Steig auf mein Pferd!

Es kann so viel schiefgehen beim Küssen, viel mehr als beim Sex, aber wenn er die richtige Temperatur hat, geschmacksneutral und frisch ist, dann können mit einem vollendeten Kuss die wundervoll-verheerendsten Affären beginnen.

Nora Marleen. Küssende Masse

Illustration: © Nora Marleen https://noramarleen.de

Von Zeit zu Zeit treffe ich meine Freundin im Trespassers auf ein oder zwei Gläser, bei denen wir die Neuigkeiten austauschen. Seit einiger Zeit wird der Ton zwischen uns rauer. Die Themen sind andere als noch vor Jahren.

Es geht jetzt oft um Kindererziehung, Jobsuche und andere anstrengende Dinge. Außerdem platzt meine Freundin neuerdings gern mit schockierenden Geschichten raus, die sie wer weiß wo aufgelesen hat, wahrscheinlich bei den Dachpartys ihrer Firma: von Bordellbesuchen ihres Chefs, der shoppingsüchtigen Tochter einer Kollegin, einem Fahrradfahrer, der nachts durch unser Viertel fährt und Frauen Säure ins Gesicht schüttet und der Pornoseite, die unvermittelt aufploppte, als ihre zehnjährigen Zwillinge für die Hausaufgaben im Netz recherchierten. Detailliert schilderte meine Freundin alle verstörenden Details, die auf der Seite zu besichtigen waren.

Mein Eindruck ist, dass sie mir sagen möchte, wie unsicher das Leben in einer kriminellen Gesellschaft geworden ist, in der selbst die Liebe (früher unser Lieblingsthema) zu einem Business verkommen ist. In einer Welt wie dieser nämlich hat die ungemütliche Lebenspartnerschaft, an der sie seit Jahren der Kinder wegen festhält, ihre volle Berechtigung, ja, sie kann unter solchen äußeren Bedingungen geradezu als Glückstreffer gesehen werden. Ich habe ihr immer wieder geraten, ihren Freund zu verlassen. Er respektiert sie nicht und sieht nicht, was für ein wunderbarer Mensch meine Freundin ist. Vielleicht war meine Ratschläge zur Trennung etwas übergriffig, aber schließlich muss ich mit ansehen, wie meine eigensinnige, ideensprühende, schöne Freundin von einem Treffen zum nächsten an Lebenslust verliert. Vor einiger Zeit konnte sie in der Browser-Chronik ihres Freundes massive Bemühungen fremdzugehen nachweisen.

So haben wir uns im Trespassers schon seit längerer Zeit kaum noch Erfreuliches zu berichten. Auch ich habe nicht viel zu bieten. Seit Jahren bin ich in einer Beziehung mit einem Mann, den ich immer mal wieder verlasse. Gerade sind wir zusammen, falls das jemanden interessiert, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Meine Freundin und ich, wir haben uns irgendwie in der Mittelmäßigkeit unseres Liebeslebens eingerichtet. Mehr und mehr ähneln wir räudigen Wölfinnen, die knurrend an der Bar liegen und immer bissiger werden. Dieses geteilte Leid verbindet natürlich auch.

Umso schockierter war ich, als sie bei unserem letzten Treffen berichtete, sie habe sich verliebt, in einen Mann, den sie auf einer Dating-Plattform im Internet kennengelernt hat. Ich konnte es nicht glauben und lauerte knurrend auf das böse Ende der Geschichte. Stattdessen erzählte sie von seinen schönen braunen Augen und wie gut er zuhören kann. Er sei Musiker, habe wenig Geld und sei entsprechend schlecht gekleidet, berichtete meine Freundin, aber letzteres ließe sich ja ändern… Ich sah ihr an, dass es noch mehr Dinge gab, die sie zweifeln machte und lechzte nach dem bitteren Wendepunkt der Geschichte, aber meine Freundin sah nur gedankenverloren an mir vorbei. Also fragte ich nach. Der erste Kuss sei ein Desaster gewesen, berichtete sie. Sie seien hart aufeinander geknallt und er habe mit seiner Zunge in ihrem Mund herumgewühlt. Ich war erleichtert. Küssen ist schon wichtig, knurrte ich und spürte mein Verlangen nach einem guten Kuss. Einmal hatte ich erlebt, dass die Liebe mit einem Kuss begann. Ich hatte diesen Mann ebenfalls im Internet kennengelernt und als wir uns zum ersten Mal gegenüberstanden, gefiel er mir nicht mehr. Aber der Anstand gebot, dass wir uns bei diesem ersten Treffen küssten. Schließlich lagen viele leidenschaftliche Begegnungen hinter uns, wenn auch virtueller Art.

