Liebeskummer

Illustration © Tine Schulz @tine.schulz.illustration

Was für eine maßlose Untertreibung! Kummer. Kümmerlich. Verkümmert. Nein. Dieser Schmerz ist riesig. Er ist King Kong

Jetzt hat es mich erwischt. Risikobegegnung. Ein Gespräch, länger als 15 Minuten, und dann diese beunruhigende Nähe. Immer noch, nach so vielen Jahren. 

Ich bin ins Trespassers geflüchtet. Vor mir steht der zweite Gin Tonic und meine Freundin ist immer noch nicht da. Diesmal muss sie mir zuhören. Ich werde sie nicht mit Schwärmereien langweilen und all diesen hilflosen Waswärewenns, die seit drei Wochen in meinem Kopf Karussell fahren. Ich muss mit ihr das Phänomen Liebeskummer diskutieren. Liebeskummer! Was für eine hässliche Verallgemeinerung für einen Schmerz, der jedes Mal neu und jedes Mal anders ist und deshalb von niemandem geteilt werden kann. Er gehört mir allein. Ich hatte mich fast schon danach gesehnt, die lebendige Melancholie wieder einmal zu spüren, diese schöne Traurigkeit, wie wenn du nach einem Abend mit Freunden allein und halb verlassen das schmutzige Geschirr in die Küche trägst, am nächsten Morgen, nachdem sie wieder abgereist sind. Halb verlassen, weil sie ja noch zu deiner Welt gehören. Sie kommen wieder. Und bis dahin wird es Chats und Telefonate geben. 

Aber das hier ist der pure Schmerz der völligen Verlassenheit für immer. So schlimm war es noch nie. Das war definitiv meine letzte Chance. Seit Jahren sind wir uns zufällig wieder über den Weg gelaufen. Einmal hatte ich ihn von weiten gesehen, auch das ist schon länger her. Er war mit seinen Kindern. Das jüngste wiegte er in beiden Armen wie die Madonna ihr Neugeborenes, aber seins war kein Baby mehr, sondern ein Kind, das genauso gut an seiner Hand hätte laufen können, in seinen Gummistiefeln. Sein Gesicht war ein bisschen verzerrt von der Anstrengung. Überhaupt hatte er sich verändert, das ist normal. Doch jetzt war er wieder derselbe Typ wie damals und ich sofort wieder verliebt. Jetzt weiß ich, dass auch er einmal in mich verliebt war. Wir waren beide zu schüchtern, es uns zu sagen. Nun haben wir uns eine Minimalaffäre gegönnt, das musste sein nach diesem Geständnis. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Es ist vorbei. Geblieben ist der Schmerz. Wieso lässt er sich nicht abschalten, wenn wir doch in der Lage sind, eine Beziehung schlagartig zu beenden? Wenn wir so von unserer Vernunft gesteuert sind, warum beherrschen wir dann nicht unsere Emotionen? 

Es ist ein absurder, sinnloser Schmerz. Er kommt zu spät. Alles ist hoffnungslos. 

Wir wurden darüber aufgeklärt, dass Gefühle gut und richtig sind. Wir haben gelernt, unsere Wut zu umarmen. Wir wissen, dass Angst davor schützt, lebensgefährlichen Aktivitäten nachzugehen. Trauer ist gesellschaftlich anerkannt. Wenn einer gestorben ist, kümmert sich die ganze Welt um die Witwe. Sie bekommt Geschenke und überall eine Krankschreibung. Sie wird eingeladen und getröstet. Aber wenn du nach Jahren durch Zufall darauf gestoßen wirst, dass du die Liebe deines Lebens verkackt hast, dann wirst du nur schief angegrinst und taugst allenfalls noch als abschreckendes Beispiel für die Nachwelt. Sie war zu schüchtern! Hahaha! Sieh sie dir an! Willst du so enden? Dann hör auf, schüchtern zu sein! Hab keine Angst dich zu blamieren! Sonst kommt die Blamage, wenn es längst zu spät ist! Wenn nichts mehr zu retten ist, treibt dich der Kummer, die peinlichsten Dinge zu tun.

Ja, du blödes Schicksal, ich hab´s kapiert. Und wo, bitte schön, ist nun der Schalter?

