Melancholie? Am besten die mit 71 Prozent

Anderswo darf man öffentlich und in Gesellschaft weinen und grübeln. In Deutschland stehen Melancholiker unter Trübsinns-Verdacht

Herbst auf dem Asphalt, Berlin Oktober 2011

Der Baum im Hof leuchtet jeden Tag ein bisschen mehr. Je eher die Sonne hinter dem Dach gegenüber verschwindet, desto goldener strahlt sein Laub in der Dämmerung.

Ich sitze windgeschützt auf dem Balkon und hänge dem Sommer nach, mit einem Gefühl, für das mir nur das altmodische Wort „wehmütig“ einfällt. Ich sehe wieder die Abschiedsszene auf dem Flughafen, eine letzte, kleine Unterhaltung im Café und unsere Umarmung.

Am liebsten würde ich die Einladung zur Party jetzt absagen und den Abend allein mit meiner bittersüßen Herbststimmung verbringen. 71% Melancholie in kleinen Bissen – so mag ich sie am liebsten.  Was soll ich als Grund vorgeben: Eine Erkältung? Zahnschmerzen? Wenn ich sage, dass ich einfach nicht in der Stimmung bin und lieber allein sein will, geraten wieder alle in Panik: „Was ist los? Bist du depressiv? Weinst du etwa?“ Mit anschwellenden Martinshörnern in der Stimme. Sie sehen mich bereits auf der psychosomatischen Intensivstation, nackt bis auf ein blaues Hemdchen, blass, angedockt an aufhellende Substanzen.

Nichts scheint unsere Gesellschaft mehr in Panik zu versetzen als ein bisschen Traurigkeit. Ein Mensch, der freiwillig Einsamkeit und Stille sucht, wird argwöhnisch beobachtet wie ein auffälliger Pickel. Viele Psychologen gebrauchen das Wort Melancholie inzwischen, um eine Art Vorhölle zur Depression zu beschreiben. Sie gehen von einem Mangel des Neurotransmitters Serotonin aus und empfehlen dagegen buntes Licht und Schokolade.

Mir fehlt aber nichts. Von Zeit zu Zeit lasse ich mich gern in diese Stimmung fallen. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino nennt die Melancholie „das Zielgefühl glücklicher Menschen“, zumindest dann, wenn einer so viel Glück hat, dass er es nicht mehr aushält. Diese Art des „obszönen Glücks“ sei „begeistert über jeden melancholischen Überfall“, schreibt Genazino. Voila! Um den schamhaft Glücklichen zu begeistern, stehen jede Menge Überfallkommandos bereit. Man braucht nur einmal die Nachrichten hören.

Ein Kinderpsychologe sagte mir, dass nur glückliche Kinder herzzerreißend weinen und schreien können. Und genau so ist es mit der Melancholie. Sie ist über eine Nabelschnur mit dem Glück verbunden.

In wenigen Minuten wird die Sonne hinter dem Dach verschwinden. Ich schiebe mir Kopfhörer auf und höre Mariza „Meu Fado Meu“. Mariza ist eine portugiesische Fadista, eine Interpretin des Fado. Sie ist in Mosambik geboren und in Portugal aufgewachsen. Ihre Stimmlage ist ein warmes Alt. Eigentlich ist es nicht überraschend, dass selbst das Traurigsein mehr Spaß macht, je weiter man in den Süden reist. Es sieht auch besser aus. Mariza ist eine ungewöhnlich schöne, zierliche Frau mit eisblond gefärbten, kurzen Haaren. Den Fado könne man nicht lernen, sagt sie und meint, dass er mehr ist als ein Rhythmus, ein gutes Gedicht und eine schöne Stimme. Der portugiesische Fado ist eine Haltung, die sich überall im Alltag ausdrückt: Sie meint das Hingegebensein an das Schicksal, die Trauer über das Unabwendbare, das sterben üben nach einem Abschied oder dem Ende einer Liebe. Mit dieser Trauer bleibt man aber nicht allein. Man zelebriert sie in Gesellschaft, abends beim Tanz.

Auch in der Türkei treffen sich die Menschen am Abend in den Cafés, um sich ihrer Melancholie hinzugeben. Das Phänomen des „Hüzün“, so der Name der türkischen Melancholie, beschäftigte den Schriftsteller Orhan Pamuk, als er seine Erinnerungen an Istanbul schrieb. „Wenn man dieses Gefühl, das von allen Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und sich über die Stadt verströmt, erst einmal tief in sich aufgesogen hat und es wirken lässt, dann wird man irgendwann, wohin man auch blickt, in der Lage sein, es förmlich zu sehen so wie man an kalten Wintermorgen, wenn plötzlich die Sonne durchbricht, über den Wassern des Bosporus zitternd einen hauchdünnen Dunst aufsteigen sieht. Hüzün, das ist nicht die von einer Einzelperson empfundene Melancholie, sondern das von Millionen Menschen zugleich verspürte schwarze Gefühl, der Hüzün einer ganzen Stadt, ein Gefühl, das stolz verinnerlicht und Tag für Tag gemeinschaftlich erlebt wird.“ Wäre ich jetzt in Istanbul, würde ich meinen Balkon verlassen und durch die Straßen streifen, mich irgendwo in ein Café setzen und mit Fremden über meinen Abschiedsschmerz reden. Man würde mir zuhören und nicken, mir einen Raki reichen und ein bisschen mit mir weinen. Niemand käme auf die Idee, mein Problem lösen zu wollen, weil jedem doch klar wäre, dass das nicht funktioniert. Das unterscheidet unsere Kulturen. Viele Leistungsträger der deutschen Gesellschaft glauben, dass ein Lösungsansatz von ihnen erwartet wird, wenn man ihnen von einem traurigen Abschied erzählt. Sie sind verzweifelt. „Ich weiß auch nicht, wie ich dir helfen kann.“ Deshalb mögen sie keine Geschichten, in denen Gefühle vorkommen. Weil Gefühle schlecht zu händeln sind. Dass nur dasitzen und zuhören eine Hilfe sein kann, haben sie nie gelernt. Das Dilemma begann schon in ihrer Kindheit, wenn der scheußlichste Moment des Tages gekommen war, wenn sie nach dem Zähneputzen endgültig im Bett verschwinden sollten und wie alle glücklichen Kinder darüber zu greinen begannen. Dann argumentierten und verhandelten Mama und Papa, sangen und klingelten und wedelten mit Plüsch und Lieblingsbüchern. Statt den kleinen Menschen in die Arme zu nehmen und ein bisschen mit ihm zu klagen: „Ich weiß ja, wie schlimm es ist, allein ins Bett zu müssen.“

Diesen frühkindlichen Schmerz, das Verhandeln und Argumentieren, das Wegwedeln und Rumklingeln, geben sie nun als Erwachsene weiter. Mitunter beschränken sie sich auch auf knappe Belehrungen: „Vergiss es! Bringt nichts!“ Die türkische Kaffeehaus-Gesellschaft würde das natürlich auch denken, aber niemand wäre so verletzend, es auszusprechen. Möglicherweise bekäme ich stattdessen ein zärtliches Angebot, das über die Trennung hinweg helfen könnte. In der Hüzün-Gesellschaft, begleitet von Arabesque-Musik, so klebrig und süß wie ein Baklava, wäre ich geborgen.

In Deutschland haben wir immerhin den Tango, welchen ungefähr achtzig Prozent aller Studierenden ausüben, was für ihre Zukunft hoffen lässt. Der argentinische Tango ist jedoch eine harte Schule der Melancholie. Er ist vertonte Pein, geschätzte 85 % Melancholie mit einem hohen Wut-Anteil. Es heißt, die europäischen Auswanderer hätten ihn erfunden, um ihre Enttäuschung und ihr Heimweh auszudrücken.

Wir sind nicht wenige, aber wir leben im Untergrund. Manchmal treffe ich auf meinen nächtlichen Spaziergängen Gleichgesinnte. Ich sehe es an ihren Blicken, die mich offen gedeckt mustern, hin und her gerissen zwischen Sehnsucht und Rückzug. Ich erkenne sie daran, wie sie die gespiegelte Stadt auf dem nassen Asphalt betrachten oder irgendwo stehenbleiben und nach den Sternen gucken, wie sie nachdenklich ihre Zigarette drehen und immer wieder die Asche verkrümeln. Wir gehen im Abseits der gängigen Überzeugung, dass Glück machbar ist und wir alle Ziele erreichen können. Wir glauben nicht, was die Titel in den Esoterik – und Wellness – Abteilungen der Buchläden suggerieren, dass wir unsere Ängste und unsere Beziehungen in den Griff kriegen, dass es mit dem jugendlichen Körper auch jenseits der Menopause noch klappt und wir später selbstverständlich unseren Krebs besiegen, wenn wir nur den richtigen Coach und Therapeuten und Selbstfinder finden und joggen und Yoga treiben.

