mir eine bessere Zukunft auszumalen. Eines fernen Tages, mit Mitte Zwanzig ungefähr, würde ich eine begehrenswerte, schöne Frau sein, mit einem oder mehreren Liebhabern und einem Beruf, in dem meine Meinung geschätzt und meine Ideen gefragt sind. So machte ich mir Mut. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich diese erträumten Lebensumstände erst einstellen würden, wenn ich 50 Jahre alt geworden bin. In Worten: F Ü N F Z I G. Ein derart hohes Alter überhaupt zu erreichen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute bin ich überzeugt, dass einige meiner Vorbild-Frauen, Continue reading

Ein kleines, kuschliges Zugehörigkeitsgefühl

Kuschelheimat-Matroschka

Die Kuschelheimat-Matroschka mit den schönen, langen Wimpern zeichnete Anni von Bergen für Das Magazin. http://annivonbergen.com

 

Kathrin Schrader beneidet manchmal die anderen um ihre Heimat und ihr Heimweh. Ihr fehlt etwas, aber bald kommt ihr in den Sinn, dass sie sich so was Ähnliches längst erschaffen hat. 

Héctor gibt sich mal wieder seiner Verzweiflung über Deutschland und die Deutschen hin. Es ist immer dasselbe. Wir seien ein schweigsames, angepasstes Volk und hätten viel zu wenig Sex. Er könne niemals in diesem Land heimisch werden, in dem es mehr regnete als in London und kälter sei als in Alaska, im Sommer jedenfalls, in dieser Nation, in der keiner zu feiern verstünde und sowohl Männer als auch Frauen sich kleideten, als lebten sie noch in Erdbehausungen oder Holzhütten wie einst die Wikinger. Er werde in seinem Herzen und seiner Lebensart immer Franzose bleiben. Mir kommt es vor, als sei Frankreich für ihn eine Art Notfallkoffer, den er nur öffnen braucht, wenn mal ein Tag schiefging und schon steigt die fabelhafte Welt der Amélie daraus empor, nach frischem Baguette und Croissant

Continue reading

Aus der Tarnung

Jeanne-Mammen-Retrospektive  „Die Beobachterin“

in der Berlinischen Galerie

vom 6. Oktober 2017 bis 1. Januar 2018

fullsizeoutput_1978

Jeanne Mammen. Selbstbildnis. 1929. 

fullsizeoutput_1944

Jeanne Mammen. Sie repräsentiert. um 1928. 

Es gibt ein Foto von Jeanne Mammen, da sitzt die Künstlerin in ihrem Wohnatelier Ku-Damm 29 und hält den Stift bereit zum Zeichnen. Ihr Blick ist konzentriert auf ein Modell oder Objekt gerichtet. Zugleich schaut sie die Fotografin an, die sie aus dieser Richtung aufnimmt. So wird der Betrachter des Fotos zum Modell, das kritisch von der Malerin fixiert wird.

„Die Beobachterin“ heißt die Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie, noch zu sehen bis zum 15. Januar 2018. Beobachterinnen sind nicht gemütlich. Sie sind Jägerinnen, die ihre Beute nicht aus dem Auge lassen. Beobachterinnen versuchen sich zu tarnen. Sie sehen harmlos aus. Continue reading

„Alles muss in ihr System aufgenommen werden. Sonst können Sie nicht wirkliche Einfachheit erlangen.“ Gertrude Stein

Im Sommer auf Schloss Plüschow und jetzt in Torgau

fullsizeoutput_1797

Studio fünf auf Schloss Plüschow im August 2017, als Anett Lau dort wohnte.

Ich mochte diese Klinke und den Strauß, seine zarten, grünen Blüten. In einem Foto habe ich die Klinke fokussiert, in einem anderen die Blumen. Aber dieses mit dem Fokus auf der Klinke gefällt mir besser.

Die Klinke gehört zu Studio fünf auf Schloss Plüschow, in dem die Berliner Künstlerin Anett Lau den ganzen August lang gewohnt hat. Ich durfte sie dort besuchen. Zu ihrem Studio gehörten ein Wohnraum und ein großes, helles Atelier, beide Räume mit hohen Fenstern zum drinsitzen und raus dösen. Zum Dösen hatte ich kaum Zeit. Obwohl ich wirklich gern döse. Wir haben viel geredet in dem einsamen Schloss im hügeligen Westmecklenburger Land, einen Steinwurf von der Ostsee entfernt.

Reisende am Haltepunkt Plüschow müssen dem Zugführer winken, damit er anhält. Eigentlich ist es Unsinn, von Reisenden zu sprechen. Der Bahnsteig erlaubt keinen Plural. Wer nach Plüschow kommt, kommt allein und möchte allein sein.

Einsamkeit Continue reading

Einsteins Spuk am Strand

fullsizeoutput_1763

Auf Hiddensee habe ich ein Buch über Quantenphysik durchgeschmökert. 

