Treibstoff der Poesie

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Keine Kalorien-Tabelle verrät, wie viel Energie beim Bücherschreiben verbraucht wird. Ernährungsexperten fächern das Spektrum der menschlichen Tätigkeiten in unterschiedlich anstrengende Beschäftigungen wie Fitnesstraining, Autofahren, Hundeausführen und Fernsehen. Die Poesie kommt darin nicht vor.
Der Schriftsteller sitzt am Schreibtisch. Das sieht leicht aus. Von außen wirkt er relativ unbewegt, und solange man ihn nicht anspricht, sogar entspannt.
Er wirkt, als lebte er von Luft und Duft und gelegentlich einer Handvoll Haselnüssen. Die Künstler selbst tun wenig, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.
Keiner spricht über die Mühen. Eher lakonisch lassen die Dichter die Schwierigkeiten mit den Worten anklingen. Man ahnt den Ringkampf mit der Sprache. Dass er sie häufig vom Monitor weg, in die Defensive in Richtung Küche treibt, dieses Detail des künstlerischen Prozesses halten sie nicht der Rede wert. Eine Nachfrage offenbart pikante Gewohnheiten.
Die Literaturübersetzerin Elina Kritzokat gesteht, dass manche Schreibunterfangen so bedrohlich scheinen, dass sie sich mit einem extra vollen Magen dafür präpariert. »Man lernt ja schon als Baby, dass Sicherheit sich durch Essen einstellt.«
Es kann nicht verkehrt sein, sich derart zu bevorraten, denn immerhin verschlingt der Kopf zwanzig Prozent unseres gesamten Energiebedarfes. Wissenschaftler behaupten zwar, es spiele dabei keine Rolle, ob jemand viel oder wenig denkt. Dichten würde demnach nicht mehr Energie verbrauchen als Briefesortieren.
Dem widersprechen Berichte wie die von Jens Sparschuh. Er sagt: » Das Schreiben macht mich sehr hungrig, mehr als Gartenarbeit.« Vermutlich haben die Wissenschaftler bei ihren Berechnungen die Kunst außen vor gelassen. Kunst lässt sich eben nicht in Kalorien umrechnen. Es ist bekannt, dass kreative Denkprozesse ziemlich viel Dampf im Kopf erzeugen. Doch woher kommt diese Energie?
Jenny Erpenbeck schleicht hin und wieder zu ihrem geheimen Vorrat an Salzlakritz und quitschsauren Gummis. Tamara Bach zerfetzte ihre Lippen mit Salt & Vinegar-Chips, während sie ihre mehrfach preisgekrönten Jugendromane »Marsmädchen« und »Jetzt ist hier« schrieb. Sogar Richard Wagner, der ein äußerst ambivalentes Verhältnis zur Küche hat, sucht diese gelegentlich am Vormittag auf, um sich einige Röllchen einer deftigen italienischen Salami abzuschneiden, wenn er mal nicht weiter weiß.
Poeten brauchen offenbar starke Geschmacksreize. Wie sollten sie auch Werke komprimierten Lebens schaffen, wenn sie sich von blassen Flocken oder Blättern ernährten? Jenny Erpenbeck drückt es so aus: »Manchmal braucht man etwas Physisches, damit die Gedanken kein Übergewicht bekommen.«
Süße, Säure, der Geschmackskick eben, hilft offenbar, die Kopflast auszutarieren, die kreative Lust zu zügeln.
Für die Literatur zerstören die Autoren ihre Zähne, ihre Haut, den Magen und die Arterien. Vielleicht spielte Peter Rühmkorf auf diese Diskrepanz zwischen Kunst und Gesundheit an, als er sagte: »Wer sich nicht ruiniert, aus dem wird nichts.«

Tanja Dückers bekennt sich öffentlich als Schokoholic. »Schokolade erdet mich«, sagt sie. »Sie verhindert, dass der Geist beim Schreiben völlig in luftige Höhen abdriftet.«
Tanja Dückers macht hedonistischen Shopping-Touren durch die süßesten Läden Berlins und lässt ihre Schokoladentafeln offen auf dem Schreibtisch liegen, mindestens zwei, bevorzugt helle Bitter oder satte Vollmilch, fair gehandelt und beim Fachhändler erworben. Ausführlich informiert sie sich über neue Sorten mit gewagten Gewürzkombinationen und probiert sie alle aus. Dückers genießt und steht dazu. Wenn sie gerade keine Schokolade isst, denkt sie über Schokolade nach. Sie beschäftigt sich mit Sorten, Lagen und Ernten, mit der wirtschaftlichen Situation der Anbauländer und der sozialen Lage der Kakaobauern. Sie studiert Rezepte und Trends und verfolgt den Streit um die Prozentpunkte, ab wann sich eine Schokolade bitter oder halbbitter nennen darf.
Die New Yorker Autorin Lily Brett hat allen Treibstoffen der Künstler abgeschworen und komprimiert den Verzicht auf Zucker, Schmalz, Alkohol und Nikotin, indem sie sich exzessiv mit ihren Ess-Störungen auseinandersetzt. Sie ist das prominenteste Beispiel der neurotischen »hypermodernen Esser«. Lily Brett isst niemals nur des Genusses wegen, sondern um sich mit Mineral –und Ballaststoffen, Vitaminen, Polyphenolen, Omega-3-Fettsäuren und ausreichend Flüssigkeit auszustatten.
Was ist es, das uns im Innersten zusammenhält, im Magen, dem die traditionelle chinesische Medizin das Element Erde und den süßen Geschmack spätsommerlicher Ernten zuordnet? Keine Berufsgruppe scheint so anfällig für Extremernährung wie die der Künstler.
Die junge Autorin Tamara Bach pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrer Küche. Noch. Sie schreibt, raucht, isst und rockt darinnen. Gelegentlich wirft sie dabei Vasen und Teetassen um. Macht ja nichts. Den Laptop hängt sie anschließend zum Trocknen über den Herd.
Doch je reifer die Dichter, desto disziplinierter und bewusster wird ihr Umgang mit den Gefahrenklassen. Sie schätzen deren inspirierende Wirkung hoch und lassen sich nur noch selten vom Mangel an einem Wort willenlos in Richtung Keksdose treiben. Selbst Tanja Dückers beschränkt den Schokoladenkonsum inzwischen auf maximal eine halbe Tafel pro Tag.
Auch Richard Wagner mag neben den erwähnten Salamihäppchen zwischendurch mal ein Stück gute Schokolade mit hohem Kakaoanteil. »Das regt an und belebt. Schreiben ist ja auch eine sinnliche Erfahrung. Das ist aber auch das Einzige, was ich in der Küche mache. Denn ich koche nie.« Das hängt mit seiner persönlichen Geschichte zusammen. Er stammt aus Rumänien, 1987 kam er in die Bundesrepublik. »Anfang der Achtzigerjahre gab es in Rumänien wenig zu essen. In den Restaurants wurde kaum etwas angeboten. Ich musste jeden Tag selber kochen. Das war aufwändig. Als ich nach Deutschland ausgereist bin, habe ich mir geschworen, nie wieder zu kochen.« Heute isst er jeden Tag um die gleiche Zeit in dem kleinen italienischen Bistro in seiner Straße. Nach der Arbeit am Schreibtisch taucht er mit Bauarbeitern, Handwerkern und Angestellten in den Lärm der Straße, schaut den Köchen zu, wie sie Teig kneten und wenden und werfen und blitzschnell belegen. Er wählt sorgfältig aus und lässt sich Zeit für seine Mahlzeit.
Jens Sparschuh schlendert gern abends über den Wochenmarkt. Er betrachtet das Gemüse, prüft es, entwirft ein Abendessen für die Familie. Er passt das Ritual des Essens dem Kreislauf der Natur an und kauft nur saisonales Gemüse. In der Küche, am Herd oder in der Nähe eines Steinofens findet der Dichter die Verbindlichkeit wieder, die sein vagabundierender Geist während der Arbeit aufgibt. »Es ist ja gar nicht wahr, dass wir freien Künstler so frei sind«, sagt Jens Sparschuh. »Da drücken Termine. Du musst heute dahin und morgen dorthin.« Er hat nicht etwa eine Abneigung gegen Ortswechsel an sich. Im Gegenteil. Wie die meisten Schriftsteller empfindet er das Reisen als anregend.
In jedem Fall unterbrechen sie die Rituale des Essens. Wieder muss sich der Dichter dem Frühstücksbuffet in einem Hotel ausliefern, den immer gleichen gummiartigen Käse – und fettigen Wurstsorten, überzuckerten Cornflakes, zerkochten Kompotten und Billigmarmeladen. Wieder bekommt er nach den Lesungen und am Rand der Empfänge nur miese Salzbrezeln zu knabbern und dazu billigen Sekt, selbst, wenn der Bürgermeister spricht. Lesereisen sind meist eine kulinarische Tortur. Der Schriftsteller denkt an den Kräuterquark zu Hause im Kühlschrank, an die Bio-Kartoffeln, die er in der Schale röstet. Er sehnt sich nach einer Gemüsesuppe. Es geht ihm wie schon seinem Kollegen Oscar Wilde vor hundert Jahren: »Ich schwärme für die einfachen Genüsse. Sie sind die letzte Zuflucht der Komplizierten.«
Lily Brett hätte eine Lesereise durch Europa beinahe abbrechen müssen, weil ihre Portionen, die sie von zu Hause voraus geschickt hatte, im falschen Hotel angekommen waren. Tanja Dückers litt auf ihren Studienfahrten durch die osteuropäischen Länder unter dem Mangel an guter Schokolade, bis sie doch noch einige schmackhafte Sorten entdeckte: Polnische Kastanienschokolade und rumänische Karamellpralinen.
Thomas Brussig mag vor allem die italienische Küche. »Ich habe noch nie jemanden mit so viel Genuss essen sehen wie ihn«, erzählt seine Assistentin Kathrin Thienel. »Es ist unbeschreiblich. Seine Augen leuchten. Er sieht so glücklich aus.« Thomas Brussig wollte das Thema nicht selbst besprechen. Also ließ er seine Assistentin von seinen Kochkünsten schwärmen. »Nirgendwo habe ich so einen guten Latte Macchiato getrunken und das will etwas heißen. Ich habe immerhin 18 Jahre lang in Italien gelebt“, erzählt Kathrin Thienel.
Jeden Nachmittag bereite er ihn zu. »Dazu gibt es eine Süßigkeit, ein Stück Kuchen. Zum Arbeiten trinkt er aber lieber Eistee, den er selbst aus grünem Tee, Zitrone und Süßstoff zubereitet.« Zu seinen Ritualen gehört auch die Fastenzeit im Februar. »Da isst er einen ganzen Monat lang nichts. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es gesund ist.« Auch wenn er hungert, arbeitet er weiter. » Er hält sogar Lesungen. Man merkt ihm nichts an. Er ist äußerst diszipliniert. Lediglich seine Stimme wird etwas schwächer. In dieser Zeit stellt er sich vor, wie es sein wird, wieder zu essen und zu kochen. Er liest Rezepte und Speisekarten dann wie einen Roman.«

