Kranksein

Im Café Rocky Blue. Januar 2024.

Sie murmelt sich in ihre Höhle wie ein Tier, sagt dem Draußen ab, für die Dauer einer Woche. Da drinnen ist es still, nur ihre Ohren rauschen. Hier ist es warm, doch nach einer Zeit spürt sie, dass ihre Augen brennen. Immer tiefer rollt sie sich in sich selbst zusammen, immer dichter spürt sie die eigenen Grenzen in der Dunkelheit. Ihre Fahrigkeit ist ausgeschaltet, ihre Unsicherheit und Hast, das Hin und Her, die Anstrengungen, jede Minute auch wirklich zu nutzen. Das Fieber schmilzt sie zu einem einzigen Ganzen. 

Von Zeit zu Zeit geschieht so ein Kranksein. Wieder ein Zyklus, denkt sie, ein Knotenpunkt, eine Stagnation, bevor das Leben in eine neue Phase geht, vielleicht der Moment, den der Körper sich nimmt, um einen zurückgelassenen, vergessenen Teil nachzuholen, einen Teil von ihr, der auf der Strecke geblieben ist. Sie bleibt also und wartet. Vielleicht, denkt sie, muss ich ein Stück zurück, ihm entgegen, ihn rufen, nach ihm suchen in meinen Feldern, -es drängt sie immer nach Bewegung, sogar jetzt, das ist ihre Natur- doch darf sie die Schutzhaltung nicht aufgeben. Sie reist in einer Seifenblase, isoliert, geschützt von einer gläsernen Wand. Alles sieht ein bisschen anders aus. Sie schwebt in der Zeit zurück, trifft sich selbst auf ihren Feldern, betrachtet sich da draußen. Was tut diese Frau? Sie bündelt die Minuten wie Stroh, schnürt und verbrennt sie. Sie eilt durch die Straßen mit riesigen Schritten. Sie fühlt sich großartig angefüllt mit leeren Minuten. Warum ist sie ständig unterwegs? Sie lacht zu viel, erklärt zu viel. Sie ist eine Getriebene. Getrieben sein ist eine Art Exil. Die Frau da unten hat ihre Landschaft verlassen, hat sie verschüttet unter den Strohbündeln geraffter Minuten.

In diesem Moment quecksilbrigen Treibens fragt sich die Kranke, ob unter den verbrannten Strohbündeln noch etwas Brauchbares lagert, mit dem sie arbeiten kann. Ein Material. Ein Funken. Eine Welle. Ein Strand. Sie wird tiefer gehen und konkreter werden. Sie wird an der Konzentration arbeiten. Vor allem wird sie weniger lächeln und nichts erklären. Es ist gut, kurz emporgehoben zu sein, frei von Angst. Alles ist möglich, solange das Fieber glüht. 

Zurück in der Höhle, dringen gelegentlich Nachrichten zu ihr. Sie muss das verlassene Draußen managen. Absagen. Aufschieben. Wenn das getan ist, lehnt sie erschöpft zurück und spürt wieder nur sich selbst. Im Fluss der Minuten. Die Minuten beginnen zu atmen. Sie quellen. Sie saugen sich voller Leben, werden weich. Sie wird eine andere sein, wenn sie sich wieder aufrollt und ins Draußen zurückkehrt. Schreiten wird sie wie eine Giraffe, die keine natürlichen Feinde hat. Gelassen wird sie ihre Blätter mampfen. Trippeln wird sie und laufen und traben und ihre Savanne hüten. 

Die West-Jeans war wichtig

Franziska Hauser hat neulich in der Berliner Zeitung in einem feinen Text ihre Immunität gegen Werbung und die darin propagierten Frauenbilder und -Rollen mit ihrer Ostherkunft erklärt, zumindest vermutet sie, dass der werbefreie Osten die Erklärung sein könnte. 

Foto: privat

Ich kann ihre Vermutung nicht bestätigen. Ich bin etwas älter, das mag eine Rolle spielen. Ich habe acht Jahre länger in der DDR gelebt, acht entscheidende Jahre, in denen ich erwachsen wurde und ein Kind bekam. Ich wurde sehr wohl von dem geprägt, was an Bildern, Filmen, Videos und Magazinen aus dem Westen schwappte, sogar bis in unser „Tal der Ahnungslosen“. So wurde Dresden damals genannt, weil das Westfernsehen nicht bis in den südöstlichsten Zipfel des Landes reichte. Meine gesamte Schulzeit habe ich in Dresden ohne Westfernsehen, also auch ohne Werbefernsehen verbracht. 

Der Westen war als geniale Projektionsfläche unserer Träume immer gegenwärtig. Was für Kids heute Marken-Klamotten sind, waren für uns West-Klamotten. Statussymbole. Berlin war nicht weit, die Mauer hier und dort durchlässig. Die West-Jeans war wichtig. Ich trug sie täglich. Sie hielt ein Jahr lang. Dann waren genug Forum-Schecks für die nächste angesammelt. 


Hier kommt Ihr zu meinem und dem Artikel von Franziska Hauser in der Berliner Zeitung …

https://www.berliner-zeitung.de/open-source/osten-deutsche-geschichte-westfernsehen-werbung-frauenbilder-in-der-ddr-welchen-einfluss-hatte-der-westen-li.376866

An dieser Stelle muss ich jedoch einräumen, dass der Vergleich zwischen West – und Marken-Klamotten nicht ganz korrekt ist. Bei den Markenklamotten heute auf dem Schulhof geht es um Geld und Klasse. Um Klasse ging es in der DDR niemals. Wir kannten keine Klassen, und bis heute fällt es mir schwer, in den Kategorien von Klasse zu denken. Ich begreife daher sehr langsam die Mechanismen dieser Gesellschaft. Ich muss mir ihre Codes mühsam übersetzen. Um Geld ging es in der DDR auch nicht, denn West-Klamotten waren ja nicht für selbst verdientes Geld zu haben, sondern nur durch gute Beziehungen und eine gewisse Umtriebigkeit. 

Ich glaube, dass die Generationen-Kluft zwischen Menschen wie Franziska und mir, die wir in den Achtziger- und Neunzigerjahren erwachsen wurden und den heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen wesentlich größer ist als der Unterschied zwischen Westlern und Ostlern jemals war. Die Globalisierung und Vernetzung der Welt hat einen Anpassungs- und Leistungsdruck geschaffen, der in den Welten, in denen wir aufwuchsen, einfach nicht existierte, weder in Ost noch in West. Aber ganz bestimmt kennen Westsozialisierte die Codes, derer es bedarf, in dieser Welt klar zu kommen, besser als wir. 

