Himmel über Marzahn

Berlin-Marzahn ist kein Traumziel der Touristen. Doch die Pension „11.Himmel“ ist immer ausgebucht. Untergebracht in einem ganz normalen Plattenbau, wird sie von Kindern aus der Nachbarschaft betreut.

Kulturhochhaus Marzahn

Die Pension befindet sich im zehnten und elften Stockwerk eines Plattenbaus in Berlin-Marzahn, am Barnimplatz, wo das Unkraut zwischen den Gehwegplatten kniehoch wächst. Marzahn ist weder das Traumziel der Touristen noch der Wohnungssuchenden. Doch die Pension ist immer ausgebucht. Die Gäste kommen aus der ganzen Welt. Sie werden von Kindern empfangen und von Kindern bewirtet. Marzahner Kinder zwischen neun und siebzehn Jahren haben die zehn Wohnräume eingerichtet und gestaltet, nicht nach Art der Erwachsenen, die unter dem Wort Pension eine auf den kleinsten gemeinsamen Nenner deutscher Wohnkultur gebrachte Einrichtung in gedeckten Farben mit einem Fernseher mittendrin verstehen. In der Marzahner Kinderpension gibt es keinen Fernseher. Die Pension ist das Programm.

Angie sitzt auf dem riesigen Prinzessinnenbett in der Königinnensuite.  Continue reading

Herr von Gigantikow

Reinhard Zabka ist mit seinem Lügenmuseum nach Radebeul gezogen. Dort registriert er mehr Neugier, aber er polarisiert auch in Sachsen

Reinhard

Foto: © Amac Garbe/ Dresden/ www.ein-satz-zentrale.de

Lügenmuseum heißt der Ort, ein staubtrockener Name, der nur als Tarnung gedeutet werden kann für die Poesie dieses funkelnden, blinkenden, surrenden, singenden und klingenden Universums. Es ist, als gerate man in die eigenen Träume, als stürze man aus den Mechanismen der Zeit in ein Wunderland. Aus einem alten Koffer bläst Wind, bringt ein nacktes Lampengestell zum Erzittern, worauf ein kaltes Funkeln durch die Einweckgläser und Spiegelscherben huscht.

Das Schiff

Foto: © Amac Garbe/ Dresden/ www.ein-satz-zentrale.de

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Berliner Notiz-Blog, 29. Juni 2011

Gift gegen griechische Demonstranten

Von meinem Schreibtisch aus schaue ich zu, wie in Athen Demonstranten mit Gas – und Atemmasken und nassen Tüchern vor dem Gesicht auf der Flucht vor den Polizeigeschwadern auseinander stieben. Die Kamera zittert, man sieht ein Chaos von Beinen, den Himmel, dichte, graue Wolken – der Pavillon des Fernsehsenders wurde umgerissen.

Es ist 15:34. Gerade hat das Parlament in Athen den Sparmaßnahmen zugestimmt. Die Kamera taucht aus dem Chaos wieder auf, hält auf einen jungen Mann mit hellbraunen, langen Haaren. Er hat ein Handtuch vor das Gesicht gepresst. Er atmet schwer und hält sich an irgendetwas fest, den Blick nach unten gerichtet. Er muss sich sammeln, konzentrieren, damit er weiterlaufen kann, trotz der Übelkeit.

Rauchschwaden steigen über den Straßen auf. Leute rufen, schreien, husten. Dazwischen, wechselnd in Französisch und Englisch, ein Aufruf an alle Zuschauer, die griechischen Botschaften in allen Ländern anzurufen, um gegen den Gifteinsatz zu protestieren. Die Demonstranten seien unbewaffnet. Sie sind tatsächlich unbewaffnet. Es sind ganz normale Leute, in Sommerkleidung. Manche tragen einen Rucksack. Eben sah die Demonstration von oben noch aus wie Markttreiben.
Der Sprecher hat Probleme mit der Stimme. Wir machen weiter, sagt er. Wir werden siegen.