Nun stehen wir unter Generalverdacht, Spaß und gute Laune zu verderben und das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Das Dilemma des Melancholikers hat in unserer Kultur eine tiefe Wurzel. Sie reicht bis zur Antike. Diesmal sind nicht nur die Mediengesellschaft und der Neoliberalismus Schuld. Diese beiden sind ein Fliegenschiss gegen das Mittelalter. Damals galt Melancholie als Todsünde. Hildegard von Bingen schrieb: „In der Tat hauchte dem Adam beim Sündenfall der Teufel die Melancholie ein, die den Menschen lau und ungläubig macht.“ Erst der Humanismus der Renaissance besann sich wieder auf die antike Deutung der Melancholie. Der Arzt Hippokrates hatte den Namen geprägt, der übersetzt „schwarze Galle“ heißt. Er glaubte, ein Überschuss des dunklen, bitteren Körpersaftes führe zu Gedankenschwere und Trägheit. Sokrates hingegen hatte beobachtet, dass alle großen Denker Melancholiker seien. Die Renaissance war dann die Geburtsstunde der „edlen Melancholie“, die für den Forscherdrang und das schöpferische Prinzip stand. Der Florentiner Marsilio Ficion verfasste ein erstes Gesundheitsbuch für den zur Schwermut neigenden Denker. Er empfahl Massagen, gesunde Ernährung und viel Musik.

In dieser Zeit entstand Dürers berühmter Kupferstich „Melencholia I“. Dieses Bild, aus dem sich die humanistische Debatte über das melancholische Temperament heraus lesen lässt, hat unser kulturelles Verständnis der Melancholie codiert. Das Blatt zeigt einen nachdenklichen Engel, der vor einem Gebäude sitzt. Der Engel hält einen Zirkel in der Hand. Die anderen Werkzeuge: Hobel, Lineal, Nägel, Zange und Säge weisen darauf hin, dass Dürer den Moment des Innehaltens gemeint hat, einen Augenblick des Zweifels, der Grübelei. Die vergehende Zeit, der Tod, sind durch ein Stundenglas, eine Sterbeglocke und ein magisches Quadrat mit den Sterbedaten von Dürers Mutter symbolisiert. Ein kleiner Putto leistet dem Engel Gesellschaft und ein magerer Hund, der auch ein Schaf sein könnte. Das Bild wirft bis heute Fragen auf. Wieso nannte Dürer es „Melencholia I“ und nicht „Melancholia I“? Was bedeutet die Eins? Ist es überhaupt eine Eins? Oder ein großes I wie Irae, was soviel heißt wie „es geht weiter“? Am dunklen Himmel im Hintergrund blitzt unter dem Regenbogen ein Komet auf. Es ist eine Anspielung auf die Apokalypse. Man erwartete für das Jahr 1500 den Weltuntergang. Ein Komet war beobachtet worden, von dem die Astronomen glaubten, er würde auf die Erde stürzen.

Lars von Trier lässt grüßen. In seinem neuen Film ist es ein Planet namens „Melancholia“, der auf die Erde zurast. Nun, sehr optimistisch liest sich die europäische Kulturgeschichte der Melancholie nicht. Kaum ist das Missverständnis mit der Todsünde geklärt, wird ihr die Apokalypse angehängt.

Lars von Trier hält Melancholie übrigens für einen Bestandteil jeder guten Kunst. Der Maler Clemens Gröszer, ein Profi, was Melancholie und Apokalypse betrifft, nennt die Melancholie die Erfahrung einer Grenze, an der eine schöpferische Triebkraft in eine neue Richtung los bricht.

In den Achtzigerjahren entstand seine „Marin à cholie I“, die Frau mit der Plastiktüte auf dem Kopf. Damals arbeitete Gröszer in einem Atelier mit Blick auf die Berliner Mauer. Ihn beschäftigten der Untergang der DDR und die atomare Bedrohung. Marin à cholie sitzt nackt, nur mit Seidenstrümpfen bekleidet, in einem unfertigen Plattenbau und spielt gedankenverloren mit einer Glaskugel. Das Motiv der Marin à cholie begleitet Gröszers Schaffen. In weiteren Versionen geht es um Themen wie  Umweltzerstörung, Konsum, der 11. September, Krieg, Tod und Gewalt. Zur Zeit arbeitet der Künstler an der 13. Marin à cholie. Gröszer glaubt, dass es das Nachdenken über die Welt ist, das den Melancholiker auszeichnet, eine gewisse Wachheit. Der Melancholiker kann nicht wegschauen.

Irae – geht es weiter? Aber wie? Ich habe mich übrigens entschlossen, doch noch zur Party zu gehen. Nicht, weil mir das Thema am Ende zu dunkel geworden ist. Im Gegenteil: Melancholie ist Sehnsucht.

Ich lebe auf einer Insel

Der Schriftsteller Artur Becker, geboren in Polen, lebt seit 25 Jahren in Deutschland, ist immer noch hin – und hergerissen und hat den Plural für Zuhause erfunden: Zuhäuser

Es ist ein Montagmorgen. Der Schriftsteller Artur Becker steht in seiner Küche vor der Espresso-Maschine und schaut zu, wie der Kaffee in die Tasse tröpfelt. Seine Frau ist zur Arbeit gegangen. Der sechzehnjährige Sohn hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen. »Sieht nicht so aus, als würde ›Der Lippenstift‹ ein Bestseller werden«, sagt Becker. »Der Lippenstift meiner Mutter«, sein neuester Roman, ist in diesem Herbst erschienen. Artur Becker erzählt darin von seiner Kindheit in dem ostpolnischen Städtchen Bartoszyce, das im Buch den Namen Dolina Roz trägt.

Vorhin hat er im Internet einen schmalen Verriss seines Romans in einer großen Tageszeitung gelesen. Der Kritiker schreibt, Beckers Romane seien Kitsch. »Wissen Sie, ich habe seit Jahren das Gefühl, ich lebe auf einer Insel«, sagt er. Der Schriftsteller Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren. Seit fünfundzwanzig Jahren lebt er in Deutschland, in Verden an der Aller, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen.

»Der Eskapismus«, sagt er. »Es ist richtig. Ich fliehe in meinen Büchern vor der Wirklichkeit. Das hat mit dem Verlust der sogenannten Heimat, der Kindheit und Jugend zu tun. So kommen meine Bücher zustande, und doch glaube ich wie Isaac B. Singer, Welten retten zu müssen, die es nicht mehr gibt.«

Im letzten Jahr erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, mit dem Autoren geehrt werden, die auf Deutsch schreiben, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Deutsch zu schreiben war eine schwierige, eine existentielle Entscheidung für Artur Becker. Er traf sie nur vier Jahre nach seiner Einreise. Er hatte bereits in Polen Gedichte und Essays veröffentlicht. Aber als er 1985 sechzehnjährig nach Deutschland ging, war er noch zu jung und unbekannt, um daran anknüpfen zu können.

Erzählen musste er. So blieb ihm nur, sich in der deutschen Literaturszene zu etablieren. »Ich wollte ein polnischer Dichter werden«, sagt er. »Ich wollte nicht nach Deutschland. Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich war wütend auf die Verhältnisse in Bartoszyce, auf den hässlichen Sowjetismus und den  primitiven Katholizismus in der Provinz. Ich fühlte mich als Rebell, als Rockstar und war gleichzeitig sehr glücklich. Mein Mädchen lebte in Poznan.« Das Mädchen aus Poznan, Magdalena, folgte Becker einige Jahre später nach Verden an der Aller und ist heute seine Frau. Sie arbeitet als Pädagogin für behinderte Kinder. Immer wieder wird Becker gefragt, warum er nicht in ein literarisches Zentrum Deutschlands geht, nach Berlin oder nach Frankfurt. Doch er will hier nicht weg. »Ich bin so viel unterwegs«, sagt er. Da ist es praktisch, dass er in Verden gleich am Bahnhof wohnt. Seine Eltern leben auch hier. Seine Mutter gab an der Volkshochschule Polnischunterricht. Sein Vater arbeitete in der Firma seiner deutschen Verwandten. Hier und im nahen Bremen, wo Becker Slawistik und Germanistik studierte, wuchs er in die literarische Szene, hielt er seine ersten Lesungen. Der Bremer STINT-Verlag gab Gedichtbände und seinen ersten Roman »Dadajsee« heraus, der prompt den Preis des Deutschen Schriftstellerverbandes gewann. Mit seinem ersten Lektor Bernd Gosau aus dem STINT-Verlag verbindet ihn bis heute eine enge Freundschaft. Die Band »Les Rabiates« hat seine Lyrik vertont.

