Das Knistern…

…der Seiten

Lesen ist wie Arbeit in einem Bergwerk, aber es erzeugt ein besonderes Geräusch. Das hat mit der Kunst des Umblätterns zu tun, und wer die beherrscht, mit dem kann man auch eine Beziehung führen

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Wird es knistern?

Bücher und Zeitschriften führen ein Leben wie andere Menschen auch. Sie haben einen Körper. Ihr Körper ist aus Papier. Er ist alles andere als totes Holz. In diesem Körper sind Bücher unterwegs. Mal liegen sie oben und mal unten. Sie bilden auch Gruppen und verlassen diese wieder, einige schneller, andere nie. Sie können Staub aufwirbeln, Risse und Quetschungen davontragen und von Milben befallen werden. Deshalb sind es keine appetitlichen Tiere, mit denen Leser verglichen werden: Bücherwurm! Leseratte! Lichtscheue Biester. Im Untergrund mit der Taschenlampe. Ja. Lesen ist wie die Arbeit in einem Bergwerk.

Aber dieses Kratzen und Schaben erzeugt ein feines Geräusch. Das Blättern klingt wie wenn etwas schleift. Wenn jemand in ein Buch oder Magazin versunken ist, durchströmt mich das Gefühl, mein Körper löse sich im Klang des Lesens allmählich auf. Gleichzeitig ist es wie eine zärtliche Berührung. Ich bewege mich nicht mehr. Ich falle aus der Zeit, genussvoll versunken in das Knistern und Rascheln der Seiten. Wird das Buch zugeklappt, ist alles vorbei.

Ich nenne es die Kunst des Umblätterns. Ein Bildschirm kann das nicht. Er flimmert. Er strengt an. Elektronische Bücher sind zwar anders. Sie flimmern nicht. Sie liegen wie eine ruhige, beleuchtete Buchseite in der Hand. Ich habe nichts gegen ebooks. Sie sind großartig für alle, die gern in der Dämmerung im Garten oder auf dem Balkon lesen, eine Erleichterung für Menschen, die mit viel Lesestoff reisen müssen und wunderbar für ältere Leute, denen dicke Wälzer beim Lesen im Bett zu schwer sind. Ihr Versuch zu knistern ist allerdings erbärmlich.

Die Kunst des Umblätterns ist eines der sinnlichen Vergnügen, die allein unmöglich sind. Denn ein anderer muss für mich blättern. Ich kann nicht gleichzeitig lesen und das Knistern der Seiten genießen. Es ist eine Frage der Konzentration. Allerdings würde ich niemanden dafür bezahlen, dass er neben mir ein Buch anschaut, denn diese Sensation entzieht sich den Regeln. Sie stellt sich nur ungeplant, zufällig ein. Sie geschieht. Sie kommt und geht. Das macht sie so besonders. Sie besitzt keinen Ort.

In Cafés ist es zu laut. In Bibliotheken wird mittlerweile fast nur noch am Laptop gearbeitet. Nebenher wird zwar in Nachschlagewerken gewühlt, allerdings zu schnell. Wissenschaftler und Studenten arbeiten unter Zeitdruck. Zeitdruck und Tempo sind der Kunst des Umblätterns abträglich. In Buchhandlungen stehen Sessel zum Verweilen und Probelesen in stillen Nischen. Meist sind alle besetzt. Die Kunden bleiben lange dort, versunken in Bücher, die sie nicht kaufen werden, denn sie haben kein Geld.

Aber dann geschah es in dem Teeladen, den ich aufgesucht hatte, um eine Wartezeit zu überbrücken. Ich probierte einen Tee. Nebenher plätscherte ein kleiner Brunnen. Während ich in meine Teeschale pustete, begann der Verkäufer, in einem Katalog zu blättern. Er ließ sich Zeit. Das Geschäft war leer. Die Seiten schliffen gemächlich aufeinander. Ich saß und lauschte und fiel aus der Zeit. Alles fügte sich. Der Verkehr, der vor dem Schaufenster brummte, der plätschernde Brunnen, das Geräusch des Papiers und mein Atem in meiner Nase, die ziemlich groß ist und immer ein wenig verschnupft. Alles war gut. Die Glückseligkeit endete, als ein Kunde das Geschäft betrat und der Verkäufer den Katalog beiseite schob.

