Berliner Notiz-Blog 9. März 2009

Afonso Tiago ist tot. In der Freitagnacht hat man ihn auf dem Grund der Spree gefunden.

Am Sonntag hing ein Strauß Blumen am Geländer der Schillingbrücke. Zwei Grabkerzen standen davor. Die Blumen und Kerzen sind heute wieder verschwunden. Wahrscheinlich verstießen sie gegen die Sicherheit.

Es ist nur eine kleine Notiz in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung. Keine Anzeichen von Gewalt. Afonso ist in dieser kalten Januar-Nacht ins Eis gebrochen. Ein junger Portugiese, der keine Ahnung von Frost hatte.

Die Blumen auf der Brücke sind verschwunden. Der Fluss schwappt ungerührt weiter.  Das Thema ist durch. Ein Mann mit schweren Stiefeln passiert die Brücke, zieht sich die Kapuze gegen den Wind tiefer ins Gesicht, blickt aggressiv nach draußen. Drüben, vor dem Eingang des Ibis-Hotels, regelt einer am Telefon seine Geschäfte.

Die Sonne scheint. Heute ist Afonsos Geburtstag. Er wäre 28 Jahre alt geworden.

Berliner Notiz-Blog 10. November 08

Der ältere Herr mit der glatten Haut stoppt vor der Anzeige, flucht leise und tritt dann von der Rolltreppe zurück. Sein Zug kommt mit 45 Minuten Verspätung.

Er geht rüber zu Kaisers, stellt seinen Kofferrolli unter einen der Bistrotische und ordert am Tresen einen Kaffee.
Neben der Kasse lungert ein Schwarzer. Er erzählt jedem, dass Obama jetzt Präsident ist. „Obama ist Afrika. Yeah…“, lallt er.
In seiner rechten Hand presst er eine Dose Fleischsalat auf einen leeren Flachmann.

„Das ist doch nicht nur Alkohol“, raunt der ältere Herr mit der glatten Haut einer Frau zu, die ihren Kofferrolli neben seinen gestellt hat. „Der hat noch was anderes geladen.“ Die Frau fürchtet, dass die Schwarzen jetzt rassistisch werden. Am Nebentisch, ein Franzose mit struppigem Haar sagt, die Schwarzen hätten ja wohl mehr Gründe, gegen die Weißen rassistisch zu sein als umgekehrt.

„Die kommen doch alle nur deswegen hierher.“ Der ältere Herr mit der glatten Haut reibt zwei Finger aneinander.

„Und warum sind die Europäer wohl nach Afrika gegangen?“, schimpft der struppige Franzose. Er beginnt, dem älteren Herrn eine Rede über Kolonialismus und Schwarze in Paris und Berlin zu halten.

Irgendwann streift sein Referat die Finanzkrise. Der ältere Herr sagt, er habe früher auf der Bank gearbeitet. Er habe niemanden zu riskanten Anlagen überredet. Er sei nicht Schuld an der Krise. „Jeder ist Schuld“, sagt der struppige Franzose. „Wir alle.“

Der Schwarze pöbelt einen Jungen mit Rastalocken an. Der schaut genervt von seinem Buch auf, errötet leicht, öffnet den Mund und sagt dann doch nichts. Der Franzose klopft dem Schwarzen auf die Schulter. „Ganz ruhig“, sagt er und meint wohl sich selbst. Es bleiben ihm noch zwanzig Minuten, um dem Banker mit der glatten Haut die Welt zu erklären. In zwanzig Minuten kommt der Zug.

Das Personal des Ladens fordert den Schwarzen auf, zu gehen. „Habe ich Ärger gemacht?“ Der Schwarze breitet die Arme aus, schwankt nach hinten, der Fleischsalat und die Flasche schlittern über den Bistrotisch. „Du gehst unseren Kunden auf die Nerven“, erklärt ihm der Verkäufer. „Hau jetzt ab. Geh nach Hause.“

Die Kaffeegäste tunken ihre Nasen in die Tassen und heften ihre Blicke auf die grau gemusterten Plastiktische. Der Schwarze hält sich am Stehtisch neben dem Franzosen fest. „Ich gehe erst, wenn Adolf Hitler kommt“, knurrt er.

Der Franzose lacht kurz auf, doziert dann weiter, der Schwarze schwankt und lallt. Die Polizei kommt schnell. Der Schwarze lässt sich widerstandslos mit ausgebreiteten Armen aus dem Laden führen.

Alle atmen auf, so deutlich, dass kleine Wellen ihren weißen Kaffee kräuseln. Nur der ältere Herr mit der glatten Haut hat noch keine Ruhe. Der Franzose wird nicht fertig.

Über den Bordlautsprecher erfahren die Fahrgäste des Intercity Express aus Hamburg, dass der Zug wegen „vandalistischer Angriffe von Castorgegnern“ verspätet ist. Der ältere Herr mit der glatten Haut schüttelt den Kopf. Er klemmt sich im Großraumwagen ans Fenster und blockiert den Nebensitz mit seinem Koffer.