Megaher(t)z

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Brauchen Verliebte nur Gedanken-Frequenzen, um sich zu verstehen? Sind sie stärker als jedes Mobilfunknetz? Wird der Empfang klarer, je leidenschaftlicher die Beziehung ist? Und was passiert eigentlich, wenn der Empfang ausbleibt?

Erste Wolken fetzen an den Scheiben der Boeing vorüber. Wie ein Netz aus Lichtgirlanden liegt die Stadt am Boden ausgebreitet. Auf einer der schnurdünnen Landstraßen da unten fährt ein Mann zurück zu seiner Familie. In den Nächten hat er seine Arme und Beine wie eine Klammer um mich gelegt. „Ich laufe nicht weg. Keine Angst“, habe ich ihm in der Dunkelheit zugeflüstert. „Du wirst mich nie wieder los.“

Auf dem Flughafen, eine Stunde vor unserem Abschied, hat er gesagt, dass er seine Familie nicht verlassen wird. Er sah an mir vorbei zu den Terminals. Er schob mich zum Check-In. „Wegen der Kinder. Ich bringe es nicht übers Herz.“ In diesem Moment sehnte ich mich nach Sebastian. Ich wünschte, er trete geschminkt und kostümiert hinter einer Säule hervor, zaubere eine winzige Flöte aus dem Ärmel und tiriliere, bis die Kinder ihm nachlaufen oder trommele, dass dem Familienmann die Ohren platzen oder puste wie im Zirkus den Weltenschmerz aus seiner Tuba, dass er weit weg fliegt, bis unter die Kuppel und durch das kleine Loch hinaus noch höher, bis jenseits der Stratosphäre, wo niemand ihn mehr findet.

Seit Tagen habe ich nichts von Sebastian gehört. Er ist wieder auf Tournee, aber wo, das habe ich vergessen. Während des Steigflugs ist das Telefonieren verboten. In solchen Situationen helfen gedachte Frequenzen. Zwischen Verliebten schwingen sie ungestört, weil Verliebte immer aneinander denken. Gedanken-Frequenzen sind stärker als jedes Funknetz. Sie reichen über Ozeane und Gebirge hinweg. Je leidenschaftlicher die Beziehung, desto klarer der Empfang. Gedanken-Frequenzen bleiben immer geschaltet, sogar in der Oper und unter Wasser. Diese Woche mit dir war einfach…vollkommen, denke ich an den Familienmann auf der Straße. Vollkommen…das Wort ist zu wuchtig, es übersteigt das zulässige Handgepäck, aber mir fällt kein leichteres ein. Der Sternenhimmel vor dem Schlafzimmerfenster, die Skiausrüstung, die du besorgt hast, die Abende in der Sauna und danach nackt im Schnee…niemals ein Anruf, der störte. Perfekt organisiert… Ich habe nachgedacht. Das mit deiner Familie gefällt mir. Es passt zu dir. Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann.

Über unsere Frequenz empfange ich sein Lächeln. Er findet das Wort vollkommen angemessen. Er mag gewichtige Worte. Das habe ich gern für dich getan, Darling. Die Frequenz zwischen Sebastian und mir schwingt nicht mehr. Wenn wir auf unseren Reisen aneinander denken, dann nur, weil wir besorgt sind, dass zu Hause etwas nicht läuft.

„Hast du die Zeitung für nächste Woche abbestellt?“

„Ist Post für mich gekommen?“

„Und vergiss nicht, die Bäume zu gießen.“

Früher hätte Sebastian meinen ersten harmlosen Flirt mit dem Mann in Amerika sofort bemerkt. Selbst über den Ozean hinweg. „Du lachst eine Oktave höher. Was ist passiert?“

Die Maschine trägt schwer an den Passagieren, am Gewicht ihrer Lebensgeschichten. In dieser Höhe schwirrt die Luft von gedachten Frequenzen. Die Stadt ist unter den Wolken verschwunden. Bald beruhigen sich die Motoren. Wir sind oben. Ich taste mich auf Strümpfen durch die Reihen dösender Passagiere und hole abwechselnd Kaffee und Wasser. Schlafen kann ich nicht.

Am nächsten Morgen betrete ich eine geputzte, verlassene Wohnung. Ich gebe meinem Koffer einen Tritt. Er ist eh schon an einigen Stellen kaputt. Sebastian hat ihn mir geschenkt, als das mit den vielen Reisen anfing. Er hat mir damals Mut gemacht, mit sound bizarre zu arbeiten, einem weltweiten Netzwerk von Musikern. Wir komponieren und produzieren Filmmusik. Ungefähr in diese Zeit fiel sein Durchbruch als Musical-Clown. Seitdem erhält er Einladungen aus der ganzen Welt. Ich falle auf das Futon, noch in Mantel und Schuhen. Ich falle wie eine Statue vom Sockel und bleibe da liegen. Ich fühle mich von der Reise über den Ozean seltsam gedehnt. Als wäre mein Kopf noch in Amerika, während meine Füße hier in Europa auf dem Bett liegen.

Der Mann in Amerika schläft noch. Er lebt mit seiner Familie in einem Holzhaus an einem Flussufer. Auf dem Weg zum Flughafen hat er einen Umweg gemacht. Er ist langsam an seinem Haus vorbei gefahren. Wie ein Scherenschnitt stand es vor dem leuchtenden Abendhimmel. „Hast du keine Angst, dass uns jemand sieht?“ Er antwortete nicht. Er blickte an mir vorbei nach draußen. Er bediente sich meiner Augen, um das Haus, den Garten mit Pool und den Zweitwagen vor der Garage ein weiteres Mal in Besitz zu nehmen. Eine kleine Affäre würde seine Existenz nicht gefährden.