Ein Tisch voll perlweißer, champagnerfarbener, gelblicher, grauer, blaugrauer und rötlicher Papiere. Handgeschöpft aus Flachs, Baumwolle, Hanf, tropischen Abaca, amerikanischen Leatherwood, japanischen Mitsumata, Kozo und Gampi. Einige Bögen sind fest, andere weich bis hauchdünn. Sogar ein wasserabweisendes Papier für Regenschirme ist dabei. Ich befinde mich in der Werkstatt der Papiermacherin Katharina Siedler. Sie hat ein Ohr für Papier. Am Klang der Bögen hört sie, wie sie hergestellt wurden, ob die Fasern kurz oder lang gemahlen wurden beispielsweise und ob das Papier schnell oder langsam an der Luft getrocknet ist. Auch der Charakter der Papiere zeigt sich im Klang. Dazu schüttelt sie die Bögen heftig. „Unsere Sprache brauchte viel mehr Worte, den Klang des Papiers zu beschreiben“, sagt sie. „Knistern und Rascheln drückt die Vielfalt bei weitem nicht aus.“ Das tiefe Geräusch des grauweißen Hanfpapiers bezeichnet sie als gelassen. „Es bedeutet, dass dieses Papier nicht so heftig auf Feuchtigkeit reagieren wird, also auch nicht auf Tinte. Es wird sie nicht aufsaugen wie ein Löschblatt.“ Das dünne Abaca-Papier raschelt nervös. Katharina Siedler sagt: „Knusprig! Man traut es ihm nicht zu, aber im Test konnte es bis zu tausend Mal gefaltet werden. Das ist eine verdammt gute Qualität.“ Knackig klingt das geleimte Papier für den Regenschirm.

Mit dem Geräusch und der Schönheit alter islamischer Schriften, in denen sie während des Geschichtsstudiums blätterte, begann Katharina Siedlers Leidenschaft für Papier. Sie beschreibt den Prozess des Schöpfens. Schon da beginnt alles mit dem Klang. Am Geräusch des Wassers hört die Papiermacherin, in welchem Moment der geschöpfte Bogen auf dem Filz abgelegt werden kann. Gautschen heißt diese kurze Handlung. Katharina Siedler erzählt, dass kostbare Bücher im Orient ein Zeichen von Wohlstand waren. In Persien wurden Papiere in aufwändigen Prozessen mit Naturstoffen eingefärbt und nach dem Trocknen mit Achatsteinen lange geglättet und poliert, bis sie edel und fein knisterten. „Im Europa des Mittelalters fällt das dann ein bisschen ab“, erzählt sie. „Deswegen klingen christliche Bücher anders als islamische.“ Sie holt ein Neues Testament von 1559 hervor. Der hölzerne Einband ist bereits wurmstichig. Aus der Beschaffenheit und dem Klang der Seiten schließt die Papierschöpferin, dass es sich um sogenanntes Haderpapier handelt. Es wurde aus Lumpen hergestellt. In der arabischen Welt und später in Europa war das üblich. „Ein sehr guter Rohstoff“, sagt sie. „Man sieht, wie gut das Papier noch erhalten ist. Selbst der Schimmel konnte ihm kaum etwas anhaben.“ Die lateinische Schrift ist noch schwarz und gestochen scharf. Die Seiten fühlen sich fest an. Beim Blättern erzeugen sie ein kräftiges Schaben. Katharina Siedler nimmt einen Packen Seiten des Buches zwischen zwei Finger, schlägt ihn heftig hin und her und erzeugt so ein volles, kehliges Flattern. „So klingen eben nur sehr alte Bücher“, sagt sie.

Ich betrachte die Papiere auf dem Tisch. Ich fasse sie an. Ich streiche darüber. Ich lausche ihnen. Einige klingen eher nach Stoff, andere pflanzlicher. Sie sind noch unbeschrieben. Nackt. Aber ihr Klang ist sehr präsent in der kleinen Werkstatt. Als seien sie etwas Besseres. Sind sie ja auch. Kaum jemand könnte Bücher und Magazine aus Papieren wie diesen bezahlen. „Unsere Bücher und Zeitungen heute bestehen kaum noch aus Papierpflanzen“, sagt Katharina Siedler. „In manchen Papieren sind kaum mehr als dreißig Prozent Holzzellulose. Der Rest sind Füllstoffe und Plastik. Besonders in den Hochglanzmagazinen steckt viel Kunststoff.“ Das deprimiert mich. Ich fühle mich plötzlich schäbig. Am liebsten würde ich den Klang ihrer edlen Papiere mitnehmen und zukünftig auf den Plastiksound verzichten. Aber nicht einmal das beste Aufnahmegerät und die feinste Anlage der Welt könnten das Wohlgefühl in mir hervorrufen.

