Berliner Notiz – Blog 4. September 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin. Oranienstraße 25.

Schwer zu sagen, wie alt sie ist. Sie trägt ein braun gestreiftes Kopftuch und über die ausladenden Hüften einen schwarzen Mantel, der bis zu den Knöcheln reicht.

Sie drängelt mit einem Plastiksack voller Fladenbrote zwischen den tanzenden Frauen und der Tafel hindurch und verteilt das Brot zwischen den Käseplatten und den Schälchen mit Humus, Tomatensalat und Oliven. Ihre Hände sehen jung aus, fast kindlich.

Ich bin ihr im Weg. „Was schreibst du?“ Ein neugieriger, zugleich skeptischer Blick fällt auf mein Notizbuch. „Ich schreibe über das Frühstück“, sage ich und mache ihr Platz. Sie stößt den Brotsack weiter. Sie macht einen Witz über meine Gummistiefel. Die älteren Frauen auf der anderen Seite der Tafel schauen grinsend herüber.

Ich bin zu Gast beim Frauenfrühstück des Vereins AKARSU in Berlin-Kreuzberg. AKARSU kümmert sich um Frauen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien. Fast alle Frauen an der Tafel tragen das Kopftuch. Auch die Anwältin, die eingeladen wurde, um in rechtlichen Fragen weiterzuhelfen. Die Probleme, in denen sie die Frauen am Tisch berät, drehen sich um Familienprobleme und Ärger mit dem Jobcenter.

Die Angestellten des Vereins, typische Kreuzberger Akademikerinnen, zeigen ihr Haar: glatt oder gelockt, meist bis zur Schulter oder länger. Sie tragen Jeans, Pullover und Brille. Auf den ersten Blick kann ich zwischen türkischen und deutschen Frauen nicht unterscheiden. Eine Sozialarbeiterin erzählt, sie sei mit der Rechtsanwältin zur Schule gegangen und erstaunt, dass sie jetzt ein Kopftuch trägt.

Ayla Yilmaz, die Vorstands-Vorsitzende, kommt später. Sie trägt ein buntes Sommerkleid und ein herzliches Lachen. An ihren Ohren glitzern Steine im rötlichen Ton ihres welligen Haares. Ich habe die Geschäftsfrau in einem Salon getroffen. Ich mochte sofort ihre herzliche, offene Art und wie sie sofort meine zwanzigjährige Tochter Selma umarmte, weil sie einen türkischen Namen trägt. Aber Selma ist auch ein jüdischer Name. Wir nannten unsere Tochter nach einer ihrer jüdischen Tanten aus Amerika. Ich glaube, dass Ayla und Selma sich sofort umarmten und den ganzen Abend lang unterhielten, lag an ihrem ähnlichen Temperament. Selma wird auf Grund ihres Namens und ihres Aussehens in Berlin oft für eine türkische Frau gehalten. Sie ist nicht sehr groß und etwas rundlich, hat volles, gelocktes Haar und ausdrucksvolle, hellbraune Augen.

Ayla zog zwei Visitenkarten aus ihrer Tasche, die ihrer eigenen Firma –sie arbeitet als Steuerberaterin- und die des Vereins Türkischer Unternehmer und Handwerker Berlins, den sie mit ihrem Mann Hüseyin gegründet hat. Hüseyin Yilmaz ist auch der Geschäftsführer von AKARSU. Die Yilmaz sind jetzt in den Fünfzigern. Sie haben sich beim Studium in Deutschland kennengelernt. Ihre Töchter sind inzwischen erwachsen.

Als ich Ayla und Hüseyin gegenüber sitze, mit einem süßen, dunklen Tee, dann stelle ich mir vor, dass es früher in Berlin viele solcher engagierten jüdischen Paare gegeben hat. Sie haben die Atmosphäre der Stadt, ihre Dynamik und ihren Witz, nachhaltig geprägt.

Sie habe nichts gegen das Kopftuch, wenn es aus religiösen Gründen getragen werde, sagt Ayla. Auch ihre Mutter habe immer ein Kopftuch getragen. Aber in den letzten Jahren bekomme es immer stärker eine politische Bedeutung, in der Türkei zum Beispiel, wo die konservative AKP regiert und Frauen sich berufliche Vorteile vom Kopftuch versprächen.

Die kleine Frau mit dem Brotsack möchte nicht, dass ich ihren Namen in mein Notizbuch schreibe, aber sie verrät mir ihr Alter: Vierunddreißig. Sie ist geschieden. Ihre Tochter ist zehn Jahre alt. Einen Beruf hat sie nicht gelernt. Sie putzt morgens in einem Café. Sie macht eine wegwerfende Geste. „Was möchtest du gern machen?“ frage ich. „Zu Hause bleiben und schlafen“, antwortet sie. Sie kichert. „Witz“, sagt sie.

