ein unveröffentlichtes Interview über die DDR mit Alain Lance

Ich habe Alain Lance im Oktober 2009 getroffen, nachdem er in der französischen Buchhandlung Zadig sein neues Buch „Longtemps l’Allemagne“ vorgestellt hatte, in dem er über seine Begegnung und sein Verhältnis zu Deutschland spricht. Einen großen Teil dieses Buches nimmt Lance Studienzeit in Leipzig ein, die Zeit, als er Volker Braun traf, mit dem er seither eng befreundet ist. Lance übersetze Volker Braun ins Französische, später auch Christa Wolf und Ingo Schulze. In seinem Buch „Longtemps L’Allemagne“ sagt Lance, dass er in den sechziger Jahren die DDR als „sein Deutschland“ entdeckte.

Ich habe Alain Lance getroffen, um mit ihm über die DDR zu sprechen. Anschließend bot ich das Interview vielen Zeitungen an. Leider vergeblich. Ich wollte, dass junge Leute, die ihr Wissen über die DDR nur aus Filmen wie „Good by, Lenin“ und „Das Leben der anderen“ haben -wie ich sie in der Diskussion nach der Lesung in der Buchhandlung Zadig erlebt hatte- sich ein differenzierteres Bild der Geschichte machen können.

Alain Lance studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Auf seinen ersten Lyrikband im Jahr 1970 „Les gens perdus deviennent fragiles“ folgten mehrere Veröffentlichungen. 1996 erhielt Lance den Tristan-Tzara-Preis und 2001 den Apollinaire-Preis.  Oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Renate Lance-Otterbein übersetzte und übersetzt er zahlreiche Werke von Volker Braun, Christa Wolf und Ingo Schulze. Von 1985 bis 1994 leitete er die französischen Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Von 1995 bis 2004 war er Direktor des Maison des écrivains (Haus der Schriftsteller) in Paris.

2009 wurde Alain Lance 70 Jahre alt.

Monsieur Lance, in Ihrem Buch „Longtemps L’Allemagne“ erzählen Sie, dass Sie nach zwei Aufenthalten in der Bunderepublik als junger Mann im Winter 1962 die DDR als „Ihr Deutschland“ entdeckten. Warum die DDR?

Alain Lance: Sie müssen sehen, dass meine Generation geprägt war von der Revolte gegen den Algerienkrieg. Als ich in Leipzig ankam, sah ich algerische Studenten, die Stipendien hatten, um in der DDR zu studieren. Einer von ihnen ist bis heute ein sehr guter Freund von mir. Dann waren da auch afrikanische Studenten und ich fand es gut, dass die DDR diesen neuen unabhängigen Ländern half.

In Frankreich hatte ich während meines Studiums angefangen, Anna Seghers und andere Emigranten zu entdecken. Diese Leute, dachte ich, die aktiv gegen den Faschismus gekämpft haben, werden in diesem Teil Deutschlands geehrt. Und das Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris 1960 mit „Arturo Ui“ war für mich ein starkes Erlebnis gewesen. Ich sah natürlich, dass in der DDR nicht alles gut war, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt war usw., aber die unschönen Dinge betrachtete ich sozusagen als Schönheitsfehler, die man eben zeitweilig hinnehmen muss. Wie ich in meinem kleinen Buch schreibe: Wenn man jung ist, und eine frische Politisierung hat, neigt man dazu, die Welt in schwarz und weiß zu teilen.

Im November 1962 gab es in der DDR noch Karten für Butter, Fleisch und Eier. Oder sie waren 1960 oder 1961 wieder eingeführt worden. Im Frühjahr 1963 wurden sie dann nicht mehr gebraucht. Ich fühlte mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass es eine Auswirkung der Mauer sei, dass das ökonomische Ausbluten der DDR nun zu Ende wäre. Es folgte dann ja auch ein ökonomischer Aufschwung.

Es war ja zu dieser Zeit in Frankreich nicht einfach, links zu sein, oder?

Alain Lance: Jein. Im Juli 1962 wurde Algerien unabhängig, der Kolonialkrieg war endlich vorbei, de Gaulle war an der Macht, aber die kommunistische Partei bekam mehr als 20 Prozent der Stimmen, da konnte niemand so tun, als ob sie nicht existiert. Langsam entstand die linke Union. 1965 kandidierte Mitterrand allein, mit einem Minimalprogramm, das den Konsens sowohl der Kommunisten als auch der Sozialisten fand, die ja über viele Jahre verfeindete Brüder waren. Dieser Prozess führte dann zum gemeinsamen Regierungsprogramm der Linken 1972 und zur Wahl Mitterrands ein paar Jahre später.

Hatten Sie in den Sechzigerjahren gar keinen Kontakt zu den linken Autoren in der Bundesrepublik?

Alain Lance: Ich las Mitte der Sechzigerjahre „Billard um halb zehn“ von Böll und Gedichte von Enzensberger. Ich las damals auch die Zeitschrift KONKRET und mit großem Interesse die Chronik von Peter Rühmkorf, aber ich hatte keinen Kontakt zu Gegenwartsautoren, auch nicht zu DDR-Autoren. Das kam erst, als ich die Bekanntschaft mit Volker Braun machte. Wir sind übrigens im selben Jahr geboren. Ein paar Jahre später habe ich Christa Wolf kennengelernt, und später Autoren aus der Bundesrepublik, Günter Herburger und die Autoren um die Münchner Zeitschrift „Kürbiskern“, eine linke Monatszeitschrift. Martin Walser war in dieser Gruppe. Aber das war erst Anfang der Siebzigerjahre.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Volker Braun?