Noch einen Gin Tonic bitte! Evolutionär betrachtet, macht Liebeskummer erst Recht keinen Sinn. Er hindert Menschen im zeugungs- und gebärfähigen Alter wochenlang daran, sich fortzupflanzen. Liebeskummer! Was für eine maßlose Untertreibung! Kummer. Kümmerlich. Verkümmert. Nein. Dieser Schmerz ist riesig. Er ist King-Kong. Und plötzlich, während meine Freundin mich in der Kälte warten lässt und ich im Phon das dämliche Wort eingebe, um eine Erklärung zu finden für das, was mir gerade widerfährt, schreitet der Riesenaffe über den Platz auf mich zu und ich kapiere schlagartig. Wir sind von Wesen umgeben, die sich von unserem Liebeskummer ernähren. Sie sind unsichtbar. Aliens. Oder winzig wie Viren. Liebeskummer, lese ich, veraltet: Herzeleid, bezeichnet umgangssprachlich die emotionale Reaktion auf unerfüllte oder verlorene Liebe. Im Volksmund spricht man von Gebrochenem Herzen. Nach der ersten Phase des Nicht-wahr-haben-wollens, in der der oder die Verlassene oft versucht, den verlorenen Partner zurückzugewinnen, stellt sich eine Trauerphase ein, die von Monaten bis zu Jahren dauern kann. Ich kann jedes Wort bestätigen. Es dauert bis zu J A H R E N. Wie aberwitzig! Und dann -haltet euch fest- nach Monaten, vielleicht Jahren, beginnt Phase drei, in der das Leben wieder beginnt, Spaß zu machen und wir das Geschehen verarbeiten. Nach Jahren also fällt dir auf, dass der Typ, dem du nachgetrauert hast, der dich in sexuelle Inaktivität getrieben hat, als hättest du ein Gelübde abgelegt, nicht Gott war, sondern ein narzisstischer Holzkopf. Das ergibt doch keinen Sinn! 

Meine Freundin kommt. Sie wickelt sich eine Decke um die Hüften, zündet sich einen Glimmstängel an und lässt sich neben mir auf die Bank fallen. Hast du jemals darüber nachgedacht, wieso immer mehr Singles in den Großstädten leben, frage ich sie. So sichern die Liebeskummer-Aliens sich ihr Futter. Sie manipulieren uns. Sie sind überall. Sie haben das Internet besetzt. Ist doch logisch! Denk nach! Nur so können sie uns permanent in neue Beziehungen drängen, die wir bald darauf kummervoll beenden müssen. 

Meine Worte dampfen stoßweise in die Winternacht. Meine Freundin kichert und fragt, was ich getrunken habe. Sie bestellt Kamillentee. Hast du dich entgegen aller guten Vorsätze doch wieder im Netz auf die Suche begeben? 

Ich war auf der Straße, zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich rede auch gar nicht von mir, ich meine generell. Liebeskummer passt nicht in eine Welt, in der alles irgendeinem Zweck dient. 

Geht vorbei, sagt sie. 

Wie ich das hasse, wenn jemand sagt: Geht vorbei! Ja klar, auch das Leben geht vorbei. Alles ist irgendwann vorbei. 

Sie sagt: Wird Zeit, dass wir mal wieder tanzen gehen! 

Tanzen gehen! Ha! Ein Lösungsweg, der bis auf unabsehbare Zeit verbarrikadiert ist. Danke!

Bleib entspannt, sagt meine Freundin und sieht mich an, als wolle ich ihr den Liebeskummer-King-Kong auf den Hals hetzen. Du solltest mal in den Süden fliegen. Du hast doch am Ende des Winters immer irgendwas: Depressionen, Schwächeanfälle, Spuren von Wahnsinn…

Ich ärgere mich über sie und stelle mir vor, in den Süden zu fahren. Was wäre denn anders, wenn ich mich am Meeresstrand entlang schleppen würde oder durch die Straßen einer fremden Stadt? Alles nähme ich mit, meine Sehnsucht und den Schmerz. Mein Herz würde vor Einsamkeit und Angst hart pochen. 

