Vermintes Gelände

Berliner Zeitung

Latenter Antisemitismus ist unter muslimischen Jugendlichen weit verbreitet. Eine Schule in Kreuzberg kämpft dagegen an – Lehrer besuchen mit ihren Schülern Orte jüdischer Geschichte in Berlin, die Sozialarbeiterin organisiert Klassenreisen nach Israel.

An einem warmen, sonnigen Junitag war das Schuljahr in der Skalitzer Straße in Kreuzberg mit einem Fest zu Ende gegangen. Die Schüler hatten Couscous-Salate zubereitet. Dazu gab es Süßigkeiten, Tee und Limonade. Eine Gruppe von Mädchen und Jungen tanzte im Kreis zu orientalischer Musik. Es war ein schönes Fest für die Kinder der Sekundarschule in der Skalitzer Straße. Ein Fest, wie es in fast jeder Schule dieser Gegend stattfinden könnte.

Und doch gab es hier eine Besonderheit. An einem eigenen Stand informierte der Wahlpflichtkurs Menschenrechte über die gemeinsame Reise nach Israel. Die meist arabisch- und türkischstämmigen Schüler erzählten, wie überrascht sie waren von jenem Land, dem sie zuvor so ablehnend gegenüber gestanden haben. Und sie erzählten von ihren neuen jüdischen Freunden.

Als die Ferien vorüber sind und der Ramadan zu Ende, kommen die Jugendlichen aus Israel zum Gegenbesuch nach Berlin. Continue reading

Politik verzweifelt gesucht

Berliner Zeitung

Héctor Huerga aus Barcelona / Foto: © Pablo Castagnola

Es steht noch nicht fest, ob der Sessel für Angela Merkel aus Leder oder Stoff, ob es eher ein modernes oder ein nostalgisches Modell sein wird. Möglicherweise findet sich ein Sessel aus der DDR, Hellerauer Werkstätten, Bauhaus. Vorerst gibt es den Merkel-Sessel nur als Plan und im Internet. In dem Blog www.merkelchair.wordpress.com ist er aus braunem Leder und schon ein bisschen verschlissen.

Der 39jährige Schriftsteller Héctor Huerga aus Barcelona wird den Sessel für die Kanzlerin in der großen Ausstellungshalle in den Kunstwerken aufstellen und beim Leerbleiben filmen. Er macht sich keine Sorgen, wo er etwas Passendes für die Kanzlerin  finden wird. Wichtiger für ihn ist, dass der Merkelchair-Blog in möglichst vielen Sprachen erscheint, denn dort sollen Bürger der ganzen Welt ihre Fragen an Angela Merkel stellen. Héctor Huerga ist einer der Occupy-Aktivisten, die von den Kuratoren der Biennale Berlin eingeladen wurden. Er ist ein drahtiger Mann mit wachen, dunklen Augen und seegebräunter Haut. Er schaut sich in der großen Ausstellungshalle um. Die 400 Quadratmeter, die der Kurator Artur Zmijewski den Aktivisten zur freien Verfügung gestellt hat, sind noch eine Baustelle. Die Halle soll durch Vorhänge in verschiedene Räume geteilt werden, in denen Vorträge, Videoinstallationen, Workshops und natürlich Asambleas stattfinden. So werden die öffentlichen Versammlungen der Occupy-Bewegung nach dem spanischen Vorbild genannt. Der Sessel wird in der Asamblea für die Kanzlerin reserviert. „Wenn Angela Merkel kommt, werden wir ihr alle Fragen, die wir im Blog gesammelt haben, vorlesen“, sagt Héctor Huerga.

Eine junge Frau, auf deren Kopf sich hellbraune Locken türmen, bittet Héctor, beim Aufbau des großen Zeltes zu helfen. Mit Héctor sind Manu und Laurent nach Berlin gekommen. Auch sie können helfen, das Zelt zu stemmen. Von Occupy Berlin ist kaum jemand da. Die junge Frau nennt sich Mona. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Seit einem halben Jahr arbeitet die 23jährige Aktivistin an der Vorbereitung des Biennale-Happenings. Ein Vollzeitjob, sagt sie, aber es ginge gerade. Vor einem halben Jahr habe sie ihren Bachelor in Erziehungswissenschaften abgeschlossen, gerade in dem Moment, als das mit Occupy richtig losging. Mona ist die jüngste von drei jungen, aktiven, gebildeten Frauen, flankiert von einem, maximal zwei Männern, die den Hauptanteil bei der Vorbereitung der Biennale-Aktion geleistet haben.

Occupy Berlin, das sind Aktivisten aus verschiedenen Ländern. Ihre Zahl lässt sich schwer bestimmen. Sie liegt irgendwo zwischen 50 und 100. Das symbolische Camp in der Kunstausstellung ist umstritten, auch in der Bewegung selbst. Einige sprechen von einem Zoo-Effekt. Und wirklich liegt die Ausstellungshalle unterhalb einer Galerie, von der aus die Besucher in den Aktionsraum hinabschauen. Zwei Treppen führen in die Halle, aber nicht jeder Besucher wird diese Barriere nehmen. Die Biennale ist zudem kein öffentlicher Raum. „Wir müssen hinaus auf die Straßen gehen und den Leuten sagen, was hier passiert“, sagt Héctor. „Es ist ja ein Prinzip der Bewegung, sichtbar zu sein. In Spanien haben wir in der Metro laute Dialoge inszeniert, um die Leute zu informieren.“

Der Kurator Artur Zmijewski äußert sich zurückhaltend. Es gäbe immer Leute, die etwas gut finden und andere, die es ablehnen. Zuletzt versicherten Zmijewski und seine Mitarbeiter den Aktivisten in einem langen Brief noch einmal ihre große Sympathie für die Bewegung. Sie beschworen sie, sich die Freiheiten zu nehmen, die sie ihnen als Kuratoren nicht völlig bieten könnten und betonten, dass sie völlig unabhängig von der Kunstausstellung seien. Es klang wie eine ausdrückliche Bitte um Provokation und Widerstand. In seinem Vorwort zur Biennale „Forget fear“ beklagt Zmijewski, dass die Kunst zum Dekor der neoliberalen Gesellschaft geworden ist und so ihre ureigene Kraft verloren hat und dass sich Kunst, der keine Taten folgen, in einer „kreativen Ohnmacht“ befindet. Über die Startseite der Biennale laufen unter dem Titel „art covers politics“ Bilder von den Demokratiebewegungen des letzten Jahres. Kein Zweifel, Occupy ist das eigentliche Thema auf Zmijewskis Biennale.