Alain Lance: Sehr einfach und sehr freundlich. Das war im November 1964. Ich habe an seine Tür geklopft. „Ich heiße Alain Lance. Ich komme aus Paris. Ich würde gern ein paar Gedichte von Ihnen übersetzen.“ Er war überrascht, bat mich herein. Seine Frau und er luden mich spontan zum Essen ein, die Zeit war knapp, weil sie ein paar Stunden später einen Zug nehmen mussten. Das ist jetzt 45 Jahre her. Wir sind dann in Kontakt geblieben und enge Freunde geworden. 1971 kam er zum ersten Mal für einige Lesungen nach Paris. Sein zweisprachiger Lyrikband war ein Jahr zuvor erschienen. Auf Deutsch hieß er „Provokation für mich“. Der französische Titel lautete „Provokation für mich und andere“. Ich hatte die Einführung geschrieben. 1977 kam ein weiterer Gedichtband von ihm „Gegen die symmetrische Welt“ 1979 wurde sein Stück „Die Kipper“ übersetzt und in Frankreich aufgeführt.

…das Stück, das ursprünglich im Berliner Ensemble Mitte der Sechzigerjahre inszeniert werden sollte, aber erst 1972 in Leipzig aufgeführt werden durfte?

Alain Lance: Ja. Und einige Prosawerke von Volker Braun wurden dann von mir oder anderen Kollegen in Frankreich übersetzt: „Das ungezwungene Leben Kasts“ und „Unvollendete Geschichte“. 1988 erschien in Frankreich „Hinze-Kunze-Roman“, den meine Frau und ich gemeinsam übersetzt haben. Und der Pariser Kleinverlag L’Inventaire hat von 1998 bis 2008 vier Prosa-Bändchen veröffentlicht, u.a. „Bodenloser Satz“ und „Die vier Werkzeugmacher“. Für französischen Lyrikzeitschriften und Anthologien habe ich natürlich auch zahlreiche Gedichte von Volker Braun übersetzt.

Abgesehen davon, dass es Ihnen aus politischen Gründen gefiel, dass die Basis der DDR-Kultur von kommunistischen Remigranten gelegt worden war – brachte Ihre „Entdeckung“ der DDR auch neue Impulse für Ihre literarische Arbeit?

Alain Lance: Ich fand, dass in der DDR-Lyrik das literarische Erbe interessanter, dialektischer integriert wurde, bei Karl Mickel zum Beispiel, aber auch bei Volker Braun. Ich brauchte die Sicht von Leuten wie Volker Braun auf Hölderlin zum Beispiel, um einen anderen Blick auf Hölderlin zu bekommen, bei uns in Frankreich war die Rezeption von Hölderlin einseitig „pontifikal“, oder sogar ein bisschen fragwürdig mit Heidegger. Und gleichzeitig hatte ich Vorbehalte auf die Reduzierung der Kunst auf politische Agitation, wie es manchmal der Fall war bei westdeutschen linken Autoren. Das hatte auch mit dem Sektierertum der kleinen DKP zu tun, die waren katholischer als der Papst. Einige haben diese Vereinfachungen abgelehnt, Uwe Timm zum Beispiel.

Erinnern Sie sich an Gespräche mit Volker Braun über die Entwicklung der DDR?

Alain Lance: Natürlich. Durch ihn verstand ich, dass der real existierende Sozialismus nicht leicht zu leben war, dass es für die Leute in der DDR sehr schwierig oder gar nicht möglich war, Ausreisevisa zu bekommen usw. Der Einmarsch in Prag 1968 war für mich eine wichtige Zäsur.

Volker Braun war mit Rudolf Bahro befreundet. Einmal gab er mir ein Gedicht. Das hieß „Bruno“ wie Giordano Bruno, aber man konnte es auch „Bahro“ lesen. Es beginnt so: Schwieriger Umgang mit dem Abweichler, es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen: Er hat sie beschrieben…

Volker Braun hat eine hohe Idee von der Literatur, er ist sehr anspruchsvoll, aber ohne die in der Zunft übliche Eitelkeit oder Egomanie. Wenn eines seiner Stücke nicht aufgeführt wurde oder das Erscheinen eines Buches immer und immer wieder hinaus gezögert wurde, war er nicht persönlich verletzt, sondern betrachtete das als dumme und unproduktive Haltung. Sein Schreiben war auch ein – oft provokativer – Beitrag zur Diskussion im Land. Einmal hatte er aber wirklich die Nase voll. Das war im Sommer 1984, sein neuer Lyrikband lag auf totem Gleis, der „Hinze-Kunze-Roman“, den er bereits 1981 geschrieben hatte, war immer noch nicht erschienen. Wir trafen uns in diesem Sommer in Budapest, wo er mit seiner Frau Urlaub machte. Ich war zur gleichen Zeit nach Ungarn eingeladen worden, weil ich einen ungarischen Autor übersetzen sollte, also nachdichten, nicht übersetzen. Ich spreche ja nicht Ungarisch.

Es war das einzige Mal, wo ich meinen Freund so erlebt habe. Er sagte: „Wenn ich nicht mehr gebraucht werde, wozu bleibe ich in diesem Land?“ Er hat selten oder nie mit dem Gedanken gespielt auszureisen. Es war das einzige Mal, dass ich seine Verzweiflung in diesem Maße spürte.

Es war eben die Entscheidung von Leuten wie Christoph Hein und Christa Wolf. Sie sind geblieben, weil ihre Familie, ihr Leben in der DDR war, aber sie wussten auch, dass sie eine wichtige Rolle spielten, dass sie gebraucht wurden. Ein Essaybändchen von Volker Braun wie „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“, in einer hohen Auflage, war damals in ein paar Tagen vergriffen.

Wann sind Sie Christa Wolf zum ersten Mal begegnet?

Alain Lance: Das war im Sommer 1970. Damals wurde sie von anderen französischen Kollegen übersetzt. „Der geteilte Himmel“ erschien in Frankreich bereits 1964. Für das Erscheinen von „Christa T.“ im französischen Verlag Le Seuil kam sie in diesem Spätsommer mit ihrem Mann Gerhard nach Paris. Volker hatte ihr meine Adresse gegeben. Dann rief sie an und ich habe die beiden zu mir eingeladen. Ich hatte ein Abendessen mit Austern und anderen Meeresfrüchten vorbereitet. Das haben sie genossen! Volker Braun schrieb übrigens das Gedicht „Die Austern“, als ich ein paar Jahre später, in Berlin diesmal, einen Austernschmaus organisierte. Mit Wolfs bin ich also in Kontakt geblieben. Zu Silvester 72/73 waren meine Frau und ich bei Wolfs in Kleinmachnow eingeladen. Meine Frau Renate lernte die DDR über den Umweg nach Paris kennen. Es war das erste Mal, dass sie in die DDR fuhr. Viele Westdeutsche, auch fortschrittliche Leute, interessierten sich damals mehr für Frankreich und Italien. Insgesamt haben meine Frau und ich sieben Bücher von Christa Wolf übersetzt.