Sie sagt, ihre Religion verlange, dass sie das Kopftuch trägt. „Aber es sind religiöse Frauen hier, die kein Kopftuch tragen“, sage ich. Sie zieht die Schultern hoch. „Warum du?“, bohre ich weiter. Sie weist mit der Hand in die Runde der Frauen, als delegiere sie meine Frage weiter. „Muss“, sagt sie. Unter dem Kopftuch sehe ich den lockigen Haaransatz über ihren kleinen Ohren. Sie kommt mir plötzlich bekannt vor, als wäre ich ihr schon einmal begegnet, ohne Kopftuch, beim Fußballgucken in dem Café in meiner Straße, mit einer glitzernden Spange im Haar. Ich meine nicht, dass sie es war. Ich meine, dass ich eine Frau gesehen habe, die genauso schaute, sprach und kicherte wie sie.

Einmal Westend und zurück

Berliner Zeitung

Ein einsamer Wissenschaftler, ein reinlicher Botschaftsmitarbeiter, eine enttäuschte Französin – auf der Suche nach einem WG-Zimmer in Berlin macht man jede Menge Bekanntschaften. Aber findet man auch ein Zuhause? 

Es ist in Berlin möglich, von einem Tag auf den anderen umzuziehen. Vorausgesetzt, man reist mit Handgepäck. Transportfirmen sind auf Wochen ausgebucht. Umherziehen ist ein Normalzustand der Berliner. Die Stadt bietet jederzeit teil-, voll – und nichtmöblierte Zimmer, halbe Wohnungen, Gartenlauben, auch komplette Häuser. Katzen und Hunde inklusive.

Eine Wohnung am Falkplatz, im Prenzlauer Berg. Isabelle entschuldigt sich für die DDR-Holzfolie auf den Türen, für die Wände, an denen sich die Anstriche verschiedener Zeiten überlagern, dazwischen weiße Gipsflecke. Mir gefallen die Wände. Sie erinnern mich an alte Buchseiten. Der Balkon im vierten Stock über dem Falkplatz ist überwältigend. Sonne flirrt über die staubigen Dielen und das große Pult am Fenster. Zeichnungen liegen darauf, Skizzen, Bündel weißer Federn, Muscheln, Treibholz und Korallen. Isabelle hat das Pult auf Ziegelsteine gehoben, damit die Arbeitshöhe stimmt. In ihrer Freizeit arbeitet sie hier an ihren Kunstobjekten. Sie ist groß und schlank, eine Frau in den Vierzigern in einem hellen, mit Blumen bestickten Leinenkleid. Sie läuft barfuß.

Eigentlich ist sie raus aus der Wohnung, umgezogen, nach Schöneberg, erzählt sie. Ihre dunkle Stimme klingt melancholisch. Aber sie kann sich von der Gleimstraße noch nicht trennen. Deswegen lasse sie einige Dinge hier. Drei Umzugskisten mit der roten Aufschrift „EBAY“ sind an der Wand aufgestapelt, daneben ein halbes Bücherregal, ein Ofenrohr und ein Buddha aus Holz. Gelegentlich käme sie vorbei, um an ihren Objekten zu arbeiten. Ob mich das stört? Keineswegs. Das Unentschiedene ihrer Wohnung gefällt mir. Es entspricht meiner emotionalen Lage.

Bevor Isabelle zur Nachtschicht in das Archiv eines Fernsehsenders fährt, richten wir uns auf dem Balkon ein. Der Plastiksessel mit dem Schaffell darin passt gerade zwischen die Pflanztöpfe. Magere Halme und Kakteen mit festen Stacheln ragen aus den Töpfen empor. Zwischen den geschwungenen Füßen zweier Terrakotta-Töpfe liegt ein Tierschädel.

Isabelle erzählt von ihrer WG in Schöneberg. In den Achtzigerjahren hat sich schon einmal dort gelebt, in ihrer Zeit als Punk. Sie will wieder politisch aktiver werden, sucht Gleichgesinnte. Aber sie ist enttäuscht. Das Gemeinschaftsgefühl sei nicht mehr dasselbe wie früher. Sie denkt darüber nach, nach Frankreich zurück zu gehen. Sie habe sich in Berlin eh immer fremd gefühlt. Die Staaten wären auch eine Option.

