Berliner Notiz-Blog, 29. Juni 2011

Gift gegen griechische Demonstranten

Von meinem Schreibtisch aus schaue ich zu, wie in Athen Demonstranten mit Gas – und Atemmasken und nassen Tüchern vor dem Gesicht auf der Flucht vor den Polizeigeschwadern auseinander stieben. Die Kamera zittert, man sieht ein Chaos von Beinen, den Himmel, dichte, graue Wolken – der Pavillon des Fernsehsenders wurde umgerissen.

Es ist 15:34. Gerade hat das Parlament in Athen den Sparmaßnahmen zugestimmt. Die Kamera taucht aus dem Chaos wieder auf, hält auf einen jungen Mann mit hellbraunen, langen Haaren. Er hat ein Handtuch vor das Gesicht gepresst. Er atmet schwer und hält sich an irgendetwas fest, den Blick nach unten gerichtet. Er muss sich sammeln, konzentrieren, damit er weiterlaufen kann, trotz der Übelkeit.

Rauchschwaden steigen über den Straßen auf. Leute rufen, schreien, husten. Dazwischen, wechselnd in Französisch und Englisch, ein Aufruf an alle Zuschauer, die griechischen Botschaften in allen Ländern anzurufen, um gegen den Gifteinsatz zu protestieren. Die Demonstranten seien unbewaffnet. Sie sind tatsächlich unbewaffnet. Es sind ganz normale Leute, in Sommerkleidung. Manche tragen einen Rucksack. Eben sah die Demonstration von oben noch aus wie Markttreiben.
Der Sprecher hat Probleme mit der Stimme. Wir machen weiter, sagt er. Wir werden siegen.

Neben dem Film läuft ein Chat. Menschen in verschiedenen Sprachen tauschen Botschaften aus, kurze, wirre Gesprächsfetzen. Verschwörungstheorien tauchen auf. Leute streiten über Sozialismus und Kommunismus. Jemand sagt, Merkel sei doch kommunistisch erzogen und daher käme das Unglück.

Die Bilder kommen nicht aus Libyen oder aus einem anderen Land eines anderen, durchgeknallten Diktators. Sie kommen aus Athen. In Athen stand die Wiege Europas. Hier fand die Antike statt. Die Demokratie wurde von den Athenern erfunden. Nicht ganz die Demokratie, auf die wir einmal so stolz waren, denn damals in der Antike waren noch keine Frauen dabei.

Selten in meinem Leben haben mich Bilder so schockiert. Das letzte Mal am 11. September. Das hier ist wieder ein 11. September. Nichts wird so bleiben wie es ist. Eine Welt geht gerade zugrunde. Und es gibt tatsächlich Idioten, die glauben, Europa wäre gerettet, weil das griechische Parlament dem Sparpaket zugestimmt hat.

2 thoughts on “Berliner Notiz-Blog, 29. Juni 2011

  1. Blödsinn!
    Am 11. September sind in Chile 3000 Menschen ermordet worden –
    initiiert von einem sogenannten demokratischen Land!

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