Archiv ‘Portrait’ .

Das zerrissene Netz

Berliner Zeitung

Das ist die Geschichte zu einer Annonce, die ich in der Zweiten Hand fand: Imbissverkäuferin, Frau 47 z. Zt. im offenen Vollzug, sucht Job als Imbissverkäuferin Erfahrung Schicht kein Problem nur Festeinstellung.

Nach der Anhörung ruft sie ihre Tochter an. Sie sagt, dass es ein guter Richter war, dass nur drei Prozent aller Strafgefangenen in Berlin die Hälfte der Haft erlassen bekommen. Sie sagt: „Ich hab dich lieb“, und küsst ins Telefon. Ihre Tochter ist sechsundzwanzig Jahre alt. Ihre fünf Kinder sind alle erwachsen. Sie werden zusammen feiern. Sie werden reden, essen und Spiele machen, wie zu Weihnachten und den Geburtstagen.

Sie haben viel durchgemacht, die Kinder und sie. Das schweißt zusammen. Jetzt hat sie auch einen Lebensgefährten, der sie respektiert. Die Familie ist ihr Netz. Sabine Lemke steht im Garten der Haftanstalt Ollenhauer Straße. Sie blickt hinauf in den klaren Himmel. Sie ist frei, aber sie fühlt sich erschöpft.

Es gab Situationen, da trug das Familien-Netz nicht, Momente, in denen sie niemanden anrufen konnte. Für diesen Fall haben gut ausgerüstete Menschen noch ein Reserve-Netz im Kopf. Sie nicht. Sie sackt dann in sich zusammen, stürzt ab, kann nicht weiter blicken als bis zur Glut ihrer Zigarette, die großen, blauen Augen tief unter den Brauen versunken. Ihre mütterliche Stimme, das „Ich hab dich lieb“, und ihr Humor – weg. Man erkennt sie kaum wieder.

So war es während der Haftzeit, als sie ihren Job im Call-Center verloren hatte, nicht mehr raus durfte und den ganzen Tag in ihrer Zelle hockte und die Angst wuchs, das mit der vorzeitigen Entlassung könne nichts werden. Sie mochte das Call-Center nicht besonders. Den ganzen Tag Lotto-Scheine verkaufen, an die dreihundert Anrufe pro Tag. Egal. Hauptsache raus. Abends mit ihrem Freund kochen, auf dem Sofa sitzen und fernsehen. Erst um Mitternacht musste sie wieder rein. Manchmal hat die Pförtnerin sie aufgefordert, ins Röhrchen zu pusten, weil sie nach Knoblauch roch und weil Häftlinge, die nach Knoblauch riechen, Alkohol vertuschen wollen. Menschen mit Reserve-Netz halten so eine Verdächtigung aus. Aber sie stürzte ins Bodenlose. So tief beleidigte sie der Verdacht, getrunken zu haben, ausgerechnet sie, die sich mustergültig an alle Regeln hielt. Die sowieso nicht hierher gehörte.

Ein eigenes Restaurant hat sie führen wollen, nachdem sie viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet hatte. Das war 2005. Sie fand ein günstiges Angebot zur Miete. Nachdem der Mietvertrag unterschrieben und sie das Restaurant eröffnet hatte, stellte eine Hygiene-Kommission fest, dass in der Küche eine Zugbelüftungsanlage fehlte. Eine neue hätte vierzehntausend Euro gekostet, Geld, das sie nicht hatte. Ohne war sie gezwungen, die Küche zu schließen. Sie ließ sich vom Vermieter überreden, nicht zu kündigen. Ein laufendes Restaurant ließe sich besser vermieten als ein geschlossenes, argumentierte er. Aber ohne Küche lief nichts. Die Mietschulden wuchsen. Eigentlich wäre der Vermieter verpflichtet gewesen, die Anlage zu bezahlen, denn sie hatte ja ein Restaurant mit funktionstüchtiger Küche gemietet. Als ihre Schulden  verhandelt wurden, war es zu spät, diesen Anspruch geltend zu machen. Wegen Mietschulden kommt niemand ins Gefängnis. Aber Sabine Lemke war auf Bewährung vorbestraft.

Es ist nach der einjährigen Haft der erste Tag draußen und er fühlt sich für Sabine Lemke noch seltsam an, als sie die leere Wohnung ihres Freundes betritt. „Man muss sich erst wieder daran gewöhnen“, sagt sie. Sie ist nervös, von einer Unrast, die nicht in diesen schweren Körper passt. Zwanzig Kilo hat sie in einem Jahr zugenommen. Sie will sich den Magen verkleinern lassen, die Knast-Pfunde verlieren. Es ist das erste, das sie sich für draußen vorgenommen hat.

Mit der Vorstrafe, das ist eine längere Geschichte. Angefangen hatte die Sache, sagt Sabine Lemke, als ihre kleine Tochter plötzlich nicht mehr essen wollte und ihr Sohn fragte, warum er denn immer zu Papa ins Bett müsse. Als ein Kinderpsychologe ihre Vermutung bestätigte, dass ihr zweiter Mann die Kinder aus ihrer ersten Ehe missbrauchte, packte Sabine Lemke die wichtigsten Sachen in eine Tasche, nahm ihre Kinder und floh. „Die erste Wohnung war ein Loch, aber meine Kinder waren so glücklich. Die sind richtig aufgeblüht“, erzählt sie.

Ihr Mann fand heraus, wo sie sich mit den Kindern aufhielt, stellte ihnen nach. Sie flüchtete weiter. In die nächste Wohnung. Stammgäste der Kneipe, in der sie arbeitete, transportierten die notwendigsten Dinge. Die Möbel ließ sie zurück, bestellte in der nächsten Wohnung neue. So ging das immer weiter. Mehrmals zog sie um, ließ die Möbel zurück, bestellte neue. Bezahlt hat sie nie. Drei Versandhäuser verklagten sie auf Betrug.

