DESCRIPTIONIBUS

Eröffnungsrede für Eberhard Hartwig
zur Eröffnung der Ausstellung „Descriptionibus“ in der Kirche am Tempelhofer Feld am 16. November 2018

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Eberhard Hartwig „ALTKUENKEND“ 2003

Descriptionibus, dieses schöne Wort, das wie ein Zauberspruch klingt, heißt auf Deutsch: Aufzeichnungen. „Aufzeichnungen“ ist der Titel einer Reihe von Monotypien, die Eberhard Hartwig hier in der Kirche zum ersten Mal zeigt. Jede zeigt ein Bibelzitat in verschiedenen Sprachen.

Zwar hat das lateinische Wort „Descriptionibus“ diesen geheimnisvollen Zauber-Sound, doch es besitzt nicht die schöne Präzision des deutschen Begriffs, Continue reading

Von der Post – Post – Post – in die Moderne und zurück.

Zeitreisen in Dessau. Teil II

In den Bauhaus-Meisterhäusern mit einer Spanienkämpferin, Amor Muñoz, Andrea Canepa und Sebastian Stumpf

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Im Bauhaus Dessau

Ich hatte nicht erwartet, dass die Meisterhäuser des Bauhauses so altmodisch patriarchalisch auf mich wirken. Die Räume, Türrahmen und Treppenhäuser sind eng. Wieso erinnern mich die Betten und Schränke an Krankenhäuser?

Das Tee-Geschirr in der hochbeinigen, gläsernen Vitrine im Feininger-Haus ruft die Erinnerung an eine Einladung zum Tee bei einer älteren Dame hervor. Das war in den Achtzigerjahren. Sie lebte in Dresden. Sie wohnte in den typischen Holzmöbeln der Hellerauer Werkstätten, die ich auch aus meinem Elternhaus kannte. Eine schmale, unaufgeregte Frau mit kurz geschnittenen, halblockigen Haaren. Über der weißen Bluse trug sie ein Wolltuch und eine Holzkette. Sie hatte in Spanien mit den Internationalen Brigaden gegen Franco gekämpft. Ihre Wohnung war gemütlich. War sie eng und klein?

Ich hatte mir das Bauhaus so erdacht. Wie diese Frau. Wie diese Generation. Mit dem Geruch nach Freiheitskampf und Exil. Aber ich rieche nichts.

In das neu erbaute Gropius-Haus wurden Milchglasfenster statt klarer Scheiben gesetzt, weil die Verwalter des UNESCO-Kulturerbes verlangen, dass sich die neu geschaffene Bausubstanz von der erhaltenen, alten durch irgendein äußeres Merkmal unterscheiden muss. Das Haus aus Beton und Milchglas ist nicht dunkel, es ist dicht. Die Blicke haben Stubenarrest.

Zwei-, dreimal stehe ich vor kleinen, verschlossenen Türen, die an Bunker erinnern. Ich zögere, sie zu öffnen, obwohl ich notorisch neugierig bin und gewöhnlich an allen Türen klinke. Diese erschrecken mich. Der Schmutz um die Knäufe verrät, dass viele Menschen ein- und ausgehen. Ich fasse also Mut und ziehe an den Knäufen und bin jedes Mal überrascht, nicht in einen finsteren Keller oder Kühlraum zu stürzen.

Eine der Bunkertüren führt in die Gegenwart. Dort gefällt es mir besser. Es werden die Arbeiten der KünstlerInnen gezeigt, die in den Meisterhäusern als ResidenzlerInnen zu Gast waren. Sie kommen aus der ganzen Welt.

Die Mexikanerin Amor Muñoz hat aus feinen Drähten leitfähige Geflechte angefertigt, die in ihrer Struktur an Bauhaus-Webmuster erinnern. Sie geben Ton- und Licht-Signale von sich. Winzige Lämpchen glühen und verglühen im Morse-Rhythmus, den Sound überträgt ein Kopfhörer. Hinter den Licht- und Ton-Signalen verbirgt sich ein Code, den die Künstlerin entwickelt hat und auch in schwarz-weiße Wandteppiche gewebt hat. Die Arbeit ist eine Hommage an die Bauhaus-Weberin Anni Albers. „Matter and Memory“ hat Amor Muñoz diese Arbeit genannt. Sie bezieht sich auf aus Textilien gefertigte Computerspeicher der 50er- und 60er-Jahre und zugleich auf Anni Albers Interesse an ideografischen Zeichen und linguistischen Ordnungssystemen in präkolumbischen Textilien.

amormunoz.net

bauhaus-dessau.de

Angeregt von Oskar Schlemmers Farben- und Formen-Tänzen hat Andrea Canepa aus Peru Bodenmuster entwickelt, die Dreieck, Kreis und Quadrat symbolisieren. Auf diesen drei Installationen bewegen sich Tänzer. Sie folgen den Mustern auf dem Boden, suchen Möglichkeiten, die Formen mit dem eigenen Körper nachzuvollziehen, aber nicht nur das. Sie nehmen auch den Charakter und die Energie der Formen auf und drücken sie tanzend aus.

