Kathrins Notiz-Blog 8. Dezember 11

© Illustration Liane Heinze

Ich habe schon jetzt dieses 1. Januar-Flattern. Es will nicht gemütlich werden um mein Herz. Die leeren Blätter des neuen Kalenders machen mir Angst. Wo werde ich leben? Was werde ich tun?

Vor ein paar Wochen hat Synne seine Wohnung in der Karl-Marx-Allee bezogen. Er war zufrieden mit meiner Arbeit. Er hat die Räume, die Kolja und ich gestaltet haben, mit großer Selbstverständlichkeit eingenommen, wie jemand, der an funktionierendes Personal gewöhnt ist. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen, aber ich hatte etwas mehr Anerkennung erwartet.

Synne hat Kolja und mich zu einem Konzert in eine düstere, archaische Halle im Wedding eingeladen. Dort wurde eine seiner Kompositionen gespielt. Sie gefällt mir. Ich fand mich darin wieder. Synne hat meinem Anfang-Januar-Gefühl-mitten-im-Advent einen Klang gegeben. Es klingt, als ob hauchdünnes Glas in Zeitlupe zerbricht, so dass man zuschauen kann, wie die Splitter durch die Luft wirbeln.

Sicher bin ich völlig unbegabt. „Was willst du denn? Wir haben unseren Job gemacht und er hat bezahlt“, sagt Kolja in der Pause. Er stützt sich mit dem Ellbogen auf der klebrigen Bar ab. Er trägt die Lederjacke offen und rollt nervös eine Zigarette in den Fingern. „Kommst du kurz mit raus?“

Das ehemalige Werksgelände ist verlassen. Durch die Lichtkegel der Lampen sprüht feiner Regen. Es ist kalt. Ich bibbere. Mein Mantel liegt drin, auf der Lehne des Plastikklappstuhls.

„Hast du den Birkenast im Fenster an Synnes Arbeitstisch gesehen?“

„Klar“, sagt Kolja.

„Ich habe ihn auf der Straße gefunden und mit geschleppt. Das hätte ich doch nicht tun müssen, oder? Unsere Arbeit ist doch ein bisschen mehr als ein Job…genauso wie die Musik. Synne möchte auch wissen, ob uns sein Stück gefallen hat. Wir sagen doch nicht: Er hat seinen Job gemacht und wir haben bezahlt.“

„Ist aber so“, sagt Kolja. „Von den meisten Leuten bekommt er kein Feedback, es sei denn, sie fanden es unmöglich. Man klatscht ein bisschen, steht auf und geht nach Hause.“

„Na komm, erstens wird unterschiedlich geklatscht und dann passiert da doch noch was. Man redet darüber, wenn man nach Hause geht.“

„Was geredet wird, hört er ja nicht. Der Künstler bleibt allein zurück“, sagt Kolja. „Wenn er Glück hat, geht jemand mit ihm essen. Wenn er noch mehr Glück hat, findet er in irgendeinem Blog eine Kritik. Das war’s.“

Kolja fand meine Arbeit gut, aber auch er sagt das ohne Begeisterung. Begeisterung scheint uncool zu sein.

Ich bin sicher, Leon hätte den Birkenast auch mit geschleppt. Leon hätte ihn auch mit geschleppt, wenn er dreimal so schwer gewesen wäre. Aus purer Begeisterung über seinen Fund. Leon ist ungefähr so uncool wie ich. Er hätte Synne so lange von dem Ding geschwärmt, bis der wenigstens einen anerkennenden Pieps von sich gegeben hätte.

Kolja ist mir nahe, wenn er meinen Körper und mein Gesicht liest. Aber sobald er sich abwendet, reißt die Verbindung zwischen uns. Leon ist mir immer noch nicht fremd. Er ist immer noch mein Verbündeter.

Aber jetzt: Der neue, saubere Kalender, die leeren Seiten, mit denen ich wieder nicht klar kommen werde, weil meine Schrift zu groß und zu chaotisch ist, die Ungewissheit, die vor mir liegt, gehalten in einer Struktur aus Monaten und Tagen, die ich mit Terminen füllen, die ich abhaken und sogleich vergessen werde, ein ganzes Buch voll Zeit, für die der weitere Verlust der Liebe vorausgesagt ist, die also nicht zählt.

