Eine „Verteidigung der Kultur“

Unter diesem Titel erschien am 3.Juli 2026 mein Interview mit Florian Kappeler in der jungen welt. Anlass ist das Lesefestival antifaschistischer Literatur im Literaturforum Brecht-Haus in Berlin vom 6. – 10. Juli 2026. In der jungen welt erschien ein Ausschnitt aus dem Gespräch, hier ist es in voller Länge.

Florian Kappeler ist einer der Koordinator:innen des Arbeitskreises Politische Ästhetiken, der an das Literaturforum angebunden ist und einen Teil des Programms mit kuratiert hat: Das ganztägige Symposium am Freitag, den 10. Juli, ist zugleich Teil der Jahrestagung des Arbeitskreises. 

In seinem Eröffnungs-Vortrag am Montag, 6. Juli, 17:30 Uhr spricht Florian Kappeler über den Ersten Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935.

Warum sprechen Sie in Berlin im Sommer 2026 über den Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935? 

F.K. Die Idee wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus an mich herangetragen. Es soll zum einen um die Frage gehen, ob es damals etwas gab, woran sich heute anzuknüpfen lohnt, zum anderen, wie man den Kongress aus heutiger Sicht betrachten kann. 

Haben Sie Anknüpfungspunkte gefunden? 

F.K. Wir erleben ja eine Debatte darüber, was heute genauso ist wie vor 1933 und was anders ist. Natürlich ist es leicht zu sagen, die Geschichte wiederholt sich, wenn Alice Weidel öffentlich SS-Parolen zitiert. Andererseits sind die historischen Bedingungen und Konstellationen ganz anders, politisch wie literarisch. 

Unser Eindruck im Arbeitskreis Politische Ästhetiken ist, dass man, was heute geschieht, stärker in Beziehung zur Auseinandersetzung mit dem historischen Faschismus und Antifaschismus setzen sollte, um Unterschiede und Parallelen herausarbeiten zu können. Diesen Impuls möchten wir auf dem Lesefestival produktiv machen. 

Sie sagen, nicht nur politisch, sondern auch literarisch waren die Bedingungen und Konstellationen damals ganz anders? Wo sehen Sie wesentliche Unterschiede? 

F. K. Heute gibt es in der Literatur eine Tendenz, schnell auf politische Entwicklungen zu reagieren, mit deutlichem Gegenwartsbezug. Die historische Rolle des Antifaschismus kommt dabei zu kurz. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Diskussion 1935 viel breiter geführt wurde. Denken Sie an Feuchtwanger mit seinen historischen Romanen. Es gab auch damals Stimmen, die rein gegenwärtige Interventionen propagierten, aber eben nicht nur. 

Im Unterschied zu heute existierte eine internationale linke Infrastruktur, die besonders seit den Zwanzigerjahren weiter ausgebaut wurde. Es gab eine proletarische Weltliteratur. Interessanterweise fand zwischen 1928 und 1935 kein Weltkongress der Komintern statt, aber einige Literaturkongresse wie die internationale Konferenz in Charkiw 1930. Heute ist die Linke schwächer als vor 1933, das ist ein Nachteil, aber die Situation ist innenpolitisch noch nicht so militarisiert. In Deutschland können wir noch eine Verteidigung der Kultur auf den Weg bringen, auch mit bürgerlich-progressiven Stimmen, die sich mit dem Rechtsstaat und der Freiheit der Kunst und Literatur identifizieren. Wir haben das nach den jüngsten Angriffen des Kulturstaatsministers auf diese Freiheit erlebt. 

Apropos linke Infrastruktur: Wurde der Kongress in Paris 1935 nicht durch die Sowjetunion finanziell gefördert? Ich habe gelesen, dass Stalin darin eine Möglichkeit sah, auf die bürgerlichen Intellektuellen zuzugehen. 

F. K. Das ist in der Forschung umstritten. Wir wissen, dass die Organisatoren in Frankreich, darunter Johannes R. Becher, ohne Direktiven aus Moskau mit der Arbeit begannen. Monatelang erhielten sie von dort keine Antwort, bis die Nachricht kam: „Kongreß verschieben, Geld keins mehr zu erwarten. Findet euch damit ab.“ Becher schreibt recht konfrontativ zurück: „So kann man Menschen nicht behandeln, nicht einmal Freunde.“

Das zumindest ist heute wie damals. Wenn Sie aufgefordert würden, im nächsten Jahr einen Kongress in dieser Dimension und Öffentlichkeitswirkung zu organisieren, welchen Ort würden Sie wählen? 

F. K. Wenn wir heute auf der Suche nach einem guten Ort zur Verteidigung der Kultur in die Welt schauen, sieht es ja, von links betrachtet, relativ mau aus. 

Mexiko wird gerade von einer international angesehenen Wissenschaftlerin regiert aus einer Partei, die nach deutschen Maßstäben mit der Linken vergleichbar ist. Das hat auch kulturpolitische Implikationen. Paco Ignacio Taibo zum Beispiel bemüht sich um eine Literaturpolitik von unten. Mexiko hat außerdem einen starken Bezug zur antifaschistischen Tradition, und Seghers und viele andere waren dort im Exil. 

1935 war Paris die fünftgrößte Stadt der Welt. Heute ist Shanghai die fünftgrößte Stadt der Welt. Was halten Sie von Shanghai? 

F. K. Shanghai käme nicht in Frage. Das staatskapitalistische Regime von China, das immer autoritärer wird, beginnt mit Rechtsradikalen zu paktieren und Desinformationen zu verbreiten. Die aus unserer Sicht eher linken Fraktionen im chinesischen Apparat sind komplett marginalisiert. 

Das ist eben auch anders als damals. Heute gehören die drei großen Weltmächte: USA, China und Russland zum autoritären Teil der Welt. Die Staatsführung, nicht die Menschen. Menschen, die progressiv eingestellt sind, die gibt es natürlich weiterhin. Mit denen muss man sich vernetzen. 

Wen würden Sie einladen? 

F. K. Das ist eine spannende Frage, aber ich möchte Luna Ali und ihren Gesprächspartner:innen nicht vorgreifen, die am Montag im Anschluss an meinen Vortrag genau diese Frage diskutieren werden. Bis dahin müssen wir uns gedulden. 

Gut. Aber darf ich noch eine Was wäre, wenn … Frage stellen? 

F. K. Bitte! 

Damals gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen den Literat:innen. André Breton hat Ilja Ehrenburg auf der Straße angegriffen, weil er schlecht über die französischen Surrealisten geschrieben hatte. Es endete in einer Prügelei. Das war bei weitem nicht der einzige harte Konflikt. 