Es kann so viel schief gehen beim Küssen, viel mehr als beim Sex. Ein Kuss kann unangenehm schmecken. Er kann zu trocken oder zu nass sein. Der Küssende kann seltsam riechen, seine Zunge krampfartig hart in den Mund stoßen. Wenn die Anatomie nicht stimmt, kann es ziehen. Der Küssende kann etwas mit seiner Nase oder seinen Händen machen, das nervt.

Doch dieser Kuss, dieser eine, mit dem die wundervoll-verheerendste Affäre meines Lebens begann, war geschmacksneutral und frisch. Er hatte die richtige Temperatur und Humidität. Er war weich und entspannt, wohlig und wunderbar. Er war das Einfache, das so schwer zu machen ist. Er war nur ein Kuss. Der vollendete Kuss. Dabei hatte dieser Mann nicht einmal besonders schöne Lippen, im Gegenteil: Sie waren eher schmal.

Von diesem Kuss berichtete ich meiner Freundin. Sie hatte eine ähnliche Geschichte in Chile erlebt und bestätigte sofort, dass Form und Größe der Lippen nichts über die Qualität der Küsse aussagen. An einem Abend, an dem sie einfach nur Lust auf Sex gehabt habe, sei sie schließlich einem Mann begegnet, den sie nicht besonders attraktiv fand, berichtete meine Freundin. Er habe sich aber alle Mühe gegeben, sie zu verführen, habe sie durch die Stadt chauffiert und sie auf einen Drink eingeladen und sei dann mit ihr zum höchsten Punkt der Stadt gefahren, dorthin, wo alle Paare sich traditionell zum ersten Mal küssen, während ihnen die ganze Stadt zu Füßen liegt. Sie habe die Stadt zu ihren Füßen bei diesem Kuss vergessen, berichtete meine Freundin. Die ganze Welt habe sie vergessen. Sie wollte nur noch diesen Mann und zwar so schnell wie möglich. Sie seien in ein Hotel gegangen. Er habe eine Dusche genommen, eine lange Dusche, während sie auf dem Bett beinahe vergangen sei vor Verlangen. Und dann, obwohl sie nur eine Stunde Zeit hatten, habe er begonnen, ihre Zehen und Füße zu küssen, berichtete meine Freundin, dann die Waden, die Knie – beidseitig- während sie es kaum noch ausgehalten habe. Er hingegen hatte, um nicht zu früh zu ejakulieren, vorher aus Höflichkeit unter der Dusche masturbiert. Das sei in Südamerika durchaus üblich, berichtete meine Freundin.

Daraufhin erzählten wir uns unsere Erfahrungen mit Männern, die vorzeitig ejakuliert hatten. Unser Austausch kam richtig in Fahrt. Es war seit langem nicht mehr so gut gewesen im Trespassers. Dabei hatte alles mit einem missglückten Kuss begonnen. Wieso ist ein schlechter Kuss eigentlich peinlicher als beispielsweise eine vorzeitige Ejakulation, für die wir als mitfühlende Frauen vollstes Verständnis haben? Im Grunde ist Küssen für die Fortpflanzung so unnötig wie ein Wein für die Ernährung. Genau. Das ist es! Küssen ist der Wein. Das Besondere. Wer den im Keller hat, ist der beliebtere Wirt. Der sexuelle Akt an sich ist die Mahlzeit, die Erfüllung eines körperlichen Bedürfnisses, Prosa. Der Kuss aber ist das Lied. Seit jenem Abend im Trespassers lässt mir das Phänomen des missglückten Kusses keine Ruhe mehr. Die Küsse mit meinem Freund sind selten richtig gut. Was bedeutet das? Könnten wir es besser machen? Auf Youtube gibt es unzählige Anleitungen für Teenager. Aber ich bin kein Teenager mehr. Als erfahrene Wölfin weiß ich, was einen guten Kuss ausmacht. Trotzdem frage ich meinen Freund. Ich will herausfinden, wie er als Mann über das Küssen denkt. Das sind Phasen, sagt er. Es gibt Zeiten im Leben, in denen man gut küssen kann und dann wieder geht es nicht so gut. Je nachdem, wie man drauf ist. Diese Antwort leuchtet ein. Ein weicher Kuss drückt aus, dass es gerade so blendend läuft, dass du tiefenentspannt durchs Leben federst und dem oder der Geliebten alle Sicherheiten der Welt bieten kannst. Steig auf mein Pferd! Dort oben liegt mein Schloss!

