Einsteins Spuk am Strand

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Auf Hiddensee habe ich ein Buch über Quantenphysik durchgeschmökert. 

Zuvor hatte ich im Radio gehört, dass es chinesischen Wissenschaftlern erstmalig gelungen ist, zwei miteinander verschränkte Lichtteilchen so weit voneinander zu trennen, dass eines auf der Erde „stationiert“ sein kann und das andere in einem Satelliten um die Erde kreisen könnte. Abgesehen davon, dass ich gerührt war vom Schicksal der zwei eng miteinander verschränkten und nun so weit voneinander entfernten Teilchen, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken, als ich hörte, dass dieses Pärchen in einer Verbindung steht, als existiere dieser gigantische Raum zwischen ihnen gar nicht. Erhält nämlich eines von ihnen eine Information, ist sie zeitgleich bei dem anderen. Die Entwicklung der chinesischen Wissenschaftler ist deshalb so gefeiert, weil es nun möglich sein wird, völlig abhörsichere Funkverbindungen herzustellen. Ist ja klar. Die beiden kleben so dicht aneinander, dass keine Störung sie jemals stören kann. Aber wie ist das über so eine weite Trennung möglich? Ich meine, Liebende kennen das ja. Sollte es tatsächlich eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben?

Ich las „Einsteins Spuk“ von Anton Zeilinger. Er ist einer der Wissenschaftler, denen es zuerst gelang, jene rätselhafte von Einstein entdeckte Verbindung der Photonen im Labor nachzuweisen, und zwar in Wien, unter der Donau. Einstein selbst mochte seine Erkenntnis nicht. Er nannte das Verhalten der Lichtteilchen „spukhaft“.

Durch „Einsteins Spuk“ erfuhr ich noch viel abgefahrenere Dinge. Nicht nur, dass die Zwillings-Photonen schneller als das Licht Informationen hin und her beamen, sie nehmen ihre Eigenschaften NACHWEISLICH erst im Moment ihrer Messung oder Beobachtung an. Diese närrischen Krümel veralbern uns auf Schritt und Tritt, nach dem Motto: Guckt gerade einer? Dann bin ich heute grün! Und morgen rot! Erst, wenn sie angeschaut werden, entscheiden sie sich, wer oder was sie gern sein möchten. Das könnte glatt eine Verschwörungstheorie sein, wenn es nicht inzwischen in zahllosen Versuchen bewiesen worden wäre.

Falls jemand von euch noch glaubt, dass die Welt ganz unabhängig von uns so existiert, wie wir sie beobachten und messen, hängt er einem ziemlich überholten Weltbild an, das Quantenphysiker „lokaler Realismus“ nennen. Folgender Dialog soll zwischen Niels Bohr und Albert Einstein stattgefunden haben: Einstein: „Wollen Sie etwa behaupten, der Mond existiere nicht, wenn niemand hinschaut?“ Bohr: „Können Sie das Gegenteil beweisen?“
Nein. Niemand, nicht einmal Einstein konnte bisher beweisen, dass die Welt unabhängig von unserer Beobachtung überhaupt existiert. Auch wenn wir eine Kamera hinstellen, die den Mond filmt, während wir gar nicht durch den Sucher schauen, haben wir das Gerät doch gemäß unserer Wahrnehmung eingestellt und programmiert.

Ich lief am Strand entlang und dachte darüber nach. Kein Ort ist besser geeignet, sich Fragen über Raum und Zeit zu stellen, denn unter der Größe des Meeresrauschens schrumpft die Zeit. Der Grund, warum unser Weltbild nicht längst revolutioniert wurde, ist, dass die Entdeckungen der Quantenphysik mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Zu Kopernikus Zeiten war das anders. Er lieferte ein neues Weltbild. Das alte war abgelöst.

Ich stelle mir vor, wir leben in einem Bild, in einer Art verdichteten Wirklichkeit, die alle unsere Sinne anspricht. Gleichzeitig erschaffen wir gemeinsam dieses Bild, in dem das stattfindet, was wir Leben nennen. Es gab immer Menschen, die wussten, dass die Wirklichkeit eine Folge unserer Gedanken ist. Viele von ihnen wurden verbrannt. Vielleicht sind sie alle noch da. Wenn die Zeit nicht existiert? Oder nur in diesem kleinen Bildausschnitt, den wir die Welt und das Leben nennen? Jemand sagte einmal, ich könne mich an meine Ahnen anlehnen. Sie seien alle für mich da. Ich sollte mir ihre lange Reihe vorstellen, die Großmütter hinter meiner linken Körperseite, die Großväter hinter der rechten. Ich stellte mir diese lange Reihe vor, wie wenn du zwischen zwei Spiegeln stehst und dich selbst unendliche Male siehst. Vielleicht sind wir miteinander verschränkt. Vielleicht verändern sie sich alle in dem Moment, in dem ich mich verändere. Jede Information, die ich aufnehme, ist zeitgleich bei ihnen. Und umgekehrt vielleicht auch.