Doch zurück zur werbefreien DDR. Anders als Franziska Hauser komme ich aus konservativen Verhältnissen, die ich als junge Frau beengend und starr empfand, gegen die ich rebellierte. Franziskas Mutter war eine berufstätige Frau, sie war Künstlerin, in der Ostberliner Boheme zu Hause, einem widerständigen, freigeistigen Biotop. Ich bin überzeugt, dass diese Umgebung und der Einfluss ihrer Mutter sie zu der autonomen Persönlichkeit gemacht hat, die sich dem Leistungsdruck nicht unterwirft. Mir ist aufgefallen, dass es oft kluge, beruflich sehr erfolgreiche Frauen sind, die sich wenig Gedanken über äußere Attribute machen. Dafür haben sie keine Zeit. Oder es ist ihnen einfach nicht wichtig. Zu anstrengend. Sie sehen wie Franziska überhaupt keine Veranlassung, sich mit Moden, Trends, Diäten und anderen Diktaten zu beschäftigen. Das ist ein Schlüssel zu ihrem Erfolg. Das sind nicht nur Frauen aus dem Osten, aber möglicherweise liegt der Ostanteil in dieser Kategorie höher. 

Ich bin früh von zu Hause weggegangen. Gleich nach der Schule folgte ich meinem Freund nach Berlin. Wir erwarteten ein Baby, heirateten und besetzten eine Wohnung. Berlin empfand ich als befreiend, den ruppigen Humor der Stadt und ihre Ehrlichkeit. Hochschwanger lief ich durch die Straßen von Friedrichshain, beobachtete alte Frauen mit Einkaufstaschen und Gehstöcken, die flüsternd miteinander schimpften, Kohlenträger und Punks, die in Lebensmittelläden an der Kasse saßen. Menschen wie diese gab es in Dresden nicht. 

Ich fand es großartig, ein Baby zu haben. In einem Buch aus dem Westen hatte ich gelesen, wie man (frau) richtig stillt. Ich würde mein Baby stillen, so oft es schrie. Das war eine völlig abgefahrene, neue Methode. Die Frauen in der staatlichen Mütterberatung wogen und vermaßen mein Baby und befahlen mir eine Fütterung alle vier Stunden. Vermutlich hatten sie die Aufrechterhaltung der sozialistischen Ordnung im Sinn. Stechuhren. Ich setzte mich darüber hinweg. Meine Tochter sollte sich ohne Angst zu einer souveränen Persönlichkeit entwickeln, und diese Entwicklung begann am ersten Tag ihres Lebens. So hatte ich es in dem Buch aus dem freien Westen gelesen. 

„Wenn ich Geld für die Versorgung der eigenen Kinder bekäme, hätte ich das Gefühl, das System zu unterstützen, das auf das Funktionieren eines Hochleistungsalltags ausgerichtet ist“, schreibt Franziska Hauser zur Forderung nach bezahlter Care-Arbeit. Auch ich finde den Begriff Care-Arbeit schaurig. Es ist ein Wort, das ganz gut die Realitäten im global agierenden Prekariat beschreibt. Selbst das Private, unsere innigste Zuwendung und Liebe, soll in Lohnarbeit überführt werden. Doch auch damals in der DDR war es schaurig. Die staatliche Mütterberatung, in der ich mich umgehend nach der Geburt einzufinden hatte, gab mir das Gefühl, mein Baby gehöre nicht mir, sondern dem Staat. So strikt waren die Gebrauchsanweisungen für den kleinen Menschen. 

Eine meiner Schwiegermütter riet mir, bald arbeiten zu gehen. Ich sei doch noch so jung und müsse etwas anfangen mit meinem Leben. Es war einer der besten Ratschläge, den ich je bekommen habe. Alle jungen Mütter heute, die nicht meine Schwiegermutter haben können, tun mir ein bisschen leid. Und ja, das war eben der Osten. Eine erfolgreiche Frau, die genauso jung gewesen war wie ich, als sie ihr Baby bekam und sich nach dem Schulabbruch durch schwierige Zeiten bis zu ihrer Promotion gearbeitet hatte. Sie wusste, wovon sie sprach. Ich fand Arbeit in der Vertriebsabteilung eines Verlages, und glücklicherweise einen sehr guten Betreuungsplatz für meine Tochter. Jeden Morgen brachte ich ein singendes Kind in die Krippe und tanzte anschließend in den Verlag. Innerhalb meiner Arbeitszeit konnte ich eine Ausbildung zur Buchhändlerin machen. Dass ich ein Kind hatte, war nirgends ein Thema. Ich war eine junge Frau, die eine Ausbildung machte, arbeitete und sich zum ersten Mal im Leben ermutigt fühlte, etwas aus ihrem Leben zu machen. Doch schon damals setzte ich mich unter einen enormen Erfolgsdruck. Ich wollte nicht nur beruflich weiterkommen und Geld verdienen, sondern auch schön sein. Ich wollte Leichtigkeit und Individualität verkörpern. Es ging mir nicht gut mit diesem Anspruch. Dass ich eine Ess-Störung entwickelt hatte, wurde mir klar, als ich zum ersten Mal in den Neunzigerjahren ein Radio-Feature hörte, in dem betroffene Frauen über ihre Magersucht und/oder Bulimie sprachen. Zu diesem Zeitpunkt war die Mauer bereits gefallen, ich hatte zwar einen Berufsabschluss, aber meinen Job im Verlag verloren und schon viele erfolglose Bewerbungen hinter mir. Inzwischen lebte ich mit unserer Tochter allein. Personalchefs durften damals noch unverblümt sagen, warum sie jemanden ablehnten. Aber ihr Kind! hörte ich ständig. Es ist ja noch so klein! Was machen Sie, wenn es mal krank ist? Im Verlag hatte ich meine Tochter mit ins Büro genommen, wenn sie gerade mal wieder erkältet war. Ich hatte sie schlafen gelegt und die wichtigsten Arbeiten erledigt, dann waren wir nach Hause gefahren. Einmal wurde ich in einem Bewerbungsgespräch gefragt, ob ich nicht eine „Oma fürs Grobe“ hätte. Ich muss die Männer vor mir entsetzt angeschaut haben. Diesen Begriff kannte ich nicht. In meiner Familie gab es nur Omas, die für die feinen Dinge des Lebens zuständig waren: Puppentheater, Reisen, Torten und Chanukkah-Bälle. 

Ich habe nie herausgefunden, ob meine Ess-Störung eine Form der Rebellion gegen mein Elternhaus oder eine versuchte Anpassung an die Erscheinung meiner Idole war, die ich auf Plattencovern und in Filmen bewunderte. Auch die Frauen in den DDR-Filmen aßen nichts! Ich weiß, dass ich vierzehn Jahre alt war, als mir zum ersten Mal die monströsen Ausmaße meines Körpers bewusst geworden waren. Fatalerweise waren mir auch noch Brüste gewachsen. Ich war ein Kind, das meist in Bücher und Träumereien versank. Die Schule konnte ich sehr gut abschalten. Dass ich Brüste bekommen hatte, wäre mir vermutlich gar nicht aufgefallen, wenn mein Körper nicht plötzlich von allen Seiten kommentiert worden wäre. Das war neu. 

