Rosa, draußen vor dem Café

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Illustration © Cristóbal Schmal

Er stößt sich mit seinen zerrissenen Chucks von der Wand ab und trudelt am Seil einmal um die eigene Achse, dass die Ringel seiner bunten Wollmütze wie ein verrückt gewordener Lolli kreiseln. Jetzt schwingt er rüber zum nächsten Fenster.

Die beiden anderen über ihm sitzen in festen Gurten und putzen, was das Zeug hält. Interessiert die wohl gar nicht. Der mit der Lollimütze klatscht Seifenbrühe an die Scheibe und streift sie in fast waagerechter Lage ab. Grünes, geripptes Unterhemd und Jeans. Die Muskeln glänzen. Verflixt schwierig, ihn zu skizzieren, so schnell ist er. Jetzt richtet er sich im rechten Winkel zur Wand auf, hält einen Finger an die Mütze und grinst. Breite Wangenknochen und schwarze Augen. Ich bin die einzige, die ihm zuschaut. Niemand sonst bleibt stehen. Kommen eh nicht viele Leute vorbei und wenn, dann gucken sie, als seien sie hier falsch. Die Gegend wirkt wie ein Niemandsland. Alles ist neu: Das Hotel, das Café, die Gehwegplatten, die kleinen Bäume in ihren frischen Gittern. Ringsum Baustellen, hinter Bretterzäunen, drauf die Namen: Bikini und Upper West. Läden und Büros. Der Ort fühlt sich nackt an.

Melanie hat gesagt, dass ich mich ins Cafe setzen und was essen soll. Ich bleibe aber lieber draußen. Ich bin eher der Typ, der draußen bleibt und guckt, was abgeht. So war ich schon immer. Ich habe auch schon immer  

gezeichnet. Seit ich denken kann, laufe ich mit einem Skizzenbuch durch die Gegend. Ich möchte Kunst studieren. In Berlin natürlich. Berlin ist faszinierend. Die U-Bahn: Jede Linie hat ihren Charakter. Ich lese die Botschaften in den Gesichtern und schreibe sie auf: „Das hat doch alles keinen Sinn mehr! Ich höre auf!“  – „Ich versuche ein anständiges Leben zu führen, aber ihr seid eine Zumutung.“ – „Hoffentlich komme ich nicht zu spät!“ – „Was mache ich eigentlich hier?“ – „Komm mir bloß nicht zu nahe!“ – „Ich will nach Hause: Sofa, Fernseher, ein kühles Bier.“ Die Gesichter zu den Botschaften zeichne ich später aus der Erinnerung. Die Leute in Berlin sind ohne Schmu. Abgesehen von Melanie. Sie spielt sich als meine Erziehungsberechtigte auf und tut drei Sekunden später so, als sei sie meine beste Freundin. Melanie ist die Neue von Papa. Immerhin hat sie mir für eine Ferienwoche ihre Wohnung überlassen, während sie mit Papa in der Provence war. Wahrscheinlich hat sie das nur getan, um es in ihrem Büro vor sich her zu posaunen, damit alle sehen, wie locker sie drauf ist. Melanie möchte zu uns nach Stralsund ziehen, vorausgesetzt, sie findet da einen Job. Ich hoffe das sehr und bete, dass sie und Papa es noch zwei Jahre miteinander aushalten, denn wenn sie zu uns zieht, darf ich ihre Wohnung haben, wenn ich zum Studium nach Berlin gehe.

Der Fensterputzer gibt den anderen oben ein Zeichen und lässt sich langsam mit ausgestreckten Beinen bis zum oberen Rand der Kaffeehausfenster herunter.  Dreht mit dem nassen Lappen eine Pirouette, dass es bis zu mir spritzt. Die Leute im Café nehmen ihn gar nicht wahr. Er knallt ihnen das Schmutzwasser vor die Nase. Als er die Scheibe abgewischt hat, ruft er etwas nach oben. Klingt wie Spanisch oder so. Einer antwortet gelangweilt. Sie lassen ihn runter. Er löst die Karabiner an seinem Gürtel und kommt auf mich zu. Verflixt, ich werde rot. Mein Gesicht glüht. Ich hasse das. Egal. Kann ich jetzt eh nicht ändern. Er lächelt, aber kein süßes Lächeln. Nur seine Mundwinkel weisen nach oben. Die Augen bleiben schmal, auf Habacht. Diese Art zu lächeln kenne ich. Joël lächelt so. Er ist misstrauisch, ständig auf der Lauer. Wenn er glaubt, jemand habe sich über ihn lustig gemacht, tickt er aus. Bevor er in unsere Klasse kam, hat Frau Illing uns gesagt, dass er durch den Krieg traumatisiert ist. Wir sollten Verständnis für ihn haben. Der Fensterputzer steht neben mir. Ich glaube, er ist kleiner als ich. Genau weiß ich es nicht, weil ich halb auf dem Koffer sitze.

