Sommerlang

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Gisela Eichardt „Zwilling, allein“, Holzrelief, 2015 / www.giselaeichardt.de

G E G E N Ü B E R

Eine Ausstellung von Linde Bischoff und Gisela Eichardt
Laudatio am 24. Januar 2016 in der Gedok-Galerie „Kunstflügel“
in Rangsdorf

Linde Bischoff und Gisela Eichardt, die beiden Künstlerinnen, die heute hier ihre Werke zeigen, haben sich vor zirka zwei Jahren bei den Offenen Ateliers in Weißensee kennengelernt, genauer gesagt, im Atelier von Linde Bischoff.

Und nun gehen sie das Wagnis ein, die von ihnen geschaffenen Köpfe und Figuren auf ziemlich engem Raum einander Continue reading

for the sky not to fall

Ein Abend im Europäischen Zentrum der Künste Dresden

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Festspielhaus Hellerau in Dresden

http://www.hellerau.org

Das Festspielhaus Hellerau oder auch Europäisches Zentrum der Künste Dresden ist ein Ort des Widerstands und der Hoffnung, im Norden der Pegida-Stadt, wo im kommenden Herbst die Afd vermutlich mit Pauken und Trompeten in den Landtag einziehen wird.

Derzeit läuft in Hellerau das Festival Brasilianische Alternativen. Heute wurde eine Choreorafie der Künstlerin Lia Rodrigues aufgeführt. Sie soll die bedeutendste brasilianische Choreografin sein.

Es gab keine Bühne. Die Performance fand mitten im Publikum statt und mit dem Publikum. Zuweilen erschien mir das Publikum performativer, zumindest interessanter zu beobachten als der Annäherungsversuch der zehn agierenden Tänzerinnen, Männer und Frauen. Wüsste ich nicht ganz genau, dass es in Hellerau keinen Urwald mehr gibt, würde ich schwören, dass sie aus dem Wald kamen und wir davorstanden. Sie waren nackt, tierhaft, mit Kaffeepulver, roter Farbe und Gewürzen bestäubt. Sie bahnten sich Wege durch uns, das Publikum, die wir auf der Bühne vermutlich die Rolle der weißen Großstädter spielten, der Entfremdeten. Sie suchten unsere Blicke, hinterließen Kaffee- und Gewürzspuren an unserer Kleidung. Sie verwandelten sich in Tiere, robbten, krochen, flatterten zwischen uns hindurch. Wie auch immer, sie schufen sich ihren Weg. Ohne ein Wort. Später durften wir ihnen zuschauen bei ihrem Ritual. Sie waren wie in Trance, verrückt, wahnsinnig, glücklich. Den Rhythmus, zu dem sie kraftvoll tanzten, erzeugten sie allein mit ihren Fußsohlen. Es war die einzige Musik.

„Wir tanzen für die, die nicht tanzen können“, sagt Lia Rodrigues über ihre Choreografie.

Am Ende der Performance lasen die Künstler  ein Statement zur aktuellen Situation in Brasilien. Sie sagten, sie seien mit dem Putsch gegen Dilma Rousseff nicht einverstanden. Es sei ein Schlag gegen die mühsam errungene Demokratie in Brasilien. Nach dem Putsch seien verschiedene Ministerien geschlossen worden, u.a. das Ministerium für die Gleichstellung der Frau, das Ministerium für die Angelegenheiten indigener Völker und das Energie-Ministerium.

Seid nicht traurig, wenn ihr heute Abend nicht in Dresden sein konntet. Das „Projeto Brasil“ kommt nach Berlin, ins HAU, vom 7.-19. Juni. Geht unbedingt hin! Das Hau hat bereits eine kleine Zeitschrift zum „Projeto Brasil“ gedruckt mit interessanten Aufsätzen zur Situation in Brasilien. Der Titel der Tanzperformance „For the sky not to fall“ wurde umgewandelt in „the sky is already falling“.