Es stimmt, dass die patriarchalen Strukturen in der DDR nicht mehr so fest durch Männermacht legitimiert waren wie heute im globalisierten Westen. Die Politik der DDR steuerte bewusst dagegen, indem Frauen gefördert wurden und es kein ökonomischer Nachteil war, Mutter zu sein, nicht einmal für Alleinerziehende. Doch jenseits der Großstädte lebten die alten Rollenbilder fort. Ich denke, in diesem Punkt waren und sind sich west- und ostdeutsche Provinzen sehr ähnlich. Nur, dass inzwischen Beth Ditto erfunden wurde und die Frauen in der Werbung für Bademode so aussehen dürfen wie echte Frauen am Strand. Damals überwog in Filmen, auf Plattencovern und in Magazinen das Bild hübscher, untergewichtiger Frauen. Doch nicht einmal Beth Ditto und die neuen Models werden Mädchen heute vor Ess-Störungen schützen. Die Ursachen liegen nicht in den Bildern an sich. In diesen drückt sich das eigentliche Problem nur aus. Es hat mit dem enormen Anspruch zu tun, der seit jeher an Frauen gestellt wird, bei gleichzeitig offen gelebter Misogynie, leider oft auch von Frauen und Müttern selbst. 

Manchmal glaube ich, dass der Osten nicht nur eine Erfindung des Westens ist. Die DDR wird in den Erinnerungen verklärt. Dabei gibt es nicht DEN Osten. Er war, genau wie der Westen, für jeden Menschen anders. Aber es stimmt, dass sich viele Dinge mit ein bisschen politischen Willen für Frauen zum Besseren wenden könnten. Das haben wir im Osten alle erlebt. 

Interessiert es da draußen irgendjemanden …

Illustration © Tine Schulz
www.dasmagazin.de

… dass ich stolz darauf bin, allein in der Nacht herumzustehen, ein furchtloser Sternen-Freak?

Ich hatte nur wenige Tage am Ende des Sommers und reiste durch alte Städte. Zuerst fuhr ich nach Jerichow. Die Türme des Klosters ragen weit ins Land. Von Tangermünde aus gesehen, liegen sie hinter endlosen Wiesen auf der anderen Seite der Elbe. 

Soundtrack zu diesem Artikel JON BATISTE „What a wonderful world“

Meine Mutter war kurz zuvor gestorben. Ihretwegen wollte ich nach Jerichow. Dieses Wort, dieser Name stand auf den alten Dokumenten, die wir für die Totenfeier gesucht hatten, mein Vater, mein Bruder und ich. Unter diesem Namen war meine Mutter geboren und getauft worden. Jerichow. Für mich hat das Wort den Rhythmus eines Flusses, der Elbe vielleicht. Ich stelle mir vor, wie die Vorfahren meiner Mutter vor vielen Jahren entlang der Elbwindungen von Jerichow nach Dresden gewandert sind.

Meine Mutter ist sehr alt geworden. Sie starb zu Hause, wie alle Menschen, die in diesem Haus gelebt hatten. Es fühlte sich gut und richtig an, die letzten Tage ihres Lebens mit ihr zusammen in diesem Haus verbracht zu haben. 

Ich lehnte mein Fahrrad an die Klostermauer, spazierte durch den Kreuzgang und betrachtete die Darstellungen in den alten Steinen. Es war das erste Mal, das ich allein reiste, seit vielen Jahren. Mein Freund, von dem ich mich vor einigen Monaten getrennt hatte, war ungeduldig gewesen, wenn ich Kirchen und Klöster besichtigen wollte. Jetzt genoss ich den Gedanken, alle Zeit der Welt für diesen Ort zu haben. Niemand wartete draußen auf mich. In der ehemaligen Bibliothek des Klosters war der mittelalterliche Boden frei gelegt worden. Auf einer Glasplatte lief ich wie auf einer Bühne darüber hinweg. Da unten hatten die Klosterherren jedes Buch per Hand abgeschrieben. Künstler hatten es mit wertvollen Farben und Tinten illustriert. Seltsam, dass sich die Jahrhunderte in Steinschichten in dem Raum abgelagert hatten, als sollte er zuwachsen, als hätte er seit der Erfindung des Buchdrucks keine Bedeutung mehr. Einige der Bücher waren im Museum ausgestellt. Dort lagen in einer Vitrine auch jahrtausendalte Tonscherben, Reste der ersten Siedlungen in dieser Gegend, um vieles älter als das Kloster. Generationen von Gräbern waren vergessen und platt gewalzt worden, Gebeine zerfallen und am Elbufer versandet.

Wieder einmal fragte ich mich, was es eigentlich mit der Zeit auf sich hat. Ich verstehe dieses Konzept nicht, in das wir eingebunden sind mit unseren maximal neunzig Jahren, wenn es gut läuft.

Während meine Mutter im Sterben lag, war ich einmal auf ein Fest gegangen, in einem Dresdner Theater. Am Ende des Festprogramms hatte Pascal von Wroblewsky mit ihrer Schülerin Lena Hauptmann den Jazz-Klassiker „What a wonderful world“ gesungen. Die glitzernde Stimme von Lena und die samtene von Pascal hatten mich plötzlich zum Weinen gebracht. Mir war klar geworden, dass auch meine Mutter in ihrem hohen Alter eigentlich noch keine Lust hatte, sich von dieser Welt zu verabschieden. Als der Schlaganfall sie bei der Gartenarbeit überrascht hatte, hatte sie noch etwas vorgehabt. Sie hatte den Besuch ihres jüngsten Urenkels erwartet. Ich fuhr nach Hause, kroch zu ihr ins Bett und legte meinen Arm um sie. Aber ich konnte nicht einschlafen. Ich suchte auf Youtube das Lied von Lena und Pascal, aber es war nicht dort. Ich hörte mir andere Interpretationen an, bis ich eine fand, bei der ich wieder weinen konnte. 

Was ist die Zeit? Das frage ich mich, als ich Tage später in Strodehne auf die Nacht warte. Dies sei die dunkelste Gegend Deutschlands, heißt es. Hier, am Ufer des Gülper Sees, seien die Sterne besonders gut zu beobachten. Ich lehne mich gegen mein Fahrrad und schaue zur Uhr. Der westliche Horizont ist noch blasslila von der Dämmerung. Von der anderen Seite des Sees zieht die Dunkelheit herauf. Ich bin allein auf diesem Feld über dem See. Die Nachttiere beobachten mich aus ihren Verstecken. Es wird noch mindestens zwei Stunden dauern, bis die Milchstraße deutlich zu sehen ist. Ich habe keine Idee, wie ich diese zwei Stunden verbringen könnte und bin drauf und dran, meinen Freund anzurufen und ihn zu bitten, sofort herzukommen und mich abzuholen. Aber das tue ich nicht. Ich will es nicht. Eher kratze ich mir mit einer sechstausendjährigen Tonscherbe die Muskeln von den Knochen und schütte meine Organe auf das Feld, mein Herz und meine Nieren und das ganze Gekröse, bis der Wind durch meine Rippen bläst. Als Tödin kann ich die verletzte Seele meines Freundes ertragen. Frei von Nerven, kann er mich nicht mehr kränken. 