Becker spricht längst nicht mehr über den Schmerz, den ihm die deutsche Sprache anfangs bereitet hat. 1998 schrieb er im Gedicht »Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle«: »Weil ich in dieser gottverfluchten Sprache schreiben muß / In dieser scheiß Sprache gottverdammten Sprache … In dieser Frikadellen Pommes Bratwurstbudensprache / In dieser Wörter Wörterbuchsprache / Dich ich so hasse hasse hasse …«

Artur Becker ist inzwischen angekommen im Literaturbetrieb der Deutschen und kann als »Pole vom Dienst« über Nacht Essays liefern. Wenn der seltene Fall eintritt, dass die Tagesschau über das Nachbarland Polen berichtet, sind die Kommentare von Artur Becker in den Medien gefragt. Er äußert sich zu Polen und Erika Steinbach, zu Polen und der deutschen Regierung, zu Polen vor den Wahlen und zum Flugzeugabsturz von Smolensk. Kürzlich diskutierte er im ZDF-Nachtstudio mit anderen Gästen über die kulturelle Entwicklung Osteuropas.

»Es ist bestimmt so, dass ich eine Rolle angenommen habe und spiele«, sagt er heute. »Manchmal ist es, als ob ich ein T-Shirt mit dem polnischen Adler trage und damit durch die Gegend laufe, ein anderes Mal halte ich mich für einen guten Repräsentanten der Bundesrepublik, der für diese moderne, kunterbunte Gesellschaft steht.«  Mit Handkuss und Anreden wie »Verehrteste« spielt er den großbürgerlich-liberalen Polen. Von wegen T-Shirt: Becker ist einer der letzten Intellektuellen, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Krawatte zu besichtigen ist. An der rechten Hand trägt er einen silbernen Siegelring mit dem polnischen Adler. Seine Frau hat ihn als kleinen Provinzler beschimpft deswegen, der sich mit diesem Kitsch groß tun müsse. »In der Ukraine kam ein junger Mann nach einer Lesung und warnte mich, ich könne auf dem Heimweg verprügelt werden. Und einmal hat mich eine Frau in einem Café gefragt, ob ich adliger Abstammung bin.« Er streckt seine Hand aus, blickt auf den Ring. »Übrigens würde ich Ihnen empfehlen, Silber immer in Polen zu kaufen. Es ist dort billiger als in Deutschland und, wie ich finde, besser verarbeitet.«

Der deutsche Dichter mit dem polnischen Adler auf der Hand – wo ist er zu Hause? Was ist seine Identität? Er fühle sich ganz klar als Pole, sagt er. Durch und durch. Mit seiner Frau und Sohn Philip spricht Becker polnisch. Deutsch, findet er, taugt weder für das Schlafzimmer noch für die Küche. Es ist seine Dienstsprache. Von seinem Schreibtisch in der Diaspora aus treibt Becker Wurzeln in die polnische Literaturgeschichte, zu Czeslaw Milosz, Bruno Schulz und Isaac B. Singer. Dort, in der Landschaft der Masuren und in den Armen von Magdalena ist er zu Hause. Der Schreibtisch steht nach wie vor im Exil. Becker besteht auf dem Wort Exil, da es die politischen Verhältnisse gewesen seien, die seinen Eltern das Leben in Polen unerträglich machten. Nach jeder Deutschlandreise sei der Vater vom Geheimdienst verhört worden. Auch die Mutter, die in Danzig studierte und Freunde unter den polnischen Dissidenten gehabt habe, hätte mehr und mehr unter Druck gestanden, so dass der Weg nach Deutschland, wo der Vater Verwandte hatte, schließlich unausweichlich geblieben sei.

Wie geht das: polnisch fühlen und deutsch schreiben? »Das geht eigentlich nicht«, sagt Becker, als würde es ihm heute Morgen in der Küche zum ersten Mal klar. »Das geht überhaupt nicht. Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser …« Er blickt kurz fragend auf. »Sagt man so?« Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes »Zuhause« erfindet? »Unsere Zuhäuser sind so fragil geworden. Selbst wenn jemand nach 1989 in Plauen geblieben ist oder in Cottbus, ist er mit einer neuen Identität und Wirklichkeit konfrontiert. Er hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Natürlich ist mein Zuhause in Deutschland. Aber ich habe auch ein Zuhause in Masuren.« Immer wieder taucht in Beckers Romanen der Pole aus Masuren auf, der nach Deutschland ging, nach Bremen.

Der Erzähler Artur Becker lässt die Gesellschaft an seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identitätssuche teilhaben. Er bedient sich fiktiver Figuren, um seine existentiellen Fragen zu behandeln. Immer wieder stellt er die Frage: Was ist ein Pole? Was ist ein Pole heute in Deutschland, in Europa? Wer bin ich? Seinen letzten Studienaufenthalt in Venedig nutzte er, um zu lesen, was berühmte Italiener über die Polen gesagt haben und zitiert jetzt gern Casanova. »Er hat sehr richtig festgestellt, dass die Polen talentierte, gebildete Menschen sind, aber Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Linie zu finden, wenn es um wichtige Dinge geht.«

In seinem siebten Roman nun also, »Der Lippenstift meiner Mutter«, zeigt Becker die sonderbaren Bewohner des Städtchens Dolina Róż aus der Sicht des fünfzehnjährigen Bartek, der dort aufwächst. Damit nicht wieder alle wie bei den vorangegangenen Romanen fragen, wie autobiografisch das Ganze nun sei, erklärt Becker gleich zu Beginn des Buches, dass dies kein autobiografischer Roman sei, obwohl man lebende und verstorbene Personen aus der Umgebung des Dichters wiedererkennen mag. Trotzdem haben wieder alle gefragt. Denn Becker verheimlicht nicht, dass ihm seine Heimat, das ostpolnische Städtchen Bartoszyce, als literarische Vorlage diente.

Vor seiner Lesung im Deutschen Theater in Berlin sagt Becker: »Als ich anfing, über Masuren zu schreiben, entdeckte ich immer mehr, von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, immer neue Geschichten und dachte: Das alles muss noch erzählt werden. Wer erzählt es sonst?« Die Handlung des Romans bleibt jedoch  auf den unspektakulären Provinzalltag beschränkt. Obwohl die Geschichte Polens in Dolina Róż immer präsent ist, bleiben die aufregenden Entwicklungen der Achtzigerjahre, in denen »Der Lippenstift meiner Mutter« spielt, leider bedeutungslos, selbst für die Jugendlichen.

»Sicher ist meine Sprache ganz anders als die von zeitgenössischen Muttersprachlern.« Becker hält inne. Angesichts seiner Literatur ist nicht ganz klar, in welche Richtung dieser Satz zielt. »Wobei immer wieder gesagt wird, was für ein geschliffenes Deutsch ich spreche …«Selbst nach dem Chamisso-Preis bleibt eine Spur Verunsicherung. „Sie meinen: Sehr eigensinnig, das Ganze. Absurd vielleicht im Sinne der polnischen Erzähltradition von Mickiewicz, Gombrowicz und so weiter?“

Kein geschliffenes Deutsch ist es, dass Becker spricht. Er redet schnell und gewandt, mit einem polnischen Akzent, der nach Genuss und Spiel klingt. Er liest mit rundem Rücken und rundem Bauch, die welligen Haare aus dem runden Gesicht gestrichen. Nur seine starken Brauen sind nicht rund. Sie zucken wie spitze Zirkumflexe in die Stirn, wenn er über sein Lieblingsthema, die polnische Geschichte, referiert. Es ist Deutsch in Öl.

»Ich bin auf jeden Fall mustergültig integriert.« Er sagt das ganz im Ernst, obwohl man es für Zynismus halten könnte, wenn ein Intellektueller, der täglich die deutsche und polnische Presse liest, ein Slawist und Deutschland-Kenner, ein Germanist und Polen-Kenner, also ein Glücksfall für dieses Land, eine Phrase auf sich bezieht, mit der andere sich anmaßen, Gemüsehändler und Taxifahrer zu bewerten.

Doktor Hoffnung

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In Dresden können Gymnasiasten Esperanto lernen, die Plansprache, die die Welt einmal verbinden sollte. Der Lehrer hat den Traum davon noch nicht aufgegeben und hofft, dass seine Schüler den Kurs durchhalten


© Photo: Stephan Pramme

Doktor Benoît Philippe unterrichtet am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Dresden Französisch. Er ist nicht zufrieden. Er findet, dass seine Muttersprache für Schüler in Sachsen nicht wichtiger sein sollte als Sorbisch. Oder Suaheli.

Es ist Montagnachmittag. Herr Philippe wartet vor dem Zimmer 104 auf seine Schüler. Seine schwarze Ledertasche trägt er wie einen Schulranzen auf dem Rücken. Der blau-weiß-rote Sticker auf dem Deckel der Tasche ist schon ziemlich abgegriffen. Doktor Benoît Philippe ist jugendlich schlank, sein kurzer Bart tadellos geschnitten. Ein kleiner, blauer Kragen liegt über dem hellen Wollpullover. Er unterscheidet sich in Gelassenheit und Eleganz erheblich von den anderen Lehrern, die durch die Gänge des modernen Gymnasiums eilen.

