Nostalgie. Erinnerungen. Der ganze Mist

nostalgie gold

Illustration © Claudia Pomowski. (http://www.c-pom.de)

Dann feiern wir eben, wenn alle wieder zu Hause sind, hatte Hannes gesagt. Zwischen den Jahren, hatte er gesagt, und Karla hatte gedacht: Zwischen den Stühlen.

Der Tisch war gedeckt. Es standen keine Stühle ringsum, sondern zierliche Sessel. Karla hatte sich in der Wanne quer gesetzt, ließ die Beine über den Rand baumeln und betrachtete durch die geöffnete Badezimmertür den gedeckten Tisch in der Küche. Weiße Teller. Darauf lagen die Geschenke. Sie würde noch Kerzen dazu stellen und Hannes müsste unbedingt Blumen vom Markt mitbringen. Sie rief ihn an. Er war gerade beim Fischhändler und konnte sich nicht entscheiden. Flussbarsche? – Ja, aber lass sie unbedingt schuppen und ausnehmen. – Klar. Und wofür die Blumen? – Für den Tisch. Ich meine, Weihnachten ist doch jetzt wirklich vorbei. Wir müssen nicht mit Tannengrün oder so anfangen. – Na gut. – Lass dir Zeit, ja? Ich brauche hier noch ein bisschen.

Karla ließ das Wasser ab, schälte sich umständlich aus der Wanne und griff bibbernd nach einem Badetuch. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Füße waren. Sie erschrak.

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Rosa, draußen vor dem Café

2b

Illustration © Cristóbal Schmal

Er stößt sich mit seinen zerrissenen Chucks von der Wand ab und trudelt am Seil einmal um die eigene Achse, dass die Ringel seiner bunten Wollmütze wie ein verrückt gewordener Lolli kreiseln. Jetzt schwingt er rüber zum nächsten Fenster.

Die beiden anderen über ihm sitzen in festen Gurten und putzen, was das Zeug hält. Interessiert die wohl gar nicht. Der mit der Lollimütze klatscht Seifenbrühe an die Scheibe und streift sie in fast waagerechter Lage ab. Grünes, geripptes Unterhemd und Jeans. Die Muskeln glänzen. Verflixt schwierig, ihn zu skizzieren, so schnell ist er. Jetzt richtet er sich im rechten Winkel zur Wand auf, hält einen Finger an die Mütze und grinst. Breite Wangenknochen und schwarze Augen. Ich bin die einzige, die ihm zuschaut. Niemand sonst bleibt stehen. Kommen eh nicht viele Leute vorbei und wenn, dann gucken sie, als seien sie hier falsch. Die Gegend wirkt wie ein Niemandsland. Alles ist neu: Das Hotel, das Café, die Gehwegplatten, die kleinen Bäume in ihren frischen Gittern. Ringsum Baustellen, hinter Bretterzäunen, drauf die Namen: Bikini und Upper West. Läden und Büros. Der Ort fühlt sich nackt an.

Melanie hat gesagt, dass ich mich ins Cafe setzen und was essen soll. Ich bleibe aber lieber draußen. Ich bin eher der Typ, der draußen bleibt und guckt, was abgeht. So war ich schon immer. Ich habe auch schon immer   Continue reading

Großmutters Haar (für Omi Antje)

Am 9. September wäre meine Lieblingsomi 95 Jahre alt geworden. Sie starb in einer Winternacht vor zwei Jahren. Sie fehlt mir noch immer. Sie war eine weise Frau, eine schöne Frau. Sie liebte meine Texte im Magazin der Berliner Zeitung und war enttäuscht, wenn wieder ein Wochenende ohne einen meiner Artikel begann. Sie hat sich mit meinen Gedanken, Ideen und Zielen auseinander gesetzt wie keine zweite Freundin. Sie war meine beste Freundin.

Sie empfahl mir, große Ketten zu tragen, so wie sie immer große Ketten über ihren schlichten Wollpullovern getragen hatte. Doch ihr Rat meinte mehr: Er meinte, dass ich stärker, raumnehmender, auffallender agieren sollte. Ein Jahr nach ihrem Tod habe ich mir eine lange, große Kette aus gelben Holzperlen gekauft.

