Im Sinne krummer Gurken

Begegnungen mit Tanja Zimmermann und Holger Stark

"Welle" von Holger Stark

„Welle“ Installation von Holger Stark in der aktuellen Ausstellung im Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke in Kühlungsborn. Im Vordergrund Tanja Zimmermann

Im Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke in Kühlungsborn zeigt Holger Stark eine Installation, eine Welle aus Holz, die über eine Treppe fließend zwei Ausstellungsräume miteinander verbindet. Eigentlich ist es ein Kasten aus rötlichen, rohen Holz, dessen Decke leicht in sich gedreht ist. Die Bretter bilden den Schwung bewegten Wassers. Es ist die erste Arbeit, die ich von Holger Stark sehe, besser gesagt erlebe, denn Installationen brauchen eben den Kontext, den Fotos schwer vermitteln können.

Die Holzwelle schmiegt sich dicht an Wand und Treppenstufen. Die Bretter sitzen wie angegossen. Und doch liegt das Ding sperrig im Raum, wie ein Fremdkörper auf den weißen Fliesen der Ausstellungshalle on the top of Ostsee, durch dessen Fensterflügel der Blick die Kühlung hinabwandert zum milchigblauen Streifen der See, wo Frachter zwischen Himmel und Wasser schweben.

„Alles Holz“ heißt diese Ausstellung, in der unter anderen Arbeiten der Gastgeberin Anka Kröhnke und die reduzierten, kraftvollen Plastiken von Anne Sewcz gezeigt werden sowie feine Holzdrucke von Gudrun Poetzsch und Plastiken von Wilfried Schröder. Anka Kröhnke hat die Provokation bei Holger Stark für ihr Museum geordert. Vielleicht ist er hier in Mecklenburg für Provokationen zuständig. Ich ertappe mich dabei, aus dem Werk auf die Persönlichkeit des Schöpfers zu schließen.

Ich bin Holger Stark und seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Tanja Zimmermann, zum ersten Mal an einem Apriltag begegnet. In Berlin war der Sommer ausgebrochen. Massen junger Leute okkupierten den Mauerpark. Rostock war kühl und verregnet. Wir waren in der Galerie des Kunstvereins am Amberg 13 verabredet. Dort waren anlässlich des 900. Geburtstages von Rostock Fotos aus dem Archiv des Rostock-Albums vom Hinstorff-Verlag und der Ostsee-Zeitung zu sehen. Sie stammten aus einer Zeit, als Rostock noch nicht gutbürgerlich Hansestadt genannt wurde, sondern Bezirkshauptstadt der DDR.

In dieser DDR haben wir drei unsere Kindheit verbracht, Holger und Tanja in Rostock, ich in Dresden. Wir betrachteten die schwarz-weiße Formation Kindergartenkinder, die über einen leeren Platz gehen. Der Fotograf Günther Römer blickt aus der Vogelperspektive auf sie herab. Die Kinder werfen harte Schatten auf das Kopfsteinpflaster. Die Leuchtreklamen des Spielzeuggeschäfts „Teddy“ in der Langen Straße und die farbig sprudelnden Fontänen der Springbrunnen davor erinnerten mich an Dresden. Die Ernst-Thälmann-Straße sah genauso aus wie die Lange Straße auf diesem Foto von Willi Goehrke. Der Dresdner Spielwarenladen „Balli“ mit einer ganz ähnlichen Leuchtreklame befand sich allerdings am Doktor-Külz-Ring. Ich erinnere mich an die riesigen Regale aus Holz und das knarrende Parket. Ich meine, mich auch an farbig sprudelnde Fontänen in Dresden zu erinnern. Vielleicht irre ich mich. Erinnerungen sind eine unaufgeräumte Kiste. Meistens liegt etwas gegenwärtig Angelesenes oder Abgehörtes mitten drin. Da sind Fotos schon genauer. Werner Murawski hat den Abriss der Christuskirche am Schröderplatz dokumentiert. Für die Rostocker war das ein prägendes Ereignis. „Der kleine Junge hier vorn, das könnte ich gewesen sein“, sagte Holger Stark und erfuhr zum ersten Mal, dass auch seine Frau Tanja damals als Kind dort war, als die Kirche gesprengt wurde.

Holger Stark ist 1960 in Rostock geboren. Bei Günter Horlbeck in Dresden hat er Malerei und Grafik studiert. Das war zu Wendezeiten. Anschließend ging er an die Kunsthochschule Hamburg und studierte bei Gerd Roscher Visuelle Kommunikation und Film. Danach lebte er für eine Zeit in London. Tanja ist in Pirna geboren und in Rostock aufgewachsen, wo ihr Vater, Horst Zimmermann, viele Jahre lang die Kunsthalle leitete. Die Eröffnung der Ausstellung „Rostocker Stadtansichten“ in der Kunsthalle, von der jungen Berliner Kunsthistorikerin Elke Neumann kuratiert, werde ich am Abend noch besuchen.