Und doch mache ich es. Ich reise in den Süden, laufe allein am leeren Strand entlang, vorbei an einer Ferienstadt, deren Fenster mit Läden verrammelt sind, wie mein Glück verrammelt ist. Ein Ort, so verlassen wie mein Herz. 

Eine Stunde hinter der Stadt schieben Felsen ihre spitzen Scharten in den Sand. Es ist kühl, aber heller als bei uns im Norden. Das Licht ist warm. Die Felsen leuchten rötlich. Ich möchte diese Bilder mit jemanden teilen. Nicht mit irgendwem. Ich möchte sie einem Menschen schicken, der begierig darauf ist, von mir zu hören. Diesen Menschen gibt es nicht. Ich denke darüber nach, hinter dem nächsten Felsvorsprung für immer aus der Welt zu verschwinden. Würde mich jemand vermissen? Würde jemand länger als zwei Wochen um mich trauern? Ich habe eine Tochter, aber sie ist erwachsen und lebt längst ihr eigenes Leben. Welche Erinnerungen an mich würde sie behalten? Würde ich meinen Freundinnen im Trespassers fehlen? Bin ich wirklich eine gute Zuhörerin? Ich setze mich auf einen Stein und blicke über das Meer, das in kleinen Wellen gegen den Sand gluckst und ebenso rötlich schimmert wie die Felsen. 

Ich sollte anfangen, mich darum zu kümmern, am Ende von jemandem vermisst zu werden. Ich sollte meine Freunde häufiger anrufen, mich mehr für sie interessieren. Ich wühle das Telefon aus der Tasche und schreibe meinen Freundinnen aus dem Trespassers, wie sehr ich sie vermisse. Meiner Tochter beschreibe ich das rötliche Licht im Süden und den Unterschied zwischen diesem Meer und der Ostsee, wo wir mal zusammen Ferien gemacht haben. Es wird eine lange Nachricht. Ich schreibe, dass ich sie gern wieder einmal zum Essen einladen und mit ihr reden würde, über ihr Leben. Ich schreibe, dass ich ihre Sommersprossen küsse und ihr Haar streichele. Ich schreibe, dass ich immer an sie denke, besonders, wenn ich etwas Schönes erlebe. Meiner Dienstags-Freundin schicke ich zusätzlich Dankeschön-Herzen für den Rat, mal wieder in den Süden zu fahren.

Mir fällt auf, dass ich grinse, während ich das alles tippe, dass ich meinen Körper in die Worte lege. Wie eine Pianistin sich über die Klavier-Tasten körperlich in ihre Musik begibt, gehe ich mit meinen Nachrichten in das kleine Phon. Ich atme sehr tief, als ich das bemerke. Ich mache eine Pause und lausche dem Meer und dann geschieht etwas Seltsames: Eine Welle von Glück flutet mich. Mein Herz pocht nicht mehr. Es pulsiert. Ich laufe zurück und kaufe in dem einzigen Kiosk, der am Rand der verlassenen Ferienstadt eine Flagge gehisst hat, Ansichtskarten. Sie sind wellig und klamm von der Winternässe in diesem Bungalow, der heute wahrscheinlich das erste Mal nach dem Winter wieder geöffnet ist. Ich schäme mich nicht für mein schlechtes Französisch, als ich sie kaufe und dazu einen kleinen, schwarzen Kaffee bestelle, wie ihn die Einheimischen hier trinken. Ich bin die einzige Fremde. Eben dachte ich noch, dass es typisch für mich ist, in der falschen Saison umher zu irren. Aber jetzt denke ich, wie toll es ist, die einzige Urlauberin in dem einzigen geöffneten Haus dieser Stadt zu sein. So, als wäre dieser einzige Tag herausgeschnitten aus der Zeit, als schwebten der Kiosk und wir losgelöst über dem Meer. Der frische Wind hat alles Davor und alles Drumherum unter uns weg gepustet, ins Landesinnere, über das hinweg ich später nach Hause fliegen werde. 

Zu zweit in der Soße

Illustration für die Veröffentlichung in DAS MAGAZIN von © Tine Schulz

Die letzten Monate waren nicht inspirierend. Das Trespassers hatte die Läden runtergelassen, die Möbel auf der Terrasse standen zusammengekettet. Kraut wucherte zwischen den welken Rosen. Von meinen Freundinnen und ihren Affären hörte ich nichts. 