Eigentlich war sie gar nicht meine Großmutter, sondern die Großmutter von Stefan Schrader, mit dem ich eine Zeitlang verheiratet war. Und sie war die Urgroßmutter unserer gemeinsamen Tochter Selma. Die Verbindung zu ihr ist nie abgerissen. Sie wurde mit den Jahren immer stärker.

Für sie habe ich diese Geschichte geschrieben.

Am Ende der Nacht

Am Ende der Nacht (2009)

Großmutters Haar

In dieser Nacht schien der Mond so hell, dass die Schornsteine Schatten aufs Dach warfen. Ich wollte die Spätsommernacht über der Stadt genießen, von oben aus einer anderen Perspektive auf mein Leben blicken, nichts bewerten, sondern spüren, was war und ist, und vor allem: Vincent nicht anrufen. Die Dachpappe stachelte meine nackten Beine.

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Einfach, unkompliziert, heiter und bald

Das Magazin - Logo

„Mit dem Sommerheft habt Ihr mich mitten ins Herz getroffen, diese Traumwelt…! Bei Kathrin Schrader fühlte ich mich ertappt und seelenverwandt – liegt das am Namen?…“ Kathrin Rochow, Darmstadt 

Jetzt gibt es ein neues Magazin, mit großartigen Texten von Judka Strittmatter, Maxi Leinkauf, Regina Scheer und vielen anderen…

© Illustration Liane Heinze

Einfach, unkompliziert, heiter und bald

Single-Frau trifft Single-Mann; beide haben ihre Obsession

Die Türen der U-Bahn schnappen zu. Das Spiel beginnt. Mit wenigen Blicken erfasse ich die Kandidaten im Wagon, vier, fünf übermüdete Männer, die sich gleichgültig dem Rhythmus der Metro überlassen. Keine schönen Männer. Männer, denen das Leben übel mitspielt, die erst in den Morgenstunden vor dem Fernseher oder neben einer Frau in den erlösenden Schlaf fallen, Männer, die ins Waschbecken pinkeln und sich selten die Zähne putzen.

Nicht immer entscheide ich mich für den unattraktivsten, möglicherweise aber für den, der mich am wenigsten reizt. Es verblüfft mich, Männer zu sehen, von denen nicht die geringste Provokation, kein bisschen Sex, ausgeht.

Jeden Morgen geschieht das Gleiche. Wir beide sind die einzigen Überlebenden des Endes der Welt. Nachdem ich tagelang durch eine verlassene Landschaft geirrt bin, treffe ich ihn. Heute ist es der Mann mit dem geordnet-ernsten Blick und den dünnen Lippen aus der Sitzreihe gegenüber. Seine Brillengläser sind schmal wie die Standart-Versionen von Excel-Zellen. Er trägt spitz nach oben gegeelte Ponyfransen und ein graues Sweatshirt mit ausgebeulten Taschen.

Eines Abends entdecke ich seine gebeugte Silhouette am Horizont. Die Ponyfransen ragen in den Sonnenuntergang. Wir gehen aufeinander zu, betrachten uns misstrauisch. Er macht ein Feuer. Wir braten Fische und vermissen das Salz. Wir tauschen uns knapp darüber aus, was als nächstes zu tun ist. Dann finden wir kein Thema mehr. Logisch. Schon vor dem Ende der Welt hätten wir uns miteinander gelangweilt. Jetzt ist noch viel weniger los.

Ich beobachte den Kandidaten in der Sitzreihe gegenüber aus den Augenwinkeln. Er bemerkt es nicht, döst weiter vor sich hin. Nach wenigen Tagen kommt der Moment, auf den das quälende Spiel hinaus läuft. Wir müssen uns lieben, so verlangt es das Protokoll meiner selbstzerstörerischen Fantasie, denn wir sind ja der letzte Mann und die letzte Frau.