Zuvor hatte ich im Radio gehört, dass es chinesischen Wissenschaftlern erstmalig gelungen ist, zwei miteinander verschränkte Lichtteilchen so weit voneinander zu trennen, dass eines auf der Erde „stationiert“ sein kann und das andere in einem Satelliten um die Erde kreisen könnte. Abgesehen davon, dass ich gerührt war vom Schicksal der zwei eng miteinander verschränkten und nun so weit voneinander entfernten Teilchen, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken, als ich hörte, dass dieses Pärchen in einer Verbindung steht, als existiere dieser gigantische Raum zwischen ihnen gar nicht. Erhält nämlich eines von ihnen eine Information, ist sie zeitgleich bei dem anderen. Die Entwicklung der chinesischen Wissenschaftler ist deshalb so gefeiert, weil es nun möglich sein wird, völlig abhörsichere Funkverbindungen herzustellen. Ist ja klar. Die beiden kleben so dicht aneinander, dass keine Störung sie jemals stören kann. Aber wie ist das über so eine weite Trennung möglich? Ich meine, Liebende kennen das ja. Sollte es tatsächlich eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben?

Ich las „Einsteins Spuk“ von Anton Zeilinger. Er ist einer der Wissenschaftler, denen es zuerst gelang, jene rätselhafte von Einstein entdeckte Verbindung der Photonen im Labor nachzuweisen, und zwar in Wien, unter der Donau. Einstein selbst mochte seine Erkenntnis nicht. Er nannte das Verhalten der Lichtteilchen „spukhaft“.

Durch „Einsteins Spuk“ erfuhr ich noch viel abgefahrenere Dinge. Nicht nur, dass die Zwillings-Photonen schneller als das Licht Informationen hin und her beamen, sie nehmen ihre Eigenschaften NACHWEISLICH erst im Moment ihrer Messung oder Beobachtung an. Diese närrischen Krümel veralbern uns auf Schritt und Tritt, nach dem Motto: Guckt gerade einer? Dann bin ich heute grün! Und morgen rot! Erst, wenn sie angeschaut werden, entscheiden sie sich, wer oder was sie gern sein möchten. Das könnte glatt eine Verschwörungstheorie sein, wenn es nicht inzwischen in zahllosen Versuchen bewiesen worden wäre.

Falls jemand von euch noch glaubt, dass die Welt ganz unabhängig von uns so existiert, wie wir sie beobachten und messen, hängt er einem ziemlich überholten Weltbild an, das Quantenphysiker „lokaler Realismus“ nennen. Folgender Dialog soll zwischen Niels Bohr und Albert Einstein stattgefunden haben: Einstein: „Wollen Sie etwa behaupten, der Mond existiere nicht, wenn niemand hinschaut?“ Bohr: „Können Sie das Gegenteil beweisen?“
Nein. Niemand, nicht einmal Einstein konnte bisher beweisen, dass die Welt unabhängig von unserer Beobachtung überhaupt existiert. Auch wenn wir eine Kamera hinstellen, die den Mond filmt, während wir gar nicht durch den Sucher schauen, haben wir das Gerät doch gemäß unserer Wahrnehmung eingestellt und programmiert.

Ich lief am Strand entlang und dachte darüber nach. Kein Ort ist besser geeignet, sich Fragen über Raum und Zeit zu stellen, denn unter der Größe des Meeresrauschens schrumpft die Zeit. Der Grund, warum unser Weltbild nicht längst revolutioniert wurde, ist, dass die Entdeckungen der Quantenphysik mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Zu Kopernikus Zeiten war das anders. Er lieferte ein neues Weltbild. Das alte war abgelöst.

Ich stelle mir vor, wir leben in einem Bild, in einer Art verdichteten Wirklichkeit, die alle unsere Sinne anspricht. Gleichzeitig erschaffen wir gemeinsam dieses Bild, in dem das stattfindet, was wir Leben nennen. Es gab immer Menschen, die wussten, dass die Wirklichkeit eine Folge unserer Gedanken ist. Viele von ihnen wurden verbrannt. Vielleicht sind sie alle noch da. Wenn die Zeit nicht existiert? Oder nur in diesem kleinen Bildausschnitt, den wir die Welt und das Leben nennen? Jemand sagte einmal, ich könne mich an meine Ahnen anlehnen. Sie seien alle für mich da. Ich sollte mir ihre lange Reihe vorstellen, die Großmütter hinter meiner linken Körperseite, die Großväter hinter der rechten. Ich stellte mir diese lange Reihe vor, wie wenn du zwischen zwei Spiegeln stehst und dich selbst unendliche Male siehst. Vielleicht sind wir miteinander verschränkt. Vielleicht verändern sie sich alle in dem Moment, in dem ich mich verändere. Jede Information, die ich aufnehme, ist zeitgleich bei ihnen. Und umgekehrt vielleicht auch.

Was sind Raum und Zeit?