Neben dem Film läuft ein Chat. Menschen in verschiedenen Sprachen tauschen Botschaften aus, kurze, wirre Gesprächsfetzen. Verschwörungstheorien tauchen auf. Leute streiten über Sozialismus und Kommunismus. Jemand sagt, Merkel sei doch kommunistisch erzogen und daher käme das Unglück.

Die Bilder kommen nicht aus Libyen oder aus einem anderen Land eines anderen, durchgeknallten Diktators. Sie kommen aus Athen. In Athen stand die Wiege Europas. Hier fand die Antike statt. Die Demokratie wurde von den Athenern erfunden. Nicht ganz die Demokratie, auf die wir einmal so stolz waren, denn damals in der Antike waren noch keine Frauen dabei.

Selten in meinem Leben haben mich Bilder so schockiert. Das letzte Mal am 11. September. Das hier ist wieder ein 11. September. Nichts wird so bleiben wie es ist. Eine Welt geht gerade zugrunde. Und es gibt tatsächlich Idioten, die glauben, Europa wäre gerettet, weil das griechische Parlament dem Sparpaket zugestimmt hat.

Kathrins Notiz-Blog 25. Januar 11

© Illustration Liane Heinze

Gestern habe ich Kolja im Büro besucht. Er saß allein im Lichtkegel seiner Schreibtischlampe in dem dunklen, leeren Büro. Er sprang nicht wie sonst auf, um mir aus dem Parka zu helfen. Er sagte nichts. Es musste etwas geschehen sein. „Hier!“ Er schnippte mir über seinen Schreibtisch einen Brief entgegen. „Ist heute gekommen.“ Es war ein grauer Brief. Ich brauchte ihn nicht auseinanderzufalten. Ich wusste, es war die Absage an seine Idee.

Er hatte eine Wohnhaussiedlung für sozial schwache Familien vorgeschlagen. Die Familien sollten an der Gestaltung mitwirken. Sein Entwurf sah vor, dass sich die Größe der Räume verändern ließ. Außerdem konnten die Mieter je nach Lebensart entscheiden, ob ihre Badewanne im Schlafzimmer stehen sollte, oder in der Küche oder in einem klassischen Bad. Koljas Konzept hatte auch vorgesehen, dass ich die Bewohner bei der Inneneinrichtung beriet.

„Idioten!“, sagte er. „Statt zu sagen: Los, ihr Hartz-IVler, fangt an, kommt mal raus aus eurem Kasten, schiebt die Wände hin und her und denkt sie neu. Hey, spielt doch mal wieder! Das wird euer Leben ändern. Nein! – Wie sollen wir das verwaltungstechnisch eckig in unsere kleinen Karteikästen kriegen?“ ahmte Kolja die Meckerstimme einer Bürokratin nach.

Er stand endlich auf, mich zu umarmen. Dann schob er sich eine Zigarette zwischen die Zähne und zündete sie mit einer großen Geste an. Er hielt mir die Schachtel hin. Ich bediente mich. Ich hatte schon lange nicht mehr geraucht. Kolja hockte mit hängenden Schultern auf der Ecke seines Schreibtisches, seine Schiebermütze weit aus der Stirn geschoben. Sie hatte eine Druckstelle über dem rechten Ohr hinterlassen.

„Kolja?“

„Mm.“

„Es muss sich was ändern.“

„Revolution? Kommunismus?“ Er blickte auf, grinste, die Zigarette zwischen seinen geraden Zahnreihen. Er schloss die Lippen, um daran zu ziehen und blies den Rauch dann wieder durch die Zähne.

Ich kicherte. Es gab gar nichts zu Lachen. Das heißt, es gibt immer was zu Lachen, gerade, wenn etwas trauriges passiert. Etwas sehr trauriges. Lachen ist Abwehr und Einverständnis zugleich. Im Lachen liegt das Paradoxon unserer Existenz.

Kolja ließ sich rücklings auf den Schreibtisch fallen, so dass nur sein Gesicht im Lichtkegel lag. Er gab dem Lampenschirm einen Schubs. „Haben wir doch schon“, sagte er.

„Blöde, billige Wohnungen für alle.“

„Nicht für alle.“

„Gott sei Dank nicht für alle“, sagte Kolja.