Héctor Huerga sitzt in der kleinen Mansarde über dem Büro der Kunstwerke. Seine  sehnigen, braunen Hände liegen locker übereinander auf der leeren Tischplatte. „Die Biennale Berlin wird in diesem Sommer das Hauptquartier der Bewegung sein“, sagt er. Er ist einer der ersten Gäste, die eingetroffen sind. Erwartet werden Aktivisten aus der ganzen Welt, viele kommen auf persönliche Einladung der Kuratoren, wie Héctor. Seit die spanische Bürgerbewegung am 15. Mai 2011 begann, arbeitet der spanische Schriftsteller, der bisher zwei Romane veröffentlicht hat, an der Vernetzung und Kommunikation der weltweiten Protestbewegungen. „Es war uns sofort klar, dass es sich nicht um regionale, sondern globale Probleme handelt.“ Er erzählt von Barcelona, von geschlossenen Kliniken und Notfallstationen, überfüllten Hörsälen und von Dreißigjährigen, die zurück zu ihren Eltern gehen, weil sie sich ein eigenes Leben nicht leisten können. Am 29. März, dem Tag des Generalstreiks, seien eine Million Menschen zwischen dem Plaça Catalunya und dem Ciutadella-Park unterwegs gewesen. Die Polizei versuche, die Bewegung zu kriminalisieren, sagt er. Jetzt sei sogar ein Gesetz gegen die freien Asambleas im Gespräch. „Wir kämpfen nicht gegen die Polizei“ , sagt Héctor. „Wir kämpfen auch nicht gegen die Medien. Wir suchen nach Lösungen, wie wir alle gemeinsam auf dieser Erde leben können.“ In Berlin möchte er über die europäischen Schulden sprechen, die Arbeitslosigkeit, die steigenden Mieten, den Zustand der Demokratie und die Freiheit für die Asambleas. Doch, es bliebe ihm noch Zeit zu schreiben. Er arbeitet an einem dritten Buch. Huergas Romane haben immer einen politischen Hintergrund. Er erzählt von einem jungen Senegalesen, der über das Mittelmeer nach Europa flüchtet oder einer Mosambikanerin, die in Südafrika einen Lottogewinn macht, ihn aber nicht einlösen kann, weil sie illegal im Land lebt. Ein Kapitel aus seinem ersten Buch „Radio Puente“ ist auf deutsch in der Anthologie „Meereslaunen“ erschienen. Er hat bei mexikanischen Autoren studiert, unter anderem bei Sergio Pitol und Jorge Volpi. Doch die Arbeit für Occupy ist an die erste Stelle im Leben des Autors getreten. Gelegentlich jobbt er als Korrekturleser, um ein bisschen Geld zu verdienen. Er ist viel unterwegs, nicht nur im Internet, sondern auch in den Asambleas vor Ort, um politische Inhalte zu debattieren.

Wenige Tage später moderiert er die Asamblea der Biennale-Aktivisten. Er habe gehört, dass es mit der demokratischen Kultur in dieser Versammlung nicht so weit her sei. Das sei an anderen Orten auch so. Einige der spanischen, portugiesischen und griechischen Indignados, die in Berlin leben, hatten sich aus dem Biennale-Projekt zurückgezogen, weil sie die politischen Inhalte und den Respekt in der Asamblea vermissten. An diesem Abend sind einige von ihnen gekommen. Auch Artur Zmijewski und sein Ko-Kurator Igor Stokfiszewski sind da. Der Versammlungsraum im ersten Stock des Vorderhauses der Kunstwerke ist so voll wie selten. Héctor steht am Kopfende des langen Tisches. Er trägt ein braunes Cord-Jackett. Er fragt, ob alle Teilnehmer damit einverstanden sind, dass diese Versammlung in Englisch abgehalten wird. Niemand hat etwas dagegen. Englisch ist die übliche Sprache in den Berliner Asambleas. Dann erklärt er die basisdemokratischen Regeln der Asamblea. Erster Punkt der Tagesordnung sind die Finanzen. Mona hatte darum gebeten. Jetzt tritt sie vor die Versammlung. Ihre Locken lagern auf der linken Kopfhälfte. Von den rund 5.600 Euro, die ihnen die Veranstalter zur Verfügung gestellt hätten, seien noch 500 übrig. Sie schlage folgende Verteilung vor. Mona schreibt die Namen einiger Projekte auf dem Flipchart untereinander und setzt jeweils kleine Summen dahinter. Héctor sagt, er habe in Spanien noch nie in einer Versammlung über Geld gesprochen. Geld sei nicht da. Man könne eben nur das machen, was ohne Geld machbar ist. Eine Spanierin erinnert an eine Email, die vor ein paar Tagen aus Istanbul kam. Ein Aktivist von Occupy Starbucks möchte gern zur Biennale reisen, aber er kann den Flug nicht bezahlen. Sollte man nicht eher ihm das Geld geben? Eine Diskussion um das Geld entbrennt. Einer braucht es für eine lange Leinwand, die von Kindern bemalt werden soll. Ein anderer möchte einen edlen Katalog produzieren. Jetzt möchten auch die Guerilla-Gärtner noch Geld für Pflanzen, um auf der Wiese hinter der Halle etwas anzubauen. Alle reden durcheinander. Héctor erinnert daran, dass die Asamblea nicht der Ort für persönlichen Schlagabtausch ist. Nach und nach ziehen sich die Mitglieder nach nebenan in die Küche zurück, für den persönlichen Schlagabtausch und um zu rauchen. Auch Mona ist verschwunden. Die Kuratoren sind schon lange weg. Anderthalb Stunden lang drehen sich die Wortbeiträge um Geld, dann beschließt die Asamblea eine Pause. Héctor steht mit einer Portugiesin und zwei Spaniern im Hof. Er sieht blass aus, aber er braucht nichts: kein Bier, keine Drogen, keinen Döner. Er trägt ein leichtes, entschlossenes Lächeln auf den Lippen.

Am nächsten Tag sitzt er vor dem aufgeschlagenen Laptop im Café Bravo im Hof der Kunstwerke. Er hat Ringe unter den Augen. Die frische Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. „Die Bewegung hier hat nicht denselben Geist wie in Spanien“, sagt er. Er wird für die Website der Internationalen Kommission Barcelona, deren Mitbegründer er ist,  einen ersten, persönlichen Eindruck aus dem derzeitigen Hauptquartier der Bewegung, Biennale Berlin schreiben. Ein begeisterter Artikel wird es nicht.