Was sind Raum und Zeit?

for the sky not to fall

Ein Abend im Europäischen Zentrum der Künste Dresden

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Festspielhaus Hellerau in Dresden

http://www.hellerau.org

Das Festspielhaus Hellerau oder auch Europäisches Zentrum der Künste Dresden ist ein Ort des Widerstands und der Hoffnung, im Norden der Pegida-Stadt, wo im kommenden Herbst die Afd vermutlich mit Pauken und Trompeten in den Landtag einziehen wird.

Derzeit läuft in Hellerau das Festival Brasilianische Alternativen. Heute wurde eine Choreorafie der Künstlerin Lia Rodrigues aufgeführt. Sie soll die bedeutendste brasilianische Choreografin sein.

Es gab keine Bühne. Die Performance fand mitten im Publikum statt und mit dem Publikum. Zuweilen erschien mir das Publikum performativer, zumindest interessanter zu beobachten als der Annäherungsversuch der zehn agierenden Tänzerinnen, Männer und Frauen. Wüsste ich nicht ganz genau, dass es in Hellerau keinen Urwald mehr gibt, würde ich schwören, dass sie aus dem Wald kamen und wir davorstanden. Sie waren nackt, tierhaft, mit Kaffeepulver, roter Farbe und Gewürzen bestäubt. Sie bahnten sich Wege durch uns, das Publikum, die wir auf der Bühne vermutlich die Rolle der weißen Großstädter spielten, der Entfremdeten. Sie suchten unsere Blicke, hinterließen Kaffee- und Gewürzspuren an unserer Kleidung. Sie verwandelten sich in Tiere, robbten, krochen, flatterten zwischen uns hindurch. Wie auch immer, sie schufen sich ihren Weg. Ohne ein Wort. Später durften wir ihnen zuschauen bei ihrem Ritual. Sie waren wie in Trance, verrückt, wahnsinnig, glücklich. Den Rhythmus, zu dem sie kraftvoll tanzten, erzeugten sie allein mit ihren Fußsohlen. Es war die einzige Musik.

„Wir tanzen für die, die nicht tanzen können“, sagt Lia Rodrigues über ihre Choreografie.

Am Ende der Performance lasen die Künstler  ein Statement zur aktuellen Situation in Brasilien. Sie sagten, sie seien mit dem Putsch gegen Dilma Rousseff nicht einverstanden. Es sei ein Schlag gegen die mühsam errungene Demokratie in Brasilien. Nach dem Putsch seien verschiedene Ministerien geschlossen worden, u.a. das Ministerium für die Gleichstellung der Frau, das Ministerium für die Angelegenheiten indigener Völker und das Energie-Ministerium.

Seid nicht traurig, wenn ihr heute Abend nicht in Dresden sein konntet. Das „Projeto Brasil“ kommt nach Berlin, ins HAU, vom 7.-19. Juni. Geht unbedingt hin! Das Hau hat bereits eine kleine Zeitschrift zum „Projeto Brasil“ gedruckt mit interessanten Aufsätzen zur Situation in Brasilien. Der Titel der Tanzperformance „For the sky not to fall“ wurde umgewandelt in „the sky is already falling“.

Aber es gibt Hoffnung. Eine ist das Festspielhaus Hellerau und sein Intendant Dieter Jaenicke. Er lebte selbst einige Jahre in Brasilien und übersetzte auf dem kleinen anschließenden Empfang alle Reden. Im Publikum waren die Intendanten der anderen Bühnen, zu denen das „Projeto Brasil“ noch reisen wird, unter ihnen Amelie Deuflhard, die so viele Jahre die Sophiensäle geführt hat und jetzt das Hamburger Theater Kampnagel leitet. Es gab übrigens leckeres brasilianisches Gebäck, gesponsert vom Kulturministerium der Stadt. Ein Feueralarm beendete den Abend etwas abrupt. Es hieß, in der Küche sei ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hat der Koch auch nur eine Zigarette geraucht. Wir mussten das Haus verlassen.