Ihre anfängliche Begeisterung für die Politik der DDR hatte sich zu dieser Zeit schon ziemlich abgekühlt. Und dann waren Sie unter denen, die gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierten, wie Ihre Freunde Christa Wolf und Volker Braun.

Alain Lance: Das war eine seltsame Geschichte für mich. Im November 1976 war ich nach Karlsruhe gefahren, als Beobachter eines französischen Komitees gegen die Berufsverbote in der Bundesrepublik. Ein junger Lehrer wurde entlassen, weil er bei den Kommunalwahlen auf einer Liste der DKP kandidiert hatte. Er hat übrigens in zweiter Instanz gewonnen. Als ich am Abend in Freiburg (mit einer Schwarzwälder Kirschtorte für meine schwangere Frau) in den Zug stieg, um nach Paris zurückzufahren, sah ich eine Schlagzeile: Biermann ausgebürgert. Ich wusste, dass ich für eine gerechte Sache in Karlsruhe gewesen war. Gleichzeitig ahnte ich, dass die DKP diese Ausbürgerung rechtfertigen wird. Damals war ich im Vorstand des Französischen Schriftstellerverbandes. Das waren meist linke Leute. Vladimir Pozner, der alte große Lyriker Guillevic und ich verfassten einen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und sammelten rasch die Unterschriften von Dutzenden von Kollegen, darunter Aragon.

Von 1985 bis 1994 leiteten Sie französische Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken. Wieso übernahmen Sie nicht die Leitung des französischen Kulturinstituts in Ostberlin in den Achtzigerjahren?

Alain Lance: Eigentlich sollte ich dieses Zentrum eröffnen und leiten. Ich kannte den Mann, der im französischen Außenministerium für die Kulturinstitute zuständig war. Eines Abends, beim Essen, fragte ich ihn nach dem neuen Kulturzentrum in Ostberlin. Ich hatte bereits davon gehört. Er sagte, es ginge vorwärts, aber die Verhandlungen seien schwierig, weil zeitgleich ein DDR-Kulturzentrum in Paris eröffnet werden sollte. Er bot mir sofort an, das neue Kulturzentrum in Ostberlin zu leiten. Das war eine ganz neue Perspektive für mich. Ich war mein Doppelleben gewöhnt. Ich war Deutschlehrer, ich tat meinen Job und wenn die Tür des Gymnasiums hinter mir zugefallen war, dichtete und übersetzte ich.

Schließlich erfuhr ich, dass der französische Botschafter in Ostberlin meiner Ernennung nicht zugestimmt hatte. Der Leiter eines Kulturinstituts wird in Paris ernannt, unter Vorbehalt der Zustimmung des Botschafters an Ort und Stelle. Indirekt war es wohl eine Abrechnung mit dem Mann, der mich ernannt hatte, der im Außenministerium auf dem Abwärtshang war. Meine politische Vergangenheit mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Ich hatte zu viele Beziehungen nach Ostdeutschland.

Aber zwei Jahre später bekam ich die Leitung des Kulturinstituts in Frankfurt/Main angeboten. Nach den sechs Jahren am Main bot man mir 1991 die Leitung der beiden Kulturinstitute in Ost – und Westberlin an. Aus zwei Gründen lehnte ich ab. Erstens hatte meine Frau, die in Paris arbeitete, die Nase voll von dem Hin und Her. Zweitens wusste ich, dass eine undankbare Aufgabe auf mich zukommen würde. Ich sollte die beiden Kulturzentren vereinigen. Also Mitarbeiter entlassen. Dieser Kelch ist an mir vorüber gegangen.

Haben Sie 1989 geglaubt, dass eine neue, demokratische DDR möglich ist?

Alain Lance: Ja, das habe ich kurz geglaubt, aber man sah relativ schnell, dass dieser demokratische Impuls in Bananen endet. Das war traurig, ja. (lacht)

Fehlt Ihnen die DDR?

Alain Lance: Nein. Würde ich so etwas behaupten, würde ich ein Missverständnis auslösen: Ach so, Sie wollen die Mauer und die Stasi zurück haben. Das geht nicht. Am Besten hat Volker Braun dieses widerspruchsvolle Gefühl über das Ende der DDR in seinem Gedicht „Das Eigentum“ ausgedrückt. Er schrieb das Gedicht im Sommer 1990. Es erschien fast gleichzeitig in der Zeit und im Neuen Deutschland. Das war die Zeit zwischen Währungsunion und Wiedervereinigung.

Alain Lance holt ein Buch aus dem Bücherschrank. Er liest das Gedicht.

Das Eigentum

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN

Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.

Es wirft sich weg und seine magre Zierde.

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.

Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.

Und unverständlich wird mein ganzer Text.

Was ich niemals besaß, wird mir entrissen.

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.

Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Ludwig Harig erzählte mir von einer literarischen Veranstaltung in Weimar, Anfang der Neunzigerjahre. Einige Autoren aus Ost und West haben da gelesen. Volker trug dieses Gedicht vor. Nach ein paar Sekunden, erzählte Harig, stieg aus dem Publikum ein Gemurmel, ein Summen. Dutzende Leute kannten das Gedicht auswendig und haben mitgesprochen.

Welche kritischen deutschen Autoren machen Ihnen heute Hoffnung?

Alain Lance: Daniela Dahn. Ingo Schulze.

Dann zeigt er auf den Gedichtband von Volker Braun, aus dem er soeben gelesen hat.