Ich lebe in einer Wohnung am Rosa-Luxemburg-Platz, in einem Haus, dessen Tür ich in den nächsten Wochen hin und wieder öffnen werde, um meine Post aus dem Briefkasten zu nehmen, mit klopfendem Herzen, weil es sein könnte, dass ich auf der Treppe dem Mann begegne, den ich eigentlich noch liebe.

Isabelle fürchtet, die Wohnung bald aufgeben zu müssen, weil die Miete erhöht wird. Ein, zwei Monate reichen mir. Solange wird es dauern, bis ich ein neues Zuhause und einen freien Termin bei einer Transportfirma gefunden habe.

Ich suche in der ganzen Stadt. Manchmal will ich nur wissen, wie es anderswo ist. Zum Beispiel in Westend in Charlottenburg: Die Fassade ist trist, das Treppenhaus dunkel. Ich steige auf einem gepflegten Teppich hinauf in den zweiten Stock. Es ist so still, als wäre das Haus verlassen. Der Wissenschaftler, ein drahtiger Mann in den Fünfzigern, führt mich durch verwinkelte hundert Quadratmeter. Das freie Zimmer hat einen steinernen Balkon nach Westen. Im Arbeitszimmer liegen Zeitschriften über erneuerbare Energien auf dem Fußboden. Der Wissenschaftler arbeitet über die sozialen Aspekte ökologischer Entwicklungen. Über den Ostbalkon betreten wir die Küche mit Möbeln aus den Fünfzigerjahren. Einbauschränke im Flur. Genügend Platz. Der zweite Mitbewohner, ein Maler, ist nicht zu Hause. Die gläserne Schiebetür zum Teesalon ist von innen mit seinen Leinwänden zugestellt. Ich frage den Wissenschaftler nicht, wie lange er schon hier lebt, ob er eine Familie hat, Kinder, warum seine Frau nicht mehr da ist und ob er die große Wohnung einige Jahre allein unterhalten konnte, als er noch eine gut bezahlte Arbeit hatte und wie lange es schon anders ist. Ich möchte ihm nicht zu nahe treten. Als errate er meine Fragen, legt er häufig den Finger auf die Lippen, während ich mir einen Raum anschaue und sagt mit gesenktem Kopf leise „ja“. Dann wieder spricht er mit kindlicher Begeisterung von den Radwegen in den nahen Grunewald.

Herr Hosokawa kündigt in seiner Annonce einen großzügigen Dachgarten im Wedding an. Ich klettere auf einem abgetretenen Kokosläufer hinauf in den fünften Stock. Der Dachgarten ist eher ein großer Balkon, die Pflanzen prächtig. Der Blick geht in die Wohnungen im Hinterhaus und über die Dächer. Hinter einer Reihe Satellitenschüsseln ragt der Fernsehturm empor. Herr Hosokawa serviert grünen Tee in dunklen Keramikschalen. Seinem Untermieter hat er gekündigt, weil er zuviel raucht. Doch zu diesen unangenehmen Dingen kommt er später. Beim Tee erfahre ich, dass er als Mitarbeiter der japanischen Botschaft in der DDR zwischen Ost- und Westberlin hin und her fahren durfte und seiner DDR-Frau und den Kindern alles im Westen kaufen konnte, was immer sie sich wünschten. „Eine schöne Zeit“, sagt Herr Hosokawa wehmütig. Nach Wende und Ehescheidung baute er einen Vertrieb für japanische Waren auf: Zehensocken, Bento-Boxen, Teezubehör…alles, was unter Japan-Fans gefragt ist. Die Finanzkrise ruinierte zuerst seine japanischen Geschäftspartner, dann ihn.

Plötzlich sehne ich mich nach Hause in den Prenzlauer Berg, wo ich die meiste Zeit meines Lebens gewohnt habe. Alle meine Freunde leben dort. Meine ganze Familie. Was auch immer über diesen Bezirk geredet und geschrieben wird, dass er nur noch schick ist und die Spekulanten keinen Raum mehr für Rentner und Arbeitslose lassen; es ist wahr, die Mieten sind meist unverschämt, dennoch leben viele Hartz-IV-Empfänger im Prenzlauer Berg. Sie haben allerdings jede Menge zu tun. Auch die Künstler sind noch da. Und die Rentner sehen hier eben nicht aus wie alte Leute. Sie alle kämpfen um ihr Bleiberecht.

