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Kathrins Notiz-Blog 25. August 2010

© Illustration Liane Heinze

Kolja hat mich nach der Arbeit zu einem Cocktail eingeladen. Mit Kolja fällt das Reden leicht. Unsere Gespräche sind wie ein Bach, der über Kiesel springt. Die Themen finden kein Ende und werden niemals schwer.

Vor dem „Gorki-Park“ saß ein Cello-Spieler auf dem Bürgersteig. Wir hörten ihm eine Zeitlang zu. Es ging gegen zehn. Der Vollmond knallte und erleuchtete den Himmel sommerlich türkis. Ich dachte an unseren Wandschirm hinter dem Bett und wie Leon mich morgens in den Wasserlichtern mit seinem Penis aufweckt. Ich dachte an die drahtigen Locken, die ich als erstes spüre, wenn ich morgens verschlafen nach dem Tier suche. Kleine Tornados. Es macht mir Spaß, sie lang zu ziehen und wieder in ihre Form zurück schnippen zu lassen. Unvorstellbar grausam der Gedanke, dass eine andere Frau ihm so nahe kommen könnte.

Der Himmel funkelte und sprenkelte, als käme dieses Türkis nicht von den Sternen, sondern von weiter her, aus der pulsenden Mitte des Universums.

„Ich möchte mich mal wieder verlieben“, sagte Kolja. „Ich mag dieses Gefühl.“

„Ich auch.“

[...]

Kathrins Notiz-Blog 23. August 10

© Illustration Liane Heinze

Es mögen drei Tage gewesen sein, die Leon zu Hause verbracht hat, vielleicht auch drei Wochen. Es war eine Zeitspanne, die sich jedem Messinstrument entzog. Mir schien, als sei er nicht vollständig hier gewesen.

Ich hatte mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen. So lange hatten wir es noch nie ohne einander ausgehalten. Er war eines nachmittags ächzend die Treppe zu unserer Wohnung hinauf gestiegen, hatte seinen Schalenkoffer über die Schwelle gewuchtet und war dann im Türrahmen zusammen gebrochen. Seine Locken standen in staubigen Bündeln vom Kopf ab. Er war unrasiert. Der Fahrtwind hatte seine Augen ein Stück weiter aus dem schmalen Gesicht getrieben. Ich hatte seine nasse Stirn mit Küssen bedeckt, ein Fläschchen unter seine Nase gehalten und sofort Kaffeewasser aufgesetzt. Ich hatte meine Entwürfe vom Küchentisch geräumt und war los gegangen, Kuchen zu kaufen. Aber Leon hatte weder Lust auf Kuchen noch wollte er erzählen.

Er war durch die Wohnung getänzelt. Er hatte durch mich hindurch gesehen. „He, ich bin NICHT durchsichtig!“

„Ich weiß, Liebling.“ Fahriges Streicheln, flüchtiger Sex, an mir vorbei. Die Nächte hatte er in der Garage verbracht, um auf Ebay einzukaufen. Er sagte, er könne nicht schlafen.

Ich bin froh, wieder allein zu sein. Über die Fahrradteile, die auf dem Boden ausgebreitet liegen, steige ich hinweg. Die ganze Zeit habe ich meine Entwürfe nicht angerührt. Ich hatte Angst, dass Leons Unruhe sie erfassen und durcheinander bringen könnten, sobald ich mich ihnen widme.

Ich hatte Angst, an die Arbeit zurück zu kehren. Eine Unterbrechung war eingetreten. Eine Verschiebung hatte sich ereignet. Es war der Teil von Leon, der abwesend war, der mich am meisten beunruhigt hatte. Mein Blick auf die Entwürfe würde jetzt ein anderer sein.

Ich schaute meine Arbeit an. Ich konnte sie nicht bewerten, noch immer nicht. Ich bin ratlos.

[...]

Kathrins Notiz-Blog 7. Juli 10

© Illustration Liane Heinze

Im Radio sprach ein Physiker über die Zeit. Er wurde gefragt, ob die Zeit auch unabhängig von uns Menschen existiert. Er sagte, man wisse es nicht so genau, vermute es aber. Auf jeden Fall sei die Zeit nicht das, was wir dafür halten und was Uhren und Kalender messen.