Held der Arbeit

Berliner Zeitung

In Wieland Giebels Buchladen Berlinstory werden nicht nur die Kunden glücklich – sondern auch die Angestellten


Die Berlinstory Unter den Linden 26 ist keine schöne Buchhandlung. Wahrscheinlich ist sie die hässlichste der Stadt. Gleich am Eingang quellen dem Besucher Ampelmännchen und T-Shirts mit Bärennasen entgegen, gefolgt von Nofretete- und Friedrich – Büsten aus Marmorstaub und Alabastergips, in diesem Jahr auch Luisen in allen Größen, gleich neben den Trabis. Es folgen mehrere Stapel dünner Broschüren mit teilweise dünnen Informationen über die Geschichte Berlins. Der Verkaufsschlager „Die Berliner Mauer 1961-1989“, ein Heft mit knapp erläuterten Fotografien aus dem Landesarchiv Berlin, erhältlich in 10 Sprachen, ist zu einem dicken Klotz vom Boden bis in Brusthöhe gestapelt. 9,80 Euro – Geschichte light für den Easy-Jetter.

Die erste Irritation geht von der Kassiererin aus. Obwohl ziemlich viel los ist, bleibt sie freundlich. Ihre Freundlichkeit ist weder angestrengt noch laut, sondern natürlich. Befinden wir uns wirklich in einem Touristenladen Unter den Linden? Kein Zweifel.

In den Sommermonaten ist jedes zweite verkaufte Buch ein fremdsprachiges. Der Tourist wird an den Bücherstapeln zur Linken entlang in das Café verführt. Berliner schweifen nach rechts zu den Büchertischen und Regalen. Dort differenziert und vertieft sich der Blick auf Berlin. Es geht um einzelne Bezirke und kulturelle Ereignisse. Das Angebot ist nach geschichtlichen Epochen und Sonderthemen wie Küche, Krimis und Kinderbücher sortiert. Der Blick einer älteren Dame fliegt hastig über die Neuerscheinungen zu den Hohenzollern. „Hab ich schon…hab ich auch schon“, raunt sie ihrer Begleiterin zu. „Ich gehe hier nicht ohne was raus.“ Ihr Blick bleibt an dem Bildband „Der grüne Fürst“ hängen, streift die Potsdamer Pomologischen Studien und die Friedhofs-Reihe der Edition Luisenstadt. In einem unteren Fach entdeckt sie ein vergessenes Bändchen „Wilhelm II. in Doorn“, Staub wirbelt auf, als sie danach greift. Sie blättert eine Seite auf, wirft es zurück.

Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory, steht hinten am Tresen, hinter dem seine Buchhändler recherchieren und Bestellungen abwickeln. Er ist groß und schlank. Mühelos überblickt er sein Geschäft. Sein kurzes, drahtiges Haar ist weiß. Giebel ist sechzig Jahre alt. Er blickt in seinen Laden, als denke er darüber nach, wieder zu gehen. Den cognacfarbenen Lederblouson hat er noch nicht abgelegt.

„Die Kassiererin heißt Susanne Roder“, sagt Wieland Giebel, der Gründer und Inhaber der Berlinstory. „Sie hat ein rotes Rennrad, das nicht draußen stehen darf, weil es ein ganz besonderes Rad ist. Deshalb müssen wir jeden Tag einen Platz hier drin finden.“ Giebel klingt, als würde er lieber draußen in der Sonne Unter den Linden entlang flanieren, mit Tagebuch und Kamera, seinen ständigen Begleitern, um anschließend bis zum Feierabend an seinem Berlinstory-Blog zu schreiben.

Zu seinem Unternehmen gehören außer der Buchhandlung mit Café ein Theatersalon im Untergeschoss, in dem an fünf Tagen in der Woche gespielt wird und der Berlinstory-Verlag auf der Galerie über seinem Kopf, in dem alle zwei Wochen ein neues Buch erscheint. Im August findet wieder die Historiale statt, Giebels eigenes Geschichts-Festival, mit Kino, Führungen, Vorträgen und einer Party. Thema sind in diesem Jahr die Zwanzigerjahre. Im Oktober eröffnet im Untergeschoss das Berlinstory-Museum. Auf 1.600 Quadratmetern regiert Wieland Giebel über 30 Mitarbeiter. Pro Jahr macht seine Buchhandlung 2,4 Millionen Euro Umsatz. Die Berlinstory hat an jedem Tag des Jahres geöffnet. Und Giebel steht am Tresen und plaudert über das rote Rennrad der Kassiererin.

Giebel sagt, es sei eines seiner wichtigsten Anliegen, dass seine Mitarbeiter zufrieden sind. Er möchte, dass sie ihre Begabungen entwickeln, auch über ihre eigentlichen Arbeitsbereiche hinaus. „Jobenrichment“, sagt Giebel. Nach dem Management-Lexikon von Dr. Kraus und Partner bezeichnet „Jobenrichment“ das Bemühen, die Aufgaben eines Mitarbeiters interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten, bzw. den Arbeitsbereich durch qualitativ höherwertige Aufgaben auszuweiten. Aus Giebels Mund klingt dieser Begriff aus der Etage der Menschenverwalter seltsam. Er passt nicht zu ihm. Aber er sagt das Wort gern. Es ist das einzige, das er in einer ihm fremden Welt für sich entdeckt hat und nun wie einen kleinen Schatz vor sich her trägt.

Romy Herzog sieht zufrieden aus. In ihrem schmalen Gesicht scheint alles zum Strahlen angelegt: die großen Augen, die fein gezeichneten, vollen Lippen, die makellosen Zähne. Die 31jährige betreut das Kinderbuch-Sortiment. Sie sagt, es sei ihr Herzenskind. An diesem Montag ist der Tisch ziemlich geplündert. Am Wochenende ist Kinderbuch-Zeit. Großeltern schlendern mit ihren Enkeln Unter den Linden entlang, spendieren ihnen ein Eis und was gutes zum Lesen. Der geschäftsreisende Papa greift in Sonntagslaune noch flugs nach einem Mitbringsel.