„Wie wäre es mit unseren Wohnungen für alle?“ Ich ließ mich neben ihn sinken. Da lagen wir nun in unserem harten Doppelbett und hatten beide vorerst keinen Job. Kolja drehte sich zu mir, legte seine Hand auf meinen Bauch. Ich nahm einen langen, tiefen Zug.

„Du meinst, wir könnten im Kommunismus ein Geschäft machen?“

Ich musste wieder lachen. „Sag mal, was ist in dem Zeug drin?“ Ich richtete mich auf, schaute aus dem Fenster des Heizhauses durch die kahlen Bäume auf die Sechziger-Jahre-Fassaden gegenüber. Gott, was war diese Stadt im Januar hässlich!

„Kann man mit dir überhaupt kein ordentliches Weltverbesserer-Gespräch führen?“

„Doch“, flüsterte er. „Weiter so. Die Welt wird gerade immer besser.“ Er legte seine Hand auf meinen Rücken.

Ich ließ mich wieder neben ihn fallen. Sein Gesicht war ganz nah. Ich probierte, wie es sich anfühlt, seine Lippen zu küssen, danach, wie es sich anfühlt, wenn sein unrasiertes Gesicht über meine Wange streicht. Dann sprang ich auf. Genug. „Ich muss los.“

Kolja richtete sich langsam auf, als hätte ich ihn aus einem langen Schlaf gerissen. „Du bist doch eben erst gekommen.“

„Du solltest das Projekt auf keinen Fall aufgeben.“ Ich wickelte meinen Schal ungefähr zwanzig Mal um den Hals, damit ich es mir nicht anders überlegte und mich wieder auszog.

Er begleitete mich zur Tür. „Sie ist schwanger“, sagte er.

„Das ist wunderbar. Es ist großartig“, sagte ich. „Du wirst sehen.“

Er nickte.

„Du glaubst mir nicht.“

Er legte seine Hände um meine Taille und zog mich für einen Kuss an sich. Dann riss er die schwere Eisentür vor mir auf. Als ich auf die Straße trat und hungrig nach der kalten Luft schnappte, dachte ich, dass Kolja meine Taille so verstand wie den Griff einer Einkaufstüte, als etwas Funktionales.

ein unveröffentlichtes Interview über die DDR mit Alain Lance

Ich habe Alain Lance im Oktober 2009 getroffen, nachdem er in der französischen Buchhandlung Zadig sein neues Buch „Longtemps l’Allemagne“ vorgestellt hatte, in dem er über seine Begegnung und sein Verhältnis zu Deutschland spricht. Einen großen Teil dieses Buches nimmt Lance Studienzeit in Leipzig ein, die Zeit, als er Volker Braun traf, mit dem er seither eng befreundet ist. Lance übersetze Volker Braun ins Französische, später auch Christa Wolf und Ingo Schulze. In seinem Buch „Longtemps L’Allemagne“ sagt Lance, dass er in den sechziger Jahren die DDR als „sein Deutschland“ entdeckte.

Ich habe Alain Lance getroffen, um mit ihm über die DDR zu sprechen. Anschließend bot ich das Interview vielen Zeitungen an. Leider vergeblich. Ich wollte, dass junge Leute, die ihr Wissen über die DDR nur aus Filmen wie „Good by, Lenin“ und „Das Leben der anderen“ haben -wie ich sie in der Diskussion nach der Lesung in der Buchhandlung Zadig erlebt hatte- sich ein differenzierteres Bild der Geschichte machen können.

Alain Lance studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Auf seinen ersten Lyrikband im Jahr 1970 „Les gens perdus deviennent fragiles“ folgten mehrere Veröffentlichungen. 1996 erhielt Lance den Tristan-Tzara-Preis und 2001 den Apollinaire-Preis.  Oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Renate Lance-Otterbein übersetzte und übersetzt er zahlreiche Werke von Volker Braun, Christa Wolf und Ingo Schulze. Von 1985 bis 1994 leitete er die französischen Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Von 1995 bis 2004 war er Direktor des Maison des écrivains (Haus der Schriftsteller) in Paris.

2009 wurde Alain Lance 70 Jahre alt.