Warum teste ich täglich aufs Neue, ob ich jeden, wirklich jeden, lieben könnte? Manchmal, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe, wenn der Tunnel zu donnern beginnt und ein heftiger Wind dem Zug voraus eilt, hoffe ich, dass diesmal kein Kandidat in der Metro sein möge. Vergeblich. Ich fahre auf der falschen Linie.

Kaum draußen an der frischen Morgenluft, rollen attraktive Männer auf Treppen an mir vorüber. Sie stehen im Coffeeshop zum Greifen nah in der Schlange vor und hinter mir. Sie schlendern vorbei und flirten. Sobald Sonne und Wind mich streicheln, bin ich überzeugt, dass es einfach sein wird, unkompliziert, heiter und schon bald.

Meine Freundin Lilo sucht im Internet. Sie klickt sich durch lange Listen, in denen vom Betriebssystem über den Lieblings-Fernsehkoch, die stärksten und schwächsten Chakren bis zur bevorzugten Stellung alle Dinge des täglichen Lebens abgespeichert werden. Dann rechnet der Computer den passenden Mann für sie aus. Bisher hat er noch keinen Kandidaten für Lilo gefunden. Schon wieder dieses Wort: Kandidat. Ist es passend für einen Menschen, den man einmal lieben könnte? Oder bezeichnet es nicht eher Personen, die man im Arbeitsspeicher festhält und weiter sortiert und vergleicht?

Am nächsten Morgen klammert ein schlauchdünner Typ mit Augenschatten an der Haltestange neben der Tür. Ich berge ihn aus einem Trümmerhaufen. Meine Hände sind blutig, meine Schuhe aufgerieben an den Kanten der zerfetzten Steine. Er stützt sich auf mich. So wanken wir ohne ein Wort aus der Stadt. Draußen sinken wir auf eine Wiese. Er liegt auf mir. Er nimmt mir die Luft. Mein Herz rast. Ich gerate in Panik.

Die Psychologin lächelt übergewichtig von ihrem Thron herab, entspannt wie ein Buddha. „Sie sollten prüfen, ob Sie sich durch die Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht zu stark belastet fühlen. Ihre Eltern, Kollegen und Freunde gehen davon aus, dass ihr Freund kultiviert und gebildet sein sollte. Aber vielleicht sind Ihnen andere Dinge wichtiger.“

„Welche Dinge?“

„Sexuelle Praktiken, Machtspiele und so weiter.“

„Das könnte ich alles anklicken: Hochschulabschluss, Interesse an Oper und Bondage, gern auch anal…“

Der Buddha gerät für einen Moment ins Wanken. „Und warum klicken Sie nicht?“

„Es ist mir unheimlich, wie ein Stück Pizza aus der Mikrowelle, das innen heiß, aber außen noch kalt ist. Die intimsten Dinge eines Menschen möchte ich nicht wissen, bevor ich ihn getroffen habe. Ich möchte mich von außen nach innen vorarbeiten.“

Als ich die Praxis verlasse, habe ich nicht einmal ein Pillenrezept gegen Zwangsvorstellungen. Solange ich ruhig schlafen kann, sieht die Psychologin keinen Handlungsbedarf.

In der Suppenbar beobachte ich die Leute um mich herum. Ihr Leben scheint völlig normal zu verlaufen. Oder sind es nur die Küchen-Geräusche und das kollektive Kratzen der Löffel auf dem Grund der Schalen, die diesen Eindruck erwecken?

Der Mann neben mir klemmt seit zehn Minuten hinter seiner Zeitung. Ich wollte da auch noch einen Blick rein werfen, bevor meine Pause zu Ende geht. Ich lasse mir mit der Süßkartoffel-Erdnuss-Suppe extra viel Zeit. Der ist bis zu den Knien in die Zeitung gehüllt. Nur einmal, als er umblättert, taucht strubbeliges, blondes Haar dahinter auf. Ich gehe zur Toilette. Er liest immer noch. Ich schreibe eine Karte an Lilo. Die Zeitung kann ich vergessen. Ich räume das Geschirr weg.