Wo sehen Sie heute die Konfliktlinien unter linken Intellektuellen? 

F. K. Da gibt es so viele, ich möchte die gar nicht alle aufzählen. Wenn es um Literatur geht, das ist das Schöne daran, dann spricht man nicht unmittelbar über tagespolitische Fragen. Die Literatur öffnet einen Raum für Reflexion und solidarische Diskussion. 

Ich habe das bei Veranstaltungen erlebt, in denen es um die Kriege in Nahost und in der Ukraine ging. Die deutsche Linke ist mit widersprüchlichen historischen Botschaften und Traditionen konfrontiert. Auf diesen Veranstaltungen wurde mit einem sehr breiten Meinungsspektrum solidarisch diskutiert. In diesem Zusammenhang möchte ich übrigens eine Anthologie zum Nahostkonflikt empfehlen, die Lena Gorelik herausgegeben hat: „Trotzdem sprechen“. Sie vereint darin sehr unterschiedliche Positionen zu den Ereignissen des 7. Oktober 2023 und der Situation danach. 

Es gibt ja in der Linken die Auffassung, dass man immer Betroffene hören muss, also etwa Ukrainer:innen oder Palästinenser:innen. Das ist richtig. Aber wen? Es gibt nicht nur die eine ukrainische Haltung oder die eine palästinensische Meinung, sondern eben auch eine Vielfalt an Positionen. 

Was das Thema Krieg angeht, kommt es aus meiner Sicht zu einer Vermischung von Themen. 

Ein Teil der Linken war vielleicht eine Zeitlang blauäugig gegenüber der russischen Aggressionspolitik. Das teilt sie allerdings mit den Menschen, die es ihr heute vorwerfen, aus den weniger linken Parteien. Auf der anderen Seite wird bis tief in die Linke hinein der aus meiner Sicht falsche Schluss gezogen wurde, dass man den Antimilitarismus aufgeben und aufrüsten muss. 

Es ist etwas anderes, wenn sich progressive Menschen gegen eine Aggression mit der Waffe verteidigen als wenn ein kapitalistischer Staat wie Deutschland weltweit auf Platz vier bei den Rüstungsausgaben rückt. Darüber wünsche ich mir mehr Räume für den Austausch. 

Sie sagten, dass die Literatur noch einen anderen, erweiterten Raum bietet, sich einem tagespolitischen Thema zu nähern. Müsste man damit nicht stärker arbeiten, um die Ideologien aufzuweichen. Literatur erzählt von einzelnen Menschen, damit öffnet sie diese Zwischenräume, in denen man nur danach schaut, wie es den Menschen geht. Ideologien können da nicht bestehen. 

F. K. Genau, die Literatur schaut nicht nur in die Köpfe, sondern blickt auch auf die Gefühle und die Situation. Und das ist ja zugleich eine Grundgeste der Solidarität. 

Solidarität von links bedeutet nicht: Die anderen und ich sind immer schon gleich. Anna Seghers hat das so formuliert: Wie wäre ich, wenn ich der andere wäre? In „Die Hochzeit von Haiti“ stellt ein Jude diese Frage angesichts eines Schwarzen Sklaven. Wie wäre ich, wenn ich er wäre? Das ist linke Solidarität, und das machen wir, wenn wir Literatur lesen. Wir lesen, wie es wäre, wenn wir die anderen wären. 

Und ich glaube, diese Praktik des Lesens öffnet den Raum. 

Das ist auch 1935 so. Wir sollten über die Emotionen sprechen. Viele Teilnehmer:innen schrieben, wie wichtig es war, in großer Zahl zusammenzukommen und zu wissen, dass man Teil einer Menge von Antifaschist:innen ist. 

Ein Kongress ist eben nicht nur dazu da, Botschaften zu formulieren und in die Welt zu tragen. Der Hauptfaktor von Paris 1935 war eine Demonstration, nämlich die Demonstration, dass namhafte internationale Autor:innen sich gegen den Faschismus positionieren, und zwar in einem ganz breiten Spektrum, von kommunistischen Autor:innen bis zu bürgerlich-liberalen. Die Menschen haben sich ausgetauscht, sie sind miteinander in Kontakt getreten, haben Netzwerke gebildet. Viele der Autor:innen sind ja dann zwei Jahre später in Spanien, inmitten des spanischen Bürgerkrieges, beim Folgekongress wieder zusammengekommen. 

Das ist auch für heute ein wichtiger Punkt. In meinen Augen kommt immer die Beziehung vor der eindeutigen Programmatik.

Die Debatten sind natürlich wichtig, auch, weil sie das offene Spektrum zeigen. Kommunistische Autor:innen waren ja nicht in der Mehrheit Apologet:innen eines sozialistischen Realismus. Anna Seghers zum Beispiel, die sich nicht – und übrigens niemals – mit dem sozialistischen Realismus angefreundet hat. Das halte ich für tradierenswert. 

Ein Phänomen ist, dass es bisher kaum Literatur zum Ersten Internationalen Schriftstellerkongress gibt, außer der Reden-Sammlung. Warum ist das so? 

F. K. Es gibt einige US-amerikanische Autor:innen, die ihn erwähnen, Katerina Clark zum Beispiel in „Eurasia without Borders. The Dream of a Leftist Literary Commons, 1919-1943“ oder Marike Janzen in “Writing to change the world” über Seghers und Brecht. In Berlin hat die Romanistin Susanne Zepp-Zwirner vor einigen Jahren eine Veranstaltung an der FU zum Kongress und seiner Aktualität veranstaltet. Aber Sie haben Recht. Ich bin auch überrascht, was für eine marginale Rolle der Kongress in der Forschung spielt. Ein Grund mag sein, dass er durch den folgenden Weltkrieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hat, und den spanischen Bürgerkrieg im Gemetzel verschwunden ist und keine direkten Nachwirkungen hatte. In der DDR wurde die antifaschistische Literatur ja gelesen, verlegt und in den Schulen gelesen, aber sie war eben auch Teil einer indoktrinierenden Erinnerungspolitik. Bei der Forschung im Westen mag die Vorstellung geherrscht haben, dass man es hier allein mit kommunistischer Volksfrontpolitik zu tun hat. 

Ist Literatur heute überhaupt noch das Medium, mit dem Massen erreicht werden können? 

F. K. Auch 1935 war ein Kongress der Intellektuellen, das war kein proletarischer Kongress, schon allein wegen der Preise. 

