Was israelische, palästinensische und deutsche Jugendliche verbindet


Zwei preisgekrönte Jugendprojekte der Europeans for Peace beschäftigen sich mit Vertreibung, Flucht und dem Menschenrecht auf Asyl

Foto: ⓒ Andrea Vollmer

Es ist auch heute noch möglich, 15 – bis 16jährige Jugendliche mit dem Erinnern an den Holocaust zu berühren. Der Brückenschlag von der Vergangenheit in die Gegenwart gelingt, wenn die alten Fragen vor einem neuen Hintergrund gestellt werden.

Das sind die besten der vielen guten Nachrichten von der diesjährigen Preisverleihung des Jugendprogramms Europeans for Peace der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ).

Fünf der dreiunddreißig geförderten Projekte zum Thema „Menschenrechte in Vergangenheit und Gegenwart“ im Schuljahr 2011/12 erhielten am 7. Januar 2013 in Berlin einen Award der Stiftung EVZ, darunter zwei deutsch-israelische Jugend-Projekte. Das Besondere am „Borderline-Remix“, der Hip-Hop-Oper für Grenzgänger und blinde Passagiere“ und dem Tanzstück „Exodus Reloaded“ ist, dass beide Projekte die Erfahrungen und Lehren aus dem Holocaust und der

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Vermintes Gelände

Berliner Zeitung

Latenter Antisemitismus ist unter muslimischen Jugendlichen weit verbreitet. Eine Schule in Kreuzberg kämpft dagegen an – Lehrer besuchen mit ihren Schülern Orte jüdischer Geschichte in Berlin, die Sozialarbeiterin organisiert Klassenreisen nach Israel.

An einem warmen, sonnigen Junitag war das Schuljahr in der Skalitzer Straße in Kreuzberg mit einem Fest zu Ende gegangen. Die Schüler hatten Couscous-Salate zubereitet. Dazu gab es Süßigkeiten, Tee und Limonade. Eine Gruppe von Mädchen und Jungen tanzte im Kreis zu orientalischer Musik. Es war ein schönes Fest für die Kinder der Sekundarschule in der Skalitzer Straße. Ein Fest, wie es in fast jeder Schule dieser Gegend stattfinden könnte.

Und doch gab es hier eine Besonderheit. An einem eigenen Stand informierte der Wahlpflichtkurs Menschenrechte über die gemeinsame Reise nach Israel. Die meist arabisch- und türkischstämmigen Schüler erzählten, wie überrascht sie waren von jenem Land, dem sie zuvor so ablehnend gegenüber gestanden haben. Und sie erzählten von ihren neuen jüdischen Freunden.

Als die Ferien vorüber sind und der Ramadan zu Ende, kommen die Jugendlichen aus Israel zum Gegenbesuch nach Berlin. Continue reading

Grazy

Shirat Isaak kam nach Berlin, um den Weg ins Internationale Musikgeschäft zu finden


© Foto Stephan Pramme

Shirat Isaak läuft den Kurfürstendamm hinauf. Sie ist auf dem Weg nach Hause. Ihr Gang wirkt trotz des sperrigen Gitarrenkoffers leicht. Der kühle Wind bläst das Haar aus ihrem Gesicht, so dass es noch schmaler wirkt. Es ist ein Gesicht, das die Blicke auf sich zieht, obwohl die junge Israelin eine zurückhaltende Erscheinung ist, ungeschminkt und so einfach wie die Musik, die sie schreibt: eingängige Songs zwischen Folk und Rock. Aber ihre unbedingte Natürlichkeit fällt auf, weil sie so verletzlich scheint.

Als die dreißigjährige Künstlerin von ihren Plänen spricht, wird klar, dass diese Natürlichkeit nichts ist, was ihr durch ein behütetes Leben bis heute erhalten blieb, sondern ein Charakterzug, den sie zu schützen und zu verteidigen weiß.

Vor vier Monaten ist sie von Tel Aviv nach Berlin gezogen. Sie hatte gehört, dass Berlin die europäische Stadt ist, die jungen Künstlern auf dem Sprung in eine internationale Karriere die besten Bedingungen bietet: noch offene Strukturen, bezahlbare Lebens – und Arbeitsräume und die Präsenz großer und kleiner Musikunternehmen, die sich in den letzten zehn Jahren in der Stadt an der Spree ansiedelten. Nach einer Testphase von zwei Monaten steht für die Künstlerin fest, dass sie bleiben wird. „Ich habe in dieser kurzen Zeit viel mehr Leute getroffen, die sich für das, was ich mache, interessieren, als in Israel in mehreren Jahren.“ Ihre Auftritte im Café Bialik in Tel Aviv waren beliebt, aber sie genügten ihr nicht mehr. Die abgestoßenen Ecken des schwarzen Gitarrenkoffers erzählen von Auftritten an wechselnden Orten, von engen Clubs mit rauen Fußböden, voll gepackten Kofferräumen, vom Hin und Her des Künstlerlebens, von lange geprobten und spontanen Konzerten.

