Berliner Notiz – Blog 4. September 2010
Berlin. Oranienstraße 25.
Sie schiebt einen Plastiksack mit Fladenbroten vor sich her, der fast so groß ist wie sie selbst. Sie drängelt an den tanzenden Frauen vorbei, entlang der Tafel und verteilt Stapel mit Broten zwischen den Käseplatten und den Schälchen mit Humus, Tomatensalat und Oliven. Sie trägt ein braun gestreiftes Kopftuch und über die ausladenden Hüften einen schwarzen Mantel, der bis zu den Knöcheln reicht. Schwer zu sagen, wie alt sie ist. Ihre Hände sehen jung aus, fast kindlich. Ich bin ihr im Weg, weil ich mit dem Rücken zur Tafel sitze, den tanzenden Frauen zugewandt. „Was schreibst du?“ Ein neugieriger, zugleich skeptischer Blick fällt auf mein Notizbuch. „Ich schreibe über das Frühstück“, sage ich und mache ihr Platz. Sie stößt den Brotsack weiter. Für die magere Antwort rächt sie sich mit einem Witz über meine Gummistiefel. Die älteren Frauen auf der anderen Seite der Tafel schauen grinsend herüber.
Ich bin zu Gast beim Frauenfrühstück des Vereins AKARSU in Berlin-Kreuzberg. AKARSU kümmert sich um Frauen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien. Fast alle Frauen um mich tragen das Kopftuch. Auch die Anwältin, die eingeladen wurde, um in rechtlichen Fragen weiterzuhelfen. Nur die Angestellten des Vereins, typische Kreuzberger Akademikerinnen, zeigen ihre Haare: glatt oder gelockt, bis zur Schulter. Sie tragen Jeans, Pullover und Brille. Auf den ersten Blick kann ich zwischen türkischen und deutschen Frauen nicht unterscheiden. Eine türkische Sozialarbeiterin erzählt, sie sei mit der Rechtsanwältin zur Schule gegangen. Damals habe sie noch kein Kopftuch getragen.
Ayla Yilmaz, die Vorstands-Vorsitzende, erscheint in einem bunten Kleid. An ihren Ohren glitzern Steine im Ton ihres welligen Haares. Die Geschäftsfrau zieht zwei Visitenkarten aus ihrer Tasche, die ihrer eigenen Firma und des Vereins Türkischer Unternehmer und Handwerker Berlins, den sie mit ihrem Mann Hüseyin gegründet hat. Hüseyin Yilmaz ist der Geschäftsführer von AKARSU. Die Yilmaz sind jetzt in den Fünfzigern. Sie haben sich beim Studium in Deutschland kennengelernt. Ayla hat sich immer für die berufliche Entwicklung von Frauen und Mädchen engagiert.
Sie sagt, dass sie nichts gegen das Kopftuch habe, wenn eine Frau es wirklich aus religiösen Gründen trägt, doch das sei oft nicht der Fall. In der Türkei würden immer mehr Frauen das Kopftuch aus politischen Gründen tragen, als Zeichen ihrer Unterstützung der konservativen Regierungspartei AKP. „Sie versprechen sich davon berufliche Vorteile“, sagt Ayla. Sie hat den Eindruck, dass viele Türkinnen in Berlin diese politische Bewegung unterstützen. Das ist neu: Dass eine erfolgreiche Frau das Kopftuch als Karrieremotor betrachtet und darüber ein bisschen wütend ist. Ayla glaubt aber auch, dass viele junge Mädchen von ihren Eltern gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen.
In diesem Moment, als Ayla Yilmaz und die Sozialarbeiterinnen den Frauen im Saal beim Essen, Reden und Tanzen zuschauen, scheint es, als verlaufe die kulturelle Grenze bei AKARSU nicht entlang der Sprache, sondern zwischen den Veranstaltern und den Gästen.
Die kleine Frau mit dem Brotsack möchte nicht, dass ich ihren Namen in mein Notizbuch schreibe, aber sie verrät mir ihr Alter: Vierunddreißig. Sie ist geschieden. Ihre Tochter ist zehn Jahre alt. Einen Beruf hat sie nicht gelernt. Sie putzt morgens in einem Café. Sie macht eine wegwerfende Geste. „Was möchtest du gern machen?“ frage ich. „Zu Hause bleiben und schlafen“, antwortet sie. Sie kichert. „Witz“, sagt sie.
Sie sagt, ihre Religion verlange, dass sie das Kopftuch trägt. „Aber es sind religiöse Frauen hier, die kein Kopftuch tragen“, sage ich. Sie zieht die Schultern hoch. „Warum du?“, bohre ich weiter. Sie weist mit der Hand in die Runde der Frauen, als läge bei jeder anderen die Antwort auf diese persönliche Frage, nur nicht bei ihr selbst. „Muss“, sagt sie. Unter dem Kopftuch sehe ich den lockigen Haaransatz über ihren kleinen Ohren. Sie kommt mir plötzlich bekannt vor, als wäre ich ihr schon begegnet, ohne Kopftuch, beim Fußballgucken in dem Café in meiner Straße, mit einer glitzernden Spange im Haar. Ich meine nicht, dass sie es war. Ich meine, dass ich Berlinerinnen kenne, die genauso schauen und sprechen und kichern wie sie.