„Du bist Künstlerin.“ Mit einer Stimme, die ein Wolfsrudel zähmen könnte.

„Ja.“ Ich stehe auf. Ich sehe uns im Spiegel der geputzten Fensterscheibe. Wir sind gleich groß. Er nickt und macht ein Geräusch, das misstrauisch klingt, aber auch ein bisschen zufrieden. „Möchten Sie die Skizzen sehen?“ Ich reiche ihm die Blätter.

Er betrachtet sie lange. Er hat sehnige Hände. „Gut“, sagt er. „Du studiert?“

Ich nicke. „An der Universität der Künste.“

„Kenne ich“, sagt er.

„Sind Sie auch Künstler?“

Er blickt mich überrascht an. Sein Visier öffnet sich. „Nein.“

„Sah aus wie eine Performance“, sage ich.

Seine Augen werden wieder schmal.

„Es gab mal eine Gruppe Künstler, die haben den Bahnhof gefegt“, sage ich.

„Warum?“ sagt er.

„Ich weiß nicht. Ich habe lange drüber nachgedacht und das Video immer wieder angeschaut. Es hat mich ziemlich beschäftigt.“

„Vielleicht wollen sie wissen, wie es ist, wenn…keiner sieht“, sagt er.

„Es haben aber viele hingesehen.“

„Wir Fensterputzer sind aus Glas“, sagt er. „Man sieht durch uns.“

„Sie meinen: durchsichtig wie Glas?“

„Ja, ja, durchsichtig.“

„Ich habe Sie sofort gesehen.“

„Du bist Künstlerin. Du siehst mehr.“

Die anderen von oben rufen etwas und lachen. Er dreht sich um, ruft etwas zurück. Ich will, dass er noch bleibt. „Könnten Sie kurz auf meinen Koffer aufpassen?“

Er wendet sich wieder zu mir. „Ja, ich schaue.“

„Ich bin gleich wieder da.“ Ich laufe ins Café. Die Toilette ist im ersten Stock. Man muss den Aufzug nehmen. Zwei Frauen warten dort. Wir steigen zusammen ein. Die Ältere sagt zu der Jüngeren: „Ich hätte die Schokolade nicht mehr trinken sollen. Sie war etwas zu mächtig.“ Es klingt, als hätte sie die Schokolade aus Langeweile getrunken. Oder aus Verzweiflung. Es gibt Partys, auf denen ich aus Verzweiflung esse und trinke, bis meine Magen so weh tut, so dass ich die Einsamkeit nicht mehr spüre. Jetzt fällt mir mein Hunger wieder ein. Ich stelle mir die mächtige, heiße Schokolade vor, dick und süß. Aber ich brauche sie nicht. Ich spüre den Hunger kaum. Ich habe mich gerade verliebt.

Die Toilette ist schummrig beleuchtet. Sie hat keine Fenster. Ich bleibe vor dem Spiegel stehen. Ich finde mich nicht besonders schön, aber wenn ich verliebt bin, kann ich mit meinem Gesicht leben und mag meinen Körper sogar. Deshalb brauche ich dieses Gefühl. Zur Zeit bin ich in Joël verliebt und in Max, den ich aus der Nachhilfe kenne und in Doktor Tanzer, den Therapeuten. Und jetzt auch in den Fensterputzer. Ich schließe die Augen und versuche mich an sein Gesicht zu erinnern, aber es ist fort. Dabei kann ich mich sehr gut an Gesichter erinnern. Ich zeichne sie aus dem Gedächtnis. Aber das Gesicht des Fensterputzers ist weg.

 

Er sitzt auf der Café-Terrasse. Mein Koffer steht neben ihm. „Danke!“ Ich setze mich ihm gegenüber und konzentriere mich darauf, nicht rot zu werden. Er hält mir eine altertümliche, silberne Dose entgegen, in der ein Vorrat an selbstgedrehten Zigaretten liegt. „Vielen Dank!“ Ich habe schon lange nicht mehr geraucht. Er lässt ein großes, nostalgisches Feuerzeug aufschnappen.