Das Mädchen aus der kleinen Siedlung Karnei Shomron im Westjordanland, Tochter orthodoxer Juden, brachte sich das Gitarrespielen selbst bei, brach ihr Architekturstudium mit 22 Jahren ab und finanzierte ihr Leben als Musikerin fortan mit Jobs in Musikgeschäften und – Verlagen, Agenturen und Radiostationen. Sie traf dabei auf erfahrene Kollegen, die ihr rieten, nicht aufzugeben. Der Umzug nach Berlin ist der vorläufige Höhepunkte dieses Weges. Ihre Eltern unterstützen die Entscheidung.

Ein Freund hat ihr die kleine Neubauwohnung am oberen Ende des Kurfürstendamms für den Beginn des Berlin-Experiments zur Verfügung gestellt. Der Raum ist wie ein Hotelzimmer mit dem nötigsten ausgestattet. Die Gitarre bekommt einen Platz neben dem Bett. Shirat Isaak klappt den Laptop auf. In Berlin ist sie zunächst eine von vielen jungen Künstlern, die auffallen möchten. Sie hat ein ganzes Debütalbum im Gepäck, das sie endlich produzieren will. Sie schaut sich nach neuen Musikern um, mit denen sie in Zukunft zusammen arbeiten kann. In Tel Aviv hatte sie eine sechsköpfige Band. „In Israel ist der Markt sehr klein. Du musst schon ein Star sein, bevor sich ein Label überhaupt für dich interessiert. Du musst ein großer Schauspieler sein, eine große Sängerin und ein Model obendrein. Aber ich will mich auf meine Musik konzentrieren.“ Ihre musikalischen Vorbilder sind John Frusciante, Bernard Butler und Amy McDonald.

Den Eindruck von Introvertiertheit bestätigt das Video zu dem Song „Grazy“, das auf Youtube zu sehen ist. Er stammt aus der Feder ihres Freundes David Swirsky. Das Lied scheint wie für sie gemacht. Begleitet von einem satten Gitarrensound singt Shirat Isaak mit warmer, voller Stimme von Trennung und der „Verrücktheit“, aus dem gewohnten Leben auszubrechen und einen neuen Weg zu finden. „Evrything looks different from the other side“, heißt es darin. Wie hat der Sprung nach Berlin ihren Blick verändert? Sie sei mit der europäischen Kultur durch ihr Elternhaus sehr verbunden, sagt Shirat Isaak. Als Kind habe sie sogar einige Jahre in Schweden gelebt. Ihr Vater hatte eine Zeitlang dort gearbeitet. Er vermittelt Gastspiele israelischer Künstler in jüdische Gemeinden in Europa und bringt europäische Künstler nach Israel. Shirat Isaak war zehn Jahre alt, als die Familie nach Skandinavien ging, zugleich die Heimat ihres Vaters. Er ist Anfang der Fünfzigerjahre in Dänemark geboren worden, wohin seine Eltern vor den Nazis in Deutschland geflüchtet waren. „In Israel haben mich viele gefragt: ‚Wie kannst du nach Deutschland gehen? Hast du vergessen, was geschehen ist?’ Auch meine Eltern. Auch sie sind vom Holocaust betroffen. Ich habe die Geschichte nicht vergessen, aber ich weiß, dass Deutschland sich verändert hat. Es gibt andere Dinge, die mich interessieren, zum Beispiel, dass Berlin eine wichtige Stadt für Musiker aus aller Welt geworden ist.“

Viele Leute erzählen Shirat Isaak, dass sie Bescheid wissen, dass sie in der Schule alles über den Holocaust gelernt haben. „Ich habe das Gefühl, sie warten darauf, zu hören, dass ich ihnen verzeihe“, sagt sie. „Aber ich bin nicht deswegen nach Berlin gekommen. Wenn ich erzähle, dass ich Musik mache, dann kommen wir ganz schnell zurück in die Gegenwart und zu anderen Themen.“ Nach der zweimonatigen Berliner Probezeit ist sie noch einmal nach Hause, nach Israel gereist. Sie kam als Gast, als jemand, der seine Heimat bereits von der anderen Seite aus betrachtet. „Es hat mir sogar Spaß gemacht, über das Wetter zu reden. Ich sagte: Bei uns in Berlin ist es viel angenehmer als hier, nicht so heiß.“