Ich richte die Sternen-App auf den Himmel. Das Hubble Deep Field erregt meine Aufmerksamkeit, ein schwaches rötliches Licht, das Milliarden Jahre bis nach Strodehne brauchte. Meine App ist nicht auf dem neuesten Stand. Inzwischen hat das James-Webb-Teleskop das Hubble überholt. Es hat noch tiefer ins All geschaut, noch weiter zurück in die Vergangenheit. Ich kann mir die Milliarden Jahre, die ich gerade in der Zeit zurückschaue, nicht vorstellen. Da kommt es auf zwei mehr oder weniger nicht an. Was soll das? Interessiert es da draußen irgendjemanden, dass ich stolz darauf bin, allein in der Nacht hier rumzustehen, ein furchtloser Sternen-Freak? Was ist diese Raum-Zeit, das Universum, dieses Liebeszelt, in dem unsere Schreie von den Wänden hallen? Ist es nicht auch nur eine Erzählung? Jahrmillionen altes Licht. Sagen sie. Jahrtausendalte Scherben. Wird berichtet. Wohin sind die Jahre gegangen, die ich mit meinem Freund hatte? Erschöpft sich ihr Licht auf dem Weg? Ich ringe um eine Erzählung, erfinde sie jeden Tag neu. Mein Freund wird unsere Zeit völlig anders erzählen als ich. Am Ende sind wir zwei Menschen, die nichts Gemeinsames erlebt haben. 

Meine Mutter ist ein Leben lang bei unserem Vater geblieben. Sie wollte nicht, dass ich meinen Freund verstoße. Sie wollte, dass ich einen Mann habe, bei dem ich bleibe. Diesen Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen. Aber ihre Liebe zu meinem Vater hat sich in ihrem Tod erfüllt. Ihrer beider Erzählung bleibt eine gemeinsame. Wir Kinder tragen sie weiter. Mir scheint das sinnvoll. 

Als sie starb, war niemand von uns bei ihr. Ich fragte mich, was das bedeutete, ob wir etwas falsch gemacht hatten. Später erzählte mir eine Freundin, ihr Vater habe sich jahrelang Vorwürfe gemacht, weil er zwar die ganze Zeit neben seiner Frau am Bett gesessen, den Zeitpunkt ihres Todes jedoch nicht bemerkt habe. 

Sterben ist eine autonome Handlung. Die Sterbenden brauchen uns nicht mehr. Niemand muss ihnen die Tür aufhalten. Alle Abhängigkeiten und alle Liebe endet, wenn ein Sterbender beschließt, über die Schwelle zu treten. Wahrscheinlich sind wir niemals so autonom wie im Sterben. Ich brauche diese Energie, um meinen Freund endgültig loszulassen. Ich brauche die Kälte, die nicht frösteln macht. Ich muss tun, was ich tun muss. Ich war bereits Frau Tödin, als ich zu ihm sagte: Es gibt nichts mehr zu erzählen. 

Die Häuser von Strodehne hocken im Dunkel, als ich mit dem Fahrrad den Feldweg hinab ins Dorf holpere. Die Milchstraße ist jetzt über mir, als glitzerndes Band, als lärmender Strudel um mich herum. Ich dusche lange, um wieder warm zu werden. 

Es gibt Tage im Leben, die so dünn sind wie die Spinnwebseiten in den alten Fotoalben. Tage, an denen man nicht geliebt hat. Und dann gibt es dichtere Tage, die ein Leben lang halten, besetzt mit bleibenden Bildern. 

Wenn es gut läuft und wir alt werden, machen die Tage, die ich mit meinem Freund verbracht habe, vielleicht ein Viertel meines Lebens aus. Wenn es schlechter läuft, waren sie ein Drittel meines Lebens. Jeder dritte oder vierte Tag eine feste Seite. Nicht an jedem dieser Tage, aber doch häufig, habe ich in seine Seele geblickt, wenn er einen Orgasmus hatte und ich dabei zuschauen konnte. Im Orgasmus zeigt sich die Seele, jener Teil von uns, der in allen Raumzeiten stets gleichbleibt, das Wesen, das wir waren, als wir selbstvergessen im Uterus schwebten, ausgestattet mit einem Basiswissen über den Planeten und sein Programm. Dieser Teil unserer Existenz, der niemals altert, unsere Essenz. 

Diesen Teil ihres Wesens konnte ich im Gesicht meiner Mutter lesen, in ihren letzten Tagen. Er trat immer deutlicher hervor. Ich saß lange an ihrem Bett. Sie sprach nicht mehr. Ich versuchte, in ihrem Gesicht zu erkennen, ob sie Schmerzen hat oder etwas braucht. Genauso intensiv hatte ich mein Baby beobachtet, als es nach der Geburt im Krankenhaus neben mir in seinem Bettchen gelegen hatte. Der Code dieses kleinen Wesens hatte sich mir in seinem Ausdruck entschlüsselt. Ich lese ihn noch heute im Gesicht der erwachsenen Frau. Die Idee kommt, dass auch meine Mutter mich so gelesen hat nach meiner Geburt, dass sie mich besser gekannt als ich mich selbst, dass sie sah, wie gefährdet ich bin und mich deshalb mit ihrer Sorge quälte. Diese Quälereien, die wir uns angetan hatten, waren fort, vergessen, als ich an ihrem Bett saß und ihre Seele erkannte, ihren Humor und ihre Zärtlichkeit. Ich möchte allen erwachsenen Menschen sagen: Vergesst einfach die Quälereien, die ihr euch antut! Aber ich weiß, dass das nicht möglich ist, solange wir Nerven tragen und durch Abhängigkeiten und Wünsche begrenzt sind. Nur manchmal tut sich ein Riss in der Zeit auf und wir schauen über uns hinaus. Am nächsten Tag fahre ich gegen den Wind nach Havelberg. Die Stadt ist sehr schön und leer und irgendwie so verloren wie meine Liebe, abgeschlagen, jenseits der Touristenrudel auf dem Elbradweg. Die letzte Buchhändlerin hält noch durch. Freunde zeigen mir ein altes Bürgerhaus, aus dem sie den Schutt getragen haben und jetzt eine Galerie darin betreiben. Enthusiasten haben einen Speicher saniert und hoffen auf Übernachtungsgäste. Kein einziger Reisebus steht vor dem Dom der Stadt, die vor Jahren bedeutender war als Berlin. Wie lange ist das her? Es gibt wenige Erzählungen darüber. 

