Kathrins Notiz-Blog 20. Juli 12

© Illustration Liane Heinze

Leon und ich, wir sind beide überzeugt von der Macht und dem Karma der Dinge. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Macht der Dinge, aber Leon scheut sich, gebrauchte Möbel zu kaufen, schon gar keine Polstermöbel, die mit den Energien fremder Orgasmen und Streitigkeiten aufgeladen sind. Aus Respekt vor Leon und dem Geheimnis, das uns verbindet, schlafe ich mit Kolja niemals in unserem Bett. Continue reading

Kathrins Notiz-Blog 10. April 12

© Illustration Liane Heinze

Wir besuchten Koljas Mutter an einem der ersten Frühlingstage. Die Luft war aus Silber. Silbern waren auch der See und das Gras, das sich vom Winter erholte.
Koljas Mutter hatte sich über meinen Anruf gefreut. Ich hatte ihr gesagt, dass ich mal wieder in der Gegend sei und gern vorbeikommen würde, diesmal mit meiner Tochter Jolanda.

Sie gab Jolanda die Hand und wie immer lag in ihrem „Guten Tag!“ eine besondere Aufmerksamkeit, ein Signal ihres Interesses, zurückhaltend, aber erwartungsvoll. Schon in ihrem Gruß lag der Anspruch, in ihrem kleinen Haus kein Vorurteil und keinen Allgemeinplatz zuzulassen, keine Banalität. Sie war in dieser Hinsicht streng. Jolanda versuchte, sich an diesem Gruß vorbei zu mogeln.

In der Ecke mit dem Sofa und den Büchern war der Kaffeetisch gedeckt. Koljas Mutter fragte, ob wir öfter zusammen einen Ausflug machten. „Niemals“, sagt Jolanda. „Ist die ultimative Ausnahme.“ Koljas Mutter schaute amüsiert auf. „Da muss ja was Schlimmes passiert sein.“

„Wir sind gerade beide allein“, sagte Jolanda, warf sich schwungvoll auf das Sofa und ließ ihren Kopf nach hinten ins Polster fallen.

„Wunderbar“, sagte Koljas Mutter.

„Finde ich überhaupt nicht“, sagte Jolanda. „Es ist das Schlimmste, was passieren kann, so schlimm, dass man mit seiner Mutter aufs Land fährt.“

Koljas Mutter lachte. Sie stand noch immer, mit der Kaffeekanne in der Hand, in der Bewegung gefroren, hingerissen davon, wie Jolanda sich ihren Raum nahm. „Das ist ja ein Drama! Und ich dachte, es wäre gar nicht mehr möglich, allein zu sein, heute, wo alle mailen und twittern und skypen.“

„Dieser technische Kram ersetzt keinesfalls das Zusammenleben“, sagte Jolanda. „Ich muss trotzdem allein einkaufen gehen. Schon das ist schrecklich.“

„Ich gehe viel lieber allein einkaufen“, warf ich ein, aber im selben Moment wurde mir klar, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Eigentlich ging ich gern mit Leon einkaufen. Als wir uns kennengelernt hatten, waren unsere Spaziergänge oft zu Shoppingtouren geworden. Wir hatten uns komplett neu eingekleidet. Im letzten halben Jahr war Leon oft allein einkaufen gegangen. Er brauchte mich nicht mehr. Und wenn ich neue Schuhe kaufte, versteckte ich sie vor ihm, weil ich keine Lust auf sein Grinsen hatte, wenn er sagte, dass Madame ja doch noch ein paar Groschen übrig hat. Natürlich, irgendwann kam der Kommentar, wenn ich die Schuhe zum ersten Mal trug. Meine neue Seidenwäsche war ihm neulich nicht einmal aufgefallen. Besser so. Ich wollte mir nicht den Spaß durch seine Groschen-Kommentare verderben lassen.