In dem Moment, als ich die Bar verlasse und einen Gruß über die Schulter werfe, geschieht es. Die Zeitung sinkt. Sein Gesicht schwebt wie los gelöst darüber. Er strahlt. Dieses Lächeln ist so weit. Es vereint jedes Dorf zwischen Cote d’Azur und Antarktis. Es führt die komplizierte klick-me-or-not-Welt der Singles ad absurdum. Ich sehe eine dunkel gerahmte Brille und eine weiße Zahnreihe. Ich hafte an diesem Gesicht, dessen Auftritt so kurios ist. Wie ein Feuerwerk, das zu früh zündet, schießt mein Lächeln in unbekannte Richtungen. Ich werde rot. Endlich fällt die Tür ins Schloss.

Das Rad meiner Fantasie schnurrt. Bis er die Zeitung zusammen gefaltet und aus der Hand gelegt hat, bis er die Karte an Lilo bemerkt, die ich auf dem Tisch liegen gelassen habe, in den Mantel fährt und mir nachläuft, habe ich mit ihm gekocht und gegessen, eine Nacht in seinen Armen verbracht und ihn im Literatur-Salon als meinen Begleiter vorgestellt.

Seine Mantelschöße wehen wie Tragflächen. Er schwenkt die Karte. „Oh, danke.“ Wir stehen uns gegenüber und lächeln, und können beide nicht damit aufhören. „Bist du morgen wieder hier?“ Er nickt.

„Dann, bis morgen.“

„Bis morgen.“

Ich gehe weiter, stolpere, schaue mich um, ob er es gesehen hat, aber er ist schon fort.

Nur er weiß, wie ich aussehe, wenn mir das Lächeln entgleitet. Ich selbst werde es nie sehen können. Eigentlich ungerecht. Auf den nächsten hundert Metern wälzen wir uns im warmen Sand am Meer. Am Abend im Hotelzimmer erzählen wir uns wieder einmal, wie wir uns kennen gelernt haben. Er sagt: „Ich vergesse nie dein Grinsen, als du die Bar betreten hast.“ Ich sage: „Das war, als ich gegangen bin.“ Er sagt: „Nein, du kamst herein.“ Es ist unser erster Streit.

Plötzlich, in der Drehtür zum Bürogebäude, attraktive Männer in den Glaskammern vor und hinter mir, aber sie sind mir jetzt gleichgültig, erinnere ich mich an den Eindruck, ich spiegele mich in ihm, vorhin auf der Straße. Als hätte ich etwas erkannt, das ich nicht mit Worten benennen kann, über mich. Im Licht durchfluteten Foyer bleibe ich stehen. Satte Leute schleppen sich an mir vorbei zu den Aufzügen und ich stehe in einem Sonnenfleck wie erleuchtet. Es geht nämlich gar nicht um Betriebssysteme, Köche und Chakren. Es geht darum, herauszufinden, wer man ist. Was nur zu zweit möglich ist. Indem man sich in dem anderen spiegelt. Diese Erkenntnis hebt mich an. He Leute, habt ihr das gewusst? möchte ich den verdauenden Menschen im Aufzug zurufen.

Am nächsten Tag löffeln wir unsere Brokkoli-Gorgonzola, als seien wir dazu bestimmt, miteinander Suppe zu essen. Täglich. Wir reden wenig. Ich zwinge mich, meine Erwartungen zu dämpfen. Kann ein Single so unbefangen lächeln? Ist er nicht auf der sicheren Seite? Ich wage nicht zu fragen.