Ich liege im Gästezimmer in dem Bürgerhaus meiner Freunde und döse in die Wolken, dann stehe ich auf, stülpe mir die Kopfhörer über und lade mich in der Dauerschleife von „What a wonderful world“ wieder auf. 

Uwe Tellkamp und seine Stadt:

Eine Zugreise nach Dresden

Welche Kurve hat Uwe Tellkamp übersehen? Welchen Move der Gesellschaft hat er verpasst?

In diesen Wochen fahre ich oft nach Dresden. Ich besuche meinen Vater, der plötzlich allein in einem großen Haus wohnt. Ich fege den Staub weg, den die Ameisen hinterlassen, die von allen Seiten in die Wände des Hauses kriechen. Ich trage die Zimmerpflanzen in den Garten, die sich in Ameisenbaue verwandelt haben. Bei meinem letzten Besuch habe ich Zitronenschalen ausgelegt. Auf Google heißt es, Ameisen hinterließen Duftspuren auf ihren Straßen, zur Orientierung für die Nachkommenden. Wenn diese durch einen fremden Geruch gestört werden, verirrt sich das Volk und tritt den Rückzug an. 

Mit meinem Vater fahre ich zu meiner Mutter, die in der Reha-Klinik liegt und langsam beginnt, wieder zu sprechen. Bei unserem letzten Besuch konnten wir sogar ein kleines Gespräch führen. Das Schönste ist ihr glückseliges Lächeln, wenn sie uns sieht und ihr aufgeregter, wacher Blick, wenn wir Neuigkeiten aus der Familie berichten. Das Leben und die Liebe haben viele zärtliche Gesichter, auch ohne Zähne. Das weiß ich jetzt. 

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/uwe-tellkamp-und-seine-stadt-eine-zugreise-nach-dresden-li.236103

Der Zug nach Dresden ist leer. Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt. Ich bin die erste. Ich bin ausgehungert und reiße eine Tüte Studentenfutter so gierig auf, dass die Nüsse durchs Abteil fliegen. Ich lese alle wieder auf und spüle sie auf der Toilette sorgfältig ab. Noch bin ich allein und niemand sieht diese Peinlichkeiten. 

Ein Paar steigt ein, Touristen, und kurz darauf ein Dienstreisender, der sich für die Fahrt mit reichlich Süßigkeiten ausgestattet hat. Wir alle sitzen in unmittelbarer Nähe. Das Paar studiert die Platznummern. Die Frau probiert Sitze in verschiedene Richtungen. Gerade will ich ihr sagen, in welche Richtung der Zug fahren wird, als der Mann mich höflich fragt, ob ich englisch spreche. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir diese Frage das letzte Mal gestellt wurde. Ist lange her. In Berlin gehen alle davon aus, dass jeder englisch spricht. Eher erlebe ich es umgekehrt. In einem Bäckerladen in Mitte fragte mich neulich eine Verkäuferin schüchtern, ob ich deutsch spreche. 

Der Mann zeigt mir eine Zugverbindung im Display seines Smartphones. Ich sage ihm, dass dies the wrong train ist. In den Angaben auf seinem Display suche ich nach dem Bahnsteig, an dem der richtige Zug für sie steht. Sie wollen nach Nürnberg. Während ich noch suche, springt der Dienstreisende vor uns auf und sagt dem Mann, dass er diesen Zug sofort verlassen müsse. Er sei falsch. Das Paar bedankt sich und eilt davon. 

Das habe ich ihm doch gerade auch gesagt, sage ich dem Herrn mit den Süßigkeiten. Er entschuldigt sich. Er habe das nicht gehört. Ich ärgere mich wieder über meine leise Stimme. Ich bin eine Meisterin im Unbemerktbleiben. 

Wir haben noch mindestens fünf Minuten Zeit bis zur Abfahrt. Er bietet mir eine Süßigkeit an. Wir reden über unsere Erlebnisse in den Euro-Citys zwischen Berlin und Dresden. Zwangsläufig kommen wir auf andere Missstände zu sprechen, wie die Medien und die Grünen. Er nennt mir das Jahr, in dem er zum letzten Mal die Grünen gewählt hat. Es ist ungefähr das Jahr, in dem auch ich zum letzten Mal die Grünen gewählt habe. An der Oberfläche fühlt sich die Begegnung sympathisch an, außerdem tut es gut, etwas Süßes zu essen, aber mein Instinkt sagt, dass da was anderes im Anzug ist, hinter den vielen Gemeinsamkeiten, die zwischen uns klaffen wie Fallen. Offen gestanden, hätte ich im letzten Jahr beinahe wieder die Grünen gewählt. Ich wollte diese Kanzlerin. Erst als sie ganz und gar zerstört worden war und feststand, dass sie keine Chance hat, machte es keinen Sinn mehr für mich. Im Grunde ist dieser ganze Parteien-Mist doch nicht mehr zeitgemäß. Es kann nicht sein, dass Menschen angesichts der Herausforderungen unserer Epoche Unmengen an Kilokalorien verbrennen, um sich von anderen abzugrenzen. In jeder Partei gibt es gute Leute, außer in der AfD natürlich, die jeden rausschmeißen, der sich demokratischen Spielregeln nähert. Ich ahne, dass der Mann mit den Süßigkeiten die AfD wählt. Ein Dresdner meiner Generation. Ein Naturwissenschaftler im Öffentlichen Dienst. Das war schnell erzählt. Kommt gut. Er trägt ein weißes Hemd und hängt lässig die Beine über die Sitzlehne. 

Ich stehe noch unter dem Tellkamp-Schock der wirklich gut gemachten Doku „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsfreiheit“ von Andreas Gräfenstein, der neulich im Fernsehen lief. Tellkamp hat mich nicht schockiert. Ich wusste, dass er ein Rechter ist. Jeder weiß es. Wirklich schockiert hat mich, dass ich diesen sperrigen Dickkopf in der Doku mochte. Es gelang mir nicht, ihn zu verabscheuen. Am Ende des Films hatte ich sogar Angst um ihn. Ich war überzeugt, dass er verrückt werden müsse, dass seine Begabung und Sensibilität, gepaart mit dieser politischen Haltung ihn zerreißen wird. Doch in Dresden steckt er in seinem Mief. Den spüre ihn in vielen Gesprächen, nicht mit meiner Familie. Weder meine Brüder und ihre Frauen noch meine Eltern sympathisieren mit dem neurechten Dresden. Im Gegenteil. Sie leben nicht auf dem Weißen Hirsch, sondern auf der anderen Seite des Tals. Kurz vor Prag nach links. So beschreibe ich den Weg zu meinem Elternhaus. Meine Mutter und mein kleiner Bruder führen die großzügige, warmherzige Tradition unseres Großvaters fort, der ein begnadeter Klavierspieler war und gehörlose Kinder unterrichtete. Später lebte er nur noch für seinen Garten und seine Frau, die er vergötterte. In diesem Garten starb er auch, an einem heißen Sommertag, im schönen, satten Alter von 76 Jahren. 