Romy Herzog wird oft gefragt, wo man die Mauer noch sehen kann und wo der Führerbunker ist. Manchmal wollen Kunden wissen, ob sie in Ost – oder Westberlin geboren ist. Dann erzählt sie, dass sie in Thüringen aufgewachsen ist, in der DDR. Romy Herzog hat einen vierjährigen Sohn. Nach der Elternzeit wollte die Buchhandlung, in der sie bis dahin gearbeitet hatte, sie nicht weiter beschäftigen. Per Annonce suchte sie eine Teilzeitstelle. Sie erinnert sich an den Anruf von Wieland Giebel: „Er sagte: ‚Sie sind doch sicher Mutter. Wir können Sie gut gebrauchen.“ Nachdem sie ein halbes Jahr Teilzeit gearbeitet hatte, entschloss sich Romy Herzog, wieder voll in ihren Beruf einzusteigen. „Es ist das beste Team, in dem ich je war.“

Über ihre Arbeit an dem Mauerbuch für Kinder spricht sie nicht so gern. Es sei doch maßlos übertrieben, dass sie es lektoriert habe. Lediglich an der Gestaltung habe sie ein bisschen mitgearbeitet. „Die Mauer ist ein schwieriges Thema, gerade für Kinder“, sagt sie. „Dass mir in dem Buch etwas fehlte, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich aus der DDR komme. Wenn man die Bücher heute anschaut, ist alles grau, aber meine Erinnerung ist bunt. Ich möchte nicht in Ostalgie fallen, aber auch nicht alles schlecht reden. Ich möchte, dass diese Zeit realistisch dargestellt wird.“

Der Band „Die Mauer war immer ein Schnitt in meinem Herzen“ ist eins von drei Kinderbüchern des Autorenpaares Magdalena und Gunnar Schupelius. Gunnar Schupelius ist Kolumnist und Reporter der Berliner Boulevardzeitung BZ. Vor einer Wand mit dem Memo-Spiel DDR, dem DDR-Quiz und dem DDR-Puzzle, dem Bastelbogen „King of Kebab“ und den „Berlintussen“ zum Ausschneiden und Anziehen, liegen die drei Neuerscheinungen auf einer Palette, je vier kniehohe Stapel der rot gebundenen Luise-Biografie und der blauen Friedrich-Biografie. Auf der anderen Seite acht Stapel des Mauerbuches. „Die Sache mit dem Pioniergeburtstag zum Beispiel.“ Herzog blättert auf Seite 46. „Ich wollte dieses Foto von einem Pioniergeburtstag einfügen, damit klar ist, dass das eine Massenveranstaltung war und nicht eine Geburtstagsfeier, wie die Kinder sie heute kennen.“ Auf Anregung der Kinderbuchhändlerin wurden ein Vorwort und weitere Fotos hinzugefügt und die Illustrationen mit Sprechblasen versehen. Herzog empfahl, den Kindern in einem Infokasten zu sagen, dass man den Luftbrücke-Flughafen Gatow und die Mauergedenkstätte heute noch anschauen kann. „Kinder gehen doch gern auf Entdeckungsreise.“

Im Café der Berlinstory sitzt die Buchhändlerin Antje Werner vor ihrem Laptop. Antje Werner ist 46 Jahre alt, eine zierliche Frau mit Friesellocken. Sie sieht zufrieden aus. Sie hat gerade eine Woche Urlaub in Barcelona hinter sich. In der Berlinstory betreut sie die Sortimente Architektur, regionale Bezirke, das moderne Antiquariat und die Kollektion Buddybären. Heute ist ihr freier Tag, aber sie ist trotzdem gekommen. Sie arbeitet an einem Taschenkalender für 2011. Sie schloss dafür einen Autorenvertrag mit dem Verlag Berlinstory. Wie hoch die Provision ist, die sie pro verkauftes Exemplar erhält, hat sie vergessen. Es sei ihr nicht wichtig. Und ob sie die Überstunden, die sie für den Kalender macht, je abfeiern wird, weiß sie auch noch nicht. Die Arbeit an dem Kalender mache ihr einfach Spaß.

Buchhändlerinnen als Autorin und Lektorin, der Praktikant Arthur aus Hongkong als Übersetzer des Mauer-Buches ins Kantonesische, die zwei Mitarbeiterinnen des Salons, die selbst auch auf der Bühne stehen – was stimmt nicht mit diesem Wieland Giebel, der ausgebildete Buchhändlerinnen fest anstellt, sie auch noch nach Tarif bezahlt und offenbar keine größere Sorge hat, als dass sie sich langweilen könnten?

Giebel sagt, er möge eben gern zufriedene Menschen um sich. Aber würden das nicht auch die vielen Ladeninhaber sagen, die qualifizierte Buchhändler aus Kostengründen durch studentische Hilfskräfte ersetzen? Obwohl in Deutschland kein Buchhandelssterben zu beobachten ist, und sich die Umsätze, zumindest in den vergangenen drei Jahren, auf einem stabilen Niveau halten, nimmt die Zahl der Beschäftigten kontinuierlich ab. Es mag an den gestiegenen Kosten liegen, die nicht mehr vom laufenden Umsatz gedeckt werden können. Vielleicht reizt viele Buchhändler aber auch nur die Einsparung, die durch den Einsatz von 400-Euro-Kräften möglich wird.

An Giebel bewahrheitet sich eine buddhistische Weisheit. Er hat gefunden, was er niemals suchte. Als er einmal eine Ausstellung der Gesellschaft historisches Berlin betreute, deren stellvertretender Vorsitzender er damals war, verkaufte er dort einige Bücher und stellte verwundert fest, dass ihm das Spaß macht. „Das habe ich mir als protestantischer Maoist niemals vorstellen können, dass ich eines Tages etwas verkaufe, Sachen verhökere, unter die Händler gehe, die Jesus aus dem Tempel getrieben hat.“ So kam es 1997 zur Gründung der Buchhandlung Berlinstory. Giebel ist kein Buchhändler. Er hat kein Problem mit dem „Non-Book“, jenem Bereich, der von vielen in der Branche naserümpfend abgelehnt wird: Filme und CDs, auch die Luise-Büsten und Trabis gehören dazu. „Ich habe keine Angst vor Schneekugeln und T-Shirts“, sagt er. Mit dem Non-Book-Bereich bestreitet Giebel die Hälfte seines Umsatzes.

Dieser ganze Touristen-Kram, die ständigen Neuerscheinungen seines Verlages, unter denen sich wirkliche Kleinode finden, neben Flops, die scheinbar unendliche Themenvielfalt der Stadt spiegelt seine Biografie, sein Leben, seine Suche. Der Jurist Giebel arbeitete sechs Jahre als Lagerarbeiter „um die Arbeiterklasse zu mobilisieren“, arbeitete ein Jahr mit Jugendlichen in Nordirland, entwickelte ein landwirtschaftliches Projekt in Ruanda und studierte dafür Ökotrophologie, er schulte sich nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zum Experten für Niedrigstrahlungen, engagierte sich in der Umweltbewegung, berichtete für das europäische Parlament über die zerstörte Natur in der DDR, gründete den Verlag Elefantenpress, wurde Historiker.