„Ich heiße Luiz“, sagt er.

„Rosa“, sage ich. Luiz macht keine Bemerkung zu meinem Namen, wie die meisten: Haha, du hast den falschen Namen! oder etwas ähnlich Geistloses wegen meiner blauen Haare. Er wiederholt meinen Namen. Er rollt das „R“ ein wenig und dehnt das „o“. Das gefällt mir. Er zieht die Wollmütze vom Kopf. Er hat nur noch wenige Haare. Er trägt sie kurz geschnitten. Er ist viel älter als ich, vielleicht dreißig Jahre alt. „Wir arbeiten immer zu dritt“, sagt er. „Die anderen sind nicht so gut wie ich.“

Ich blicke an der Fassade hoch. „Wo sind sie?“

„Pause“, sagt er.

Mir wird etwas schwindlig von dem Rauch auf nüchternen Magen.

„Wohin fährst du?“ fragt Luiz.

„Nach Hause, an die Ostsee. Kennst du die Ostsee?“

Er schüttelt den Kopf. Ich würde ihn am liebsten mitnehmen. Das Telefon blinkt. Melanie hat eine Whats app geschickt: Hi Süße, stecke in einem Meeting. Sorry! Komme in 15 Minuten. Bestell dir noch eine Schokolade. Iss auch was! Ich bezahle alles. Die Nachricht ist mit Smileys und Bildchen gespickt, als wäre ich eine Leseanfängerin.

„Ich komme aus Portugal“, sagt Luiz. „Manchmal habe ich Sehnsucht. Ich bin gern am Meer. Nur schauen. Nur hören. Nicht denken. Das Meer gibt dein Tempo. In Portugal leben die Leute langsamer als hier. In Berlin muss alles schnell gehen. Jeder ist eilig.“

„Ich bin auch langsam“, sage ich. „Ich brauche viel Zeit zum Schauen. Ich glaube, ich brauche dreimal mehr Zeit etwas anzuschauen als andere Menschen. Zum Beispiel, wenn ich eine Zeitung durchblättere, schaue ich mir die Fotos sehr lange an. Nicht alle, aber in jeder Zeitung gibt es ein paar Fotos, die ich sehr lange anschaue. Ich frage mich, wieso ich nicht einfach los lese, statt so lange auf die Fotos zu starren. Aber es ist so. Mein Kopf ist extrem langsam.“ Ich erzähle Luiz nicht, dass mein Abi auf der Kippe steht, denn er glaubt ja, ich würde bereits studieren. Ich lerne nämlich auch sehr langsam. Frau Illing hat mich überredet, es trotzdem zu versuchen, obwohl ich für ein Kunststudium nicht unbedingt das Abitur brauche. Sie hat ein extrem langes Gespräch mit mir geführt, ohne dass Papa oder Mama dabei waren. Danach war ich sicher, dass ich das Abi schaffen kann.

„Was schaust du so lange?“, sagt Luiz. „Was geht so langsam in deinen Kopf?“

„Ich weiß nicht genau. Vielleicht Gesichter? Das Rätsel? Manchmal überlege ich, was ein Bild bedeutet. Ich versuche etwas zu verstehen. Das dauert lange. Verrückt, nicht?“ Ich erzähle ihm von der Bäckerei in Melanies Straße, in die ich jeden Tag nach dem Aufstehen geschlappt bin, mit meiner Musik auf den Ohren, und wie ich dort gesessen habe, bei einem Kakao, und die Leute auf der Straße beobachtet habe. Den halben Tag lang. Luiz fragt nach meiner Musik. „James Blake“, sage ich.

„Kennst du den Fado?“ sagt er.

„Ja.“

„Mariza?“

„Habe ich gehört.“

„Ich liebe Mariza“, sagt er. „Schöne Stimme. Schöne Frau. Sie ist Portugal. Der Fado. – Und du, Rosa: wo hat Berlin Platz für langsame Menschen?“

Ich sage: „Hier. Bei dir.“ Und schaue auf meine Füße unter dem Tisch, in den roten Flip-Flops. Am Morgen habe ich jeden Zeh in einer anderen Farbe lackiert. Ich habe fast alle Nagellacke von Melanie ausprobiert. Ich bewege die Zehen.

