Steig auf mein Pferd!

Es kann so viel schiefgehen beim Küssen, viel mehr als beim Sex, aber wenn er die richtige Temperatur hat, geschmacksneutral und frisch ist, dann können mit einem vollendeten Kuss die wundervoll-verheerendsten Affären beginnen.

Nora Marleen. Küssende Masse

Illustration: © Nora Marleen https://noramarleen.de

Von Zeit zu Zeit treffe ich meine Freundin im Trespassers auf ein oder zwei Gläser, bei denen wir die Neuigkeiten austauschen. Seit einiger Zeit wird der Ton zwischen uns rauer. Die Themen sind andere als noch vor Jahren.

Es geht jetzt oft um Kindererziehung, Jobsuche und andere anstrengende Dinge. Außerdem platzt meine Freundin neuerdings gern mit schockierenden Geschichten raus, die sie wer weiß wo aufgelesen hat, wahrscheinlich bei den Dachpartys ihrer Firma: von Bordellbesuchen ihres Chefs, der shoppingsüchtigen Tochter einer Kollegin, einem Fahrradfahrer, der nachts durch unser Viertel fährt und Frauen Säure ins Gesicht schüttet und der Pornoseite, die unvermittelt aufploppte, als ihre zehnjährigen Zwillinge für die Hausaufgaben im Netz recherchierten. Detailliert schilderte meine Freundin alle verstörenden Details, die auf der Seite zu besichtigen waren.

Mein Eindruck ist, dass sie mir sagen möchte, wie unsicher das Leben in einer kriminellen Gesellschaft geworden ist, in der selbst die Liebe (früher unser Lieblingsthema) zu einem Business verkommen ist. In einer Welt wie dieser nämlich hat die ungemütliche Lebenspartnerschaft, an der sie seit Jahren der Kinder wegen festhält, ihre volle Berechtigung, ja, sie kann unter solchen äußeren Bedingungen geradezu als Glückstreffer gesehen werden. Ich habe ihr immer wieder geraten, ihren Freund zu verlassen. Er respektiert sie nicht und sieht nicht, was für ein wunderbarer Mensch meine Freundin ist. Vielleicht war meine Ratschläge zur Trennung etwas übergriffig, Continue reading

STADT-LAND-FLUSS – eine Ausstellung in der Galerie M

fullsizeoutput_1f92

Caroline Armand: „Inspiriert durch ein Planungsmodell der Großsiedlung Marzahn von 1981, habe ich ein subjektives Stadtplanmodell realisiert. Dafür habe ich kartografische Elemente verwendet, in Verbindung mit Fotografien von Trampelpfaden aus meinen Marzahner Erkundungen. Es ist ein Spiel zwischen Zwei- und Drei- Dimensionalität. 

Beim genauen Hinschauen lösen sich die Konstruktionen auf, hier und da

Es ist die letzte Ausstellung der Galerie M an der Marzahner Promenade. Im Mai ziehen Karin Scheel und die kommunale Galerie ins Schloss Biesdorf. 

Glücklicherweise bleiben die Räume an der Promenade für die Kunst erhalten. Eine junge KünstlerInnen-Initiative zieht dort ein. Wird es weiterhin Ausstellungen geben? Atelierfeste? Performances? 

IMG_8759

Eröffnung „STADT-LAND-FLUSS“ in der Galerie M am 18. Februar 2018, am Boden „Geschichten von der Wuhle“ Collage von Andrea Golla 

„STADT-LAND-FLUSS“ ist bis zum 25. März 2018 zu sehen. Das Frauenmuseum Berlin unter Leitung von Rachel Kohn hat die Promenadengalerie dafür gekapert, denn anders als der Name vermuten lässt, besitzt der Verein kein eigenes Haus, sondern bespielt wechselnde Orte. Ein mobiles Museum also.