Koljas Mutter hatte inzwischen Kaffee eingegossen und uns jedem ein Stück Kuchen auf den Teller gelegt. Es gab sogar Schlagsahne. Ich legte die Schlagsahne auf den Kaffee. Es war einfach wunderbar, wieder auf diesem alten Sofa zu sitzen, ob mit dem Kopf in den Polstern oder mit angezogenen Beinen – hier war es erlaubt. „Man muss lernen, mit der Einsamkeit zu leben“, sagte sie. „Das ist ein schwieriger Prozess.“ Sie erzählte, wie sie es gelernt hatte, als sie für ihr Studium in eine kleine Stadt gegangen war und ihr Freund in Berlin geblieben war. „Als ich auf mich selbst zurückgeworfen war, habe ich mich entdeckt. In diesen zwei Jahren ist mir klar geworden, was ich wirklich machen möchte. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich würde eines Tages eine Wissenschaftlerin sein, aber nun entdeckte ich das Theaterspielen. Als ich nach Berlin zurückkam, bewarb mich an der Schauspielschule. Mein Freund schlich sich davon. Ich hatte mich in dieser Zeit weiter entwickelt. Er konnte mir nicht folgen. Glaub mir, das wäre niemals passiert, wenn ich immer mit ihm zusammen gehockt hätte.“

„Ich habe Angst davor, mich selbst zu entdecken“, sagte Jolanda.

„Du brauchst Mut dazu“, sagte Koljas Mutter. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ihre Hand lag schon wieder auf dem gewölbten Deckel der blau-weißen Kanne.

Seit einigen Tagen, seit Leon wieder in Verviers war, rief er nicht mehr jeden Abend an. Wenn ich ihn anrief, klang seine Stimme von weiter her als sonst. Er gab sich gleichgültig. Es lag sogar eine Spur Arroganz in seinem Ton.

„Was habe ich davon, zu entdecken, dass ich doch keine Kriminalistin werden möchte, sondern, sagen wir: Zirkusclown. Arbeitslos werde ich so oder so sein.“

Koljas Mutter schaute sie lange an. Ihr Blick spiegelte Jolandas Bedenken. „Ihr habt ganz andere Probleme als wir damals“, sagte sie. „Ich verstehe dich“, sagte sie.

Nach dem Kaffeetrinken ließ ich die beiden allein und ging am See spazieren. Ich fand ein Boot, das, noch im Winterschlaf, umgekippt am Ufer lag. Ich rief Leon an. Seltsam, seit er sich zurückgezogen hatte, war mir klar geworden, wie sehr ich ihn liebte. Er meldete sich aus seinem Hotelzimmer. Er klang einsam. Wieder lag diese Distinktion in seiner Stimme. Ich versuchte, über alle Bedenken hinweg zu gehen, beschrieb ihm den See und die Uferlandschaft, das Licht und den Bootsrumpf, auf dem ich hockte. Ich hätte ihm gern von Koljas Mutter und Jolanda erzählt. „Du fehlst mir“, sagte ich. Er erwiderte nichts. Mir stockte der Atem. Ich wagte nicht, weiter zu fragen. Aus den Fragen, die ich nicht zu stellen wagte, konnte er schließen, dass ich verstanden hatte: Er wusste von Kolja und mir.

Ich legte auf, blickte über das Wasser, hinüber zu dem Wald, der noch grau war und spürte, dass ich den See und die Bäume, den Sandstrand und das welke Schilf, dass ich alles verloren hatte.

Kathrins Notiz-Blog 18. Januar 12

© Illustration Liane Heinze

Vor ein paar Tagen ist Leon wieder nach Amsterdam gefahren. Es kommt mir vor, als würde ich ihn abstoßen wie eine enge, alte Haut.

Jetzt breite ich mich in der beruhigten, warmen Wohnung im grünen Schatten unseres Wandschirms auf dem Bett aus und schaue in die Sonnenflecken auf den Dielen. Ich rufe Kolja an. Er meldet sich aus dem Büro. Wir wünschen uns ein gutes Jahr. Ich wünsche seiner ganzen Familie ein gutes Jahr und erschrecke über die Selbstverständlichkeit, mit der mir dieser konventionelle Gruß über die Lippen kommt. Ich habe Kolja nie nach seiner Frau gefragt. Seine Frau interessiert mich nicht. Aber als ich meinen Worten nachlausche, spüre ich, dass sie ehrlich gemeint sind. Ich möchte sie nicht verdrängen, die Mutter-Vater-Kind-Ordnung, in der Kolja lebt, niemals zerstören. Ich bin nicht einmal eifersüchtig, nur etwas neidisch, nicht auf seine Frau, aber auf Kolja.

„Wie bist du ins neue Jahr gekommen?“ frage ich.

