Kiesel Sand Modder

Performance für einen Pfuhl

Makiko Nishikaze – Klangskulptur | malatsion – Skulptur aus organischem Material und Aktion

4. September 2021, 15 Uhr

Ort: Karutschenpfuhl im Garten der Leo-Borchard-Musikschule in 12169 Steglitz, Grabertstraße 4, 6 Minuten Fußweg ab S-Bahn-Station Südende. Der Eintritt ist frei. Bitte anmelden unter eklat.berlin@posteo.de

Teil II – Auf dem Weg zu einem Ort

Usedom-Radweg, Vorpommern

Im August 2020 fuhr ich mit meinem Freund Philippe auf dem Usedom-Radweg. Es waren heiße, sonnige Tage. Auf dem ganzen Radweg begegnete uns kaum ein Mensch. Hinter Prenzlau fuhren wir durch mehrere verlassen wirkende Dörfer. Es gab weder Cafés noch Restaurants, auch keine Läden. Die Häuser sahen ärmlich aus. Die Straßen waren notdürftig geflickt. Nirgendwo eine Bewohner*in in ihrem Garten oder auf der Dorfstraße. Ödnis. Das Gefühl, an der Bruchkante einer Gesellschaft angekommen zu sein. Und so müssen sich die letzten verbliebenen Bewohner*innen dieser Dörfer fühlen.

Hier und da war ein hübsches Bauernhaus zu erblicken, mit Keramiken in den geputzten Fenstern, renoviert von Leuten aus der Stadt, die ihr Leben aufs Land verlegen wollen.

In einem der Dörfer fuhren wir an diesem Schild vorbei: UNSER DORFTEICH SO LEER WIE EURE VERSPRECHEN. Dieses Schild, direkt am Usedom-Radweg aufgestellt, gegenüber des vertrocknenden Tümpels, rührte mich. Ich fühlte mich direkt angesprochen. Natürlich war ich nicht gemeint, denn ich hatte den Bewohnern ja keine LEEREN VERSPRECHEN gemacht, aber ich fühlte mich aufgerufen, etwas zu tun. Wir können doch nicht zusehen, wie ein Dorfteich vertrocknet! Am liebsten hätte ich eine längere Station eingelegt. Es gab unweit so etwas wie eine Pension, allerdings ausgebucht. Obwohl ich vielen dieser kleinen Pensionen am Usedom-Radweg, die alle behaupteten, ausgebucht zu sein, nicht glaube. Wer, bitte schön, wohnt dort? Es ist kein Mensch auf der Straße, kaum ein Radfahrer. Die Ödnis der Strecke hat sich herumgesprochen. Der gewöhnliche deutsche Ökotourist bevorzugt Idyllen. Vermutlich haben die Betreiber der Pensionen einfach keine Lust mehr. Oder keine Zeit. Wahrscheinlich fahren sie täglich hunderte Kilometer zu ihrem Arbeitsort und wieder zurück. 

Ich dachte wieder an die Plastiken von malatsion. Ich dachte, dass wir das Begräbnis-Ritual hier an diesem Ort durchführen sollten, für dieses sterbende kleine Biotop an der Bruchkante der Gesellschaft. Ich dachte an ein radikal ökologisches Kunstprojekt. Wer kommt, um es zu sehen, soll sich auf das Fahrrad setzen oder in den Zug. Die nächste Bahnstation ist nicht weit. Wir könnten gemeinsam mit den Dorfbewohner*innen einen Shuttle-Service einrichten. Auch die Presse fordern wir auf, das Rad zu nehmen. Okay, wir können niemanden zwingen. Wir können nur appellieren. Es ist wie mit der Impfung. Ich bin strikt gegen Zwänge. Ich bin für Bildung und Aufklärung. Gestern hat die Bundesregierung beschlossen, dass es für Ungeimpfte keine kostenlosen Tests mehr geben soll. Ich finde das schlimm. Das ist einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft unwürdig. Wir müssen Menschen tragen, die sich vor dieser Impfung fürchten. Es gibt tausend Gründe, sich vor dieser Impfung zu fürchten. Das müssen wir respektieren. By the way: Ich bin geimpft und froh darüber. Ich bin glücklich, in einem Land zu leben, in dem kostenlose Tests und kostenlose Impfungen für alle bereitstehen. Und letztendlich wurde diese Mammutaufgabe fantastisch bewältigt. Aber ich hasse die Verlogenheit, zu sagen, bei uns sei alles frei und freiwillig, es gäbe hier keine Zwänge, jeder würde respektiert, so wie er ist, dann aber Regeln zu schaffen, die Menschen ausschließen, nur weil sie ein bisschen anders ticken. Anders ticken muss erlaubt sein! 