Kathrins Notiz-Blog, 29. September 11

© Illustration Liane Heinze

Ich möchte Leon etwas zum Abschied schenken, ein Buch, das ich liebe, einen Ring als Zeichen, das wir zusammen gehören, auch wenn unsere Wege sich jetzt wieder trennen, einen einmaligen, besonderen Stein zur Erinnerung an eine besondere Zeit…

Er hat einige Male angerufen. Ich laufe die Treppe im Haus hinunter, jemand hat die Schnecke weg geräumt, aber ihre Schleimspur klebt noch auf den Fliesen. Die Sonne flutet in die Straße. Es ist Leben. Ich trete hinaus und versuche Schritt zu halten, wenigstens bis zu dem kleinen Laden an der Ecke. Als ich vor der Kühltruhe stehe, ratlos, welche Pizza ich für Jolanda und mich kaufen soll, ruft Leon wieder an. Diesmal nehme ich an.

„Ich wollte nur fragen, wie es dir geht“, sagt er.

„Geht so“, sage ich.

„Ich komme morgen Abend nach Berlin.“

„Aha.“

Schweigen.

„Wir können zusammen essen und reden.“

„Nein“, sage ich. „Es ist Schluss, ein für allemal, ich tue mir das nicht mehr an.“

„Lass uns noch einmal reden.“

„Ruf an, wenn du hier bist.“ Ich lege auf. Kurz bevor die Tränen kommen.

Die bunten Pizzaschachteln verschwimmen zu einem Aquarell. Ich greife hinein, ziehe etwas Kaltes heraus. Jolanda bittet mich, Erdbeerjoghurt mitzubringen. Erdbeerjoghurt. Ich tupfe die Tränen mit den Fingerspitzen ab. Mein Portemonnaie kippt aus. Eine dünne Frau hilft mir die Münzen aufzulesen, verschwimmt vor meinen Augen. Jogginghosen, enges, weißes Top. „Alles in Ordnung?“ Ihr Gesicht nähert sich meinem. Dunkle Augen. Die Haare aus dem Gesicht. Pferdeschwanz. Ich bin ihr dankbar. Wie wunderbar, dass es Menschen wie sie gibt. Im engen, überfüllten Gang des Früh – und Spät -, des Immerverkauf schlägt meine tiefe Traurigkeit um in eine euphorische Zuneigung zu den gütigen Menschen, die immer nur verschwommen, verwischt in Erscheinung treten.

Ich habe Schwierigkeiten, mich auf die Joghurtbecher zu konzentrieren. „Sie haben nur Vanille und Stracciatella“, melde ich Jolanda. Sie verordnet uns Stracchiatella.

Als das Telefon in meiner Tasche surrt, ich den Tränenschleier weg gedrückt habe und Koljas Namen im Display lese, hat die Frau sich bereits aufgelöst.

„Ich mache mir Sorgen um dich.“ Mit dieser melancholischen Stimme, die manchmal vornehm knarrt wie altes Parkett.

„Achso.” Ich suche immer noch nach der Frau in der Jogginghose. Sie ist wie vom Erdboden verschwunden.

„Wo bist du? Was machst du?“, fragt Kolja.

Ich erzähle ihm von Jolanda.

„Soll ich kommen?“

„Es ist schwierig“, sage ich. „Ich wäre heute lieber mit ihr allein.“

„Morgen?“

„Vielleicht morgen“, sage ich. Aber das ist auch keine Lösung, denke ich laut.

Ich liege wieder in diesem Bett, das direkt über den Cafés und Clubs der Straße zu schweben scheint, dabei trennen mich mindestens sieben Meter von den Partyleuten. Ich frage mich, wie es sein wird, wieder allein zu sein. Vielleicht werde ich es für immer bleiben.