Damals ermunterte sie eine Bewährungshelferin, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, auch die Dinge aus ihrer Kindheit.
Die  Sache mit dem Vater zum Beispiel. Sabine Lemke nennt ihn nur ihren „Erzeuger“. Er hatte versucht, Sabines Mutter mit einem Beil zu töten. Da war Sabine acht Jahre alt.

Sie wuchs dann mit einem Stiefvater auf. Am Abend des 7. Januar 1976, es war 21 Uhr, schickte er die Fünfzehnjährige ins Bett und sagte, er werde noch mit der Mutter ausgehen. „Wenn ich könnte, würde ich die Zeit bis zu diesem Abend zurückdrehen“, sagt Sabine Lemke. „Ich wäre nicht ins Bett gegangen. Ich wäre ihnen nachgeschlichen. Ich hätte meine Mutter gerettet.“

Die Mutter wurde auf den S-Bahn-Gleisen zwischen Oberspree und Schöneweide von einem Zug erfasst und getötet. Wie ein Kaninchen habe sie auf den Gleisen gehockt, berichtete der Fahrer des Zuges nach dem Vorfall. Sabine Lemke ist überzeugt davon, dass ihr Stiefvater die Mutter auf die S-Bahn-Gleise getrieben hat. Aber er gilt als Unfall.

Sabine lief von zu Hause fort. Sie versteckte sich tage- und wochenlang bei Freunden. Sie ging nicht mehr zur Schule. Als sie das erste Mal schwanger wurde, da war sie 16, nahm die Großmutter sie auf.

Als dann der Vater aus dem Gefängnis kam, war sie achtzehn. Sie empfing ihn in der Wohnung, die sie mit für ihn eingerichtet hatte. Er versuchte, sie zu vergewaltigen.

In dem Lebensbericht, den ihr die Bewährungshelferin empfohlen hatte, schrieb sie die Namen einiger Personen nicht aus, setzte sie lediglich in Initialen. Namen aus ihrer Kindheit, die sie nie mehr nennen wollte. Die Namen ihrer Geschwister hat sie in voller Länge geschrieben. Sie erzählt von Uwe, der sich mit achtzehn Jahren umgebracht hat und in seinem Abschiedsbrief darum bat, neben der Mutter beerdigt zu werden. Sie erzählt von Andrea, Achim und Frank. Durch Adoption und Kinderheim waren sie voneinander getrennt worden, als die Mutter lange Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Sabine Lemke hat nach allen gesucht und sie wieder gefunden. Im letzten Sommer war Frank bei ihr aufgetaucht. Nach 39 Jahren. Wie ein Zeichen, dass nun alles gut wird, jetzt, da sie wieder eine vollständige Familie sind.

Sabine Lemke tritt auf den Balkon und nimmt eine selbstgerollte Zigarette aus dem Kästchen, in der sie den Vorrat aufbewahrt. „Diese Frau hat gemacht, dass man im Kopf wieder klar kam“, sagt sie über die Bewährungshelferin. Ihren Namen weiß sie noch: Frau Dorschjäger. „Wäre sie damals bei der Verhandlung über die Mitschulden da gewesen, ich wäre nicht ins Gefängnis gekommen.“

Aber sie sei nicht unglücklich. Sie vergleiche sich nicht mit anderen, die es leichter hatten. Sicher, wenn die Sache mit ihrer Mutter nicht passiert wäre, hätte sie die Schule beendet, eine Ausbildung gemacht wie die anderen. Sie sei ja eine sehr gute Schülerin gewesen. Ihr Klassenlehrer habe sie adoptieren wollen, sagt sie, aber sie habe die Nase voll gehabt von Stiefvätern. Ihre eigene Familie habe sie gründen wollen.

Sabine Lemke drückt die Zigarette aus, bleibt noch draußen auf dem Balkon, im Lärm der Stadt. Sie ist jetzt siebenundvierzig Jahre alt. Sie möchte einen Kiosk führen, mit Stammkunden, die ihre Geschichten erzählen, während sie ihren Kaffee trinken. Ein Kioskbesitzer aus Neukölln hat sich auf ihre Annonce gemeldet. Sie muss ihn anrufen.

Die kleine Rote

Nicola Nord ist 33 Jahre alt. Sie wuchs in Frankfurt am Main auf.

Sie liebte die DDR. Heute thematisiert die Performerin mit ihrer Theatergruppe “andcompany & co.” den Untergang des Ostblocks und den Kommunismus

Die Reisen nach Spanien mit den Eltern gingen in Ordnung, aber das Beste waren die Sommerferien in den Pionierlagern der DDR. Nicola hatte von ihren Eltern gelernt, dass die DDR das bessere, das gerechtere Deutschland sei. Ihre Eltern waren Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei. Die Familie lebte in Frankfurt am Main.

Nicola liebte die DDR. Sie fand Thälmann-Orden schöner als Micky-Maus-Button. Die sozialistische Vita-Cola schmeckte ihr besser als Coke. Klar hat es einige Kinder im Ferienlager gegeben, die sie wegen ihres rosa Minnie-Maus-Anzuges eine Angeberin schimpften, erzählt Nicola, doch sie habe nie auch nur den geringsten kulturellen Unterschied zwischen sich und den DDR-Kindern verspürt. Mag daran liegen, dass die West-Kommunisten ihre Kinder nach den DDR-Erziehungsleitbildern erzogen, also nicht so liberal wie 68er – Eltern, erstaunlich dennoch, denn Nicola wuchs in einer freieren Gesellschaft auf. Zu Hause gingen Kommunisten aus allen Ländern ein und aus, eine Zeitlang lebten chilenische Familien in dem Haus, dass sie sich, ähnlich wie eine Kommune, mit den Familien anderer Genossen teilten. Aber nur in den Ferienlagern der DDR war sie eben ohne Ausnahme unter Gleichgesinnten. Dort waren keine Kinder, die von den Eltern angehalten wurden, nicht mit den kleinen Roten aus der Nachbarschaft zu spielen.