Giebel ist neugierig und weltoffen. Ein bisschen Glück hat er auch. Berlin boomt. Die Zahl der Touristen steigt weiter an. Unter den Linden hat Giebel den Ort gefunden, an dem er sich entspannt in den Yogi-Sitz begeben kann, ein gemütliches Om im Bauch, während Romy Herzog Kinderbücher durch kluge Anmerkungen verbessert und sein Hersteller Norman Bösch die Autoren Berlins mit seiner unkomplizierten Art bezaubert, während die Umsätze in der Lade der freundlichen Kassiererin klingeln -6,8 Prozent Steigerung im letzten Jahr-. Der Exot Giebel wird von den Berliner Buchhändlern mit Respekt bedacht. Wieland Giebel freut sich darüber, aber ein bisschen muss er sich auch rechtfertigen, er kann nicht anders. „Verkaufen hat ja auch damit zu tun, andere zu bereichern.“

Am 28. Juni erhielt das Unternehmen Berlinstory den Preis „Ausgewählter Ort im Land der Ideen.“

Die Frau, die den Rechner zersägt

Berliner Zeitung

Foto: Kathrin Schrader

Datenfälschung, Kontenbetrug, Identitätsklau – die Internet-Kriminalität wächst rasant. Claudia Eckert leitet als Professorin eine Forschungsgruppe, die Gegenstrategien entwickelt, auch mit unkonventionellen Methoden

Garching. Claudia Eckert ist Informatikerin, Professorin und eine Frau von unruhigem Wesen. Man musste sich etwas einfallen lassen, sie zu halten.

Als Claudia Eckert dem Ruf der Technischen Universität München folgte, den neuen Lehrstuhl „Sicherheit in der Informationstechnologie“ einzurichten, bot ihr das Land Bayern gleich noch ein bisschen Geld zum Forschen an.

Nun baut die 50jährige Wissenschaftlerin in Garching bei München bereits die dritte Zweigstelle des Instituts auf, das sie seit 2001 leitet, das Fraunhofer Institut für Sicherheit in der Informationstechnologie (SIT). Hunderte Spezialisten kämpfen hier in Garching, im Darmstädter Stammsitz des Instituts und einer weiteren Außenstelle bei Bonn gegen Trojaner, Würmer und Viren. Geführt von Claudia Eckert suchen sie nach  Fehlern in den Immunsystemen der Rechner.

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der polizeilich gemeldeten Fälle auf dem Gebiet der Informations – und Kommunikationstechnik-Kriminalität um zirka 300 Prozent gestiegen. Allein in Berlin wurden im vergangenen Jahr 22 665 Internet-Betrügereien gemeldet. Die meisten Delikte drehen sich um das Online-Banking. Dabei werden Geheimnummern und Kreditkartendaten ausgespäht. Mit verschiedenen Methoden, immer unter Verwendung von sogenannter Schadsoftware, leiten die Täter Transaktionen um. Die kleinen Programme, Trojaner genannt, sind in der Lage, Empfänger und Beträge zu ändern, dem Absender auf Rückfrage aber dennoch die ursprünglichen Daten zur Bestätigung zu schicken. Immer öfter kommt es auch vor, dass im Internet bestellte und bezahlte Waren nicht geliefert werden.

Das neue Büro von Claudia Eckert befindet sich in einer halbfertigen Business-Welt im Niemandsland an der Bundesstraße von Garching nach Nürnberg. Von ihrem Fenster aus blickt die Professorin auf Baukräne, einen Kreisverkehr mit schlammigen Baggerspuren und einen künstlichen Teich mit immergrünen, rasierten Wiesen.

Sie nimmt die Hände von der Tastatur, dreht sich entspannt in ihrem Stuhl. Hohe Wangenknochen, dunkle Augen, ein natürliches, einfaches Gesicht, ungezupft, ungeschminkt. Sie trägt Bluse, Hose und Blazer, alles in schwarz. Diese Kleidung wirkt an der Wissenschaftlerin wie ein Kompromiss mit der Geschäftswelt, in deren Mitte sie das neue Büro eingerichtet hat.

Das Geld der bayerischen Regierung dient lediglich als Anschubfinanzierung. Künftig muss sich auch diese neue Zweigstelle, wie das gesamte Institut, durch Aufträge aus der Wirtschaft und öffentlich geförderte Forschungsprojekte selbst finanzieren. Professor Eckert und ihre Teams sind dabei nicht konkurrenzlos. Neben dem Fraunhofer Institut bieten private Unternehmen Sicherheits-Prüfungen. Es gibt auch einen TÜV für Netzwerksicherheit.

„Was uns unterscheidet, ist, dass wir so kreativ wie die Hacker selbst arbeiten“, erklärt Professorin Eckert. Ihre Stimme klingt fest. „Wir gucken schräg auf die Probleme, kombinieren Dinge, die zu kombinieren man normalerweise nicht auf die Idee käme. Dadurch werden wir auf viele Sicherheitslücken erst aufmerksam. Das ist ein anderer Stil, als nur formalen Schritten zu folgen, wie Behörden das tun. Wir sägen auch mal einen Computer auf, um an bestimmte Dinge ran zu kommen.“ An dieser Stelle bekommt ihre Stimme einen distanzierten Schliff, als ginge ihr Arbeitsstil eigentlich niemanden etwas an. Vielleicht fürchtet sie, der schräge Blick und die Säge im Schreibtisch könnten die Einrichtung des Instituts beschädigen, das Ansehen der jungen, hochbegabten Mitarbeiter, die in diesen schmucklosen Räumen vor ihren Monitoren tüfteln, Informatiker wie sie selbst, auch Mathematiker, Physiker, Elektrotechniker und Juristen.

Claudia Eckert federt durch die Gänge, nickt ihren Mitarbeitern zu. Und wieder, während sie kurze Absprachen mit ihren Mitarbeitern trifft, passt der schwarze, etwas zu große Blazer nicht zu dem Knistern, das sie spürbar treibt, von Uni zu Institut, von Kongressen zu Messen und zurück, abgesehen von telefonischen Verabredungen und unzähligen Emails, die beantwortet werden müssen. Der Kalender ist voll. Sie brauche das, sagt sie. Sie müsse immer im roten Bereich rotieren. Für den Job mit der Säge bleibt keine Zeit mehr. „Lust habe ich schon, aber das ist unrealistisch, das geschieht höchstens, wenn ich mit einem meiner vielen Doktoranden mal über einem Problem knispele.“ Sie sei mehr eine Wissensmanagerin geworden.