„Noch einen Kaffee?“ Meine Pause ist um. Trotzdem ja. Ich erzähle ihm von meinen U-Bahn-Fantasien. Er klebt an meinen Lippen wie ein kleiner Junge an einem Spielzeugautomaten. Schließlich sagt er: „Ich erlebe etwas ähnliches. In unser Museum kommen manchmal Schulklassen. Die Mädchen wissen nicht, dass ich von der Weltraumbehörde beauftragt bin, mit einer Frau meiner Wahl den Planeten Umathar im Sonnensystem Alpha Maioris zu bevölkern. Ich kann mich zwischen den Mädchen nicht entscheiden. Sie gefallen mir alle nicht. Die Weltraumbehörde droht, den Auftrag an einen anderen Wissenschaftler zu vergeben.“

„Das ist doch…das hast du dir eben ausgedacht. Du machst dich über mich lustig.“

Er legt die rechte Hand aufs Herz. „Aber nein. Ich schwöre. Das… das…kann man sich doch nicht ausdenken.“

Schon wieder breitet sich mein Grinsen wie Wildwuchs aus. Wenn das wahr ist? Ich danke Umathar, der seine Bahnen um Alpha Maioris zieht und für immer und alle Ewigkeiten unbewohnt bleiben wird, weil ich nun weiß, dass er ein emotional ausgehungerter Single ist wie ich.

„Diese Fantasie habe ich oft“, sagt er euphorisch. „Manchmal auch draußen auf der Straße, wenn eine Gruppe durchschnittlicher Frauen auf mich zukommt.“

„Kandidatinnen“, sage ich. Ich nippe an meinem Kaffee und stelle mir vor, wie schrecklich es wäre, eine seiner Kandidatinnen zu sein.

„Was hältst du davon, wenn wir diese Aufbruchs – und Endzeitpläne etwas zurückstellen?“, fragt er.

„An welchen Zeitraum denkst du?“

„Sagen wir…“ Er greift nach der Karte. „…Bis zur Möhren-Mango. Ist morgen im Angebot.“ Er klappt die Karte zusammen.

„Wenn es mir morgen früh in der U-Bahn gelingt, keinen Kandidaten zu wählen, dann…“

„…dann versuchen wir es ab morgen vorläufig für immer.“ Er blickt ernst. Seine Augen sind blaugrau. Um seine Mundwinkel zuckt ein Schmunzeln. Er macht sich über mich lustig. Der Kaffee knirscht in meiner Kehle. Ich werde rot.

„…dann bleibt es mir zukünftig erspart, eine Viertelstunde eher aufzustehen und statt der U-Bahn das Fahrrad zu nehmen, wollte ich sagen.“

„Ich empfehle mich als wirksame Therapie gegen Radtouren.“ Er deutet einen Diener an. Das strubbelige Geflecht seiner Haare ist dicht. Ich habe Lust, hinein zu greifen.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

„Und du?“, frage ich.

„Ich schaffe das schon“, sagt er. „Bei mir ist alles noch frisch. Kein Zwang. Ich bin erst vor zwei Monaten von der Weltraumbehörde ausgewählt worden.“

„Das tut mir leid.“

„Es geht schon. Tut nicht mehr weh.“ Er trommelt mit seinen Fingern auf den Tisch.

Ich habe meine Mittagspause gigantisch überzogen. „Ich muss los.“

„Ich habe noch Zeit bis zur nächsten Führung“, sagt er.

„Klärst du das mit der Weltraumbehörde heute schon?“, frage ich.

„Sofort“, sagt er.

„Na dann…“

„Hast du auch nichts vergessen?“ Er schaut unter den Tisch.

„Und wenn schon“, sage ich.

Er hält mir die Tür auf. Mein Lächeln spiegelt sich in seinen Augen, noch unsicher, ob es so einfach, unkompliziert und heiter sein kann. Und schon jetzt.

Anton und ich – Die andere Frau

Die folgenden drei Erzählungen schrieb ich im Sommer 2007 für das Magazin der Berliner Zeitung.

Das Wochenende verbringe ich allein. Anton ist in Japan. Er ist viel unterwegs. Damit er schneller hier und dort ist, hat er eine zweite Wohnung in der Schweiz gemietet.
Das Alleinsein macht mir nichts aus. Ich mag es auch, bei ihm in der Schweiz zu sein, zwischen den Orten zu leben, unterwegs zu sein. Ich bin glücklich, Antons Stimme jeden Abend am Telefon zu hören.