Shirat Isaak sucht jetzt Arbeit, was nicht einfach ist, da sie noch kein Deutsch spricht. Die Arbeitssuche beansprucht einen großen Teil ihrer Zeit. Sie sucht im Internet und auf ihren Stadtspaziergängen. Warten und Schauen, so könnte man ihre jetzige Beschäftigung beschreiben. Ihr Debütalbum hat sie verschiedenen Labels vorgestellt. Einige signalisierten Interesse, aber noch ist nichts geschehen. Die kurze Zeit in Berlin wirkt sich aber schon belangvoll auf ihre Arbeit aus. Sie hat neue Songs geschrieben und an ihrem Stil gearbeitet. „Ich möchte das Folk-Element stärker betonen und insgesamt nachdenklicher und zurückhaltender im Ausdruck werden.“ Klingt, als hätte sie ein Stück mehr zu sich selbst gefunden.

Kathrins Notiz-Blog 31. Dezember 2008

Philippe sagt, er gehöre zur Generation Israel. Sein ganzes Leben lang begleite ihn der Nahost-Konflikt in den Medien. „Jeden Tag“, sagt er. Philippe ist 50 Jahre alt und in Frankreich aufgewachsen. Ich sehe ihn als Kind in der tristen Vorstadtstraße einer nordfranzösischen Stadt Ball spielen. Aus den Fenstern der Erdgeschoß-Wohnungen quellen die Nachrichten.

Ich glaubte, es spiele es keine Rolle mehr, aus welchem Land jemand kommt. Ich meinte, wir wären alle Europäer. Und wenn ich heute, am Silvesterabend, die vielen Briten, Franzosen, Spanier, Dänen und Italiener in Partystimmung Unter den Linden spazieren sehe, fühle ich mich gut in diesem Europa, in dem die Entfernungen zwischen den Hauptstädten auf einen Silvestertrip und eine Einkaufsparty in der Kastanienallee geschmolzen sind.

Israel stürzt uns zurück in die Vergangenheit der Nationalstaaten. Philippe darf auf Israel schimpfen. Ich nicht. Philippe ist Franzose. Es interessiert ihn nicht, wenn jemand ihm deswegen unterstellt, er sei Antisemit. Er weiß, dass er keinen Menschen aufgrund seiner Religion ablehnt.

Ich darf nicht auf Israel schimpfen. Deutsch ist nicht die Sprache, in der man Israel kritisieren darf.

Aber ich darf an dieser Stelle fragen, was der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern in einer Zeit bedeutet, in der sich Nationen, Kulturen, religiöse Riten und Sprachen immer mehr vermischen. Ich habe nur eine Erklärung dafür: Es müssen konservative Kräfte sein, die ein Interesse daran haben, die Spaltung der Welt zu steuern und zu kontrollieren, die um jeden Preis ein Feindbild aufrecht erhalten, als Rechtfertigung für ihre Kriege. Vielleicht hört sich das nach Verschwörungstheorie an. Meinetwegen. Aber warum wurden all jene hingerichtet, die ernsthaft an einer Lösung des Konflikts gearbeitet haben?

Ich frage mich, wieso kein Schrei des Protests von den Juden in der ganzen Welt ausgeht. 2008 las ich das Buch „Israels Irrweg“ von Rolf Verleger. Er schreibt aus der Sicht eines religiösen Juden. Ich bin sehr froh über dieses Buch, weil es ausspricht, was mich solange schon bewegt.

Erst wenn jüdisches Leben und Glauben von der konservativen Art Israels, Konflikten zu begegnen, getrennt werden, ist eine offene, vorurteilsfreie Diskussion über den Nahen Osten möglich. Aber es gibt starke Kräfte, die genau das verhindern wollen.

Für 2009 wünsche ich uns und allen Menschen auf der Welt die Freiheit der Begegnung und der Mischung der Kulturen. Wir müssen die konservative Art der Konfliktlösung durch Krieg und Gewalt weiter bloß stellen.

Liebe auf den ersten Satz

Berliner Zeitung

Berliner Zeitung 22. Oktober 2007

Rina, eine jüdische Philosophin in Berlin, ist der deutschen Sprache früh verfallen. Jetzt kennt sie auch deutsche Tücken.