Kann man von der Vergangenheit zehren? Wenn ja, wie viel Kalorien hat die Erinnerung? Vor zwei Jahren im Erdbeerfeld war eine Frau, die mir erzählt hat, wie gut es ihr gegangen ist, als sie noch mit ihrem Freund zusammen gelebt und gearbeitet hat. Dann hat er sie wegen einer anderen verlassen und sie verlor auf einen Schlag ihr Zuhause und ihre Arbeit. Sie habe den Trennungsschmerz transformiert und sei noch einmal richtig durch gestartet, sagte sie. Sie habe eine Boutique eröffnet. Aber nach zwei Jahren sei sie finanziell ruiniert gewesen. Sie sei einmal so schön wie eine Diva gewesen, sagte sie. Sie hielt sich für nicht mehr schön, aber sie war noch immer eine hübsche Frau in ihren Jeans, der abgetragenen Strickjacke und den Gummistiefeln, mit langen Fingernägeln, die vom Erdbeerpflücken schmutzig geworden waren, eine Frau Mitte Fünfzig mit einer warmen Ausstrahlung.

Aber was waren ihre Erinnerungen mehr als die Schleimspur der Schnecke, die unten im Hausflur gestorben ist? Denn wir sind was wir sind. Wir werden nicht attraktiver, erfolgreicher und glücklicher, wenn wir der Vergangenheit nachhängen.

Ich liege da und rühre mich nicht, während der Lärmpegel unter meiner Matratze langsam anschwillt. Ich will nicht an das Alleinsein denken, aber es sind keine anderen Gedanken da. Also stehe ich auf und wandere durch die Wohnung, die nicht mehr meine ist.

Vor der Fensterfront steht jetzt ein langer Arbeitstisch. Ich setze mich auf Jakobs Seite, die aufgeräumt und beinahe leer ist. Auf Jolandas Seite liegen Bücher, Papiere, Hefte und Ordner zu einem gefährlich schiefen Berg gestapelt, dazwischen Kaugummipackungen, Zutaten für Zigaretten, Kopfschmerztabletten. Wie durch ein Wunder kommt der Berg nicht ins Rutschen. Ihr Computer befindet sich wie immer im Standby.

Als der Bildschirm aufflammt, sehe ich, dass sie zwölf ungelesene Mails hat. Ich stöbere nicht in Jolandas Briefen und Ordnern. Ich muss meine Neugier nicht einmal zügeln. Es gibt offenbar Dinge, die ich nicht wissen will. Ich gebe erst Leons Namen, dann meinen bei Google ein. Leon erscheint in Radfahrer und –Sammler-Foren. Es gibt auch Fotos von ihm, Fotos, die ihn auf Touren mit anderen zeigen. Von mir gibt es nichts. Ich schaue nicht nach meinen Mails. Ich möchte aussteigen aus der Wirklichkeit, durch nichts daran erinnert werden, dass ich ein Leben habe, das weiter geführt werden muss. Ich schalte den Computer endlich aus, fahre in meine Jeans, ziehe meinen Trenchcoat über, schleiche mich aus der Wohnung und lasse mich durch die helle, laute Nacht treiben.

Kathrins Notiz-Blog 26. September 11

© Illustration Liane Heinze

Jolandas kurze Sätze klingen wie versteinert. Jakob ist gegangen.

Ich packe ein paar Sachen in meinen Koffer und mache mich auf den Weg. Nach Hause? Wo ist das? Bei Jolanda werde ich nicht wieder einziehen. Diese Wohnung gehört jetzt ihr und Jakob. Auch wenn ich noch einen Schlüssel besitze, ist sie nicht mehr mein Zuhause. Vielleicht kann ich ein paar Tage bei Jolanda bleiben, bis ich eine Wohnung für mich gefunden habe.

Die Sonne scheint und die Kirschbäume in der Straße werden schon gelb. Ich liebe diese Jahreszeit, in der sich die Natur beruhigt und die Luft ganz klar wird. Es ist, als ob die Häuser und Bäume, die Straßen und Schienenstränge, die Stadt und der Himmel näher zusammen rücken. Alles wird sich finden, flüstere ich mir zu. Es ist nicht das Ende der Welt.