Einmal fragte er, wie oft ich an ihn denke. „Immer“, sagte ich. Anton glaubte mir nicht. „Ich kann das“, sagte ich. „An dich denken und dabei alle möglichen anderen Dinge tun. Ich trage dich unter der Haut.“

An diesem Sonntagnachmittag gehe ich in eine Fotogalerie. Vor einem Bild, auf dem Jim Jarmusch zwischen zwei Palmwedeln hindurch blickt, spricht mich ein schlanker, älterer Herr mit kurzen, grauen Haaren an. „Haben Sie Lust, morgen nach London zu fliegen?“
Seine Augen tasten verlegen meine Reaktion ab. Er hat eine Weile überlegt, ob er mich ansprechen sollte.
„Und dann?“, frage ich.
„Sie bleiben bis Freitag, schauen sich die Stadt an, genießen die Zeit. Es ist alles gebucht, alles bezahlt.“
„Mit Ihnen?“
„Nein.“ Er lacht. Seine hundert Fältchen springen sofort in ihre Form. Er scheint gern zu lachen. Er sieht glücklich aus. Die Reise hat er für seine Tochter gebucht und der ist nun etwas dazwischen gekommen. Alle seine Freunde hat er schon gefragt.
„Ich dachte, sie würden gern mal wieder nach London fahren. Sie sehen so aus“, sagt er.
Ich blicke zu Jim Jarmusch auf. Er beobachtet mich genau, als sei ich ein unbekanntes Studienobjekt in den Palmen.

In der nächsten Woche habe ich mir einiges vorgenommen. Es ließe sich vielleicht verschieben. Aber da ist das Meeting am Dienstag. Leider wichtig. Nein, es wird wohl nichts.
Wir verabschieden uns. Ich sehe dem Mann nach. Im Gehen streift er seinen Mantel über und schaut sich noch einmal um.

Am Montagabend, vermutlich zu der Stunde, als das Flugzeug nach London den Ärmelkanal überquert, klingelt eine schöne, fremde Frau an meiner Tür. Sie tritt ohne Aufforderung ein.
Was sie gleich sagen wird, möchte sie nicht im Treppenhaus sagen. Der Satz ist allein für mich bestimmt. Sie sagt: „Ich bin die zweite Frau in Antons Leben.“
Ich taste mich in die Küche, an das Spülbecken und stürze ein Glas Wasser hinunter.
„Könnte ich auch ein Glas bekommen?“, sagt die Besucherin.
„Natürlich.“ Meine Hände zittern.

Jetzt könnte ich in einem weichen Flugzeugsitz hängen, ahnungslos das Abendrot betrachten und an einem Tomatensaft nuckeln.

Ich taste nach den Zigaretten in der Tasche meines Jacketts. Es sind noch drei.
Seit Wochen spüre ich die andere Frau. Immer wieder habe ich Anton auf sie angesprochen.
„Und du bist wirklich nicht verliebt?“
„Nein.“
„Du hast einen Rasierapparat für 200 Euro gekauft. Das hast du nicht für mich getan. Du läufst hier immer unrasiert rum. Du hast abgenommen. Der Sex ist übrigens auch besser.“
„Da ist niemand. Glaub mir.“
Natürlich glaube ich ihm. Ich vertraue ihm völlig.

„Ich wollte sie kennenlernen. Anton hat so viel von Ihnen erzählt“, sagt die Frau. Sie spricht leise.
Gestern habe sie spontan entschieden, den Nachtzug zu nehmen. Seit dem Morgen warte sie auf mich. Sie lebt in der Schweiz, nicht weit von Anton entfernt.
Die Frau zieht ihre Jacke aus und hängt sie über den Stuhl.
„Entschuldigen Sie“, sagt sie. „Ich vertrage den Rauch nicht.“ Ich öffne das Fenster und lasse mich an dem offenen Flügel auf den Fußboden sinken.

