28. Juni 2010, 19:39

© Illustration Liane Heinze
Leon ist nach Belgien gefahren. Er möchte in den Fahrradläden der kleinen Städte nach Restbeständen aus den europäischen und amerikanischen Manufakturen suchen, die spätestens Anfang der Neunziger alle schließen mussten.
Drei Tage lang erreichte ich Leon nicht. Das Land, von dem aus Europa regiert wird, schien vom Funkverkehr abgeschnitten. Am vierten Abend ging ich mit einem anderen Mann aus. Ein bisschen aus Wut, und um mich auf andere Gedanken zu bringen. Es war nicht irgendein Mann, sondern ein Optiker, der ein neues Geschäft sucht und möchte, dass ich es für ihn finde und gestalte, ein Freund von Kolja, etwas älter schon, ein gut aussehender Mann, gepflegt frisiert und glatt gebräunt, ein kunstinteressierter, urbaner Single. Der Optiker lud mich in die Oper ein, in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach.
Die Oper war großartig. In der Pause spendierte der Optiker ein Glas Sekt und zitierte sämtliche Feuilletons über die Inszenierung. Er musste sich den ganzen Nachmittag via Google vorbereitet haben. „Aber was ist Ihre Meinung? Was denken Sie?“ Vielleicht war es ein Fehler, ihn so direkt zu fragen. Ich hatte ihn in Verlegenheit gebracht.
„Das wichtigste ist doch, berührt zu werden“, sagte ich. Er wurde rot. Ich hatte ihn mit meiner Emotionalität endgültig verschreckt. Morgen würde er mir sagen, dass er sich das mit dem Laden noch mal überlegt hat. Dabei hatte ich schon so wunderbare Ideen. Die Skizzen steckten in meiner Tasche. Ich wollte sie ihm heute Nacht zeigen. Oder morgen früh, nach unserem Frühstück. Nach der Oper lud er mich zum Essen ein. Dann begann das Desaster. Wir redeten über Politik. Vielleicht fand er mich plötzlich nicht mehr attraktiv und wollte doch nicht mit mir schlafen? Warum sonst begann er ein Gespräch über Politik? Es stellte sich heraus, dass wir vollkommen unterschiedliche Ansichten hatten. Wir stritten sogar. Und die Skizzen für sein Geschäft trug ich wieder nach Hause, ohne dass er sie gesehen hatte.
Zu Hause legte ich mich in meinem schwarzen Plisée-Rock und den schwarzen Pumps aufs Bett. Ich hatte meinen ersten Auftrag verpatzt. Es fühlte sich an, als würde ich beerdigt. Ich sah, wie der Sargdeckel sich senkte und ins Schloss schnappte. Mein Herz begann zu rasen. Ich sprang auf, schaltete das Licht an, legte eine Platte auf (Abba – I do, I do, I do) und tanzte dazu. Ich öffnete eine Flasche Wein.
Gegen vier erreichte ich Leon endlich. „Was ist passiert?“
„Das wollte ich dich fragen. Wieso ist dein Telefon aus?“
„Der Akku war leer.“
„Achso.“
„Was ist los?“ bohrte Leon. „Du klingst verloren.“
„Ich habe mir Sorgen gemacht.“
„Kathrin!“ Er dehnte meinen Namen wie eine Stange Lakritz. „Ich bin nicht aus der Welt. Ich bin in Belgien. Wie gesagt: Mein Akku war leer.“
„Und wieso ist er jetzt wieder voll?“
„Heute habe ich ein Kabel gekauft.“
„Warum hast du nicht angerufen? Es muss doch ununterbrochen pling-pling gemacht haben, so oft wie ich es versucht habe.“
„Ich war in der Stadt unterwegs, dann war es schon spät.“ Seine Stimme klang fremd.
Leon sagte, er müsse jetzt öfter nach Belgien fahren. Es gäbe dort wirklich eine Menge zu entdecken.
Wir schwiegen. Ich lauschte in die Stille. Nach einigen Sekunden begannen wir gleichzeitig zu sprechen, brachen beide wieder ab und begannen dann wieder gleichzeitig.
„Sag du!“
„Nein, du.“
„Du hast dein Handy aufgeladen und mich stundenlang nicht angerufen.“
„Ich habe das Handy zum Laden im Hotel gelassen. Ich hatte es gar nicht mit in der Stadt. Als ich zurückkam, war es kurz nach zwölf, ich dachte, du schläfst vielleicht schon. Wieso bist du noch wach?“
„Ich habe gerade von meiner Beerdigung geträumt. Darüber bin ich wieder aufgewacht.“
„Wie war deine Beerdigung?“
„Ganz nett. Sie spielten Jaques Offenbach. Aber der Sarg war ziemlich eng.“
„Hmmm!“
Wieder lauschte ich in das Schweigen.
„Sag du!“
„Ich liebe dich“, sagte Leon. Es klang ein bisschen pathetisch und sehr schön, so, dass ich ihm von dem Abend mit dem Optiker erzählen wollte, und dass ich meinen ersten Auftrag verpatzt hatte. Ich erzählte aber nichts. Er war allein in einem belgischen Hotel in einer Stadt, die niemand kennt außer den Menschen, die dort leben. Das war schlimm genug.
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