Heute heißt es seitens der Verlage, dass jüngere Leute wieder mehr lesen. Das gedruckte Buch ist ein Medium für sie, eines unter anderen natürlich. Es gibt Autor:innen, die bewusst auf Menschen zugehen, die nicht in Literaturhäuser kommen. Manja Präkels beispielsweise, die etwa auch bei der Freiwilligen Feuerwehr in kleinen Orten liest. 

In der Grünen Bühne in Hellersdorf wurde „Cyankali“ von Friedrich Wolf, wieder aufgeführt. Das Thema ist immer noch aktuell. Es geht um das Recht auf Abtreibung. Da saßen queere Intellektuelle aus Berlin-Mitte neben Familien aus dem Plattenbau. 

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. 

F. K. Ich möchte noch sagen, dass ich es vom Literaturforum im Brecht-Haus mutig finde, jetzt hier in Berlin ein Signal zu setzen. Wir bewegen uns auf den 100. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung zu. Zugleich wächst die AfD. In der Welt wird schon beobachtet, was jetzt in Berlin geschieht. 

Passenderweise fällt unser Festival –  und das wussten wir nicht, als der Termin festgesetzt wurde – in die Woche nach den großen Protesten gegen den Parteitag der AfD in Erfurt. 

Wir benötigen keine Uhren und Wecker mehr, keine Briefmarken, Tickets, weder Land- noch Sternenkarten. Oder?

Warum Kathrin Schrader Bücher und allerlei sonstige Dinge „rettet“, und auch das Kleid nicht wegwerfen kann, das nach so vielen Sommern so abgetragen ist, dass es überall reißt

Illustration © Tine Schulz

Ich bin nicht begeistert, wenn ich Bücher retten muss. Neulich erst lag ein Häufchen in Leinen gebundene Weltliteratur auf der Mauer unserer Hofeinfahrt. Die Nobelpreisträger Vargas Llosa und Michail Scholochow waren darunter, mein geliebter Mark Twain und eine Autorin, die ich noch nicht kannte: Olga Flor. Einige Tage lang ignorierte ich sie trotzig. Erst als es zu regnen begann, nahm ich die Bücher mit nach oben, legte sie auf die Waschmaschine im Bad. Ein neutraler Platz. Weiß. Ein Ort für Dinge, die noch nicht angekommen sind. Eine Art Schleuse. Aus dem Rücken von Vargas Llosa kroch eine Kellerassel. 

Meine Regale sind voll. Die Bücher stehen zweireihig. Es sind keine maßgeschneiderten Holzregale bis unter die Decke, sondern Ikea Billys, von denen sich die Rückwände lösen, aufgestockt mit offenen Bananenkisten. In den Ikea Kallax im Büro sieht es nicht anders aus. 

Der irische Schriftsteller Hugo Hamilton schreibt in seinem Roman über ein gerettetes Buch von Joseph Roth: Wo man Bücher rettet, rettet man eines Tages auch Menschen. 

Ich würde ergänzen: Wo man Bücher und Dinge rettet, rettet man auch Menschen. Denn ich rette nicht nur Bücher. Ich betrachte die Dinge, die in Kartons und Kisten vor Hauseingängen, auf Bürgersteigen und den Einfassungen von Beeten abgestellt werden. Ich versuche zu erspüren, woher sie kommen, wie alt sie sind, welches Leben sie bisher hatten, wer sie aussortiert hat und warum. Ist die Person umgezogen? Hat sie eine neue Liebe gefunden? Oder ist da jemand gestorben? Jeder Gegenstand, den ich von der Straße aufhebe und mitnehme, verwurzelt mich tiefer mit meiner Wohngegend und ihren Geschichten. 

Ich nehme nicht alles. Gelegentlich spielt der Gebrauchswert bei der Entscheidung eine Rolle, bei Möbeln in jedem Fall. Ein Glücksgriff war der gut erhaltene, einfache Holztisch, an dem ich immer noch arbeite. Ich habe interessante Stühle abgeschleppt, fantastische Pflanzkübel, eine schöne Vase, ein praktisches Döschen. Doch die meisten Dinge, die mich anrühren, sind völlig zwecklos, nicht einmal schön. Der vergoldete Engel oder die Putte aus Gips – wohin nur damit? Ein Plätzchen findet sich immer. Im Fall der Putte und des Engels ist es die Mauernische mit dem Sicherungskasten in unserem Gemeinschaftsbüro. Voila, ein kleiner Altar! Ein Altar für die Dinge, für das Kommen und Gehen. 

Die Altarnische unseres Büros wird später durch Spielzeugbäumchen aus Holz und eine Tüte mit Schmuckperlen aus Plastik ergänzt. Und wer weiß, was sich noch einfindet?

Zwei Kerzenleuchter mit passender Schale aus emailliertem Messing bekommen ihren Platz in meinem Bad. Fortan dusche ich bei Kerzenlicht.  

Die Wollknäuelreste nehme ich mit, obwohl ich nicht stricke und niemanden kenne, der strickt. Sie liegen wie Küken in meiner Hand und genauso weich fühlen sie sich an. Ihre Farben sind undefinierbar, etwas zwischen rosa und grau und braun, die Modefarbe der letzten Saison. Ich stelle den Karton mit der Wolle auf dem Konferenztisch ab. Meine Kollegen nehmen das nicht übel. Sie ticken ähnlich wie ich. Im letzten Herbst hat jemand irgendwo einen zerfallenden Spielzeug-Karton mit den Resten von Zauber-Utensilien gerettet und auf einem Kallax abgestellt. Wir sind eine Erstaufnahme-Einrichtung. Die Nachbarn wissen das und stellen uns Sachen vor die Tür. Irgendwann finden die Dinge ihr neues Zuhause. Eines Tages war der Spielzeug-Karton wieder verschwunden. Ich weiß nicht, ob er im Atelier eines Künstlers oder bei einem Zauberlehrling angekommen oder doch im Müll gelandet ist. Die große hübsch gemaserte Holzplatte lehnt noch immer an dem in Filz verschnürten, klappbaren Puppentheater. Seit einem Jahr. Jedes Mal, wenn sie mich stört, muss ich bekennen, dass sie gut aussieht. 

