Kathrins Notiz-Blog 20. Juli 12

© Illustration Liane Heinze

Leon und ich, wir sind beide überzeugt von der Macht und dem Karma der Dinge. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Macht der Dinge, aber Leon scheut sich, gebrauchte Möbel zu kaufen, schon gar keine Polstermöbel, die mit den Energien fremder Orgasmen und Streitigkeiten aufgeladen sind. Aus Respekt vor Leon und dem Geheimnis, das uns verbindet, schlafe ich mit Kolja niemals in unserem Bett. Continue reading

Kathrins Notiz-Blog 10. April 12

© Illustration Liane Heinze

Wir besuchten Koljas Mutter an einem der ersten Frühlingstage. Die Luft war aus Silber. Silbern waren auch der See und das Gras, das sich vom Winter erholte.
Koljas Mutter hatte sich über meinen Anruf gefreut. Ich hatte ihr gesagt, dass ich mal wieder in der Gegend sei und gern vorbeikommen würde, diesmal mit meiner Tochter Jolanda.

Sie gab Jolanda die Hand und wie immer lag in ihrem „Guten Tag!“ eine besondere Aufmerksamkeit, ein Signal ihres Interesses, zurückhaltend, aber erwartungsvoll. Schon in ihrem Gruß lag der Anspruch, in ihrem kleinen Haus kein Vorurteil und keinen Allgemeinplatz zuzulassen, keine Banalität. Sie war in dieser Hinsicht streng. Jolanda versuchte, sich an diesem Gruß vorbei zu mogeln.

In der Ecke mit dem Sofa und den Büchern war der Kaffeetisch gedeckt. Koljas Mutter fragte, ob wir öfter zusammen einen Ausflug machten. „Niemals“, sagt Jolanda. „Ist die ultimative Ausnahme.“ Koljas Mutter schaute amüsiert auf. „Da muss ja was Schlimmes passiert sein.“

„Wir sind gerade beide allein“, sagte Jolanda, warf sich schwungvoll auf das Sofa und ließ ihren Kopf nach hinten ins Polster fallen.

„Wunderbar“, sagte Koljas Mutter.

„Finde ich überhaupt nicht“, sagte Jolanda. „Es ist das Schlimmste, was passieren kann, so schlimm, dass man mit seiner Mutter aufs Land fährt.“

Koljas Mutter lachte. Sie stand noch immer, mit der Kaffeekanne in der Hand, in der Bewegung gefroren, hingerissen davon, wie Jolanda sich ihren Raum nahm. „Das ist ja ein Drama! Und ich dachte, es wäre gar nicht mehr möglich, allein zu sein, heute, wo alle mailen und twittern und skypen.“

„Dieser technische Kram ersetzt keinesfalls das Zusammenleben“, sagte Jolanda. „Ich muss trotzdem allein einkaufen gehen. Schon das ist schrecklich.“

„Ich gehe viel lieber allein einkaufen“, warf ich ein, aber im selben Moment wurde mir klar, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Eigentlich ging ich gern mit Leon einkaufen. Als wir uns kennengelernt hatten, waren unsere Spaziergänge oft zu Shoppingtouren geworden. Wir hatten uns komplett neu eingekleidet. Im letzten halben Jahr war Leon oft allein einkaufen gegangen. Er brauchte mich nicht mehr. Und wenn ich neue Schuhe kaufte, versteckte ich sie vor ihm, weil ich keine Lust auf sein Grinsen hatte, wenn er sagte, dass Madame ja doch noch ein paar Groschen übrig hat. Natürlich, irgendwann kam der Kommentar, wenn ich die Schuhe zum ersten Mal trug. Meine neue Seidenwäsche war ihm neulich nicht einmal aufgefallen. Besser so. Ich wollte mir nicht den Spaß durch seine Groschen-Kommentare verderben lassen.