Alain Lance: Und Volker. Er ist heute als Direktor der Literatur-Sektion der Akademie der Künste so unbequem für die herrschende Ideologie der Finanz-Globalisierung wie er es damals gegenüber dem autoritären Staatssozialismus war.

Ich lebe auf einer Insel

Der Schriftsteller Artur Becker, geboren in Polen, lebt seit 25 Jahren in Deutschland, ist immer noch hin – und hergerissen und hat den Plural für Zuhause erfunden: Zuhäuser

Es ist ein Montagmorgen. Der Schriftsteller Artur Becker steht in seiner Küche vor der Espresso-Maschine und schaut zu, wie der Kaffee in die Tasse tröpfelt. Seine Frau ist zur Arbeit gegangen. Der sechzehnjährige Sohn hat sich auf sein Zimmer zurückgezogen. »Sieht nicht so aus, als würde ›Der Lippenstift‹ ein Bestseller werden«, sagt Becker. »Der Lippenstift meiner Mutter«, sein neuester Roman, ist in diesem Herbst erschienen. Artur Becker erzählt darin von seiner Kindheit in dem ostpolnischen Städtchen Bartoszyce, das im Buch den Namen Dolina Roz trägt.

Vorhin hat er im Internet einen schmalen Verriss seines Romans in einer großen Tageszeitung gelesen. Der Kritiker schreibt, Beckers Romane seien Kitsch. »Wissen Sie, ich habe seit Jahren das Gefühl, ich lebe auf einer Insel«, sagt er. Der Schriftsteller Artur Becker wurde 1968 in Polen geboren. Seit fünfundzwanzig Jahren lebt er in Deutschland, in Verden an der Aller, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen.

»Der Eskapismus«, sagt er. »Es ist richtig. Ich fliehe in meinen Büchern vor der Wirklichkeit. Das hat mit dem Verlust der sogenannten Heimat, der Kindheit und Jugend zu tun. So kommen meine Bücher zustande, und doch glaube ich wie Isaac B. Singer, Welten retten zu müssen, die es nicht mehr gibt.«

Im letzten Jahr erhielt Becker den Adelbert-von-Chamisso-Preis, mit dem Autoren geehrt werden, die auf Deutsch schreiben, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Deutsch zu schreiben war eine schwierige, eine existentielle Entscheidung für Artur Becker. Er traf sie nur vier Jahre nach seiner Einreise. Er hatte bereits in Polen Gedichte und Essays veröffentlicht. Aber als er 1985 sechzehnjährig nach Deutschland ging, war er noch zu jung und unbekannt, um daran anknüpfen zu können.

Erzählen musste er. So blieb ihm nur, sich in der deutschen Literaturszene zu etablieren. »Ich wollte ein polnischer Dichter werden«, sagt er. »Ich wollte nicht nach Deutschland. Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich war wütend auf die Verhältnisse in Bartoszyce, auf den hässlichen Sowjetismus und den  primitiven Katholizismus in der Provinz. Ich fühlte mich als Rebell, als Rockstar und war gleichzeitig sehr glücklich. Mein Mädchen lebte in Poznan.« Das Mädchen aus Poznan, Magdalena, folgte Becker einige Jahre später nach Verden an der Aller und ist heute seine Frau. Sie arbeitet als Pädagogin für behinderte Kinder. Immer wieder wird Becker gefragt, warum er nicht in ein literarisches Zentrum Deutschlands geht, nach Berlin oder nach Frankfurt. Doch er will hier nicht weg. »Ich bin so viel unterwegs«, sagt er. Da ist es praktisch, dass er in Verden gleich am Bahnhof wohnt. Seine Eltern leben auch hier. Seine Mutter gab an der Volkshochschule Polnischunterricht. Sein Vater arbeitete in der Firma seiner deutschen Verwandten. Hier und im nahen Bremen, wo Becker Slawistik und Germanistik studierte, wuchs er in die literarische Szene, hielt er seine ersten Lesungen. Der Bremer STINT-Verlag gab Gedichtbände und seinen ersten Roman »Dadajsee« heraus, der prompt den Preis des Deutschen Schriftstellerverbandes gewann. Mit seinem ersten Lektor Bernd Gosau aus dem STINT-Verlag verbindet ihn bis heute eine enge Freundschaft. Die Band »Les Rabiates« hat seine Lyrik vertont.

Becker spricht längst nicht mehr über den Schmerz, den ihm die deutsche Sprache anfangs bereitet hat. 1998 schrieb er im Gedicht »Jesus und Marx von der ESSO-Tankstelle«: »Weil ich in dieser gottverfluchten Sprache schreiben muß / In dieser scheiß Sprache gottverdammten Sprache … In dieser Frikadellen Pommes Bratwurstbudensprache / In dieser Wörter Wörterbuchsprache / Dich ich so hasse hasse hasse …«

Artur Becker ist inzwischen angekommen im Literaturbetrieb der Deutschen und kann als »Pole vom Dienst« über Nacht Essays liefern. Wenn der seltene Fall eintritt, dass die Tagesschau über das Nachbarland Polen berichtet, sind die Kommentare von Artur Becker in den Medien gefragt. Er äußert sich zu Polen und Erika Steinbach, zu Polen und der deutschen Regierung, zu Polen vor den Wahlen und zum Flugzeugabsturz von Smolensk. Kürzlich diskutierte er im ZDF-Nachtstudio mit anderen Gästen über die kulturelle Entwicklung Osteuropas.

