Zeichen und Wunder

Fragmente, Objekte und Installationen von

Astrid Weichelt

Kloster Chorin 20. Mai – 28. August 2017

Arbeit von Astrid Weichelt im Kloster Chorin © Kathrin Schrader

Astrid Weichelt „Maßwerk“ 3 Teile, Abformung Laienrefektorium des Klosters Chorin. 2017

Astrid Weichelt stellt in ihren Ausstellungen stets eine Verbindung zum Ort her. In ihrer aktuellen Schau „Zeichen und Wunder“ im Kloster Chorin zeigt sie unter anderen Abformungen der gotischen Fensterbögen aus dem Refektorium, ein Kruzifix und Pflanzenmotive von den Konsolen im Kreuzgang des Klosters.

Die Künstlerin ist dafür auf hohe Leitern gestiegen und hat mehrere Schichten nassen Büttenpapiers auf den Stein gelegt, trocknen lassen und dann sehr vorsichtig wieder abgenommen. Ein bisschen muss sie sich dabei Continue reading

Dunkle Spiegel

Die Ausstellungen KUSHTI ATCHIN TAN? – EIN GUTER ORT? von Delaine Le Bas und DARK GLASS von Daniel Baker in der Galerie Kai Dikhas am Moritzplatz

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Daniel Baker „charm series (globe) 2013, Blattsilber und Emaille auf durchsichtigem Acryl

Auf meinem Schreibtisch liegt eine Kunstpostkarte. Sie zeigt eine Weltkugel als Schlüsselanhänger. Der mit Silberfolie beschichtete Hintergrund erinnert an einen dunklen Spiegel. Ein Spiegel mit schwarzen Flecken am Rand, ein alter Spiegel. Der Schlüsselanhänger mit dem Globus scheint darüber zu schweben. Die Erde ist am Nordpol angekettet und mit einem silbernen Ring verbunden, zum An-das-Schlüsselbund knipsen.

Wenn ich ins Büro komme und meinen Laptop auf den Tisch lege und all die anderen Gegenstände, die ich für den Arbeitstag brauche: Kalender, Telefon, Brille, Stift und Notizbuch, sehe mich selbst in dem Spiegel, ein bisschen unscharf und verzerrt. Aber ich schaue die Karte lieber so an, dass sich statt meines Gesichts nur die Zimmerdecke darin spiegelt. Dann lenkt mich nichts von der Weite ab, die der Spiegel erzeugt. In seinem dunklen, nostalgischen Glanz spiegelt sich mein Fernweh, meine Lust, eine unbekannte Welt zu betreten und darin auf Entdeckungsreise zu gehen.

Der britische Künstler Daniel Baker hat dieses Bild gemalt. Es ist gerade in seiner Ausstellung DARK GLASS in der Galerie Kai Dikhas im Aufbauhaus am Oranienplatz zu sehen.

Daniel Baker beschäftigt sich schon lange mit Spiegeln als künstlerischen Gestaltungsmittel. Das hat wahrscheinlich mit seiner Herkunft zu tun. Er ist ein Kind britischer Traveller, ein Gypsy. Er ist zwar in einem festen Haus geboren, aber nur, weil die Wohnwagensiedlung, in der seine Eltern lebten, kurz vor seiner Geburt abgerissen wurde.

Daniel ist ein Intellektueller mit britischem Understatement und einer faszinierenden Ausstrahlung. Er hat eine Doktorarbeit über „Gypsy Aesthetics“ geschrieben. Er hat sich darin auf die Suche nach dem genetischen Code der Kunst der Romani gemacht. Baker sagt, der Begriff Kunst sei den Fahrenden eigentlich fremd, dabei hat ihr Alltagsleben etwas Entscheidendes mit der Kunst gemein. Genau wie in einem Kunstwerk haben im nomadisierenden Alltag alle Gegenstände eine Funktion. Diese bestimmt ihren Wert. Sie werden mit Ornamenten versehen, sind oft stark farbig oder glitzern. Gern werden sie in Spiegelschränken präsentiert, damit der Betrachter sie von allen Seiten sehen kann.

Mit DARK GLASS präsentiert er in Berlin seine neuesten Arbeiten, in denen die „Lucky charms“ – die Glücksbringer als Schlüsselanhänger, im Mittelpunkt stehen. Sie waren eine beliebte Ware der Fahrenden in seiner Heimat.

DARK GLASS – bis zum 6. Juni 2015 in der Galerie Kai Dikhas in der Prinzenstraße 84.2 im neuen Anbau des Aufbauhaus am Moritzplatz

Die Installation KUSHTI ATCHIN TAN? – EIN GUTER ORT? von Delaine le Bas befindet sich noch bis zum 16. Mai im 3. Und 4. Obergeschoss des neuen Aufbau-Hauses, in den künftigen Räumen der Berliner Niederlassung des Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma.

Ich habe mich wie ein Voyeur gefühlt, als ich die Installation der berühmten Gypsy-Künstlerin betrat. Weil Delaine Le Bas sehr persönliche Gegenstände zeigt, in einer farbigen Welt, die auf den ersten Blick Gypsy-Romantik versprüht. Zugleich spürte ich, wie extrem zerbrechlich diese Behausung ist. Delaine hat durch die dünnen, schiefen Zeltwände, durch Stoffe und Spitze den Eindruck von Fragilität erzeugt. Liegengelassenes könnte das Zeichen einer Flucht sein. Und je länger dieser Raum auf mich wirkte, desto krasser entpuppte er sich auch als Ort des Schreckens und der Angst.

http://www.kaidikhas.de/de

Daniel Moritz und Delaine

Foto © Uwe Gero

Daniel Baker, Moritz Pankok (künstlerischer Leiter von Kai Dikhas) und Delaine Le Bas beim Artist talk am Vorabend der Vernissage

 

Das Knistern…

…der Seiten

Lesen ist wie Arbeit in einem Bergwerk, aber es erzeugt ein besonderes Geräusch. Das hat mit der Kunst des Umblätterns zu tun, und wer die beherrscht, mit dem kann man auch eine Beziehung führen

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Wird es knistern?