Koljas Mutter hatte inzwischen Kaffee eingegossen und uns jedem ein Stück Kuchen auf den Teller gelegt. Es gab sogar Schlagsahne. Ich legte die Schlagsahne auf den Kaffee. Es war einfach wunderbar, wieder auf diesem alten Sofa zu sitzen, ob mit dem Kopf in den Polstern oder mit angezogenen Beinen – hier war es erlaubt. „Man muss lernen, mit der Einsamkeit zu leben“, sagte sie. „Das ist ein schwieriger Prozess.“ Sie erzählte, wie sie es gelernt hatte, als sie für ihr Studium in eine kleine Stadt gegangen war und ihr Freund in Berlin geblieben war. „Als ich auf mich selbst zurückgeworfen war, habe ich mich entdeckt. In diesen zwei Jahren ist mir klar geworden, was ich wirklich machen möchte. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich würde eines Tages eine Wissenschaftlerin sein, aber nun entdeckte ich das Theaterspielen. Als ich nach Berlin zurückkam, bewarb mich an der Schauspielschule. Mein Freund schlich sich davon. Ich hatte mich in dieser Zeit weiter entwickelt. Er konnte mir nicht folgen. Glaub mir, das wäre niemals passiert, wenn ich immer mit ihm zusammen gehockt hätte.“

„Ich habe Angst davor, mich selbst zu entdecken“, sagte Jolanda.

„Du brauchst Mut dazu“, sagte Koljas Mutter. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ihre Hand lag schon wieder auf dem gewölbten Deckel der blau-weißen Kanne.

Seit einigen Tagen, seit Leon wieder in Verviers war, rief er nicht mehr jeden Abend an. Wenn ich ihn anrief, klang seine Stimme von weiter her als sonst. Er gab sich gleichgültig. Es lag sogar eine Spur Arroganz in seinem Ton.

„Was habe ich davon, zu entdecken, dass ich doch keine Kriminalistin werden möchte, sondern, sagen wir: Zirkusclown. Arbeitslos werde ich so oder so sein.“

Koljas Mutter schaute sie lange an. Ihr Blick spiegelte Jolandas Bedenken. „Ihr habt ganz andere Probleme als wir damals“, sagte sie. „Ich verstehe dich“, sagte sie.

Nach dem Kaffeetrinken ließ ich die beiden allein und ging am See spazieren. Ich fand ein Boot, das, noch im Winterschlaf, umgekippt am Ufer lag. Ich rief Leon an. Seltsam, seit er sich zurückgezogen hatte, war mir klar geworden, wie sehr ich ihn liebte. Er meldete sich aus seinem Hotelzimmer. Er klang einsam. Wieder lag diese Distinktion in seiner Stimme. Ich versuchte, über alle Bedenken hinweg zu gehen, beschrieb ihm den See und die Uferlandschaft, das Licht und den Bootsrumpf, auf dem ich hockte. Ich hätte ihm gern von Koljas Mutter und Jolanda erzählt. „Du fehlst mir“, sagte ich. Er erwiderte nichts. Mir stockte der Atem. Ich wagte nicht, weiter zu fragen. Aus den Fragen, die ich nicht zu stellen wagte, konnte er schließen, dass ich verstanden hatte: Er wusste von Kolja und mir.

Ich legte auf, blickte über das Wasser, hinüber zu dem Wald, der noch grau war und spürte, dass ich den See und die Bäume, den Sandstrand und das welke Schilf, dass ich alles verloren hatte.

Kathrins Notiz-Blog 13. Februar 12

© Illustration Liane Heinze

Jolanda kommt allein zum Essen. „Jakob hatte keine Lust“, sagt sie.

Ich habe ein Familienessen vorbereitet, den Tisch aus der Küche ins Zimmer getragen und mit dem neuen Service gedeckt, das ich auf dem Flohmarkt gekauft habe. Der Platz zwischen dem Fenster und unserem Wandschirm ist ein guter Ort zum Essen und Reden. Das Kerzenlicht spiegelt sich in den gläsernen Schuppen und auf den Dielen.

Jolandas Blick streift mit der Verwunderung der jungen Leute über die Launen der Älteren über die Gedecke, Servietten und Blumen. „Was ist mit ihm?“, frage ich. Sie zuckt die Schultern. „Keine Ahnung.“ Als ich mit dem Fisch aus der Küche zurückkomme, blickt sie abwesend aus dem Fenster. „Ihr hattet Streit.“

Jolanda beginnt zu weinen. Sie schüttelt ein Taschentuch aus und schnaubt geräuschvoll hinein.

