Kathrins Notiz-Blog 18. Januar 12

© Illustration Liane Heinze

Vor ein paar Tagen ist Leon wieder nach Amsterdam gefahren. Es kommt mir vor, als würde ich ihn abstoßen wie eine enge, alte Haut.

Jetzt breite ich mich in der beruhigten, warmen Wohnung im grünen Schatten unseres Wandschirms auf dem Bett aus und schaue in die Sonnenflecken auf den Dielen. Ich rufe Kolja an. Er meldet sich aus dem Büro. Wir wünschen uns ein gutes Jahr. Ich wünsche seiner ganzen Familie ein gutes Jahr und erschrecke über die Selbstverständlichkeit, mit der mir dieser konventionelle Gruß über die Lippen kommt. Ich habe Kolja nie nach seiner Frau gefragt. Seine Frau interessiert mich nicht. Aber als ich meinen Worten nachlausche, spüre ich, dass sie ehrlich gemeint sind. Ich möchte sie nicht verdrängen, die Mutter-Vater-Kind-Ordnung, in der Kolja lebt, niemals zerstören. Ich bin nicht einmal eifersüchtig, nur etwas neidisch, nicht auf seine Frau, aber auf Kolja.

„Wie bist du ins neue Jahr gekommen?“ frage ich.

„Zum Gähnen langweilig. Wir hätten uns treffen sollen.“ Er lacht. Dieses übermütige Lachen stört mich.

„Was machst du gerade?“, fragt er.

„Nichts.“

„Komm doch vorbei!“

„Ich komme nur, wenn du Arbeit für mich hast“, sage ich.

„Ach so läuft das jetzt?“

„Ich brauche deine Hilfe. Ich will etwas Geld verdienen, um unabhängiger von Leon zu sein.“

Er macht ein anerkennendes Geräusch.

„Kann ich auf dich zählen?“

„Natürlich“, sagt er. Seine Zusage beruhigt mich auf der Stelle. Ich weiß jetzt, dass mir nichts Schlimmes passieren kann und schäme mich ein bisschen dafür, dass ich so kleinlich war, zu glauben, er könnte mich wegen seiner Familie im Stich lassen.

„Ich habe wahrscheinlich etwas für dich“, sagt er. „Bin gerade am Verhandeln. Wollen wir uns treffen und darüber reden?“

„Warum nicht?“ Ich muss mich beherrschen, um nicht in Jubel auszubrechen. Mein Leben geht also weiter. Es bleibt nicht an der Garagenmauer hängen, sondern klettert darüber hinweg in den Nachbarsgarten, fliegt über die kleine Straße, anschließend die Schönhauser hinauf, direkt in Richtung Meer.

Nach dem Treffen mit Kolja muss ich Leon von meinem neuen Auftrag berichten. Ich werde mehrere Familien, die eine Baugemeinschaft gegründet haben, bei der Einrichtung beraten. Das sind Berliner Familien, die aufs Land ziehen. Im Sommer wird ihr Haus fertig. Aber Leons Telefon ist ausgeschaltet. Ich probiere es wieder und wieder. Wo ist er?

Ich blicke hinaus in die Nacht und habe das Gefühl, dass die Straße meines Lebens, die vorhin noch zum Meer führte, kurz vor dem Ziel ins Niemandsland abschweift, in ein spießiges Nest zwischen Wiesen und Feldern.

Wieso meldet er sich nicht?

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