Monsieur Lance, in Ihrem Buch „Longtemps L’Allemagne“ erzählen Sie, dass Sie nach zwei Aufenthalten in der Bunderepublik als junger Mann im Winter 1962 die DDR als „Ihr Deutschland“ entdeckten. Warum die DDR?

Alain Lance: Sie müssen sehen, dass meine Generation geprägt war von der Revolte gegen den Algerienkrieg. Als ich in Leipzig ankam, sah ich algerische Studenten, die Stipendien hatten, um in der DDR zu studieren. Einer von ihnen ist bis heute ein sehr guter Freund von mir. Dann waren da auch afrikanische Studenten und ich fand es gut, dass die DDR diesen neuen unabhängigen Ländern half.

In Frankreich hatte ich während meines Studiums angefangen, Anna Seghers und andere Emigranten zu entdecken. Diese Leute, dachte ich, die aktiv gegen den Faschismus gekämpft haben, werden in diesem Teil Deutschlands geehrt. Und das Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris 1960 mit „Arturo Ui“ war für mich ein starkes Erlebnis gewesen. Ich sah natürlich, dass in der DDR nicht alles gut war, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt war usw., aber die unschönen Dinge betrachtete ich sozusagen als Schönheitsfehler, die man eben zeitweilig hinnehmen muss. Wie ich in meinem kleinen Buch schreibe: Wenn man jung ist, und eine frische Politisierung hat, neigt man dazu, die Welt in schwarz und weiß zu teilen.

Im November 1962 gab es in der DDR noch Karten für Butter, Fleisch und Eier. Oder sie waren 1960 oder 1961 wieder eingeführt worden. Im Frühjahr 1963 wurden sie dann nicht mehr gebraucht. Ich fühlte mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass es eine Auswirkung der Mauer sei, dass das ökonomische Ausbluten der DDR nun zu Ende wäre. Es folgte dann ja auch ein ökonomischer Aufschwung.

Es war ja zu dieser Zeit in Frankreich nicht einfach, links zu sein, oder?

Alain Lance: Jein. Im Juli 1962 wurde Algerien unabhängig, der Kolonialkrieg war endlich vorbei, de Gaulle war an der Macht, aber die kommunistische Partei bekam mehr als 20 Prozent der Stimmen, da konnte niemand so tun, als ob sie nicht existiert. Langsam entstand die linke Union. 1965 kandidierte Mitterrand allein, mit einem Minimalprogramm, das den Konsens sowohl der Kommunisten als auch der Sozialisten fand, die ja über viele Jahre verfeindete Brüder waren. Dieser Prozess führte dann zum gemeinsamen Regierungsprogramm der Linken 1972 und zur Wahl Mitterrands ein paar Jahre später.

Hatten Sie in den Sechzigerjahren gar keinen Kontakt zu den linken Autoren in der Bundesrepublik?

Alain Lance: Ich las Mitte der Sechzigerjahre „Billard um halb zehn“ von Böll und Gedichte von Enzensberger. Ich las damals auch die Zeitschrift KONKRET und mit großem Interesse die Chronik von Peter Rühmkorf, aber ich hatte keinen Kontakt zu Gegenwartsautoren, auch nicht zu DDR-Autoren. Das kam erst, als ich die Bekanntschaft mit Volker Braun machte. Wir sind übrigens im selben Jahr geboren. Ein paar Jahre später habe ich Christa Wolf kennengelernt, und später Autoren aus der Bundesrepublik, Günter Herburger und die Autoren um die Münchner Zeitschrift „Kürbiskern“, eine linke Monatszeitschrift. Martin Walser war in dieser Gruppe. Aber das war erst Anfang der Siebzigerjahre.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Volker Braun?