Auf dem Tisch dampft der Fisch. Er brodelt noch in der Pfanne. „Jakob zieht sich mehr und mehr zurück“, sagt Jolanda. „Es ist dasselbe wie vor einem halben Jahr. Er sagt, er sei noch nicht so weit, mit jemandem zusammen zu leben, auf Familie zu machen, blabla.“ Jolanda schaut den Fisch an. „Das sieht gut aus“, sagt sie unter Tränen und schnäuzt sich wieder. „Möchtest du?“ frage ich. Sie nickt und hält mir den Teller hin. „Schönes Geschirr“, sagt sie traurig. „Warum kann man nicht einfach ganz normal zusammen leben?“ Der Teller in ihrer Hand beginnt zu zittern. Sie schluchzt. Der Teller kippt nach rechts. Sie schafft es gerade noch, ihn abzusetzen, ohne dass die Sauce auf das Holz kleckert. „Ich glaube, er hatte sogar Lust, mitzukommen, aber er tut es nicht, weil er mir zeigen will, wie unerhört selbstbestimmt er ist. Das ist doch Kinderkram, oder? – Tröste dich, er hat nichts gegen dich. Er kommt auch nicht mit zu meinen Freunden. Er hat etwas gegen mich. Statt dass wir es uns mal schön machen, geht er drei Tage mit seinem Kumpel Max in die Sächsische Schweiz klettern.“

Ich will etwas erwidern, aber Jolanda wehrt sofort ab. „Ich weiß, was du sagen willst: Lass ihn doch klettern! Aber das meine ich nicht. Von mir aus kann er mit Max solange die Felsen rauf und runter klettern, bis sie rund sind. Aber warum weigert er sich, auch mal was mit mir zu machen? Wenn man sich liebt, macht man doch auch Dinge dem anderen zuliebe, oder?“ Sie steht auf und tritt ans Fenster. „Darf ich eine rauchen?“

„Die Felsen in der Sächsischen Schweiz sind schon rund“, sage ich leise. „Was meinst du, warum er sich so verhält? Was steckt dahinter?“

Jolanda schluckt hastig den Rauch. „Keine Ahnung, er hat offenbar ein Problem damit, dass wir zu zweit sind. Er ist ein Egoist.“

„Wirklich? Aber du liebst ihn doch.“

„Man kann auch Egoisten lieben.“

„Vielleicht fühlt er sich unterlegen?“, sage ich.

„Hast du irgendwo einen Aschenbecher?“ Jolanda hält die glühende Asche über ihren Handteller. Sie öffnet das Fenster. In der Küche suche ich nach etwas, das man als Aschenbecher verwenden könnte, aber unsere Küche ist wirklich mangelhaft ausgestattet. Schließlich fische ich ein ausgebranntes Teelicht aus dem Mülleimer. „Sieh mal, er ist zu dir gezogen. Das ist deine Wohnung. Das schafft ein bestimmtes Verhältnis zwischen euch. Er bewegt sich sozusagen in deinem Geltungsbereich.“

„Quatsch“, sagt sie. Sie hat ihren Fisch noch nicht angerührt, und allein schmeckt es mir auch nicht. Ich schenke uns ein Glas Wein ein. „Drehst du mir auch eine?“

„Klar.“ Sie setzt sich wieder an den Tisch und breitet um ihren Teller herum die Raucher-Utensilien aus. „Jetzt ist es unsere Wohnung. Wir haben sie zusammen eingerichtet.“

Ich erinnere mich an den Tag, als ich zu Leon gezogen bin. Wie Jakob hatte ich einfach ein paar Sachen gepackt und auf seinen Bügeln wieder aufgehangen. Er war so glücklich. „Ich finde es unglaublich mutig, dass du das machst.“ Mutig? Ich hatte mich in seinem Spiegel betrachtet und mich darin schön gefunden. Ja, ich war mutig. Wenn ich mein Leben betrachtete, hatte ich in allen Entscheidungen immer Mut bewiesen. Leon war der Erste, der es bemerkt hatte. Nicht einmal mir selbst war es bisher aufgefallen.

„Du hast Recht“, sage ich. „Das mit der Wohnung ist natürlich Unsinn.“
Wir rauchen und trinken den Wein. Im Kerzenlicht haben sich  die Blautöne des Wandschirms in Grautöne verwandelt und einige Grüntöne leuchten golden. „Seltsam“, sage ich.

„Was? fragt Jolanda fahrig.

„Ach, nichts weiter. Ich musste nur gerade daran denken, wie ich bei Leon eingezogen bin.“

Wir sitzen eine Weile schweigend.

„Du solltest ihn verlassen“, sage ich.

„Spinnst du?“ sagt Jolanda.