Meine Mutter hat den Garten von ihm übernommen und wäre auch beinahe darin gestorben. Aber heutzutage stirbt es sich nicht mehr so leicht. Sie lebt und sie sagt, dass sie leben will. 

Ich hatte 2006 Tellkamps ersten Roman „Der Eisvogel“ in einem Atemzug gelesen. Seine Protagonisten sind bürgerlich, eiskalt und irgendwie verloren. Ich liebte Tellkamps opulente Sprache und die rasante Handlung. In dem Buch spielt eine politische Sekte eine Rolle, deren Ziel es ist, die Demokratie abzuschaffen. Sie haben die Idee einer neuen Gesellschaft nach dem Vorbild von Ameisenstaaten. Einige Kritiker behaupteten später, dass sich bereits im „Eisvogel“ der Hang des Autors zum Rechtsextremismus zeige. 

Ich habe eine Flasche Lavendelöl zur Bekämpfung der Ameisen in der Tasche. Später werde ich die Scheuerleisten damit einreiben und eine Lösung in die Ritzen des alten Hauses träufeln. Das ganze Gemäuer wird nach Provence duften, aber mein Vater wird es nicht merken, weil sein Geruchssinn schwindet. Das ist gut so, denn je mehr seine Sinne schwinden, desto kratzbürstiger reagiert er auf meine Ideen. Er wird das Lavendelöl so wenig bemerken wie die Ameisen. Meine Superheldinnenkraft ist das Unbemerktbleiben. 

Ich meine, diese Welt macht uns wahnsinnig, wenn wir ihre Probleme lösen wollen. Ich hatte so eine Phase. Ich habe Pläne gemacht, an Manifesten und Programmen mitgeschrieben. Letztendlich landeten wir immer beim Geld, bei der Ökonomie. Die Medien beispielsweise. Sie sind doch nicht flacher geworden, weil die Journalisten heute schlechter arbeiten als früher. Es ist einfach dieser Wahnsinns-Druck, Geld zu machen. Die Leser schwinden. Ohne Geld gibt es keine gute Zeitung. Keiner gibt mehr Geld für eine schlechte Zeitung aus. Keine Leser, keine Werbung, kein Geld. Keine Redaktion ist mehr in der Lage, lange, sorgfältige Recherchen zu finanzieren. Das ließe sich mit einem politischen Willen natürlich ändern, denn wir sehen ja, dass Geld geschaffen werden kann, einfach so, schnipp! Sehr viel Geld für Panzer und Soldaten. 

Mein Mitreisender erwartet von Journalisten, dass sie mal recherchieren, was so ein Flüchtlingsheim eigentlich kostet. Aha? Vielleicht würde eine kleine Anfrage seiner Fraktion im Parlament ausreichen, das zu erfahren. 

Warum sollte irgendein Journalist sich darum kümmern, was ein Aufenthaltsort für Geflüchtete kostet? Wir wissen, dass diese Orte schlecht sind, zu billig, zu eng, zu hässlich. Sie sind notwendig, aber eine Zumutung. 

Würden Sie Ihren Kindern vorrechnen, wie viel Geld sie für sie bezahlt haben? Böse Väter tun so etwas. Das Grundgesetz sieht vor, dass wir Menschen in Not Asyl gewähren. Und jeder Mensch, der einen Funken Empathie besitzt, wird das in Ordnung finden. Dennoch wurde gerade an diesem Artikel des Grundgesetzes immer wieder herum geschraubt, zuletzt 2015 nach der großen Flüchtlingswelle. So lange, bis das Asyl die Form eines Knasts annahm. Wer ein Schamgefühl besitzt, wird nicht die Kosten dieser Knäste aufrechnen. Aber die, die das fordern, sitzen mit ihrem Arsch im Warmen auf dem Rücken des Weißen Hirsch. Der Stolz der Dresdner ist dieser Stadtteil Weißer Hirsch, in dem Tellkamp lebt, hoch oben über der Elbe. Die Dresdner schrubben den Weißen Hirsch, damit sein Arsch auch wirklich Weiß bleibt. 

In dieser Phase, als ich glaubte, die Welt retten zu können, bemerkte ich, dass die Gesellschaft so langsam bremst wie ein Frachtschiff, und das, obwohl die Zeit enorm drängt. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Viele von uns Aktivist*innen flüchteten damals in die Wälder. Ich auch. 

Mein Mitreisender ist ein hübscher Mann mit dunklen Locken. Er lädt mich beinahe zum Essen nach Hause ein, weil er meint, ich müsse seine gute Küche ausprobieren. Das aber erst, als wir bei der protestantischen Arbeitsmoral sind, eines meiner Lieblings-Hass-Themen. Ich erinnere ihn daran, dass es andere Wertesysteme in der Welt gibt, neben seiner protestantischen, beispielsweise Kulturen, in denen ein gemeinsames, gutes Essen wichtiger ist als langes, verbissenes Arbeiten. Mit seinem kleinen Bauchansatz sieht er wirklich aus wie jemand, der in einer perfekt ausgestatteten Küche fantastisch kocht, wie jemand, den man mit einer Tonga-Bohne zum Schmelzen bringen kann. So gar nicht protestantisch.

Wir sind uns einig, dass die beste Lösung wäre, wenn es in allen Ländern so gute Lebensverhältnisse gäbe, dass niemand mehr unter Lebensgefahren das gesamte gesammelte Vermögen seiner Familie auf den Weg nach Europa setzt. 

Das Beste wäre doch, finde ich, der Reichtum Afrikas gehörte den Menschen, die dort leben und nicht den Konzern-Imperien, die ein Land nach dem anderen zerstören im finalen Wettlauf ums Überleben. 

Sie können es einfach nicht, sagt der Mann und stopft weiter Kolonialwaren in sich hinein. Die Afrikaner hätten es nicht gelernt. Sie brauchten es nämlich gar nicht lernen. Es läge an dem Klima in Afrika, dass sie nicht arbeiten würden wie die Protestanten im Norden. Es sei überhaupt nicht rassistisch gemeint. Er sei kein Rassist. Aber es gäbe eben Unterschiede, die könne man nicht wegdiskutieren, die seien offensichtlich. Und sowieso, der Begriff Rasse… Schließlich gäbe es sogar verschiedene Medikamente für die verschiedenen – Pause – Phänotypen! 

Na bitte! Geht doch! 