Felix, Vivien, Sophie und Carolin aus der Achten treffen zuerst ein. „Saluton“, begrüßt Herr Philippe die Schüler. „Saluton“, grüßen sie zurück. Ein paar Minuten später kommen Janek und Pia aus der Siebten. Der Esperanto-Unterricht kann beginnen.

Der Lehrer rückt vier Tische für die kleine Gruppe zusammen. Er schreibt Worte an die Tafel, deren Endungen die Schüler vervollständigen sollen. Das ist einfach, denn in Esperanto endet jedes Substantiv/Einzahl auf „o“ und jedes Adjektiv auf „a“. Deshalb erinnert die Sprache immer ein wenig an spanisch, obwohl ihr Wortschatz aus vielen europäischen Sprachen stammt. „Vi bone lernis“ – du hast das gut gelernt, lobt der Lehrer, als Vivien einen Satz aus den Wörtern bildet. Vivien ist gegen den Willen ihrer Eltern zu den ersten Esperanto-Lektionen gekommen. Ihre Eltern, sie sind beide Lehrer, finden die Sprache sinnlos. So wie Viviens Eltern denken viele: Warum eine Sprache lernen, in der man in keinem Hotel der Welt ein Frühstück aufs Zimmer bestellen kann? Aber Vivien ist neugierig auf die Sprache, von der Herr Philippe sagt, dass sie sich schneller als Englisch und Französisch lernen lässt. Vielleicht taugt sie als Geheimsprache. Felix lernt Esperanto, um in Französisch besser voran zu kommen. Denn ihr Lehrer, Herr Philippe, hat ihnen gesagt, dass Esperanto eine gute Grundlage für jede europäische Sprache ist. Sophie möchte Dolmetscherin werden. Als zweite Weltsprache kann sie sich Esperanto nicht vorstellen. „Ich könnte niemanden im Internet auf Esperanto anquatschen.“  Pia fällt auf in der Gruppe. Sie ist ein Mädchen mit einem blassen Gesicht und großen, braunen Augen, die nachdenklich und distanziert schauen. Zugleich ist sie sehr präsent. Auch sie möchte später einen Beruf haben, in dem sie Sprachen braucht wie ihre Mutter, die kürzlich beruflich in Afrika zu tun hatte. Pia hat sich ihre Gedanken gemacht über Esperanto, die vor allem als gerecht geltende Kunstsprache. „Da kommt ja so viel aus dem Polnischen.“ Das haben vielleicht ihre Eltern behauptet, die kein Esperanto sprechen. Im Esperanto bündeln sich Einflüsse aus allen europäischen Sprachgruppen. Trotzdem sind Pias Bedenken richtig. Für einen jungen Kosmopoliten bleibt es eine ungerechte, weil europäische Sprache. „Englisch ist irgendwie cooler“, sagt Pia.

Doktor Philippe fürchtet, dass die Schüler aufgeben. Der Kurs ist im letzten Jahr von fünfzehn auf sieben Schüler geschrumpft. Zwar haben in seinen Esperanto-Kursen, anders als in den Spanisch – und Italienisch-AGs, immer einige Schüler bis zum darauffolgenden Jahr durchgehalten, weil sie weniger schnell entmutigt waren, aber schließlich haben die Jugendlichen um diese Zeit schon einen langen Schultag hinter sich. Und er darf keine Zensuren geben. Die leichte Kunstsprache hilft den Schülern also nicht einmal, ihren Abi-Durchschnitt zu heben.

In Deutschland ist Esperanto als Schulfach nicht zugelassen. In Großbritannien, Norwegen, Polen, Ungarn, Bulgarien, Italien, Österreich, Bosnien, den USA, China, Neuseeland und vielen weiteren Staaten ist die Plansprache anderen Fremdsprachen gleichgestellt. Dort werden Lehrer für den Esperanto-Unterricht ausgebildet. Benoît Philippe hat 1980 einen Abschluss als Esperanto-Lehrer in Varna gemacht.

Esperanto sei zweckmäßig und gerecht, argumentiert er. Er zählt die Erfolge seiner Esperantogruppe auf und hält sie gegen die miserablen Französischkenntnisse der Schüler im Allgemeinen. Französisch stehe nur zur Abschreckung auf dem Lehrplan, damit die Schüler sich für das leichtere Englisch entscheiden, sagt er. Zwei, drei senkrechte Falten bilden sich zwischen seinen blauen Augen auf der sonst glatten Stirn. Dann winkt er ab. „Das ist natürlich Unsinn, aber manchmal habe ich solche Ideen.“

Esperanto ist für diesen Lehrer nicht nur ein Argument. Es ist eine Leidenschaft. Er entdeckte die Sprache als Student in Freiburg, im Disput mit einem Freund, der Philippes zunächst ablehnende Haltung mit den Worten konterte: „Du weißt nicht, wovon du sprichst.“ Das habe ihn überzeugt. Seine Begeisterung wuchs mit dem Lernen. Die Dissertation -er studierte Romanistik und Philologie- schrieb er über die Entwicklung der Plansprache. Sein Professor, ebenfalls ein Romanist, hatte keine Mühe, die Sprachbeispiele zu verstehen. Seit vielen Jahren schreibt Benoît Philippe Gedichte in Esperanto. Er gibt eine Zeitschrift heraus und sammelt Literatur.

„Es hat vielleicht mit meiner Geschichte zu tun, dass ich so offen war für die Idee einer gerechten Sprache“, sagt er. „Meine Familie kommt aus dem Elsass, wo abwechselnd Deutsch und Französisch verboten waren, je nachdem, wer gerade an der Macht war.“ Als sein Großvater in den ersten Weltkrieg zog, verließ er ein deutsches Dorf und kehrte heim in ein französisches. Die Eltern wurden während der Annexion durch Hitler in ihrer Kindheit gezwungen, Deutsch zu sprechen. Nach 1945 war die Sprache der Nazis im Elsass unerwünscht.

Benoît Philippe wurde in Baden-Baden geboren. Er wuchs in einer Siedlung für die französischen Besatzer auf. Sein Vater arbeitete dort als Lehrer. „Wir nannten diese Siedlung ‚das Ghetto’, erzählt er. „Das war kein Frankreich. Das war kein Deutschland. Das war…“ Er schaut sich im Schulhaus nach einem Vergleich um. Sein Blick fällt in den verwahrlosten Lichthof im Zentrum des Gebäudes, gleich neben Zimmer 104. „Das war wie auf dem Mond. Die Militärs und ihre Familien blieben maximal drei Jahre. Ich war neidisch auf meine Mitschüler, weil sie wieder gehen konnten. Sie gingen an Orte, die so wunderbare Namen hatten wie Bordeaux oder Marseille. Wenn wir zu Beginn des Schuljahres die Formulare ausfüllen mussten, deckte ich meinen Geburtsort zu. Ich war der Boche, der schmutzige Deutsche.“

Ludwig Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, wurde einhundert Jahre vor Benoît Philippe geboren, im Dezember 1859. Er wuchs in der Stadt Białystok an der Grenze des Russischen Reiches auf. Heute liegt Białystok in Polen. Als Ludwig Zamenhof ein kleiner, jüdischer Junge war, wurde in der Stadt Jiddisch, Polnisch, Russisch, Litauisch und Deutsch gesprochen. Ludwig Zamenhof führte die Feindschaft unter den Völkern auf ihre verschiedenen Sprachen zurück. Zamenhof wurde Augenarzt. Er sprach mehrere Sprachen. Mindestens ein Wörterbuch muss er immer unter seinem Arztkittel versteckt haben, das hebräische, lateinische oder griechische. Er wollte den Sprachen an die Wurzel gehen. 1887 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Doktor Esperanto“ –Esperanto bedeutet „Der Hoffende“ – seinen Entwurf einer Lingvo Internacia. Doktor Esperanto war nicht angetreten, die Sprachen der Völker zu verdrängen, sondern sie zu erhalten. Keine Sprache sollte in ihrer Bedeutung über die andere erhoben werden. Esperanto war als Brücke der Verständigung gedacht. Der jüdische Augenarzt hatte eine politische Bewegung ins Leben gerufen.

Die Idee fand schnell Anhänger. Zeitschriften entstanden, Kongresse wurden organisiert. Dresden hat eine reiche Esperanto-Geschichte. 1908 fand hier der Weltkongress der Esperantisten statt. Die Esperanto-Schriftstellerin Marie Hankel lebte in der Stadt. Heinrich Arnold, Sohn des Kunstmäzen und Bankiers Georg Arnold, an den in Dresden noch heute ein Bad erinnert, engagierte sich für die Verbreitung der Plansprache. Er schrieb das Vorwort für die Esperanto-Ausgabe des Buches „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner, mit der er auch befreundet war. Zeitgenossen berichten, dass er auf seiner Strandburg an der Ostsee die grüne Flagge der Bewegung hisste. In den Zwanzigerjahren lernten sogar die Dresdner Polizisten Esperanto, um für den Fremdenverkehr gerüstet zu sein.