Auf den bunten Fliesen im Hausflur ist eine Nacktschnecke angetrocknet. Sie hat eine kleine Schleimspur hinterlassen. Sie ist hart wie Lakritz. Als ich neben der Schnecke im Hausflur hocke, höre ich Leon sagen: Komm, wir bringen sie nach hinten, auf die Wiese. Aber ich stehe auf und lasse die Schnecke liegen. Leon ist nicht da.

Jolanda öffnet in Jogginghosen und T-Shirt. Sieht aus, als sei sie heute noch nicht vor die Tür gegangen. Ihr Gesicht ist verheult. Ich nehme sie in die Arme. Sie fühlt sich an wie eben erst aufgestanden, weich, aufgeweicht und warm, formlos, völlig aus der Fassung.

Ich lasse meinen Koffer im Flur stehen und folge Jolanda in die Küche. Die Küche ist der einzige Raum, der noch genauso aussieht wie damals, als ich ausgezogen bin. In Jolandas Zimmer, gegenüber der Küche, sind die Vorhänge zugezogen. Sie schwingt sich auf das Fensterbrett und breitet das Material für ihre Zigaretten neben sich aus. Vor drei Tagen sei Jakob das erste Mal über Nacht bei seinen Eltern geblieben, erzählt sie. Er habe sie angerufen und gesagt, dass sie ihn zum Essen eingeladen hätten und er danach beschlossen habe, ein paar Tage dort zu bleiben, um über seine Zukunft nachzudenken, ganz in Ruhe.

In diesem Moment wird Jolanda von einem Weinen geschüttelt. Der Tabak krümelt aus dem Zigarettenpapier. Wütend schmettert sie die halbfertige Zigarette auf den Boden.

Ich nähere mich vorsichtig und lege eine Hand auf ihren Arm. „Glaubst du, dass er dich anlügt und in Wahrheit eine andere hat?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Was ist dann passiert?“

„Er ist weg“, schreit sie, schluchzend.

„Er hat sich zurück gezogen um über sich nach zu denken. Das heißt doch nicht, dass er weg ist.“

„Er sagt…“ Jolanda hebt den Kopf und versucht sich zu sammeln. „Er sagt, dass er nicht sicher ist, ob er wirklich schon so auf Familie machen will, mit eigener Wohnung und so….“ Sie fällt wieder in sich zusammen.

„Moment mal! Er ist bei seinen Eltern, um über sich nachzudenken und dabei könnte herauskommen, dass er nicht mehr mit dir in einer Wohnung leben will. Aber das heißt doch nicht, dass er sich trennen möchte.“

„Er will für ein Jahr in die USA gehen“, schreit Jolanda mit zitternder Stimme.

Ich ziehe meine Hand zurück. „Das ist doch normal. Ihr seid jung. Ihr müsst euch die Welt anschauen. Er kommt zurück. Ein Jahr ist gar nichts.“

„Auf Familie machen….“, wiederholt sie. „Wir haben doch nicht auf Familie gemacht.“

„Jakob ist ehrgeizig. Er hat Dinge vor. Ihr könnt skypen und euch besuchen…“

„Wieso spricht er nicht mit mir über seine Zukunft? Ich bin doch seine Freundin. Wer bin ich denn für ihn?“

„Hast du ihm diese Frage gestellt?“

Jolanda antwortet nicht sofort. Unter Schluchzen versucht sie es mit der nächsten Zigarette. „Ich habe ihn gefragt, warum wir nicht darüber reden können, wie normale Leute?“

„Was hat er gesagt?“

„Ich würde zu schnell austicken. – Was soll ich machen? Ich habe solche Angst, dass er geht.“

„Bleib ruhig! Es gibt unendlich viele Paare, die das überstanden haben.“

„Und genauso viele, die sich getrennt haben.“ Jolanda blickt mich verstört aus rote Augen an. Es ist das erste Mal, seit ich da bin, dass sie mich überhaupt ansieht. „Alles ist gerade so schön. Wieso kann es nicht so bleiben?“

„Weil ihr keine alten Leute seid.“

„Ich kann nicht alleine sein. Aber ich will auch nicht wieder mit dir hier leben. Jetzt ist es die Wohnung von Jakob und mir geworden.“ Sie weint wie früher, als kleines Kind.