Bücher und Zeitschriften führen ein Leben wie andere Menschen auch. Sie haben einen Körper. Ihr Körper ist aus Papier. Er ist alles andere als totes Holz. In diesem Körper sind Bücher unterwegs. Mal liegen sie oben und mal unten. Sie bilden auch Gruppen und verlassen diese wieder, einige schneller, andere nie. Sie können Staub aufwirbeln, Risse und Quetschungen davontragen und von Milben befallen werden. Deshalb sind es keine appetitlichen Tiere, mit denen Leser verglichen werden: Bücherwurm! Leseratte! Lichtscheue Biester. Im Untergrund mit der Taschenlampe. Ja. Lesen ist wie die Arbeit in einem Bergwerk.

Aber dieses Kratzen und Schaben erzeugt ein feines Geräusch. Das Blättern klingt wie wenn etwas schleift. Wenn jemand in ein Buch oder Magazin versunken ist, durchströmt mich das Gefühl, mein Körper löse sich im Klang des Lesens allmählich auf. Gleichzeitig ist es wie eine zärtliche Berührung. Ich bewege mich nicht mehr. Ich falle aus der Zeit, genussvoll versunken in das Knistern und Rascheln der Seiten. Wird das Buch zugeklappt, ist alles vorbei.

Ich nenne es die Kunst des Umblätterns. Ein Bildschirm kann das nicht. Er flimmert. Er strengt an. Elektronische Bücher sind zwar anders. Sie flimmern nicht. Sie liegen wie eine ruhige, beleuchtete Buchseite in der Hand. Ich habe nichts gegen ebooks. Sie sind großartig für alle, die gern in der Dämmerung im Garten oder auf dem Balkon lesen, eine Erleichterung für Menschen, die mit viel Lesestoff reisen müssen und wunderbar für ältere Leute, denen dicke Wälzer beim Lesen im Bett zu schwer sind. Ihr Versuch zu knistern ist allerdings erbärmlich.

Die Kunst des Umblätterns ist eines der sinnlichen Vergnügen, die allein unmöglich sind. Denn ein anderer muss für mich blättern. Ich kann nicht gleichzeitig lesen und das Knistern der Seiten genießen. Es ist eine Frage der Konzentration. Continue reading

Rosa, draußen vor dem Café

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Illustration © Cristóbal Schmal

Er stößt sich mit seinen zerrissenen Chucks von der Wand ab und trudelt am Seil einmal um die eigene Achse, dass die Ringel seiner bunten Wollmütze wie ein verrückt gewordener Lolli kreiseln. Jetzt schwingt er rüber zum nächsten Fenster.

Die beiden anderen über ihm sitzen in festen Gurten und putzen, was das Zeug hält. Interessiert die wohl gar nicht. Der mit der Lollimütze klatscht Seifenbrühe an die Scheibe und streift sie in fast waagerechter Lage ab. Grünes, geripptes Unterhemd und Jeans. Die Muskeln glänzen. Verflixt schwierig, ihn zu skizzieren, so schnell ist er. Jetzt richtet er sich im rechten Winkel zur Wand auf, hält einen Finger an die Mütze und grinst. Breite Wangenknochen und schwarze Augen. Ich bin die einzige, die ihm zuschaut. Niemand sonst bleibt stehen. Kommen eh nicht viele Leute vorbei und wenn, dann gucken sie, als seien sie hier falsch. Die Gegend wirkt wie ein Niemandsland. Alles ist neu: Das Hotel, das Café, die Gehwegplatten, die kleinen Bäume in ihren frischen Gittern. Ringsum Baustellen, hinter Bretterzäunen, drauf die Namen: Bikini und Upper West. Läden und Büros. Der Ort fühlt sich nackt an.

Melanie hat gesagt, dass ich mich ins Cafe setzen und was essen soll. Ich bleibe aber lieber draußen. Ich bin eher der Typ, der draußen bleibt und guckt, was abgeht. So war ich schon immer. Ich habe auch schon immer   Continue reading

Auf der Spur der Steine

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Foto: ⓒ Daniel Wolter

Granit – Fundort: Marzahner Promenade 44-45 (2012) vermutlich: Aland-Granit (Rapakiwi), entstanden vor ca. 1,5 Milliarden Jahren im Gebiet des heutigen Åland (Finnland)

Aus dem „Feldbuch Marzahner Promenaden Geologie“

Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf soll ein neues Quartier für Kunst entstehen. Das Wohnungsunternehmen DEGEWO vermietet seit zwei Jahren leerstehende Läden zum Betriebskostenpreis an Nachwuchskünstler aus der Innenstadt. Sie sollen Publikum und Geschäftsleute anziehen, die große Plattensiedlung im Osten endlich aufwerten.

Der 28jährige Daniel Wolter denkt allerdings weiter in die Zukunft als den Immobilienmanagern lieb ist: „Wenn die Häuser hier wieder zu Staub zerfallen sind, und Wissenschaftler in Tausenden von Jahren den Grundriss von Marzahn freilegen, dann wird man die besondere geometrische Struktur der Stadt, die geraden Straßen und rechtwinkligen Wohnviertel, nur politisch erklären können. Das meine ich, wenn ich von der Verschränkung der Geologie mit der Politik spreche.“ Daniel Wolter beschäftigt sich mit … Continue reading