 

Kathrins Notiz-Blog 20. Juli 12

© Illustration Liane Heinze

Leon und ich, wir sind beide überzeugt von der Macht und dem Karma der Dinge. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Macht der Dinge, aber Leon scheut sich, gebrauchte Möbel zu kaufen, schon gar keine Polstermöbel, die mit den Energien fremder Orgasmen und Streitigkeiten aufgeladen sind. Aus Respekt vor Leon und dem Geheimnis, das uns verbindet, schlafe ich mit Kolja niemals in unserem Bett. Continue reading

Kathrins Notiz-Blog 10. April 12

© Illustration Liane Heinze

Wir besuchten Koljas Mutter an einem der ersten Frühlingstage. Die Luft war aus Silber. Silbern waren auch der See und das Gras, das sich vom Winter erholte.
Koljas Mutter hatte sich über meinen Anruf gefreut. Ich hatte ihr gesagt, dass ich mal wieder in der Gegend sei und gern vorbeikommen würde, diesmal mit meiner Tochter Jolanda.

Sie gab Jolanda die Hand und wie immer lag in ihrem „Guten Tag!“ eine besondere Aufmerksamkeit, ein Signal ihres Interesses, zurückhaltend, aber erwartungsvoll. Schon in ihrem Gruß lag der Anspruch, in ihrem kleinen Haus kein Vorurteil und keinen Allgemeinplatz zuzulassen, keine Banalität. Sie war in dieser Hinsicht streng. Jolanda versuchte, sich an diesem Gruß vorbei zu mogeln.

In der Ecke mit dem Sofa und den Büchern war der Kaffeetisch gedeckt. Koljas Mutter fragte, ob wir öfter zusammen einen Ausflug machten. „Niemals“, sagt Jolanda. „Ist die ultimative Ausnahme.“ Koljas Mutter schaute amüsiert auf. „Da muss ja was Schlimmes passiert sein.“

„Wir sind gerade beide allein“, sagte Jolanda, warf sich schwungvoll auf das Sofa und ließ ihren Kopf nach hinten ins Polster fallen.

„Wunderbar“, sagte Koljas Mutter.

„Finde ich überhaupt nicht“, sagte Jolanda. „Es ist das Schlimmste, was passieren kann, so schlimm, dass man mit seiner Mutter aufs Land fährt.“

Koljas Mutter lachte. Sie stand noch immer, mit der Kaffeekanne in der Hand, in der Bewegung gefroren, hingerissen davon, wie Jolanda sich ihren Raum nahm. „Das ist ja ein Drama! Und ich dachte, es wäre gar nicht mehr möglich, allein zu sein, heute, wo alle mailen und twittern und skypen.“

„Dieser technische Kram ersetzt keinesfalls das Zusammenleben“, sagte Jolanda. „Ich muss trotzdem allein einkaufen gehen. Schon das ist schrecklich.“

„Ich gehe viel lieber allein einkaufen“, warf ich ein, aber im selben Moment wurde mir klar, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Eigentlich ging ich gern mit Leon einkaufen. Als wir uns kennengelernt hatten, waren unsere Spaziergänge oft zu Shoppingtouren geworden. Wir hatten uns komplett neu eingekleidet. Im letzten halben Jahr war Leon oft allein einkaufen gegangen. Er brauchte mich nicht mehr. Und wenn ich neue Schuhe kaufte, versteckte ich sie vor ihm, weil ich keine Lust auf sein Grinsen hatte, wenn er sagte, dass Madame ja doch noch ein paar Groschen übrig hat. Natürlich, irgendwann kam der Kommentar, wenn ich die Schuhe zum ersten Mal trug. Meine neue Seidenwäsche war ihm neulich nicht einmal aufgefallen. Besser so. Ich wollte mir nicht den Spaß durch seine Groschen-Kommentare verderben lassen.

