Nostalgie. Erinnerungen. Der ganze Mist

nostalgie gold

Illustration © Claudia Pomowski. (http://www.c-pom.de)

Dann feiern wir eben, wenn alle wieder zu Hause sind, hatte Hannes gesagt. Zwischen den Jahren, hatte er gesagt, und Karla hatte gedacht: Zwischen den Stühlen.

Der Tisch war gedeckt. Es standen keine Stühle ringsum, sondern zierliche Sessel. Karla hatte sich in der Wanne quer gesetzt, ließ die Beine über den Rand baumeln und betrachtete durch die geöffnete Badezimmertür den gedeckten Tisch in der Küche. Weiße Teller. Darauf lagen die Geschenke. Sie würde noch Kerzen dazu stellen und Hannes müsste unbedingt Blumen vom Markt mitbringen. Sie rief ihn an. Er war gerade beim Fischhändler und konnte sich nicht entscheiden. Flussbarsche? – Ja, aber lass sie unbedingt schuppen und ausnehmen. – Klar. Und wofür die Blumen? – Für den Tisch. Ich meine, Weihnachten ist doch jetzt wirklich vorbei. Wir müssen nicht mit Tannengrün oder so anfangen. – Na gut. – Lass dir Zeit, ja? Ich brauche hier noch ein bisschen.

Karla ließ das Wasser ab, schälte sich umständlich aus der Wanne und griff bibbernd nach einem Badetuch. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihre Füße waren. Sie erschrak.

Continue reading

Letzter Aufruf

fullsizeoutput_1c47

Foto © Andrea Vollmer

„Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her.“

Mit 50 Jahren kannst du noch entscheiden, ob du wirklich jung werden willst

Mit neunzehn Jahren, in zerrissenen Turnschuhen, ungeschminkt und unzufrieden mit meinem Körper, meinen Haaren, meinem Gesicht und dem Leben überhaupt, in das ich geworfen war, unternahm ich manchmal den Versuch, mir eine bessere Zukunft auszumalen. Eines fernen Tages, mit Mitte Zwanzig ungefähr, würde ich eine begehrenswerte, schöne Frau sein, mit einem oder mehreren Liebhabern und einem Beruf, in dem meine Meinung geschätzt und meine Ideen gefragt sind. So machte ich mir Mut. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich diese erträumten Lebensumstände erst einstellen würden, wenn ich 50 Jahre alt geworden bin. In Worten: F Ü N F Z I G. Ein derart hohes Alter überhaupt zu erreichen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute bin ich überzeugt, dass einige meiner Vorbild-Frauen, Continue reading

Ein kleines, kuschliges Zugehörigkeitsgefühl

Kuschelheimat-Matroschka

Die Kuschelheimat-Matroschka mit den schönen, langen Wimpern zeichnete Anni von Bergen für Das Magazin. http://annivonbergen.com

 

Kathrin Schrader beneidet manchmal die anderen um ihre Heimat und ihr Heimweh. Ihr fehlt etwas, aber bald kommt ihr in den Sinn, dass sie sich so was Ähnliches längst erschaffen hat. 

Héctor gibt sich mal wieder seiner Verzweiflung über Deutschland und die Deutschen hin. Es ist immer dasselbe. Wir seien ein schweigsames, angepasstes Volk und hätten viel zu wenig Sex. Er könne niemals in diesem Land heimisch werden, in dem es mehr regnete als in London und kälter sei als in Alaska, im Sommer jedenfalls, in dieser Nation, in der keiner zu feiern verstünde und sowohl Männer als auch Frauen sich kleideten, als lebten sie noch in Erdbehausungen oder Holzhütten wie einst die Wikinger. Er werde in seinem Herzen und seiner Lebensart immer Franzose bleiben. Mir kommt es vor, als sei Frankreich für ihn eine Art Notfallkoffer, den er nur öffnen braucht, wenn mal ein Tag schiefging und schon steigt die fabelhafte Welt der Amélie daraus empor, nach frischem Baguette und Croissant

Continue reading

Aus der Tarnung

Jeanne-Mammen-Retrospektive  „Die Beobachterin“

in der Berlinischen Galerie

vom 6. Oktober 2017 bis 1. Januar 2018

fullsizeoutput_1978

Jeanne Mammen. Selbstbildnis. 1929. 

fullsizeoutput_1944

Jeanne Mammen. Sie repräsentiert. um 1928. 

Es gibt ein Foto von Jeanne Mammen, da sitzt die Künstlerin in ihrem Wohnatelier Ku-Damm 29 und hält den Stift bereit zum Zeichnen. Ihr Blick ist konzentriert auf ein Modell oder Objekt gerichtet. Zugleich schaut sie die Fotografin an, die sie aus dieser Richtung aufnimmt. So wird der Betrachter des Fotos zum Modell, das kritisch von der Malerin fixiert wird.

„Die Beobachterin“ heißt die Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie, noch zu sehen bis zum 15. Januar 2018. Beobachterinnen sind nicht gemütlich. Sie sind Jägerinnen, die ihre Beute nicht aus dem Auge lassen. Beobachterinnen versuchen sich zu tarnen. Sie sehen harmlos aus. Continue reading

„Alles muss in ihr System aufgenommen werden. Sonst können Sie nicht wirkliche Einfachheit erlangen.“ Gertrude Stein

Im Sommer auf Schloss Plüschow und jetzt in Torgau

fullsizeoutput_1797

Studio fünf auf Schloss Plüschow im August 2017, als Anett Lau dort wohnte.

Ich mochte diese Klinke und den Strauß, seine zarten, grünen Blüten. In einem Foto habe ich die Klinke fokussiert, in einem anderen die Blumen. Aber dieses mit dem Fokus auf der Klinke gefällt mir besser.

Die Klinke gehört zu Studio fünf auf Schloss Plüschow, in dem die Berliner Künstlerin Anett Lau den ganzen August lang gewohnt hat. Ich durfte sie dort besuchen. Zu ihrem Studio gehörten ein Wohnraum und ein großes, helles Atelier, beide Räume mit hohen Fenstern zum drinsitzen und raus dösen. Zum Dösen hatte ich kaum Zeit. Obwohl ich wirklich gern döse. Wir haben viel geredet in dem einsamen Schloss im hügeligen Westmecklenburger Land, einen Steinwurf von der Ostsee entfernt.

Reisende am Haltepunkt Plüschow müssen dem Zugführer winken, damit er anhält. Eigentlich ist es Unsinn, von Reisenden zu sprechen. Der Bahnsteig erlaubt keinen Plural. Wer nach Plüschow kommt, kommt allein und möchte allein sein.

Einsamkeit Continue reading