Ich rappele mich mühsam vom Futon wieder hoch. Mir ist schwindlig. Ich wanke zu den Bäumen, befühle die Erde. Sie ist noch feucht. Es kann nicht lange her sein, dass Sebastian weg gefahren ist. Gegen Mittag ruft der Mann aus Amerika an. Er klingt ausgeschlafen. „Wie geht’s dir? Wie war dein Flug?“

„Du fehlst mir. Ich möchte zurück“, sage ich.

„Wir werden das bald wieder machen,“ tröstet er mich.

Ich habe ihm nicht von Sebastian erzählt. Ich frage mich, wie Sebastian reagieren würde, wenn er von dem Mann in Amerika erfahren würde. Ich hatte noch nie ein Geheimnis vor Sebastian. Seit zehn Jahren nicht, seit jenem Tag im Dezember, als er sich in einem Klaviergeschäft mir gegenüber an den Flügel setzte und in meine Ballade von Chopin einsetzte. Jedes Jahr am gleichen Tag besuchen wir wieder dieses Klaviergeschäft, in dem wir uns begegnet sind. Ich denke noch an Sebastian. Aber es ist Routine und Routine reicht bei weitem nicht aus, eine Frequenz am Leben zu halten.

In der Nacht rufe ich Sebastian an. Er ist in seinem Hotelzimmer vor dem Fernseher eingeschlafen. „Was ist los?“

„Hast du heute an mich gedacht?“, frage ich.

„Ist etwas passiert?“

„Nein.“

„Keine Post?“

„Auch kein Fax.“

„Ich bin müde“, sagt Sebastian.

„Danke, dass du die Bäume gegossen hast.“

„Langsam wächst alles zu. Und überall sitzen Spinnen.“

„Stören dich die Spinnen?“

Sebastian macht ein unentschiedenes Geräusch.

„Ich bin heute aus Amerika zurück gekommen.“

„Stimmt. Hatte ich schon vergessen. Entschuldige.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wo du gerade spielst.“

„Poznan.“

Als er einige Tage später nach Hause kommt, erzähle ich ihm von dem Mann in Amerika. Sebastian stürzt einen Whisky hinunter und gleich darauf einen zweiten. Er läuft in der Wohnung auf und ab. „Ich bin nicht verliebt. Wir werden uns auch nicht wiedersehen,“ sage ich. „Ich wollte dich nicht verletzen… aber diese Ödnis zwischen uns wird langsam unerträglich. Findest du nicht?“

Sebastian schnappt sein Saxophon und verschwindet. „Warte!“ Seine Schritte hallen im Treppenhaus. Dann klappt die Tür. Plötzlich steht alles auf der Kippe. Ich suche überall nach Zigaretten. Ich habe schon lange nicht mehr geraucht.Steh dazu! Du kommst durch! Keine Angst! Besser, wir beenden es jetzt als nie! Es wird uns einen Kreativ-Schub geben. Das steht doch in jedem Ratgeber. Loslassen! Erst hinterher wird uns klar sein, wie gut es war, so zu entscheiden. Ich wühle meine alten Handtaschen aus dem Schrank. Vergeblich. Keine Zigarette.

Ich rufe Sebastian an. Sein Telefon ist ausgeschaltet. Ich rufe seinen besten Freund an. Er ist nicht dort. Nachts liege ich wach. Basti, hörst du mich? Komm zurück. Ich möchte dich noch einmal lieben…Wir sollten nicht so auseinander gehen. Lass uns Freunde bleiben. Hörst du? Basti? Ich war niemals unehrlich zu dir. Ich wollte auch jetzt nicht unehrlich sein, mein liebster Freund. Eine erkaltete Liebe ist…man muss dazu stehen, dass es vorbei ist.

Es ist unheimlich, auf einer toten Frequenz zu senden…Hörst du mich? Basti? Wenn wir auseinander gehen, dann nicht wegen dem Mann in Amerika, sondern weil wir uns auseinander gelebt haben in den letzten zwei Jahren auf all diesen verflixten Reisen.

„Denkst du an mich?“, frage ich den Mann in Amerika am nächsten Tag.

„Immer, Liebling.“

Ich könnte nach Amerika gehen und in seiner Nähe leben. Eine Zeitlang jedenfalls. Für einen Neuanfang wäre es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen. „Du bist jederzeit willkommen“, sagt er. Es klingt wie an einer Hotel-Rezeption.

Nach zwei Tagen ruft Sebastian an. Er möchte mich an einem neutralen Ort treffen. „In unserem Café, du weißt schon, wo es die Stufen rauf geht.“ Es ist eigentlich kein Café, sondern ein winziges Bistro mit zwei Tischen und schmalen ledergepolsterten Leisten an der Wand, auf denen man seinen Po abstützen kann. Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht haben Sebastian und ich dort gefrühstückt und seitdem immer mal wieder. Das Bistro ist geschlossen. Auf einem Schild an der Tür verabschieden sich die Inhaber von ihren Gästen und danken für ihre Treue. Ich setze mich auf die Stufen und warte. Endlich kommt Sebastian. Er sieht blass aus.

„Mit diesen vielen Reisen muss Schluss sein“, sagt er. Seine Stimme klingt erschöpft. „Ich möchte eine eigene Bühne gründen. Auf dem Land. Ich weiß nicht, ob du die richtige Frau dafür bist.“

„Du wirst jemanden finden“, sage ich.

„Es läuft gerade so gut bei dir. Du solltest das weitermachen“, sagt er.

„Das werde ich auch.“

Wir laufen die Straße hinab, essen in einem indischen Restaurant und gehen nach Hause.In der Nacht streichelt Sebastian die Seitenlinie meines Körpers, fahrig, auf und ab, wie er manchmal durch die Wohnung läuft. Mein Kopf liegt wie immer in der Mulde unter seiner Schulter. Es ist mein Platz. Ich habe ihn geformt. Er wird Sebastian für immer an mich erinnern.

„Kennst du eine Frau für dein Bühnenprojekt?“ Sebastian schüttelt den Kopf.Er rollt mich auf die Seite, wie er es immer tut. Er beißt mich in den Nacken, wie ich es liebe. Dann flüstert er meinen Namen. In voller Länge. Ohne Schnörkel hinten dran.

„Hast du eben meinen Namen gesagt?“

„Ja.“

„Du hast meinen Namen noch nie so zärtlich gesagt.“

„Ach komm…“

„Du hast mich im Bett immer bei diesen international üblichen Kosenamen genannt.“

„Ist das wahr?“

„Ich habe mir immer gewünscht, dass du beim Sex meinen Namen sagst.“

„Du hättest doch nur sagen brauchen, dass du drauf stehst.“

„So etwas spricht man nicht aus. Es muss sich übertragen. Ohne Worte.“

Sebastian flüstert wieder und wieder meinen Namen. Er dehnt und haucht und stottert ihn. Er schluchzt meinen Namen. Er atmet ihn. Ich liege wach und blicke zur Decke, während er längst schläft. Sein Kopf ruht wie üblich in der Mulde neben meinem Hüftknochen. Immer wieder höre ich, wie Sebastian meinen Namen sagt. Vom Urknall unserer Verliebtheit hat er meinen Wunsch erst jetzt empfangen. Auf einer langwelligen, unbekannten Frequenz.

„Ab dem 10. Dezember habe ich eine Woche frei“, sagt der Mann in Amerika. „Kommst du, Darling?“ Der 11. Dezember ist Sebastians und mein Tag. Das erste Mal seit neun Jahren würde ich nicht mit ihm in den Klavierladen gehen. Es ist gut, Rituale aufzubrechen.

„Hast du jemals meinen Namen…Ich meine, weißt du eigentlich, wie ich heiße?“

„Natürlich. Du heißt Simone. Ein wunderschöner Name.“

„Hast du schon einmal eine Frau mit diesem Namen geliebt?“

„Nein.“

„Seltsam nicht? Ein Name ist banal und gleichzeitig einzigartig. Wie das Leben gleichzeitig beides ist.“

„Wirst du kommen, Liebling?“

„Ich habe am 11. Dezember einen wichtigen Termin. Vielleicht lässt er sich verschieben…Ich rufe dich an.“

Am 11. Dezember beginnt es zu schneien. Ich stehe vor dem Klavierladen und schaue durch das Fenster. Niemand ist drin. Die Klaviere glänzen in der warmen Beleuchtung. Ich habe Lust, eins aufzuschlagen und die Ballade von Chopin zu spielen. Die Ballade von damals. Ich gehe weiter.