„Er tut dir weh.“

„Du verlässt Leon doch auch nicht.“

„Ich werde ihn verlassen.“

„Ach nee!“

„Ich brauche nur noch einen neuen Computer. Ich muss unabhängig sein.“

„Und es muss natürlich ein Apple sein.“

„Natürlich.“

„Du solltest das Geld für den Mac bei denen sammeln, die ihn nicht leiden können. Dann hast du es schnell zusammen.“

„Du wärst vielleicht erstaunt, wie viele ihn mögen.“

„Ach, wer denn?“

„So auf die Schnelle fällt mir niemand ein. Ist auch egal“, sage ich. Ich spüre den schweren Wein. „Meine Güte, haben wir ein schlechtes Karma. Woher kommt das nur?“

„Ich bin nicht du“, sagt Jolanda. „Ich werde niemals wie du sein.“

„Das hoffe ich sehr für dich“, sage ich.

„Das wäre dann also geklärt“, sage ich und schließe einen Moment lang die Augen. Mein Kopf summt.

„Ich liebe Jakob. Ich werde ihn niemals gehen lassen.“

Habe ich so etwas jemals über Leon gesagt? Plötzlich habe ich das Gefühl, menschlich versagt zu haben, nicht wirklich zu lieben. Der Fisch liegt still und kalt zwischen uns.

„Ihr braucht jemanden, der sich mit euch hinsetzt und redet“, schlage ich vor.

„Das habe ich auch gedacht, aber Jakob hält das nicht für notwendig.“

„Aber du leidest doch!“

„Vielleicht ist ihm das nicht klar. Ich werde mit ihm reden.“ Wir trinken den Wein aus und überlegen, wer als Mediator in Frage käme. Es müsste eine neutrale Person sein. „Leon?“

„Habe ich auch schon gedacht. Aber ich kenne niemanden, der als Mediator schlechter geeignet ist als Leon. Der kann doch nur sich selbst zuhören.“

„Er hört manchmal sehr genau zu“, protestiere ich.

„Ja, um seinen Einsatz beim Streiten nicht zu verpassen.“ Jolanda kichert.

„He? Lässt er beim Streiten neuerdings andere zu Wort kommen?“ Ich muss lachen. „Ach, es könnte so lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre.“ Wir gehen die ganze Familie durch, den Freundeskreis. Niemand scheint uns wirklich geeignet. Plötzlich fällt mir Koljas Mutter ein. „Sie ist eine großartige Frau. Du musst sie unbedingt kennenlernen. Sie hat einiges erlebt. Wenn sie dich anschaut, fühlst du dich durchschaut, erkannt, wie auch immer. Wir müssen zu ihr fahren. Oder du und Jakob, ihr fahrt am besten zu ihr.“

„Du bist betrunken, Mama. Ich fahre doch nicht zur Mutter deines Liebhabers, um meine Beziehungsprobleme zu klären.“

„Ich bin nicht betrunken. Es ist mein voller Ernst. Sie weiß doch gar nicht, dass ich etwas mit Kolja habe.“

„Eben sagtest du, sie sei eine intelligente Frau mit Menschenkenntnis.“

„Du meinst, sie….“

„Hallo, ist sie es oder nicht?“

„Ja.“

„Muss man einer solchen Frau alles…“

„Scheiße, du hast Recht. Natürlich weiß sie es. Dreh mir noch ne Zigarette, ja!“

„Ist doch jetzt nicht schlimm, oder? sagt Jolanda. „Übrigens habe ich auf einmal einen Bärenhunger.“

Ich schiebe die Pfanne mit dem Fisch zurück in die Backröhre. Ich frage mich, wie ich so naiv sein konnte, zu glauben, Koljas Mutter ahne nicht das Geringste. Jolanda schleppt den Laptop rüber ins Zimmer und zeigt mir auf Youtube Videos mit Anna Depenbusch, die sie kürzlich entdeckt hat. In Gedanken gehe ich den letzten Besuch bei Koljas Mutter noch einmal durch. Tut sie das alles, weil sie sich für mich verantwortlich fühlt? Vielleicht mag sie mich gar nicht? Ich zeige Jolanda Videos von Daniel Kahn, den ich kürzlich entdeckt habe. Wir hüpfen ein bisschen im Zimmer herum, aber es hilft nicht gegen das flaue Gefühl im Magen, zu dem sich neben Hunger und Rotwein nun die Unsicherheit in der Deutung von Koljas Mutter gesellt.

Beim Fisch beschließen wir, sie zu besuchen.