Nicola Nord ist 33 Jahre alt, auffallend hübsch und immer mittendrin. Inzwischen kommen die DDR-Anekdoten aus ihrer Kindheit gut an. Sie sorgen auf jeder Party für fröhliche Gesichter. Einige beneiden Nicola sogar um den Exotenbonus, besonders bei der Geschichte, wie sie Erich Honecker einmal ein goldenes Feuerzeug überreichen durfte. In jenem Sommer war sie zur Bundespionierin ernannt worden. Von allen Kindern war es Nicola, die das meiste Geld für Schulen in Nicaragua gespendet hatte, denn ihre bunt bemalten Vita-Cola-Kronkorken waren auf dem Soli-Basar der Verkaufsschlager. Ein bisschen peinlich ist ihr diese Geschichte schon. Sie will ja nicht als Streberin dastehen. Also behauptet sie, dass alle nur bei ihr gekauft hätten, weil sie so ein süßes Mädchen war. Vielleicht hatte sie auf dem Basar einfach die kräftigste Stimme.

So steht die Performerin und Theatermacherin Nicola Nord heute auf der Bühne: klein, blond und laut. In ihrem Stück „little red(play): her story“ nimmt sie das Publikum mit ins Ferienlager der DDR. Sie erklärt, wie man ein Halstuch richtig bindet, nicht mit den Enden schlaff nach unten wie der Bart von Väterchen Stalin, sondern straff zur Seite wie Lenins Bart. Meist aber rennt „die kleine Rote“ auf der Bühne gegen die Zeit. Sie muss zurück ins Jahr 2000, denn im Jahr 2000, so hat sie es im Pionierlager gelernt, wird der Kommunismus weltweit gesiegt haben. Im Jahr 2000 ist sie mit den anderen Pionieren an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz verabredet.

Nicola Nord sieht oft so aus, als wäre sie eben gerannt, auch an diesem Dienstagabend, als sie in Begleitung ihres Lebensgefährten Alexander Karschnia mit erhitzten Wangen das Restaurant „Gorkipark“ in Berlin betritt. Auf dem Weg diskutierten sie eine Idee für ihr neuestes Stück „eldederado – der letzte Sommer der Indianer“. Es wird um Western im Osten gehen, Gojko Mitic der jugoslawische „DEFA-Indianer vom Dienst“ wird darin eine Rolle spielen und Dean Reed, der aus den USA in die DDR desertierte „Cowboy“, sowie Sarah Günther, die Enkelin von Indianisten aus Bautzen. Nicola pustet die Haare aus der Stirn, während sie den Mantel abstreift. Sofort erzählt sie begeistert von Sarah Günther, der jungen Schauspielerin aus Bautzen, deren Mutter als Dramaturgin am sorbischen Theater arbeitete. Zum vierten Mal thematisieren Nicola Nord und Alexander Karschnia mit ihrer Theatergruppe „andcompany & co.“ den Untergang der DDR und des Ostblocks. Die DDR ist ihr quasi Beruf geworden. Doch was geschah in Nicolas Leben zwischen der real existierenden und der Bühnen-DDR?

Als die Mauer fiel, war sie vierzehn Jahre alt. Die Eltern und Freunde standen unter Schock. Es breitete sich das aus, was Nicola heute „das große Schweigen“ nennt, die Unfähigkeit der westdeutschen Kommunisten, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch bei Nicola saß der Schreck tief. „Noch Jahre nach dem Mauerfall fühlte ich mich durch jeden Satz, der gegen die DDR gesagt wurde, persönlich beleidigt.“ Heute durchschaut sie die Propaganda, der sie als Kind in den sozialistischen Musterfamilien und – Betrieben ausgesetzt war.

Nicola hatte Politikerin werden wollen. Nun studierte sie Film-, Theater- und Medienwissenschaften an der Goethe-Uni in ihrer Heimatstadt Frankfurt/Main. Ein Stipendium der Amsterdam School for Performing Arts führte sie und Alexander Karschnia in die niederländische Hauptstadt. Dort gründeten sie mit dem Musiker Sascha Sulimma „andcompany & co.“, eine Theatergruppe, an die sich andere Künstler und Künstlergruppen projektgebunden andocken können. In Amsterdam und New York, wo ihre Arbeit sie häufig hinführte,  hörte man Nicolas Kindheitserinnerungen unvoreingenommen und mit großer Ernsthaftigkeit zu. Häufig wurde sie von Kollegen ermuntert, mit den Erfahrungen ihrer Kindheit zu arbeiten. „In Deutschland wären wir wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, ein Stück über den Kommunismus mit Nicolas Erinnerungen zu machen“, sagt Alexander Karschnia. „Dort war die Geschichte noch viel zu nah und zu blutig.“

„Little red“ wird der erste große Erfolg von „andcompany & co.“ Nicola Nord glaubt, sie habe mit dem Stück „das große Schweigen“ endlich gebrochen. Im Vorfeld der Arbeit hatte sie ehemalige DKP-Mitglieder interviewt. Weil Nicola eine von ihnen war, hatten sie eingewilligt und zaghaft von ersten Zweifeln gesprochen, die sie bereits damals hatten.

„Little red“ entsteht gegen die Bedenken von Nicolas Eltern. Es ist ein erster Schritt zum eigenen Umgang mit der Kindheit, die Nicola ihren Eltern niemals zum Vorwurf gemacht hat. Nicht radikal, noch ängstlich, dass ihre Arbeit zum Bruch mit den Eltern führen könnte, wählt Nicola Nord die kindliche Perspektive auf die Geschichte, immer wieder gebrochen durch ironische Distanz. Ideologische Unentschlossenheit flackert durch die gesamte Inszenierung. Wenn Nicola von der Angst ihrer Eltern spricht, dass ihnen im Theaterstück der Tochter die eigene Vergangenheit um die Ohren fetzen, man sich über sie lustig machen könnte, wird spürbar, wie sehr das auch noch ihre eigene Angst ist. Doch die absurde Zeitreise im Dekor der sowjetischen Dreißiger – und ostdeutschen Siebzigerjahre tut niemandem weh.