„Zum Gähnen langweilig. Wir hätten uns treffen sollen.“ Er lacht. Dieses übermütige Lachen stört mich.

„Was machst du gerade?“, fragt er.

„Nichts.“

„Komm doch vorbei!“

„Ich komme nur, wenn du Arbeit für mich hast“, sage ich.

„Ach so läuft das jetzt?“

„Ich brauche deine Hilfe. Ich will etwas Geld verdienen, um unabhängiger von Leon zu sein.“

Er macht ein anerkennendes Geräusch.

„Kann ich auf dich zählen?“

„Natürlich“, sagt er. Seine Zusage beruhigt mich auf der Stelle. Ich weiß jetzt, dass mir nichts Schlimmes passieren kann und schäme mich ein bisschen dafür, dass ich so kleinlich war, zu glauben, er könnte mich wegen seiner Familie im Stich lassen.

„Ich habe wahrscheinlich etwas für dich“, sagt er. „Bin gerade am Verhandeln. Wollen wir uns treffen und darüber reden?“

„Warum nicht?“ Ich muss mich beherrschen, um nicht in Jubel auszubrechen. Mein Leben geht also weiter. Es bleibt nicht an der Garagenmauer hängen, sondern klettert darüber hinweg in den Nachbarsgarten, fliegt über die kleine Straße, anschließend die Schönhauser hinauf, direkt in Richtung Meer.

Nach dem Treffen mit Kolja muss ich Leon von meinem neuen Auftrag berichten. Ich werde mehrere Familien, die eine Baugemeinschaft gegründet haben, bei der Einrichtung beraten. Das sind Berliner Familien, die aufs Land ziehen. Im Sommer wird ihr Haus fertig. Aber Leons Telefon ist ausgeschaltet. Ich probiere es wieder und wieder. Wo ist er?

Ich blicke hinaus in die Nacht und habe das Gefühl, dass die Straße meines Lebens, die vorhin noch zum Meer führte, kurz vor dem Ziel ins Niemandsland abschweift, in ein spießiges Nest zwischen Wiesen und Feldern.

Wieso meldet er sich nicht?

Kathrins Notiz-Blog 3. Januar 2012

© Illustration Liane Heinze

Kurz vor dem Einschlafen, in der Phase zwischen Traum und Wachsein, beginnt der Lärm. Als ob ein Sack in meinem Kopf geöffnet wird und der ganze unbewältigte Kram hervorquillt. Gesprächsfetzen von dem Essen bei Jakobs Eltern am zweiten Weihnachtstag: Leon: „…Streubomben aus Ihren Spareinlagen…“ Jakobs Mutter: „…keine Alternative…“ Jolandas weist Leon barsch zurecht. Ihre Stimme hallt. Ich sehe den schmalen Esstisch mit der cremefarbenen Decke kippen, das Blümchenservice stürzt mir entgegen, die Gläser brechen. Plötzlich ist Kolja dort: „…wie lange denn noch…?“ Das Getöse reißt mich zurück ins Wachsein. Auf dieser Seite ist es ganz still. Leon atmet ruhig neben mir. Nichts ist passiert. Aber der Schlaf ist stark. Irgendwann zwingt er mich wieder durch den lauten Korridor. Was danach kommt, weiß ich nicht. Ich habe keine Erinnerung an den Schlaf, keinen Traum.

Beim Aufwachen am Morgen sind die Stimmen wieder da: Jolanda spricht schnell. Es sind andere Stimmen in dem Raum. Wahrscheinlich sind wir in einem Seminar. Leon flüstert: „…Liebling…“ Und dann ist es still. Leon flüstert: „Komm!“ Er liegt dicht an mich gedrängt, umschlingt mich mit den Armen. Wie immer. Sein Penis küsst mich vorsichtig wach. Wie jeden Morgen. Es ist gar nichts passiert. Vielleicht kompensiert mein Kopf unser Schweigen mit dem Lärm. Wir sprechen in letzter Zeit zu wenig. Aber morgens beim Sex sind wir ehrlich zueinander. Die Heilige Nacht findet keinerlei Erwähnung. War wohl nicht der Rede wert.

Kathrins Notiz-Blog 28. Dezember 11

© Illustration Liane Heinze

Von meinem Platz im Küchenfenster halte ich den schmalen Lichtstreifen im Blick, der aus der angelehnten Garagentür fällt. Ich rechne eigentlich nicht mehr damit, dass die Tür sich in den nächsten Stunden öffnen und Leon erscheinen und hoch zu mir kommen und fragen wird, ob wir zusammen etwas kochen.