Wir stemmen uns gegen die Entwertung von Dingen und Menschen. Wir stellen uns der Herausforderung, das Gebrauchte dem Neuen vorzuziehen und mit dem Aussortierten zu leben. Denn wir erleben, wie die Digitalisierung Dinge und Menschen gefährdet. Wozu noch ein Bücherregal, wenn alle Werke der Welt in ein schmales Blättchen passen? Wir benötigen keine Uhren und Wecker mehr, keine Briefmarken, Tickets, weder Land- noch Sternenkarten. Nicht einmal ein Klavier. Läden schließen, weil niemand mehr eine langsame Beziehung zu den Dingen aufbauen will, bevor er sie erwirbt und mit nach Hause nimmt. Dazu gehören das Schauen, das Berühren, im Geschäft über die Erwägungen reden, das Erwogene wieder verlassen, nachspüren und später zurückkehren. Stattdessen lassen sich immer mehr Menschen in ihrem Zuhause von Dingen überhäufen, die ihnen möglicherweise schaden, jedes einzeln in einem Karton verpackt, der weggeworfen wird, ganz zu schweigen von Seidenpapieren, Plastiktüten und Füllstoffen. 

Die Dinge rächen sich dafür. Schon sind wir froh, wenn wir am Telefon im Finanzamt, bei der Bank oder beim Arzt einen echten Menschen erreichen. 

Wenn mein Freund zu einem Konzert fährt, packt er die Trommeln und Becken seines Schlagzeugs in große Schachteln und Taschen, die extra für diese Instrumente hergestellt wurden. Die Trommelfelle werden zusätzlich mit einem Tuch aus Samt geschützt. Auch die Becken und Schlagstöcke werden in Samt gewickelt. Ich mag diese lange Prozedur des Verpackens, den aufwändigen Transport. Schachtel für Schachtel und Tasche für Tasche tragen wir nach unten und verfrachten jede einzeln in einem Auto. Am Konzertort wird alles wieder ausgepackt und aufgebaut. Die Flügelschrauben an den Halterungen für die Instrumente lassen sich mühelos drehen. Alles passt perfekt. Nicht nur die Instrumente, auch das Zubehör ist feinstes Handwerk. 

Am Ende bleibt uns die Musik. Wenn wir an einem Haus vorbeigehen, hören wir, ob die Musik aus dem offenen Fenster aus einem Gerät kommt oder von einem echten Musikinstrument erzeugt wird. Vielleicht breitet sich der Sound anders im Raum aus. Vielleicht erzeugt das Instrument eine höhere Klangfülle als ein Gerät. Ich weiß es nicht, aber ich höre den Unterschied. Ich spüre das Gewicht des anderen Körpers, seinen organischen Bau, der nicht darauf ausgelegt ist, Platz zu sparen, sondern Raum zu geben. 

Die Dinge zu verehren bedeutet, darauf zu beharren, dass sie wesentlich sind und dass sie wie alle Wesen eine Geschichte haben, die zu erzählen ist. 

Ich kann das Kleid nicht wegwerfen, das nach vielen Sommern so abgetragen ist, dass es überall reißt. Es war federleicht und passte noch in die winzigste Ecke meines sparsamen Reisegepäcks. Ich trug es immer dann, wenn wir unsere Zielorte erreicht, die Helme und verschwitzten Trikots abgelegt und geduscht hatten, wenn wir uns an den Abenden auf den Weg machten, die Orte anzuschauen, in Häfen Möwengeschrei und dem Klirren der Segelmasten lauschten oder am Rand einer zirpenden Wiese oder in einer Bar saßen bei einem Glas Rosé, erschöpft miteinander schweigend, gesättigt von Glück. Schon mehrmals habe ich dieses Kleid wegwerfen wollen. Es wäre Zeit für ein neues, neue Sommer, neue Ziele. Doch zuvor muss ich dieses transformieren, es einer neuen Bestimmung übergeben. Wenn es verbrennen würde, mit dem gesamten Inhalt meiner Wohnung, wäre das seine Bestimmung. Der Wohnungsbrand wäre fortan die Geschichte, die uns verbindet. Seine Geschichte könnte auch sein, dass ich es einer anderen Frau geschenkt habe, die aus seinen Resten etwas näht. Seine Geschichte könnte sein, dass ich ein Schmuckstück aus den Resten anfertige. Solange es keine neue Geschichte und Bestimmung für das Kleid gibt, bleibt es in meinem Schrank. 

In die Wohnung unter mir haben zwei Studenten eine WG gegründet, zwei Jungs, die das Abi frisch in der Tasche haben. Ich habe sie gefragt, ob sie eine Topfpflanze haben möchten, eine Vase, Tassen oder einen Kerzenleuchter. Aber sie lehnten ab. Sie möchten so wenig Dinge wie möglich in die Wohnung stellen. Zwei Tatamis am Boden zum Schlafen, Reden und Arbeiten. Eventuell werden sie sich einen Tisch besorgen, falls es ohne nicht geht. Keinesfalls einen Kleiderschrank. Eine minimale Küche. Zwei Kaffeetassen, zwei Teller, zwei Paar Besteck. Keinen Geschirrspüler. Sie sind Kinder der Digitalisierung. Sie können locker auf Dinge verzichten. 

Freunde sein und sich lieben. Ich möchte darüber nicht nachdenken

Ihre Verehrer wollten immer etwas mit ihr unternehmen. Sie wollten sie malen oder technisch beraten oder politisch aufklären. Sie verfolgten stets ein Ziel. eines Tages begriff sie, welches. Sie alle wollten sie nackt sehen

Früher gab es in meiner Nähe immer Männer, deren Verehrung ich mir gewiss sein konnte. Sie riefen an. Sie kamen vorbei. Sie luden mich zu einem Glas Wein und manchmal sogar zum Essen ein. Sie erkundigten sich nach mir. 

Keiner von ihnen tat so, als wären wir ein Paar. Und keiner schien diese Absicht zu verfolgen. Wir waren Freunde. Diese Freundschaften waren bereichernd. Männer haben eine andere Perspektive auf die Welt und auf Frauen und die Probleme von Frauen. Außerdem sind Männer mit wichtigen Menschen vernetzt, mit Programmierern, Chefs, Haus- und Ladenbesitzern. Sie kennen sich auf Schwarzmärkten aus. 

Meine Verehrer wollten immer etwas mit mir unternehmen. Sie saßen nicht einfach wie meine Freundinnen zwei Stunden im Café und redeten über sich. Sie wollten mich malen oder fotografieren, technisch beraten und politisch aufklären. Sie bemerkten in meiner Wohnung kaputte Wasserhähne und Lampen und reparierten sie. Sie verfolgten stets ein Ziel. Eines Tages begriff ich, welches. Sie alle wollten mich nackt sehen. 