Am Nachmittag ruft Sebastian an. Er habe ein Haus für sein Theater gefunden. Ob ich Lust hätte, es mir anzuschauen. Ich steige ins Auto und fahre los. Außerhalb der Stadt wird das Schneetreiben dichter. Die Felder sind schon weiß. Ich überlege, ob ich auf dem Land leben könnte. Den Bäumen und Spinnen täte es jedenfalls gut.

Zwischen den Welten

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Das Magazin November 2007

Anna aus Armenien kam nach Deutschland. Sie arbeitete als Au-pair-Mädchen, jetzt will sie studieren. Vieles im Alltag ist ihr fremd, und natürlich hat sie Heimweh. Doch an eine schnelle Rückkehr denkt sie nicht

„Weiß jemand von euch, wie alt Yerivan ist?“, fragt Anna, die Lehrerin im armenischen Gemeindehaus. Erwartungsvoll blickt sie die Schüler an. Sie trägt eine weiße Bluse, einen schmalen, schwarzen Rock und Stiefel. Sie lächelt geheimnisvoll wie eine Geschichtenerzählerin, die kurz vor der Pointe die Spannung hält. Ihr Haar ist am Hinterkopf so locker gesteckt, dass die dunkle Masse jeden Moment abzustürzen droht. An ihren Ohren hängen runde, fein ziselierte Silberringe mit Kettchen, die bis zum Kinn reichen.

Sie erzählt ihren Schülern von der Festung Yerivan, die im Jahr 782 vor Christus erbaut wurde. Die kleine Eva war in den Ferien das erste Mal in Armenien. Warand war schon mehrmals dort. „Ich habe den Ararat gesehen“, sagt er. Die Erwähnung des Gebirges Ararat erzeugt einen Moment Stille in dem kleinen Raum. Die Kinder kennen das Land ihrer Eltern nur von gelegentlichen Besuchen. Sie sind in Deutschland geboren. In Berlin.

Deshalb ist deutsch die vertrautere Sprache für sie, aber Anna Schavinyan, die Lehrerin, besteht darauf, dass sie wenigstens einige armenische Sätze bilden. Die Lehrerin ist jung. Einundzwanzig Jahre. Sie hat keine pädagogische Ausbildung. Sie arbeitet dreimal in der Woche als Verkäuferin in einem Seifenladen. Seit gestern weiß sie, dass sie in Deutschland bleiben und hier studieren kann.

Die armenischen Gemeinden zahlen ihr für den Unterricht ein symbolisches Honorar. Anna würde diese Arbeit auch ohne Honorar tun.

Sie spricht gern über Armenien. Es hilft gegen das Heimweh.

Das Gemeindehaus in Berlin Charlottenburg ist der einzige Ort in Berlin, an dem sie sich zu Hause fühlt. Hier spricht alles armenisch, die Menschen und die Bilder an den Wänden, das Foto des Ararat zum Beispiel, wie er aus einem Wolkenschleier wächst. „So sieht man ihn an klaren Tagen von der Hauptstadt Yerivan aus“, erzählt Anna. „Der Ararat gehörte früher zu Westarmenien, liegt aber jetzt auf dem Gebiet der Türkei. Man darf nur mit einer Sondergenehmigung in die Türkei reisen. Der Ararat ist also für die meisten Armenier unerreichbar.“

3,5 Millionen Einwohner zählt Armenien. 8 – 9 Millionen leben seit der Verfolgung und dem Völkermord durch die Türken im Jahre 1915 in der Diaspora.

Armenier sind Christen. Die apostolische, armenische Kirche ist eng mit der griechisch orthodoxen Religion verwandt. Armenien ist das erste Land der Welt, in dem die christliche Kirche zur Staatsreligion ernannt wurde. Ein Plakat im Gemeindesaal erinnert an dieses Ereignis im Jahre 301 nach Christi. „Da saßen die Russen noch auf den Bäumen“, sagt Anna.

Sie findet, dass jeder Armenier, in welchem Land auch immer er lebt, das einzigartige Alphabet kennen sollte, dass ihr Volk seit dieser Zeit verbindet.

Ihr Gesicht ist einfach. Es ist ein armenisches Gesicht mit hohen Wangenknochen, hinter denen die dunklen Augen liegen. Manchmal fragen die Leute, ob sie aus der Türkei kommt. Einige halten sie für eine Italienerin, andere tippen auf Südamerika. Woher? Armenien? Staunen. Kaum, dass jemand weiß, wo Armenien liegt.

Noch kann Anna nicht sagen, ob sie nach dem Studium in Deutschland bleiben möchte. Sie findet die Deutschen kühl, zu distanziert. Der Gedanke, für immer nach Armenien zurück zu kehren, behagt ihr allerdings auch nicht. Sie wägt die Kulturen gegeneinander ab, grübelt, ist unschlüssig. Aber es gibt wichtige Dinge, die sie nur entweder armenisch oder westlich entscheiden kann. Die Liebe. Die Männer laufen ihr scharenweise nach. Das ist nicht das Problem. Aber in Armenien ist es üblich, erst dann mit einem Mann zu schlafen, wenn man weiß, dass man heiraten wird. „Ich finde die freiere westliche Moral schon in Ordnung, aber ich fühle mich darin fremd. Ich bin nun einmal anders erzogen.“ Sie zieht die Schultern hoch. Da passt etwas nicht, ist zu eng, schnürt ihr das Herz ein. Die eine Kultur ist es nicht mehr, die andere noch nicht. Was nun? Sie wartet ab. Sie hebt sich auf. Sie wird sich jetzt auf ihr Studium konzentrieren.

Das armenische Abitur berechtigt nicht zu einem Studium an einer deutschen Universität. Dennoch wird Anna ab Oktober den Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität belegen.

„Mir ist kein Fall eines armenischen Studenten bekannt, der ein Studium in Deutschland begonnen hat“, sagt Azad Ordukhanyan, Leiter des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V. in Bochum. „Ich frage mich, wie Anna das gemacht hat.“ Der Verein betreut zirka zweitausend armenische Studenten und Doktoranden in Deutschland. Die meisten haben ihr Studium in anderen Ländern begonnen und führen es hier fort. So gestattet es die deutsche Hochschulordnung den ausländischen Bewerbern.

Ihre Ansage am Telefon ist kühl und knapp. Sie wird sich um zwanzig Minuten verspäten. Sie verspätet sich häufig. Doch immer sagt sie ihre Verspätungen rechtzeitig an und hält sie dann pünktlich ein.

Ihr Telefon ist rund und rosa und mit geschwungenen Ornamenten verziert. Das Telefon ist bedeutend für sie, denn sie lässt sich nicht von ihren Verabredungen dirigieren. Sie dirigiert ihre Verabredungen selbst, schiebt sie vor und zurück, ordnet sie in den Rhythmus ihres Alltags. Sie hat viel zu tun. Die Arbeit im Seifenladen, Babysitten, so oft wie möglich. Alles schlecht bezahlte Jobs. Sie hält sich gerade so über Wasser.

Verabredungen im Café leistet sie sich nicht. Sie wird zu Hause kochen.

Auf halber Treppe zwischen den Zimmeretagen des Studentenwohnheims liegen die Gemeinschaftsküchen. Eine breite Fensterfront geht hinaus in den Garten. Die Bäume wachsen bis an die Scheiben.

Anna blickt in das Grün. Sie wirkt klein in dieser großen, schattigen Küche. Sie könnte eine junge, armenische Frau sein, deren Gedanken sich hauptsächlich darum drehen, was sie für ihre große Familie kocht.

Heute wird sie einen Gata backen, den traditionellen, armenischen Kuchen, den die Großmütter an Festtagen zubereiten. Während sie den Teig aus dem Papier nimmt und ausrollt, beginnt sie zu erzählen, auf östliche Weise, in einem ruhigen Fluss, langsam, ausführlich und so genau, dass es leicht fällt, zuzuhören.

In der Studienberatung der Universität Potsdam hat Anna Doktor Birgit Bismark getroffen. Doktor Bismark hat sich ans Telefon gehängt und jede Regel und Vorschrift in die Knie argumentiert, damit Anna sich für das Studienkolleg bewerben durfte, den Vorbereitungskurs für ein Studium an einer deutschen Hochschule.

Nach der Aufnahmeprüfung erhielt Anna den Bescheid, dass sie durchgefallen sei. Sie, die den Werther, Heines Liebeslieder und Die weiße Rose auf deutsch gelesen und die Lorelei auswendig aufsagen kann, die immer nur deutsch gelernt hat, nicht nur in der Schule, sondern auch abends bei einer Privatlehrerin.