Diesen Verdacht, dass die Uhren nicht stimmen, habe ich schon lange. Es gibt Zeitphänomene, die das beweisen. Phänomen Nummer eins (ich nenne es das Schildkröten-Phänomen): Zeit gewinnt man nicht, indem man sich beeilt, sondern indem man sich Zeit lässt oder Zeit nimmt. Der Ausdruck: sich-Zeit-nehmen drückt den Zeitgewinn ja auch aus.

Der Physiker im Radio sagte noch, dass wir zu schlampig mit dem Wort: Zeit umgehen. Wir sagen: Ich habe keine Zeit, aber das ist unkorrekt, da wir alle dieselbe Zeit haben. Korrekt müsste es heißen: Ich bin nicht frei. Oder: Ich bin beschäftigt.

Ich habe den ganzen Tag über der Skizze des Optikerladens gesessen. Morgen gehe ich damit zu Kolja. Er hat versprochen, mir bei der Umsetzung zu helfen.

Während ich meine Skizzen in eine Mappe packte, dachte ich, dass nur die Zeit, in der wir einen anderen Menschen lieben, wahrhaft gelebte Zeit ist. Dazwischen ist höchstens ein Polster aus etwas, aus dem man die Luft rauslassen, das Ding zusammenlegen, hinter einen Schrank schieben und vergessen kann. Das ist radikal, vielleicht, ja, in dem Sinne, dass ich der Zeit an die Wurzel gehe. Die Liebe ist das Maß der Menschenzeit: Das Umherziehen und Suchen, das Reifen und Verschmelzen, die neun Monate bis zu einer Geburt, der erste Schrei, das erste Lachen, das erste Wort. Alles, was wir im Leben tun, ist auf eine Liebeserklärung zurückzuführen.

Leon war in einem Fahrradgeschäft in Quatre-Chemins, als ich anrief. Er war völlig aus dem Häuschen, weil er gerade eine Campagnolo-Schaltung gefunden hatte. Ich fragte, ob er immer noch ein Kind mit mir haben möchte.

„Jetzt?“, sagte er. „Das ist vielleicht nicht der richtige Moment, oder?“

„Vor ein paar Wochen wolltest du unbedingt.“

„Möchtest du?“, fragte er.

„Ja“, sagte ich.

[...]

Held der Arbeit

Berliner Zeitung

In Wieland Giebels Buchladen Berlinstory werden nicht nur die Kunden glücklich – sondern auch die Angestellten


Die Berlinstory Unter den Linden 26 ist keine schöne Buchhandlung. Wahrscheinlich ist sie die hässlichste der Stadt. Gleich am Eingang quellen dem Besucher Ampelmännchen und T-Shirts mit Bärennasen entgegen, gefolgt von Nofretete- und Friedrich – Büsten aus Marmorstaub und Alabastergips, in diesem Jahr auch Luisen in allen Größen, gleich neben den Trabis. Es folgen mehrere Stapel dünner Broschüren mit teilweise dünnen Informationen über die Geschichte Berlins. Der Verkaufsschlager „Die Berliner Mauer 1961-1989“, ein Heft mit knapp erläuterten Fotografien aus dem Landesarchiv Berlin, erhältlich in 10 Sprachen, ist zu einem dicken Klotz vom Boden bis in Brusthöhe gestapelt. 9,80 Euro – Geschichte light für den Easy-Jetter.

Die erste Irritation geht von der Kassiererin aus. Obwohl ziemlich viel los ist, bleibt sie freundlich. Ihre Freundlichkeit ist weder angestrengt noch laut, sondern natürlich. Befinden wir uns wirklich in einem Touristenladen Unter den Linden? Kein Zweifel.

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Kathrins Notiz-Blog 28. Juni 10

© Illustration Liane Heinze

Leon ist nach Belgien gefahren. Er möchte in den Fahrradläden der kleinen Städte nach Restbeständen aus den europäischen und amerikanischen Manufakturen suchen, die spätestens Anfang der Neunziger alle schließen mussten.

Drei Tage lang erreichte ich Leon nicht. Das Land, von dem aus Europa regiert wird, schien vom Funkverkehr abgeschnitten. Am vierten Abend ging ich mit einem anderen Mann aus. Ein bisschen aus Wut, und um mich auf andere Gedanken zu bringen. Es war nicht irgendein Mann, sondern ein Optiker, der ein neues Geschäft sucht und möchte, dass ich es für ihn finde und gestalte, ein Freund von Kolja, etwas älter schon, ein gut aussehender Mann, gepflegt frisiert und glatt gebräunt, ein kunstinteressierter, urbaner Single. Der Optiker lud mich in die Oper ein, in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach.