„Ja. Ja. Wie oft hast du ihn angerufen in den letzten Tagen, seit er zu Hause schläft?“

„Wir haben stundenlang telefoniert“, sagt Jolanda. „Ich wollte ihn treffen…Ich habe schreckliche Angst davor, dass er fortgeht.“

„Es ist nicht das Ende.“

„Aber er ist dann nicht da.“

„Er wird für dich da sein. Du kannst mit ihm reden, ihn besuchen. Vielleicht werdet ihr eine intensivere Zeit haben als wenn er hier ist.“

Jolanda kaut auf ihrer Lippe.

„Aber ich bin allein in der Wohnung.“

„Davor hast du Angst?“

„Höllenangst.“

Kathrins Notiz-Blog 13. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Kolja hat mich zur Begrüßung nicht gelesen. Sonst überfliegt er mein Gesicht wie eine Titelseite, bevor er mich an sich drückt. Noch immer macht mich seine Aufmerksamkeit verlegen. Heute küsste er an meinen Wangen vorbei. Und holte für mich einen piefigen Hocker aus der Küche, ein Ding mit drei Löchern im Sitz. Sieht aus wie eine geplättete Bowlingkugel. Man kann nicht einmal damit kippeln.

Es geht um eine Wohnung in der Karl-Marx-Allee. Kolja hat sie umgebaut. Ich soll die Inneneinrichtung übernehmen. Es ist der beste Job, den ich jemals hatte, aber das gebe ich vor Kolja nicht zu. Die Wohnung gehört einem Musiker aus Dänemark. Er möchte sie möbliert vermieten und teilweise auch selbst nutzen, wenn er ein Gastspiel in Berlin hat. Er hat weniger die Touristen im Auge, als viel mehr die Leute, die nach Berlin kommen, um sich hier beruflich was aufzubauen.

„Aber…”

„Kein Aber“, sagt Kolja. „Ich weiß, was du sagen willst. Die Spanier, Italiener, Franzosen und Israelis, die in Berlin Jobs suchen, leben in Zelten, Gartenlauben oder zur Untermiete bei Freunden, die gerade in Tel Aviv und New York Jobs suchen.“

„Hast du ihm das nicht gesagt?“, frage ich.

„Ich bin Architekt“, sagt Kolja. Er hängt sich eine zerknitterte Zigarette in den Mundwinkel. Er klickt in dem Vertrag mit dem Dänen herum. „Und du bist kein Unternehmensberater oder Coach“, sagt er.

„Aber ich…“

„Wenn Geld keine Rolle spielt, sollte man nicht weiter fragen“, unterbricht mich Kolja. „Geh einfach davon aus, dass ihm dieses Projekt Spaß macht.“ Er sieht müde aus. Die Zigarette wippt in seinem Mundwinkel und krümelt auf die Tastatur. „Die Einrichtung soll geschmackvoll sein. Der Däne benutzte das Wort: distinguiert.“

Koljas Mutter hatte gesagt, dass Menschen uns ihre dritte Haut anvertrauen. Also muss ich doch etwas über sie in Erfahrung bringen, wissen, woher sie kommen und wohin sie wollen und wie sie sich selbst sehen. Natürlich bin ich dann auch eine Unternehmensberaterin und ein Coach. Andererseits scheint es mir logisch, wie Kolja nicht über das hinaus zu gehen, was im Auftrag vereinbart ist. Um mehr darf es gar nicht gehen. Ich MUSS mich an die Spielregeln halten. Aber sind nicht gerade die Erfolgreichen geübt darin, die Regeln zu brechen? Dieses Dilemma ist typisch für mich. Ich kann mich nicht entscheiden. Zu jedem Argument habe ich sofort ein oder zwei Gegenargumente im Kopf. Alle leuchten mir ein. Ich bewundere Menschen, die für EINE ganz bestimmte Sache eintreten und kämpfen. Das muss ihnen ein wunderbares Gefühl von Sicherheit geben. Vielleicht habe ich die Sache, für die ich eintreten könnte, einfach noch nicht gefunden. Aber mit Anfang vierzig sollte man so weit sein, oder? Liegt es vielleicht daran, dass ich mich nicht traue, für meine Überzeugung einzustehen, dass ich Angst habe, man könnte mich für verrückt halten, weil ich glaube, dass eine Inneneinrichterin auch Unternehmensberaterin und Coach ist? Ich kann die Dinge, mit denen wir uns umgeben, nun mal nicht von ihrer Bedeutung trennen. Ich kann Gedanken nicht von dem lösen, worauf sie sich beziehen, nämlich, WIE wir leben sollten. Wenn ich eine Haltung betrachte, dann immer im Raum. Zum Beispiel drückt es etwas über den Charakter der Europäischen Revolution aus, dass sich die Assamblea immer unter freiem Himmel trifft, auf einem der großen, öffentlichen Plätze der Stadt. Überall auf der Welt finden die Versammlungen der Demokratiebewegung auf der Straße statt. Koljas Mutter würde sofort verstehen, was ich meine. Sie würde sagen: “Probiere es aus! Lass dich überraschen.”