Herr Hosokawa holt Desinfektionsmittel aus dem Bad. Der Teppich im Flur ist durchgetreten, die Tapeten vergilbt. Der Untermieter sitzt auf dem Sofa im Flur, ein junger Mann mit dichten, dunklen Haaren. Er trägt eine schwarze Lederjacke. Die Hände liegen nebeneinander im Schoß, als erwarte er, dass man ihn in Handschellen abführt. Er beobachtet uns wütend mit gesenktem Kopf. Herr Hosokawa sprüht Desinfektionsmittel auf die Klinke, bevor er das Zimmer öffnet und weist mich an, nichts zu berühren. Eine Matratze liegt unter dem Fenster. Kleidungsstücke sind auf dem Boden verstreut. Es stinkt.

Paula und Thomas wohnen jetzt in ihrem Haus in Mecklenburg. Eigentlich. Die Wohnung am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg möchten sie aber nicht aufgeben. Es gäbe auch noch berufliche Verbindungen in die Stadt, die erfordern, dass sie gelegentlich  hier übernachten. Und die Kinder würden hin und wieder ihre alten Freunde in der Großstadt besuchen wollen. Ob uns das stört? Paula ist Kinderbuchautorin, Thomas ein IT-Spezialist. Wir sitzen in der geräumigen Küche, Paula und Thomas, Dilek, meine zukünftige Mitbewohnerin und ich. Alles ist vertraut: Die hohen Räume. Der Kinderlärm vom Platz vor dem Haus. Ringsum Läden, die sich nicht zwischen Café, Spielplatz, Second Hand und Bar entscheiden können.

Ich habe ein neues Zuhause gefunden. Nach zwei Monaten. Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, ich sei eine Prenzlauer-Berg-Chauvinistin. Immerhin habe ich auch im Wedding gesucht. Und um Haaresbreite wäre ich nach Westend gezogen.

An einem warmen Septemberabend im Hof erzähle ich meiner Mitbewohnerin Dilek von meiner WG-Suche. Ich halte den Kalender neben das Teelicht, um die Namen und Adressen noch einmal zu lesen. Wie eine Abenteurerin nach der Heimkehr die Stationen ihrer Weltreise auf der Karte absteckt. Ich möchte Dilek eine Ahnung von der Größe dieser Stadt geben. Sie ist Rechtsanwältin, Anfang vierzig und von Neuss nach Berlin gezogen, um noch einmal richtig durchzustarten. Dilek ist begeistert von Berlin und erstaunt, weil in unserem Haus so viele Künstler leben, die zwei Frauen zum Beispiel, die sich später mit einer Flasche Wein zu uns setzen und beraten, wie sie mit selbst gebackenen Keksen in den Feinkostgeschäften ringsum ihr Hartz IV aufbessern können. Sie haben Kostproben mitgebracht. Kastanien-Plätzchen. Ich nehme eins und freue mich, dass ich wieder da bin.

Das zerrissene Netz

Berliner Zeitung

Das ist die Geschichte zu einer Annonce, die ich in der Zweiten Hand fand: Imbissverkäuferin, Frau 47 z. Zt. im offenen Vollzug, sucht Job als Imbissverkäuferin Erfahrung Schicht kein Problem nur Festeinstellung.

Nach der Anhörung ruft sie ihre Tochter an. Sie sagt, dass es ein guter Richter war, dass nur drei Prozent aller Strafgefangenen in Berlin die Hälfte der Haft erlassen bekommen. Sie sagt: „Ich hab dich lieb“, und küsst ins Telefon. Ihre Tochter ist sechsundzwanzig Jahre alt. Ihre fünf Kinder sind alle erwachsen. Sie werden zusammen feiern. Sie werden reden, essen und Spiele machen, wie zu Weihnachten und den Geburtstagen.

Sie haben viel durchgemacht, die Kinder und sie. Das schweißt zusammen. Jetzt hat sie auch einen Lebensgefährten, der sie respektiert. Die Familie ist ihr Netz. Sabine Lemke steht im Garten der Haftanstalt Ollenhauer Straße. Sie blickt hinauf in den klaren Himmel. Sie ist frei, aber sie fühlt sich erschöpft.

Es gab Situationen, da trug das Familien-Netz nicht, Momente, in denen sie niemanden anrufen konnte. Für diesen Fall haben gut ausgerüstete Menschen noch ein Reserve-Netz im Kopf. Sie nicht. Sie sackt dann in sich zusammen, stürzt ab, kann nicht weiter blicken als bis zur Glut ihrer Zigarette, die großen, blauen Augen tief unter den Brauen versunken. Ihre mütterliche Stimme, das „Ich hab dich lieb“, und ihr Humor – weg. Man erkennt sie kaum wieder.