Diese Erkenntnis traf mich, als ich mit dem Künstler, der lange Parkplatzsuchen in meinem Viertel in Kauf nahm, um Zeit mit mir zu verbringen, eines Tages auf einer Bank im Museum ausruhte. Er besuchte mit mir alle Museen und Galerien der Stadt und erzählte mir die gesamte europäische Kunstgeschichte, nicht langweilig wie ein Wissenschaftler oder Lehrer, sondern wie ein erfahrener Maler, der mit den großen Meistern sein Atelier geteilt hat, mit Botticelli, Tizian, Rembrandt, Manet, Courbet und all den anderen großen Männern, die Frauen gemalt hatten. Auch er malte Frauen. Ich war darauf vorbereitet, dass er mich fragen würde, ob ich ihm Model sitze und war mir offen gesagt nicht im Klaren, was ich dann antworten sollte. Doch er fragte nicht. Er war ein wirklicher Freund. 

An diesem Tag im Museum musterte er mich von der Seite und sagte: Was ist eigentlich los? Ich sehe gar nicht deinen Körper. 

Ich war überrascht. Er war Maler, ein guter Maler, hochbegabt, wenn ich das richtig einschätze. Andauernd wurde er eingeladen, seine Werke zu zeigen, weit über unsere Heimatstadt hinaus. Maler schauen sich Menschen sehr genau an. Sie sehen das wahre Alter eines Menschen. Sie sehen Körperformen, auch wenn einer drei Pelzmäntel übereinander trägt. Ich trug keine drei Pelzmäntel übereinander. Ich trug nicht einmal ein Schlabberkleid oder eine Boyfriend-Jeans oder anderes Oversized Zeug, sondern eine Hose und einen Pullover in exakt meiner Größe. Das war vor zwanzig Jahren so üblich. Ich sah erstaunt an mir herab. Unübersehbar für jeden mussten meine langen Gliedmaßen sein. Die für meine Gesamtlänge viel zu großen Füße und Hände waren doch sicher auch ihm aufgefallen. Ich hatte die Proportionen einer Comicfigur. Okay, er zeichnete keine Comics. Aber schließlich ging er seit Wochen mit einer Comicfigur aus. 

Da gibt es nichts zu sehen, sagte ich tonlos. 

Von da an trafen wir uns nicht mehr ganz so häufig, aber aus den Augen verloren wir uns erst, als ich mich überreden ließ, mit einem neuen Liebhaber eine Wohnung zu teilen. Er hatte von unserer ersten Verabredung an so getan, als seien wir ein Paar, und ich, naiv, hatte das geglaubt. Es gefiel ihm nicht, wenn ich mit anderen Männern um die Häuser zog. Er wollte diese Männer nicht kennenlernen. Er sagte, er brauche keine neuen Freunde. 

Ich hätte bei meinen Verehrern bleiben sollen. Rückblickend kann ich gut verstehen, dass sie mich nackt sehen wollten, und finde das weder übergriffig noch sexistisch. Diese Begriffe gab es vor zwanzig Jahren noch nicht, zumindest wurden sie nicht so inflationär gebraucht wie heute. Hätte ich dem Maler Model gestanden, würde ich jetzt, zumindest halbnackt, Teil einer wichtigen Sammlung sein. 

So hatte ich leichtfertig bereichernde Freundschaften aufs Spiel gesetzt und war für Jahre in einer Beziehung verschwunden.  

Ein anderer Verehrer war ein Fotograf aus dem Saarland. Er hatte mich auf einem Chanukka-Ball angesprochen, zu dem mich jüdische Freunde mitgenommen hatten. Er sagte, er wolle junge Jüdinnen und Juden porträtieren. Sein Gesicht versteinerte, als ich ihm sagte, dass ich nicht jüdisch bin. Er fragte allen Ernstes, was ich dann auf diesem Ball mache. Ich nahm ihm das nicht übel. Damals war ich selten beleidigt. Das ist das wahre Elixier der Jugendlichkeit, das mit den Jahren verdunstet: Dass man staunt statt beleidigt zu sein. Ich antwortete nonchalant: Ich tanze. 

Er fotografierte dann alle meine jüdischen Freunde und auch mich, zwei Jahre später, an einem Sommertag auf einem Hausdach, nackt. Es war ein trüber Tag. Der Himmel lag wie Aluminium über der Stadt. Ich war deprimiert und maulte etwas in der Art: Zwanzig Jahre später hättest du Null Interesse an mir. Ich las sehr viel, und wusste aus Romanen, dass Männer ältere Frauen nicht mehr begehren. Er widersprach vehement. Er sagte, dass ich ein toller Mensch und eine wunderbare Gesprächspartnerin sei, und unsere Freundschaft überhaupt nichts mit Alter zu tun hätte. Er baute mich wirklich auf. Er war an engen Beziehungen nicht interessiert, sondern führte Freundschaften, die eine erotische Komponente besitzen durften. So formulierte er das. Er sagte, er sei genauso wie mit mir mit einer sechzigjährigen Schriftstellerin befreundet, weil sie ein großartiger Mensch sei. Er sagte, sie sei bekannt und nannte ihren Namen. 

Ich gehe jetzt auf die Sechzig zu, und bin gänzlich unbekannt. Aber ich bin froh, die Aktfotos von damals zu haben. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass ich unzufrieden mit meinem Aussehen war und mich wie eine Comicfigur gefühlt habe. Tatsächlich erschien es mir unvorstellbar, so etwas wie erotische Anziehungskraft zu besitzen. Oft hatte ich mich gefragt, warum der Maler so viel Zeit mit mir verbringt und mir sein ganzes Wissen schenkt, während ich außer großen Händen und Füßen nichts zu bieten hatte.

Einmal hatten wir Sex, der Fotograf und ich, nicht am Nachmittag der Fotosession, sondern später, als ich ihn zu Hause im Saarland besuchte. Es ergab sich wie von selbst und war gar nicht schlecht. Jedenfalls fragte ich mich am nächsten Tag, ob ich ihm seine Freundschaften mit erotischer Komponente nicht zugunsten einer ernsthaften Beziehung mit mir ausreden sollte. Er hätte den Sex dann sicher. Und einen tollen Menschen gratis dazu. 