Die Rechten sind systemkompatibel, weil sie das Rückgrat der Weltökonomie, Rassismus und Kolonialismus, kräftigen. Das weiß ich. Aber es wieder zu spüren, und zu spüren, dass jedes Argument vergeblich ist, fühlt sich an wie ins Nichts zu stolpern. 

Er sei dabei gewesen, im Kulturpalast, als Tellkamp im Gespräch mit Durs Grünbein den Wahlspruch der AfD „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ sinngemäß wiederholt hat. 

Eigentlich würde ich das Gespräch gern beenden, andererseits könnte es gut für ihn sein, ihn weiter reden zu lassen. So wird er selbst Zeuge dessen, was er denkt. Manchmal ist das heilsam. Die Deutschen seien in ihren Kolonien übrigens sehr beliebt gewesen, weil sie so viel Gutes für die Länder getan hätten, sagt er. Sie hätten sich um Bildung und Wohlstand gekümmert, anders als die Franzosen und Briten. 

Ich will meinen Mitreisenden fragen, ob es das Dresdner Klima ist, in dem sich altes, längst überlebtes Gedankengut gnadenlos staut. Ich stelle die Frage nicht.

Aber ich frage mich, welche Kurve Menschen wie er und Tellkamp übersehen haben, dass sie im Graben gelandet sind? Welchen Move der Gesellschaft haben sie verpasst? Sie stehen auf der Gewinnerseite. Dieses System, der Kapitalismus, ist ihr System. Ich weiß nicht, wie oft in unserem Gespräch er das Wort WETTBEWERBSGESELLSCHAFT benutzt. Es scheint ihn zu begeistern. „Weltoffen ist auch der Gully. Da fließt alles rein“, sagt Tellkamp in der Doku. 

Wieso verlegt Suhrkamp Tellkamp noch immer? Wegen der Namensähnlichkeit? „Der Schlaf in den Uhren“, ist auf Platz 3 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit Leuten wie Tellkamp kann man hierzulande richtig Geld verdienen. 

Mein Mitreisender zeigt mir das Buch, das er gerade liest. Antje Hermenau „Das große Egal“, erschienen in der Edition BuchHaus Loschwitz der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Meine Brüder und ich, wir waren nie bei Susanne Dagen. Zu weit weg, auf der anderen Seite, wie gesagt. Antje Hermenau war einmal die Landesvorsitzende der Grünen in Sachsen und verlegt jetzt bei Tellkamps Freundin. Das große Egal, kein schlechter Titel, denke ich. Vermutlich ist es das große Egal in der Gesellschaft, von dem Tellkamp und seine Freunde am meisten profitieren. 

Für meine Facebook-Freunde im April 2022

Neulich las ich eine Eurer Diskussionen, setzte mehrmals zu einer Antwort, einem Beitrag an, doch kam ich nicht weiter. 

Ich habe mich für meine Bitterkeit entschuldigt angesichts dessen, was ich dort von Euch las. In mehreren Beiträgen wurde der Sinn politischen Engagements in Frage gestellt, er bringe ja nichts, interessiere Politiker überhaupt nicht. Was haben die „Kerzlein und Mahnwachen“ damals gebracht, als der Irakkrieg begann, schrieb eine. Er wurde dennoch geführt. Er war grausam. Und er basierte auf einer Lüge. 

Eine andere stellte die Frage, ob wir überhaupt richtig informiert würden, wieso „Gräueltaten verdeckt“ blieben. 

Ich beschwerte mich über die politische Trägheit und das allgemeine Desinteresse in diesem Land. Ich war wütend und ich entschuldigte mich dafür. Das Wort Bitterkeit, das ich in meinem Post gebrauchte, triggerte einige von Euch. Es wurde sehr schnell abgewiesen. Ihr bedauertet mich, wünschtet mir, ich käme da raus. Ich spürte in dieser Diskussion Eure, unsere Hilflosigkeit, Eure, unsere Ohnmacht. Ich spürte Eure eigene Angst davor, bitter zu werden angesichts dessen, was geschieht, angesichts der Desillusionierung aus vergangenen Kämpfen. 

Ich weiß nicht, über welches Ereignis Ihr gesprochen habt an diesem 5. April 2022. 

Seit dem 24. Februar 2022 höre ich kein Radio mehr. Fernsehen gehörte auch davor nicht zu meinen Gewohnheiten. In den ersten Tagen ohne Radio war es plötzlich still in meiner Küche. Aber in mir drinnen war Kriegsgetöse. Diesen Kontrast zwischen dem Lärm drinnen und der Stille draußen konnte ich kaum ertragen. Ich begann, den Podcast polski daily for beginners zu hören, da ich seit zwei Jahren polnisch lerne. In den Interviews erzählen Leute von ihrer Familie, vom Leben mit ihrer Katze, von den Frühstücksgewohnheiten in Italien und Polen und vieles andere Interessante, Spannende. Ich erfuhr etwas über das Leben der Schauspielerin Pola Negri. 

Es ist nicht so, dass ich völlig dicht gemacht habe. Ich informiere mich über den Krieg in der Ukraine in den sozialen Netzwerken, hauptsächlich auf Twitter. Auch auf Facebook finde ich interessante Hintergrundberichte, meist aus linken Quellen. 

In den ersten Tagen des Krieges gab es auf Twitter viele Augenzeugenberichte aus der Ukraine, manchmal mit Filmaufnahmen. Irgendwann hörte das auf, und ich musste neue Quellen finden. Bisher hatten mich lediglich Tweets zum Klimawandel und zu Rassismus und Antisemitismus interessiert. Weil ich entsprechenden Quellen folge, erfuhr ich sofort vom Tod des Holocaustüberlebenden Boris Romantschenko, von der Bombardierung der Gedenkstätte Babyn Jar und eines Holocaustdenkmals in der Nähe von Charkiv. 

Dass ich das Radio nicht einschalte, ist eine Abwehr- und Schutzreaktion. Ich will keine Frontberichte hören. Obwohl ich mir auch auf Twitter schon eine Karte angesehen habe, auf denen die Frontlinien und die Orte, an denen gekämpft wird, eingetragen sind. Eigentlich bekomme ich ohne Radio und Fernsehen eine Menge mit. Es ist eher die Art der Berichterstattung im Radio, vor der ich Angst habe, die in direkter Linie zu den Traumata meiner Kindheit führt. Die emotionslose Stimme der Nachrichtensprecher*innen, wenn sie über die Front und Details des Krieges sprechen. Das ist komplett anders als die ebenso emotionslos vorgetragenen Corona-Todesfälle. Corona war neu und fremd. Corona hatte auch mit Gewalt zu tun, mit unserer Gewalt gegen den Planeten, doch zugleich entstand mit dieser neuen Gefahr eine breite Front der Aufklärung und Vernunft, wie ich sie kaum für möglich gehalten hatte. Es gab keinen Putin, kein abstraktes Waffenarsenal, keinen roten Knopf. Stattdessen erklärte Professor Drosten das Virus, diese Lebensform, die eigentlich keine ist. Etwas zwischen Leben und Tod, gewissermaßen auch eine Waffe. Eine Waffe von Gaia. Es gab Zeiten, da liebte ich das Virus. Als die Straßen leer waren. Als die Maschine tagelang stillstand. Als klar wurde, dass es möglich ist, die Maschine zu stoppen. 