Um etwas zu tun, lauschte ich am Telefon der Geschichte eines Mannes, der sein Leben so sensationell fand, dass er meinte, es müsste in einem Buch erzählt werden. Es war zum Gähnen. Ich finde das, was in einem Lebenslauf gemeinhin als sensationell erlebt wird, selten spannend und schiebe es daher gern in Nebensätze. Mich interessiert das Alltägliche: Gewohnheiten, Beziehungen, Ärger, alles eben, das davon handelt, was es heißt, heute hier zu leben und klar kommen zu müssen. Eigentlich bin ich viel unterwegs, am liebsten an drei Orten gleichzeitig, sperre Ohren, Mund und Nase auf, um solche Geschichten zu hören. Aber genau das durfte nicht mehr praktiziert werden. Ich fragte den Mann nach seinen Gewohnheiten, Beziehungen, seinem Ärger… Er sagte, er habe keinen Ärger und hätte nie welchen gehabt. Ich gab die Telefonate auf und begann die Wohnung aufzuräumen. Zuerst ordnete ich meine Kleidung. Ich nahm sämtliche Sachen aus dem Schrank und hängte sie wieder hinein. Die Lieblingsstücke zuerst. Alle anderen unterzog ich einer Prüfung. Schließlich hingen sie alle wieder im Schrank, aber geprüft. Das gleiche tat ich mit Geschirr, fehlgekauften Lippenstiften, Büchern und Bastelvorräten. 

In dieser prüfungsreichen Zeit geschah es, dass eines Tages Herzchen flogen, rote, grüne und orangefarbene Herzen auf meinem Display. Jeden Morgen. Beim ersten Mal hatte sich der Absender entschuldigt. Er habe die Herzen gar nicht gewollt, sie seien von selbst hoch gegangen, hätten sich irgendwo gelöst, er wisse gar nicht warum, es täte ihm leid, mich so erschreckt zu haben. Ich schrieb, dass die Herzen mich nicht erschreckt hätten. Worauf sie noch intensiver flatterten. 

Das Trespassers hatte bereits seit Wochen wieder geöffnet, aber keiner von uns war es passend erschienen, sich dort zu treffen. Mittlerweile ging der Sommer und es roch immer noch in der ganzen Stadt nach Desinfektionsmitteln. 

An einem Herbstabend saß ich dort auf der Terrasse, wärmte meine Hände an einem Heißgetränk und wartete auf ihn. Ein Termin am anderen Ende der Stadt hatte ihn aufgehalten. Zwanzig Minuten später bremste ein Taxi an der Straßenecke. Auf seiner Seite neigte sich der Wagen zum Bordstein. Er schnaufte. Sein Gesicht war gerötet. Unter seinem Kinn hing noch die blaue Wegwerf-Maske, die er im Taxi getragen hatte. Ein freundliches Kindergesicht mit hellen Augen und wenigen Haaren. Er trug teure Kleidung, strengte sich aber kein bisschen an, attraktiv zu sein. Das gefiel mir. 

Der Mann hatte eine Idee, wie er meine beruflichen Kontakte für sich nutzen könnte. Kaum, dass ein Tee vor ihm dampfte, sprach er darüber. Ich hätte beleidigt sein können, aber da wir außer Meinungen zu politischen Tagesthemen und Kurzberichten aus unseren Quarantänen, Herzen, Smileys und lustigen GIFs nichts ausgetauscht hatten, nahm ich es gelassen. Wahrscheinlich wollte er mir zu verstehen geben, dass es sich hier keinesfalls um ein Date handelte und dass es ihm leidtäte, falls ich das geglaubt hätte. Es war dieselbe Nummer wie die Entschuldigung für die versehentlichen Herzchen. Ich habe Verständnis für Menschen meines Alters, denen Herzen und Dates Angst machen. Schließlich haben wir einige Krisen durchschritten. Auch er. Seine Ehe war schiefgelaufen. Nachdem wir das Berufliche schnell geklärt hatten, begann er zu erzählen. Wie fantastisch es sich anfühlte, einem fremden Menschen leibhaftig gegenüber zu sitzen, ihm zu lauschen, ihn dabei anzuschauen, seine Lippen und Augen zu studieren, unmaskiert. Er machte Pausen, geriet in Verlegenheit, stockte, überlegte, wollte etwas weglassen und musste es dann doch erzählen, denn es ging ja um die ganze Geschichte, und um ihn. Er beteuerte, alles getan zu haben und dass es wirklich nicht seine Schuld sei. Seine Geschichte war so viel besser und aufrichtiger als die Anekdoten des Mannes, dem ich ein Buch schreiben sollte. Ich saugte sie auf wie ein vertrockneter Schwamm das Wasser. Nur ein einziges Mal kam ich mit den Orten durcheinander, an denen sich seine Ehe zugetragen hatte. Meine Gedanken waren abgeschweift zu meinem eigenen Leben. Ich hatte es plötzlich merkwürdig gefunden, dass ich schon so lange in ein und derselben Stadt lebte. 