So war es während der Haftzeit, als sie ihren Job im Call-Center verloren hatte, nicht mehr raus durfte und den ganzen Tag in ihrer Zelle hockte und die Angst wuchs, das mit der vorzeitigen Entlassung könne nichts werden. Sie mochte das Call-Center nicht besonders. Den ganzen Tag Lotto-Scheine verkaufen, an die dreihundert Anrufe pro Tag. Egal. Hauptsache raus. Abends mit ihrem Freund kochen, auf dem Sofa sitzen und fernsehen. Erst um Mitternacht musste sie wieder rein. Manchmal hat die Pförtnerin sie aufgefordert, ins Röhrchen zu pusten, weil sie nach Knoblauch roch und weil Häftlinge, die nach Knoblauch riechen, Alkohol vertuschen wollen. Menschen mit Reserve-Netz halten so eine Verdächtigung aus. Aber sie stürzte ins Bodenlose. So tief beleidigte sie der Verdacht, getrunken zu haben, ausgerechnet sie, die sich mustergültig an alle Regeln hielt. Die sowieso nicht hierher gehörte.

Ein eigenes Restaurant hat sie führen wollen, nachdem sie viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet hatte. Das war 2005. Sie fand ein günstiges Angebot zur Miete. Nachdem der Mietvertrag unterschrieben und sie das Restaurant eröffnet hatte, stellte eine Hygiene-Kommission fest, dass in der Küche eine Zugbelüftungsanlage fehlte. Eine neue hätte vierzehntausend Euro gekostet, Geld, das sie nicht hatte. Ohne war sie gezwungen, die Küche zu schließen. Sie ließ sich vom Vermieter überreden, nicht zu kündigen. Ein laufendes Restaurant ließe sich besser vermieten als ein geschlossenes, argumentierte er. Aber ohne Küche lief nichts. Die Mietschulden wuchsen. Eigentlich wäre der Vermieter verpflichtet gewesen, die Anlage zu bezahlen, denn sie hatte ja ein Restaurant mit funktionstüchtiger Küche gemietet. Als ihre Schulden  verhandelt wurden, war es zu spät, diesen Anspruch geltend zu machen. Wegen Mietschulden kommt niemand ins Gefängnis. Aber Sabine Lemke war auf Bewährung vorbestraft.

Es ist nach der einjährigen Haft der erste Tag draußen und er fühlt sich für Sabine Lemke noch seltsam an, als sie die leere Wohnung ihres Freundes betritt. „Man muss sich erst wieder daran gewöhnen“, sagt sie. Sie ist nervös, von einer Unrast, die nicht in diesen schweren Körper passt. Zwanzig Kilo hat sie in einem Jahr zugenommen. Sie will sich den Magen verkleinern lassen, die Knast-Pfunde verlieren. Es ist das erste, das sie sich für draußen vorgenommen hat.

Mit der Vorstrafe, das ist eine längere Geschichte. Angefangen hatte die Sache, sagt Sabine Lemke, als ihre kleine Tochter plötzlich nicht mehr essen wollte und ihr Sohn fragte, warum er denn immer zu Papa ins Bett müsse. Als ein Kinderpsychologe ihre Vermutung bestätigte, dass ihr zweiter Mann die Kinder aus ihrer ersten Ehe missbrauchte, packte Sabine Lemke die wichtigsten Sachen in eine Tasche, nahm ihre Kinder und floh. „Die erste Wohnung war ein Loch, aber meine Kinder waren so glücklich. Die sind richtig aufgeblüht“, erzählt sie.

Ihr Mann fand heraus, wo sie sich mit den Kindern aufhielt, stellte ihnen nach. Sie flüchtete weiter. In die nächste Wohnung. Stammgäste der Kneipe, in der sie arbeitete, transportierten die notwendigsten Dinge. Die Möbel ließ sie zurück, bestellte in der nächsten Wohnung neue. So ging das immer weiter. Mehrmals zog sie um, ließ die Möbel zurück, bestellte neue. Bezahlt hat sie nie. Drei Versandhäuser verklagten sie auf Betrug.

Damals ermunterte sie eine Bewährungshelferin, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, auch die Dinge aus ihrer Kindheit.
Die  Sache mit dem Vater zum Beispiel. Sabine Lemke nennt ihn nur ihren „Erzeuger“. Er hatte versucht, Sabines Mutter mit einem Beil zu töten. Da war Sabine acht Jahre alt.