Heute ist Weihnachten. Ich habe den Tisch in der Küche aufgeräumt und eine rote Kerze darauf gestellt und ein paar Walnüsse ringsherum verteilt. Es könnte losgehen. Aber Leon feiert allein unten in der Garage. Er beschert sich selbst. In den letzten Tagen sind ein paar Fahrradrahmen aus den Achtzigern mit der Post aus Amsterdam eingetroffen. Ich habe geholfen, sie nach Hause zu tragen.

Im Fenster wird es kühl. Der Wind drückt gegen die Scheibe. Meine Füße sind kalt. Sie stecken in löchrigen Wollsocken. Ich könnte etwas Neues gebrauchen. Die rote Kerze auf dem Tisch brennt ruhig. Vielleicht würde es mir nichts ausmachen, wenn ich niemandes Frau wäre. Arbeiten könnte ich an diesem Abend wahrscheinlich nicht. Weihnachten bleibt etwas Besonderes in meinem Herzen, auch wenn ich die Art, wie die meisten es begehen, ablehne.

Es geht auf sieben. Ausgerechnet der Heilige Abend ist der längste des Jahres. Für die meisten beginnt er um sechs, einige fangen schon um fünf Uhr damit an.
Neben der roten Kerze liegt schwarz und flach mein Telefon. Jolanda ist mit Jakob zu seinen Eltern gefahren. Jakob hat richtige Eltern im passenden Elternalter, so um die Fünfzig, Vater und Mutter mit guten Berufen und einer richtigen Elternwohnung, in der man sich in ein Sofa lümmeln und den Fernseher anschalten kann.

Einmal haben Leon und ich in einem Geschäft vor einem Ledersofa gestanden und ernsthaft überlegt, aber dann schienen uns andere Dinge wichtiger.

Ich wähle Koljas Nummer. Er hält die Luft an, als ich sage, dass ich ihn gern sehen würde. Einen Moment lang höre ich nur die Laute in seiner Umgebung: Ellas Plappern und die Stimme von Koljas Mutter, wie dunkler Samt, dahinter Weihnachtsmusik. Koljas Frau höre ich auch, obwohl sie elfenhaft lautlos zwischen Küche und Esstisch hin und her huscht. Dann setzt Koljas Atem wieder ein. Er lacht. Er schlägt vor, sich in zwei Stunden im Büro zu treffen.

Ich schleiche ohne ein Wort an der Garage vorbei nach draußen. Die U-Bahn ist fast leer, die Straßen rings um das Architekturbüro wie ausgestorben. Viele Fenster sind dunkel. Jeder, der heute allein ist, verlässt sein Haus und drängt mit anderen Menschen um einen Tisch. Die Stadt wird komprimiert, der Energieverbrauch um mehr als die Hälfte reduziert. Mehr Liebe – das ist die Formel der Energieeffizienz.

Das Büro im ehemaligen Heizhaus ist grell erleuchtet. Durch die kahlen Forsythienzweige sehe ich Kolja in seiner Lederjacke am Monitor sitzen.
Er schließt die Tür auf, umarmt und küsst mich. Zu euphorisch. Ich winde mich frei.

„Du bist wirklich gekommen“, sage ich. „Wieso?“

„Man kann diesen Abend nur so verbringen.“

„Wie?“

Kolja zieht mich in der Taille an sich. „Mit dir. Mit einer Frau, für die man alles aufs Spiel setzt. Ich war so glücklich, als du angerufen hast.“

Er sieht blass aus. Oder liegt das am Neonlicht? Vielleicht hat ihn sein eigener Mut erschreckt. Ich spüre sein kaum sichtbares Zittern. „Liebst du mich?“ fragt er.