Ich schweife ab. Aber alles hängt nun einmal mit allem zusammen. In diesem Jahr 2020 habe ich viele sehr gute Bücher entdeckt, die mich prägten, weil die Autor*innen den Zustand der Natur, den Zustand der Gesellschaft und den Zustand der Regierungen zusammen denken. „Das terrestrische Manifest“ von Bruno Latour beispielsweise. Oder: „Entwertung. Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen“, von Raj Patel und Jason W. Moore. 

Sowohl Latour als auch Patel und Moore schreiben, dass es bei jeder politischen Entscheidung, bei jedem Krieg und jedem Börsenkurs und auch in der Entwicklung von Regionen bzw. deren Nichtentwicklung um den Boden geht, auf dem wir stehen und gehen. 

Das klingt ein bisschen nach „Blut und Boden“. Gruselig. Und genau das ist das Problem. Latour schreibt: „Um zu beruhigen, müsste man zu zwei komplementären, durch die Herausforderung der Modernisierung, aber widersprüchlich gewordenen Regungen fähig sein: sich einerseits an einen bestimmten Boden zu binden und andererseits weltbezogen zu werden. Bislang galt dieses Unterfangen in der Tat als undurchführbar. Zwischen beiden, so war zu hören, muss gewählt werden. Es kann sein, dass die gegenwärtige Geschichte diesem scheinbaren Widerspruch ein Ende setzt.“ 

Und weiter schreibt Latour: „Es gibt im Gegenteil nichts Innovativeres, nichts, das stärker präsent, subtiler, technischer, künstlicher (im besten Wortsinn) und weniger rustikal und bäuerlich-ländlich wäre, nichts, das schöpferischer wäre und der gegenwärtigen Zeit mehr entsprechen würde, als darüber zu verhandeln, wie und wo wieder Bodenhaftung erzielt werden könnte.“  

Zuvor führt Latour aus, dass die sogenannte Globalisierung von der Vielheit weg zu einer vereinheitlichten Sicht auf die Welt führte. Globalisierung wurde für einige wenige Menschen kreiert, die davon profitierten, während die Masse verarmte und alles verlor, sogar ihre Zuhäuser und ihre Identität. 

Meine Idee war, alle Dorfbewohner*innen Teil der künstlerischen Performance werden zu lassen, indem wir sie in den Prozess einbeziehen. Indem wir sie bitten, Quartiere für die Gäste zu stellen und mit ihren Wagen einen Shuttle-Service zur nächsten Bahnstation zu organisieren, indem wir mit ihnen sprechen, indem wir uns ihre Geschichten erzählen lassen und diese aufschreiben. 

Ich weiß, dass es schwer zu realisieren wäre. Denn für die Dörfler*innen bleiben wir intellektuelle Städter*innen, die keine Ahnung davon haben, was es heißt, an der Bruchkante der Gesellschaft zu leben. Womit sie Recht haben. Wir kommen vorbei, bringen kurz Aufruhr und Presse und verschwinden wieder. Und für den Dorfteich ändert sich nichts. Vielleicht ist es ein Vorurteil. Vielleicht sind wir doch eines Tages dort an dem vertrocknenden Dorfteich und schreiben eine neue Geschichte…