Kathrins Notiz-Blog 8. Dezember 11

© Illustration Liane Heinze

Ich habe schon jetzt dieses 1. Januar-Flattern. Es will nicht gemütlich werden um mein Herz. Die leeren Blätter des neuen Kalenders machen mir Angst. Wo werde ich leben? Was werde ich tun?

Vor ein paar Wochen hat Synne seine Wohnung in der Karl-Marx-Allee bezogen. Er war zufrieden mit meiner Arbeit. Er hat die Räume, die Kolja und ich gestaltet haben, mit großer Selbstverständlichkeit eingenommen, wie jemand, der an funktionierendes Personal gewöhnt ist. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen, aber ich hatte etwas mehr Anerkennung erwartet.

Synne hat Kolja und mich zu einem Konzert in eine düstere, archaische Halle im Wedding eingeladen. Dort wurde eine seiner Kompositionen gespielt. Sie gefällt mir. Ich fand mich darin wieder. Synne hat meinem Anfang-Januar-Gefühl-mitten-im-Advent einen Klang gegeben. Es klingt, als ob hauchdünnes Glas in Zeitlupe zerbricht, so dass man zuschauen kann, wie die Splitter durch die Luft wirbeln.

Sicher bin ich völlig unbegabt. „Was willst du denn? Wir haben unseren Job gemacht und er hat bezahlt“, sagt Kolja in der Pause. Er stützt sich mit dem Ellbogen auf der klebrigen Bar ab. Er trägt die Lederjacke offen und rollt nervös eine Zigarette in den Fingern. „Kommst du kurz mit raus?“

Das ehemalige Werksgelände ist verlassen. Durch die Lichtkegel der Lampen sprüht feiner Regen. Es ist kalt. Ich bibbere. Mein Mantel liegt drin, auf der Lehne des Plastikklappstuhls.

„Hast du den Birkenast im Fenster an Synnes Arbeitstisch gesehen?“

„Klar“, sagt Kolja.

„Ich habe ihn auf der Straße gefunden und mit geschleppt. Das hätte ich doch nicht tun müssen, oder? Unsere Arbeit ist doch ein bisschen mehr als ein Job…genauso wie die Musik. Synne möchte auch wissen, ob uns sein Stück gefallen hat. Wir sagen doch nicht: Er hat seinen Job gemacht und wir haben bezahlt.“

„Ist aber so“, sagt Kolja. „Von den meisten Leuten bekommt er kein Feedback, es sei denn, sie fanden es unmöglich. Man klatscht ein bisschen, steht auf und geht nach Hause.“

„Na komm, erstens wird unterschiedlich geklatscht und dann passiert da doch noch was. Man redet darüber, wenn man nach Hause geht.“

„Was geredet wird, hört er ja nicht. Der Künstler bleibt allein zurück“, sagt Kolja. „Wenn er Glück hat, geht jemand mit ihm essen. Wenn er noch mehr Glück hat, findet er in irgendeinem Blog eine Kritik. Das war’s.“

Kolja fand meine Arbeit gut, aber auch er sagt das ohne Begeisterung. Begeisterung scheint uncool zu sein.

Ich bin sicher, Leon hätte den Birkenast auch mit geschleppt. Leon hätte ihn auch mit geschleppt, wenn er dreimal so schwer gewesen wäre. Aus purer Begeisterung über seinen Fund. Leon ist ungefähr so uncool wie ich. Er hätte Synne so lange von dem Ding geschwärmt, bis der wenigstens einen anerkennenden Pieps von sich gegeben hätte.

Kolja ist mir nahe, wenn er meinen Körper und mein Gesicht liest. Aber sobald er sich abwendet, reißt die Verbindung zwischen uns. Leon ist mir immer noch nicht fremd. Er ist immer noch mein Verbündeter.

Aber jetzt: Der neue, saubere Kalender, die leeren Seiten, mit denen ich wieder nicht klar kommen werde, weil meine Schrift zu groß und zu chaotisch ist, die Ungewissheit, die vor mir liegt, gehalten in einer Struktur aus Monaten und Tagen, die ich mit Terminen füllen, die ich abhaken und sogleich vergessen werde, ein ganzes Buch voll Zeit, für die der weitere Verlust der Liebe vorausgesagt ist, die also nicht zählt.

Kathrins Notiz-Blog 26. September 11

© Illustration Liane Heinze

Ich liebe den September. Alles wird ruhig und klar. Es ist, als ob die Häuser und Bäume, die Stadt und der Himmel, näher zusammen rücken. Alles wird sich finden. Es ist nicht das Ende der Welt.