Bis 2001 lebten Holger und Tanja in Berlin. Dann gingen sie zurück nach Mecklenburg. Heute wohnen und arbeiten sie in einem ehemaligen Speicher in Klein-Warin zwischen Rostock und Wismar. „Sieh mal, was für krumme Gurken!“ Wir betrachten die einfach gezimmerten Marktstände auf den Fotos, auf denen die wenigen Gemüse der Saison von Bauern angeboten werden, überwiegend Blumenkohl- und Weißkohlköpfe. Und dann diese Gurken, die von der Ladefläche eines Lieferwagens geladen werden. In der EU wäre so etwas Krummes undenkbar. Dass solche Gurken in der DDR erlaubt waren!

Holger und Tanja nehmen mich mit zur Vernissage von Johannes Müller nach Kossow. Johannes Müller ist 2012 verstorben. Seine Witwe Doreen Müller und sein Sohn Georg Müller präsentieren in der Galerie in Kossow regelmäßig Werke aus seinem Nachlass. Sie stellen auch andere Künstler der Region aus. Den ganzen Sommer lang, bis zum 31. August 2018 wird Tanja Zimmermann in Kossow unter dem Titel „Warum Bäume in den Himmel wachsen!“ neue Arbeiten zeigen. Die Vernissage findett am 7. Juli 2018, ab 15 Uhr statt.

Tanja Zimmermann. Überfahrt. Siebdruck. 2018

Tanja Zimmermann, „Überfahrt“, Siebdruck

Johannes Müller war ein Zeitgenosse und Freund von Waldemar Krämer, der ein Lehrer von Tanja und Holger war. Waldemar Krämer und Johannes Müller sind nach dem Studium in Dresden zusammen nach Rostock gegangen. Holger hat kürzlich im Kunstverein Rostock die Ausstellung „Der Rostocker Maler Waldemar Krämer und seine Schüler“ kuratiert.  Auch Hanns Schimansky und Barbara Burck haben bei Waldemar Krämer gelernt. „…wir alle rochen Terpentin, übten uns im Skizzieren mit Kohlestiften, bekleckerten unsere Kleidung mit Linoldruck-Farben“, erinnert sich Holger im Programmheft der Ausstellung. Über Waldemar Krämer und Günter Horlbeck führt Tanja und Holgers Ahnenlinie nach Dresden zu Rudolf Bergander, Erich Fraaß und Hans Grundig. Waldemar Krämer studierte bei Hans Grundig. Müller war ein Schüler von Erich Fraaß. Beide lernten bei Rudolf Bergander. Nur zwei Generationen ist es also her, dass die alten Meister, einstige Rebellen gegen den Faschismus, in Dresden lebten und lehrten.

„Arbeitsweisen“ heißt die Ausstellung, die in Kossow heute eröffnet wird, einen Tag nach dem 83. Geburtstag von Johannes Müller. Es sind abstrakte Arbeiten von atemberaubender farblicher und stofflicher Intensität. Florale Membranen neben glänzenden, schimmernden Metallen. Die Materialien treten aus der Fläche, berühren den Tastsinn. Sie tönen, leuchten. Johannes Müller kam in den DDR-Schauen von „Gegenstimmen“ 2016 in Berlin bis „Hinter der Maske“ 2018 in Potsdam nicht vor. Möglicherweise erschien er den Ausstellungsmachern nicht repräsentativ für die DDR.

In einer Vitrine ruhen Fundstücke aus dem Kossower Garten: Tierknochen, riesige, rostige Nägel und Werkzeug-Bruchstücke. Sie alle sind achtsam auf Packpapier präsentiert. Obwohl diese Objekte auf den ersten Blick nichts mit den Bildserien zu tun haben scheinen, gehören sie zum Kanon dessen, worum es an diesem Ort eigentlich geht: Die Qualität des Blicks auf die Dinge.

Ein Teil der Ausstellung widmet sich dem Barock. Johannes Müller, der sich zeitlebens mit Architektur beschäftigt hat, befreit den Barock von allem Zierrat und Prunk und führt ihn auf sein Wesen zurück. Licht fällt durch gedrungene Bögen. Leichtigkeit weht zwischen den Säulen, Lachen, eine lustvolle Fantasie. Da ist schon wieder Dresden, das glamouröse, heitere diesmal, ein bisschen Goldstaub, der feudale Hof, die alten Meister. Nach Lea und Hans Grundig auch deren Schüler Gerhard Kettner. Bei ihm studierte Tanja Zimmermann. Später wurde sie die Meisterschülerin von Johannes Heisig, seinerseits wiederum ein Kettner-Schüler.

Tanja Zimmermanns Malereien, Collagen und ihre tollkühnen Installationen sind von einer verblüffenden, lichten Einfachheit. Ihre Arbeiten sind im Laufe der Jahre immer reduzierter geworden, doch ohne jede Strenge. Sie spielt mit Formen und Strukturen, experimentiert mit Kartonagen, Buchseiten und Zeitungsbildern. Da ist viel Sinn für Humor.

Es scheint, als hätten wir DDR-Kinder es geschafft, die Vergangenheit hinter uns zu lassen. Wir waren noch jung genug, in etwas Neues aufzubrechen. Doch was bedeuten uns die alten Meister noch, die schließlich auch Wegbereiter waren. Was ist von ihnen geblieben? Ich will es wissen. Ich muss es herausfinden, erforschen. Die Idee lässt mich nicht mehr los.

 

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