»Es ist bestimmt so, dass ich eine Rolle angenommen habe und spiele«, sagt er heute. »Manchmal ist es, als ob ich ein T-Shirt mit dem polnischen Adler trage und damit durch die Gegend laufe, ein anderes Mal halte ich mich für einen guten Repräsentanten der Bundesrepublik, der für diese moderne, kunterbunte Gesellschaft steht.«  Mit Handkuss und Anreden wie »Verehrteste« spielt er den großbürgerlich-liberalen Polen. Von wegen T-Shirt: Becker ist einer der letzten Intellektuellen, der in der deutschen Öffentlichkeit mit Krawatte zu besichtigen ist. An der rechten Hand trägt er einen silbernen Siegelring mit dem polnischen Adler. Seine Frau hat ihn als kleinen Provinzler beschimpft deswegen, der sich mit diesem Kitsch groß tun müsse. »In der Ukraine kam ein junger Mann nach einer Lesung und warnte mich, ich könne auf dem Heimweg verprügelt werden. Und einmal hat mich eine Frau in einem Café gefragt, ob ich adliger Abstammung bin.« Er streckt seine Hand aus, blickt auf den Ring. »Übrigens würde ich Ihnen empfehlen, Silber immer in Polen zu kaufen. Es ist dort billiger als in Deutschland und, wie ich finde, besser verarbeitet.«

Der deutsche Dichter mit dem polnischen Adler auf der Hand – wo ist er zu Hause? Was ist seine Identität? Er fühle sich ganz klar als Pole, sagt er. Durch und durch. Mit seiner Frau und Sohn Philip spricht Becker polnisch. Deutsch, findet er, taugt weder für das Schlafzimmer noch für die Küche. Es ist seine Dienstsprache. Von seinem Schreibtisch in der Diaspora aus treibt Becker Wurzeln in die polnische Literaturgeschichte, zu Czeslaw Milosz, Bruno Schulz und Isaac B. Singer. Dort, in der Landschaft der Masuren und in den Armen von Magdalena ist er zu Hause. Der Schreibtisch steht nach wie vor im Exil. Becker besteht auf dem Wort Exil, da es die politischen Verhältnisse gewesen seien, die seinen Eltern das Leben in Polen unerträglich machten. Nach jeder Deutschlandreise sei der Vater vom Geheimdienst verhört worden. Auch die Mutter, die in Danzig studierte und Freunde unter den polnischen Dissidenten gehabt habe, hätte mehr und mehr unter Druck gestanden, so dass der Weg nach Deutschland, wo der Vater Verwandte hatte, schließlich unausweichlich geblieben sei.

Wie geht das: polnisch fühlen und deutsch schreiben? »Das geht eigentlich nicht«, sagt Becker, als würde es ihm heute Morgen in der Küche zum ersten Mal klar. »Das geht überhaupt nicht. Aber so ist unsere Zeit. Unsere Zuhäuser …« Er blickt kurz fragend auf. »Sagt man so?« Ist es im 10. Jahr des 21. Jahrhunderts nicht an der Zeit, dass ein Exilant den Plural des Wortes »Zuhause« erfindet? »Unsere Zuhäuser sind so fragil geworden. Selbst wenn jemand nach 1989 in Plauen geblieben ist oder in Cottbus, ist er mit einer neuen Identität und Wirklichkeit konfrontiert. Er hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Natürlich ist mein Zuhause in Deutschland. Aber ich habe auch ein Zuhause in Masuren.« Immer wieder taucht in Beckers Romanen der Pole aus Masuren auf, der nach Deutschland ging, nach Bremen.

Der Erzähler Artur Becker lässt die Gesellschaft an seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identitätssuche teilhaben. Er bedient sich fiktiver Figuren, um seine existentiellen Fragen zu behandeln. Immer wieder stellt er die Frage: Was ist ein Pole? Was ist ein Pole heute in Deutschland, in Europa? Wer bin ich? Seinen letzten Studienaufenthalt in Venedig nutzte er, um zu lesen, was berühmte Italiener über die Polen gesagt haben und zitiert jetzt gern Casanova. »Er hat sehr richtig festgestellt, dass die Polen talentierte, gebildete Menschen sind, aber Schwierigkeiten haben, eine gemeinsame Linie zu finden, wenn es um wichtige Dinge geht.«

In seinem siebten Roman nun also, »Der Lippenstift meiner Mutter«, zeigt Becker die sonderbaren Bewohner des Städtchens Dolina Róż aus der Sicht des fünfzehnjährigen Bartek, der dort aufwächst. Damit nicht wieder alle wie bei den vorangegangenen Romanen fragen, wie autobiografisch das Ganze nun sei, erklärt Becker gleich zu Beginn des Buches, dass dies kein autobiografischer Roman sei, obwohl man lebende und verstorbene Personen aus der Umgebung des Dichters wiedererkennen mag. Trotzdem haben wieder alle gefragt. Denn Becker verheimlicht nicht, dass ihm seine Heimat, das ostpolnische Städtchen Bartoszyce, als literarische Vorlage diente.

Vor seiner Lesung im Deutschen Theater in Berlin sagt Becker: »Als ich anfing, über Masuren zu schreiben, entdeckte ich immer mehr, von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, immer neue Geschichten und dachte: Das alles muss noch erzählt werden. Wer erzählt es sonst?« Die Handlung des Romans bleibt jedoch  auf den unspektakulären Provinzalltag beschränkt. Obwohl die Geschichte Polens in Dolina Róż immer präsent ist, bleiben die aufregenden Entwicklungen der Achtzigerjahre, in denen »Der Lippenstift meiner Mutter« spielt, leider bedeutungslos, selbst für die Jugendlichen.

»Sicher ist meine Sprache ganz anders als die von zeitgenössischen Muttersprachlern.« Becker hält inne. Angesichts seiner Literatur ist nicht ganz klar, in welche Richtung dieser Satz zielt. »Wobei immer wieder gesagt wird, was für ein geschliffenes Deutsch ich spreche …«Selbst nach dem Chamisso-Preis bleibt eine Spur Verunsicherung. „Sie meinen: Sehr eigensinnig, das Ganze. Absurd vielleicht im Sinne der polnischen Erzähltradition von Mickiewicz, Gombrowicz und so weiter?“

Kein geschliffenes Deutsch ist es, dass Becker spricht. Er redet schnell und gewandt, mit einem polnischen Akzent, der nach Genuss und Spiel klingt. Er liest mit rundem Rücken und rundem Bauch, die welligen Haare aus dem runden Gesicht gestrichen. Nur seine starken Brauen sind nicht rund. Sie zucken wie spitze Zirkumflexe in die Stirn, wenn er über sein Lieblingsthema, die polnische Geschichte, referiert. Es ist Deutsch in Öl.