Nach zwei Stunden wusste ich eine Menge über ihn, er allerdings kaum etwas über mich. Er stellte höflich eine Frage, aber wir waren durchgefroren und mussten uns verabschieden. Agatha Christie hat einmal gesagt: „Wer selbst redet, erfährt nichts Neues.“ Ich erfahre gern Neues. Und vielleicht war das der wahre Grund, warum ich ihn treffen wollte. Ich wusste jetzt, was mir in den Wochen des Lockdowns gefehlt hatte.  

Ein einziges Mal war ich mit meiner Dienstagsfreundin im Regen weiträumig um das geschlossene Trespassers spaziert. Sie hatte Kräutertee in einer Thermoskanne mit Henkel dabei, den wir im Park aus Bambusbechern getrunken hatten. Das Gespräch hatte sich um Inzidenzen, R-Werte und Fallzahlen gedreht. Sie hatte mich ermahnt, nicht so oft durch den Mund zu atmen, sondern meine Nase als Virenfilter zu nutzen. Ich hatte auf meine Nase geschielt wie Pinocchio beim Schwindeln. Mir war bewusst, dass ich falsch atmete, aber es war das erste Mal, dass ich mich dabei beobachtet fühlte. Eigentlich, dachte ich, mag ich das Leben lieber ungefiltert. 

Es gab in dieser Zeit einfach nichts zu erzählen. Wir standen alle ein bisschen unter Schock. Schließlich hatte keine von uns so etwas je zuvor erlebt. Es war, als täten wir die ersten Schritte auf einem dieser neu entdeckten, erdähnlichen Exo-Planeten. Alles, was du da oben tun kannst, ist, dich voran zu tasten und achtzugeben, vor allem auf deine Atmung im Schutzanzug. Du kannst beobachten und spekulieren, Zeichen geben oder funken, und das war‘s dann. 

Nach der Begegnung mit dem Herzchen-Mann aus dem Taxi fühlte sich das Leben für mich fast wieder normal an. Ich hatte mir während unseres Treffens seine Wohnung vorgestellt. Ich hatte uns eine Zukunft gedacht, hatte gesehen, wie wir mit Freunden feierten, nachdem wir bereits viele Jahre lang verheiratet waren. 

Am nächsten Tag schrieben wir uns, wie schön es war und dass wir uns bald wiedertreffen müssten. Die Herzchen flogen. Grüne, orangefarbene und rote. Doch dann warteten wir zu lange. Warum auch immer. Das Homeoffice erzeugte eine gewisse soziale Trägheit. Die Zeit verlor ihre Konturen, wurde zu einer Soße. Ich war nicht himmelhoch verliebt. Sonst wäre ich sofort bei ihm eingezogen. In dieser Zeit sind sicher eine Menge frisch Verliebter sofort zusammengezogen, um diese Ein- und Zwei-Haushalt-Fragen zu klären. 

Ich kannte seine Adresse. Ich stellte mir vor, bei ihm zu klingeln und zu bleiben. Zu zweit in der Soße zu treiben wäre sicher amüsanter als allein. Ich stellte mir vor, die Zeit in seinen Räumen zu vertrödeln, während er am Schreibtisch ackerte, in ständiger Bereitschaft auf seinem Sofa zu liegen und sonst nichts. Ich fragte mich, ob so etwas überhaupt erlaubt sei und erschrak über die Frage. Letztendlich blieb ich aber nicht aus Gesetzestreue zu Hause, sondern weil ich seine Angst vor der Liebe nicht befeuern wollte. Vielleicht bekäme er einen Panikanfall, wenn ich vor seiner Tür stehen würde. 