Die Nazis verboten die pazifistische Sprache. In der DDR wurden erst wieder Mitte der Sechzigerjahre, nach dem Ende der Stalinzeit, Kurse an Volkshochschulen und in Betrieben angeboten.

Heute ist von dem einstigen Enthusiasmus nichts mehr in der Stadt zu spüren. Es gibt einen Stammtisch und einen Freundeskreis Esperanto, den der Leiter des Dresdner Esperanto-Archivs ins Leben gerufen hat. Zwei Lehrer fallen Benoît Philippe ein, die wie er Esperanto in Dresden und dem Umland unterrichten.

Die Weltsprache ist Esperanto eben nicht geworden. Man schätzt, dass es fünf Millionen Sprecher weltweit gibt, genaue Zahlen sind nicht bekannt. Die Schätzung beruht auf einem Vergleich der Wikipedia-Einträge auf Esperanto mit denen anderer Sprachen.  So betrachtet, liegt Esperanto irgendwo zwischen Dänemark und Litauen. In Litauen leben über drei Millionen, in Dänemark zirka fünf Millionen Menschen. Die aktiveren Esperanto-Gruppen findet man in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Es sind junge Intellektuelle, die in der Geburtsstadt Zamenhofs den Fernsehsender Bjalistoko Esperanto betreiben.

Esperanto ist heute zu einem Sprachsport geworden, ausgeübt von Sprachbegabten bei regionalen und weltweiten Treffen. Doch was motiviert zum Lernen? Esperanto hat keine Landschaft, kein Haus, kein Lied. Benoît Philippe würde sagen: Esperanto hat alle Landschaften, alle Häuser alle Lieder. Doch das läuft auf dasselbe hinaus. Die Entscheidung für eine Sprache erfolgt aus Notwendigkeit oder Liebe. Es ist heute nicht notwendig, Esperanto zu lernen. Wen oder was lieben Menschen, die sich für Esperanto entscheiden? Eine Idee? Ein Spiel?

Jonne Saleva ist ein Austauschschüler aus Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands. Er ist siebzehn Jahre alt. In seiner Muttersprache spricht man das „o“ in seinem Namen weder kurz noch lang. Man hält das „o“ ein wenig, man schaukelt es wie ein Baby, bis der Name eine kleine, unbekannte Melodie erzeugt, die es sonst in keiner anderen europäischen Sprache gibt. Man muss das üben. Es hilft, sich einen dunklen Wintertag in Lappland dabei vorzustellen. Es hilft, sich ein Haus in das verschneite, flache Land zu denken und darin ein Feuer.

„Es war komisch, allein Esperanto  zu lernen, ohne zu wissen, wofür“, erzählt Jonne. Sein Deutsch hat einen starken sächsischen Einschlag. Er hat die Besonderheiten dieses Dialekts längst analysiert. „In Lappland gibt es nur zwei Leute, die Esperanto sprechen: Mein Lehrer Pekka und ich. Eines Tages rief Pekka an und sagte, dass sein Freund aus Japan da sei. Dieser Japaner sprach nur Japanisch und Esperanto. Es war das erste Mal, dass ich jemanden traf, mit dem ich mich nur auf Esperanto verständigen konnte. Das war großartig.“

Zum zweiten Mal besucht Jonne den Stammtisch der Dresdner Esperantisten. Benoît Philippe organisiert die Treffen im „Neustädter Diechl“, einem Restaurant in der Äußeren Neustadt, dem Szeneviertel Dresdens. Überwiegend ältere Herren sind um die Tafel versammelt. Als Jonne gegen neun Uhr im Gastraum sein Hütchen lüftet und die graue Filzjacke auf das Kanapee wirft, machen sich die ersten Besucher bereits auf den Heimweg.

Die meisten der Akademiker beherrschen wie Jonne zwei oder mehr Sprachen perfekt. Ein stämmiger Lateinlehrer mit dunklen Haaren und breiten Hosenträgern spricht fließend Spanisch, Russisch und Arabisch. Jetzt lernt er Chinesisch und unterrichtet das auch schon an seiner Schule. Sein Tischnachbar hat in der DDR Ökonomie studiert. Seit vielen Jahren ist er arbeitslos. Langeweile hat er nicht. Er übersetzt Computerprogramme ins Nieder – und Obersorbische. „Um die Sprachen zu pflegen“, sagt er.

Ein buntes Hündchen mit spitzer Nase wedelt um den Tisch, wenn wieder ein knuspriges Bauernfrühstück oder ein Schnitzel serviert wird. In dieser Runde passiert es, dass die Männer aus dem Esperanto heraus ins Sächsische fallen. Je weiter sie von Benoît Philippe entfernt sitzen, desto ausgiebiger. Mi krokodilas – ich krokodiliere, sagen Esperantisten, wenn sie miteinander in ihrer Landessprache sprechen. An diesem Abend kämpft Benoît Philippe nicht allein gegen das Krokodilieren. Sein langjähriger Freund Hubert Schweizer, ein Heilpraktiker und altkatholischer Priester, sitzt am anderen Ende des Tisches. Die beiden achten darauf, dass am Tisch nicht wieder von der Aufgabe des Abends abgewichen wird. Doktor Philippe hat eine Liste mit Wörtern vorbereitet, für die es noch keine Entsprechung auf Esperanto gibt, das Wort „piercing“ beispielsweise. „Korpo traboraga“, lautet ein Vorschlag, der durchbohrte Körper, „pikornamo“ ein anderer, Stechschmuck. Man plaudert über die Traditionen des Piercing auf anderen Kontinenten, -es scheint ein spaßiges Thema zu sein- und diskutiert, ob eher das Verb bohren oder pieken zutrifft. Die erarbeiteten Übersetzungs-Vorschläge schickt Benoît Philippe nach Leipzig, an den Herausgeber des Wörterbuch Deutsch-Esperanto, Professor Erich-Dieter Krause. Um die Auflage des Werkes wird ein kleines Geheimnis gemacht. Der Verlag will nur verraten, dass sie irgendwo zwischen 1000 und 3500 Exemplaren liegt. Eine ähnliche Zahl liest man auch über den Weltbund der Esperantisten: 1300 Deutsche sind dort als Mitglieder erfasst.

Am nächsten Montag wartet Doktor Philippe wieder vor Zimmer 104 auf seine Schüler. Jonne steht neben ihm und knetet seinen Hut. Fast alle kommen, um den Gast aus Lappland kennenzulernen: Sophie, Vivien, Felix, Carolin und Janek. Jonne soll etwas über seinen Alltag in Finnland erzählen. Doktor Philippe hat bereits eine Finnland-Karte aus dem Geographie-Kabinett geholt. Pia hat abgesagt. Sie muss zur Orchesterprobe. Sie denkt sowieso darüber nach, die AG aufzugeben. Sie möchte sich stärker auf Englisch konzentrieren.

Zielfahnder: Auf der Suche nach der Tupperdose

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In seiner freien Zeit streift Timo durch die Gegend, um an schwer zugänglichen Orten versteckte Mitteilungen zu finden. Er ist ein Geocacher. Er bevorzugt Schwierigkeitsstufe 5, die gefährlichste. 

© Photo: Stephan Pramme

Timo sucht das Codewort. Er ist nicht wegen der morbiden Schönheit des Gebäudes hier.

Timo Schygulla, 27 Jahre, aus Berlin-Reinickendorf, ist gekleidet und ausgerüstet wie für eine Expedition auf einen unbekannten Kontinent. Dabei streift er nur durch Brandenburger Land. Er trägt feste Schuhe und eine Hose mit vielen Taschen, in denen er seine Ausrüstungsgegenstände, GPS-Gerät, Telefon, Taschenlampe, Spiegel und feuerfeste Handschuhe, unterbringen kann. In seinem Rucksack stecken ein Wasserbeutel, aus dem er sich über einen Schlauch direkt bedient, und eine Kletter ausrüstung. Timo ist Geocacher. Er ist auf der Suche nach dem »Cache«, dem Versteck.