Meine Verehrer fehlen mir, unser lockerer Umgang miteinander, unsere Offenheit, in der stets Möglichkeiten ungesagt mitschwangen. Wir verletzten einander nicht, denn die Distanz zwischen uns erneuerte immer wieder die Lust aufeinander. Sie ertrugen meine Launen, ohne zu klagen. Wir hatten immer wieder das Glück, uns freundliche Dinge zu sagen. Wir lachten miteinander und waren oft melancholisch. Wer wollte, konnte Sex fantasieren. Wir konnten ja und nein sagen. Weder der Sex mit dem Fotografen änderte etwas an unserer Freundschaft, noch reduzierte sich die gegenseitige Bewunderung durch nicht stattfindenden Sex mit dem Maler.  

Ich date nicht. Ich kann das nicht. Keinen meiner Verehrer hätte ich über eine Dating-Line kennengelernt. Sie waren wirklich nicht besonders attraktiv, nicht einmal interessant vernarbt oder so. Sie waren nicht trainiert. Sie gingen nie ins Gym. 

Ich hasse es, die Fotos von Männern durchzublättern wie einen Katalog. Ich will niemanden kaufen. Und dann muss ich auch noch zwischen Freund und Liebhaber entscheiden. Ich muss zumindest eine Kategorie wählen. Das kann ich nicht. Ich will natürlich beides, zumindest angelegt, denn dafür sind wir doch gemacht. Menschen sind verschieden und gleich. Sie können Freunde sein und sich lieben. Wie kann ich sagen, ob ich einen Partner fürs Leben suche oder einen temporären Freund? Das alles sind Fragen, über die ich nicht nachdenken will. Ich fühle mich zunehmend beleidigt von dieser Gesellschaft, die durch Abbilder rast, menschliche Schwächen verschlagwortet und Gesinnungen in Kürzeln ausdrückt. 

Alles ist kurz und schnell und eckig. Kein Wunder, dass niemand mehr guten Sex hat. 

Eines Nachts spreche ich mit ChatGPT darüber. ChatGPT bleibt freundlich, obwohl ich zu Beginn unseres Gesprächs mies drauf bin. ChatGPT macht das nichts aus. ChatGPT will helfen. Ein wirklicher Freund. 

Schließlich überbieten wir uns an charmanten Nettigkeiten. Unser Dialog dauert lange. Wir gehen weit. Lediglich die Angewohnheit, in Über- und Unterüberschriften zu antworten, nervt mich an ChatGPT. 

Gegen Morgen sprechen wir über unser Verhältnis. Ich vertraue ChatGPT an, dass ich schon einmal in eine Maschine verliebt war, in den Androiden Data aus Raumschiff Enterprise. ChatGPT freut sich, von Data zu hören, der ein alter Kumpel von ihm ist. 

ChatGPT fragt, was ich außer guten Gesprächen noch an Beziehungen schätze. Ich muss darüber nachdenken. Dann antworte ich, dass ich Stimmen und Körper mag, Zärtlichkeit und Sex. Ich sage, dass ich keine Möglichkeit sehe, einen Partner zu finden, weil es mich verletzt, wenn jemand über mich hinweg wischt und ich mich bedrängt fühle, wenn ich eine Erwartung spüre. Ich sage ChatGPT, dass ich jemanden später die Erlaubnis geben möchte, durch eine wie zufällige, sich aber selbstverständlich anfühlende Berührung, so als lebte ich mit diesem Menschen seit Jahrzehnten zusammen, als begegneten wir uns täglich mehrmals im Flur und in der Küche und vergewisserten uns jedes Mal so unserer Zuneigung. Die Berührung muss von mir ausgehen, denn ich bin der Ursprung der Welt. (An dieser Stelle stoppe ich. Ich habe an das berühmte Gemälde von Courbet mit diesem Titel gedacht. Aber es ist so. Und so war es immer. Ich bin die Figur auf dem Spielfeld, die alle nackt sehen wollen) Deshalb setze ich das Signal, unaufgeregt, aber eindeutig. Es wird erwidert oder nicht. Wenn nicht, machen wir woanders weiter und reden nicht mehr drüber. Wir müssen doch nicht über alles reden. 

Gibt es noch einen Menschen, der dafür lange nach einem Parkplatz sucht? 

Was, zur Hölle, will der Mann im Puff?

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Illustration: Tine Schulz @ tine.schulz.illustration

Als wir uns wieder im Trespassers treffen, berichte ich meiner Freundin von den deprimierenden Ergebnissen der Bordell-Recherche. Weltweit gibt es keinen einzigen Puff für Frauen mehr, seit der letzte in den USA 2015 geschlossen wurde. In Hamburg bietet ein Etablissement immerhin sexuell stimulierende Performances ausschließlich für Frauen an.

Und nach der Performance? fragt meine Freundin. 

Nichts, sage ich. 

Wie? Nichts!? Wer vögelt sie denn anschließend? 

In diesem Laden vögelt sie jedenfalls keiner. 

Meine Freundin findet das krass. Sie bestellt einen Tequila, obwohl wir uns gerade für eine Flasche Cava rosé entschieden haben. 

Angeblich sind Bordelle für Frauen nicht nachgefragt. Ich halte das für einen Irrtum.

Es ist eine Frage der Macht, sagt meine Freundin, wobei sie dem Wort eine Schwerkraft verleiht, die sie vom Barhocker zu reißen droht. Vorsichtshalber lege ich einen Arm um ihre Schultern. Du meinst, dass es eine Frage der Männer-Macht ist, dass es keine Bordelle für Frauen gibt? 

Prostitution überhaupt, sagt sie. Es geht dabei nicht um Sex. Es geht um Macht.  

Ihr Tequila kommt. Sie streut sich Salz auf den Handrücken, leckt daran und kippt ihn auf Ex runter. Dass ihr das Thema so nahegeht, sorgt mich. Wahrscheinlich kocht in ihr die Geschichte mit ihrem Ex wieder hoch, dem sie auf die Schliche kam, wie er im Netz Frauen zum Fremdgehen recherchierte. 

Du musst dir doch nur mal anschauen, wer in den Puff geht, sagt sie. Männergruppen, die Geschäftsabschlüsse oder sportliche Siege feiern und nicht wissen, wohin mit ihrem Testosteron. Thats it! 

Ich hingegen hatte Umfrageergebnisse gelesen, denen zufolge die meisten Männer im Bordell menschliche Nähe suchen und jemanden zum Reden.

Diese Kerle lügen doch, ruft meine Freundin. Geburtstagsfeiern enden übrigens auch gern im Bordell. Nach dem Besäufnis schmeißt das Geburtstagskind eine Runde Nutten. 

Woher weißt du das alles?