Alain Lance: Sehr einfach und sehr freundlich. Das war im November 1964. Ich habe an seine Tür geklopft. „Ich heiße Alain Lance. Ich komme aus Paris. Ich würde gern ein paar Gedichte von Ihnen übersetzen.“ Er war überrascht, bat mich herein. Seine Frau und er luden mich spontan zum Essen ein, die Zeit war knapp, weil sie ein paar Stunden später einen Zug nehmen mussten. Das ist jetzt 45 Jahre her. Wir sind dann in Kontakt geblieben und enge Freunde geworden. 1971 kam er zum ersten Mal für einige Lesungen nach Paris. Sein zweisprachiger Lyrikband war ein Jahr zuvor erschienen. Auf Deutsch hieß er „Provokation für mich“. Der französische Titel lautete „Provokation für mich und andere“. Ich hatte die Einführung geschrieben. 1977 kam ein weiterer Gedichtband von ihm „Gegen die symmetrische Welt“ 1979 wurde sein Stück „Die Kipper“ übersetzt und in Frankreich aufgeführt.

…das Stück, das ursprünglich im Berliner Ensemble Mitte der Sechzigerjahre inszeniert werden sollte, aber erst 1972 in Leipzig aufgeführt werden durfte?

Alain Lance: Ja. Und einige Prosawerke von Volker Braun wurden dann von mir oder anderen Kollegen in Frankreich übersetzt: „Das ungezwungene Leben Kasts“ und „Unvollendete Geschichte“. 1988 erschien in Frankreich „Hinze-Kunze-Roman“, den meine Frau und ich gemeinsam übersetzt haben. Und der Pariser Kleinverlag L’Inventaire hat von 1998 bis 2008 vier Prosa-Bändchen veröffentlicht, u.a. „Bodenloser Satz“ und „Die vier Werkzeugmacher“. Für französischen Lyrikzeitschriften und Anthologien habe ich natürlich auch zahlreiche Gedichte von Volker Braun übersetzt.

Abgesehen davon, dass es Ihnen aus politischen Gründen gefiel, dass die Basis der DDR-Kultur von kommunistischen Remigranten gelegt worden war – brachte Ihre „Entdeckung“ der DDR auch neue Impulse für Ihre literarische Arbeit?

Alain Lance: Ich fand, dass in der DDR-Lyrik das literarische Erbe interessanter, dialektischer integriert wurde, bei Karl Mickel zum Beispiel, aber auch bei Volker Braun. Ich brauchte die Sicht von Leuten wie Volker Braun auf Hölderlin zum Beispiel, um einen anderen Blick auf Hölderlin zu bekommen, bei uns in Frankreich war die Rezeption von Hölderlin einseitig „pontifikal“, oder sogar ein bisschen fragwürdig mit Heidegger. Und gleichzeitig hatte ich Vorbehalte auf die Reduzierung der Kunst auf politische Agitation, wie es manchmal der Fall war bei westdeutschen linken Autoren. Das hatte auch mit dem Sektierertum der kleinen DKP zu tun, die waren katholischer als der Papst. Einige haben diese Vereinfachungen abgelehnt, Uwe Timm zum Beispiel.

Erinnern Sie sich an Gespräche mit Volker Braun über die Entwicklung der DDR?

Alain Lance: Natürlich. Durch ihn verstand ich, dass der real existierende Sozialismus nicht leicht zu leben war, dass es für die Leute in der DDR sehr schwierig oder gar nicht möglich war, Ausreisevisa zu bekommen usw. Der Einmarsch in Prag 1968 war für mich eine wichtige Zäsur.

Volker Braun war mit Rudolf Bahro befreundet. Einmal gab er mir ein Gedicht. Das hieß „Bruno“ wie Giordano Bruno, aber man konnte es auch „Bahro“ lesen. Es beginnt so: Schwieriger Umgang mit dem Abweichler, es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen: Er hat sie beschrieben…

Volker Braun hat eine hohe Idee von der Literatur, er ist sehr anspruchsvoll, aber ohne die in der Zunft übliche Eitelkeit oder Egomanie. Wenn eines seiner Stücke nicht aufgeführt wurde oder das Erscheinen eines Buches immer und immer wieder hinaus gezögert wurde, war er nicht persönlich verletzt, sondern betrachtete das als dumme und unproduktive Haltung. Sein Schreiben war auch ein – oft provokativer – Beitrag zur Diskussion im Land. Einmal hatte er aber wirklich die Nase voll. Das war im Sommer 1984, sein neuer Lyrikband lag auf totem Gleis, der „Hinze-Kunze-Roman“, den er bereits 1981 geschrieben hatte, war immer noch nicht erschienen. Wir trafen uns in diesem Sommer in Budapest, wo er mit seiner Frau Urlaub machte. Ich war zur gleichen Zeit nach Ungarn eingeladen worden, weil ich einen ungarischen Autor übersetzen sollte, also nachdichten, nicht übersetzen. Ich spreche ja nicht Ungarisch.