Am Ende des Sommers wieder zu Hause, bekam ich Post von malatsion. Sie hatte ihre Skulpturen inzwischen produziert. In einem Garten im Münsterland hatte sie bereits eine künstlerische Performance gemacht, mit dem gARTstipendium bei ARTLOCH Prod., Borken/Westf. Sie hatte ihre nach Pflanzensamen und Pollenkörnern geformten Plastiken in einem Begräbnisritual dem Boden übergeben. Die Lokalpresse hatte darüber berichtet. Das Foto in der Zeitung zeigt die Künstlerin in einem weißen Arbeits-Overall beim Ausheben der Löcher. Daneben stehen ihre dunklen Plastiken aufgereiht. 

Wir beschlossen, eine ähnliche Performance für Berlin zu entwickeln und hier eine Geldgeber*in zu suchen. Außerdem wollten wir eine weitere Künstler*in gewinnen, mit uns zu arbeiten, um malatsions Idee einer Performance zu erweitern. 

Ich hatte die Klangkünstlerin Makiko Nishikaze bei der Vernissage von Christine Düwel gesehen. In makokon arbeitet sich Makiko minutenlang – wie ein Insekt aus seinem Kokon – aus einem Papierberg vorsichtig hinaus in den Lärm der Stadt. 

Makiko sagte zu, mit uns zu arbeiten. 

Nachdem das Kulturamt Steglitz-Zehlendorf uns die Finanzierung des Projekts KIESEL SAND MODDER gewährt hatte, erhielten wir vom Tiefbauamt eine Absage für unsere Idee, eine Performance für die Bäke im Bäke-Park zu machen. Begründet wurde die Absage damit, dass die öffentlichen Parkanlagen im Coronajahr 2020 sehr frequentiert waren und nun jede größere Menschenansammlung in den Parks vermieden werden soll. 

Aber die Leute im Grünflächenamt halfen uns, einen neuen Ort zu finden. Dieser Ort ist eine Wiese am Karutschenpfuhl im Garten der Leo-Borchard-Musikschule in Steglitz. Der Pfuhl befindet sich in einem bedauernswerten Zustand. Sein Wasserspiegel ist soweit gesunken, dass er vom Ufer nicht mehr zu erreichen ist. Die Reste eines Stegs modern im dunklen, stehenden Gewässer, das mehr einer Jauchegrube ähnelt als einem Teich. Der Teich ist völlig unbeachtet im hinteren Teil des Gartens. Verschwindet er, weil ihn niemand mehr anschaut? 

Wissen die Musikschüler, die in der schönen, alten, weißen Villa ein- und ausgehen, dass hinter der Schule ein Teich ist? Ein Teich, auf dem vor nicht allzu langer Zeit Boot gefahren, in dem gebadet wurde. 

„[Zwischen Karutschenpfuhl] und Hambuttenpfuhl bestand ein Teichverbund mit Wasserläufen und Brücken. Das Gelände diente dem überregionalen Ausflugsbetrieb mit Badeanstalt, Gartenlokalen und Bootsbetrieb. Die Pfühle sollen 7 Quellen gehabt haben. Insgesamt macht der Karutschenpfuhl [heute] den Eindruck eines gestörten Ökosystems.“ (Quelle: Bestandsaufnahme Stehende Gewässer II. Ordnung im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, vorgelegt im Dezember 2004) 

malatsion und Makiko bei der Besichtigung des Gartens, Juni 2020

https://malatsion.de

http://www.makiko-nishikaze.de

Kiesel Sand Modder

Performance für einen Pfuhl

Makiko Nishikaze – Klangskulptur | malatsion – Skulptur aus organischem Material und Aktion

4. September 2021, 15 Uhr

Ort: Karutschenpfuhl im Garten der Leo-Borchard-Musikschule in 12169 Steglitz, Grabertstraße 4, 6 Minuten Fußweg ab S-Bahn-Station Südende. Der Eintritt ist frei. Bitte anmelden unter eklat.berlin@posteo.de

Teil I – Die Idee

malatsion, Infiltration, 2021, Kugelschreiberzeichnung

Sie entstand im ersten Lockdown. Der abrupte Stillstand des gesellschaftlichen Lebens hatte in uns allen die Hoffnung ausgelöst, dass die Menschheit in ein kollektives Nachdenken über die nächsten, längst fälligen Schritte geht. Die Frage, wie wir weiterleben können, war vom tosenden Getriebe stets übertönt worden. Nun dominierte sie die Stille. 

