no norway part II. but pan kow.

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Pan Kow in respektloser Fremdverkleidung? „Der Schreitende“ von Rolf Biebl im U-Bahnhof Vinetastraße.

Ich wollte weniger arbeiten, wenn ich schon nicht nach Norwegen geflogen bin. Aber ich arbeite doppelt so viel wie sonst.

Am Dienstagabend verlasse ich ziemlich hungrig kurz vor acht das Büro. Es wird schwierig, jetzt noch einen offenen Laden in Pankow zu finden. Der an der Ecke Berliner Straße hat schon zu. Immerhin ist er sehr zuverlässig von Donnerstag bis Samstag auch in der Nacht geöffnet. Das ist in Pankow nicht selbstverständlich. Unsere gesamte Bürogemeinschaft liebt den Laden an Ecke. Wir gehen mehrmals täglich dorthin. Wir könnten quasi schon mitreden, wenn die Verkäuferinnen und Verkäufer murmelnd während des Kassiervorganges oder lautstark über das Mittelregal hinweg über abwesende Kolleginnen und Kollegen herziehen. Hier kaufen junge und alte, gut situierte und bettelarme Menschen ein. Sie alle leben in diesem Kiez noch zusammen.

Ich hoffe, dass der Tante-Emma-Laden in der Florastraße noch offen hat. Notfalls gibt es am S-Bahnhof den neuen Edeka, gerade noch klein genug, um das Single-Dasein nach acht zu verkraften.

Als ich durch die Heynstraße radele, gerate ich ins Schlingern angesichts einer nagelneuen Continue reading

no norway, part I. but ka’alele.

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Lomi-Lomi-Nui-Workshop mit Ute Baacke im Eden in Berlin-Pankow

Ich brauche sofort Urlaub. Aber bis nach Hiddensee sind es noch einige Wochen. Komisch, dieser Satz. Als sei es eine Illusion, dass wir heute schneller vorankommen als die Menschen in früheren Zeiten. Für mich sind es bis nach Hiddensee noch einige Wochen.

Ich hätte nach Norwegen fliegen können Continue reading

Der neue Kalender

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Heute habe ich mir einen neuen Kalender gekauft. Reichlich spät. Immerhin organisiere ich jetzt bereits die Lesungen für das zweite Halbjahr 2017 in der Inselgalerie. In meinem digitalen Kalender bin ich mit der Maus auch schon hin und her gesprungen, aber das ist nicht dasselbe. Ich meine den Kalender aus Papier. So groß wie ein Buch. Völlig altmodisch notiere ich handschriftlich meine Termine darin und nutze ihn als Tagebuch und Chronik.

Jedes Jahr zögere ich den Kauf des Kalenders hinaus. Den Sprung ins Neue Jahr zu denken, macht mir Angst. Ich spüre eine leichte Übelkeit, wenn ich mich endlich entschließe, wenn ich es nicht mehr hinauszögern kann, weil ich ihn dringend brauche. Es fühlt sich an, wie wenn du auf einem hohen Berg stehst, hinunterschaust und weißt, dass du jetzt fliegen musst. Weil es kein Zurück gibt in der Zeit.

Seit Wochen bin ich an dem Kalender-Regal in der Buchhandlung vorbei geschlichen, manchmal davor stehengeblieben, um auszuwählen.

Der Kalender ist dünn. Erschreckend dünn. Mein Kalender von diesem Jahr ist auf die vierfache Stärke angeschwollen. Ich kann nicht glauben, dass in diesem schmalen Buch ein ganzes Jahr steckt. Zweimal lese ich das Etikett. Ein drittes Mal: Moleskine. Weekly Notebook. Diary. Planer. Agenda. Carnet Semainier. Hard Cover. Coverture Rigide. 2017. Kein Zweifel. Ein ganzes Jahr. 12 Mondphasen. 365 Tage.

Er ist orange eingebunden und verströmt einen Geruch von Kunststoff, als ich die dünne Plastikhülle entferne. Ich öffne ihn vorsichtig, berühre die freien Seiten. Es ist, als wagte ich die ungeschriebenen Geschichten des neuen Jahres zu berühren, als greife ich der Zeit voraus. Plötzlich quillt der Lärm zukünftiger Tage aus dem Kalender. Ich schließe ihn schnell wieder mit dem Gummibändchen. Die kommenden Tage werden ihn füllen; mit Visitenkarten, Terminkärtchen, Wegbeschreibungen, Flyern, Kassenbons und Erinnerungsschnipseln. Vielleicht auch ein Foto. Eine Zeichnung irgendwo.

Zu jedem Moleskine-Kalender gehören kleine Sticker, mit denen man besondere Ereignisse illustrieren kann: Filmprojektoren, Bücher, Torten, Cocktailgläser, Koffer, Flugzeuge, Computer, lachende und traurige Gesichter. Außerdem Aufkleber mit den Worten: Birthday. Event. Holiday. Und so weiter.

In diesem Jahr sehen sie anders aus. Es gibt keine lachenden Gesichter mehr, stattdessen gehobene Daumen. Mir gefällt das große Papierschiffchen und die Rakete. Welchem Tag werde ich 2017 eine Rakete verleihen? Neu ist das Sheet mit einzelnen Buchstaben. Von jetzt an sind die Ereignisse nicht mehr vorgestanzt, sondern können frei aus den einzelnen Buchstaben gelegt werden. Abschied von…? Reise nach…? Trauer um…? Ist in den Buchstaben vielleicht ein Name verborgen, den ich jetzt noch nicht kenne?