„Wo haben Sie sich getroffen?“
Sie erzählt von einer Messe, auf der sie Anton das erstemal gesehen und wie sie in der Nacht darauf erwacht ist und plötzlich wusste, dass sie diesen Mann kennenlernen muss, wie sie ihn am nächsten Tag bei einem Geschäftsessen gefragt hat, welche Musik er mag und er ihr die Antwort auf einem kleinen Zettel über den Tisch geschoben hat. Es sei das Ticket seines Hotels mit der Zimmernummer gewesen. Wie sie das erste Mal neben ihm aufgewacht ist und dachte, sie sei Anton, mit ihm verschmolzen. „Diese Nähe bis zur Selbstauflösung“, sagt sie. „Das habe ich mit noch keinem Mann erlebt.“

Sie senkt den Kopf. Die langen, dunklen Haare fallen vor das Gesicht. Es ist eine Pose. Sie schämt sich kein bisschen. Sie ist es gewohnt, jeden Mann und jede Frau zu besiegen. Der Spiegel gibt immer zu ihren Gunsten Auskunft. Sie ist Schneewittchen.

„Und dann? Wie ging es weiter? Wo haben Sie sich getroffen? Wo geliebt? Bei Anton? In diesem Bett in seiner Wohnung, in dem…“ Sie nickt.
Aber wie ist das möglich? Wir telefonieren doch jeden Abend, jede Nacht, manchmal dreimal am Abend. Wenn wir nach Hause kommen, wenn wir gegessen haben und wenn wir ins Bett gehen. Antons Wohnung ist klein.
„Liegst du schon im Bett?“
„Ja.“
„Was hast du an?“
„Ein T-Shirt. Eines, das du getragen hast, als du letztes Wochenende hier warst. Es duftet noch nach dir.“
„Wie war das, wenn ich angerufen habe?“ Die andere Frau kann sich an keinen Anruf erinnern.

„Weiß er, dass Sie hier sind?“ Sie schüttelt den Kopf. „Er hat gesagt, Sie würden es nicht verkraften. Er liebt Sie.“ Sie streckt ihre Hand nach mir aus. Ich zucke zurück.

In Stansted in den Vorortzug steigen und durch britisch-grüne Wiesen, an Cottages vorbei fliegen, bis sich die Gebäude immer mehr verdichten und schließlich bis an die Gleise wachsen. Liverpool-Station.
Ich bin sicher, dass der Mann ein gutes Hotel für seine Tochter gebucht hat, irgendwo in Kensington oder Chelsea.

Wie sieht jemand aus, der London mag? Gut wahrscheinlich. Exzentrisch. Jung.
Die Besucherin redet derweil über ihre Beziehungen, wie sie waren, wie sie endeten und dass sie alle ihre Männer immer noch liebe. „Es bleibt doch die Energie der Liebe“, sagt sie. Ganz egal, wie es mit Anton weitergehen würde, ob sie sich trennen oder zusammen bleiben, schon jetzt sei diese Liebe für ihr ganzes Leben.

Sie schlägt einen Spaziergang vor. Wir laufen gegen den Wind in Richtung Museumsinsel.

Ich wäre endlich einmal in die Courtauld-Gallery gegangen. Dort hängt das Original eines meiner Lieblingsbilder, „Bar in den Folies-Bergère“ von Edouard Manet. Wenn ich das Mädchen an der Bar sehe, ist es, als blicke ich in mein Spiegelbild.
Ich kann mich nicht satt sehen an diesem Gesicht. Es ist viel aufschlussreicher als mein Spiegelbild. Nach und nach entdecke ich alles, was sie fühlt, ihre Schüchternheit und ihre Wut, ihre Angst und ihre Lust auf das Leben. Sie träumt, während sie die Leute bedient.