»Ich bin auf jeden Fall mustergültig integriert.« Er sagt das ganz im Ernst, obwohl man es für Zynismus halten könnte, wenn ein Intellektueller, der täglich die deutsche und polnische Presse liest, ein Slawist und Deutschland-Kenner, ein Germanist und Polen-Kenner, also ein Glücksfall für dieses Land, eine Phrase auf sich bezieht, mit der andere sich anmaßen, Gemüsehändler und Taxifahrer zu bewerten.

Kathrins Notiz-Blog 1. Juni 09

Auf der Leipziger Buchmesse im März 2009

Rimbaud soll gesagt haben: „Meine Überlegenheit besteht darin, dass ich kein Herz habe.“

Rimbaud hat Recht. Das Herz passt nicht. Besser wäre ein Knopf, um Traurigkeit, Angst und Liebeskummer abzustellen. Aber das Herz ist nicht zu besänftigen und es sehnt sich. Wieso ist die Liebe wichtig (auch wenn sie keinen biologischen Zweck mehr erfüllt)? Warum machen wir Kinder (obwohl sie sich nicht rechnen)? Warum sind wir bereit, für einen Menschen alles zu geben (es gibt doch so viele und vielleicht ist uns der nächste nützlicher)?

Das Herz ist der letzte, unerhörte Rebell gegen die gesellschaftlichen Zustände. Es schlägt und schlägt und schlägt, ist Herz, ist Herz, ist Herz. Und warum schweigen wir? In der chinesischen Medizin gehört die Zunge zum Organkreis des Herzens. Im Reden manifestiert sich das Herz. Das Herz ist Feuer, ist bitter und rot. Wer seinen Kummer auf der Zunge trägt und redet, ihn mit der Welt teilt, wird vom Herz getrieben.

Ich lese gerade ein ziemlich altes Buch. Die Seiten sind hellbraun wie ein frisch gebackener Keks. Wenn ich es aufschlage, verströmt es einen süßen Duft nach Holz. Es ist der erste Band der Fundus Reihe aus dem Verlag der Kunst Dresden. Es erschien 1959. „Von der Notwendigkeit der Kunst“ von Ernst Fischer.

Über ihn heißt es: „Ernst Fischer zählt zu den maßgebenden Politikern und Theoretikern des Marxismus der Gegenwart. Als „den glänzenden Publizisten, den hervorragenden Kunstkritiker, den hochgebildeten und unermüdlichen Marxisten“ hat man ihn an seinem 60. Geburtstage gefeiert. Thomas Mann schrieb über die Essays Ernst Fischers: Das „im schönsten Sinne optimistische Einstehen für die ewige Sendung der Kunst…, das alles hat mich außerordentlich gefesselt und geistig belebt; ich freue mich des Umgangs mit einem so feinen und starken, von menschheitlichem Gefühl bewegten und erwärmten Verstand“.

Ernst Fischer erzählt, wie sich die Rolle des Magiers in den Stammesgesellschaften später in die Rollen des Künstlers und Priesters aufspalten. Er spricht über die Entmenschlichung der kapitalistischen Gesellschaft und deren unterschiedliche Spiegelungen in der Kunst. Und er erklärt die Rolle der Kunst in der Klassengesellschaft.

„Erstens, dass nicht wenige Künstler und Schriftsteller von Niveau die Modelle liefern, die dann von der Kunstkonfektion in grober Form und billiger Herstellung nachgeahmt werden, und dass auf diese Art die Haute-Couture des Antihumanismus die Massenkonfektion beeinflusst; und zweitens, dass eine Kunst, die hochmütig das Bedürfnis der Massen ignoriert und ihren Ruhm darin sieht, nur von wenigen verstanden zu werden, dem Dreck der Vergnügungsindustrie freie Bahn gibt.“

Nach dem Fall der Mauer war mir aufgefallen, dass die Leute im Westen sagen: „Ich gehe heute in die Oper“, wie man sagt: „Ich habe eine Villa am Wannsee“ oder „Ich fliege morgen auf die Malediven“. Mich stören die elitären, gutbürgerlichen Zirkel einerseits und die verranzten Subkulturen andererseits. Dazwischen gibt es fast nichts, außer einigen Gruppen aus Ostlern, die mittlerweile an Jahren fortgeschritten sind. Ich hatte nicht gewusst, WIE klassenlos die Kunst – und Kulturszene war, in denen ich mich in der DDR mit Anfang Zwanzig wie ein Fisch im Wasser bewegt hatte.

Ich komme tatsächlich aus einer (fast) klassenlosen Gesellschaft. Das macht mich ein bisschen stolz. Aber ganz egal, woher wir kommen, wir müssen reden. Wir dürfen diese Spaltungen nicht zulassen. Alles Gelaber von Ganzheitlichkeit ist doch nur dünne Soße (mit der auch nur Profit gemacht wird), unter der ein in Stücke zerhackter Körper liegt. Kein Wunder, dass mein Immunsystem das nicht mehr mitmacht. Weil ich das körperlich spüre…Mein gegen sich selbst rebellierendes Immunsystem ist die Krankheit der Gesellschaft, die Zerstückelung des Menschen, der Stich mitten ins Herz.

Die kleine Rote

Nicola Nord ist 33 Jahre alt. Sie wuchs in Frankfurt am Main auf.

Sie liebte die DDR. Heute thematisiert die Performerin mit ihrer Theatergruppe „andcompany & co.“ den Untergang des Ostblocks und den Kommunismus

Die Reisen nach Spanien mit den Eltern gingen in Ordnung, aber das Beste waren die Sommerferien in den Pionierlagern der DDR. Nicola hatte von ihren Eltern gelernt, dass die DDR das bessere, das gerechtere Deutschland sei. Ihre Eltern waren Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei. Die Familie lebte in Frankfurt am Main.