Sie wuchs dann mit einem Stiefvater auf. Am Abend des 7. Januar 1976, es war 21 Uhr, schickte er die Fünfzehnjährige ins Bett und sagte, er werde noch mit der Mutter ausgehen. „Wenn ich könnte, würde ich die Zeit bis zu diesem Abend zurückdrehen“, sagt Sabine Lemke. „Ich wäre nicht ins Bett gegangen. Ich wäre ihnen nachgeschlichen. Ich hätte meine Mutter gerettet.“

Die Mutter wurde auf den S-Bahn-Gleisen zwischen Oberspree und Schöneweide von einem Zug erfasst und getötet. Wie ein Kaninchen habe sie auf den Gleisen gehockt, berichtete der Fahrer des Zuges nach dem Vorfall. Sabine Lemke ist überzeugt davon, dass ihr Stiefvater die Mutter auf die S-Bahn-Gleise getrieben hat. Aber er gilt als Unfall.

Sabine lief von zu Hause fort. Sie versteckte sich tage- und wochenlang bei Freunden. Sie ging nicht mehr zur Schule. Als sie das erste Mal schwanger wurde, da war sie 16, nahm die Großmutter sie auf.

Als dann der Vater aus dem Gefängnis kam, war sie achtzehn. Sie empfing ihn in der Wohnung, die sie mit für ihn eingerichtet hatte. Er versuchte, sie zu vergewaltigen.

In dem Lebensbericht, den ihr die Bewährungshelferin empfohlen hatte, schrieb sie die Namen einiger Personen nicht aus, setzte sie lediglich in Initialen. Namen aus ihrer Kindheit, die sie nie mehr nennen wollte. Die Namen ihrer Geschwister hat sie in voller Länge geschrieben. Sie erzählt von Uwe, der sich mit achtzehn Jahren umgebracht hat und in seinem Abschiedsbrief darum bat, neben der Mutter beerdigt zu werden. Sie erzählt von Andrea, Achim und Frank. Durch Adoption und Kinderheim waren sie voneinander getrennt worden, als die Mutter lange Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Sabine Lemke hat nach allen gesucht und sie wieder gefunden. Im letzten Sommer war Frank bei ihr aufgetaucht. Nach 39 Jahren. Wie ein Zeichen, dass nun alles gut wird, jetzt, da sie wieder eine vollständige Familie sind.

Sabine Lemke tritt auf den Balkon und nimmt eine selbstgerollte Zigarette aus dem Kästchen, in der sie den Vorrat aufbewahrt. „Diese Frau hat gemacht, dass man im Kopf wieder klar kam“, sagt sie über die Bewährungshelferin. Ihren Namen weiß sie noch: Frau Dorschjäger. „Wäre sie damals bei der Verhandlung über die Mitschulden da gewesen, ich wäre nicht ins Gefängnis gekommen.“

Aber sie sei nicht unglücklich. Sie vergleiche sich nicht mit anderen, die es leichter hatten. Sicher, wenn die Sache mit ihrer Mutter nicht passiert wäre, hätte sie die Schule beendet, eine Ausbildung gemacht wie die anderen. Sie sei ja eine sehr gute Schülerin gewesen. Ihr Klassenlehrer habe sie adoptieren wollen, sagt sie, aber sie habe die Nase voll gehabt von Stiefvätern. Ihre eigene Familie habe sie gründen wollen.

Sabine Lemke drückt die Zigarette aus, bleibt noch draußen auf dem Balkon, im Lärm der Stadt. Sie ist jetzt siebenundvierzig Jahre alt. Sie möchte einen Kiosk führen, mit Stammkunden, die ihre Geschichten erzählen, während sie ihren Kaffee trinken. Ein Kioskbesitzer aus Neukölln hat sich auf ihre Annonce gemeldet. Sie muss ihn anrufen.

Der Amateur

Berliner Zeitung

Dies ist die Geschichte zu einer Annonce, die ich in Zitty fand: Amateurdarsteller/innen gesucht für Poesiekunstfilme. Keine Gage, interessante Mitarbeit und Spass. Harald

Zur Filmvorführung in die Z-Bar sind einige junge Frauen und zwei ältere Männer gekommen. Die jungen Frauen haben in dem Film mitgespielt. Die Männer sind langjährige Beobachter der Filmprojekte des 74jährigen Künstlers Harald Budde. Sie verpassen keine seiner Aufführungen.