Eigentlich hatte sie kein deutsch lernen wollen. Niemand wollte es. Aber in diesem Jahr stand Deutsch als zweite Fremdsprache nun einmal auf dem Programm. Es gab Proteste der Eltern. Vergeblich. Die Schulleitung blieb dabei: Dieser Jahrgang lernt deutsch.

Dabei hat diese Fremdsprache in Armenien eine lange Tradition. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es einen intensiven Kulturaustausch zwischen beiden Ländern.

Später fand Anna Gefallen daran, gewann sogar die Deutsch-Olympiade in ihrer Heimatstadt Alaverdi.

„So ein Stapel Papiere.“ Annas Hand schwebt gut einen Meter über dem Küchentisch. Zeugnisse, Urkunden und Zertifikate, Originale und Kopien der Originale, Übersetzungen und Kopien der Übersetzungen, alle notariell beglaubigt, Beweise, die sie vor der Aufnahmeprüfung vorlegen musste.

Die Absage erwies sich natürlich als Irrtum. Anna konnte am Studienkolleg teilnehmen, bekam einen Studentenausweis und einen Platz im Studentenwohnheim. Sie war so gut, dass sie den Vorkurs überspringen konnte. „Die Lehrerin nannte mich ‚Anna mit dem großen Mund‘, weil ich alles wusste.“ Sie lacht.

„Früher habe ich viel geweint“, sagt sie. „Ich konnte immer weinen. Ich musste nur an etwas trauriges denken und schon flossen die Tränen. Jetzt kann ich das nicht mehr.“

Mit dem Nudelholz zerdrückt sie Hasel – und Walnüsse zwischen zwei Lagen Backpapier.

Studieren in Armenien ist teuer. Annas Vater, ein Bauingenieur, arbeitet als Kraftfahrer bei einem staatlichen Transportunternehmen, bei dem auch Annas Mutter als Buchhalterin und die Großmutter als Lagerverwalterin arbeiten. Sie ernähren vier Kinder, Annas Geschwister. „Nach dem Krieg haben viele keine Arbeit mehr in ihren Berufen gefunden“, sagt Anna. Der Krieg mit Aserbaidshan um die Region Karabach in den Neunziger Jahren hat ihre Kindheit geprägt. „Manchmal gab es tagelang kein Wasser und keinen Strom.“

Achthundert Dollar im Jahr kostet ein Studium an einer der privaten Universitäten. Die kostenlosen staatlichen Studienplätze, gerade für Sprachstudien, gehen zum großen Teil gegen Bestechungsgelder weg.

Anna rollt die Füllung in den Blätterteig, teilt ihn in kleine Stücken und drückt die Ränder mit einer Gabel zusammen.

„Die Großmütter in Armenien arbeiten mehrere Tage an diesem Teig.“ In Berlin gibt es ihn tiefgefroren im Supermarkt. „Ist natürlich nicht so gut wie Zuhause.“ Nicht nur der Gata sei in Armenien besser. Die Großmütter seien es auch. „Sie sind warmherziger mit ihren Enkeln.“ Anna hat die deutsche Familie als Au-Pair beobachtet. „Als die Tante zu Besuch kam, haben sie sich nicht einmal umarmt.“ Später habe sie allerdings auch andere, herzlichere Familien kennengelernt. Trotzdem: Deutschland bleibt die Feinfrost-Version des Lebens. In Deutschland muss man vorher anrufen, wenn man jemanden besuchen will. In Deutschland werden die Portionen abgezählt, wenn Gäste geladen sind. Man schaut aufs Geld, sogar beim Feiern. Das alles wäre undenkbar in Armenien.

Aber sie will sich mit diesem Land arrangieren. Nur hier hat sie die Möglichkeit zu studieren. Und studieren möchte sie auf jeden Fall. Eins hat sie verstanden: Man darf nicht bitter werden, nur, weil das Leben manchmal nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt.

Nachts ist sie allein mit dem Heimweh, in das sich die Sehnsucht nach Liebe mischt.

In ihrem kleinen Zimmer, unter dem Himmelbett aus lila Tüll, hat sie einen Schleier versteckt. Sie legt ihn auf ihr Haar, drückt die Taste des Recorders auf dem Schreibtisch und tanzt in kleinen Schritten zum melancholischen Klang der armenischen Musik. Sie breitet die Arme in Schlangenbewegungen aus, soweit es der schmale Raum zulässt.

Rudin, ihr Zimmernachbar aus Bangladesh, dem sie gelegentlich Deutschunterricht gibt, ist in sie verliebt, aber er ist nicht der Richtige, auch nicht die jungen armenischen Männer in der Gemeinde, die in Deutschland nur „geduldet“ sind und nicht arbeiten und nicht einmal am Wochenende aus Berlin raus dürfen.

Den Gata wird sie morgen abend mit zu Adelheid nehmen, ihrer Freundin, die sie scherzhaft „Mutti“ nennt. Adelheid Schardt hatte Jugendliche, vornehmlich ausländische Jugendliche, eingeladen, Berliner Trümmerfrauen zu interviewen und zu fotografieren. Die Fotos und Teile der Interviews wurden später auf eine Hauswand projiziert. Die Passanten konnten sie am Abend im Vorübergehen ansehen und lesen.

Anna hat es Spaß gemacht. Seitdem kann sie sich vorstellen, Journalistin zu werden.

Sie lässt ein paar Stück Gata für Rudin und Nina, das Mädchen aus Litauen, auf einem Teller in ihrem Zimmer zurück.

Bei Adelheid ist sie immer willkommen. Natürlich ruft sie vorher an. In diesem Fall findet Anna das auch in Ordnung. Schließlich hat Adelheid eine Menge zu tun, ist nicht immer zu Hause.

Sie werden Tee trinken und über die Neuigkeiten reden. Adelheid hatte von Anfang an diese herzliche, unkomplizierte Art. Mit ihr fühlt es sich selbstverständlich und vertraut an. Fast wie mit Armeniern.

Der Wächter der Stoffe

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Das Magazin Mai 2007

Er verachtet Turnschuhträger und Menschen, die Klamotten sagen, wenn sie Kleidung meinen. In Berlin herrscht Oleg Ilyapour über ein kleines Reich aus seltenen, wunderbaren Stoffen voller Geschichten

Inmitten der bunten Szeneläden in der Berliner Akazienstraße, zwischen Estrellas Chocolaterie und dem Coffeeshop Double-Eye, klemmt ein schmales Geschäft. Die Eingangstür bewacht ein kräftiger Mann mit langem, grauen Bart.
Im Winter trägt der Mann einen Schafwollmantel, im Sommer bunte Gewänder.

Oleg Ilyapour steht jeden Tag auf der Treppe vor seinem Geschäft. Er ist eine verlässliche Größe im Kiez. Die Leute kennen ihn seit Jahren, bleiben auf eine Zigarette mit ihm stehen, plaudern über Politik und Krankheiten, Familienprobleme und die Preise.

Ilyapours Geschäft heißt Fichu, was soviel heißt wie: kaputt, futsch, erledigt, im Eimer.
Im Schaufenster liegen Stoffballen. Das handgeschriebene Schild mit den Öffnungszeiten ist im Laufe der Jahre ergraut.
Wenn der Frühling kommt, hängt Ilyapour Kleider an die Tür, im Winter Jacken aus Tweed.

Passanten, die sich durch die schmale Tür drücken und einfach mal schauen wollen, werden nicht, wie in den anderen Mode-Läden ringsum, von gefälliger Musik und klingelnden Bügeln, Sonderangeboten und Bonbongläsern auf polierten Ladentafeln umworben, sondern von Ilyapour in rauhem Ton darauf hingewiesen, was sie hier erwartet. Nichts gewöhnliches, sondern originale Naturstoffe aus den Zwanziger – bis Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Qualitätsware.

Die Stoffballen liegen bis unter die Decke gestapelt, so dicht wie die Menge an Jahren und Wochen eines ganzen Jahrhunderts. Schwere Wollstoffe erdrücken geblümte Sommerreste aus Seide. Die Klassiker: Pepita, Fischgrat, Salz & Pfeffer in verschiedenen Qualitäten über – und nebeneinander gepresst, ein Zipfelchen Chintze darüber und zwischendrin karierter Hemdenstoff aus ägyptischer Baumwolle. Fünfziger Jahre. “Garantiert frei von Pestiziden”, sagt Ilyapour. Steifes Leinen, streng wie Hausfrauenstolz, zwischen weichen Jerseys und noppigen Tweeds.
Die freien Wandplätze sind von Mode – Reliquien besetzt: Hackenschuhe, ein Schirm aus Papier, Schmuck aus riesigen bunten Klunkern, ein gestreiftes Kleid aus Azetatseide.