Berliner Notiz-Blog 30. Juni 2008

Ich bin umgezogen. Während des WM-Finale gestern Nacht sortierte ich meine Bücher in die Regale. Meine Regale sind im Laufe der Jahre zu klein geworden. Die Bücher müssen jetzt in doppelten Reihen stehen. In der letzten Wohnung hatte ziemliche Unordnung geherrscht. Unordnung in meinem Leben. Chaos in meinen Büchern. Einige von ihnen hatte ich vergessen und hieß sie wie alte Bekannte in meinem neuen, kleinen Universum willkommen.
Durch das Platanendach vor dem Fenster drang der Lärm der Spiels, der Chor der Zuschauer. Ich fühlte mich erschöpft. Um Kraft zu sammeln, sprach ich mich mit den Büchern. Ich machte denen Mut, die ständig zwischen den Etagen wandern mussten und ich schimpfte, wenn die vordere Reihe immer wieder umkippte.
Ich sagte mir die Namen laut auf, während ich sie ins Alphabet stellte – Aitmatow, Auster, Brett, Cocteau, Duras, Hein und Heym, Gavalda, die Manns, Marai, Nabokov – ich glich dem Sportreporter, der die Namen der Spieler nennt, die gerade am Ball sind – Salinger, Saint-Exupery, Schwarzer, Tschechow, Woolf, Wander, Yoshimoto, Zeh und Zinner – meine geliebte Nationalmannschaft!

Berliner Notiz-Blog 21. Juni 2008

Auch bei „Emil“ in der Schumannstraße läuft am Freitagabend das EM-Spiel Kroatien gegen Türkei. Drei Personen sitzen in dem kleinen Gastraum im Souterrain vor dem Flachbildschirm. Das Pärchen in der Ecke blickt wie abwesend auf das Spielfeld. Er streichelt ihre Seitenlinie in dem engen schwarzen T-Shirt auf und ab. Ein Student mit kariertem Hut blättert in einem Gedicht-Band.

Draußen reden Damen mittleren Alters in weiten Leinengewändern über das Theater, das eben aus ist. Die Schauspielerin Barbara Schnitzler radelt vorbei.
So steht es lange 0:0. Beim ersten Tor blickt der Student aus seinem Büchlein auf und ordert noch ein dunkles Bier.
Nach dem zweiten Tor des Abends gießt sich die Wirtin ein Glas Wein ein und folgt nun konzentriert dem Spiel.

Drei Männer kommen die Stufen in die Kneipe hinab. Eher zufällig sind sie in die letzten spannenden Minuten des Spiels geraten. Sie besetzen die Hocker an der Bar und spekulieren mit dem Wirt über das anstehende Elfmeter und mögliche Vorgänge draußen in der Stadt, wenn Deutschland im Halbfinale gegen die Türkei antreten sollte, Vorgänge, die an den ruhigen Hinterzimmern ihrer großzügig geschnittenen Wohnungen in den türkenfreien Straßen vorbei gehen werden.

Nach dem Sieg für die Türkei beginnt jenseits von Mitte das Feuerwerk. Man hört Hupen und Schreien aus der Albrechtstraße. Das Pärchen steht auf und zahlt. Der Student schiebt das Büchlein in die Außentasche eines altmodischen Koffers, zahlt und macht sich auf den Weg in ein Hostel.

Berliner Notiz-Blog 18. Juni 2008

Im Coaching – Studio im ersten Stock des Hinterhauses in Mitte stehen die kleineren Kinder für die Aufwärm-Übungen im Kreis. Es sind Sieben – bis Elfjährige, wie man sie in Berlin Mitte nicht auf der Straße sieht, weil sie vormittags in der Schule und nachmittags auf die Musik – und Kampfsportschulen, die Tanz -Pantomime – und Yoga -Studios des Bezirkes verteilt sind. Von ihren Eltern werden sie von einem Ort zum anderen gefahren. Sie sind die jüngsten Schauspieler der Agentur Tomorrow. Einige haben schon gedreht.
“Hau ab!” schreit der Trainer das Mädchen zu seiner Linken an. Die wendet sich rasch ihrem Nachbarn zu und brüllt den Satz weiter. Die „stille“ Post kracht ringsherum. „Ich hasse dich!“ – Sag mal, siehst du mich lachen? S I E H S T D U M I C H L A C H E N?“ Ein kleines Mädchen beginnt zu weinen. Sie ist an diesem Tag das erste Mal da. Die Trainerin erlaubt ihr, weiter vom Rand aus zuzuschauen.

„Am Anfang beziehen die Kinder diese Sätze manchmal auf sich. Es dauert, bis sie begreifen, dass das ein Spiel ist“, erklärt sie. Das Spiel schule in erster Linie die Konzentration. Deshalb würden auch die Sätze, die nachgesprochen werden sollen, immer länger.
Leise Töne kommen selten vor. Es geht laut und schnell zu. Hier reibt nichts. Keiner bremst. Die optimale Einstimmung auf Betrieb und Lärmpegel der Medien. Kein Ort für die Sensiblen. Keine Chance den Langsamen, die schon im Sportunterricht leiden.