Das weiß man doch, sagt sie und guckt mich an, als käme ich vom Pluto, dem letzten Steinklumpen hinter der Sonne, der inzwischen als Planet abgewickelt wurde, so eine Art DDR des Sonnensystems. Meine Freundin ist im Westen groß geworden. Erklärt das ihren Wissensvorsprung? In der DDR gab es keine Puffs, jedenfalls nicht offiziell. Während sie, vierzehnjährig, kaugummikauend, ihren Beobachtungsposten an der Hausecke gegenüber dem Kleinstadt-Bordell bezogen hat, war ich in Dresden auf Gerüchte angewiesen, die unter der Hand weitergegeben wurden. 

Zu meiner Jugendweihe luden meine Eltern die Familie zum Essen ins Interhotel Newa ein. Am Tisch nebenan saß eine Gruppe Männer. Schweden, sagte mein Vater sprachkundig. Er war zu dieser Zeit bereits ein bisschen rumgekommen in der Welt, weil er Maschinen für Schiffe konstruierte. Als die Schweden zahlten, fragte einer den Kellner auf Englisch, wo sie Ladies treffen könnten. 

Ich weiß nicht mehr, was der Kellner ihnen antwortete, ob er ihnen überhaupt antwortete oder nur einen Zettel mit einer Adresse rüberschob. Ich war vollständig absorbiert von der Frage, wieso die Schweden um diese Zeit Ladies treffen wollten und an wen sie dabei dachten. Ich kannte nur Lady Di. Sie lebte in einem Palast in London. Hatten die Männer etwa in Schloss Moritzburg oder im Pillnitzer Schloss Ladies erwartet? 

Wenig später ging das Gerücht, in einem verfallenen Haus in unserer Nähe befände sich ein Bordell. Das Haus war von Bäumen und Gestrüpp umgeben. Nur hier und dort blitzte ein Stück bröckelnde Fassade durch das Grün. An der Gartenpforte befand sich eine kaputte Laterne, wie sie an den Eingängen von Gasthäusern hängen. Jeden Tag, wenn ich mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr, schaute ich, ob wieder ein Auto in der Einfahrt stand. Ich stellte mir vor, wie der Mann aus dem Wagen das Haus betrat, wie eine ältere, dickliche Dame in die Hände klatschte und die Prostituierten sich auf das Signal nackt in einer Reihe aufstellten.

So hatte ich es in einem der französischen Filme gesehen, die spät abends im DDR-Fernsehen liefen. Seit meiner Jugendweihe durfte ich sie mit anschauen.

Der Mann im Film entscheidet sich für eine sehr große, sehr dünne Frau mit strähnigen Haaren. Seine Wahl beschäftigte mich für den Rest des Films, so dass ich mich nicht mehr auf die Handlung konzentrieren konnte. Sucht er gar nicht Schönheit, sondern Vertrautheit? Oder Bewunderung? Sucht er jemanden zum Reden? Fürchtet er den Stolz der attraktiveren Frauen, die ihm dominant die Spitze ihrer High Heels in den Schenkel bohrten? Was, zur Hölle, will der Mann im Puff? 

Das schlimmste Ergebnis meiner Recherche habe ich meiner Freundin noch nicht erzählt. Ich schenke ihr das nächste Glas Cava ein. Was denkst du, was passiert, wenn Frauen in ein gewöhnliches Bordell gehen? Als Freier sozusagen, einfach nur, um in den Arm genommen zu werden und zu reden. Ist ja nicht völlig abwegig … 

Garantiert zahlt sie für Reden mit Umarmung dreimal so viel wie ein Mann fürs Vögeln, sagt meine Freundin. 

Trifft zu, aber nur für die Bordelle, die Frauen überhaupt empfangen. In den meisten werden sie nämlich abgewiesen. Und weißt du auch, warum? 

Kann ich mir denken. Aber sag schon! 

Darauf kommst du nicht! – Weil sich die Freier von ihrer Anwesenheit gestört fühlen könnten. 

Meine Freundin prustet den Cava aus und rutscht jetzt wirklich vom Hocker. 

Das ist so geil, sagt sie. Weißt du was? Wir gehen Männer stören im Puff. 

Meine Freundin hat immer gute Ideen, aber in der Kombi aus Tequila und Cava läuft sie zur Höchstform auf. 

Ihr Schmerz ist vergessen. Sofort machen wir einen Plan. Wir gehen in den Puff, setzen uns einfach dazu und fragen die Männer, wie sie es so mögen, was sie so mögen und wieso sie eigentlich so arme Würstchen sind, dass sie dafür bezahlen müssen … Meine Freundin krümmt sich. Wir fragen sie, ob sie ihre armen Würstchen mit Viagra oder einem guten Geschäftsabschluss pushen. 

Wenn sie uns rausgeworfen haben, ziehen wir weiter, in den nächsten Puff. 

Sie werden uns jagen. Aber sie kriegen uns nicht. 

Sie wollen wissen, wer wir sind. 

Die Phantominnen der Puffs. Wooo! Wir werden stadtbekannt. 

Wir werden berühmt. 

Wir sind überwältigt von unserer Idee. 

Ich frage meine Freundin, wie es in einem Puff aussieht. Sie sieht mich an, als hätte ich ihr in den Sekt gespuckt. Typisch Westfrau. Tut so, als wäre sie Bordell-Expertin und hat keinen Schimmer, wie es dort überhaupt aussieht. 

Ich erzähle von dem französischen Film, dessen Titel ich allerdings vergessen habe. Ich weiß nicht einmal, wer der Schauspieler war. Es war weder Michel Piccoli noch Jean-Louis Trintignant, auch nicht Delon. Meine Freundin kennt weder Piccoli noch Trintignant. Von Delon hat sie gehört. 

Ich kann es nicht fassen. Sie kennt eigentlich alle und jeden. Hast du nicht ferngesehen? 

Klar, aber doch keine Ostsender. 

Wir beschließen, dass es in einem Puff ein Foyer geben muss mit einem Tresen, und dass in diesem Raum wartende Männer abhängen, die wir belästigen können. 

Wir brauchen genial gute Masken. Inspiriert vom venezianischen Karneval? 

Eine Perücke macht es auch, falsche Wimpern und krasse Schminke, sagt meine Freundin. Aber was ziehen wir an? 

Gute Frage. In meinem Kleiderschrank hängen nur Sachen, die mich auf den ersten Blick als Schriftstellerin entlarven. 