Die Frau redet über Anton, immer noch, seine Arbeit, seine Gesundheit, die Sache mit den zwei Frauen. Wie er immer wieder über mich spricht. Wie er sich mit seiner Liebe zu mir quält. Wie sehr sie ihn versteht und sich Sorgen um ihn macht. Sie kennt jeden Streit, den ich mit Anton hatte.
Ich zittere. Ist es wirklich so kalt?
Wir trinken einen Tee bei Starbucks. Er wärmt kein bisschen. Ich zittere immer noch. Wer uns hier sitzen sieht, könnte denken, dass wir Freundinnen sind.
„Erzählen Sie von sich“, fordert sie mich auf.
„Was möchten Sie wissen? Anton hat Ihnen doch schon alles gesagt.“
„Was ist Anton für Sie?“
„Er ist mein Mann“, sage ich.
„Das ist nur eine Bezeichnung, ein Familienstand. Ich meine, was er Ihnen bedeutet?“
„Er ist mir in die Haut geritzt. Wie ein Tattoo. Es ist nicht alles gut mit ihm. Manchmal tut es weh. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Es ist was es ist.“

Mein Spiegelbild, das Mädchen an der Bar in den Folies Bergère, ist herausgeputzt in ihrem Korsett mit Spitze und einer Blume am Dekolletee. Sie schaut in die Menge der Leute, die sich amüsieren, denen sie Wein und Champagner eingeschenkt hat. Ein Mann spricht sie an. Ich glaube, sie hat Tränen in den Augen.
Ich kann gerade nicht weinen.

Ich könnte die Frau bitten, mich jetzt allein zu lassen. Als hätte sie meinen Gedanken erraten, blickt sie zur Uhr. Der Nachtzug geht in einer halben Stunde.
„Sie können bleiben, wenn Sie möchten.“ Ich weiß nicht, warum ich das sage. Vielleicht aus Schwäche, weil ich heute abend nicht allein sein will. Anton ist unerreichbar. Vielleicht aus Neugier. Weil ich noch nicht alles weiß.

Wir könnten über andere Dinge reden, unsere Arbeit, Filme, Bücher, Musik, Kinder.
„Möchten Sie Kinder?“
„Bisher habe ich mir noch nie Kinder gewünscht. Mit noch keinem Mann“, sagt sie. „Schwangerschaften erschienen mir so…bedrohlich. Dieser dicke Bauch. Aber jetzt, mit Anton, habe ich das erste Mal den Wunsch, ein Kind zu haben. Von ihm. Es ist seine Wärme und seine Intensität.“
Sie schaut in ihre Teetasse.

Wir schleichen durch die Straßen, sitzen auf einer Terrasse. Die Frau redet. Ich klappere mit den Zähnen. Ich kann nichts sagen, nichts denken, außer, dass ich hätte in London sein können, dass es vielleicht der Anfang von etwas geworden wäre. Doch ich sitze hier. Vor einem Ende. Dieser Nacht werden Tage folgen. In meinen Kalender sind Termine gekritzelt. Ich stelle mir die Frage des Überlebens…

Am nächsten Morgen, nachdem sie gegangen ist, werfe ich alle Textilien, die direkt mit ihr in Berührung gekommen sind, in den Müll. Auch die karierte Wolldecke, in die gehüllt sie gegen fünf Uhr morgens neben meinem Bett aufgetaucht war. Ich saß seit Stunden und starrte aus dem Fenster. Ich sah zu, wie der Kosmos seine helle Seite allmählich in das irdische Guckloch schob. Als die Vögel zu kreischen begannen, hatte ich auf die Uhr geschaut. Halb fünf. Kein Schlaf. Nicht eine Minute.
Sie hatte oben aus der Decke heraus geschaut und vorgeschlagen, dass wir alle drei mal voneinander Abstand nehmen sollten. Für ein halbes Jahr vielleicht.

In der Konferenz, wegen der ich die Londonreise abgelehnt habe, registriere ich, dass um mich herum gesprochen wird, doch der Sinn der Worte kommt nicht bei mir an. „Könnten Sie das bitte wiederholen?“ Nichts davon ist wichtig. Alles ist belanglos.

Mein Ärztin füllt mir weiße Kügelchen in eine Tüte und verspricht, dass sie sofort helfen. Aber was kann schon helfen, wenn einem die Haut bei lebendigem Leib abgezogen wird?

Ich begreife den Blick des Mannes in der Galerie, als er sich noch einmal zu mir umdreht. Etwas tragisches stand in seinen Augen. Jetzt weiß ich, dass er ein Engel war. Er war gesandt, um mich zu schützen.