Podcast

Im Corona-Shutdown telefoniere ich aus dem Homeoffice in meiner Küche mit Künstlerinnen. Achtung! Die Tonqualität ist den Umständen entsprechend schlecht.

Episode 11: Wie geht es dir, Ines?

Ein Telefon-Gespräch mit Ines Doleschal

https://inselgalerie.podigee.io/11-wie-geht-es-dir-ines

Ines Doleschal „Cubic-Cicle #27“ 2020. Acryl auf Papier. Collage.

https://www.inselgalerie-berlin.de

http://www.ines-doleschal.de

Von der Post – Post – Post – in die Moderne und zurück.

Zeitreisen in Dessau. Teil I

ION von Euripides in einer Inszenierung des Provinztheater Kosmos an orakelhaften Orten. Regie: Jens MehrleKarte mit Text

      Theaterplakat von Anja Mikolajetz

 

Ion hat eine goldene Stirn. Seine Gedanken sind edel wie Gold. Sensitiv und weise ist er. Seine Nase, die Wangen und das Kinn sind weiß, sein Mund noch nicht von den Dramen des Lebens gezeichnet. Er ist jung und schön, ein Tempeldiener des Apollon. Ein Gottessohn. Keiner von hier. Die anderen Personen sind mir vertraut: seine schwache Mutter und deren Mann, der nicht Ions Vater ist, es aber gern sein möchte, etwas einfältig in seinem Versuch, alles richtig zu machen. Grau ist sein Gesicht, die Augen liegen in tiefen Höhlen unter der vorspringenden Stirn, auf der senkrechte Falten stehen. Und der böse, alte Mann schließlich, der es schafft, Ions Mutter dazu zu bringen, Ion zu töten, obwohl sein Zorn sich zuerst gegen deren Ehe-Mann richtet, der aus einem fremden Geschlecht stammt, das ursprünglich nicht in Delphi ansässig ist. Er lacht, er grinst, selbstgewiss und selbstherrlich ist dieser Verteidiger seines Landes gegen den Fremden. Weiterlesen

Einsteins Spuk am Strand

fullsizeoutput_1763

Auf Hiddensee habe ich ein Buch über Quantenphysik durchgeschmökert. 

Zuvor hatte ich im Radio gehört, dass es chinesischen Wissenschaftlern erstmalig gelungen ist, zwei miteinander verschränkte Lichtteilchen so weit voneinander zu trennen, dass eines auf der Erde „stationiert“ sein kann und das andere in einem Satelliten um die Erde kreisen könnte. Abgesehen davon, dass ich gerührt war vom Schicksal der zwei eng miteinander verschränkten und nun so weit voneinander entfernten Teilchen, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken, als ich hörte, dass dieses Pärchen in einer Verbindung steht, als existiere dieser gigantische Raum zwischen ihnen gar nicht. Erhält nämlich eines von ihnen eine Information, ist sie zeitgleich bei dem anderen. Die Entwicklung der chinesischen Wissenschaftler ist deshalb so gefeiert, weil es nun möglich sein wird, völlig abhörsichere Funkverbindungen herzustellen. Ist ja klar. Die beiden kleben so dicht aneinander, dass keine Störung sie jemals stören kann. Aber wie ist das über so eine weite Trennung möglich? Ich meine, Liebende kennen das ja. Sollte es tatsächlich eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben?

Ich las „Einsteins Spuk“ von Anton Zeilinger. Er ist einer der Wissenschaftler, denen es zuerst gelang, jene rätselhafte von Einstein entdeckte Verbindung der Photonen im Labor nachzuweisen, und zwar in Wien, unter der Donau. Einstein selbst mochte seine Erkenntnis nicht. Er nannte das Verhalten der Lichtteilchen „spukhaft“.