Es war das einzige Mal, wo ich meinen Freund so erlebt habe. Er sagte: „Wenn ich nicht mehr gebraucht werde, wozu bleibe ich in diesem Land?“ Er hat selten oder nie mit dem Gedanken gespielt auszureisen. Es war das einzige Mal, dass ich seine Verzweiflung in diesem Maße spürte.

Es war eben die Entscheidung von Leuten wie Christoph Hein und Christa Wolf. Sie sind geblieben, weil ihre Familie, ihr Leben in der DDR war, aber sie wussten auch, dass sie eine wichtige Rolle spielten, dass sie gebraucht wurden. Ein Essaybändchen von Volker Braun wie „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“, in einer hohen Auflage, war damals in ein paar Tagen vergriffen.

Wann sind Sie Christa Wolf zum ersten Mal begegnet?

Alain Lance: Das war im Sommer 1970. Damals wurde sie von anderen französischen Kollegen übersetzt. „Der geteilte Himmel“ erschien in Frankreich bereits 1964. Für das Erscheinen von „Christa T.“ im französischen Verlag Le Seuil kam sie in diesem Spätsommer mit ihrem Mann Gerhard nach Paris. Volker hatte ihr meine Adresse gegeben. Dann rief sie an und ich habe die beiden zu mir eingeladen. Ich hatte ein Abendessen mit Austern und anderen Meeresfrüchten vorbereitet. Das haben sie genossen! Volker Braun schrieb übrigens das Gedicht „Die Austern“, als ich ein paar Jahre später, in Berlin diesmal, einen Austernschmaus organisierte. Mit Wolfs bin ich also in Kontakt geblieben. Zu Silvester 72/73 waren meine Frau und ich bei Wolfs in Kleinmachnow eingeladen. Meine Frau Renate lernte die DDR über den Umweg nach Paris kennen. Es war das erste Mal, dass sie in die DDR fuhr. Viele Westdeutsche, auch fortschrittliche Leute, interessierten sich damals mehr für Frankreich und Italien. Insgesamt haben meine Frau und ich sieben Bücher von Christa Wolf übersetzt.

Ihre anfängliche Begeisterung für die Politik der DDR hatte sich zu dieser Zeit schon ziemlich abgekühlt. Und dann waren Sie unter denen, die gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierten, wie Ihre Freunde Christa Wolf und Volker Braun.

Alain Lance: Das war eine seltsame Geschichte für mich. Im November 1976 war ich nach Karlsruhe gefahren, als Beobachter eines französischen Komitees gegen die Berufsverbote in der Bundesrepublik. Ein junger Lehrer wurde entlassen, weil er bei den Kommunalwahlen auf einer Liste der DKP kandidiert hatte. Er hat übrigens in zweiter Instanz gewonnen. Als ich am Abend in Freiburg (mit einer Schwarzwälder Kirschtorte für meine schwangere Frau) in den Zug stieg, um nach Paris zurückzufahren, sah ich eine Schlagzeile: Biermann ausgebürgert. Ich wusste, dass ich für eine gerechte Sache in Karlsruhe gewesen war. Gleichzeitig ahnte ich, dass die DKP diese Ausbürgerung rechtfertigen wird. Damals war ich im Vorstand des Französischen Schriftstellerverbandes. Das waren meist linke Leute. Vladimir Pozner, der alte große Lyriker Guillevic und ich verfassten einen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und sammelten rasch die Unterschriften von Dutzenden von Kollegen, darunter Aragon.

Von 1985 bis 1994 leiteten Sie französische Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Wieso übernahmen Sie nicht die Leitung des französischen Kulturinstituts in Ostberlin in den Achtzigerjahren?