Geocaching ist ein relativ neuer Zeitvertreib. Gerade erlebt es einen Boom. Call-Center-Angestellte, Wissenschaftler, Verkäuferinnen, Informatiker, Rentner und Schüler sind unterwegs, um Tupperdosen in die Landschaft zu legen, mit einem Logbuch darin, in das der Finder seinen Namen und einen hübschen Spruch schreiben kann. Außer einem GPS-Gerät braucht man das Internet. Unter der Adresse www.geocaching.com werden die Koordinaten der Verstecke veröffentlicht. Dort wird auch registriert, wie oft jedes Versteck gefunden wurde und von wem. Daraus folgt das Punkte-Ranking der erfolgreichsten Cacher landes- oder weltweit. 860 000 Dosen, von fingerkuppenkleinen »Nanos« bis zu Munitionskisten, liegen auf allen fünf Kontinenten der Erde, einschließlich der Antarktis. Es ist allerdings anzunehmen, dass der prozentuale Anteil der Geocacher in Deutschland höher ist als beispielsweise in Patagonien. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Etwa 500 Geocacher streifen beispielsweise durch den Berliner Raum, schätzen Insider. Kaum noch eine Straße in der City, in der nicht unter einer Parkbank oder in einem Telefonhäuschen eine Dose klebt. Solche einfachen Verstecke sind aber nur der Anfang. »Multicaches« führen über mehrere knifflige Stationen zur Ziel-Dose, von den Cachern »Final« genannt. Der Ort, den Timo heute sucht, liegt 52 Grad, 15 Minuten und 704 Milliminuten nördlicher Breite und 12 Grad, 55 Minuten und 482 Milliminuten östlicher Länge.

Wir stehen vor der Ruine des Chirurgie-Pavillons einer ehemaligen Lungenheilstätte, im Flügel der Frauen. »Vom Eingang müssen wir 300 Meter peilen, direkt in die Mitte des Gebäudes«, sagt Timo. Unsere Schritte knirschen über Schutt und Glas. Ein langer Kreuzgang führt auf das Skelett einer zweiflügeligen, halbrunden Tür zu. Es zieht gewaltig, denn sämtliche Fenster sind zerbrochen. Links des Ganges gehen die ehemaligen Krankenzimmer ab. Die Türen wurden entfernt, weggetragen, wahrscheinlich waren sie schön, wie die Flügeltür am Ende, wie die leeren Fensterrahmen zum Park, deren Anstrich in so filigranen Blättchen vom Untergrund bricht, dass es wie ein Muster wirkt, wie feine Spitze. Die Gebäude wurden im 19. Jahrhundert gebaut. Beelitz-Heilstätten, das Sanatorium, rund 60 Kilometer südwestlich von Berlin, ist ein architektonisches und technisches Meisterwerk seiner Zeit. Nach 300 Metern befinden wir uns kurz hinter der Flügeltür, vor einem leeren Aufzugsschacht. Das Eisengitter rostet, gilbt, grünt. Der Verfall wirkt wie inszeniert. Nur noch Fragmente des geschmiedeten Geländers um den Aufzugsschacht, Blüten, Blätter und gedrehte Stäbe, sind geblieben. Sie wurden zersägt und abgebrochen. Der Aufzug hängt zwei Stock werke höher, eingerostet, wie für die Ewigkeit.

»Wichtig ist eine gute Story«, sagt Timo. Er führt Taschenlampe und Spiegel durch Entlüftungs- und Heizungsschächte und über offen liegende Rohre, um einen Hinweis auf Heinrich zu finden, der in einem der Pavillons von Beelitz-Heilstätten verloren gegangen ist. So weit die Story. Barbie & Bruettler haben den Multicache in Beelitz-Heilstätten gelegt. Geocacher arbeiten mit »Nicknames«. Timos Deckname lautet »Ultralist«. Auf www.geocaching.com ist zu lesen, dass Barbie & Bruettler in Kassel leben und seit 2006 knapp 4000 Funde gemacht haben, meist in hohen Schwierigkeitsstufen. Das Foto im Nutzerprofil zeigt eine rothaarige Schaufensterpuppe in Seidenwäsche. In einem nostalgischen Spiegel neben ihr ist der nackte Oberkörper des dazu gehörenden Schaufenstermannes zu sehen.

Nach 20 Minuten Suche schiebt sich ein Satz, mit schwarzem Edding auf ein Rohr geschrieben, in Timos Spiegel: »Woher kommt das viele Licht? Bin ich etwa noch im grünen OP? Heinrich.« Die Suche nach dem grünen OP führt durch mehrere zugige Gänge, von denen ehemalige Bäder, Toiletten und Krankenzimmer abgehen. »Ein lauschiges Plätzchen zum Vögeln« hat jemand auf die weißen Kacheln über ein Sofa gesprüht, das so aussieht, als hätte es schon mehrere Landregen aufgesogen. Das Dach des Gebäudes ist längst nicht mehr dicht. »In der Bildersafari für den großen Multi ist dieses Bild mit drauf«, sagt Timo. »Allerdings nur als Ablenkung.«

Auf keinen Fall möchte Timo sich ablenken lassen. Er nimmt die Besonderheit dieses Ortes zwar wahr, das Blut auf den blauen und rosa Kacheln, die ausgequetschten Ketchup-Flaschen in den Pfützen auf dem Betonboden, das verrostete Metallbett unter der altertümlichen OP-Lampe mit den blinden Augen, doch anders als die Fotografen und Filmleute, die in Beelitz-Heilstätten das Interieur des Schauders suchen, genießt Timo die besondere Herausforderung seines Caches. Nur das. Schwierigkeitsstufe fünf. Die höchste. Die Symbole auf der Web- site, ein Totenkopf, eine Kletterwand und eine Taschenlampe, sind die Indikatoren der Verstecke, die ihn interessieren. Wie die Figur in einem Computerspiel bewegt er sich in dem alten Krankenhaus. Glatt. Geschickt.

Timo ist Wirtschaftsingenieur, spezialisiert auf Multi-Media-Systeme, das heißt, auf die Anwendungen des Web 2.0 und Enterprise 2.0, also Blogs, Foren und Twitter. »Als Wirtschaftsingenieur hat man einerseits das technische Know-how und andererseits BWL«, erklärt er. Sein Studium hat er er folgreich abgeschlossen. Kürzlich hatte er ein Bewerbungsgespräch bei der Telekom. Es lief gut. Jetzt bereitet er sich auf die Prüfung im Accessmentcenter vor. Timo strahlt Leichtigkeit aus, die Sicherheit desjenigen, der gewohnt ist, dass ihm die Dinge gelingen. Schwer vorstellbar, dass ihm irgendwo ein peinlicher Satz entwischt. Es gibt Menschen, denen die Welt wie maßgeschneidert sitzt. Timo fährt Mountainbike, er paddelt und trainiert jetzt die Jugendgruppe seines Vereins am Tegeler See. Er löst Sudokus, hört die Nachrichten und geht zur Wahl. Seine Freundin Isabel studiert Mathematik. Geocaching langweilt sie. »Sie findet Finden schön«, sagt Timo. »Aber Suchen nicht.« Bei den Stammtisch-Treffen der Berliner Geocacher bleibt Timo alias »Ultralist« vornehm zurückhaltend. Vereinsmeierei ist ihm zuwider. Er mag keine Bier- und Weinseligkeit. Er ist am Austausch von Fakten interessiert.

Geocacher kommen aus allen Altersgruppen und Schichten der Bevölkerung. Es gibt ganze Familien, die cachen gehen, zum Beispiel der Diplomingenieur »Geolink«, seine Hausfrau »Lupini« und ihre gemeinsame Tochter »Midna«. Die Berliner »Gartenzwerge«, ein blasses, in Schwarz gekleidetes Paar, bezeichnen sich als Genusscacher. Was auch immer sie genießen, der gefährliche Multi in Beelitz- Heilstätten gehört sicher nicht dazu. »Jack Sparrow«, ein älterer Herr, der die Welt bereist und eine sagenhafte Punktezahl gesammelt hat, wird von vielen bewundert. Es gibt den Notarzt, der komplett auf einen Nickname verzichtet und sich einfach Jan Wagner nennt, als hätte er gar keine Lust, auch mal jemand anders zu sein als er selbst, und »Moenk«, den Geo-Informatiker, ein Star der Szene, ein Typ wie Timo: sportlich, sympathisch, klug und schön. Unter www.cachetalk.de betreibt er einen Podcast.