Nicola liebte die DDR. Sie fand Thälmann-Orden schöner als Micky-Maus-Button. Die sozialistische Vita-Cola schmeckte ihr besser als Coke. Klar hat es einige Kinder im Ferienlager gegeben, die sie wegen ihres rosa Minnie-Maus-Anzuges eine Angeberin schimpften, erzählt Nicola, doch sie habe nie auch nur den geringsten kulturellen Unterschied zwischen sich und den DDR-Kindern verspürt. Mag daran liegen, dass die West-Kommunisten ihre Kinder nach den DDR-Erziehungsleitbildern erzogen, also nicht so liberal wie 68er – Eltern, erstaunlich dennoch, denn Nicola wuchs in einer freieren Gesellschaft auf. Zu Hause gingen Kommunisten aus allen Ländern ein und aus, eine Zeitlang lebten chilenische Familien in dem Haus, dass sie sich, ähnlich wie eine Kommune, mit den Familien anderer Genossen teilten. Aber nur in den Ferienlagern der DDR war sie eben ohne Ausnahme unter Gleichgesinnten. Dort waren keine Kinder, die von den Eltern angehalten wurden, nicht mit den kleinen Roten aus der Nachbarschaft zu spielen.

Nicola Nord ist 33 Jahre alt, auffallend hübsch und immer mittendrin. Inzwischen kommen die DDR-Anekdoten aus ihrer Kindheit gut an. Sie sorgen auf jeder Party für fröhliche Gesichter. Einige beneiden Nicola sogar um den Exotenbonus, besonders bei der Geschichte, wie sie Erich Honecker einmal ein goldenes Feuerzeug überreichen durfte. In jenem Sommer war sie zur Bundespionierin ernannt worden. Von allen Kindern war es Nicola, die das meiste Geld für Schulen in Nicaragua gespendet hatte, denn ihre bunt bemalten Vita-Cola-Kronkorken waren auf dem Soli-Basar der Verkaufsschlager. Ein bisschen peinlich ist ihr diese Geschichte schon. Sie will ja nicht als Streberin dastehen. Also behauptet sie, dass alle nur bei ihr gekauft hätten, weil sie so ein süßes Mädchen war. Vielleicht hatte sie auf dem Basar einfach die kräftigste Stimme.

So steht die Performerin und Theatermacherin Nicola Nord heute auf der Bühne: klein, blond und laut. In ihrem Stück „little red(play): her story“ nimmt sie das Publikum mit ins Ferienlager der DDR. Sie erklärt, wie man ein Halstuch richtig bindet, nicht mit den Enden schlaff nach unten wie der Bart von Väterchen Stalin, sondern straff zur Seite wie Lenins Bart. Meist aber rennt „die kleine Rote“ auf der Bühne gegen die Zeit. Sie muss zurück ins Jahr 2000, denn im Jahr 2000, so hat sie es im Pionierlager gelernt, wird der Kommunismus weltweit gesiegt haben. Im Jahr 2000 ist sie mit den anderen Pionieren an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz verabredet.

Nicola Nord sieht oft so aus, als wäre sie eben gerannt, auch an diesem Dienstagabend, als sie in Begleitung ihres Lebensgefährten Alexander Karschnia mit erhitzten Wangen das Restaurant „Gorkipark“ in Berlin betritt. Auf dem Weg diskutierten sie eine Idee für ihr neuestes Stück „eldederado – der letzte Sommer der Indianer“. Es wird um Western im Osten gehen, Gojko Mitic der jugoslawische „DEFA-Indianer vom Dienst“ wird darin eine Rolle spielen und Dean Reed, der aus den USA in die DDR desertierte „Cowboy“, sowie Sarah Günther, die Enkelin von Indianisten aus Bautzen. Nicola pustet die Haare aus der Stirn, während sie den Mantel abstreift. Sofort erzählt sie begeistert von Sarah Günther, der jungen Schauspielerin aus Bautzen, deren Mutter als Dramaturgin am sorbischen Theater arbeitete. Zum vierten Mal thematisieren Nicola Nord und Alexander Karschnia mit ihrer Theatergruppe „andcompany & co.“ den Untergang der DDR und des Ostblocks. Die DDR ist ihr quasi Beruf geworden. Doch was geschah in Nicolas Leben zwischen der real existierenden und der Bühnen-DDR?

Als die Mauer fiel, war sie vierzehn Jahre alt. Die Eltern und Freunde standen unter Schock. Es breitete sich das aus, was Nicola heute „das große Schweigen“ nennt, die Unfähigkeit der westdeutschen Kommunisten, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Auch bei Nicola saß der Schreck tief. „Noch Jahre nach dem Mauerfall fühlte ich mich durch jeden Satz, der gegen die DDR gesagt wurde, persönlich beleidigt.“ Heute durchschaut sie die Propaganda, der sie als Kind in den sozialistischen Musterfamilien und – Betrieben ausgesetzt war.

Nicola hatte Politikerin werden wollen. Nun studierte sie Film-, Theater- und Medienwissenschaften an der Goethe-Uni in ihrer Heimatstadt Frankfurt/Main. Ein Stipendium der Amsterdam School for Performing Arts führte sie und Alexander Karschnia in die niederländische Hauptstadt. Dort gründeten sie mit dem Musiker Sascha Sulimma „andcompany & co.“, eine Theatergruppe, an die sich andere Künstler und Künstlergruppen projektgebunden andocken können. In Amsterdam und New York, wo ihre Arbeit sie häufig hinführte,  hörte man Nicolas Kindheitserinnerungen unvoreingenommen und mit großer Ernsthaftigkeit zu. Häufig wurde sie von Kollegen ermuntert, mit den Erfahrungen ihrer Kindheit zu arbeiten. „In Deutschland wären wir wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, ein Stück über den Kommunismus mit Nicolas Erinnerungen zu machen“, sagt Alexander Karschnia. „Dort war die Geschichte noch viel zu nah und zu blutig.“

„Little red“ wird der erste große Erfolg von „andcompany & co.“ Nicola Nord glaubt, sie habe mit dem Stück „das große Schweigen“ endlich gebrochen. Im Vorfeld der Arbeit hatte sie ehemalige DKP-Mitglieder interviewt. Weil Nicola eine von ihnen war, hatten sie eingewilligt und zaghaft von ersten Zweifeln gesprochen, die sie bereits damals hatten.