Kolja strengt sich an, unbeobachtet zu tun und so lässig wie möglich auf seine Tastatur einzuhacken. Die Asche krümelt auf seinen Arm.

„Ist deine Mutter immer so – offen und interessiert?“, frage ich. „Nein, nein, warte: offen und interessiert klingt total blöd. Sie ist noch anders. Sie ist – weise. Ich habe noch nie eine weise Frau getroffen.“

„Alle glauben, von ihr geliebt zu werden“, sagt Kolja.

„Dann spielt sie allen etwas vor?“

„Sie ist Schauspielerin“, sagt Kolja.

Es gibt diesen berühmten Satz von Romy Schneider: Im Leben bin ich eine schlechte Schauspielerin gewesen.

„Es gibt wenig Leute, die sie wirklich kennen“, sagt Kolja.

„Kennst du sie?“

„Ein bisschen“, sagt Kolja.

„Sie hat mich eingeladen“, sage ich.

Kolja zuckt die Schultern. „Seit Vaters Tod ist sie ein bisschen einsam da draußen. Möchtest du ein Foto von Ella sehen?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, holt Kolja das Foto auf den Monitor. Es zeigt ein durchsichtiges, verschrumpeltes, neu geborenes Gesicht. Ich glaube, dass Kolja eifersüchtig ist auf die vielen Leute, die sich von seiner Mutter geliebt fühlen. Es ärgert ihn, dass ich zu ihr gefahren bin.

“Kannst du Ellas Gesicht lesen?“, frage ich Kolja.

Er lacht und auf seinen Wangen erscheinen wieder diese Grübchen. „Da steht noch nichts geschrieben.“

„Doch, es steht schon was geschrieben“, sage ich. Damals habe ich Jolanda stundenlang und immer wieder angeschaut und vieles entdeckt, was sie aus ihrem kleinen Embryonenreich mit auf die Welt gebracht hat.

„Aber du siehst, dass ein Engel einen Finger auf ihren Mund gelegt hat, damit sie uns das Geheimnis nicht verrät.“ Kolja führt die Maus über die Kerbe unter Ellas Nase, die sich unter den Lippen fortsetzt: Der Abdruck des Engelfingers.

„Schade, dass wir diese guten Dinge bei der Geburt zurücklassen müssen“, sage ich.

„Es ist der erste Abschied unseres Lebens“, sagt Kolja. Er wendet sich von dem Bild seiner Tochter ab, zu mir. Er legt seine Hände auf meine Knie. Er muss sich dafür weit in dem Schreibtischsessel nach vorn beugen, weil der Hocker viel niedriger ist.

“Wie viele Abschiede hattest du bis jetzt?”, frage ich.

“Ich habe nicht gezählt”, sagt Kolja. “Viele. Sehr viele.”

Als ich mit den Entwürfen unter dem Arm nach Hause laufe, ruft Leon an. Er sagt, dass er heute Abend kommt. “Was möchtest du essen?” frage ich. “Egal”, sagt er. Ich beeile mich, lege die Entwürfe zu Hause ab und mache mich gleich auf den Weg, etwas für uns einzukaufen.