Ich trieb die Planung für ein zweites Treffen voran. Doch als wir uns endlich auf einen Abend im Trespassersgeeinigt hatten, wurde der nächste Lockdown angekündigt. 

Wir hätten Glühwein kleckernd an einer Ecke stehen oder durch die Straßen ziehen können. Glühwein trinken war das erste große Vergnügen auf dem Exo-Planeten. Er wurde aus dem Innern geschlossener Restaurants durch kleine Fenster gereicht oder an einem Tresen auf dem Bürgersteig verkauft. Mit allen Menschen, die mir etwas bedeuten, ging ich abends aus. Meine Dienstagsfreundin war sogar bereit, wieder Alkohol zu trinken. Wir hangelten uns an den Absperrseilen über rutschige 1,5 Meter-Markierungen, um dann flink Bestellungen in die kleinen Fenster zu rufen und blitzschnell zu entscheiden, wer wen zu dieser Runde einlädt. Das funktioniert nur in geübten Beziehungen. Am Bordstein der Glühwein-Straßen wurden Geschichten erzählt. Wir hörten von einer Musikerin, die jetzt in einem Biobäcker Brot verkaufte und erfuhren den Namen eines Glückspilzes, der bei der Verlosung der Kunst-Stipendien gewonnen hatte. Wir hörten Klagen über Familienangehörige, die nicht verstehen konnten, wie das ist, wenn ein halbes Einkommen wegbricht. Eine Frau weinte, weil sie zu Hause mit einem Mann eingesperrt war, der jeden Tag verwirrter und wütender wurde, weil er eine neue Diktatur auf uns zukommen sah. Jemand nahm sie in den Arm. 

Andere Gespräche drehten sich darum, ob der Glühwein mit oder ohne Orangenscheibe besser ist und ob wir lieber an Krebs oder an einem Virus sterben möchten. Polizeistreifen zogen durch die Straßen und entschuldigten sich für ihre Einsätze. Wir hatten Verständnis und rückten ein paar Schritte weiter auseinander. Wir alle froren. Die Kälte trug zu unserem Einverständnis bei. Gemeinsam etwas körperlich Anstrengendes zu absolvieren verbindet. Ich brauchte gerade Verbindlichkeit. Vertrauen. Deshalb scheute ich mich, mit dem Herzen-Mann hierher zu gehen. Ich brauchte Menschen, die sich verletzlich zeigen konnten, denn auch das verband uns. Meine Dienstagsfreundin und ich, wir stellten fest, dass wir uns verändert hatten, ernster geworden waren. Sie kuschelte gerade mit ihrem Ex, einfach, weil er noch da war und weil sie sich seit so vielen Jahren kannten. Ich nickte. Ich dachte an den Mann mit dem Kindergesicht und den hellen Augen, überlegte ihn anzurufen oder ihm ein Herz zu schicken. Dieser Abend im Trespassers, als sich unsere Linien gekreuzt hatten, war besonders gewesen. Ich dachte, dass es bei all den eng geschnürten, wirren Fadenlinien auf diesem riesigen Wollknäuel doch immer darum ging, Verbündete zu finden, Vertrautheit, andere in den eigenen Faden zu verwickeln, bis etwas Starkes, Unzertrennliches entstand. Ich fragte mich, mit wem er gerade Hand-in-Hand auf dem Planeten weitertappte, ob er auch mit seiner Ex kuschelte. 

Ich nahm mir vor, es herauszufinden, sobald das Trespassers wieder öffnen würde.  

Eine Frau. Drei Männer.