Nicola setzt die Effekte ihrer DDR-Performances genau. Sie setzt ihren Sozialismus in Szene. Sie spielt ihn. Nach dem Spiel überlässt sie Alexander das Gespräch. Von ihm kommt der intellektuelle Unterbau der Inszenierungen. Alexander Karschnia promovierte über das Theater von Heiner Müller. Die Debatten der Intellektuellen in den Anfangsjahren der DDR schmökert er weg wie andere skandinavische Krimis. Das Paar liest Heiner Müller und Brecht. Sie diskutieren Derrida. Von dem russischen Futuristen Velimir Chlebnikov ließ sich Alexander zur Idee der „time republic“, dem Nachfolgestück von „little red“ inspirieren. Dem dritten Teil „Mausoleum buffo“ ging ein intensives Studium des Stalinismus und seiner Folgen und eine Reise nach Moskau voran. Die Intensität dieser Arbeit macht die Klugheit und den eigenen Stil, und damit den Erfolg von „andcompany & co.“ aus.

Der Schmerz, Nicolas Schmerz, der auch Alexanders Schmerz ist, arbeitet mit, noch verschwiegen. Nicola zieht eine abgegriffene Plastikhülle aus ihrer Handtasche. Darin steckt eine zerfledderte Ausgabe der Zeitung „Pionier“ aus dem Jahr 1988. Das Cover zeigt Nicola mit ihrer Band „Coolkids“. Aus runden, blauen Augen blickt sie ernst in die Kamera, in einer 80er-Jahre-Bandleader-Pose, Nase nach vorn. Ein Abschiedsbrief steckt auch in der Hülle, aus dem Jahr 1990. Eine Freundin beschreibt darin detailliert ihren Abschied von der DDR, den sie am Tag der Wiedervereinigung allein mit DDR-Fahne in der Küche ihrer Eltern zelebriert.

Im vergangenen Jahr ist das Paar nach Berlin gezogen, nach Kreuzberg. Voraus gegangen war das Angebot einer dauerhaften Zusammenarbeit mit Matthias Lilienthal vom Hebbel am Ufer. In Berlin gehen sie bei Theatermachern der DDR ein und aus, für die der Traum vom Kommunismus in jenem Jahr starb, als das DKP-Verbot im Westen aufgehoben wurde und Nicolas Eltern eintraten: 1968, im Jahr des Prager Frühlings.

„Auf der Bühne bin ich Kommunist“, sagt Alexander. „Brecht sagte, dass Kunst und Kommunismus mit dem Unmöglichen zu tun haben. Deswegen habe ich in unseren Blog geschrieben: Seien wir realistisch, Genossen! Versuchen wir das Unmögliche!“

Und Nicola? Sie nickt. Vorsichtig. „In meinem Herzen auf jeden Fall“, sagt sie. Es ist ein schwieriges Geständnis. Ganz und gar nicht reif für eine typische andcompany-Performance. Noch nicht.

Die nächsten Aufführungen von andcompany & co:
Mausoleum buffo:
20.04.2009 Krakow
Cracow Theatrical Reminiscences Festival (PL)
02. + 03.05.2009 Theaterhaus Jena
crash.boom.bau.festival

Little Red:
24.+25.04.2009 Behauviour Festival, The Arches, Glasgow (UK)
29.+30.04.2009 54. Sterijino PozorjeFestival, Novi Sad (SRB)

Der Amateur

Berliner Zeitung

Dies ist die Geschichte zu einer Annonce, die ich in Zitty fand: Amateurdarsteller/innen gesucht für Poesiekunstfilme. Keine Gage, interessante Mitarbeit und Spass. Harald

Zur Filmvorführung in die Z-Bar sind einige junge Frauen und zwei ältere Männer gekommen. Die jungen Frauen haben in dem Film mitgespielt. Die Männer sind langjährige Beobachter der Filmprojekte des 74jährigen Künstlers Harald Budde. Sie verpassen keine seiner Aufführungen.

Harald Budde trägt eine karierte Schirmmütze, die er den ganzen Abend nicht absetzen wird. Darunter fließt sein gutmütiges Gesicht auseinander. Er raucht eine Zigarre. Der Künstler und sein Publikum haben sich um den hintersten Tisch der Bar versammelt. Budde behält die Eingangstür im Auge. Ein paar Minuten möchte er noch warten. Drei Stunden wird sein neuester Film dauern. Das ist die übliche Länge. Eine Pause ist nach dem zweiten Rollenwechsel vorgesehen. In keiner Zeitung, auch nicht auf der Website der Z-Bar, wird das Ereignis angekündigt. Das ist Teil von Buddes Konzept. Er hält ein Streichholz unter seine erloschenen Zigarre. Die Spitze blakt. Er saugt. Rauchwölkchen steigen ihm ins Gesicht. Als das Zündholz abgebrannt ist, geht auch die Zigarre wieder aus. „Tolstoi hat gesagt: Wenn man mit seiner Kunst auch nur eine Person tief berührt, hat man alles erreicht.“

Harald Budde ist Amateur. Als junger Mann begann er mit der Kamera zu experimentieren. Er schrieb Drehbücher und Dramen und fiel früh durch seine Begabung auf. Doch Zeit seines Lebens hat er jegliche Professionalisierung seiner Kunst vermieden. Er wird nicht müde, Universitäten und Akademien als Verstümmelungs-Anstalten der Individualität und Originalität anzuprangern. Die Frauen, mit denen er arbeitet, und von denen seine Filme handeln, kennt er seit vielen Jahren. Es sind Frauen, wie man sie täglich auf der Straße sieht, Frauen, deren Schönheit ins Auge fällt und andere, deren Schönheit sich erst aufschließt, wenn man sie wie in Buddes Filmen, lange betrachten darf. Sie tanzen. Sie zerpflücken Blüten. Sie schwenken Zimmerlampen vorm Balkon. Sie sitzen auf einem Sofa.