Luiz sagt: „Aber wir bleiben nicht. Wir stehen auf, gehen weiter, leben weiter.“ Es ist seltsam. Erwachsene Männer machen Sprüche über meine Haarfarbe oder meine Kleidung. Sie wollen mich anfassen. Ganz von selbst fange ich an, mit ihnen zu flirten und zu kichern, obwohl ich das nicht möchte. Ich spiele einfach mit. Ich mache mich über mich selbst lustig. Das mögen sie. Ich halte kaum aus, wie Luiz mit mir spricht. Ich bin noch nicht soweit, wie eine erwachsene Frau behandelt zu werden. Obwohl es genau das ist, wonach ich mich sehne. Ich glaube, wonach wir uns am meisten sehnen, ist das, was wir am schwersten aushalten.

Ich möchte bei Luiz bleiben. Es kommt mir vor, als wären wir gleich. Und wenn er eine Frau und zwei Kinder hat, verstecke ich mich in ihrer Wohnung im Besenschrank. Oder ich werde unsichtbar, durchsichtig wie Fensterglas. Nur er wird mich berühren. Ich wünsche mir, dass mein Name in meinem Ausweis verschwindet, dass wir neu beginnen können, an einem anderen Ort. Wir könnten abhauen, nach Rio de Janeiro, an die Copacabana. Ich porträtiere Touristen auf dem Boulevard und Luiz turnt an den Fassaden auf und ab. Von dem Geld kaufen wir etwas zu essen. Wir schlafen am Strand. Wir lieben uns dicht an der Meeresbrandung.

„Ich kann nur an jetzt denken“, sage ich.

„Das ist gut“, sagt Luiz. Er blickt rüber zu der Baustelle, die Upper West heißt. Seine Augen sind ganz schmal. Er sagt: „Ich denke an meine Mutter in Portugal, die krank ist  und nicht mehr arbeiten kann.“

Ich schiebe meine Hand über den Tisch. Ich schaue meiner Hand nach, als gehöre sie gar nicht mir. Ich höre mich sagen: „Ich liebe dich, Luiz.“

„So schnell, Rosa?“ Jetzt lächeln auch seine Augen.

„Das geht doch immer ganz schnell“, sage ich. Er nimmt meine Hand. Sie liegt wie ein Küken in seinen Händen. Ich sage: „Ich weiß, wo wir hingehen können. Komm!“ Wir stehen auf. Er lässt sich von mir in das Café ziehen, durch das Café hindurch, zum Aufzug. Niemand hat uns bemerkt. Wir sind allein im Aufzug. Unsere Augen sind auf einer Höhe. Ich versuche mir sein Gesicht einzuprägen, damit ich es später zeichnen kann. Es hat große Flächen und starke Kontraste. Die halbmondförmigen Augen stehen weit auseinander. Sie liegen tief eingebettet zwischen Stirn und Wangenknochen. Seine Nase ist lang und breit und die Lippen springen nur leicht nach vorn. Die Kerbe an der Oberlippe ist weit, aber tief.

Die Damentoilette ist leer. Alle Kabinen stehen offen. Ich ziehe ihn in die letzte Kabine und schließe die Tür. Ich lege meine Hand auf seine Brust, auf die Stelle, wo sein Herzschlag ist. Ich schließe die Augen und warte auf seine Lippen. Ich denke, dass ich sterben werde, wenn seine Lippen meine berühren. Dann spüre ich seine weichen Lippen auf meinen und sterbe nicht. Dieser Kuss fühlt sich an wie die normalste Sache der Welt. Er ist das, was sein muss, was jeder Mensch von Beginn an weiß, so selbstverständlich wie Wasser. Und gleichzeitig ändert er mein ganzes Leben. Ich ziehe mein Shirt aus und lasse meine Shorts auf den Boden der Kabine rutschen. Ich streife ihm das Hemd über den Kopf und streiche mit meinen Wangen über seine Haut. Ich möchte keinen Millimeter unberührt lassen. Dann hocke ich vor ihm und öffne seine Hose. Ich weiß, was ich machen muss. Ich habe das schon einmal gemacht, bei einem Freund von meiner Mutter. Das liegt ein oder zwei Jahre zurück und ich will lieber nicht daran denken, aber ich weiß, was ich machen muss. Richtigen Sex hatte ich noch nie. Mit Joël bin ich ziemlich weit gegangen, als wir allein bei ihm zu Hause waren, aber er ist nicht in mich eingedrungen. Luiz sagt: „Willst du das wirklich, Rosa?“

