10. November 2008, 17:37
Der ältere Herr mit der glatten Haut stoppt vor der Anzeige, flucht leise und tritt dann von der Rolltreppe zurück. Sein Zug kommt mit 45 Minuten Verspätung.
Er geht rüber zu Kaisers, stellt seinen Kofferrolli unter einen der Bistrotische und ordert am Tresen einen Kaffee.
Neben der Kasse lungert ein Schwarzer. Er erzählt jedem, dass Obama jetzt Präsident ist. „Obama ist Afrika. Yeah…“, lallt er.
In seiner rechten Hand presst er eine Dose Fleischsalat auf einen leeren Flachmann.
„Das ist doch nicht nur Alkohol“, raunt der ältere Herr mit der glatten Haut einer Frau zu, die ihren Kofferrolli neben seinen gestellt hat. „Der hat noch was anderes geladen.“ Die Frau fürchtet, dass die Schwarzen jetzt rassistisch werden. Am Nebentisch, ein Franzose mit struppigem Haar sagt, die Schwarzen hätten ja wohl mehr Gründe, gegen die Weißen rassistisch zu sein als umgekehrt.
„Die kommen doch alle nur deswegen hierher.“ Der ältere Herr mit der glatten Haut reibt zwei Finger aneinander.
„Und warum sind die Europäer wohl nach Afrika gegangen?“, schimpft der struppige Franzose. Er beginnt, dem älteren Herrn eine Rede über Kolonialismus und Schwarze in Paris und Berlin zu halten.
Irgendwann streift sein Referat die Finanzkrise. Der ältere Herr sagt, er habe früher auf der Bank gearbeitet. Er habe niemanden zu riskanten Anlagen überredet. Er sei nicht Schuld an der Krise. „Jeder ist Schuld“, sagt der struppige Franzose. „Wir alle.“
Der Schwarze pöbelt einen Jungen mit Rastalocken an. Der schaut genervt von seinem Buch auf, errötet leicht, öffnet den Mund und sagt dann doch nichts. Der Franzose klopft dem Schwarzen auf die Schulter. „Ganz ruhig“, sagt er und meint wohl sich selbst. Es bleiben ihm noch zwanzig Minuten, um dem Banker mit der glatten Haut die Welt zu erklären. In zwanzig Minuten kommt der Zug.
Das Personal des Ladens fordert den Schwarzen auf, zu gehen. „Habe ich Ärger gemacht?“ Der Schwarze breitet die Arme aus, schwankt nach hinten, der Fleischsalat und die Flasche schlittern über den Bistrotisch. „Du gehst unseren Kunden auf die Nerven“, erklärt ihm der Verkäufer. „Hau jetzt ab. Geh nach Hause.“
Die Kaffeegäste tunken ihre Nasen in die Tassen und heften ihre Blicke auf die grau gemusterten Plastiktische. Der Schwarze hält sich am Stehtisch neben dem Franzosen fest. „Ich gehe erst, wenn Adolf Hitler kommt“, knurrt er.
Der Franzose lacht kurz auf, doziert dann weiter, der Schwarze schwankt und lallt. Die Polizei kommt schnell. Der Schwarze lässt sich widerstandslos mit ausgebreiteten Armen aus dem Laden führen.
Alle atmen auf, so deutlich, dass kleine Wellen ihren weißen Kaffee kräuseln. Nur der ältere Herr mit der glatten Haut hat noch keine Ruhe. Der Franzose wird nicht fertig.
Über den Bordlautsprecher erfahren die Fahrgäste des Intercity Express aus Hamburg, dass der Zug wegen „vandalistischer Angriffe von Castorgegnern“ verspätet ist. Der ältere Herr mit der glatten Haut schüttelt den Kopf. Er klemmt sich im Großraumwagen ans Fenster und blockiert den Nebensitz mit seinem Koffer.