Nur ein schmaler Gang ist zwischen den Stoffballen geblieben. Ilyapour, breit wie ein Bär, passt gerade noch so hindurch. Er zwängt sich voran, gefolgt von seinen Kunden.

Das schwule Pärchen sucht Stoff für Sitzkissen. Sie sind nicht sicher. Hahnentritt vielleicht. Ach nee. Ein Salz – und Pfeffer – Anzugstoff aus den Zwanzigern, wie ihn die Proletarier damals gern auf den Parteiversammlungen trugen?
Wie wäre es mit diesem da? Uni. Orange. Reine Schurwolle aus den Sechzigern.
“Kratzt aber”, warnt Ilaypour.
“Ich sitze da ja nicht nackig drauf. Normalerweise trage ich Hosen”, entgegnet der Käufer.
“Na dann bin ich ja beruhigt.” Ilyapour wickelt den Stoff in braunes Packpapier.
“Sieht aus wie ein Wurstpaket”, freut sich sein Kunde. Eine leichtfertige Bemerkung, die Ilyapour heraus fordert. “Woanders bekommen Sie für Ihr Geld eine schöne Verpackung mit nix drin”, dröhnt er. “Bei mir ist es umgekehrt. Übrigens ist das auch gutes Packpapier.”

Er knurrt einen Abschiedsgruß. Die beiden ziehen glücklich weiter. Sie mögen die bärbeißige Kompetenz des Stoffhändlers.

Oleg Ilyapour macht keinen Hehl daraus, dass er auf die meisten seiner Kunden auch verzichten kann. Er will ja nicht reich werden. Er braucht eh nicht viel. Morgens und mittags einen Kaffee im Double-Eye nebenan, die billigsten Zigaretten, wenig Strom. Einmal in der Woche geht er tanzen. “Hätte ich ein Auto und würde zweimal im Jahr verreisen, könnte ich den Laden nicht halten.”

Die Stoffe sind das Erbe seiner Eltern. Sie kamen in den Zwanzigerjahren aus dem Iran nach Berlin. Sie lebten gut vom Handel mit den Stoffen, bis auch die letzte kleine Nähmanufaktur in Berlin aufgab. Das war irgendwann in den Siebzigerjahren.
“Das schmeißen wir nicht weg. Dafür haben Leute hart gearbeitet”, sagte seine Mutter damals, als sie die Ladentür für immer schloss.
Wenige Jahre später sperrte der Sohn sie wieder auf.

Die Frau, die einen neuen Gürtel für ihren blauen Trenchcoat sucht, weil der alte zerbröselte, ist nach Ilyapours Geschmack. Für Kunden wie sie, die Ausbesserer, Erhalter, Bewahrer, steht er morgens auf, trottet von seiner Wohnung zum Laden, dekoriert die Schaufenster alle paar Wochen neu.
Lange sucht er in den Stapeln nach dem passenden Popelin im Blau des Mantels. Er schneidet den Stoff auf das richtige Maß, erklärt der Frau, wie er verarbeitet werden sollte, wickelt ihn ein.

Spürt der Wächter der Stoffe bei seinen Besuchern Interesse, verbreitern sich seine Kommentare zu kleinen Referaten oder Erfahrungsberichten. Ein gemütliches Berlinisch wie das seine ist in der vornehmen Akazienstraße nur noch selten zu hören.

Wundersame Dinge weiß er zu erzählen: Von Kaschmirtüchern, wie sie die Aristokraten zur Zeit Napoleons liebten, so hauchzart und leicht, dass sie ausgebreitet in der Luft stehen blieben.

Die Geschichte vom Querdenker Joseph-Marie Jaquard, der lustlos die Weberei seiner Eltern in Lyon übernahm, zwischen den Webstühlen saß und träumte, bis er gänzlich verarmt war. Dann erfand er einen maschinell betriebenen Webstuhl, den man als den ersten Computer bezeichnen könnte. Weil er nach demselben Prinzip funktioniert. Jaquard speiste ihn mit Lochkarten. Sein Code bestand zwar nicht aus Nullen und Einsen, doch auch aus lediglich zwei Informationseinheiten: “Loch” und “kein Loch”. Loch hieß: Faden heben. Kein Loch: Faden senken.
So “programmiert” entstehen an den Jaquard-Webstühlen die kompliziertesten Stoffmuster.

Das Gewand eines afrikanischen Stammesfürsten inspiriert Ilyapour zu einer Plauderei über Muster. Jene sinnlichen bunten Stoffe, die wir heute als typisch afrikanisch empfinden, stammen ursprünglich aus Indonesien, von wo die afrikanischen Sklaven sie mit nach Hause brachten.
Das Karo hingegen ist keine europäische Erfindung, sondern wurde zuerst in Indien und Afrika gewebt.

Immer weniger Leute schneidern selbst. Kaum einer setzt noch eine Nähmaschine in Bewegung, um etwas zu reparieren und auszubessern.
Doch in den letzten Jahren interessieren sich mehr und mehr die Film – , Theater – und Museumsleute für Ilyapours Stoffe, denn das exotische Lager erzählt Kulturgeschichte.
Die Botschaft der Stoffe handelt nicht nur von Moden, sondern von Lebensweisen, Träumen, Zeitgeist und vergangenen Utopien. Die Kulturwissenschaftler lassen sich von Ilyapour beraten.

Allein der Stoff eines einzigen Jahrhunderts ist unendlich. Ilyapour weiß, dass er nichts weiß. Er lernt gern dazu.

Kurz nach dem Mauerfall schlenderten zwei Damen aus der DDR durch die Schöneberger Akazienstraße. Sie kamen vom Dessauer Bauhaus und hatten von Fichu gehört.
Als sie hinter dem großen, bärtigen Mann zwischen die Stoffballen drängten, fanden sie, was sie suchten: Originale Bauhaus-Stoffe von Anfang der Dreißigerjahre.
In dieser Zeit, erfuhr Ilyapour, wurden viele Bauhaus-Entwürfe industriell gefertigt. Das neue Motto des Bauhauses hieß damals: Volksbedarf statt Luxusbedarf.
“Was möchten Sie für diesen Stoff haben?”, fragten die Frauen. Ilyapour murmelte etwas von “hundert Mark der Meter”. Die Damen waren entsetzt. Das sei doch viel zu billig. Die Stoffe seien mindestens das Drei – bis Vierfache wert. Und das wollten sie auch dafür zahlen. Selbstverständlich.
Ilyapour muss sie verstört angeschaut haben. Diese kleine Begebenheit hat seine Meinung über die Ostdeutschen nachhaltig geprägt. “Ich habe damals viel von den Leuten aus dem Osten gelernt. Da waren Fachleute dabei, die drüben in der Bekleidungsindustrie gearbeitet hatten.”
Seither verwahrt er die Bauhaus-Stoffe an einem diebessicheren Ort.

Ilyapour ist ein Beobachter. Er steht auf der Treppe, saugt an den Zigaretten, die seinen grauen Bart um die Lippen gelb färben und lauscht den Geschichten der Leute.

Manchmal drückt er den Passanten, die bei ihm stehenbleiben, zu Beginn der Plauderei einen Zettel in die Hand. “Da steht was drauf, was du gleich sagen wirst. Ließ das erst, wenn ick es sage.”
Mit dieser ruhigen, tiefen Stimme, die manchmal von weit hinten zu grollen beginnt.
Nach zirka fünf Minuten fordert er seinen Gesprächspartner auf zu lesen. Da steht: Ich muss jetzt weiter. Habe zu tun.
Ilyapour lacht. “Früher wollten die Leute gar nicht mehr weg. Heute haben es alle eilig. Gemütlich darf es nicht werden.”

Manchmal wird es doch gemütlich, zum Beispiel, wenn eine ehemalige Mitbewohnerin aus alten WG-Zeiten vorbei schaut. Sie steigt auf die Fußbank an der Wand mit den Chanel-Knöpfen, um an seine Wange zu reichen und ihm einen Kuss zu geben. Wie früher.
Als habe sich seit damals nichts geändert. Unter den Knittern sitzt dieselbe Qualität, die Träume und das Begehren.

Der Wächter der Stoffe sieht sich auch als Hüter einer Kultur, von der die schlecht gekleidete Generation Turnschuh da draußen nichts mehr weiß. Er steht wie ein Bollwerk gegen den Werteverfall auf der Treppe.
“Ick rede hier nich von Klamotten, wa.” Eine ernst gemeinte Warnung. Er nimmt das Wort mich höchster Verachtung zwischen die Zähne. Für ihn ist es Synonym der Vernachlässigung und des mangelnden Stils.