Koljas Mutter hatte inzwischen Kaffee eingegossen und uns jedem ein Stück Kuchen auf den Teller gelegt. Es gab sogar Schlagsahne. Ich legte die Schlagsahne auf den Kaffee. Es war einfach wunderbar, wieder auf diesem alten Sofa zu sitzen, ob mit dem Kopf in den Polstern oder mit angezogenen Beinen – hier war es erlaubt. „Man muss lernen, mit der Einsamkeit zu leben“, sagte sie. „Das ist ein schwieriger Prozess.“ Sie erzählte, wie sie es gelernt hatte, als sie für ihr Studium in eine kleine Stadt gegangen war und ihr Freund in Berlin geblieben war. „Als ich auf mich selbst zurückgeworfen war, habe ich mich entdeckt. In diesen zwei Jahren ist mir klar geworden, was ich wirklich machen möchte. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich würde eines Tages eine Wissenschaftlerin sein, aber nun entdeckte ich das Theaterspielen. Als ich nach Berlin zurückkam, bewarb mich an der Schauspielschule. Mein Freund schlich sich davon. Ich hatte mich in dieser Zeit weiter entwickelt. Er konnte mir nicht folgen. Glaub mir, das wäre niemals passiert, wenn ich immer mit ihm zusammen gehockt hätte.“

„Ich habe Angst davor, mich selbst zu entdecken“, sagte Jolanda.

„Du brauchst Mut dazu“, sagte Koljas Mutter. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ihre Hand lag schon wieder auf dem gewölbten Deckel der blau-weißen Kanne.

Seit einigen Tagen, seit Leon wieder in Verviers war, rief er nicht mehr jeden Abend an. Wenn ich ihn anrief, klang seine Stimme von weiter her als sonst. Er gab sich gleichgültig. Es lag sogar eine Spur Arroganz in seinem Ton.

„Was habe ich davon, zu entdecken, dass ich doch keine Kriminalistin werden möchte, sondern, sagen wir: Zirkusclown. Arbeitslos werde ich so oder so sein.“

Koljas Mutter schaute sie lange an. Ihr Blick spiegelte Jolandas Bedenken. „Ihr habt ganz andere Probleme als wir damals“, sagte sie. „Ich verstehe dich“, sagte sie.

Nach dem Kaffeetrinken ließ ich die beiden allein und ging am See spazieren. Ich fand ein Boot, das, noch im Winterschlaf, umgekippt am Ufer lag. Ich rief Leon an. Seltsam, seit er sich zurückgezogen hatte, war mir klar geworden, wie sehr ich ihn liebte. Er meldete sich aus seinem Hotelzimmer. Er klang einsam. Wieder lag diese Distinktion in seiner Stimme. Ich versuchte, über alle Bedenken hinweg zu gehen, beschrieb ihm den See und die Uferlandschaft, das Licht und den Bootsrumpf, auf dem ich hockte. Ich hätte ihm gern von Koljas Mutter und Jolanda erzählt. „Du fehlst mir“, sagte ich. Er erwiderte nichts. Mir stockte der Atem. Ich wagte nicht, weiter zu fragen. Aus den Fragen, die ich nicht zu stellen wagte, konnte er schließen, dass ich verstanden hatte: Er wusste von Kolja und mir.

Ich legte auf, blickte über das Wasser, hinüber zu dem Wald, der noch grau war und spürte, dass ich den See und die Bäume, den Sandstrand und das welke Schilf, dass ich alles verloren hatte.

Kathrins Notiz-Blog 13. Februar 12

© Illustration Liane Heinze

Jolanda kommt allein zum Essen. „Jakob hatte keine Lust“, sagt sie.

Ich habe ein Familienessen vorbereitet, den Tisch aus der Küche ins Zimmer getragen und mit dem neuen Service gedeckt, das ich auf dem Flohmarkt gekauft habe. Der Platz zwischen dem Fenster und unserem Wandschirm ist ein guter Ort zum Essen und Reden. Das Kerzenlicht spiegelt sich in den gläsernen Schuppen und auf den Dielen.

Jolandas Blick streift mit der Verwunderung der jungen Leute über die Launen der Älteren über die Gedecke, Servietten und Blumen. „Was ist mit ihm?“, frage ich. Sie zuckt die Schultern. „Keine Ahnung.“ Als ich mit dem Fisch aus der Küche zurückkomme, blickt sie abwesend aus dem Fenster. „Ihr hattet Streit.“

Jolanda beginnt zu weinen. Sie schüttelt ein Taschentuch aus und schnaubt geräuschvoll hinein.