Andrea Canepa hat schon vor dieser Arbeit, die sie „Until it lives in the muscle“ nennt, intensiv am Verhältnis zwischen Ordnungsstrukturen und Spontaneität in Tanz und Bewegung geforscht. Das Video im Gropius-Haus ist Teil eines größeren Werkkomplexes.

andreacanepa.com

bauhaus-dessau.de

In einem schmalen Gang zwischen Betonwänden, einer Art Sackgasse im Haus, steht ein Monitor vor einer Wand. Der Film zeigt eine Spinne, die vor einem Fenster hängt. Die Kiefern hinter der Spinne verraten, dass sie sich in einem der Meisterhäuser aufhält. Es ist ein ruhiges, meditatives Bild. Ich hocke mich in den Schneidersitz und schaue der Spinne zu. Kurz darauf sind Ameisen zu sehen, die über die Terrasse des Hauses trippeln, scheinbar suchend, tastend. Ein Maikäfer brummt gegen das erleuchtete Nachtfenster. Seine hübschen Fächerfühler und die großen Augen sehen freundlich aus. Er klopft an die Scheibe, er sucht Kontakt zu dem Künstler im Haus. Ein Tausenfüßler folgt exakt der Linie des Fußes eines Stahlrohrstuhls, bis er auf den Filzteppich klettert, trotz seiner vielen Beine auf die Seite kippt, wieder aufsteht und weiterläuft. Feuerwanzen organisieren den Transport eines großen Holzstücks vor dem Haus. Wieder fällt eine Spinne ins Bild, kleiner als die erste, zappelt sie an ihrem Faden, krümmt bizarr ihre Beine. Diese Bilder sind ungewöhnlich schön, auch wegen der ästhetischen Kulisse, vor der sich die Insekten bewegen. Die feinen Risse einer hellen Betonwand. Harmonierende Farbstreifen aus Putz und Lackierungen. Das Doppelfenster. Die hohen Kiefern im Garten. Eine Kaffeemaschine zischt friedlich neben der Spinne. Es knistert irgendwo. Wind weht. Sonst ist es still. In den Tieren entdecke ich mich selbst wieder, in meinem Tasten und Suchen, meinem Umfallen und wieder Aufstehen, dem Umherirren und Flattern. Genauso sind wie wir Post-Post-Post-Modernen.

Sebastian Stumpf hat die Insekten in seiner Meisterwohnung gefilmt. Er hat bereits viele gute Filme gemacht, aber ich habe ihn hier erst entdeckt. Wir werden sicher noch von ihm hören und sehen.

https://www.bauhaus-dessau.de/de/programme/bauhaus-residenz/sebastian-stumpf.html

 

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Die Autorin nach dem Besuch der Dessauer Meisterhäuser

 

 

Von der Post – Post – Post – in die Moderne und zurück.

Zeitreisen in Dessau. Teil I

ION von Euripides in einer Inszenierung des Provinztheater Kosmos an orakelhaften Orten. Regie: Jens MehrleKarte mit Text

      Theaterplakat von Anja Mikolajetz

 

Ion hat eine goldene Stirn. Seine Gedanken sind edel wie Gold. Sensitiv und weise ist er. Seine Nase, die Wangen und das Kinn sind weiß, sein Mund noch nicht von den Dramen des Lebens gezeichnet. Er ist jung und schön, ein Tempeldiener des Apollon. Ein Gottessohn. Keiner von hier. Die anderen Personen sind mir vertraut: seine schwache Mutter und deren Mann, der nicht Ions Vater ist, es aber gern sein möchte, etwas einfältig in seinem Versuch, alles richtig zu machen. Grau ist sein Gesicht, die Augen liegen in tiefen Höhlen unter der vorspringenden Stirn, auf der senkrechte Falten stehen. Und der böse, alte Mann schließlich, der es schafft, Ions Mutter dazu zu bringen, Ion zu töten, obwohl sein Zorn sich zuerst gegen deren Ehe-Mann richtet, der aus einem fremden Geschlecht stammt, das ursprünglich nicht in Delphi ansässig ist. Er lacht, er grinst, selbstgewiss und selbstherrlich ist dieser Verteidiger seines Landes gegen den Fremden. Continue reading

Im Gegenwind, im Fluss

Hinter dem Horizont…
Kunst der DDR aus den Sammlungen des Staatlichen Museums Schwerin

6. Juli – 7. Oktober 2018

Blick in die Ausstellung "Hinter dem Horizont" im Staatlichen Museum Schwerin

Blick in die Ausstellung „Hinter dem Horizont…“ im Staatlichen Museum Schwerin. Links an der blauen Wand das „Bildnis Andrea P.“ (II) von Clemens Gröszer (1985). Rechts an der weißen Wand „Merwürdiger Wolkentag“ von Susanne Kandt-Horn (1978/1980), dahinter Rudolf Austen „Wrack im Meer“ (1970). Die Skulptur im Gang  stammt von Karin Sakrowski.  Sie trägt den Titel „Kopf mit hohem Haar“ (1986/87.) Das Bild an der blauen Frontwand zeigt Holger Stark während der Aktion „Törnen“, Foto: Gundula Schulze Eldowy. 