„Little red“ entsteht gegen die Bedenken von Nicolas Eltern. Es ist ein erster Schritt zum eigenen Umgang mit der Kindheit, die Nicola ihren Eltern niemals zum Vorwurf gemacht hat. Nicht radikal, noch ängstlich, dass ihre Arbeit zum Bruch mit den Eltern führen könnte, wählt Nicola Nord die kindliche Perspektive auf die Geschichte, immer wieder gebrochen durch ironische Distanz. Ideologische Unentschlossenheit flackert durch die gesamte Inszenierung. Wenn Nicola von der Angst ihrer Eltern spricht, dass ihnen im Theaterstück der Tochter die eigene Vergangenheit um die Ohren fetzen, man sich über sie lustig machen könnte, wird spürbar, wie sehr das auch noch ihre eigene Angst ist. Doch die absurde Zeitreise im Dekor der sowjetischen Dreißiger – und ostdeutschen Siebzigerjahre tut niemandem weh.

Nicola setzt die Effekte ihrer DDR-Performances genau. Sie setzt ihren Sozialismus in Szene. Sie spielt ihn. Nach dem Spiel überlässt sie Alexander das Gespräch. Von ihm kommt der intellektuelle Unterbau der Inszenierungen. Alexander Karschnia promovierte über das Theater von Heiner Müller. Die Debatten der Intellektuellen in den Anfangsjahren der DDR schmökert er weg wie andere skandinavische Krimis. Das Paar liest Heiner Müller und Brecht. Sie diskutieren Derrida. Von dem russischen Futuristen Velimir Chlebnikov ließ sich Alexander zur Idee der „time republic“, dem Nachfolgestück von „little red“ inspirieren. Dem dritten Teil „Mausoleum buffo“ ging ein intensives Studium des Stalinismus und seiner Folgen und eine Reise nach Moskau voran. Die Intensität dieser Arbeit macht die Klugheit und den eigenen Stil, und damit den Erfolg von „andcompany & co.“ aus.

Der Schmerz, Nicolas Schmerz, der auch Alexanders Schmerz ist, arbeitet mit, noch verschwiegen. Nicola zieht eine abgegriffene Plastikhülle aus ihrer Handtasche. Darin steckt eine zerfledderte Ausgabe der Zeitung „Pionier“ aus dem Jahr 1988. Das Cover zeigt Nicola mit ihrer Band „Coolkids“. Aus runden, blauen Augen blickt sie ernst in die Kamera, in einer 80er-Jahre-Bandleader-Pose, Nase nach vorn. Ein Abschiedsbrief steckt auch in der Hülle, aus dem Jahr 1990. Eine Freundin beschreibt darin detailliert ihren Abschied von der DDR, den sie am Tag der Wiedervereinigung allein mit DDR-Fahne in der Küche ihrer Eltern zelebriert.

Im vergangenen Jahr ist das Paar nach Berlin gezogen, nach Kreuzberg. Voraus gegangen war das Angebot einer dauerhaften Zusammenarbeit mit Matthias Lilienthal vom Hebbel am Ufer. In Berlin gehen sie bei Theatermachern der DDR ein und aus, für die der Traum vom Kommunismus in jenem Jahr starb, als das DKP-Verbot im Westen aufgehoben wurde und Nicolas Eltern eintraten: 1968, im Jahr des Prager Frühlings.

„Auf der Bühne bin ich Kommunist“, sagt Alexander. „Brecht sagte, dass Kunst und Kommunismus mit dem Unmöglichen zu tun haben. Deswegen habe ich in unseren Blog geschrieben: Seien wir realistisch, Genossen! Versuchen wir das Unmögliche!“

Und Nicola? Sie nickt. Vorsichtig. „In meinem Herzen auf jeden Fall“, sagt sie. Es ist ein schwieriges Geständnis. Ganz und gar nicht reif für eine typische andcompany-Performance. Noch nicht.

Die nächsten Aufführungen von andcompany & co:
Mausoleum buffo:
20.04.2009 Krakow
Cracow Theatrical Reminiscences Festival (PL)
02. + 03.05.2009 Theaterhaus Jena
crash.boom.bau.festival

Little Red:
24.+25.04.2009 Behauviour Festival, The Arches, Glasgow (UK)
29.+30.04.2009 54. Sterijino PozorjeFestival, Novi Sad (SRB)

Kathrins Notiz-Blog 16. März 09

„The hottest ticket in London this weekend is not for a pop singer or a football match but for a conference on communism which brings together some of the world’s leading Marxist academics. The international financial crisis has led to a resurgence of interest in a philosophy that many claimed had been buried with the collapse of the Soviet Union.“ The Guardian

http://www.guardian.co.uk/uk/2009/mar/12/philosophy

So schrieb der Guardian am Donnerstag. Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis das Gespenst wieder umgeht….Es wärmt mir das Herz. Ich öffne ihm die Türen meines Hauses. Komm, geistere darin herum und labe dich an den Träumen einer Rebellin! Ja, ja, du hast richtig gesehen: Ich liege Nacht für Nacht allein im Bett, aber bald sind Slavoj Zizek und Alain Badiou bei mir. Und jetzt Du! Bleibe ein Weilchen, halte mich, auch wenn ich nicht an eine gerechte Gesellschaft glaube. Du doch auch nicht! Es wird sie niemals geben. Aber Du, die feinste Idee der Menschen, ist zurückgekehrt, die von der Gleichheit aller Menschen. Sie ist zu schön, um zu sterben. Und ich kenne Menschen in der Stadt, bei denen Du ebenfalls aus – und eingehst. Es sind nur ein paar Stationen mit der U-Bahn. Grüße sie von mir!