Sie besitzt den Ruf einer hervorragenden Netzwerkerin, organisiert Plattformen, auf denen sich Wissenschaftler und Unternehmen begegnen. Sie referierte auch schon vor Krimi-Autoren. Ihr Thema: Die reale Gefahr des Cyberterrorismus. Die Bombe im Rechner. „Es braucht nur jemand einen kleinen Trojaner auf ihren Rechner pflanzen“, erklärt sie auf dem Weg zum Carl-Linde-Hörsaal der TU München. „Unauffällig, weil sie etwas leger mit ihm umgegangen sind, und schon agiert ihr Computer als Zombie-Rechner mit Millionen anderen in einem sogenannten Botnetz, um, sagen wir mal, den Reaktor eines Kernkraftwerkes zum Schmelzen zu bringen. Botnetze kann man übrigens im Internet mieten. Oder stellen sie sich vor, die Finanzstruktur bricht zusammen. Alles basiert darauf, dass die Börsen online sind, die Transaktionen müssen laufen. Wenn die ihre IT-Dinge nicht mehr abwickeln können, überleben die nicht länger als zwei Tage.“

Im ICE nach München klapperten die Tastaturen noch so leicht. Plötzlich werden die mobilen Netzwerker zu ahnungslosen Lieferanten der gut organisierten, sogenannten Underground Economy, deren Hauptziel es ist, virtuelle Identitäten zu handeln. Die Schad-Software errechnet aus den persönlichen Daten auf Facebook, Xing und Co. in Windeseile mögliche Passwörter. Glaubt man Professor Eckert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die richtigen Passwörter finden, extrem hoch, weil die meisten Nutzer leicht durchschaubare Varianten verwenden.

Der Hörsaal an der TU München, wo Claudia Eckert heute ihre Vorlesung hält, ist gut gefüllt. Doch die wenigsten Studenten machen sich Notizen. Einige haben ihren Laptop aufgeklappt, lesen Emails oder surfen im Netz. Ein ständiger Lärmpegel steht im Raum: Kichern und Murmeln. Die Professorin lässt sich von der undisziplinierten Atmosphäre nicht stören. Auf ihrem Tablet-PC rechnet sie Beispiele durch, kringelt Ergebnisse ein, setzt Pfeile. Am Ende der Vorlesung bekommt sie Applaus- für die Aufzählung der Themen, die sie in der Prüfung nicht abfragen wird.

Nur wenige Mädchen haben im Auditorium gesessen. Auch wenn die Frauenbewegung mehr als hundert Jahre alt ist, fragt man sich, wie Claudia Eckert es geschafft hat, in einer Männerwelt wie der Informationstechnik so weit voran zu kommen.

Keine privilegierte Herkunft. Der Vater arbeitete als Vermessungsingenieur in der Stadtplanung, unruhig auch er, begierig darauf, sich auszuprobieren. Die Familie lebte im Ruhrgebiet, in der Schweiz, dann wieder in Deutschland. Die Mutter, eine gelernte Apothekenhelferin, war Hausfrau. Immer hätten die Eltern ihre Begabung unterstützt, sagt Claudia Eckert. Sie und ihre Schwester seien nie klassisch wie Mädchen erzogen worden.

In den Siebzigerjahren hörte die Abiturientin Claudia ihrem Vater gespannt zu, wenn er von seiner Arbeit mit den ersten IBM-Großrechnern berichtete. Sie folgte seinem Rat, nicht Mathematik, ihr Lieblingsfach, zu studieren, sondern Informatik. 1980, während der Promotion, richtete sie an der Seite ihres Professors den Lehrstuhl Informatik in Oldenburg mit ein. Gleich nach der Promotion bekam sie eine Habilitationsstelle in München, übernahm erste Vertretungsprofessuren in anderen Städten.

An diesem Abend fährt sie mit dem Zug nach Darmstadt. Morgen wird sie am Hauptsitz des Instituts eine Aufsichtsratsitzung leiten. „Ich habe niemals eine Zurückweisung erfahren, weil ich eine Frau bin“, sagt sie. „Ab einer gewissen Position versucht immer jemand, ihnen ein Beinchen zu stellen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Aber dass ich anfangs extrem unterschätzt worden bin, das hat damit zu tun, dass ich eine Frau bin.“

Sie ärgert sich, dass das Bild der Informatik in der Gesellschaft negativ besetzt ist, noch immer dominiere der Pizza mampfende Freak, der abseits der Welt, in seinem Keller bastele. „Dabei ist die Informatik eine kommunikative Wissenschaft. Man muss häufig mit anderen Menschen arbeiten, man muss sie verstehen, die Lösung so bauen, dass sie damit umgehen können. Man arbeitet immer im Team. Da liegt eigentlich eine Stärke von Frauen, diese Bindegliedfunktion zu haben, und dann trotzdem das technische Verständnis mitzubringen, das Analytische.

Die Zahl der weiblichen Informatik-Studenten nimmt gerade wieder ab. Nach einem Höchststand von zirka zwanzig Prozent vor einigen Jahren ist die Zahl jetzt auf unter zehn Prozent gefallen.

Claudia Eckert kennt Theorien, die das Phänomen zu erklären suchen, dass sich Mädchen weniger für Computertechnik interessieren als Jungen. Unter anderem läge es am Unterricht in den Schulen. Mädchen hätten andere Herangehensweisen an Probleme als Jungen. Während Jungen im Computerkabinett einfach loslegten und ausprobierten, versuchten Mädchen zuerst, das Problem zu durchdringen, zu analysieren und stolperten dann noch bei den ersten Schritten herum während die Jungen schon weiter sind. So kämen die Mädchen leicht zu dem Schluss, dass sie mit Computern nichts anfangen können.

Ihre Karriere kommentiert sie einfach: „Ich hatte Glück.“ Sie erwähnt nicht den guten Studienabschluss, die überzeugende Doktorarbeit, ihre Bereitschaft, für eine Vertretungsprofessur durch das ganze Land zu fahren, viele Jahre, bevor die ICEs zu ihrem bevorzugten Arbeitsort wurden. Sie ist eben gern unterwegs. Und sie verdankt ihre Karriere letztlich auch dem Boom, den ihr Wissenschaftszweig in den letzten Jahrzehnten erfahren hat. Inzwischen ist jeder Mensch auf dieser Welt von funktionierenden Netzwerken abhängig. Die Datensicherheit ist eines der dringendsten Probleme der modernen Gesellschaft geworden.