Ich schüttele den Kopf. „Nein.“

„Wunderbar!“ Kolja schwingt mich im Walzerschritt bis zu seinem Schreibtisch. Er duftet nach Leder und einem frischen Parfüm. „Lass uns keine Zeit verlieren, ja?“ Er dreht mich weiter zu den Lichtschaltern, knippst sie im Vorbeitanzen aus. Es ist sehr dunkel. Hinter den Forsythien auf der anderen Hofseite leuchten einige Lichtpunkte in der Fassade, kleine Fenster, verziert mit Gardinen, Papier – und Strohsternen und Schwippbögen. Diese kleinen Fenster deprimieren mich jedesmal, wenn ich hier bin. So klein ist der Platz, den sich zwei Menschen teilen. So schnell sind sie vergessen. Wir werden ihre Geschichten niemals erfahren.

Mein Pullover sprüht beim Ausziehen Funken. Wir knistern beide. Koljas Hände lesen meine Haut wie seine Augen tags mein Gesicht lesen. Langsam werden unsere Umrisse in dem spärlichen Licht von draußen sichtbar. Koljas Zähne schimmern. Es ist seltsam, in diesem großen Raum nackt zu sein. Ich nehme Koljas Hand und lege sie auf die nackteste Stelle meines Körpers, wo kein einziges Haar mehr ist.

„Warum machst du das?“ fragt er.

„Gefällt es dir?“

Er antwortet nicht. Mit Kolja tut die Liebe nicht weh. Er ist kleiner und leichter als Leon. Er bricht nie in Schweiß aus. Er liebt mich wie er ein Buch liest. Er blättert langsam die Seiten um. Er bleibt aufmerksam und konzentriert, solange ich aufgeschlagen vor ihm liege.

Wir haben nichts in diesem Büro, nur Wasser aus der Leitung und Koljas Zigaretten. Also sitzen wir später, noch immer nackt, mit einem Glas Wasser und einer Zigarette auf dem Schreibtisch, die Füße auf der Heizung und blicken hinaus zu den Lebens-Lichtern.

„Jetzt sind alle schon fix und fertig vom Essen und Fernsehen.“ Kolja kichert. Leon, denke ich, wird irgendwann Hunger bekommen haben und rauf in die Wohnung gegangen sein. Er wird sich gewundert haben, wo ich bin. Ich habe das Telefon seinetwegen nicht ausgeschaltet. Ich möchte wissen, wann er anruft. Aber er ruft nicht an.

Zuerst hören wir Sting. „A soul cake, a soul cake, please, good misses, a soul cake, an apple, a pear, a plum or a cherry, any good thing to make us all merry, a soul cake, a soul cake….“ Wir springen umher. Später James Blake. „There is a limit to your love, like a waterfall in slow motion, like a map with no ocean….“ Ich halte Kolja, als wäre er der letzte Mensch, den ich treffe, am Ende der Welt. Gleich stürze ich vom Rand der Scheibe in das endlose Meer der Bedeutungslosigkeit. Die Computer hocken in der Dunkelheit wie stumpfe Tiere und sehen teilnahmslos meinem Ende zu. Die Lichter drüben erlöschen nach und nach. Die Leute gehen zu Bett. Wir kriechen in Koljas Schlafsack. Als wir uns endlich Ruhe geben, kann ich nicht einschlafen. Ich krieche nach draußen und suche in der Dunkelheit mein Telefon. Das Display leuchtet auf. Kein Anruf. Ich rauche noch eine Zigarette gegen den Hunger und blicke durch die große Scheibe in die Nacht, die jetzt nur noch von den Lichtern des Fernsehturms beleuchtet wird, die sich in den Wolken spiegeln.

Als ich am nächsten Tag nach Hause komme, ist der Lichtstreif aus der Garagentür genauso breit wie am Abend davor. Die Küche ist unberührt, ebenso das Bett. Ich lasse meinen Mantel im Flur fallen und gehe in den Hof, um zu schauen, ob Leon noch lebt. Von dem grauen Rasen aus höre ich Leon arbeiten. Er hat die Nacht also durch gemacht. Ich steige die Treppen wieder hinauf. Ich bin plötzlich müde. In der Badewanne presse ich mich so dicht wie möglich an den heißen Wasserstrahl. Kolja ist auf dem Weg zurück in die Märkische Schweiz, wo zwei Frauen mit einem festlichen Mittagessen auf ihn warten. Wir haben zusammen noch einen Kaffee getrunken, in dem Café vorn an der Ecke. Wir waren die einzigen Gäste.

Und Leon hat nicht einmal bemerkt, dass ich fortgegangen bin. Die Nacht hinterlässt keine Frage, nicht einmal die geringste Spur eines Zweifels.