Karin Sakrowski und Holger Stark sind übrigens zum Künstler*innengespräch am 13. September 2018 in der Ausstellung. (Infos am Ende des Beitrages)

Erleichterung macht sich breit zwischen den himmelblauen Wänden. Hier wird niemand belehrt. Nirgendwo eine Anleitung, wie Kunst aus der DDR gelesen werden muss. Und es wird auch nicht in Staatskünstler und Widerständler unterteilt. Überhaupt teilen und werten die Kuratorinnen Kornelia Röder und Deborah Bürgel nicht. Sie zeigen die Komplexität und Bandbreite des künstlerischen Schaffens in der DDR in ihren Widersprüchen. Darauf verweisen bereits die Überschriften zu den Kapiteln der Ausstellung, z. B. ANTIPODEN: REALISMUS – ABSTRAKTION. BETRACHTUNGEN ZUR SCHWERINER SAMMLUNG. Oder: FREIRÄUME UND FLUCHTPUNKTE. ZWEI BEISPIELE AKTIONISTISCHER KUNST DER 1980ER JAHRE IN MECKLENBURG.

25 Jahre später wird klar, wie zeitlos berührend viele in der DDR entstandenen Werke sind. Die rätselhafte Situation der „Kahnfahrer“ von Wolfgang Mattheuer (1970), das Porträt „Christine“ von Volker Stelzmann aus dem selben Jahr, das eine selbstbewusste, doch skeptische junge Frau zeigt, der hastig verlassene Tisch mit der auf der Tischkante abgelegten glimmenden Zigarette neben dem aufgebrochenen Pillenröhrchen, voll gekritzelten Notizzetteln und einer Tasse schwarzen Kaffees (das Zuckerstück liegt noch auf der Untertasse), das „Frühstück eines Funktionärs“ von Christoph Wetzel von 1972 oder der indifferente, erschöpfte Ausdruck des „Jungen Paars“ von Thomas Ziegler, gemalt 1975 – in diesen Bildern spiegeln sich emotionale und existentielle Zustände, die heute noch gültig sind.

Den Ausstellungsmacherinnen ging es in erster Linie darum, die Kunst aus dem Schweriner Archiv in einen gesamtdeutschen Kontext und in den Fluss europäischer Kunstgeschichte zu stellen. Das erste Kapitel: EINFLÜSSE DER KLASSISCHEN MODERNE verweist nicht nur auf die Usedomer Maler der ersten DDR-Generation, u. a. Otto Manigk, Herbert Wegehaupt und Vera Kopetz,

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Steig auf mein Pferd!

Es kann so viel schiefgehen beim Küssen, viel mehr als beim Sex, aber wenn er die richtige Temperatur hat, geschmacksneutral und frisch ist, dann können mit einem vollendeten Kuss die wundervoll-verheerendsten Affären beginnen.

Nora Marleen. Küssende Masse

Illustration: © Nora Marleen https://noramarleen.de

Von Zeit zu Zeit treffe ich meine Freundin im Trespassers auf ein oder zwei Gläser, bei denen wir die Neuigkeiten austauschen. Seit einiger Zeit wird der Ton zwischen uns rauer. Die Themen sind andere als noch vor Jahren.

Es geht jetzt oft um Kindererziehung, Jobsuche und andere anstrengende Dinge. Außerdem platzt meine Freundin neuerdings gern mit schockierenden Geschichten raus, die sie wer weiß wo aufgelesen hat, wahrscheinlich bei den Dachpartys ihrer Firma: von Bordellbesuchen ihres Chefs, der shoppingsüchtigen Tochter einer Kollegin, einem Fahrradfahrer, der nachts durch unser Viertel fährt und Frauen Säure ins Gesicht schüttet und der Pornoseite, die unvermittelt aufploppte, als ihre zehnjährigen Zwillinge für die Hausaufgaben im Netz recherchierten. Detailliert schilderte meine Freundin alle verstörenden Details, die auf der Seite zu besichtigen waren.

Mein Eindruck ist, dass sie mir sagen möchte, wie unsicher das Leben in einer kriminellen Gesellschaft geworden ist, in der selbst die Liebe (früher unser Lieblingsthema) zu einem Business verkommen ist. In einer Welt wie dieser nämlich hat die ungemütliche Lebenspartnerschaft, an der sie seit Jahren der Kinder wegen festhält, ihre volle Berechtigung, ja, sie kann unter solchen äußeren Bedingungen geradezu als Glückstreffer gesehen werden. Ich habe ihr immer wieder geraten, ihren Freund zu verlassen. Er respektiert sie nicht und sieht nicht, was für ein wunderbarer Mensch meine Freundin ist. Vielleicht war meine Ratschläge zur Trennung etwas übergriffig, Continue reading