In wenigen Tagen ist es endlich soweit. Rina wird in den Geburtsort Friedrich Nietzsches fahren, ein kleines Dorf in der Nähe von Leipzig. Röcken.

Röcken wollte sie schon während ihrer ersten Reise nach Deutschland besuchen, kam dann aber einfach nicht aus Berlin raus, weil hier so viel los war.

Noch früher, als sie in ihrer Heimatstadt Tel-Aviv deutsch zu lernen begann, träumte sie bereits davon, auf den Spuren ihres Lieblingsphilosophen unterwegs zu sein.

Mit Nietzsche hat ihre Leidenschaft für die Philosophie und die deutsche Sprache begonnen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie das erstemal Nietzsche las, damals noch in ihrer Muttersprache Hebräisch. Es war Liebe auf den ersten Satz.

Jetzt hat Rina einige Semester Philosophie an der Technischen Universität Berlin hinter sich. Ihre jugendliche Schwärmerei für die deutsche Kulturnation hat sich relativiert. „Anfangs glaubte ich, in Deutschland sitzen alle mit einem Goethe im Café. Ich war wirklich erstaunt, Leute zu treffen, die sich gar nicht für Literatur interessieren.“

Rina hat ein bisschen Angst vor der Fahrt nach Röcken. „Meinst du, ich kann als Jüdin allein dahin fahren?“

Der Ort zählt etwas mehr als sechshundert Einwohner. Ein Nest. Kleiner als Mügeln und gar nicht so weit davon entfernt.

Die „Freunde von Röcken“, ein gemeinnütziger Verein, der sich darum kümmert, dass Nietzsches Geburtshaus nicht weiter verfällt, stammen nicht aus der Gegend.

Rina ist sehr weiß. Dass sie Jüdin ist, sieht man ihr nicht an der Nasenspitze an. Zumindest hat ihr das ein Kommilitone neulich versichert. „Jüdin? Komisch, du siehst gar nicht so aus. Mund und Nase, alles ganz normal.“

Es sind diese Bemerkungen, die Rina verunsichern. Natürlich hat sie als Jugendliche vom Antisemitismus in Europa gehört. Ihn zu erleben, ist aber noch etwas anderes.

Niemals hätte sie geglaubt, Angst zu bekommen. Sie will die Angst auch gar nicht wahrhaben. Sie spricht verwundert über ihre Erlebnisse. Sie lacht darüber. Sie wisse ja, dass sie hier sicher sei. Nicht umsonst genieße Berlin in Israel mittlerweile den Ruf, die beste europäische Stadt für Juden zu sein.

Doch dann entschuldigt sie sich dafür, dass sie ihr Foto lieber nicht in der Zeitung haben will und wenn, dann nur mit dieser großen Sonnenbrille. Und ihren vollständigen Namen möchte sie lieber auch nicht veröffentlichen. „Es ist nur…ich bin nicht sicher, weißt du.“

Die Beunruhigung wird immer wieder genährt. Einmal war sie zu einer Gesellschaft geladen. Als der Gastgeber sie fragte, ob sie Jüdin sei, da sie doch aus Israel komme und Rina diese Frage wie gewohnt in ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit bejahte, richteten sich plötzlich alle Blicke auf sie. „Keiner sagte mehr etwas. Es war auf einmal ganz still. Es dauerte bestimmt eine Minute, bis sie sich wieder gefangen hatten und weiter redeten.“

Sie könnte noch viele ähnliche Geschichten erzählen, möchte aber nicht. Das sei doch alles nicht der Rede wert. „Es ist eben schwierig in Europa.“ Punkt. Ihre Angst bezeichnet sie als irrational.

In umgekehrter Weise gleicht sie ihren deutschen Altersgenossen, die einen normalen Umgang mit dem deutschen Nationalgefühl fordern. Man müsse nicht immer und immer wieder den Holocaust herauf beschwören. Das sei doch nun wirklich lange genug her.

Im Unterschied zu ihren Altersgenossen in Deutschland sind es aber nicht die unbekannten Urgroßeltern, die von Verfolgung betroffen waren, sondern Rinas eigene Eltern.