Noch einmal positionieren sich Künstler, in diesem Fall neun Künstlerinnen, in der Galerie M zu Marzahn. Erwartungsgemäß geht es eckig und zurückhaltend farbig in den Bildern und Installationen zu. Einigen thematisieren das Grün . Es versteckt sich als Moos in der „Behausung“ von Rachel Kohn. Anja Sonnenburg hat das „Restgrün“ kartiert. Tatsächlich ist ihr Bild eine maßstabgerechte Eintragung aller Flächen städtischen Grüns im Bezirk. Andrea Golla ist entlang der Wuhle gewandert. Auf dem Boden der Galerie liegen die Fotos ihrer Exkursionen als Collage aus 140 Schwarzweißfotos. Marzahn ist eben nicht nur Stadt, sondern auch Dorf und der Fluss, die Wuhle. (mit einem sehr schönen Radweg übrigens, der bis nach Köpenick führt) Die Platte, die Windmühle, das Dorf Marzahn, Hochspannungsleitungen und das riesige Einkaufscenter Eastgate, das an eine Stullen-Dose oder Rennbahn erinnert, hat Andrea Hartinger in ihrer Nitrofrottage „Berlin-Marzahn“ spannungsvoll gegeneinander geschnitten.

fullsizeoutput_1f98

„Behausung“ von Rachel Kohn (Detail rechts im Bild) an der Wand Bilder von Beate Selzer

Beim genauen Hinschauen lösen sich die Konstruktionen auf, hier und da, in den Bildern von Beate Selzer zum Beispiel. Menschen kommen in den Arbeiten kaum vor und wenn, dann klein, unscharf und mit sehr kurzen Statements bei Sibylla Weisweiler. 

 

 

Wie war ich glücklich

fullsizeoutput_1f70

Großmutter Lieselotte mit ihrem Hund Cora

Es gibt wieder Schlagsahne, Opis Magen streikt, Apollo 13 in Gefahr, Wäsche im Nu trocken – Kathrin Schrader sieht in den knappen Kalendernotizen ihrer Großmutter, wie man offenbar das Wesentliche aus dem Wust der Zeit herausfiltern kann. Das will heute nicht mehr gelingen. 

Nach dem Tod meiner Großmutter entdeckte ich ihre Tagebücher.

Sie befanden sich in der Vitrine mit den festlichen Gläsern, aber im unteren Schrankteil, neben den Vasen. Es sind kleine Kalender mit Kunststoffeinbänden in verschiedenen Farben, die meisten aus dem einzigen christlichen Verlag der DDR, der älteste von 1953. Da war Großmutter 42 Jahre alt. Ich schlug die Bücher auf, blätterte in ihrem Leben vor und zurück. In knappen Notizen hat sie Ereignisse festgehalten, die ihr wichtig waren: Dienstag, 11. Januar 1966: Großeinkäufe für die Geburtstagskinder. Es gibt seit gestern wieder Schlagsahne. Kalter Ostwind -6.

Politische Ereignisse erwähnt sie seltener, aber die großen, auch im Rückblick bedeutenden wie Mauerbau und Mauerfall, der Mord an Kennedy, der Krieg gegen den Irak im Jahr 1991 und noch einige andere Kriege hat sie festgehalten. Kriege belasteten sie. Sie wusste, was Krieg bedeutet: Montag, 5. Juni 1967: Krieg zwischen Israel und Ägypten furchtbar! Wenn sie Ereignisse bewertet, dann knapp: Donnerstag, 10. Februar 1966: Radio sendet keinen Rias mehr. So eine Pleite! Montag, 29.Juli 1968: heiß, wegen CSSR Westreisen abgesagt. / 20. August 1968: Opis Magen streikt. Lustlos geht er mit in der Stadt herum. CSSR-Krise.

Kinofilme, Theaterstücke und Konzerte kommentiert sie mit maximal zwei Adjektiven. Die Entwicklung von uns drei Kindern, ihrer Enkel, beschreibt sie in Stichpunkten.

Großmutter wäre die perfekte Twitterin. 280 Zeichen – mehr brauchte sie nicht, mit Ausnahme der Raumfahrt, die sie regelrecht ins Schwärmen versetzte: Sonnabend, 3. Januar 1959: Am 2. Januar sowjetische Mondrakete gestartet, sie kreist, nachdem sie am Mond vorbei geflogen ist, um die Sonne. / Sonntag, 22.Dezember 1968: Fahrt um den Mond: 3 Mann. Die Sensation!/ Sonntag, 20.Juli 1969: Die ersten Menschen, Amerikaner, auf dem Mond gelandet! Dienstag, 14.April 1970: Apollo 13 in Gefahr, Manöver klappt nicht, Hoffentlich kommen die Astronauten wieder lebend zurück./ Freitag, 17.April 1970: +20°, Wäsche draußen getrocknet, Konzert, Astronauten kommen gut trotz allem wieder zurück.