Timo hat die nächste Koordinate gefunden. Sie ist mit roter Farbe auf die Unterseite eines Fensterschenkels geschrieben. Die Spur führt hinaus aus der Chirurgie, durch den Park, zu einer gigantischen Ruine, noch immer im Flügel der Frauen. Die Ruine schiebt sich wie ein Kasten aus dem Park, rechts, links, unten und oben von Bäumen umgeben. Wir trauen zunächst unseren Augen nicht, doch dann bestätigt sich dieser erste wunderliche Eindruck: Im zerstörten oberen Stock werk des Gebäudes wachsen hohe Bäume. Ein Gang, verschüttet mit Holzbalken und Schutt, führt auf eine riesige Halle zu, deren Fenster zerstört sind, deren Fußboden von Steinen und Erde bedeckt ist, als wäre der Wald bereits erfolgreich gegen die Mauern vorgerückt. Die marode Treppe führt durch die Stockwerke hinauf in den Wald. Wie kommt ein kompletter Wald mit Nadeln, Moos, Ebereschen, Ahornbäumen und schlanken Kiefern in den vierten Stock eines Hauses? Die Treppe bricht in Höhe der Ebereschen ab. Timo hat keine Idee, wie der Wald hier rauf kam. Interessiert es ihn? Erstaunt es ihn? Gibt es überhaupt etwas, das ihn staunen macht, ihn entsetzt, auf die Palme bringt? War er jemals richtig wütend? Vertauschte Ziffern in Koordinaten hätten ihn schon verärgert, sagt Timo. Möglicherweise schleuderte die Bombe, die das Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstörte, einige Kilo Erde, ein Samenpaket, durch die Luft. Möglicherweise reichte das dem Wald aus, sich hier oben auszubreiten. Egal. Dieses Wissen wird im Multicache nicht abgefragt, ist also nicht von Belang. Hier kommt es lediglich darauf an, ein Loch im Waldboden zu finden, durch das Timo sein Kletterseil über den darunter liegenden, eisernen Balken der großen Halle fädeln kann. Im grünen Mooslicht der großen Halle, vielleicht ein ehemaliger Turn-, Fest- oder Speisesaal, in dem Vorträge über gesunde Lebensweise gehalten oder Konzerte aufgeführt wurden, legt Timo seinen Klettergurt um, befestigt zwei Reepseile an dem dicken Seil, in die er seine Füße stellt, und klettert wie auf einer mobilen Treppe unters Dach. Leicht sieht das aus. Das sind die Momente, die er an diesem Hobby liebt, Momente, in denen sein besonderes Können gefragt ist. Er muss jetzt nicht mehr suchen. Alle Rätsel sind gelöst. Er ist kurz vor dem Ziel. Er entspannt sich beim Klettern. »Es ist die Heraus forderung an Kopf und Können«, sagt er.

Als Nächstes möchte er gern den Cache auf dem Betonschiff in der Wismarer Bucht lösen. »Ich stelle mir das gut vor. Zuerst musst du da rüber paddeln, dann über die Bordwand klettern und dich drüben wieder abseilen.« Er würde auch gern mal nach Nepal reisen. »Die hohen Berge«, sagt er. »Der K2?« Er schüttelt den Kopf. Keine Extreme. Kein zu großes Risiko. Keine Besessenheit.

Wir finden Heinrich im Keller neben einer Metallkiste mit altem Röntgengerät. Natürlich keineLeiche, kein Skelett. Nur eine Tupperdose mit einem Logbuch drin. Außerdem befinden sich in der Dose ein kleines Spielzeugauto, ein leeres Jojo, ein alter Computerstecker, ein Button mit der Aufschrift »No War« und ein Geo-Coin. Diese Münzen stellen in der Szene einen Sammlerwert dar und werden nicht selten geklaut, weswegen von einigen Coins nur Kopien in Umlauf gegeben werden. Den Besitzer eines Coins kann man anhand der Ziffer über das Internet finden. Die amerikanische Firma www.geocaching.com verkauft die Geo-Coins. Die Hersteller der Münzen müssen an Groundspeak Tantiemen für die Vergabe der Nummern zahlen. Weitere Gewinne erzielt Groundspeak durch die Einnahme aus den Premium-Mitgliedschaften. Premium-Mitglieder zahlen für besondere Service-Leistungen und für die Exklusivität einiger Caches.

Wer war Heinrich? Ein langhaariger Kämpfer für den Frieden? Spielte er Jojo, um sich das Rauchen abzugewöhnen? Liebte er Autos? Wann kaufte er seinen ersten Computer? Barbie & Bruettler, die Erfinder von Heinrich, äußern sich dazu nicht. Das Spiel ist hier zu Ende, die Teile in der Dose sind zufällig. Sie bedeuten nichts.

Einfach, unkompliziert, heiter und bald

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“Mit dem Sommerheft habt Ihr mich mitten ins Herz getroffen, diese Traumwelt…! Bei Kathrin Schrader fühlte ich mich ertappt und seelenverwandt – liegt das am Namen?…” Kathrin Rochow, Darmstadt 

Jetzt gibt es ein neues Magazin, mit großartigen Texten von Judka Strittmatter, Maxi Leinkauf, Regina Scheer und vielen anderen…

© Illustration Liane Heinze

Einfach, unkompliziert, heiter und bald

Single-Frau trifft Single-Mann; beide haben ihre Obsession

Die Türen der U-Bahn schnappen zu. Das Spiel beginnt. Mit wenigen Blicken erfasse ich die Kandidaten im Wagon, vier, fünf übermüdete Männer, die sich gleichgültig dem Rhythmus der Metro überlassen. Keine schönen Männer. Männer, denen das Leben übel mitspielt, die erst in den Morgenstunden vor dem Fernseher oder neben einer Frau in den erlösenden Schlaf fallen, Männer, die ins Waschbecken pinkeln und sich selten die Zähne putzen.

Nicht immer entscheide ich mich für den unattraktivsten, möglicherweise aber für den, der mich am wenigsten reizt. Es verblüfft mich, Männer zu sehen, von denen nicht die geringste Provokation, kein bisschen Sex, ausgeht.

Jeden Morgen geschieht das Gleiche. Wir beide sind die einzigen Überlebenden des Endes der Welt. Nachdem ich tagelang durch eine verlassene Landschaft geirrt bin, treffe ich ihn. Heute ist es der Mann mit dem geordnet-ernsten Blick und den dünnen Lippen aus der Sitzreihe gegenüber. Seine Brillengläser sind schmal wie die Standart-Versionen von Excel-Zellen. Er trägt spitz nach oben gegeelte Ponyfransen und ein graues Sweatshirt mit ausgebeulten Taschen.

Eines Abends entdecke ich seine gebeugte Silhouette am Horizont. Die Ponyfransen ragen in den Sonnenuntergang. Wir gehen aufeinander zu, betrachten uns misstrauisch. Er macht ein Feuer. Wir braten Fische und vermissen das Salz. Wir tauschen uns knapp darüber aus, was als nächstes zu tun ist. Dann finden wir kein Thema mehr. Logisch. Schon vor dem Ende der Welt hätten wir uns miteinander gelangweilt. Jetzt ist noch viel weniger los.

Ich beobachte den Kandidaten in der Sitzreihe gegenüber aus den Augenwinkeln. Er bemerkt es nicht, döst weiter vor sich hin. Nach wenigen Tagen kommt der Moment, auf den das quälende Spiel hinaus läuft. Wir müssen uns lieben, so verlangt es das Protokoll meiner selbstzerstörerischen Fantasie, denn wir sind ja der letzte Mann und die letzte Frau.

Warum teste ich täglich aufs Neue, ob ich jeden, wirklich jeden, lieben könnte? Manchmal, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe, wenn der Tunnel zu donnern beginnt und ein heftiger Wind dem Zug voraus eilt, hoffe ich, dass diesmal kein Kandidat in der Metro sein möge. Vergeblich. Ich fahre auf der falschen Linie.

Kaum draußen an der frischen Morgenluft, rollen attraktive Männer auf Treppen an mir vorüber. Sie stehen im Coffeeshop zum Greifen nah in der Schlange vor und hinter mir. Sie schlendern vorbei und flirten. Sobald Sonne und Wind mich streicheln, bin ich überzeugt, dass es einfach sein wird, unkompliziert, heiter und schon bald.

Meine Freundin Lilo sucht im Internet. Sie klickt sich durch lange Listen, in denen vom Betriebssystem über den Lieblings-Fernsehkoch, die stärksten und schwächsten Chakren bis zur bevorzugten Stellung alle Dinge des täglichen Lebens abgespeichert werden. Dann rechnet der Computer den passenden Mann für sie aus. Bisher hat er noch keinen Kandidaten für Lilo gefunden. Schon wieder dieses Wort: Kandidat. Ist es passend für einen Menschen, den man einmal lieben könnte? Oder bezeichnet es nicht eher Personen, die man im Arbeitsspeicher festhält und weiter sortiert und vergleicht?

Am nächsten Morgen klammert ein schlauchdünner Typ mit Augenschatten an der Haltestange neben der Tür. Ich berge ihn aus einem Trümmerhaufen. Meine Hände sind blutig, meine Schuhe aufgerieben an den Kanten der zerfetzten Steine. Er stützt sich auf mich. So wanken wir ohne ein Wort aus der Stadt. Draußen sinken wir auf eine Wiese. Er liegt auf mir. Er nimmt mir die Luft. Mein Herz rast. Ich gerate in Panik.