In einem telefonischen Interview für den Podcast „Wie geht es dir?“, den ich im ersten Lockdown produzierte, erzählte mir die Plastikerin malatsion von ihrer Idee, Skulpturen aus einer organischen Substanz zu formen, die, im Freien aufgestellt, allmählich verrotten, dabei die Humusbildung des Bodens fördern und auf diese Weise CO2 binden. Sie wolle diese Skulpturen in einem Park oder Garten vergehen lassen, als Geschenk für die Erde. 

Mir gefiel die Idee, nicht nur wegen des ökologischen Ansatzes, sondern auch wegen der Idee des Vergehens von Kunstwerken, die zuvor aufwändig produziert worden waren und gewöhnlich hochversichert in einer Galerie stehen.  

Eine meiner Kolleg*innen versteht das nicht. Wie kannst du es gut finden, dass Kunst zerfällt und verschwindet? sagt sie. 

Vermutlich sehne ich mich nach einem Paradigmenwechsel, mehr noch, nach einer Umkehr der Werte. Was nutzt alle Kunst der Welt, wenn wir die Erde als Wohn- und Schaffensort verlieren? Es gibt diesen Spruch, dass man noch einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen und ein Haus bauen soll, auch wenn am nächsten Tag die Welt untergeht. Ja. Ich bin dafür, bis zum letzten Tag künstlerisch und kreativ tätig zu sein. Aber das ist gewissermaßen eine Form der Resignation. Wir gehen unter, also machen wir weiter. Wie das Orchester auf der Titanic.

In der Zerstörung des eigenen Kunstwerks, um es der Erde zu schenken, sehe ich einen aktiven, schöpferischen Akt, eine Aufforderung zum Umdenken.





http://www.makiko-nishikaze.de

https://malatsion.de

Podcast

Ateliergespräch No. 2

„Ich möchte sie gar nicht missen, meine komischen Einstiegsjahre…“

Gespräch mit Kerstin Seltmann in ihrem Haus in Kemlitz bei Baruth am 26. Januar 2021. Die Künstlerin erzählt, wie sie in den letzten Jahren der DDR eine akademische Ausbildung erhielt, ohne an einer Hochschule eingeschrieben zu sein.

https://atelier.podigee.io/5-kerstin-seltmann

Blick in Skizzenbücher von Kerstin Seltmann, in ihrem Atelier im Januar 2021

Zu zweit in der Soße

Illustration für die Veröffentlichung in DAS MAGAZIN von © Tine Schulz

Die letzten Monate waren nicht inspirierend. Das Trespassers hatte die Läden runtergelassen, die Möbel auf der Terrasse standen zusammengekettet. Kraut wucherte zwischen den welken Rosen. Von meinen Freundinnen und ihren Affären hörte ich nichts. 

Um etwas zu tun, lauschte ich am Telefon der Geschichte eines Mannes, der sein Leben so sensationell fand, dass er meinte, es müsste in einem Buch erzählt werden. Es war zum Gähnen. Ich finde das, was in einem Lebenslauf gemeinhin als sensationell erlebt wird, selten spannend und schiebe es daher gern in Nebensätze. Mich interessiert das Alltägliche: Gewohnheiten, Beziehungen, Ärger, alles eben, das davon handelt, was es heißt, heute hier zu leben und klar kommen zu müssen. Eigentlich bin ich viel unterwegs, am liebsten an drei Orten gleichzeitig, sperre Ohren, Mund und Nase auf, um solche Geschichten zu hören. Aber genau das durfte nicht mehr praktiziert werden. Ich fragte den Mann nach seinen Gewohnheiten, Beziehungen, seinem Ärger… Er sagte, er habe keinen Ärger und hätte nie welchen gehabt. Ich gab die Telefonate auf und begann die Wohnung aufzuräumen. Zuerst ordnete ich meine Kleidung. Ich nahm sämtliche Sachen aus dem Schrank und hängte sie wieder hinein. Die Lieblingsstücke zuerst. Alle anderen unterzog ich einer Prüfung. Schließlich hingen sie alle wieder im Schrank, aber geprüft. Das gleiche tat ich mit Geschirr, fehlgekauften Lippenstiften, Büchern und Bastelvorräten. 