Auf dem Tisch dampft der Fisch. Er brodelt noch in der Pfanne. „Jakob zieht sich mehr und mehr zurück“, sagt Jolanda. „Es ist dasselbe wie vor einem halben Jahr. Er sagt, er sei noch nicht so weit, mit jemandem zusammen zu leben, auf Familie zu machen, blabla.“ Jolanda schaut den Fisch an. „Das sieht gut aus“, sagt sie unter Tränen und schnäuzt sich wieder. „Möchtest du?“ frage ich. Sie nickt und hält mir den Teller hin. „Schönes Geschirr“, sagt sie traurig. „Warum kann man nicht einfach ganz normal zusammen leben?“ Der Teller in ihrer Hand beginnt zu zittern. Sie schluchzt. Der Teller kippt nach rechts. Sie schafft es gerade noch, ihn abzusetzen, ohne dass die Sauce auf das Holz kleckert. „Ich glaube, er hatte sogar Lust, mitzukommen, aber er tut es nicht, weil er mir zeigen will, wie unerhört selbstbestimmt er ist. Das ist doch Kinderkram, oder? – Tröste dich, er hat nichts gegen dich. Er kommt auch nicht mit zu meinen Freunden. Er hat etwas gegen mich. Statt dass wir es uns mal schön machen, geht er drei Tage mit seinem Kumpel Max in die Sächsische Schweiz klettern.“

Ich will etwas erwidern, aber Jolanda wehrt sofort ab. „Ich weiß, was du sagen willst: Lass ihn doch klettern! Aber das meine ich nicht. Von mir aus kann er mit Max solange die Felsen rauf und runter klettern, bis sie rund sind. Aber warum weigert er sich, auch mal was mit mir zu machen? Wenn man sich liebt, macht man doch auch Dinge dem anderen zuliebe, oder?“ Sie steht auf und tritt ans Fenster. „Darf ich eine rauchen?“

„Die Felsen in der Sächsischen Schweiz sind schon rund“, sage ich leise. „Was meinst du, warum er sich so verhält? Was steckt dahinter?“

Jolanda schluckt hastig den Rauch. „Keine Ahnung, er hat offenbar ein Problem damit, dass wir zu zweit sind. Er ist ein Egoist.“

„Wirklich? Aber du liebst ihn doch.“

„Man kann auch Egoisten lieben.“

„Vielleicht fühlt er sich unterlegen?“, sage ich.

„Hast du irgendwo einen Aschenbecher?“ Jolanda hält die glühende Asche über ihren Handteller. Sie öffnet das Fenster. In der Küche suche ich nach etwas, das man als Aschenbecher verwenden könnte, aber unsere Küche ist wirklich mangelhaft ausgestattet. Schließlich fische ich ein ausgebranntes Teelicht aus dem Mülleimer. „Sieh mal, er ist zu dir gezogen. Das ist deine Wohnung. Das schafft ein bestimmtes Verhältnis zwischen euch. Er bewegt sich sozusagen in deinem Geltungsbereich.“

„Quatsch“, sagt sie. Sie hat ihren Fisch noch nicht angerührt, und allein schmeckt es mir auch nicht. Ich schenke uns ein Glas Wein ein. „Drehst du mir auch eine?“

„Klar.“ Sie setzt sich wieder an den Tisch und breitet um ihren Teller herum die Raucher-Utensilien aus. „Jetzt ist es unsere Wohnung. Wir haben sie zusammen eingerichtet.“

Ich erinnere mich an den Tag, als ich zu Leon gezogen bin. Wie Jakob hatte ich einfach ein paar Sachen gepackt und auf seinen Bügeln wieder aufgehangen. Er war so glücklich. „Ich finde es unglaublich mutig, dass du das machst.“ Mutig? Ich hatte mich in seinem Spiegel betrachtet und mich darin schön gefunden. Ja, ich war mutig. Wenn ich mein Leben betrachtete, hatte ich in allen Entscheidungen immer Mut bewiesen. Leon war der Erste, der es bemerkt hatte. Nicht einmal mir selbst war es bisher aufgefallen.

„Du hast Recht“, sage ich. „Das mit der Wohnung ist natürlich Unsinn.“
Wir rauchen und trinken den Wein. Im Kerzenlicht haben sich  die Blautöne des Wandschirms in Grautöne verwandelt und einige Grüntöne leuchten golden. „Seltsam“, sage ich.

„Was? fragt Jolanda fahrig.

„Ach, nichts weiter. Ich musste nur gerade daran denken, wie ich bei Leon eingezogen bin.“

Wir sitzen eine Weile schweigend.

„Du solltest ihn verlassen“, sage ich.

„Spinnst du?“ sagt Jolanda.