Kathrins Notiz-Blog 5. Juli 11

© Illustration Liane Heinze

Jolanda ist schon in der Bibliothek, als ich komme. Ich packe meine Bücher auf den Tisch neben ihr und versuche zu lernen, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Neben ihr sitzen und nicht reden können ist, wie in die offene Tüte Weingummi auf dem Nebentisch starren und nicht hineinlangen dürfen.

Mittags sitzen wir draußen vor der Mensa und trinken Kaffee. Jolanda hat die Beine auf die Bistrobank gelegt und blinzelt in die Sonne. „Wie geht’s deinen Männern? Sie machen dich beide nicht gerade glücklich, oder?“, sagt sie.

„Weiß nicht….Können Männer uns überhaupt glücklich machen?“, sage ich. „Sind es nicht eher die Frauen?“

Jolanda öffnet ein Auge halb wie jemand, der durch eine Jalousie linst, weil ihn ein Lärm draußen geweckt hat. „Hast du umgepolt?“

„Nein. Aber wenn ich zurück denke, war es schon immer so, dass ich die besten Gespräche mit Frauen hatte, von ihnen die schönsten Geschenke bekommen habe und ja…Frauen sind einfach interessanter. Aber es ist mir erst jetzt aufgefallen.“

„Manchmal dauert es eben länger. Wer ist es denn?, fragt Jolanda.

„Koljas Mutter.“ Ich erzähle ihr von der Begegnung. Jolanda kann nicht verstehen, wieso ich abends um acht mit dem Zug nach Müncheberg fahre, um bei einem fremden Menschen am Gartentor zu klingeln. Sie fragt, wieso ich stattdessen nicht zu Bertram und Ludwig gefahren bin.

„Intuition“, sage ich. „Bertram und Ludwig hätten mir in dieser Situation nicht helfen können. Sie sind zwar schwul, aber eben keine Frauen.“

Jolanda schaut unter einer runzligen Stirn hervor und lässt einen Laut verpuffen. Sie breitet ihr Rauchzubehör auf dem Tisch aus und dreht eine Zigarette. Sie hat kleine, feste Hände. Ihre Nägel sind grün lackiert.

„Ich liebe Männer”, sage ich. “Sie gehören dazu. Irgendwie. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Es ist ein Geheimnis. Ohne sie würde etwas fehlen.“

„Und in wen bist du nun verliebt? In Kolja? Seine Mutter? Oder vielleicht doch in Leon?“, fragt Jolanda.

„Das ist merkwürdig: Ohne Leon könnte ich Kolja nicht lieben. Ohne Kolja wäre ich seiner Mutter nicht begegnet. Und als ich ihr gegenübersaß, habe ich plötzlich gespürt, wie sehr ich Leon liebe. Es tat mir leid, dass ich ihn an diesem Abend allein gelassen hatte. Alle gehören zusammen. Die Begegnungen greifen ineinander, verzahnen sich mit meinem Leben. Das ist doch schön, oder? Wieso sehe ich unglücklich aus?“

Jolanda schaut mich streng an. “Ach, vergiss es, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.” Wahrscheinlich ist sie zu jung, das zu verstehen. Oder sie hat entschieden, es nicht verstehen zu wollen.

„Und du?“, frage ich. „Wie läuft es mit Jakob?“

Sie bläst den Rauch aus, schaut in die Wolken. Ihr Gesicht löst sich. „Ja“, sagt sie. Und noch einmal: „Ja.“ Jolanda enthüllt ihr Gesicht selten. Wenn es geschieht, bin ich jedes Mal gerührt. Aber heute bin ich ergriffen. Sie bemerkt es, senkt den Kopf, versteckt sich hinter dem Rauch, blickt wieder auf, strahlt. Das Glück ist nur so weit weg wie ein Bistrotisch breit ist. Diese Nähe löst in mir die Angst aus, es könnte weg flattern. Ich wage kaum zu atmen. Die Sonne brennt auf unsere nackten Schultern. Der Kaffee ist ausgetrunken. Ihre Zigarette dauert vielleicht noch zwei Minuten. Zwei Minuten noch, das Glück anzuschauen.