In dieser prüfungsreichen Zeit geschah es, dass eines Tages Herzchen flogen, rote, grüne und orangefarbene Herzen auf meinem Display. Jeden Morgen. Beim ersten Mal hatte sich der Absender entschuldigt. Er habe die Herzen gar nicht gewollt, sie seien von selbst hoch gegangen, hätten sich irgendwo gelöst, er wisse gar nicht warum, es täte ihm leid, mich so erschreckt zu haben. Ich schrieb, dass die Herzen mich nicht erschreckt hätten. Worauf sie noch intensiver flatterten. 

Das Trespassers hatte bereits seit Wochen wieder geöffnet, aber keiner von uns war es passend erschienen, sich dort zu treffen. Mittlerweile ging der Sommer und es roch immer noch in der ganzen Stadt nach Desinfektionsmitteln. 

An einem Herbstabend saß ich dort auf der Terrasse, wärmte meine Hände an einem Heißgetränk und wartete auf ihn. Ein Termin am anderen Ende der Stadt hatte ihn aufgehalten. Zwanzig Minuten später bremste ein Taxi an der Straßenecke. Auf seiner Seite neigte sich der Wagen zum Bordstein. Er schnaufte. Sein Gesicht war gerötet. Unter seinem Kinn hing noch die blaue Wegwerf-Maske, die er im Taxi getragen hatte. Ein freundliches Kindergesicht mit hellen Augen und wenigen Haaren. Er trug teure Kleidung, strengte sich aber kein bisschen an, attraktiv zu sein. Das gefiel mir. 

Der Mann hatte eine Idee, wie er meine beruflichen Kontakte für sich nutzen könnte. Kaum, dass ein Tee vor ihm dampfte, sprach er darüber. Ich hätte beleidigt sein können, aber da wir außer Meinungen zu politischen Tagesthemen und Kurzberichten aus unseren Quarantänen, Herzen, Smileys und lustigen GIFs nichts ausgetauscht hatten, nahm ich es gelassen. Wahrscheinlich wollte er mir zu verstehen geben, dass es sich hier keinesfalls um ein Date handelte und dass es ihm leidtäte, falls ich das geglaubt hätte. Es war dieselbe Nummer wie die Entschuldigung für die versehentlichen Herzchen. Ich habe Verständnis für Menschen meines Alters, denen Herzen und Dates Angst machen. Schließlich haben wir einige Krisen durchschritten. Auch er. Seine Ehe war schiefgelaufen. Nachdem wir das Berufliche schnell geklärt hatten, begann er zu erzählen. Wie fantastisch es sich anfühlte, einem fremden Menschen leibhaftig gegenüber zu sitzen, ihm zu lauschen, ihn dabei anzuschauen, seine Lippen und Augen zu studieren, unmaskiert. Er machte Pausen, geriet in Verlegenheit, stockte, überlegte, wollte etwas weglassen und musste es dann doch erzählen, denn es ging ja um die ganze Geschichte, und um ihn. Er beteuerte, alles getan zu haben und dass es wirklich nicht seine Schuld sei. Seine Geschichte war so viel besser und aufrichtiger als die Anekdoten des Mannes, dem ich ein Buch schreiben sollte. Ich saugte sie auf wie ein vertrockneter Schwamm das Wasser. Nur ein einziges Mal kam ich mit den Orten durcheinander, an denen sich seine Ehe zugetragen hatte. Meine Gedanken waren abgeschweift zu meinem eigenen Leben. Ich hatte es plötzlich merkwürdig gefunden, dass ich schon so lange in ein und derselben Stadt lebte. 