„Er tut dir weh.“

„Du verlässt Leon doch auch nicht.“

„Ich werde ihn verlassen.“

„Ach nee!“

„Ich brauche nur noch einen neuen Computer. Ich muss unabhängig sein.“

„Und es muss natürlich ein Apple sein.“

„Natürlich.“

„Du solltest das Geld für den Mac bei denen sammeln, die ihn nicht leiden können. Dann hast du es schnell zusammen.“

„Du wärst vielleicht erstaunt, wie viele ihn mögen.“

„Ach, wer denn?“

„So auf die Schnelle fällt mir niemand ein. Ist auch egal“, sage ich. Ich spüre den schweren Wein. „Meine Güte, haben wir ein schlechtes Karma. Woher kommt das nur?“

„Ich bin nicht du“, sagt Jolanda. „Ich werde niemals wie du sein.“

„Das hoffe ich sehr für dich“, sage ich.

„Das wäre dann also geklärt“, sage ich und schließe einen Moment lang die Augen. Mein Kopf summt.

„Ich liebe Jakob. Ich werde ihn niemals gehen lassen.“

Habe ich so etwas jemals über Leon gesagt? Plötzlich habe ich das Gefühl, menschlich versagt zu haben, nicht wirklich zu lieben. Der Fisch liegt still und kalt zwischen uns.

„Ihr braucht jemanden, der sich mit euch hinsetzt und redet“, schlage ich vor.

„Das habe ich auch gedacht, aber Jakob hält das nicht für notwendig.“

„Aber du leidest doch!“

„Vielleicht ist ihm das nicht klar. Ich werde mit ihm reden.“ Wir trinken den Wein aus und überlegen, wer als Mediator in Frage käme. Es müsste eine neutrale Person sein. „Leon?“

„Habe ich auch schon gedacht. Aber ich kenne niemanden, der als Mediator schlechter geeignet ist als Leon. Der kann doch nur sich selbst zuhören.“

„Er hört manchmal sehr genau zu“, protestiere ich.

„Ja, um seinen Einsatz beim Streiten nicht zu verpassen.“ Jolanda kichert.

„He? Lässt er beim Streiten neuerdings andere zu Wort kommen?“ Ich muss lachen. „Ach, es könnte so lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre.“ Wir gehen die ganze Familie durch, den Freundeskreis. Niemand scheint uns wirklich geeignet. Plötzlich fällt mir Koljas Mutter ein. „Sie ist eine großartige Frau. Du musst sie unbedingt kennenlernen. Sie hat einiges erlebt. Wenn sie dich anschaut, fühlst du dich durchschaut, erkannt, wie auch immer. Wir müssen zu ihr fahren. Oder du und Jakob, ihr fahrt am besten zu ihr.“

„Du bist betrunken, Mama. Ich fahre doch nicht zur Mutter deines Liebhabers, um meine Beziehungsprobleme zu klären.“

„Ich bin nicht betrunken. Es ist mein voller Ernst. Sie weiß doch gar nicht, dass ich etwas mit Kolja habe.“

„Eben sagtest du, sie sei eine intelligente Frau mit Menschenkenntnis.“

„Du meinst, sie….“

„Hallo, ist sie es oder nicht?“

„Ja.“

„Muss man einer solchen Frau alles…“

„Scheiße, du hast Recht. Natürlich weiß sie es. Dreh mir noch ne Zigarette, ja!“

„Ist doch jetzt nicht schlimm, oder? sagt Jolanda. „Übrigens habe ich auf einmal einen Bärenhunger.“

Ich schiebe die Pfanne mit dem Fisch zurück in die Backröhre. Ich frage mich, wie ich so naiv sein konnte, zu glauben, Koljas Mutter ahne nicht das Geringste. Jolanda schleppt den Laptop rüber ins Zimmer und zeigt mir auf Youtube Videos mit Anna Depenbusch, die sie kürzlich entdeckt hat. In Gedanken gehe ich den letzten Besuch bei Koljas Mutter noch einmal durch. Tut sie das alles, weil sie sich für mich verantwortlich fühlt? Vielleicht mag sie mich gar nicht? Ich zeige Jolanda Videos von Daniel Kahn, den ich kürzlich entdeckt habe. Wir hüpfen ein bisschen im Zimmer herum, aber es hilft nicht gegen das flaue Gefühl im Magen, zu dem sich neben Hunger und Rotwein nun die Unsicherheit in der Deutung von Koljas Mutter gesellt.

Beim Fisch beschließen wir, sie zu besuchen.