Harald Budde trägt eine karierte Schirmmütze, die er den ganzen Abend nicht absetzen wird. Darunter fließt sein gutmütiges Gesicht auseinander. Er raucht eine Zigarre. Der Künstler und sein Publikum haben sich um den hintersten Tisch der Bar versammelt. Budde behält die Eingangstür im Auge. Ein paar Minuten möchte er noch warten. Drei Stunden wird sein neuester Film dauern. Das ist die übliche Länge. Eine Pause ist nach dem zweiten Rollenwechsel vorgesehen. In keiner Zeitung, auch nicht auf der Website der Z-Bar, wird das Ereignis angekündigt. Das ist Teil von Buddes Konzept. Er hält ein Streichholz unter seine erloschenen Zigarre. Die Spitze blakt. Er saugt. Rauchwölkchen steigen ihm ins Gesicht. Als das Zündholz abgebrannt ist, geht auch die Zigarre wieder aus. „Tolstoi hat gesagt: Wenn man mit seiner Kunst auch nur eine Person tief berührt, hat man alles erreicht.“

Harald Budde ist Amateur. Als junger Mann begann er mit der Kamera zu experimentieren. Er schrieb Drehbücher und Dramen und fiel früh durch seine Begabung auf. Doch Zeit seines Lebens hat er jegliche Professionalisierung seiner Kunst vermieden. Er wird nicht müde, Universitäten und Akademien als Verstümmelungs-Anstalten der Individualität und Originalität anzuprangern. Die Frauen, mit denen er arbeitet, und von denen seine Filme handeln, kennt er seit vielen Jahren. Es sind Frauen, wie man sie täglich auf der Straße sieht, Frauen, deren Schönheit ins Auge fällt und andere, deren Schönheit sich erst aufschließt, wenn man sie wie in Buddes Filmen, lange betrachten darf. Sie tanzen. Sie zerpflücken Blüten. Sie schwenken Zimmerlampen vorm Balkon. Sie sitzen auf einem Sofa.

Es kommen immer neue Frauen dazu. Budde braucht Nachschub. Jeden Monat produziert er drei Stunden Film. Konsequent. Eigentlich suche er händeringend auch Männer, obwohl ihm die Arbeit mit Männern schwerer falle, weil Männer nicht einfach so spielen könnten wie Frauen. Immer versuchten sie, etwas darzustellen, aber darum ginge es in seinen Filmen eben nicht.

Doch es melden sich eh wieder nur Frauen auf seine Annonce, unternehmungslustige, neugierige Frauen und Frauen wie Lucile, die spielen möchten, so oft sich die Gelegenheit ergibt. Die dreiundzwanzigjährige Lucile kommt aus Aix-en-Provence und lebt jetzt seit anderthalb Jahren in Berlin. Den Bachelor für Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und französische Philologie hat sie in der Tasche.

Schon in Aix-en-Provence hat sie neben dem Studium am städtischen Theater gespielt. Die Theaterprojekte haben sie so in Anspruch genommen, dass sie das Studium am liebsten abgebrochen hätte, aber die Eltern waren dagegen. Sie hat es eingesehen. Es ist wichtig, wenigstens einen Abschluss in der Tasche zu haben, findet sie. Nun ist ihr klar geworden, dass das Spielen das Wichtigste in ihrem Leben ist. Jetzt ist es fast zu spät. An der Universität der Künste sagte man ihr, dass sie für die Ausbildung schon zu alt sei.

Lucile wärmt ihre Hände an einem Teeglas. Sie trägt große, silberne Ohrringe, so leicht, dass sie sich immer wieder in dem schulterlangen Haar verheddern. Heute Abend sieht sie das erste Mal einen Film von Budde.

Nach dem Film ist ihr klar, dass sie unbedingt mit ihm drehen möchte. Sie schwärmt von der Poesie dieser Bilder, dem anderen, behutsamen Blick auf die Frauen.  Wenige Tage später besucht sie den Filmemacher.

Harald Budde lebt mit seinen Puppen Mirabelle und Jasmin2 in einer winzigen Wohnung am Görlitzer Park. Auf dem Arbeitstisch am Fenster stapeln sich die Päckchen der Super-8-Filme neben einem Projektor, dessen Monitor nicht größer als eine Lese-Lupe ist. Damit sichtet Budde das Material und schneidet. Regale und Tische sind überfüllt mit grauen Filmrollen und Plastiktüten, in denen er die Filme nach Darstellerinnen sortiert hat. In der Mitte des Raumes häufen sich Dinge, die er irgendwo fand und ihrer Poesie wegen mit nach Hause nahm. Seine große Liebe, Jasmin2, die Puppe mit dem hängenden Augenlid, die in jedem seiner Filme mitspielt, rettete er aus einem Müllcontainer. Schon als kleiner Junge hat er mit Puppen gespielt, die Puppen auch mit in die Schule genommen. Damals in der Nazizeit fand das keiner niedlich.