Die Psychologin lächelt übergewichtig von ihrem Thron herab, entspannt wie ein Buddha. „Sie sollten prüfen, ob Sie sich durch die Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht zu stark belastet fühlen. Ihre Eltern, Kollegen und Freunde gehen davon aus, dass ihr Freund kultiviert und gebildet sein sollte. Aber vielleicht sind Ihnen andere Dinge wichtiger.“

„Welche Dinge?“

„Sexuelle Praktiken, Machtspiele und so weiter.“

„Das könnte ich alles anklicken: Hochschulabschluss, Interesse an Oper und Bondage, gern auch anal…“

Der Buddha gerät für einen Moment ins Wanken. „Und warum klicken Sie nicht?“

„Es ist mir unheimlich, wie ein Stück Pizza aus der Mikrowelle, das innen heiß, aber außen noch kalt ist. Die intimsten Dinge eines Menschen möchte ich nicht wissen, bevor ich ihn getroffen habe. Ich möchte mich von außen nach innen vorarbeiten.“

Als ich die Praxis verlasse, habe ich nicht einmal ein Pillenrezept gegen Zwangsvorstellungen. Solange ich ruhig schlafen kann, sieht die Psychologin keinen Handlungsbedarf.

In der Suppenbar beobachte ich die Leute um mich herum. Ihr Leben scheint völlig normal zu verlaufen. Oder sind es nur die Küchen-Geräusche und das kollektive Kratzen der Löffel auf dem Grund der Schalen, die diesen Eindruck erwecken?

Der Mann neben mir klemmt seit zehn Minuten hinter seiner Zeitung. Ich wollte da auch noch einen Blick rein werfen, bevor meine Pause zu Ende geht. Ich lasse mir mit der Süßkartoffel-Erdnuss-Suppe extra viel Zeit. Der ist bis zu den Knien in die Zeitung gehüllt. Nur einmal, als er umblättert, taucht strubbeliges, blondes Haar dahinter auf. Ich gehe zur Toilette. Er liest immer noch. Ich schreibe eine Karte an Lilo. Die Zeitung kann ich vergessen. Ich räume das Geschirr weg.

In dem Moment, als ich die Bar verlasse und einen Gruß über die Schulter werfe, geschieht es. Die Zeitung sinkt. Sein Gesicht schwebt wie los gelöst darüber. Er strahlt. Dieses Lächeln ist so weit. Es vereint jedes Dorf zwischen Cote d’Azur und Antarktis. Es führt die komplizierte klick-me-or-not-Welt der Singles ad absurdum. Ich sehe eine dunkel gerahmte Brille und eine weiße Zahnreihe. Ich hafte an diesem Gesicht, dessen Auftritt so kurios ist. Wie ein Feuerwerk, das zu früh zündet, schießt mein Lächeln in unbekannte Richtungen. Ich werde rot. Endlich fällt die Tür ins Schloss.

Das Rad meiner Fantasie schnurrt. Bis er die Zeitung zusammen gefaltet und aus der Hand gelegt hat, bis er die Karte an Lilo bemerkt, die ich auf dem Tisch liegen gelassen habe, in den Mantel fährt und mir nachläuft, habe ich mit ihm gekocht und gegessen, eine Nacht in seinen Armen verbracht und ihn im Literatur-Salon als meinen Begleiter vorgestellt.

Seine Mantelschöße wehen wie Tragflächen. Er schwenkt die Karte. „Oh, danke.“ Wir stehen uns gegenüber und lächeln, und können beide nicht damit aufhören. „Bist du morgen wieder hier?“ Er nickt.

„Dann, bis morgen.“

„Bis morgen.“

Ich gehe weiter, stolpere, schaue mich um, ob er es gesehen hat, aber er ist schon fort.

Nur er weiß, wie ich aussehe, wenn mir das Lächeln entgleitet. Ich selbst werde es nie sehen können. Eigentlich ungerecht. Auf den nächsten hundert Metern wälzen wir uns im warmen Sand am Meer. Am Abend im Hotelzimmer erzählen wir uns wieder einmal, wie wir uns kennen gelernt haben. Er sagt: „Ich vergesse nie dein Grinsen, als du die Bar betreten hast.“ Ich sage: „Das war, als ich gegangen bin.“ Er sagt: „Nein, du kamst herein.“ Es ist unser erster Streit.

Plötzlich, in der Drehtür zum Bürogebäude, attraktive Männer in den Glaskammern vor und hinter mir, aber sie sind mir jetzt gleichgültig, erinnere ich mich an den Eindruck, ich spiegele mich in ihm, vorhin auf der Straße. Als hätte ich etwas erkannt, das ich nicht mit Worten benennen kann, über mich. Im Licht durchfluteten Foyer bleibe ich stehen. Satte Leute schleppen sich an mir vorbei zu den Aufzügen und ich stehe in einem Sonnenfleck wie erleuchtet. Es geht nämlich gar nicht um Betriebssysteme, Köche und Chakren. Es geht darum, herauszufinden, wer man ist. Was nur zu zweit möglich ist. Indem man sich in dem anderen spiegelt. Diese Erkenntnis hebt mich an. He Leute, habt ihr das gewusst? möchte ich den verdauenden Menschen im Aufzug zurufen.

Am nächsten Tag löffeln wir unsere Brokkoli-Gorgonzola, als seien wir dazu bestimmt, miteinander Suppe zu essen. Täglich. Wir reden wenig. Ich zwinge mich, meine Erwartungen zu dämpfen. Kann ein Single so unbefangen lächeln? Ist er nicht auf der sicheren Seite? Ich wage nicht zu fragen.

„Noch einen Kaffee?“ Meine Pause ist um. Trotzdem ja. Ich erzähle ihm von meinen U-Bahn-Fantasien. Er klebt an meinen Lippen wie ein kleiner Junge an einem Spielzeugautomaten. Schließlich sagt er: „Ich erlebe etwas ähnliches. In unser Museum kommen manchmal Schulklassen. Die Mädchen wissen nicht, dass ich von der Weltraumbehörde beauftragt bin, mit einer Frau meiner Wahl den Planeten Umathar im Sonnensystem Alpha Maioris zu bevölkern. Ich kann mich zwischen den Mädchen nicht entscheiden. Sie gefallen mir alle nicht. Die Weltraumbehörde droht, den Auftrag an einen anderen Wissenschaftler zu vergeben.“

„Das ist doch…das hast du dir eben ausgedacht. Du machst dich über mich lustig.“

Er legt die rechte Hand aufs Herz. „Aber nein. Ich schwöre. Das… das…kann man sich doch nicht ausdenken.“

Schon wieder breitet sich mein Grinsen wie Wildwuchs aus. Wenn das wahr ist? Ich danke Umathar, der seine Bahnen um Alpha Maioris zieht und für immer und alle Ewigkeiten unbewohnt bleiben wird, weil ich nun weiß, dass er ein emotional ausgehungerter Single ist wie ich.

„Diese Fantasie habe ich oft“, sagt er euphorisch. „Manchmal auch draußen auf der Straße, wenn eine Gruppe durchschnittlicher Frauen auf mich zukommt.“

„Kandidatinnen“, sage ich. Ich nippe an meinem Kaffee und stelle mir vor, wie schrecklich es wäre, eine seiner Kandidatinnen zu sein.

„Was hältst du davon, wenn wir diese Aufbruchs – und Endzeitpläne etwas zurückstellen?“, fragt er.

„An welchen Zeitraum denkst du?“

„Sagen wir…“ Er greift nach der Karte. „…Bis zur Möhren-Mango. Ist morgen im Angebot.“ Er klappt die Karte zusammen.

„Wenn es mir morgen früh in der U-Bahn gelingt, keinen Kandidaten zu wählen, dann…“

„…dann versuchen wir es ab morgen vorläufig für immer.“ Er blickt ernst. Seine Augen sind blaugrau. Um seine Mundwinkel zuckt ein Schmunzeln. Er macht sich über mich lustig. Der Kaffee knirscht in meiner Kehle. Ich werde rot.

„…dann bleibt es mir zukünftig erspart, eine Viertelstunde eher aufzustehen und statt der U-Bahn das Fahrrad zu nehmen, wollte ich sagen.“

„Ich empfehle mich als wirksame Therapie gegen Radtouren.“ Er deutet einen Diener an. Das strubbelige Geflecht seiner Haare ist dicht. Ich habe Lust, hinein zu greifen.

„Danke.“

„Keine Ursache.“

„Und du?“, frage ich.

„Ich schaffe das schon“, sagt er. „Bei mir ist alles noch frisch. Kein Zwang. Ich bin erst vor zwei Monaten von der Weltraumbehörde ausgewählt worden.“

„Das tut mir leid.“

„Es geht schon. Tut nicht mehr weh.“ Er trommelt mit seinen Fingern auf den Tisch.

Ich habe meine Mittagspause gigantisch überzogen. „Ich muss los.“

„Ich habe noch Zeit bis zur nächsten Führung“, sagt er.

„Klärst du das mit der Weltraumbehörde heute schon?“, frage ich.

„Sofort“, sagt er.

„Na dann…“

„Hast du auch nichts vergessen?“ Er schaut unter den Tisch.

„Und wenn schon“, sage ich.

Er hält mir die Tür auf. Mein Lächeln spiegelt sich in seinen Augen, noch unsicher, ob es so einfach, unkompliziert und heiter sein kann. Und schon jetzt.