Aber es gibt Hoffnung. Eine ist das Festspielhaus Hellerau und sein Intendant Dieter Jaenicke. Er lebte selbst einige Jahre in Brasilien und übersetzte auf dem kleinen anschließenden Empfang alle Reden. Im Publikum waren die Intendanten der anderen Bühnen, zu denen das „Projeto Brasil“ noch reisen wird, unter ihnen Amelie Deuflhard, die so viele Jahre die Sophiensäle geführt hat und jetzt das Hamburger Theater Kampnagel leitet. Es gab übrigens leckeres brasilianisches Gebäck, gesponsert vom Kulturministerium der Stadt. Ein Feueralarm beendete den Abend etwas abrupt. Es hieß, in der Küche sei ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hat der Koch auch nur eine Zigarette geraucht. Wir mussten das Haus verlassen.

 

„Die Sehnsucht vor allem“

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Skulpturen von Sabina Grzimek in der aktuellen Ausstellung in Sepp Maiers Zweiraumwohnung

http://www.seppmaiers2raumwohnung.de/

A U G E N B R Ü C K E N
Eine Ausstellung von Antje Neppach und Sabina Grzimek
Laudatio am 17. März 215 in der Galerie im Rathaus Lichtenberg

Der Titel der Ausstellung irritiert. Weil das Wort Augenbrücken einerseits ein flüchtiges Phänomen assoziiert, das des Augenblicks, diesem aber eine feste bauliche Struktur zuordnet. Letztendlich beschreibt das Wort, worum es in dieser Ausstellung geht: Das unsichtbar Flüchtige einzufangen, festzuhalten und zu zeigen.

Wenn wir einander anschauen, entsteht eine Brücke. Manchmal zerfällt sie a u g e n b l i c k l i c h. Aber es geschieht auch, dass wir uns auf die entstandene Brücke wagen, mit ersten unsicheren Schritten. Trägt sie? Aus der Begegnung entsteht möglicherweise Continue reading

Völlig hingerissen

Wir haben alles, wir brauchen nichts, das Richtige zu schenken ist ohnehin ein kompliziertes Ding. Sind Weihnachtsgeschenke folglich sinnlos? Niemals!
Eleonore Roedel.Katze

Illustration © Eléonore Roedel

Zum Geburtstag habe ich eine dieser Manga-Katzen aus Plastik geschenkt bekommen, die ständig winken. Man sieht sie häufig in Schaufenstern von Asia-Shops. Ich war irritiert, als meine Freundin mir die Katze überreichte. Das konnte eigentlich nur ironisch gemeint sein. Am nächsten Tag trug ich die rote Katze in der Wohnung umher, auf der Suche nach einem Platz, der ausreichend respektvoll ist, an dem sie aber nicht stören würde. Schließlich stellte ich sie im Bad in die weiß geflieste, in die Wand eingelassene Ablage für Klopapierrollen. Ich schaute der Katze eine Weile beim Winken zu und dachte über meine Freundin nach.

Wir hatten uns vor einigen Jahren in der Warteschlange vor einem Theater kennengelernt. Das heißt, es war gar kein Theater gewesen, sondern ein verlassenes Stadtbad, in dem „Das Gastmahl“ von Platon aufgeführt wurde. Continue reading

Feuerwerk jetzt!

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Ich bin dafür, den Jahreswechsel in den September vor zu verlegen. Es gibt mehrere gute Gründe dafür. Einer und zugleich der wichtigste ist, dass Silvesterfeiern im September die Welt verbessern würde.

Man sagt, dass revolutionäre Ideen oft in Notsituationen geboren werden, die Erfindung des Feuers beispielsweise oder des Rades. So war es auch in diesem Fall. Mein Freund und ich, wir waren eine Zeitlang gezwungen, jedes Jahr Ende August nach Paris zu fahren, weil eines unserer Kinder die Sommerferien bei uns verbracht hatte und nun wieder nach Hause zu seiner Mutter in ein französisches Übersee-Departement fliegen musste. Es war jedes Jahr ein trauriger Abschied. Wir winkten der Maschine nach, bis sie als kleine zitternde Fata Morgana im Himmel verschwand. Danach schlichen wir über den schmelzenden Teer in den Straßen von Paris und hielten in der verlassenen Stadt nach der halb geöffneten Jalousie eines Eckladens Ausschau, um uns mit großen Wasserflaschen auszurüsten, bevor wir auf der nächsten Parkbank zusammen brachen. Paris im August ist der Ausnahmezustand. Continue reading