Ein Kuss ist Sprache, sagt mein Freund und: Ja, es gibt Küsse, die er nie vergessen wird. Leidenschaftliches Aneinanderhängen der Lippen, bis alles passiert ist. Ich stelle mir meinen Freund dabei vor. Ich sehe ihm beim Küssen zu. Das ist ja nicht verboten. Obwohl ein Kuss die intimere Angelegenheit ist, finde ich. Ich frage mich, wieso derart leidenschaftliche Küsse zwischen uns beiden nicht vorkommen. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass mein Freund vor mir andere Frauen geliebt hat. Aber dass er andere leidenschaftlicher als mich geküsst hat, ist ein Schock, ein kleiner, aber immerhin. Das Bild von ihm, wie er an den Lippen der anderen hängt, während sie sich die Kleider vom Leib reißen, holt mich wie ein Flashback immer wieder ein. Manchmal, wenn ich ihn zum Abschied zu nachlässig geküsst habe, hat er mich gebeten, es noch einmal besser zu machen. Ein guter Kuss erfordert völlige Anwesenheit und Konzentration. Er hat Recht: Küssen ist Gespräch. „Küssen kann man nicht alleine“, singt Max Raabe und bringt es auf den Punkt. Heute können wir fast alles allein machen. Es gibt Computer, Spielzeuge, Hilfsmittel, animierte Puppen und Pornos für jeden Geschmack. Aber zu einem Kuss gehören immer noch zwei Lippenpaare, an denen Persönlichkeiten hängen. Ein Kuss meint nicht Sex, sondern Beziehung, von welcher Art und Dauer auch immer. Er offenbart soziale Qualitäten, denn er nährt die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Wärme, Verbundenheit, Leichtigkeit und Süße. Dem Küssen wird nachgesagt, dass es von den Fütterungspraktiken einiger Tiere abgeschaut ist, die ihren Kleinen das Futter von Schnabel zu Schnabel beziehungsweise von Maul zu Maul reichen. Die Kleinen lernen ihre Mutter schmecken. Aus demselben Grund schieben Babys zuerst alles in den Mund, um zu prüfen, wie vertrauenswürdig eine Sache ist. Dabei wird längst nicht an jedem Ort der Welt auf die Lippen geküsst. Die Kulturen der Ungeküssten überwiegen zahlenmäßig sogar. Besonders gern wird im Nahen Osten geküsst. Von dort breitete sich die Sitte vermutlich nach Europa aus, das heute als eine der kussfreudigsten Regionen der Welt gilt.

Meine Freundin hat mich gefragt, ob sie dem schlechten Küsser eine zweite Chance geben soll. Ich habe ihr zugeraten. Die Wahrscheinlichkeit, an der nächsten Ecke den nächsten Mann mit schönen Augen zu treffen, der ein guter Zuhörer ist und musizieren kann, geht selbst in einer Großstadt gegen Null.

Als wir uns das nächste Mal im Trespassers sehen, hat meine Freundin ihre Affäre fortgesetzt. Sie war bei ihm zu Hause. Sie haben zusammen geschlafen. Beim zweiten Treffen sei der Kuss nicht besser gewesen, berichtet meine Freundin. Aber mittlerweile hingen sie leidenschaftlich aneinander, sobald sie sich sehen. Ich möchte, dass mein Freund mich ebenso leidenschaftlich küsst. Ich möchte mit den anderen Frauen in seinem Leben mithalten. Vielleicht müssen wir uns mehr aufeinander einlassen, unsere Küsse reifen lassen wie einen guten Wein. Die Erfahrung meiner Freundin beweist doch, dass Küsse entwicklungsfähig sind. Ich beneide sie um ihre Verliebtheit. Ich war zuletzt vor drei Jahren verliebt. Früher war ich ständig verliebt. Heute habe ich manchmal Angst, mich nie wieder verlieben zu können. Meine Freundin ist natürlich auch verwirrt. Sie weiß nicht mehr, wo Frosch und wo Prinz ist. Und ob überhaupt… Ich fürchte, den Prinzen gibt es nicht, aber das behalte ich für mich. Ich will keine knurrende Wölfin mehr sein. Frosch oder Prinz – eigentlich ist das egal. Es geht doch nur um die goldene Kugel der Prinzessin, die in den Brunnen gefallen war. Meine Freundin hat sie jedenfalls zurückbekommen. Sie spielt weiter.

Nora Marleen. Gebiss

Illustration: © Nora Marleen https://noramarleen.de

One thought on “Steig auf mein Pferd!

  1. Kathrin Schrader hat die Gabe, auch über Dinge, Geschehnisse, wie eben das Erleben des Kusses, die rasch ins Schlüpfrige, Peinliche gleiten könnten, mit einer solchen Eleganz, einer solch‘ sprachlichen Feinnervigkeit, Silbrigkeit (die Worte flirren, tänzeln förmlich) zu schreiben, dass regelrecht Betrübnis die Leserin befällt, wenn sich der Text dem Ende zuneigt.

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