Alain Lance: Eigentlich sollte ich dieses Zentrum eröffnen und leiten. Ich kannte den Mann, der im französischen Außenministerium für die Kulturinstitute zuständig war. Eines Abends, beim Essen, fragte ich ihn nach dem neuen Kulturzentrum in Ostberlin. Ich hatte bereits davon gehört. Er sagte, es ginge vorwärts, aber die Verhandlungen seien schwierig, weil zeitgleich ein DDR-Kulturzentrum in Paris eröffnet werden sollte. Er bot mir sofort an, das neue Kulturzentrum in Ostberlin zu leiten. Das war eine ganz neue Perspektive für mich. Ich war mein Doppelleben gewöhnt. Ich war Deutschlehrer, ich tat meinen Job und wenn die Tür des Gymnasiums hinter mir zugefallen war, dichtete und übersetzte ich.

Schließlich erfuhr ich, dass der französische Botschafter in Ostberlin meiner Ernennung nicht zugestimmt hatte. Der Leiter eines Kulturinstituts wird in Paris ernannt, unter Vorbehalt der Zustimmung des Botschafters an Ort und Stelle. Indirekt war es wohl eine Abrechnung mit dem Mann, der mich ernannt hatte, der im Außenministerium auf dem Abwärtshang war. Meine politische Vergangenheit mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Ich hatte zu viele Beziehungen nach Ostdeutschland.

Aber zwei Jahre später bekam ich die Leitung des Kulturinstituts in Frankfurt/Main angeboten. Nach den sechs Jahren am Main bot man mir 1991 die Leitung der beiden Kulturinstitute in Ost – und Westberlin an. Aus zwei Gründen lehnte ich ab. Erstens hatte meine Frau, die in Paris arbeitete, die Nase voll von dem Hin und Her. Zweitens wusste ich, dass eine undankbare Aufgabe auf mich zukommen würde. Ich sollte die beiden Kulturzentren vereinigen. Also Mitarbeiter entlassen. Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.

Haben Sie 1989 geglaubt, dass eine neue, demokratische DDR möglich ist?

Alain Lance: Ja, das habe ich kurz geglaubt, aber man sah relativ schnell, dass dieser demokratische Impuls in Bananen endet. Das war traurig, ja. (lacht)

Fehlt Ihnen die DDR?

Alain Lance: Nein. Würde ich so etwas behaupten, würde ich ein Missverständnis auslösen: Ach so, Sie wollen die Mauer und die Stasi zurück haben. Das geht nicht. Am Besten hat Volker Braun dieses widerspruchsvolle Gefühl über das Ende der DDR in seinem Gedicht „Das Eigentum“ ausgedrückt. Er schrieb das Gedicht im Sommer 1990. Es erschien fast gleichzeitig in der Zeit und im Neuen Deutschland. Das war die Zeit zwischen Währungsunion und Wiedervereinigung.

Alain Lance holt ein Buch aus dem Bücherschrank. Er liest das Gedicht.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN

Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.

Es wirft sich weg und seine magre Zierde.

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.

Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.

Und unverständlich wird mein ganzer Text.

Was ich niemals besaß, wird mir entrissen.

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.

Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Ludwig Harig erzählte mir von einer literarischen Veranstaltung in Weimar, Anfang der Neunzigerjahre. Einige Autoren aus Ost und West haben da gelesen. Volker trug dieses Gedicht vor. Nach ein paar Sekunden, erzählte Harig, stieg aus dem Publikum ein Gemurmel, ein Summen. Dutzende Leute kannten das Gedicht auswendig und haben mitgesprochen.

Welche kritischen deutschen Autoren machen Ihnen heute Hoffnung?

Alain Lance: Daniela Dahn. Ingo Schulze.

Dann zeigt er auf den Gedichtband von Volker Braun, aus dem er soeben gelesen hat.

Alain Lance: Und Volker. Er ist heute als Direktor der Literatur-Sektion der Akademie der Künste so unbequem für die herrschende Ideologie der Finanz-Globalisierung wie er es damals gegenüber dem autoritären Staatssozialismus war.