Nach zwei Stunden wusste ich eine Menge über ihn, er allerdings kaum etwas über mich. Er stellte höflich eine Frage, aber wir waren durchgefroren und mussten uns verabschieden. Agatha Christie hat einmal gesagt: „Wer selbst redet, erfährt nichts Neues.“ Ich erfahre gern Neues. Und vielleicht war das der wahre Grund, warum ich ihn treffen wollte. Ich wusste jetzt, was mir in den Wochen des Lockdowns gefehlt hatte.  

Ein einziges Mal war ich mit meiner Dienstagsfreundin im Regen weiträumig um das geschlossene Trespassers spaziert. Sie hatte Kräutertee in einer Thermoskanne mit Henkel dabei, den wir im Park aus Bambusbechern getrunken hatten. Das Gespräch hatte sich um Inzidenzen, R-Werte und Fallzahlen gedreht. Sie hatte mich ermahnt, nicht so oft durch den Mund zu atmen, sondern meine Nase als Virenfilter zu nutzen. Ich hatte auf meine Nase geschielt wie Pinocchio beim Schwindeln. Mir war bewusst, dass ich falsch atmete, aber es war das erste Mal, dass ich mich dabei beobachtet fühlte. Eigentlich, dachte ich, mag ich das Leben lieber ungefiltert. 

Es gab in dieser Zeit einfach nichts zu erzählen. Wir standen alle ein bisschen unter Schock. Schließlich hatte keine von uns so etwas je zuvor erlebt. Es war, als täten wir die ersten Schritte auf einem dieser neu entdeckten, erdähnlichen Exo-Planeten. Alles, was du da oben tun kannst, ist, dich voran zu tasten und achtzugeben, vor allem auf deine Atmung im Schutzanzug. Du kannst beobachten und spekulieren, Zeichen geben oder funken, und das war‘s dann. 

Nach der Begegnung mit dem Herzchen-Mann aus dem Taxi fühlte sich das Leben für mich fast wieder normal an. Ich hatte mir während unseres Treffens seine Wohnung vorgestellt. Ich hatte uns eine Zukunft gedacht, hatte gesehen, wie wir mit Freunden feierten, nachdem wir bereits viele Jahre lang verheiratet waren. 

Am nächsten Tag schrieben wir uns, wie schön es war und dass wir uns bald wiedertreffen müssten. Die Herzchen flogen. Grüne, orangefarbene und rote. Doch dann warteten wir zu lange. Warum auch immer. Das Homeoffice erzeugte eine gewisse soziale Trägheit. Die Zeit verlor ihre Konturen, wurde zu einer Soße. Ich war nicht himmelhoch verliebt. Sonst wäre ich sofort bei ihm eingezogen. In dieser Zeit sind sicher eine Menge frisch Verliebter sofort zusammengezogen, um diese Ein- und Zwei-Haushalt-Fragen zu klären. 

Ich kannte seine Adresse. Ich stellte mir vor, bei ihm zu klingeln und zu bleiben. Zu zweit in der Soße zu treiben wäre sicher amüsanter als allein. Ich stellte mir vor, die Zeit in seinen Räumen zu vertrödeln, während er am Schreibtisch ackerte, in ständiger Bereitschaft auf seinem Sofa zu liegen und sonst nichts. Ich fragte mich, ob so etwas überhaupt erlaubt sei und erschrak über die Frage. Letztendlich blieb ich aber nicht aus Gesetzestreue zu Hause, sondern weil ich seine Angst vor der Liebe nicht befeuern wollte. Vielleicht bekäme er einen Panikanfall, wenn ich vor seiner Tür stehen würde. 