Es kommen immer neue Frauen dazu. Budde braucht Nachschub. Jeden Monat produziert er drei Stunden Film. Konsequent. Eigentlich suche er händeringend auch Männer, obwohl ihm die Arbeit mit Männern schwerer falle, weil Männer nicht einfach so spielen könnten wie Frauen. Immer versuchten sie, etwas darzustellen, aber darum ginge es in seinen Filmen eben nicht.

Doch es melden sich eh wieder nur Frauen auf seine Annonce, unternehmungslustige, neugierige Frauen und Frauen wie Lucile, die spielen möchten, so oft sich die Gelegenheit ergibt. Die dreiundzwanzigjährige Lucile kommt aus Aix-en-Provence und lebt jetzt seit anderthalb Jahren in Berlin. Den Bachelor für Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und französische Philologie hat sie in der Tasche.

Schon in Aix-en-Provence hat sie neben dem Studium am städtischen Theater gespielt. Die Theaterprojekte haben sie so in Anspruch genommen, dass sie das Studium am liebsten abgebrochen hätte, aber die Eltern waren dagegen. Sie hat es eingesehen. Es ist wichtig, wenigstens einen Abschluss in der Tasche zu haben, findet sie. Nun ist ihr klar geworden, dass das Spielen das Wichtigste in ihrem Leben ist. Jetzt ist es fast zu spät. An der Universität der Künste sagte man ihr, dass sie für die Ausbildung schon zu alt sei.

Lucile wärmt ihre Hände an einem Teeglas. Sie trägt große, silberne Ohrringe, so leicht, dass sie sich immer wieder in dem schulterlangen Haar verheddern. Heute Abend sieht sie das erste Mal einen Film von Budde.

Nach dem Film ist ihr klar, dass sie unbedingt mit ihm drehen möchte. Sie schwärmt von der Poesie dieser Bilder, dem anderen, behutsamen Blick auf die Frauen.  Wenige Tage später besucht sie den Filmemacher.

Harald Budde lebt mit seinen Puppen Mirabelle und Jasmin2 in einer winzigen Wohnung am Görlitzer Park. Auf dem Arbeitstisch am Fenster stapeln sich die Päckchen der Super-8-Filme neben einem Projektor, dessen Monitor nicht größer als eine Lese-Lupe ist. Damit sichtet Budde das Material und schneidet. Regale und Tische sind überfüllt mit grauen Filmrollen und Plastiktüten, in denen er die Filme nach Darstellerinnen sortiert hat. In der Mitte des Raumes häufen sich Dinge, die er irgendwo fand und ihrer Poesie wegen mit nach Hause nahm. Seine große Liebe, Jasmin2, die Puppe mit dem hängenden Augenlid, die in jedem seiner Filme mitspielt, rettete er aus einem Müllcontainer. Schon als kleiner Junge hat er mit Puppen gespielt, die Puppen auch mit in die Schule genommen. Damals in der Nazizeit fand das keiner niedlich.

Budde führt Lucile durch sein Atelier. Er zeigt es gern. Er findet, dass es die Radikalität seines Lebens unterstreicht. Was immer er tat, er tat es niemals des Geldes wegen. Jahrelang lebte er von Arbeitslosengeld, nun von einer kleinen Rente. Er holt die Kamera aus dem Küchenschrank, setzt die karierte Mütze auf und beginnt sofort im Treppenhaus  zu drehen. Lucile ist nicht darauf vorbereitet. Eigentlich ist ihr ein Anfang, auf den man sich wie im Theater vorbereiten kann, lieber.

In den Filmen von Harald Budde wird nicht gesprochen. Lucile kann einfach spielen. Sie treten auf die breite, belebte Straße. Lucile hat sich während der Filmvorführung in der Z-Bar gefragt, was Budde wohl für Regieanweisungen gibt. Gar keine. Sein Konzept sieht absolut authentische Filme vor. Er sagt nur: „Tu, was du willst. Spiele.“ Lucile, die bereits Hauptrollen im Theater hatte, steht auf der Straße zwischen all den Leuten und weiß nicht, wie man das macht: Spielen. „Tanze“, schlägt Budde vor. Lucile versucht zu tanzen. „Ich habe nicht die richtigen Schuhe an“, sagt sie. Sie findet Schuhe sehr wichtig für einen Schauspieler. „Er wechselt die Schuhe, bevor er die Bühne betritt. Das ist für ihn eine wichtige Handlung.“ Budde zieht einen roten Schleier aus seiner Anoraktasche, doch das ist Lucile zu konventionell. Schließlich entdeckt sie auf der anderen Straßenseite eine Mauer mit Graffiti.

Lucile tanzt vor der Wand mit den Graffitis. Sie fühlt sich plötzlich ganz leicht. Sie spielt. Sie nimmt die Passanten wahr, die vorüber gehen, aber sie stören sie nicht. Die Befangenheit ist vorüber. Sie berührt die Wand, schmiegt sich daran. Sie spielt wie als Kind in der Provence, als sie jeden Nachmittag etwas Neues erschuf, ein Theater aus einem Schuhkarton, Marionetten, und sie ihrem Zimmer jede Woche neue Namen gab, es immer wieder neu gestaltete und die Mutter manchmal genervt davon war.

Harald Budde ist von der letzten Szene begeistert. Trotzdem: Lucile entspricht nicht ganz seinem Anspruch. Sie ist keine Amateurin mehr. „Es ist schwierig mit ihr“, sagt er nach den Dreharbeiten. „Man merkt, dass sie in einer Theatergruppe spielt. Wahrscheinlich ist sie schon an Regieanweisungen gewöhnt.“

Wie ist es für ihn, mit so vielen attraktiven Frauen zusammen zu arbeiten, sie in Situationen zu führen, in denen sie sich preisgeben? „Ich bin froh, beim Drehen in einer Distanz zu sein, ich bin sehr misstrauisch. Ich habe viel erlebt. Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, sind Borderlinerinnen.“ Woher er das wisse? „Ich spüre das.“

Außerdem seien seine Puppen Mirabelle und Jasmin2 sehr eifersüchtig. Jedes Mal, wenn er von einem Dreh nach Hause kommt, sagt er deshalb: Keine Gefahr. Nur einmal sei Gefahr im Verzug gewesen. Das habe er seinen Puppen auch gestanden.