Jemand muss neben mir sein. Es ist eine Frage der Atmosphäre, der Schwingung. Es ist aus mit der Kunst des Umblätterns, denke ich, als ich wenig später ich in der Kaffeebar einer Buchhandlung einer sympathischen Frau gegenübersitze, die in einem Kunstband blättert. Sie blättert schnell. Sie sucht etwas. Der Tisch zwischen uns ist schmal. Wir hocken dicht aufeinander, zu dicht, als dass es gemütlich werden könnte. Nebenan wischt jemand auf seinem Smartphone herum. Sowieso ist das die Zukunft. Und vielleicht ist es sogar besser als das viele Plastik, an dem die Vögel ersticken. Die Frau steht auf und trägt den Katalog zurück. Sie steht vor dem Regal und betrachtet die Buchrücken. Allein, wie sie dort steht und die Bücher anschaut, allein die Erwartung, sie könnte eines der Bücher mit herüber bringen und darin blättern, macht, dass ich beginne, mich aufzulösen. Damit niemand etwas merkt, ziehe ich mein Notizbuch aus der Tasche, langsam, um das Gefühl nicht zu zerstören. Auch einen Stift. Ich schreibe einen Satz in das Büchlein, male ein Kringel. Einfach nur so. Am Nebentisch nehmen ein Vater und sein Sohn Platz, gegenüber dem Mann mit dem Wischtelefon. Der Junge öffnet eine bunte Schachtel und nimmt ein Schulbrot heraus. Sein Vater liest. Die Frau kommt an den Tisch zurück, ohne Buch, aber mit einer großen Tageszeitung. Sie schlägt die Zeitung auf und beginnt zu lesen. Die Zeit gerinnt.

Es ist viel mehr als die Qualität von Papier. Es ist der Leser. Seine Kontemplation schafft den Resonanzraum. Die Frau liest. Sie versinkt in dem, was sie liest. Es fühlt sich wunderbar an. Die Kunst des Umblätterns schließt jede alltägliche Kampfhandlung und jede Suche aus. Die Frau blättert langsam um. Die Seite erzeugt eine unvergleichliche Abfolge von Knusper -, Knister – und Rascheltönen. Als sie zur anderen Seite fällt, bläst mir ein Lufthauch ins Gesicht. Göttlich! Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie sie die nächste Seite zwischen die Finger nimmt, wie die Ecke in ihrer Hand wippt und knistert, während sie lange liest, bis sie die Seite gemächlich umlegt und der Lufthauch in meinen Pony weht. Die Rapmusik im Hintergrund der Buchhandlung kann diesen Resonanzraum nicht zerstören. Nicht einmal die Kaffeedüsen an der Bar. Alles ist richtig und gut. Der Junge mit dem Schulbrot baumelt unter dem Tisch mit den Beinen. Der Mann mit dem Smartphone schaut gelegentlich von seinem Display auf und lächelt dem Jungen und seinem Vater zu. Der Mann liest. Die Frau liest. Ich lausche und zeichne Kringel.

Wir alle stehen ungefähr zur selben Zeit auf, kurz nachdem die Frau die Zeitung wieder an den Haken gehängt hat. Der Vater des Jungen mit dem Schulbrot lächelt mich mehrmals an, bevor er und sein Sohn sich umständlich durch die Tür nach draußen schieben. War es ein Flirt? Oder hat er sich über mich lustig gemacht? Habe ich etwa geschnurrt? In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich zwar das Empfinden hatte, mich aufzulösen, aber die ganze Zeit sichtbar als Frau anwesend war. Und ich war nur auf die Zeitung fixiert. Dabei hat auch der Mann gelesen. Auf sein Buch habe ich gar nicht geachtet. Wie schade!

Es ist schwierig eine Beziehung mit jemandem zu führen, der die Kunst des Umblätterns nicht versteht. Es gibt Menschen, die sich popelnd durch Krimis fräsen. Das ist nicht die Kunst des Umblätterns. Es gibt Menschen, die zwanghaft alles lesen. Auch das ist es nicht. Zur Kunst des Umblätterns gehört die Souveränität, etwas zu überblättern und die Fähigkeit zur Hingabe. Einmal bin ich jemandem begegnet, dem ich es nicht zugetraut habe. Aber eines Tages gab ich ihm ein Buch. Und die Zeit blieb stehen.

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