Auf dem Bahnhof bleibt noch Zeit für eine Tasse Kaffee im Stehen. Die Wissensmanagerin ist längst weiter, in der Zukunft, im Internet der Dinge. „Dieser Kaffeebecher zum Beispiel.“ Sie hebt ihn von dem Bistrotisch hoch, blickt auf den Boden der Tasse, an die Stelle, an der dieser Becher zukünftig mit dem Internet der Dinge verbunden sein wird. „Sie gehen damit zum Automaten. Der Betrag wird gleich von ihrem Konto abgebucht. Diese Daten, die dabei ausgetauscht werden, stellen Sicherheitsprobleme ganz neuer Art. Ich weiß heute, wie ich einzelne Menschen und große Server identifizieren kann. Jetzt muss ich tausende von Bechern identifizieren. Wie soll ich das machen?“ Die Frage wird sie eine Weile beschäftigen.

Contra familia

Berliner Zeitung

Eine Frau aus Usbekistan muss einen Deutschtest bestehen, bevor sie zu ihrem Verlobten nach Hannover darf. In ihrer Heimat ist das fast unmöglich

Die Frau auf dem Foto hat glattes, blondes Haar. Sie trägt einen schwarzen Bikini. Durch ein Holzspalier fallen schräge Lichtstreifen auf ihre fein modellierten Schultern und die schlanken Arme. Ein Mann schmiegt sich an sie. Das Paar sitzt in einem Restaurant an einem Strand.

Das Foto steckt in einem grauen Metallrahmen, der das Logo der ISAF, der Internationalen Schutztruppe, trägt. Zwischen dem grünen Logo und dem Strand-Bild zeigt eine digitale Leiste die Zimmertemperatur, Datum und Uhrzeit an. Die Temperatur in der Wohnung von Ralf Kretzschmar in Hannover-Kleefeld beträgt 21° Celsius. Es ist der 17. November. Die Uhr läuft nach Sommerzeit. Kretzschmar hat vergessen, sie zu stellen. Er will sich nicht mit der Zeit beschäftigen. Stunden, Tage, ein Winter und ein Sommer sind vergangen, seit er Elena das letzte Mal gesehen hat. Einmal am Tag jedoch, bevor er sie anruft, schaut er auf die Armbanduhr und rechnet die Zeit um. In Termez, Usbekistan ist es vier Stunden später als in Hannover.

Elena Batirgarieva, seine Verlobte, darf ihn in Deutschland nicht besuchen. Sie muss erst einen Deutschtest bestehen, die Prüfung A1 des Goethe-Instituts. Einmal ist sie schon durchgefallen.

„Am Telefon übe ich mit ihr Redewendungen, Grammatik und das Zählen“, sagt Ralf Kretzschmar. „Jetzt kommt sie fast fehlerfrei bis vierzig.“

Der Hauptfeldwebel in Reserve, Ralf Kretzschmar, versteht nicht, wieso er Elena erst heiraten darf, wenn sie auf Deutsch nach seinem Lieblingsessen essen fragen kann. Mit dem richtigen Fragewort und einem ordentlichen Satzbau dahinter, versteht sich. „Wieso kann sie es nicht hier lernen? Das würde doch viel schneller gehen.“

Auf diese Frage gibt es mehrere mögliche Antworten. Eine könnte lauten: Elena muss den Deutschtest vor dem Antrag auf Einreise bestehen, weil sie Friseuse ist.

Die große Koalition begründete die Änderung des Aufenthaltsgesetzes vor einem reichlichen Jahr damit, Zwangs – und Zweckehen zu verhindern und die Integration der Einwanderer zu erleichtern. Jeder sollte, bevor er nach Deutschland kommt, Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachweisen. Das klingt nicht unvernünftig. Doch das Gesetz betrifft gar nicht jeden. Menschen aus den USA, Kanada, Australien, Japan, Israel und der Republik Korea sind von der Bestimmung ausgeschlossen. Menschen mit einem Hochschulabschluss ebenfalls. Man geht davon aus, dass sie leichter eine Arbeit finden und schneller integriert sind. Für den nicht akademischen Rest der Welt endet die Reise nach Deutschland häufig im Goethe-Institut. Denn es gibt Orte, da kann man nicht deutsch lernen.

Termez in Usbekistan liegt an der Grenze zu Afghanistan. Es ist eine kleine Stadt, etwa so groß wie Cottbus, schätzt Ralf Kretzschmar. In der Nähe von Cottbus wurde er vor vierzig Jahren geboren. Im Herbst 2005 war Kretzschmar im Militärstützpunkt Termez im Einsatz. Dort steigen die deutschen Soldaten vom Airbus 310 aus Köln in Hubschrauber und Transportmaschinen nach Afghanistan um.

Er habe Elena in einer Diskothek getroffen, erzählt er. Bes Musch, habe sie gesagt, sie sei ohne Mann. Er kratzte seine Russischkenntnisse aus der Schulzeit zusammen, um sich mit der hübschen Frau zu unterhalten. Elenas Mutter ist Russin, der Vater Usbeke. Damals lebte sie mit ihrem fünfjährigen Sohn Ruslan bei der Mutter. Zwar arbeitete sie als Sekretärin bei einem Arzt, doch für eine eigene Wohnung hätte das Einkommen der 27jährigen nicht ausgereicht.

Ralf Kretzschmar mietete in Termez eine kleine Wohnung für sich und seine Freundin und deren Sohn. Einige Monate später war Elena schwanger. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits über Heirat gesprochen und ein gemeinsames Leben in Deutschland. „Niemals hätte ich geglaubt, dass das so schwierig wird.“

Am 14. Februar 2007 brachte Elena ihre Tochter Anna zur Welt. „Am Valentinstag“, sagt Kretzschmar. Es ist sein erstes Kind. Zu dieser Zeit war sein letzter Auslandseinsatz längst beendet. Zurück in Hannover, hatte er sein Büro im Dezernat für Soziale – und Fürsorgeangelegenheiten wieder bezogen. Seine Tochter Anna hielt er ein halbes Jahr später das erste Mal im Arm, als er seinen Urlaub mit der Familie in Termez verbrachte. Zu dieser Zeit entstand das Foto in der Strandbar.

Mit einem deutschen Vater hätte Anna das Recht, bei ihrem Vater in Deutschland zu leben. Doch Elena ließ sich erst drei Monate nach Annas Geburt von ihrem ersten Mann, von dem sie bereits getrennt lebte, scheiden. Zwar wies Ralf Kretzschmar später durch einen Test nach, dass er der Vater von Anna ist, doch das Mädchen ist juristisch noch in Elenas erster Ehe geboren.