Am 6. und 30. April, jeweils um 21:00 Uhr läuft sein neuester Film „Romantica Nostalgica oder: Warten auf Cocteau“ in der Z-Bar. Darin wird auch Lucile zu sehen sein.

Giovannis Weihnachtshügel

Berliner Zeitung

Am Britzer Damm, Ecke Tempelhofer Weg spritzen die Autos vierspurig über die nassen Straßen. Hat man die Ampeln hinter sich gelassen und den asphaltierten Weg hinauf zu Giovannis Tannenbaum-Verkauf genommen, ist es plötzlich da, dieses Gefühl, dem man zuerst misstraut, weil es an vielen Orten der Stadt vergeblich herauf beschworen wird: Weihnachten.

Vielleicht liegt es an dem Himmel, der sich in den Farben der Dämmerung ausbreitet. Hinter Giovannis Weihnachtshügel klafft ein Loch in der Stadt. Bis zu der Müllverbrennungsanlage am Horizont erstrecken sich die Wiesen eines Naturschutzgebietes mit einem Tümpel mittendrin, dem Eckerpfuhl. Links schließt sich ein Wäldchen an.

Die Holzspäne auf dem Platz vor der Weihnachtsbaum-Einpack-Trommel duften würzig. Am Unterstand weht eine Kette Tibet-Fähnchen. Daneben ein alter Bauwagen, der den Eindruck erweckt, als würde darinnen guter Tee gekocht. Möglicherweise liegt das an Giovanni, der aussieht, als liebe er guten Tee.

Giovanni eilt in großen Schritten über den Platz. Er trägt etwas zwischen Schnee – und Arbeitsanzug. Sein bunter Kinnbart ragt aus dem Gesicht. Die Wollmütze würde ihm in die Augen rutschen, hielten die Bügel der runden Brille sie nicht auf. Trotzdem schiebt er sie hin und wieder aus der Stirn.

Ein Wagen hält neben ihm. „He Giovanni“, ruft ein älterer Herr aus der herunter gelassenen Scheibe. „Komme sofort.“ Giovanni zeigt dem Stammkunden zum Gruß eine seiner harzigen Handflächen und eilt in die Abteilung mit den rot-weiß markierten Bäume. Dort sieht sich ein Paar suchend um. Die rot-weißen sind erste Wahl, fünfzig Euro der Baum, makellose Nordmann-Tannen. Giovanni fragt, berät, empfiehlt. „Sehen Sie, wie gleichmäßig der gewachsen ist. So etwas finden Sie sonst nirgends in Berlin.“ Er streicht über die weichen Nadeln.
Sein Berlinisch hat einen italienischen Akzent. Giovanni ist Sizilianer. Drahtig windet er sich aus seinem Wald wieder nach vorn. Rita braucht Hilfe beim Einnetzen eines besonders üppigen Baumes. Auf dem Weg zupft er das klingelnde Telefon aus der Brusttasche seines Arbeitsanzuges und verabredet einen Vorstellungstermin.

Er braucht dringend Verstärkung auf dem Platz. Aber es ist schwer, gute Leute zu finden, die einen Blick für die Arbeit haben und auf die man sich verlassen kann. „Unter zwanzig Bewerbern ist vielleicht einer, mit dem man etwas anfangen kann“, sagt er. „Einige arbeiten einen Tag und kommen nicht wieder, andere verschwinden nach einer Woche. Die sagen: ‚Na dann, bis morgen’ und tauchen nie mehr auf.“

Der Stammkunde lehnt an seinem Wagen. Giovanni bedient ihn seit Jahren, weiß genau, was er sucht. „Hast du was für mich?“, ruft der Mann. „Klar doch.“ Giovanni weht rüber an den Rand des Platzes, in sein „Lager“. Dort liegen noch verpackte Tannen. „Ich erkenne durch das Netz, was ein guter Baum ist“, sagt er. Er packt ein Exemplar aus. Der Mann kommt langsam näher. „Großartig.“ Er hat einen Baum, den noch kein anderer Kunde vor ihm zu sehen bekam. Es ist sein Baum. Von Giovanni ausgewählt. Zufrieden zieht er die Brieftasche aus seiner Jacke.

Giovannis flinke, dunkle Augen wandern unablässig durch die Baumreihen. Hier und dort gebärden sie sich die Tannen ein wenig undiszipliniert. Sie neigen mal nach dieser, mal nach jener Seite aus ihrer eisernen Verankerung.

Sein Platz sei der größte in Berlin, sagt Giovanni. Er habe die besten Nordmann-Tannen der Stadt. Das sei auch kein Wunder, denn die dänischen Händler mögen ihn. In jedem Sommer, wenn er seine Bäume aussucht, würden sie ihn mit offenen Herzen empfangen, obwohl die Berliner Tannenbaum-Käufer im allgemeinen nicht sehr beliebt seien, weil sie die Preise drücken. „Berlin ist die Stadt in Europa, in der die Weihnachtsbäume am billigsten verkauft werden. Selbst in Westdeutschland zahlen die Leute mehr. Und in Norwegen kostet ein Baum das Dreifache.“

Aber Giovanni ist anders. Er ist der Berliner mit dem italienischen Akzent. Die dänischen Förster fragen nicht, warum es ihn vom sonnigsten Ende Europas in diese arme Stadt verschlagen hat. Sie hören seine Sprache, die barock schwingt wie die katholische, sinnliche Variante von Weihnachten. Die Version mit der Madonna. Sie klingt nach verschwenderischen Gefühlen und Tränen der Liebe. „In Italien“, sagt Giovanni, „da ist Weihnachen schon anders als in Berlin. Die Menschen dort können die Zeit mit der Familie kaum erwarten. Sie freuen sich darauf, zusammen in die Kirche zu gehen.“

In Berlin besucht er am Heiligen Abend manchmal eine katholische Messe, manchmal eine evangelische Christvesper, denn seine Frau ist evangelisch. „Außerdem ist sie Buddhistin“, sagt Giovanni. Aber eigentlich möchte er über solche privaten Dinge wie Religion gar nicht sprechen. Man solle doch lieber über die Bäume reden. Das ist jetzt ihre Zeit. „Weihnachten ohne Baum…nein, das geht nicht. Der Baum ist doch das Symbol der Liebe. Deswegen legt man ja auch die Geschenke darunter. Und man steht davor und singt ein Lied.“ Wie Giovanni das sagt, möchte man augenblicklich in den Boden versinken vor Scham, jemals ein Weihnachtsfest ohne Baum erwogen zu haben.