Budde führt Lucile durch sein Atelier. Er zeigt es gern. Er findet, dass es die Radikalität seines Lebens unterstreicht. Was immer er tat, er tat es niemals des Geldes wegen. Jahrelang lebte er von Arbeitslosengeld, nun von einer kleinen Rente. Er holt die Kamera aus dem Küchenschrank, setzt die karierte Mütze auf und beginnt sofort im Treppenhaus  zu drehen. Lucile ist nicht darauf vorbereitet. Eigentlich ist ihr ein Anfang, auf den man sich wie im Theater vorbereiten kann, lieber.

In den Filmen von Harald Budde wird nicht gesprochen. Lucile kann einfach spielen. Sie treten auf die breite, belebte Straße. Lucile hat sich während der Filmvorführung in der Z-Bar gefragt, was Budde wohl für Regieanweisungen gibt. Gar keine. Sein Konzept sieht absolut authentische Filme vor. Er sagt nur: „Tu, was du willst. Spiele.“ Lucile, die bereits Hauptrollen im Theater hatte, steht auf der Straße zwischen all den Leuten und weiß nicht, wie man das macht: Spielen. „Tanze“, schlägt Budde vor. Lucile versucht zu tanzen. „Ich habe nicht die richtigen Schuhe an“, sagt sie. Sie findet Schuhe sehr wichtig für einen Schauspieler. „Er wechselt die Schuhe, bevor er die Bühne betritt. Das ist für ihn eine wichtige Handlung.“ Budde zieht einen roten Schleier aus seiner Anoraktasche, doch das ist Lucile zu konventionell. Schließlich entdeckt sie auf der anderen Straßenseite eine Mauer mit Graffiti.

Lucile tanzt vor der Wand mit den Graffitis. Sie fühlt sich plötzlich ganz leicht. Sie spielt. Sie nimmt die Passanten wahr, die vorüber gehen, aber sie stören sie nicht. Die Befangenheit ist vorüber. Sie berührt die Wand, schmiegt sich daran. Sie spielt wie als Kind in der Provence, als sie jeden Nachmittag etwas Neues erschuf, ein Theater aus einem Schuhkarton, Marionetten, und sie ihrem Zimmer jede Woche neue Namen gab, es immer wieder neu gestaltete und die Mutter manchmal genervt davon war.

Harald Budde ist von der letzten Szene begeistert. Trotzdem: Lucile entspricht nicht ganz seinem Anspruch. Sie ist keine Amateurin mehr. „Es ist schwierig mit ihr“, sagt er nach den Dreharbeiten. „Man merkt, dass sie in einer Theatergruppe spielt. Wahrscheinlich ist sie schon an Regieanweisungen gewöhnt.“

Wie ist es für ihn, mit so vielen attraktiven Frauen zusammen zu arbeiten, sie in Situationen zu führen, in denen sie sich preisgeben? „Ich bin froh, beim Drehen in einer Distanz zu sein, ich bin sehr misstrauisch. Ich habe viel erlebt. Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, sind Borderlinerinnen.“ Woher er das wisse? „Ich spüre das.“

Außerdem seien seine Puppen Mirabelle und Jasmin2 sehr eifersüchtig. Jedes Mal, wenn er von einem Dreh nach Hause kommt, sagt er deshalb: Keine Gefahr. Nur einmal sei Gefahr im Verzug gewesen. Das habe er seinen Puppen auch gestanden.

Am 6. und 30. April, jeweils um 21:00 Uhr läuft sein neuester Film „Romantica Nostalgica oder: Warten auf Cocteau“ in der Z-Bar. Darin wird auch Lucile zu sehen sein.

Berliner Notiz-Blog 16. Februar 2009

Er habe die Jahre in Berlin zwischen Ober – und Unterkiefer verbracht, erzählt der pensionierte Zahnarzt Anatol Gotfryd nach seiner Lesung im Jüdischen Kulturverein. So meisterhaft er seine Biographie „Der Himmel in den Pfützen“ – ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm, schrieb, trägt er nun noch einige Anekdoten seines Lebens vor. Mit diesem verschmitzten Lächeln. Bei den gediegenen Veranstaltungen des Vereins im Centrum Judaicum herrscht eine familiäre Atmosphäre. Die Zuhörer: Überlebende, deren Kinder, Freunde des Vereins und immer mehr solche, die den Verein in den letzten Jahren entdeckten. Er bleibt ein Geheimtipp. Ob man mit ihm denn jiddisch sprechen könne, fragt eine der ältesten Zuhörerinnen den Autor. Gotfryd schüttelt den Kopf. Zu lange liegt seine Kindheit zurück, zu früh musste er sie verlassen. Heute ist er 78 Jahre alt.