Dass man sich heute nicht mehr kleidet, sondern Klamotten trägt, darin sieht Ilyapour den gesellschaftlichen Wandel ausgedrückt, die Entwertung des Menschen, dessen Begabungen und Individualität nicht mehr gefragt seien.

Er hängt die finnischen Op-Art-Kleider an die Tür, exotische Stücke aus hauchdünner, reiner Wolle, per Hand bedruckt in den Sechzigerjahren. Ilyapour interpretiert die großzügigen Motive als Monitore und Netzwerkkabel. Es sind Kleider, mit deren intellektuellen Unschick sich viele Frauen gern umgeben würden, der jedoch die wenigsten kleidet.

Was hat er damals in den Sechzigerjahren gemacht? Wovon träumte er? Wofür hat er gekämpft? Er winkt ab, schüttelt den Kopf. Darüber möchte er nicht sprechen. Wozu auch? Das ist vorbei.

Jetzt ist Zeit für den zweiten Kaffee im Double-Eye nebenan. Er grüßt die Studenten, die immer gut gelaunt, den besten Espresso der Stadt aus der alten FAEMA E 61 holen, den Milchschaum in der Form eines Blattes oben drauf setzen und mit Kakao bestreuen. An den Bistrotischen vor der Tür bietet sich jede Menge neuer Stoff. Das Leben hört nicht auf zu weben. Die alte Maschine rattert. Wer denkt sich nur diese bizarren Muster aus?

Dabei ist es noch gut hier

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Das Magazin Juli 2006

Hauptschüler in der Provinz. Sie haben kleine Träume und große Sorgen. Mit wem können sie die teilen? Mit den Lehrern jedenfalls nicht. Ein Sittenbild aus der Kleinstadt Kreischa.

Mit dem Nachmittag kann man nichts mehr anfangen. Diese Nachmittage gleichen sich. Sie folgen aufeinander wie eine vergilbte Buchseite der anderen. Abgegriffene Zeit. Zu spät, sich unter ein Auto zu legen und zu basteln.
Hausaufgaben haben sie nicht. “Wir haben nie Hausaufgaben”, sagt Robert. Daniel sieht schon wieder auf sein Handy. Der Fahrlehrer könnte jeden Moment anrufen. Vielleicht klappt es morgen mit der Moped-Prüfung. Einmal ist er schon durchgefallen, weil er bei Gelb an einer Baustelle vorbei gebrettert ist. Da, wo er heimlich übt, im Wald und auf dem Acker, stehen keine Ampeln. Er röstet durch Schlamm und über Wurzeln, träumt sich als Moto-Crosser. “In den Sommerferien fahre ich nach Berlin”, sagt er.

Sie hocken auf den alten Tischtennisplatten vor der Bowlingbahn. Ein schöner Platz. Ein grüner Platz. Nebenan plätschert ein Bach.
Daniel rammt seine Ferse in die zerborstene Ecke der Steinplatte. Die bröckelt seit Jahren schon. Die Bänke auf dem Platz sind morsch wie der flache Holzbau der Bowlingbahn. Die Fenster mit Brettern vernagelt.

Daniel ist Sprecher der Klassenstufe 9 Hauptschule und stellvertretender Schülersprecher der Mittelschule Kreischa. Seine Mitschüler haben ihm ihr Vertrauen ausgesprochen. Daniel, der mit seiner Meinung nicht hinter den Berg hält, seinen Widerwillen gegen die Welt ausspuckt, manchmal quer wie eine Wand steht. Groß und breit. Ein Kerl wie ein Bär. Seine Hände beulen die Hosentaschen.

Robert spricht wenig. Der Schulbus nach Maxen, seinem Heimatort, ist längst abgefahren. Er hat es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Er muss erst am Abend in Maxen sein, wenn das Training bei der Freiwilligen Feuerwehr beginnt.

Die Schule steht drüben am Hang. Sie thront über dem Ort. Sonnenlicht flutet durch die Korridore, bleicht Bilder, Landkarten und Wandzeitungen, auf denen in diesem Monat das Römische Reich erklärt wird. Es ist eine saubere Schule. Der Blick aus dem Lehrerzimmer gleitet über den Ort, über Pferdekoppeln und die gelben Häuser der Bavaria-Klinik.
Fachwerk. Trockenblumen und Getöpfertes. Da drüben, der kühne Glasgiebel, wurde mit einer Gardine verhängt. Kreuzworträtsel und Häkelmuster knautschen in den Sesselritzen.
Nach Kreischa ziehen sich Menschen zurück, denen es in Dresden zu laut wird. Die Großstadt mit ihren Theatern, Konzertsälen und Edel-Boutiquen ist dennoch nicht weit.

Die Schülervertreter sind mal auf das Schulamt nach Dresden gefahren. Wegen diesem Lehrer, dem Grabscher, der den Mädchen an den Hintern geht und dabei Dinge sagt wie: “Geiler Arsch.”
Man hat sie wieder nach Hause geschickt. “Wir müssen mindestens fünf Zeugen bringen”, sagt Daniel. “Sie wollen klare Beweise.” An mehr könne er sich jetzt nicht erinnern. Sei schließlich schon ein halbes Jahr her. Und er sei da auch nur mitgefahren. Habe weiter hinten gestanden, dritte Reihe ungefähr und nicht alles mitbekommen.

Die Hände beulen die Hosentaschen. Daniel, der plötzlich nicht weiß, wohin mit diesen Armen und Beinen, diesem großen Körper und seiner Wut.
“Die aus der Zehnten”, erzählt er. “Die sind mal alle zu dem hin, alle Jungs. Da sind solche Kerle dabei.” Daniel streckt den Arm bis zur löchrigen Dachrinne der Bowlingbahn. “Sie haben dem gesagt, dass sie zum Schulamt gehen oder zu seiner Frau, wenn es nochmal passiert. Seitdem lässt er die Mädchen aus der Zehnten in Ruhe. Wir sind gerade mal acht Jungen. Die in der Zehnten sind sechzehn.” Daniel sackt zusammen. Er blickt zu Robert, der neben ihm lehnt, klein, die Schultern noch schmal. Fünfzehn Jahre. Daniel ist zwei Jahre älter.
“Sitzen geblieben.” Robert grinst. “Quatsch”, sagt Daniel. “Ich habe zwei Klassen wiederholt.”
Daniel legt sein Handy jetzt immer auf die Schulbank. Für das Beweisfoto. “Der schmeißt auch einen Stapel Papier runter und fordert ein Mädchen auf, ihn aufzuheben, um ihr in den Ausschnitt zu schauen”, sagt Robert.

Der Bus nach Maxen, Roberts Heimatort, fährt durch Apfelplantagen und Wiesen, vorbei an einem Gestüt. Robert zeigt den Weg zur Naturbühne, das beste Restaurant des Ortes und erzählt von der neu gebauten Moschee. Er weiß, was Gäste interessiert, die nach Maxen kommen.
Die Mädchen hätten jetzt vor den Prüfungen Angst zu sprechen, sagt er. “Wenn der uns reinlegt, ist alles verloren.”
Hilfe von den anderen Lehrern könne man vergessen.
“Dreckfressen” hätte mal eine geschrien. Und dass sie den qualifizierten Hauptschulabschluss sowieso nicht schaffen. Sie hätten fast alle schon Ohrfeigen einstecken müssen. Manchmal würden sie im Klassenraum eingeschlossen.
Eine Lehrerin sei aber ganz in Ordnung, sagt Robert. Ihr hätten sie sich anvertraut und der netten Dame von der AOK Freital, die das Bewerbertraining mit ihnen gemacht hat.

Robert erzählt von Dynamo Dresden, seiner Lieblingsmannschaft und dass er kein einziges Heimspiel versäumt, dass sein Vater, nicht sein richtiger Vater, deswegen sauer sei, dabei sei er es doch gewesen, der ihn als Kind mit auf den Fußballplatz nach Dresden geschleppt hat.

Der Lehrer schlendert über den sonnigen Gang. Das Linoleum glänzt. Er schwenkt sein Schlüsselbund. Er lächelt. Er sagt zu dem dünnen Mädchen mit den rosa Haaren: “Hallo. Wie geht’s?” Sie antwortet nicht, federt die Treppe hinab, blickt sich nicht um, weil sie weiß, dass er am Geländer steht und ihr nachschaut.
“Ich habe von dieser Sache gehört”, sagt die Lehrerin mit den großen, wachen Augen. “Man kann nichts machen, solange es keine Beweise gibt.”