Ich werde den Kalender bald wieder öffnen und in den Fluss der Zeit werfen. Ich werde mit kleinen Schritten beginnen, wie ein Fluss zuerst ein Rinnsal ist, dann ein Bach, der breiter und schneller wird. Wie das Jahr. Wie mein Kalender.

 

 

 

Hüterinnen des Feuers

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mona lisa 2016

Ich bin auf einer Hochzeitsfeier. Es ist ein warmer Abend. Auf der Spree ziehen Boote und Schiffe vorüber. Die Terrasse des Restaurants liegt auf Höhe des Flussspiegels. Es ist, als wären wir selbst auf einem Schiff.

Ich fühle mich ein bisschen verloren. Das Brautpaar ist beschäftigt und die meisten Gäste kenne ich nur flüchtig.

Wenn ich früher in eine Gesellschaft kam, in der ich niemanden kannte, ließ ich mich mit den Erstbesten in ein Gespräch ein und plapperte gegen die Langeweile nichtiger Themen an, bis ich völlig erschöpft war.

Heute gehe ich anders vor. Ich ziehe mich zurück und beobachte die Gesellschaft. Wenn mir jemand gefällt oder etwas hat, das mich neugierig macht, pirsche ich mich an. Continue reading

for the sky not to fall

Ein Abend im Europäischen Zentrum der Künste Dresden

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Festspielhaus Hellerau in Dresden

http://www.hellerau.org

Das Festspielhaus Hellerau oder auch Europäisches Zentrum der Künste Dresden ist ein Ort des Widerstands und der Hoffnung, im Norden der Pegida-Stadt, wo im kommenden Herbst die Afd vermutlich mit Pauken und Trompeten in den Landtag einziehen wird.

Derzeit läuft in Hellerau das Festival Brasilianische Alternativen. Heute wurde eine Choreorafie der Künstlerin Lia Rodrigues aufgeführt. Sie soll die bedeutendste brasilianische Choreografin sein.

Es gab keine Bühne. Die Performance fand mitten im Publikum statt und mit dem Publikum. Zuweilen erschien mir das Publikum performativer, zumindest interessanter zu beobachten als der Annäherungsversuch der zehn agierenden Tänzerinnen, Männer und Frauen. Wüsste ich nicht ganz genau, dass es in Hellerau keinen Urwald mehr gibt, würde ich schwören, dass sie aus dem Wald kamen und wir davorstanden. Sie waren nackt, tierhaft, mit Kaffeepulver, roter Farbe und Gewürzen bestäubt. Sie bahnten sich Wege durch uns, das Publikum, die wir auf der Bühne vermutlich die Rolle der weißen Großstädter spielten, der Entfremdeten. Sie suchten unsere Blicke, hinterließen Kaffee- und Gewürzspuren an unserer Kleidung. Sie verwandelten sich in Tiere, robbten, krochen, flatterten zwischen uns hindurch. Wie auch immer, sie schufen sich ihren Weg. Ohne ein Wort. Später durften wir ihnen zuschauen bei ihrem Ritual. Sie waren wie in Trance, verrückt, wahnsinnig, glücklich. Den Rhythmus, zu dem sie kraftvoll tanzten, erzeugten sie allein mit ihren Fußsohlen. Es war die einzige Musik.

„Wir tanzen für die, die nicht tanzen können“, sagt Lia Rodrigues über ihre Choreografie.

Am Ende der Performance lasen die Künstler  ein Statement zur aktuellen Situation in Brasilien. Sie sagten, sie seien mit dem Putsch gegen Dilma Rousseff nicht einverstanden. Es sei ein Schlag gegen die mühsam errungene Demokratie in Brasilien. Nach dem Putsch seien verschiedene Ministerien geschlossen worden, u.a. das Ministerium für die Gleichstellung der Frau, das Ministerium für die Angelegenheiten indigener Völker und das Energie-Ministerium.

Seid nicht traurig, wenn ihr heute Abend nicht in Dresden sein konntet. Das „Projeto Brasil“ kommt nach Berlin, ins HAU, vom 7.-19. Juni. Geht unbedingt hin! Das Hau hat bereits eine kleine Zeitschrift zum „Projeto Brasil“ gedruckt mit interessanten Aufsätzen zur Situation in Brasilien. Der Titel der Tanzperformance „For the sky not to fall“ wurde umgewandelt in „the sky is already falling“.

Aber es gibt Hoffnung. Eine ist das Festspielhaus Hellerau und sein Intendant Dieter Jaenicke. Er lebte selbst einige Jahre in Brasilien und übersetzte auf dem kleinen anschließenden Empfang alle Reden. Im Publikum waren die Intendanten der anderen Bühnen, zu denen das „Projeto Brasil“ noch reisen wird, unter ihnen Amelie Deuflhard, die so viele Jahre die Sophiensäle geführt hat und jetzt das Hamburger Theater Kampnagel leitet. Es gab übrigens leckeres brasilianisches Gebäck, gesponsert vom Kulturministerium der Stadt. Ein Feueralarm beendete den Abend etwas abrupt. Es hieß, in der Küche sei ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hat der Koch auch nur eine Zigarette geraucht. Wir mussten das Haus verlassen.