Auf den bunten Fliesen im Hausflur ist eine Nacktschnecke angetrocknet. Sie hat eine kleine Schleimspur hinterlassen. Sie ist hart wie Lakritz. Leon würde sie nehmen und in den Hof tragen, in ein würdigeres Grab. Aber Leon ist nicht hier.

Jolanda öffnet in Jogginghosen und T-Shirt. Sie ist heute vermutlich noch nicht vor die Tür gegangen. Ihr Gesicht ist verheult. Ich nehme sie in die Arme. Sie fühlt sich an wie eben erst aufgestanden, aufgeweicht und warm, formlos, aus der Fassung.

Ich lasse meinen Koffer im Flur stehen. Die Küche sieht noch genauso aus wie damals, als ich ausgezogen bin. Trotzdem wirkt die Wohnung dunkel. Jolanda hat in ihrem Zimmer schwere Vorhänge zugezogen.

Sie hatte angerufen und erzählt, dass Jakob weg ist, zurück zu seinen Eltern. Er sei sich plötzlich nicht mehr sicher gewesen, ob er das wirklich schon will, Zusammenleben in einer eigenen Wohnung und so.

„Das heißt doch nicht, dass er sich von dir trennen will“, sage ich.

„Er will für ein Jahr in die USA“, schreit Jolanda. Sie beginnt zu weinen.

„Aber das ist doch normal. Ihr seid jung. Er kommt zurück. Ein Jahr ist gar nichts.“

„Wieso spricht er nicht mit mir über alles? Wer bin ich denn für ihn?“ Sie lässt sich in einen der Korbstühle sacken, zieht die Beine an sich und schluchzt.

„Habt ihr nicht darüber gesprochen?“

„Mit den USA, das weiß ich nicht von ihm. Lukas hat es mir gestern erzählt.“

„Hast du Jakob gefragt, wieso er nicht mit dir zuerst darüber gesprochen hat?“

„Ja.“ Sie wischt die Tränen breit.

„Und?“

„Er sagt, ich würde zu schnell austicken. Was soll ich machen? Ich habe solche Angst davor, dass er geht.“

„Bleib ruhig! Es gibt unendlich viele Paare, die das überstanden haben.“

„Und genauso viele, die sich getrennt haben.“ Jolanda funkelt mich wütend an. Es ist das erste Mal, seit ich da bin, dass sie mich überhaupt anschaut.

„Alles war gerade so schön. Wieso kann es nicht so bleiben?“

„Weil ihr keine alten Leute seid.“

„Ich kann nicht alleine sein. Aber ich will auch nicht wieder mit dir hier leben. Jetzt ist es die Wohnung von Jakob und mir geworden.“ Sie schluchzt wieder.

„Ihr könnt telefonieren, skypen…“

„Aber er ist dann nicht hier, bei mir. Ich kann ihn nicht anfassen.“

„Er wird für dich da sein. Du kannst mit ihm reden, ihn besuchen. Vielleicht wird es eine wunderbare, intensive Zeit.“

Jolanda kaut auf ihrer Lippe.

„Aber hier in der Wohnung werde ich allein sein.“

„Davor hast du Angst?“

„Höllenangst.“

 

Jemand hat die Schnecke weg geräumt, aber ihre Schleimspur klebt noch auf den Fliesen. Sonne flutet die Straße. Ich versuche, mit dem Leben Schritt zu halten, wenigstens bis zu dem kleinen Laden an der Ecke. Als ich vor der Kühltruhe stehe, ratlos, welche Pizza ich für Jolanda und mich kaufen soll, ruft Leon wieder an. Er hat es im Laufe des Tages schon einige Male versucht, aber ich bin nicht ans Telefon gegangen.

„Ich wollte nur fragen, wie es dir geht“, sagt er.

„Geht so“, sage ich.

„Ich komme morgen Abend nach Berlin.“

„So.“

Schweigen.

„Wir können essen und reden.“

„Nein“, sage ich. „Es ist Schluss, ein für allemal.“

„Lass uns noch einmal reden.“

„Ruf an, wenn du hier bist.“ Ich lege auf. Die Tränen kommen.