Durch „Einsteins Spuk“ erfuhr ich noch viel abgefahrenere Dinge. Nicht nur, dass die Zwillings-Photonen schneller als das Licht Informationen hin und her beamen, sie nehmen ihre Eigenschaften NACHWEISLICH erst im Moment ihrer Messung oder Beobachtung an. Diese närrischen Krümel veralbern uns auf Schritt und Tritt, nach dem Motto: Guckt gerade einer? Dann bin ich heute grün! Und morgen rot! Erst, wenn sie angeschaut werden, entscheiden sie sich, wer oder was sie gern sein möchten. Das könnte glatt eine Verschwörungstheorie sein, wenn es nicht inzwischen in zahllosen Versuchen bewiesen worden wäre.

Falls jemand von euch noch glaubt, dass die Welt ganz unabhängig von uns so existiert, wie wir sie beobachten und messen, hängt er einem ziemlich überholten Weltbild an, das Quantenphysiker „lokaler Realismus“ nennen. Folgender Dialog soll zwischen Niels Bohr und Albert Einstein stattgefunden haben: Einstein: „Wollen Sie etwa behaupten, der Mond existiere nicht, wenn niemand hinschaut?“ Bohr: „Können Sie das Gegenteil beweisen?“
Nein. Niemand, nicht einmal Einstein konnte bisher beweisen, dass die Welt unabhängig von unserer Beobachtung überhaupt existiert. Auch wenn wir eine Kamera hinstellen, die den Mond filmt, während wir gar nicht durch den Sucher schauen, haben wir das Gerät doch gemäß unserer Wahrnehmung eingestellt und programmiert.

Ich lief am Strand entlang und dachte darüber nach. Kein Ort ist besser geeignet, sich Fragen über Raum und Zeit zu stellen, denn unter der Größe des Meeresrauschens schrumpft die Zeit. Der Grund, warum unser Weltbild nicht längst revolutioniert wurde, ist, dass die Entdeckungen der Quantenphysik mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Zu Kopernikus Zeiten war das anders. Er lieferte ein neues Weltbild. Das alte war abgelöst.

Ich stelle mir vor, wir leben in einem Bild, in einer Art verdichteten Wirklichkeit, die alle unsere Sinne anspricht. Gleichzeitig erschaffen wir gemeinsam dieses Bild, in dem das stattfindet, was wir Leben nennen. Es gab immer Menschen, die wussten, dass die Wirklichkeit eine Folge unserer Gedanken ist. Viele von ihnen wurden verbrannt. Vielleicht sind sie alle noch da. Wenn die Zeit nicht existiert? Oder nur in diesem kleinen Bildausschnitt, den wir die Welt und das Leben nennen? Jemand sagte einmal, ich könne mich an meine Ahnen anlehnen. Sie seien alle für mich da. Ich sollte mir ihre lange Reihe vorstellen, die Großmütter hinter meiner linken Körperseite, die Großväter hinter der rechten. Ich stellte mir diese lange Reihe vor, wie wenn du zwischen zwei Spiegeln stehst und dich selbst unendliche Male siehst. Vielleicht sind wir miteinander verschränkt. Vielleicht verändern sie sich alle in dem Moment, in dem ich mich verändere. Jede Information, die ich aufnehme, ist zeitgleich bei ihnen. Und umgekehrt vielleicht auch.

Was sind Raum und Zeit?

for the sky not to fall

Ein Abend im Europäischen Zentrum der Künste Dresden

IMG_0258

Festspielhaus Hellerau in Dresden

http://www.hellerau.org

Das Festspielhaus Hellerau oder auch Europäisches Zentrum der Künste Dresden ist ein Ort des Widerstands und der Hoffnung, im Norden der Pegida-Stadt, wo im kommenden Herbst die Afd vermutlich mit Pauken und Trompeten in den Landtag einziehen wird.

Derzeit läuft in Hellerau das Festival Brasilianische Alternativen. Heute wurde eine Choreorafie der Künstlerin Lia Rodrigues aufgeführt. Sie soll die bedeutendste brasilianische Choreografin sein.