Seit zehn Jahren verkauft er Weihnachtsbäume, seit fünf Jahren auf dem Platz am Britzer Damm. Das Geschäft beginnt vor dem ersten Advent mit den dichten, großen Saalbäumen, die Kirchen, Firmen und Hotels kaufen. Dann kommen die Familien, die ihren Baum schon in der Adventszeit schmücken oder sich rechtzeitig ein besonders gutes Exemplar sichern möchten und schließlich die Schnäppchenjäger, die von Platz zu Platz ziehen und handeln. „Es gibt Leute, die geben fünf Euro Trinkgeld, nachdem sie den Preis um zwei Euro nach unten gedrückt haben.“ Giovanni schüttelt den Kopf.

Giovanni ist 47 Jahre alt. Man schätzt ihn gute zehn Jahre jünger. „Ich weiß.“ Er schiebt die Mütze aus der Stirn. Er ist die erstaunten Gesichter gewohnt. „Es muss die frische Luft auf dem Platz sein.“ Selbst die weißen Streifen in seinem Bart wirken unter diesem Gesicht eher wie ein modischer Spaß.

Seine Kinder sind inzwischen erwachsen. Für einen Moment verlässt sein Blick die Bäume und wandert über den Britzer Damm, auf dem die weißen und roten Lichter der Autos wie zwei Ketten gegeneinander aufgefädelt sind. Er blickt, als könne er selbst nicht glauben, wie viele Jahre vergangen sind, seit er 1982 nach Berlin kam. Die Stadt habe ihn fasziniert, die Mauer. „Man konnte interessante, alternative Leute treffen.“ Deshalb sei er eines Tages geblieben.

Er huscht in eine Reihe, sucht nach dem perfekten Stufenbaum. „Diese lassen sich viel besser schmücken als die dicht gewachsenen Bäume, auf die alle zuerst fliegen.“ Die Baumärkte lockten mit billigen Hochschossern, Tannen, die schnell gewachsen sind und nur wenige Stufen haben. Er zählt die Etagen des Baumes. Zwölf. Zwölf Jahre alt. „Oder hier die Nobilis…Wer einmal eine Nobilis hatte, kauft sie immer wieder wegen ihres Duftes.“

Und sein eigener Weihnachtsbaum? Nein, einen Blick in sein Wohnzimmer gestattet er nicht, höchstens durchs Schlüsselloch. „Ein paar Kerzen, echte Kerzen und ein bisschen Schokolade. Das genügt. Kein Lametta und solchen Kram.“ Gibt es das Wort gemütlich auf italienisch? Giovanni denkt nach. „Commodo“, sagt er. „Commodissimo.“

Es fällt nasser Schnee. Der Matsch quietscht durch die Sohlen. Das übliche Berliner Adventswetter. Wahrscheinlich werden wieder alle darüber klagen, dass es zu Weihnachten trist und grau aussieht. Im Bauwagen ist es kühl. Es gibt keinen Tee. Auf dem kleinen Tisch stehen einige Wasser – und Limonadenflaschen, in der Eile offen stehen gelassen.

Rami im Glück mit Bafög

Berliner Zeitung

Ein junger Migrant will Ingenieur werden – genau, was Deutschland braucht. Fast wäre er an dummen Regeln gescheitert

Nur ein einziges Mal hatte Rami das Gefühl, diskriminiert zu sein in Deutschland, weniger Wert als seine Freunde, die hier geboren sind. Das war, als er im letzten Herbst sein Studium begann und erfuhr, dass ihm kein Bafög zusteht.

Rami fand das ungerecht. Nur, weil seine Eltern nicht lange genug in Deutschland gearbeitet hatten. Dabei hatten sie doch von Anfang an arbeiten wollen, aber nicht gedurft.
Seit er zwölfjährig mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester nach Berlin gekommen war, hatte er sich in der Stadt wohl gefühlt. Sofort hatte er Freunde gefunden, Freunde, mit denen er arabisch, Freunde, mit denen er russisch und schließlich Freunde, mit denen er deutsch sprechen konnte, Christopher zum Beispiel. In der Küche von Christopher hatte Rami das erste Mal eine Folienkartoffel mit Würstchen gegessen. Daraufhin hatte er Christopher zu arabischen Reis eingeladen. Von diesem Moment an, da sie sich vergewissert hatten, dass man sowohl deutsches als auch arabisches Essen genießen kann, trennte sie nichts mehr.

Rami ist in Donezk, in der Ukraine geboren. Sein Vater, ein Palästinenser, war zum Studium nach Donezk gekommen und hatte dort seine zukünftige Frau, eine Ukrainerin kennengelernt. Rami hat die großen Augen, die vollen Lippen und das dunkle, glatte Haar seiner Mutter.
Davor hatte die Familie in Libyen gelebt, wo der Vater nach dem Studium eine Anstellung als Arzt bekommen hatte. 1995 musste die Familie sich schnell ein neues Zuhause suchen. Die libysche Regierung ordnete an, dass alle Palästinenser das Land zu verlassen hätten. Es war eine Reaktion auf das erweiterte Autonomieabkommen zwischen Israelis und Palästinensern. Die Familie hatte in Deutschland einige Verwandte. Daher beschlossen Ramis Eltern, hierher zu kommen.