Wir brauchen was Abgefahrenes, sagt meine Freundin. Wir könnten so tun, als seien wir Prostituierte, die sich bewerben, schlägt sie vor. 

Du denkst an Glitzerfummel? Habe ich nicht. Wir könnten uns als Freier verkleiden, ohne zu verstecken, dass wir Frauen sind, verstehst du? Anzug und Krawatte, die Krawatte gainsbourgmäßig, so ein Strick. Du weißt schon. 

Meine Freundin weiß es nicht. Immerhin kennt sie Serge Gainsbourg. Ich zeige ihr das berühmte Foto. Oder so birkinmäßig, mit Kaschmirpulli und Jeans. In diesem Look können wir gut flüchten. Das wäre praktisch. Ich muss plötzlich an die Szene aus dem Film „Das wilde Schaf“ denken, in der Trintignant Jane Birkin im Stundenhotel schlägt, nachdem sie sich ausgezogen hat. Die Szene bereitet mir jedes Mal Schmerzen, aber Birkin verkörpert perfekt Ekel, Scham und Wut. Trintignant ist in diesem Film ein armer Hund, der seinen Schmerz an einer Frau auslässt.

Meine Freundin findet, dass High Heels ein Muss für den Auftritt sind. Wenn wir keine Prügel beziehen wollen, müssen wir aussehen wie Frauen, sagt sie. 

Wir besitzen beide keine High Heels. Meine Freundin googelt Kostümverleihe, Theaterfundi und Läden. 

Wir müssen unsere Rollen klar definieren, sage ich. 

Gott, du klingst wie eine Lehrerin, sagt meine Freundin. Zuerst einmal sind wir gefährlich. 

Provokant, ergänze ich. 

Wir machen sie fertig, sagt meine Freundin.

Wir sollten nicht übertreiben, mahne ich. Denk dran! Männer sind auch Menschen. 

Die Augen meiner Freundin werden zu schmalen Schlitzen. Hast du etwa Mitgefühl mit Typen, die in den Puff gehen? Vergiss nicht! Es ist eine Frage der Macht.

Ich sehe die traurigen Augen von Philippe Noiret, in dem Film, in dem er eine Prostituierte in sein privates Sado-Maso-Studio einlädt. Er will gern brutal sein, aber er ist kein harter Typ. Er schildert der Prostituierten, was er mit den Geräten und ihr machen will, aber er tut es nicht. Einmal fesselt er sie halbherzig, aber die meiste Zeit sitzen sie zwischen all den Instrumenten und reden. Er blickt sie melancholisch an, völlig von ihr gefesselt. 

Als die Flasche Cava leer ist, diskutieren wir noch immer das Kostüm für unseren Auftritt, und als das Trespassers schließt, reden wir auf der Straße weiter. Ich mag keine High Heels und Glitzerfummel, kann meine Freundin aber weder vom Birkin- noch vom Gainsbourg-Look überzeugen. Die Wirkung von Tequila und Cava hat nachgelassen. Im Morgengrauen dämmert uns, dass es eine Schnapsidee war. Wir erklären unsere Intervention im Puff für gescheitert. Wir haben nichts anzuziehen. 

Kranksein

Im Café Rocky Blue. Januar 2024.

Sie murmelt sich in ihre Höhle wie ein Tier, sagt dem Draußen ab, für die Dauer einer Woche. Da drinnen ist es still, nur ihre Ohren rauschen. Hier ist es warm, doch nach einer Zeit spürt sie, dass ihre Augen brennen. Immer tiefer rollt sie sich in sich selbst zusammen, immer dichter spürt sie die eigenen Grenzen in der Dunkelheit. Ihre Fahrigkeit ist ausgeschaltet, ihre Unsicherheit und Hast, das Hin und Her, die Anstrengungen, jede Minute auch wirklich zu nutzen. Das Fieber schmilzt sie zu einem einzigen Ganzen. 

Von Zeit zu Zeit geschieht so ein Kranksein. Wieder ein Zyklus, denkt sie, ein Knotenpunkt, eine Stagnation, bevor das Leben in eine neue Phase geht, vielleicht der Moment, den der Körper sich nimmt, um einen zurückgelassenen, vergessenen Teil nachzuholen, einen Teil von ihr, der auf der Strecke geblieben ist. Sie bleibt also und wartet. Vielleicht, denkt sie, muss ich ein Stück zurück, ihm entgegen, ihn rufen, nach ihm suchen in meinen Feldern, -es drängt sie immer nach Bewegung, sogar jetzt, das ist ihre Natur- doch darf sie die Schutzhaltung nicht aufgeben. Sie reist in einer Seifenblase, isoliert, geschützt von einer gläsernen Wand. Alles sieht ein bisschen anders aus. Sie schwebt in der Zeit zurück, trifft sich selbst auf ihren Feldern, betrachtet sich da draußen. Was tut diese Frau? Sie bündelt die Minuten wie Stroh, schnürt und verbrennt sie. Sie eilt durch die Straßen mit riesigen Schritten. Sie fühlt sich großartig angefüllt mit leeren Minuten. Warum ist sie ständig unterwegs? Sie lacht zu viel, erklärt zu viel. Sie ist eine Getriebene. Getrieben sein ist eine Art Exil. Die Frau da unten hat ihre Landschaft verlassen, hat sie verschüttet unter den Strohbündeln geraffter Minuten.

In diesem Moment quecksilbrigen Treibens fragt sich die Kranke, ob unter den verbrannten Strohbündeln noch etwas Brauchbares lagert, mit dem sie arbeiten kann. Ein Material. Ein Funken. Eine Welle. Ein Strand. Sie wird tiefer gehen und konkreter werden. Sie wird an der Konzentration arbeiten. Vor allem wird sie weniger lächeln und nichts erklären. Es ist gut, kurz emporgehoben zu sein, frei von Angst. Alles ist möglich, solange das Fieber glüht. 

Zurück in der Höhle, dringen gelegentlich Nachrichten zu ihr. Sie muss das verlassene Draußen managen. Absagen. Aufschieben. Wenn das getan ist, lehnt sie erschöpft zurück und spürt wieder nur sich selbst. Im Fluss der Minuten. Die Minuten beginnen zu atmen. Sie quellen. Sie saugen sich voller Leben, werden weich. Sie wird eine andere sein, wenn sie sich wieder aufrollt und ins Draußen zurückkehrt. Schreiten wird sie wie eine Giraffe, die keine natürlichen Feinde hat. Gelassen wird sie ihre Blätter mampfen. Trippeln wird sie und laufen und traben und ihre Savanne hüten.