„Ich bin froh, dass du das mal erlebst“, sagt die Mutter am Telefon. „Damit du weißt, was für ein Glück es ist, dass du deine Kindheit in Israel verbringen und ganz selbstverständlich jüdisch sein konntest.“

Rinas Familie stammt aus der Bukowina und Galizien, Regionen, die heute auf dem Gebiet der Ukraine und Rumäniens liegen. Ihre Eltern verließen Rumänien in den Siebzigerjahren. Rina wurde 1983 in Tel Aviv geboren.

Auf jeder Party trifft sie mindestens einen, der die Lösung des Nahostkonfliktes in der Tasche hat. Israelis und Palästinenser müssten einfach mehr zusammen reden, das Patentrezept Nummer eins, quillt Rina inzwischen zu den Ohren raus. Es gibt aber auch skurrilere Vorschläge. Neulich äußerte einer die Idee einer Volksbefragung, nach der man aus dem Mittelwert der Meinungen weitere politische Maßnahmen ableiten sollte.

Rina findet es gut, in Israel aufgewachsen zu sein. Schade sei nur, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

Nach wie vor ist Deutsch für sie die schönste Sprache der Welt. Sie spricht es so gut, dass man den winzigen Restsatz ihres Akzents eher für einen leichten Dialekt hält, eine vergessene Sprache von weiter her, aus dem Osten, aus einer vergangenen Zeit, als jiddisch und deutsch noch dicht beisammen lebten.

Rina liebt es, Wörter zu entdecken. Sie schmeckt die Worte. Ihre Stimme klingt ruhig und dunkel. „Seit ich das erste Mal auf der Ausländerbehörde war, warte ich auf eine Gelegenheit, das Wort ‚etwaige‘ zu benutzen.“

Mit einem Freund aus ihrer WG betreibt sie ein Schwäbisch-Hebräisches Sprachtandem. Wie die Schwaben die Dinge verniedlichen, das erinnert sie an Jiddisch. Unter den deutschen Dialekten entzücken sie besonders Schwäbisch und Sächsisch. Sie wundert sich, dass so viele Sachsen in Berlin offenbar ein Problem mit ihrer sprachlichen Herkunft haben. Selbst auf ihre ausdrückliche Bitte tun sie sich schwer damit, ein bisschen sächsisch zu reden. „Es ist doch so ein wunderschöner Dialekt. Nietzsche muss sächsisch gesprochen haben.“

In Israel hat sie Jiddisch-Kurse besucht, gemeinsam mit Leuten aus aller Welt, unter anderem mit einem vietnamesischen Ehepaar, das jetzt zu Hause nur noch jiddisch spricht. Sie tun es, damit die Sprache nicht stirbt. Ihr Kind soll jiddisch als Muttersprache lernen.

Der sinnliche Schmelz aus Mittelhochdeutsch und Hebräisch, mit slawischen und aramäischen Einflüssen freilich, zeige doch die kulturelle Nähe von Juden und Deutschen, meint Rina, eine Mischung, in der sie sich Zuhause fühlt.

Kurz nach dem kulturellen Höhepunkt ihres Aufenthalts in Deutschland, der Fahrt nach Röcken, wird sie das Land vorerst verlassen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie in den USA. Die amerikanische Dissertation sei in Fachkreisen anerkannter, weil sie mit einem aktiveren Studienprozess verbunden ist als in Deutschland.

Was danach kommen wird, weiß Rina noch nicht. Sie hat keine Präferenzen, was ihr Fach betrifft. Im Hinblick auf die Sprache ist sie allerdings sicher: „Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, in dem kein Deutsch gesprochen wird.“

Dass Deutschland so viele Philosophen hervorgebracht hat, sieht sie in der Sprache begründet. „Eine Sprache, in der man ‚dasselbe‘ und ‚das Gleiche‘ unterscheidet, musste die Sprache der Philosophie werden.“

Doch warum ausgerechnet Nietzsche? „Er war ein Dichter“, sagt Rina. „Außerdem ist es gar nicht wahr, dass seine Philosophie zur Nazi-Ideologie passt. Nur, weil Hitler sich einmal mit seiner Schwester getroffen hat. In Wirklichkeit war Nietzsche das Gegenteil von einem Antisemiten. Er war ein Anti-Antisemit.“

Vielleicht wäre es gut gegen die „irrationale Angst“, wenn sie nicht allein nach Röcken fahren würde. Sie könnte zum Beispiel ihren Leipziger Freund mitnehmen, den sie sowieso auf dieser Reise besucht. „Mein Freund ist aber auch Jude“, resigniert sie. „Allerdings kommt er aus England. Er hat blaue Augen.“ Das könne für den Aufenthalt in Röcken möglicherweise von Vorteil sein.