Irgendwann, als er schon fast erwachsen war, hatte Rami im Bücherkarton seiner Mutter ein Buch des Amerikaners Paul C. Bragg gefunden. Bragg schreibt, dass ein Mensch einhundertzwanzig Jahre alt werden kann, wenn er gesund isst, Sport treibt, ausreichend schläft und darauf achtet, immer ein zufriedenes Herz zu wahren. Rami beschloss, das auszuprobieren.

An jenem Tag, als er erfuhr, dass er niemals Bafög bekommen wird, stand sein Ziel, das Alter von einhundertzwanzig Jahren zu erreichen, ernsthaft auf dem Spiel. Der amerikanische Gesundheits-Guru hält Traurigkeit und Wut für ebenso schädlich wie Alkohol und Nikotin.

Deshalb verkniff sich Rami die Trauer und die Wut über diese Ungerechtigkeit wie andere Leute sich das zweite Glas Wein oder die dritte Zigarette verkneifen.

Von diesem Tag an erkannte er, dass Traurigkeit eine Art Luxus für Leute ist, die Zeit haben. Das Lernpensum der Hochschule war happig, aber Rami blieb keine Zeit zum Lernen mehr. Er musste einen Job finden, der ihm seinen Lebensunterhalt sicherte, denn seine Eltern hatten nicht das Geld, ihn zu unterstützen. Sie kamen ja selbst kaum über die Runden.

Rami fand Arbeit bei einer Rechtsanwältin. Täglich sortierte er nach den Vorlesungen ihre Papiere, schrieb Briefe, erledigte Anrufe. Zum Lernen blieb ihm oft nur die Nacht. Er musste die Regeln von Paul C. Bragg in zwei weiteren Punkten vernachlässigen. Er fand nicht mehr ausreichend Zeit zu schlafen. Das Sport-Programm fiel ganz aus.

Ungefähr zu der Zeit, als Rami sich für das Studium der Gebäude -, Energie – und Informationstechnik an der Technischen Fachhochschule beworben hatte, war die Nachricht über die ungerechte Behandlung der Migrantenkinder bei der Bundesregierung angekommen. Sie beschlossen, die Sache zu ändern.

Das Gesetz trat im Januar 2008 in Kraft, kurz bevor Rami zu den ersten Prüfungen antreten musste. Die Hälfte der Prüfungen hatte er bereits nach hinten verlegen können. Zu diesem Zeitpunkt hatte er keine Hoffnung, die Regelstudienzeit von drei Jahren einhalten zu können.

Doch Rami ist ein Optimist, jemand, der die Dinge heiter und positiv sieht. Er hat immer gewusst, dass es so ungerecht nicht zugehen darf, nicht hier in Berlin, wo er sich immer als Berliner gefühlt hat. Er wusste es vor dem Sachbearbeiter auf dem Bafög – Amt. Der schaute ihn verdutzt an und ließ sich die Neuigkeit von dem Student aus dem Internet fischen. Auf den Seiten seiner eigenen Behörde.

Mittlerweile hat Rami das Gesundheitsprogramm nach Bragg wieder aufgenommen. Er trinkt Pfefferminztee, schläft, joggt und lernt. Hin und wieder arbeitet er. Er arbeitet im Büro einer Agentur, die ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland vermittelt. Man schätzt dort seine Sprachkenntnisse.

Paul C. Bragg ist übrigens im Alter von ungefähr neunzig Jahren beim Windsurfen in Kalifornien verunglückt. Möglicherweise war er auch erst achtzig Jahre alt. Über sein wahres Alter wird spekuliert. Es heißt, er habe sein Geburtsjahr zugunsten seiner Theorie gefälscht.

„Man hat seine Organe untersucht und festgestellt, dass sie noch so gut in Schuss waren wie die eines Dreißigjährigen“, sagt Rami.
Rami hat Bragg auf russisch gelesen. Seine Mutter muss das Buch noch in der Sowjetunion erworben haben. Sie hat es mit nach Libyen und später nach Deutschland genommen. Es muss ihr also etwas bedeuten. Rami hat nie mit seiner Mutter über das Buch gesprochen. Seine Eltern haben andere Sorgen. Die Ausländerbehörde zweifelt daran, dass sie für den Lebensunterhalt der Familie sorgen können. Sie warten noch immer auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Rami glaubt, dass er jetzt eine bekommen wird. Eigentlich hätte er sie bereits am 1. Juli in Empfang nehmen können, doch wegen des Streiks im öffentlichen Dienst muss er sich noch ein paar Tage gedulden. Es steht außer Frage, dass er hier bleiben will. Er ist hier zu Hause. Sobald er die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hat, wird er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Auch seine Eltern und seine Schwester werden das tun.

„Meine Schwester hat mehr Glück als ich“, sagt Rami. „Sie ist sechs Jahre jünger. Sie ist nur in Deutschland zur Schule gegangen und hat die Sprache von Anfang an gelernt. Sie wird ein sehr gutes Abi machen.“

Rami achtet darauf, dass seine sechzehnjährige Schwester Anna genügend schläft. Er schickt sie jeden Abend um 22 Uhr ins Bett. Schließlich soll auch sie einhundertzwanzig Jahre alt werden, denn allein macht das keinen Spaß.

Was er sich wünscht, jetzt, da er in der Lage ist, das Leben eines ganz normalen Studenten zu führen? Rami fällt lange nichts ein. „Mal wieder ins Theater. Oder essen gehen mit der ganzen Familie.“

Doch jetzt, vor den Prüfungen, spürt er, dass er noch immer an der Last des ersten Semesters trägt. Teilweise fehlt ihm Stoff aus der Zeit, als er einfach nicht zum Lernen kam. Zum Glück kann er einen Teil der Prüfungen nach den Semesterferien absolvieren.
„Ohne Bafög hätte ich das Studium wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt Rami. „Selbst wenn man sehr schlau ist und alles schnell lernt, man braucht die Zeit, um Zeichnungen anzufertigen und im Labor zu arbeiten.“

Viele Jugendliche aus Migranten-Haushalten, die in der Vergangenheit kein Bafög beantragen konnten, brachen ihr Studium irgendwann ab. Rami hat Glück gehabt. Aber das war knapp.