Ich trieb die Planung für ein zweites Treffen voran. Doch als wir uns endlich auf einen Abend im Trespassersgeeinigt hatten, wurde der nächste Lockdown angekündigt. 

Wir hätten Glühwein kleckernd an einer Ecke stehen oder durch die Straßen ziehen können. Glühwein trinken war das erste große Vergnügen auf dem Exo-Planeten. Er wurde aus dem Innern geschlossener Restaurants durch kleine Fenster gereicht oder an einem Tresen auf dem Bürgersteig verkauft. Mit allen Menschen, die mir etwas bedeuten, ging ich abends aus. Meine Dienstagsfreundin war sogar bereit, wieder Alkohol zu trinken. Wir hangelten uns an den Absperrseilen über rutschige 1,5 Meter-Markierungen, um dann flink Bestellungen in die kleinen Fenster zu rufen und blitzschnell zu entscheiden, wer wen zu dieser Runde einlädt. Das funktioniert nur in geübten Beziehungen. Am Bordstein der Glühwein-Straßen wurden Geschichten erzählt. Wir hörten von einer Musikerin, die jetzt in einem Biobäcker Brot verkaufte und erfuhren den Namen eines Glückspilzes, der bei der Verlosung der Kunst-Stipendien gewonnen hatte. Wir hörten Klagen über Familienangehörige, die nicht verstehen konnten, wie das ist, wenn ein halbes Einkommen wegbricht. Eine Frau weinte, weil sie zu Hause mit einem Mann eingesperrt war, der jeden Tag verwirrter und wütender wurde, weil er eine neue Diktatur auf uns zukommen sah. Jemand nahm sie in den Arm. 

Andere Gespräche drehten sich darum, ob der Glühwein mit oder ohne Orangenscheibe besser ist und ob wir lieber an Krebs oder an einem Virus sterben möchten. Polizeistreifen zogen durch die Straßen und entschuldigten sich für ihre Einsätze. Wir hatten Verständnis und rückten ein paar Schritte weiter auseinander. Wir alle froren. Die Kälte trug zu unserem Einverständnis bei. Gemeinsam etwas körperlich Anstrengendes zu absolvieren verbindet. Ich brauchte gerade Verbindlichkeit. Vertrauen. Deshalb scheute ich mich, mit dem Herzen-Mann hierher zu gehen. Ich brauchte Menschen, die sich verletzlich zeigen konnten, denn auch das verband uns. Meine Dienstagsfreundin und ich, wir stellten fest, dass wir uns verändert hatten, ernster geworden waren. Sie kuschelte gerade mit ihrem Ex, einfach, weil er noch da war und weil sie sich seit so vielen Jahren kannten. Ich nickte. Ich dachte an den Mann mit dem Kindergesicht und den hellen Augen, überlegte ihn anzurufen oder ihm ein Herz zu schicken. Dieser Abend im Trespassers, als sich unsere Linien gekreuzt hatten, war besonders gewesen. Ich dachte, dass es bei all den eng geschnürten, wirren Fadenlinien auf diesem riesigen Wollknäuel doch immer darum ging, Verbündete zu finden, Vertrautheit, andere in den eigenen Faden zu verwickeln, bis etwas Starkes, Unzertrennliches entstand. Ich fragte mich, mit wem er gerade Hand-in-Hand auf dem Planeten weitertappte, ob er auch mit seiner Ex kuschelte. 

Ich nahm mir vor, es herauszufinden, sobald das Trespassers wieder öffnen würde.  

Podcast

Ateliergespräch No 1

„Meine Augen sehen dann weniger als meine Hände“

Gespräch mit der Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach am 18. November 2020 in ihrem Haus in Berlin-Weißensee …

… über ihre Annäherung an Alexander Puschkin, Mstislaw Rostropowitsch, Albert Einstein und Mileva Marić.  

https://atelier.podigee.io/4-franziska-schwarzbach

Anna Franziska Schwarzbachs Bildnis der Bauhauskünstlerin Maria Brandt. Eisen. Foto © Kathrin Schrader

https://www.franziska-schwarzbach.de