Das Leben meiner Großmutter erscheint mir so klein wie diese schmale Nische im Haus, in der die Vitrine steht. In der schnörkeligen Sütterlin-Schrift, die sich Ecken erlaubt, wird der Spruch von Goethe, den sie ihrem Jahr 1965 voranstellt, zu einem Bild: Wozu dient all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut?

Ich kann über ihre Worte nicht hinweg scrollen. Ich sehe Großmutter, wie sie nachts an ihrem Sekretär sitzt und schreibt. Ich sehe sie abends auf ihrem Bett sitzen und in einem Buch blättern, auf der Suche nach dem Goethe-Zitat, das sie noch aufschreiben will. Die Nachrichten über die Raumfahrer haben sie beschäftigt. Sie würde selbst gern mal zum Mond reisen. Sie hat ein kapriziöses Abenteurerinnen-Herz, das sie vor der Welt versteckt. Aber dann liest sie die Worte von Goethe und findet, dass sie gut und richtig sind. Sie ist der glückliche Mensch, der sich inmitten von Monden und Planeten, Sternen und Milchstraßen, Kometen und Nebelflecken seines Daseins erfreut. Großmutter besaß die Größe, sich selbst in der richtigen Dimension wahrzunehmen. Als blicke sie wie eine Raumfahrerin aus dem All hinab auf die Erde und diesen winzigen Punkt, der ihr Leben ist. Sie nahm sich nicht wichtig. Deshalb machte sie wenig Worte. Continue reading

Nostalgie. Erinnerungen. Der ganze Mist

nostalgie gold

Illustration © Claudia Pomowski. (http://www.c-pom.de)

Dann feiern wir eben, wenn alle wieder zu Hause sind, hatte Hannes gesagt. Zwischen den Jahren, hatte er gesagt, und Karla hatte gedacht: Zwischen den Stühlen.

Der Tisch war gedeckt. Es standen keine Stühle ringsum, sondern zierliche Sessel. Karla hatte sich in der Wanne quer gesetzt, ließ die Beine über den Rand baumeln und betrachtete durch die geöffnete Badezimmertür den gedeckten Tisch in der Küche. Weiße Teller. Darauf lagen die Geschenke. Sie würde noch Kerzen dazu stellen und Hannes müsste unbedingt Blumen vom Markt mitbringen. Sie rief ihn an. Er war gerade beim Fischhändler und konnte sich nicht entscheiden. Flussbarsche? – Ja, aber lass sie unbedingt schuppen und ausnehmen. – Klar. Und wofür die Blumen? – Für den Tisch. Ich meine, Weihnachten ist doch jetzt wirklich vorbei. Wir müssen nicht mit Tannengrün oder so anfangen. – Na gut. – Lass dir Zeit, ja? Ich brauche hier noch ein bisschen.

Karla ließ das Wasser ab, schälte sich umständlich aus der Wanne und griff bibbernd nach einem Badetuch. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Füße waren. Sie erschrak.

Continue reading

Letzter Aufruf

fullsizeoutput_1c47

Foto © Andrea Vollmer

„Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her.“

Mit 50 Jahren kannst du noch entscheiden, ob du wirklich jung werden willst

Mit neunzehn Jahren, in zerrissenen Turnschuhen, ungeschminkt und unzufrieden mit meinem Körper, meinen Haaren, meinem Gesicht und dem Leben überhaupt, in das ich geworfen war, unternahm ich manchmal den Versuch, mir eine bessere Zukunft auszumalen. Eines fernen Tages, mit Mitte Zwanzig ungefähr, würde ich eine begehrenswerte, schöne Frau sein, mit einem oder mehreren Liebhabern und einem Beruf, in dem meine Meinung geschätzt und meine Ideen gefragt sind. So machte ich mir Mut. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich diese erträumten Lebensumstände erst einstellen würden, wenn ich 50 Jahre alt geworden bin. In Worten: F Ü N F Z I G. Ein derart hohes Alter überhaupt zu erreichen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute bin ich überzeugt, dass einige meiner Vorbild-Frauen, Continue reading