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Robi saß mit einer halben Pobacke auf der Liege für die Patienten, die Hände in den Taschen seines weißen Kittels. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn hier in der Notaufnahme zu treffen. Als er mich erkannte, lächelte er, wie er immer lächelt, wenn wir uns unverhofft irgendwo in der Stadt begegnen. Wenn Robi lächelt, bilden sich Grübchen in den Flächen seiner weißen Wangen und seine blauen, mandelförmigen Augen formen sich zu Halbmonden. Seit Jahren bin ich in ihn verliebt. Wie geht’s, sagte Robi und baumelte mit dem Spielbein. Gut, sagte ich. Er sah mich an und lächelte. Immer sehen wir uns an und lächeln und können nicht mehr damit aufhören.

Wie geht es dir?

Gut. Er lächelte.

Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest.

Seit einem halben Jahr.

Gefällt es dir?

Ich bleibe nicht hier. Ich gehe in die Chirurgie. Lächelnd. Ich hatte Lust, ihn zu küssen. Er hat die schönsten Lippen, die ich je gesehen habe.

Und du? Was kann ich für dich tun? fragte Robi. Meine Knie wurden weich wie Watte. Ich musste mich auf der Patientenliege abstützen. Warum bist du hier? fragte Robi. Ich hörte auf zu lächeln. Weiterlesen

Nostalgie. Erinnerungen. Der ganze Mist

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Illustration © Claudia Pomowski. (http://www.c-pom.de)

Dann feiern wir eben, wenn alle wieder zu Hause sind, hatte Hannes gesagt. Zwischen den Jahren, hatte er gesagt, und Karla hatte gedacht: Zwischen den Stühlen.

Der Tisch war gedeckt. Es standen keine Stühle ringsum, sondern zierliche Sessel. Karla hatte sich in der Wanne quer gesetzt, ließ die Beine über den Rand baumeln und betrachtete durch die geöffnete Badezimmertür den gedeckten Tisch in der Küche. Weiße Teller. Darauf lagen die Geschenke. Sie würde noch Kerzen dazu stellen und Hannes müsste unbedingt Blumen vom Markt mitbringen. Sie rief ihn an. Er war gerade beim Fischhändler und konnte sich nicht entscheiden. Flussbarsche? – Ja, aber lass sie unbedingt schuppen und ausnehmen. – Klar. Und wofür die Blumen? – Für den Tisch. Ich meine, Weihnachten ist doch jetzt wirklich vorbei. Wir müssen nicht mit Tannengrün oder so anfangen. – Na gut. – Lass dir Zeit, ja? Ich brauche hier noch ein bisschen.

Karla ließ das Wasser ab, schälte sich umständlich aus der Wanne und griff bibbernd nach einem Badetuch. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Füße waren. Sie erschrak.

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Rosa, draußen vor dem Café

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Illustration © Cristóbal Schmal

Er stößt sich mit seinen zerrissenen Chucks von der Wand ab und trudelt am Seil einmal um die eigene Achse, dass die Ringel seiner bunten Wollmütze wie ein verrückt gewordener Lolli kreiseln. Jetzt schwingt er rüber zum nächsten Fenster.

Die beiden anderen über ihm sitzen in festen Gurten und putzen, was das Zeug hält. Interessiert die wohl gar nicht. Der mit der Lollimütze klatscht Seifenbrühe an die Scheibe und streift sie in fast waagerechter Lage ab. Grünes, geripptes Unterhemd und Jeans. Die Muskeln glänzen. Verflixt schwierig, ihn zu skizzieren, so schnell ist er. Jetzt richtet er sich im rechten Winkel zur Wand auf, hält einen Finger an die Mütze und grinst. Breite Wangenknochen und schwarze Augen. Ich bin die einzige, die ihm zuschaut. Niemand sonst bleibt stehen. Kommen eh nicht viele Leute vorbei und wenn, dann gucken sie, als seien sie hier falsch. Die Gegend wirkt wie ein Niemandsland. Alles ist neu: Das Hotel, das Café, die Gehwegplatten, die kleinen Bäume in ihren frischen Gittern. Ringsum Baustellen, hinter Bretterzäunen, drauf die Namen: Bikini und Upper West. Läden und Büros. Der Ort fühlt sich nackt an.

Melanie hat gesagt, dass ich mich ins Cafe setzen und was essen soll. Ich bleibe aber lieber draußen. Ich bin eher der Typ, der draußen bleibt und guckt, was abgeht. So war ich schon immer. Ich habe auch schon immer   Weiterlesen