Es gibt keinen Professor Drosten des Krieges, auch wenn der NDR so tut. Drosten hat nicht länger seinen Sendeplatz, den haben jetzt Militärexpert*innen eingenommen. Wären es Friedensforscher*innen, würde ich ihnen zuhören.  

Als ich Kind war, war kein Krieg. Und doch war Krieg. Jedes Flugzeug erinnerte mich an die Bomben, die auf Dresden gefallen waren. Ich hatte es nicht selbst erlebt. Meine Mutter hatte die Bomben und die Toten gesehen als Kind. Ihr Erleben wurde mein Erleben. Ihre Angst wurde meine Angst. Krieg ist das Schlimmste. Mit dieser Überzeugung wuchs ich auf. Ich erwarb sie in der Schule. Ich verinnerlichte sie zu Hause. Meine Mutter schaltete den Fernseher aus, wenn darin Krieg war. Ich durfte keine Filme sehen, in denen Krieg war und/oder geschossen wurde. Da war ich zehn Jahre alt. Vorher hatten wir keinen Fernseher besessen. 

Ich bin zehn Jahre alt, als ich das erste Mal Fotos von Auschwitz sehe. Zufällig. Der Bildband steht in unserem Klassenzimmer, in dem in zwanzig Minuten der Deutschunterricht beginnen wird. Es ist die große Pause vor der letzten Stunde. In diesem Raum steht ein Bücherregal. Ich esse einen Apfel. Es ist warm, einer dieser Frühlingstage, an denen es morgens kalt ist und mittags heiß. Ich trage einen grünen Wollpullover mit kurzen Ärmeln und Cordhosen. Ich erinnere mich an jedes Detail des Moments, als ich dieses Buch aufschlage und die Fotos sehe. Der Moment brennt sich ein wie eine Tätowierung. Dieser Moment ändert alles. Dieser Moment ist stets gegenwärtig.

Von diesem Tag an bin ich besessen davon, herauszufinden, was geschehen war. Bis heute. Bis zu diesem Tag suche ich und forsche. 

Im Radio war immer Krieg. Im Radio und im Fernsehen standen die Kernwaffen in endlosen Reihen aufgereiht. Es war nur die Frage eines Knopfdrucks und alles wäre zu Ende. Mit dieser Zukunftsaussicht wuchs ich heran und zeugte doch ein Kind. Unter Tränen. Als ich schwanger war, wurden weitere Atomsprengköpfe in den Wäldern um Berlin stationiert. Ich weinte viel. Ich fühlte mich schuldig. Ich war sehr jung, als meine Tochter geboren wurde, und sehr depressiv. Ich begann, mich selbst zu zerstören. Denn warum sollte ich das den Bomben überlassen? Ich zerstörte mich und suchte doch nach einem Ausweg. Ich erlebte Irrtümer. Bis zu diesem Tag habe ich überlebt: meine Selbstzerstörung, meine Irrtümer, meine alles verschlingende Traurigkeit. 

Die schlimmsten Bilder meiner Kindheit sind die Fotos von Auschwitz und die Vorstellung von hilflosen, deutschen Familien, die in ihren Kellern darauf warten, dass der Krieg endlich aufhört und nichts vom Holocaust wissen. 

Wenn ich lese, dass Widerstand keinen Sinn macht, dass er die Politiker nicht interessiert, wenn ich die Klage darüber lese, nicht richtig informiert zu werden, dann ploppen meine Bilder dieser deutschen Familien in ihren Kellern auf. Dann wird mein Schmerz getriggert, der Schmerz, deutsch zu sein, der Schmerz, Kind kriegstraumatisierter Kinder zu sein und selbst ein Kind belastet zu haben mit der unendlichen Kette des Krieges und der Angst.

Meine Mutter machte den Fernseher aus. Ich schalte das Radio aus. 

Ich bin nicht bitter. Ich bin eine heillose Optimistin, eine Menschenfreundin, eine Kriegerin. Das bin ich geworden. Ich gebe nicht auf. Ich gehe auf die Straße. Ich wühle nach Antworten, auch im Dreck. 2011 war ich Teil einer weltweiten Bewegung, die so stark war, dass ich glaubte: Jetzt! Jetzt beginnt es! Die Bewegung fiel auseinander, aber lebte in ihren Bruchstücken weiter. Heute weiß ich rückblickend, dass damals tatsächlich etwas begann. Es wird Erzählungen darüber geben. Doch es geschah nicht das, was wir erwartet hatten. Mir wurde klar, dass wir nicht viel erwarten dürfen. Es ist wahr: Du kannst mit „Kerzlein und Mahnwachen“ keinen Krieg verhindern. 

Widerstand verhindert keine Kriege. Wiederstand verändert die Welt langsam, vielleicht zu langsam. Aber ich glaube daran, dass wir Menschen zu Gaia gehören und dass sie uns nicht verlieren möchte. Widerstand ist Würde und Schönheit. Dieser Schönheit fühle ich mich verpflichtet. 

Es geht um die Erzählungen für Deine Kinder. Wie hast Du Dein Leben verbracht? Was hast Du getan? Auf welcher Seite hast Du gestanden? Fühltest Du Dich der Würde und Schönheit verpflichtet? 

Es geht darum, solidarisch verbunden zu sein mit allen, die daran glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Eine andere Welt ist möglich. Und jeder, der sich die Zeit nimmt, das auf ein Pappschild zu schreiben und es hoch zu halten, jeder, der eine Demonstration mit seinem Namen anmeldet, jeder, der eine Petition in seinem Namen ins Netz stellt, jeder, der irgendwo seine Stimme, seinen Namen erhebt oder mit seinem Körper den öffentlichen Raum besetzt, beweist das. 

Das mindeste, was wir tun können, ist, dass wir Aktivist*innen unterstützen, indem wir einfach da sind, mit ihnen, auf der Straße. Ich wünschte, der Tag hätte die doppelte Länge. Ich wünschte, ich hätte mehr Jahre voller Kraft. Ich muss entscheiden, mit wem ich auf die Straße gehe, wo und in welchem Umfang ich mich engagiere. Meine Zeit ist begrenzt. Irgendwann werden wir als Hologramm gleichzeitig an mehreren Orten anwesend sein können. Aber auch dann werden wir entscheiden müssen, wohin wir diesen einen Körper bewegen.