„Zu dieser Zeit waren wir alle fast am Durchdrehen“, sagt Kretzschmar. „Damit hatte niemand gerechnet.“ Die Papiere für die Eheschließung waren alle bereits besorgt, übersetzt, beglaubigt und noch einmal auf Anweisung der Deutschen Botschaft überprüft.

Die karierte Decke des Wohnzimmertisches ist ein wenig verrutscht unter dem Gewicht der Dokumente. Sehr sauber und glatt der Stapel, jedes Blatt steckt in einer Folie, kein Eselsohr, nirgendwo ein Kaffeefleck.

Der Beamte Kretzschmar schildert seinen Fall mit großer Sachlichkeit. Er spricht schnell und beherrscht. Er hat gelernt, seine Geschichte in klaren Sätzen, detailgetreu zu erzählen, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Einmal erwähnt er beiläufig, dass er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste, um das alles durchzustehen.

Er schildert, wie er seine Verlobte Elena zur Sprachprüfung am Goethe-Institut in Taschkent anmeldete. Er blättert in seinen Papieren nach der Gesprächsnotiz. Der Mitarbeiter des Instituts habe seinen Namen nicht nennen wollen. Sein Name täte nichts zur Sache. Elena solle am 4. Juni 2008 mit ihrem Pass und 90.000 Sum zur Prüfung erscheinen. Die Summe entspricht ungefähr 60 Euro und dem monatlichen Spitzeneinkommen eines Usbeken.

„Eine Woche vor der Prüfung habe ich noch einmal im Goethe-Institut in Taschkent angerufen“, erzählt Kretzschmar. „Diesmal war eine Frau am Apparat. Auch sie wollte ihren Namen nicht nennen. Sie sagte, die Anmeldefrist sei abgelaufen. Elena müsse noch heute bezahlen.“
„Termez liegt 600 Kilometer von Taschkent entfernt, ungefähr so weit wie von Hannover nach München“, erklärt Ralf Kretzschmar. „Nur dass es dort keine A2 und keine A7 gibt. Die Usbeken haben auch keine Girokonten, von denen sie mal schnell eine Überweisung machen können.“

Kretzschmar beschwert sich bei der Deutschen Botschaft und erreicht immerhin, dass seine Verlobte die Gebühr erst zwei Tage vor der Prüfung entrichten muss. Von 20 Teilnehmern seien 18 durch die Prüfung gefallen, berichtet Kretzschmar.

In die Beratung des Vereins für binationale Familien kommen seit einem Jahr immer wieder Betroffene, deren Partner in ihrer Heimat keine Möglichkeit haben, deutsch zu lernen. Ralf Kretzschmar trifft dort den Zahntechniker Asadullah Saddat. Er lebt seit seinem sechzehnten Lebensjahr in Deutschland. Vor vier Jahren hat er in seiner alten Heimat Afghanistan geheiratet. Seine Frau darf ihn nicht besuchen. „In Afghanistan kann eine Frau nicht Deutsch lernen“, sagt Saddat. „Sie kann überhaupt nichts lernen. Sobald eine Internationale Hilfsorganisation eine Schule für Frauen baut, bomben die Taliban sie weg.“ „Stimmt“, sagt Kretzschmar. „Das habe ich selbst gesehen, als ich in Afghanistan im Einsatz war.

Hiltrud Stöcker-Zafari, Beraterin im Verein für binationale Familien, weiß manchmal nicht mehr, wie sie den Paaren noch helfen kann. Die neueste Info-Broschüre des Vereins heißt: „Haben Sie noch eine Idee?“ Obwohl der Verein längst nicht die einzige Organisation ist, die in der aktuellen Fassung des Aufenthaltsgesetzes Verstöße gegen das Grundgesetz sieht, fehlt es dem Verein schlicht an Geld, sich durch die Instanzen bis vor das Verfassungsgericht zu klagen. „Ich kann doch keinem Paar raten, zu klagen“, sagt Hiltrud Stöcker-Zafari. „Das kostet Geld und Zeit. Die Paare brauchen sofort Hilfe. Eher rate ich ihnen, ins europäische Ausland zu ziehen.“

Asadullah Saddat hat sich jetzt in London nach Lebens – und Arbeitsmöglichkeiten umgesehen. „Ich würde gern in Deutschland bleiben. Ich liebe meine Arbeit. Aber ich kann nicht mehr. Ich muss einen Weg für meine Frau und mich finden.“

„Wir sind beide Deutsche“, sagt der Beamte Kretzschmar. „Und wir werden im eigenen Land diskriminiert.“

Neben den Erfahrungen dieser Männer wirkt das Argument von SPD-Abgeordneten Dieter Wiefelspütz wie aus dem tiefsten Plüsch eines alten Ohrensessels. Es könne doch nicht so schwer sein, 600 Worte deutsch zu lernen und davon 300 anzuwenden.

Der CDU-Politiker Peter Uhl will für den Hauptfeldwebel in Reserve ein Wort beim Auswärtigen Amt einlegen. Er müsse sich aber verpflichten, die Kosten für den Deutschkurs in Hannover und eine eventuelle Abschiebung zu tragen. Ausgerechnet Uhl, der auf seiner Website behauptet, es widerspräche dem öffentlichen Interesse, wenn eine Person ohne Deutschkenntnisse ins Land kommt.

Ralf Kretzschmar hat sich bereits nach Sprachkursen für Elena erkundigt. Sein Arbeitgeber und der Verein für binationale Familien bieten Hilfe bei der Kinderbetreuung an. „Vielleicht kann Elena mit den Kindern am Jahresende kommen. Dann könnten wir Annas zweiten Geburtstag noch zusammen feiern.“

Der Verein für binationale Familien setzt auf Lobbyarbeit und hofft, dass die Politiker begreifen, dass die aktuelle Fassung des Aufenthaltsgesetzes an der Lebensrealität vieler Deutscher vorbei geht. „Man hat mir allerdings gesagt, dass sich in dieser Legislaturperiode nichts mehr tut“, sagt Hiltrud Stöcker-Zafari. „Denn jetzt beginnen die Parteien, ihren Wahlkampf vorzubereiten. Es wird Sache der nächsten Regierung sein, sich erneut damit zu beschäftigen.“

Das kann dauern. Währenddessen lernt Elena weiter deutsch. Sie lebt jetzt mit ihrer Schwester und deren Mann und Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Es dürfte schwierig sein, auf so engem Raum eine Ecke zum Lernen zu finden. „Manchmal ist sie am Telefon nur noch genervt“, sagt Ralf Kretzschmar. „Es ist alles zu viel.“