Daniel hat einen Ausbildungsplatz. Nicht weit von Kreischa, in einem Restaurant, wird er Koch lernen. Seit einiger Zeit jobbt er hin und wieder im Hotel “Kreischaer Hof”. Er mache dort alles. “Na, alles eben.” Er zuckt die Schultern, verwundert über die Frage. Was gibt es da zu erzählen? Ist es für irgendwen interessant, ob er den Geschirrspüler einräumt, Gurken schält oder die Tische eindeckt? Man müsse eben bereit sein, alles zu machen und wer arbeiten will, der findet auch eine Arbeit. Es sei doch kein Wunder, dass der Staat pleite ist, wenn so viele Leute nicht arbeiten wollen. “Die schlafen bis elf und saufen schon am Vormittag.” Er kenne die. Habe selber jemanden in der Nachbarschaft, der auf Hartz IV mache.

Robert ist still. Selbst, wenn er anderer Meinung wäre als Daniel, würde er den Mund halten, sich nicht mit diesem Brocken anlegen, der mit dem Mundwerk allen voraus ist. Also denken sie über alles gleich. Ist einfacher so. Über Hip-Hopper: “Sieht doch bescheuert aus, wenn die Hosen bis in die Knie hängen.” Über Ausländer: “Nichts dagegen, wenn die arbeiten.” Schwule: “Pervers.” Was das Wort bedeutet, weiß Daniel nicht. “Ich meine doch nur, dass es eklig ist, wenn die vor mir knutschen, während ich gerade esse.”

Robert ist noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er möchte später ein eigenes Restaurant führen.
Am nächsten Tag bringt sie ein Bus übers Land. Schulexkursion. Sie sollen sich Betriebe anschauen, in denen Metall verarbeitet wird.
Nach dem ersten Betriebsrundgang weist der Geschäftsführer darauf hin, dass er nur Abiturienten und Realschüler ausbildet. “Wir können arbeiten”, ruft einer der Hauptschüler. Der Geschäftsführer zerrt an seinem Kragen unter der Krawatte. Sein Gesicht ist rot. Er entscheide nach Noten. Eine andere Wahl habe er nicht. Vierzig Bewerber, aus denen er einen auswählt. Sie könnten aber ein Betriebspraktikum machen. In der zweiten Firma empfängt sie eine ältere Frau. Sie hält die Hände vor dem tonnenförmigen Leib gefaltet, während sie erklärt, dass sie keine Mädchen ausbildet, weil Mädchen Kinder bekommen und dann nicht mehr am Abend und in der Nacht arbeiten könnten. Das rechne sich nicht. Die Maschinen müssten Tag und Nacht laufen. Mit den Hauptschülern, da müsse man sehen. Sie hätte auch Arbeiter mit Hauptschulabschluss.
Die Fußböden der Fabrikhalle schwitzen ölig. Aus einem Abfall-Container quellen rötlich und weiß glänzende Spiralen aus Edelstahl. Zwei Mädchen bleiben stehen und suchen die schönsten aus. Wie die Lockenpracht eines Fauns, dessen Kopf man nach der Enthauptung in diesen Behälter gequetscht hat.

“Man muss vorsichtig sein mit dem, was die Hauptschüler manchmal erzählen”, sagt die junge Lehrerin. “Sie reagieren so sensibel. Die bilden sich auch schnell mal etwas ein. Sie neigen zu Übertreibungen.”
In den letzten Jahren sei es immer schwieriger geworden, sie zu unterrichten. Inhalte könne sie kaum noch vermitteln. Hausaufgaben gibt sie schon lange keine mehr auf. Die Auseinandersetzung zu Beginn der Stunde, wer wieder nichts gemacht hat, raube zuviel Zeit und Kraft. “Manchmal, wenn ich in die Klasse komme und nicht lächele, werde ich von der Seite angemacht: ‚Schlechte Laune heute?”

Der Bus bringt die Schüler nach der Exkursion zurück nach Kreischa. Vorbei am Bäcker, am Döner-Laden, dem über hundertjährigen Textilhaus Schauer und der Drogerie am Buswendeplatz. Im Schaufenster der Drogerie bröseln verblichene Heilpflanzen. Drinnen lehnt die Drogistin an der hohen Eichenwand und blickt durch die Kunden hindurch zur Tür hinaus, die Hände zwischen Rücken und Wand, als stützten sie sich gegenseitig. Seit man denken kann, lehnt sie dort. Ihr Haar ist staubig geworden im Laufe der Zeit. Aber ihr Blick ist unverändert, egal, ob die Schüler Brausepulver oder Kondome kaufen. Sie könnten nach Cyankali oder radioaktiven Uran fragen, sie würde mit der gleichen Miene antworten: “Tut mir leid.”

“Was hält uns hier?” fragt Daniel trotzig. Sie sitzen im Bäckerladen neben dem Supermarkt. Die Frage klingt nicht nach Aufbruch, nicht einmal nach einer kleinen Radtour ins nahe Dresden, wo die Clubs, die sie hier vermissen, zahlreich sind. Die Frage ist als Vorwurf gemeint und als Ausrede, sitzen zu bleiben.

Draußen auf dem Parkplatz werden Autos abgefüllt, mit Dingen zu essen und Getränkestiegen, mit Dingen für das Haus und Dingen für den Garten. Behäbig röhren sie die Auffahrt zur Landstraße hinauf. Wenn er den Führerschein schon hätte, sein Moped, Daniel würde das Vorderrad in die Höhe reißen und an ihnen allen vorbei jagen. Der Fahrlehrer hat wieder nicht angerufen.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr gibt es keinen Unterschied zwischen Haupt – und Realschülern. Da können sie zeigen, was in ihnen steckt. Wie damals, 2002, als die Flut kam. Sie waren als Helfer unterwegs. Robert in Mühlbach, Schlamm aus den Kellern schaufeln und Trümmer beseitigen, Daniel in Freital, in dem Supermarkt, in dem seine Mutter als Kassiererin arbeitet. Er hat die Kunden einzeln mit der Taschenlampe zu den Regalen geführt, bis es wieder Strom gab.

Einen Vater hat Daniel nicht. “Den brauche ich nicht mehr”, sagt er. Der Vater hat die Mutter geschlagen und ist abgehauen, zu Weihnachten war das, vor einigen Jahren. Daniel will ihn nicht mehr sehen.
Robert hat einen Vater, aber es ist nicht sein eigener. Seinen eigenen Vater, das hat die Mutter entschieden, soll Robert nicht treffen. “Meine Oma ist auch strikt dagegen”, sagt er. “Ich habe ihn mal im Internet gesucht, aber nicht gefunden.”

Die junge Lehrerin sagt, dass sie die Probleme manchmal mit nach Hause nimmt und dass ihr Mann das alles gar nicht mehr hören kann. “Dabei ist es noch gut hier in Kreischa. Es ist eine kleine Schule. Wir Lehrer verstehen uns. Wir helfen uns.”
Sie erzählt von dem Zirkus-Projekt, wieviel Spaß es den Kindern gemacht hat, in der Manege zu stehen und kleine Kunststücke vorzuführen. Sie stützt den Kopf auf, das lange Haar fällt über den Handrücken. Sie blickt aus dem Fenster, dahin, wo im letzten Sommer für einige Wochen das Zirkuszelt auf der Wiese stand.
Sie wisse, dass Eltern in der Schule waren wegen der Vorfälle mit dem Lehrer. Dass sie ihn zur Rede gestellt hätten.
Der Vater eines Mädchens aus ihrer Klasse sei mal in die Schule gekommen, sagt Robert. “Ein Kerl wie ein Baum. Ein Rocker. Überall tätowiert. Und der Lehrer hat den ausgelacht. Hat gesagt, dass seine Tochter lügt. Der sagt, die Mädchen bilden sich das nur ein. Er sagt, sie übertreiben.”
Und wenn wieder etwas ist, sollten sie sofort zu ihr kommen, habe die junge Lehrerin gesagt. Ihr Klassenlehrer auch. Sie waren bei beiden. Passiert ist nichts.
Der Schülerrat, die Elternvertreter, alle wissen es. Der ganze Ort weiß es. Alle, die früher hier zur Schule gingen. Er ist schon lange hier, dieser Lehrer. Vielleicht erinnert sich sogar die Drogistin.

Aber nichts ist jemals geschehen.