„Ja.“

Er hält meinen Kopf. Ich schließe die Augen. Als jemand in die Toilette kommt, halte ich inne. „Rosa?“ Es ist Melanie. Luiz stößt meinen Kopf zurück. Er krallt sich in meine Haare. Ich starre durch seine Beine hindurch auf die Kabinentür. Ich halte den Atem an. Melanie ist stehen geblieben. Dann höre ich ihre spitzen Absätze auf den Fliesen. Sie kommt näher. Sie läuft draußen vor den Kabinen entlang. Vor unserer bleibt sie stehen. „Rosa?“ Mein Herz pocht gegen die Schläfe, so laut, dass sie es draußen hören muss. Endlich entfernen sich ihre Schritte. Schnell. Energisch. Die Tür fällt ins Schloss. Ich lausche. Wir schauen uns an. Luiz Augen sind schmal. „Wer ist sie?“

„Niemand“, sage ich. Ich lasse mich auf den geschlossenen Klodeckel fallen. Wir ziehen uns an, gehen nach draußen, warten auf den Aufzug, steigen ein. „Ich möchte dich wiedersehen, Luiz.“

„Rosa.“ Er hält meine kalten Hände. Seine sind warm. Melanie steht in ihrem blauen Businesskostüm draußen neben dem Koffer. Sie telefoniert. Als sie mich sieht, stürzt sie los. „Sie ist da“, ruft sie ins Telefon. Dann nimmt sie mich in die Arme. Ich mag ihre Umarmungen nicht. Alles an ihr ist hart und dünn: ihre Arme, ihre Hände, ihr Rücken, ihre Schultern. In ihrer Umarmung fühle ich mich monströs mit meinen Gedanken und Ideen, mit der schmerzenden Sehnsucht und dem großen Unglück. „Rosa! Was ist los? Hast du mir einen Schreck eingejagt! Wieso lässt du den Koffer hier draußen stehen, deine Tasche und alles?“ Ich befreie mich. Ich möchte ihr Luiz vorstellen, drehe mich um, aber Luiz ist nicht da. „Luiz? – Luiz!“ Er ist verschwunden. „Du hast ihn doch gesehen! Hast du ihn nicht eben noch gesehen? Melanie, wohin ist er gegangen?“

„Ich weiß nicht. Wer war das?“

„Mein Freund.“

„Luiz!“ Ich schreie.

„Beruhige dich! Rosa!“ Ich schubse sie fort, renne um das Haus, verliere die Flip-Flops, laufe barfuß weiter, um die ganze Halbinsel. Von den Fensterputzern keine Spur. Nur die Scheiben spiegeln blitzblank. Als machten sie sich über mich lustig. Ich laufe in das Café. Ich frage die Kellnerinnen. Ich fahre hinauf, rufe in die Herrentoilette. Er ist fort.

Melanie steht noch draußen. „Ich begleite dich zur S-Bahn. Den IC hast du jetzt verpasst. Der Regio geht in zwanzig Minuten. Den schaffst du noch.“

„Nein“, sage ich. „Ich bleibe hier. Ich warte auf Luiz.“

„Das geht nicht, Rosa…“

„Doch, es geht.“ Unter der Tasche liegt mein Zeichenblock. Ich bin froh, dass er noch da ist. Ich blättere die Skizzen durch. Da ist Luiz.

„Ich muss zurück ins Büro, Rosa.“

„Ich komme allein zurecht.“

„Der Wohnungsschlüssel, Rosa! Beinahe hätte ich ihn vergessen!“

Als Melanie endlich weg ist, setze ich mich an unseren Tisch auf der Terrasse, wähle einen weichen Bleistift und mache mich an die Arbeit. „Rosa“, sagt Luiz zärtlich. Er rollt das „R“ ganz leicht und dehnt das „o“. Er sitzt mir gegenüber, nimmt eine Zigarette aus der silbernen Dose, lässt das altmodische Feuerzeug aufschnappen und raucht. Ich zeichne mehrere Porträts. Ich zeichne ihn mit dem misstrauischen Lächeln. Ich zeichne ihn mit den lachenden Augen. Ich zeichne ihn mit der Sehnsucht nach Portugal. Wir sprechen nicht. Wir sind aus der Zeit gefallen. Nur einmal sage ich, was für ein Glück es ist zu zeichnen und dass ich es eben erst begriffen habe.

Es ist noch hell, als wir aufstehen und gehen. Auf den frisch geputzten Scheiben des Cafés krümmen sich Federwölkchen im blauen Himmel. Den schweren Koffer lassen wir zurück.

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