Es gab keine Bühne. Die Performance fand mitten im Publikum statt und mit dem Publikum. Zuweilen erschien mir das Publikum performativer, zumindest interessanter zu beobachten als der Annäherungsversuch der zehn agierenden Tänzerinnen, Männer und Frauen. Wüsste ich nicht ganz genau, dass es in Hellerau keinen Urwald mehr gibt, würde ich schwören, dass sie aus dem Wald kamen und wir davorstanden. Sie waren nackt, tierhaft, mit Kaffeepulver, roter Farbe und Gewürzen bestäubt. Sie bahnten sich Wege durch uns, das Publikum, die wir auf der Bühne vermutlich die Rolle der weißen Großstädter spielten, der Entfremdeten. Sie suchten unsere Blicke, hinterließen Kaffee- und Gewürzspuren an unserer Kleidung. Sie verwandelten sich in Tiere, robbten, krochen, flatterten zwischen uns hindurch. Wie auch immer, sie schufen sich ihren Weg. Ohne ein Wort. Später durften wir ihnen zuschauen bei ihrem Ritual. Sie waren wie in Trance, verrückt, wahnsinnig, glücklich. Den Rhythmus, zu dem sie kraftvoll tanzten, erzeugten sie allein mit ihren Fußsohlen. Es war die einzige Musik.

„Wir tanzen für die, die nicht tanzen können“, sagt Lia Rodrigues über ihre Choreografie.

Am Ende der Performance lasen die Künstler  ein Statement zur aktuellen Situation in Brasilien. Sie sagten, sie seien mit dem Putsch gegen Dilma Rousseff nicht einverstanden. Es sei ein Schlag gegen die mühsam errungene Demokratie in Brasilien. Nach dem Putsch seien verschiedene Ministerien geschlossen worden, u.a. das Ministerium für die Gleichstellung der Frau, das Ministerium für die Angelegenheiten indigener Völker und das Energie-Ministerium.

Seid nicht traurig, wenn ihr heute Abend nicht in Dresden sein konntet. Das „Projeto Brasil“ kommt nach Berlin, ins HAU, vom 7.-19. Juni. Geht unbedingt hin! Das Hau hat bereits eine kleine Zeitschrift zum „Projeto Brasil“ gedruckt mit interessanten Aufsätzen zur Situation in Brasilien. Der Titel der Tanzperformance „For the sky not to fall“ wurde umgewandelt in „the sky is already falling“.

Aber es gibt Hoffnung. Eine ist das Festspielhaus Hellerau und sein Intendant Dieter Jaenicke. Er lebte selbst einige Jahre in Brasilien und übersetzte auf dem kleinen anschließenden Empfang alle Reden. Im Publikum waren die Intendanten der anderen Bühnen, zu denen das „Projeto Brasil“ noch reisen wird, unter ihnen Amelie Deuflhard, die so viele Jahre die Sophiensäle geführt hat und jetzt das Hamburger Theater Kampnagel leitet. Es gab übrigens leckeres brasilianisches Gebäck, gesponsert vom Kulturministerium der Stadt. Ein Feueralarm beendete den Abend etwas abrupt. Es hieß, in der Küche sei ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hat der Koch auch nur eine Zigarette geraucht. Wir mussten das Haus verlassen.

 

Kathrins Notiz-Blog 20. Juli 12

© Illustration Liane Heinze

Leon und ich, wir sind beide überzeugt von der Macht und dem Karma der Dinge. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Macht der Dinge, aber Leon scheut sich, gebrauchte Möbel zu kaufen, schon gar keine Polstermöbel, die mit den Energien fremder Orgasmen und Streitigkeiten aufgeladen sind. Aus Respekt vor Leon und dem Geheimnis, das uns verbindet, schlafe ich mit Kolja niemals in unserem Bett. Weiterlesen