Die Oper war großartig. In der Pause spendierte der Optiker ein Glas Sekt und zitierte sämtliche Feuilletons über die Inszenierung. Er musste sich den ganzen Nachmittag via Google vorbereitet haben. „Aber was ist Ihre Meinung? Was denken Sie?“ Vielleicht war es ein Fehler, ihn so direkt zu fragen. Ich hatte ihn in Verlegenheit gebracht.

„Das wichtigste ist doch, berührt zu werden“, sagte ich. Er wurde rot. Ich hatte ihn mit meiner Emotionalität endgültig verschreckt. Morgen würde er mir sagen, dass er sich das mit dem Laden noch mal überlegt hat. Dabei hatte ich schon so wunderbare Ideen. Die Skizzen steckten in meiner Tasche. Ich wollte sie ihm heute Nacht zeigen. Oder morgen früh, nach unserem Frühstück. Nach der Oper lud er mich zum Essen ein. Dann begann das Desaster. Wir redeten über Politik. Vielleicht fand er mich plötzlich nicht mehr attraktiv und wollte doch nicht mit mir schlafen? Warum sonst begann er ein Gespräch über Politik? Es stellte sich heraus, dass wir vollkommen unterschiedliche Ansichten hatten. Wir stritten sogar. Und die Skizzen für sein Geschäft trug ich wieder nach Hause, ohne dass er sie gesehen hatte.

Zu Hause legte ich mich in meinem schwarzen Plisée-Rock und den schwarzen Pumps aufs Bett. Ich hatte meinen ersten Auftrag verpatzt. Es fühlte sich an, als würde ich beerdigt. Ich sah, wie der Sargdeckel sich senkte und ins Schloss schnappte. Mein Herz begann zu rasen. Ich sprang auf, schaltete das Licht an, legte eine Platte auf (Abba – I do, I do, I do) und tanzte dazu. Ich öffnete eine Flasche Wein.

Gegen vier erreichte ich Leon endlich. „Was ist passiert?“

„Das wollte ich dich fragen. Wieso ist dein Telefon aus?“

„Der Akku war leer.“

„Achso.“

„Was ist los?“ bohrte Leon. „Du klingst verloren.“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Kathrin!“ Er dehnte meinen Namen wie eine Stange Lakritz. „Ich bin nicht aus der Welt. Ich bin in Belgien. Wie gesagt: Mein Akku war leer.“

„Und wieso ist er jetzt wieder voll?“

„Heute habe ich ein Kabel gekauft.“

„Warum hast du nicht angerufen? Es muss doch ununterbrochen pling-pling gemacht haben, so oft wie ich es versucht habe.“

„Ich war in der Stadt unterwegs, dann war es schon spät.“ Seine Stimme klang fremd.
Leon sagte, er müsse jetzt öfter nach Belgien fahren. Es gäbe dort wirklich eine Menge zu entdecken.
Wir schwiegen. Ich lauschte in die Stille. Nach einigen Sekunden begannen wir gleichzeitig zu sprechen, brachen beide wieder ab und begannen dann wieder gleichzeitig.

„Sag du!“

„Nein, du.“

„Du hast dein Handy aufgeladen und mich stundenlang nicht angerufen.“

„Ich habe das Handy zum Laden im Hotel gelassen. Ich hatte es gar nicht mit in der Stadt. Als ich zurückkam, war es kurz nach zwölf, ich dachte, du schläfst vielleicht schon. Wieso bist du noch wach?“

„Ich habe gerade von meiner Beerdigung geträumt. Darüber bin ich wieder aufgewacht.“

„Wie war deine Beerdigung?“

„Ganz nett. Sie spielten Jaques Offenbach. Aber der Sarg war ziemlich eng.“

„Hmmm!“

Wieder lauschte ich in das Schweigen.

„Sag du!“

„Ich liebe dich“, sagte Leon. Es klang ein bisschen pathetisch und sehr schön, so, dass ich ihm von dem Abend mit dem Optiker erzählen wollte, und dass ich meinen ersten Auftrag verpatzt hatte. Ich erzählte aber nichts. Er war allein in einem belgischen Hotel in einer Stadt, die niemand kennt außer den Menschen, die dort leben. Das war schlimm genug.

[...]