Die bunten Pizzaschachteln verschwimmen. Ich greife in die Kühltruhe, ziehe etwas heraus. Wie in einer Tombola. Jolanda ruft an, bittet mich, Erdbeerjoghurt mitzubringen. Ich halte mit einer Hand das Telefon, tupfe mit der anderen die Tränen ab. Mein Portemonnaie kippt aus. Eine dünne Frau hilft mir, die Münzen aufzulesen. Ihre Umrisse verschwimmen. Jogginghose, enges, weißes Top. „Alles in Ordnung?“ Ihr Gesicht nähert sich. Dunkle Augen. Die Haare aus dem Gesicht. Pferdeschwanz. Wie wunderbar, dass es Menschen wie sie gibt. Sie tauchen im engen, überfüllten Gang des Spätverkaufs genau im richtigen Moment auf, machen, dass man einige Momente lang glücklich ist, und treten doch nur verschwommen, verwischt in Erscheinung.

„Sie haben nur Stracciatella und  Vanille“, melde ich Jolanda. Sie entscheidet sich für Stracciatella.

Ich suche nach der Frau in der Jogginghose, als das Telefon in meiner Tasche wieder surrt. Als ich den Tränenschleier weg gedrückt und Koljas Namen im Display gelesen habe, ist die Frau spurlos verschwunden.

„Ich mache mir Sorgen um dich.“ Koljas melancholische Stimme, die manchmal vornehm knarrt wie altes Parkett.

Vielleicht war die Frau ein Engel. „Achso”, sage ich.

„Wo bist du? Was machst du?“, fragt Kolja.

Ich erzähle ihm von Jolanda.

„Soll ich kommen?“

„Es ist schwierig“, sage ich. „Ich wäre heute lieber mit ihr allein.“

„Morgen?“

„Vielleicht morgen“, sage ich. Aber das ist auch keine Lösung, denke ich laut.

 

Später liege ich wieder in diesem Bett, direkt über den Cafés und Bars der Straße. Es ist so laut, als stünde das Bett mitten in einer Bar, dabei trennen mich mindestens sieben Meter von den Partys da unten.

Ich frage mich, wie es sein wird, wieder allein zu sein. Vielleicht werde ich es für immer bleiben.

Kann man von der Vergangenheit zehren? Wenn ja, wieviel Kalorien hat sie? Vor zwei Jahren im Erdbeerfeld war eine Frau, die mir erzählte, wie gut es ihr gegangen ist, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gelebt und gearbeitet hat. Dann hat er sie wegen einer anderen verlassen und sie verlor auf einen Schlag ihr Zuhause und ihre Arbeit. Sie sei noch einmal richtig durch gestartet, sagte sie. Man müsse den Schmerz transformieren. Sie habe eine Boutique eröffnet. Aber nach zwei Jahren war sie finanziell ruiniert. Sie sei einmal so schön wie eine Diva gewesen, sagte sie. Sie hielt sich für nicht mehr schön, aber sie war eine hübsche Frau in ihren Jeans, der abgetragenen Strickjacke und den Gummistiefeln, mit langen Fingernägeln, die vom Erdbeerpflücken schmutzig geworden waren, eine Frau Mitte Fünfzig mit einer warmen Ausstrahlung.

Aber was sind unsere Erinnerungen mehr als die Schleimspur der Schnecke, die unten im Hausflur vertrocknet ist? Wir sind was wir sind. Wir werden nicht attraktiver, erfolgreicher und glücklicher, wenn wir der Vergangenheit nachhängen.

Ich stehe wieder auf und betrachte die Wohnung, die nicht mehr meine ist. Vor der Fensterfront steht jetzt ein langer Arbeitstisch. Jakobs Seite ist aufgeräumt, beinahe leer. Auf Jolandas Seite liegen Bücher, Papiere, Hefte und Ordner zu einem gefährlich schiefen Berg gestapelt, dazwischen Kaugummipackungen, Zutaten für Zigaretten, Kopfschmerztabletten. Wie durch ein Wunder kommt der Berg nicht ins Rutschen. Ihr Computer befindet sich im Standby.

Ich will nicht an das Alleinsein denken, aber es sind keine anderen Gedanken da. Morgen kann ich Leon treffen. Ich kann morgen auch Kolja treffen. Aber das meine ich nicht. Ich werde beiden absagen.

Ich fahre in meine Jeans, ziehe den Trenchcoat über und verlasse die Wohnung. Allein treibe ich durch die laute, helle Nacht. Das fühlt sich nicht gut an, aber besser, als den alten Schleimspuren zu folgen.