Feuerwerk jetzt!

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Ich bin dafür, den Jahreswechsel in den September vor zu verlegen. Es gibt mehrere gute Gründe dafür. Einer und zugleich der wichtigste ist, dass Silvesterfeiern im September die Welt verbessern würde.

Man sagt, dass revolutionäre Ideen oft in Notsituationen geboren werden, die Erfindung des Feuers beispielsweise oder des Rades. So war es auch in diesem Fall. Mein Freund und ich, wir waren eine Zeitlang gezwungen, jedes Jahr Ende August nach Paris zu fahren, weil eines unserer Kinder die Sommerferien bei uns verbracht hatte und nun wieder nach Hause zu seiner Mutter in ein französisches Übersee-Departement fliegen musste. Es war jedes Jahr ein trauriger Abschied. Wir winkten der Maschine nach, bis sie als kleine zitternde Fata Morgana im Himmel verschwand. Danach schlichen wir über den schmelzenden Teer in den Straßen von Paris und hielten in der verlassenen Stadt nach der halb geöffneten Jalousie eines Eckladens Ausschau, um uns mit großen Wasserflaschen auszurüsten, bevor wir auf der nächsten Parkbank zusammen brachen. Paris im August ist der Ausnahmezustand. Nur ein paar kleine Autos stehen wie vergessen am Straßenrand. Wenige Tage später, am ersten September, sind die Straßen wieder belebt. Es wird gehupt und gedrängelt. Die Jalousien sind oben, die Spielplätze und Straßencafés voll. Bettler, Pantomimen und Musikanten beziehen wieder an den gewohnten Plätzen Stellung. Die Worte „Bonne rentrée“ flattern auf Bannern und Plakaten über den Eingängen von Supermärkten, Läden, Tankstellen, Bahnhöfen, Wäschereien und Blumengeschäften. Sie bedeuten so viel wie „gute Rückkehr“ aber gemeint ist der Beginn des neuen Schuljahres.

Wie unter einem Brennglas erlebten wir am Ende der Ferien in Paris, was in den Sommerwochen mit uns geschehen war. Wir hatten Sonne, Meer, Eiscreme, Kinderdisco und Museumsbesuche organisiert und für Rundumbetreuung durch Großeltern, Tanten und gute Freunde gesorgt. Ermattet kehrten wir Anfang September in unsere Wohnung zurück, wo, umkrümelt von Sand, noch das Schlauchboot ausgebreitet im Wohnzimmer lag. Wir hatten überlebt und schwärmten, wie schön doch der Sommer war. Bonne rentrée, dachte ich wehmütig, während ich Spielzeug weg packte und Kekskrümel aus den Taschen kippte. Da war er wieder, der gewohnte Alltag, die gleichen Betten und Büros, der Trott, aber noch versöhnlich warm eingebettet in die letzten Sonnentage. Das Gute war, dass auch alle anderen inzwischen aus den Ferien zurückgekehrt waren. Abgeschaltete Telefone, das Wühlen in Emails und SMS, wann wer gesagt hatte, wohin er oder sie mit wem fliegt, erübrigte sich endlich. Alle waren wieder da.

Ich schob den Sand neben dem Schlauchboot mit den nackten Füßen auf den Dielen herum und rief meine Freundin Melanie an. „Gut zurückgekommen?“

„Wir müssen uns treffen“, sagte Melanie.

„Klar.“ Nach Wochen des Ausnahmezustandes nahmen wir unser Lieblingscafé wieder ein. Bonne rentrée! Der Septemberabend war gerade noch lau genug, die gebräunten Beine in Hotpants zu präsentieren, wenn auch mit Gänsehaut. Wir saßen zwischen den Sonnenblumen, bestellten das letzte Glas Rosé der Saison und plauderten so unaufgeregt, wie man nur im September, nach der Hitze, plaudert. „Hab mich prompt verknallt“, sagte Melanie. Sie war diesmal allein in den Urlaub gefahren, in eine Pension in den Dolomiten. Die hatte sie zwar zusammen mit ihrem Mann gebucht, aber dann hatte er überraschend bei einer neuen Firma angefangen und konnte wegen der Probezeit nicht mitreisen.

„Überrascht mich nicht“, blinzelte ich. Melanie sieht einfach toll aus. Logisch, dass ein interessanter Mann sein Handtuch neben ihrem ausgebreitet hatte auf der Wiese am Bergsee. „Steht dir gut.“ Die Sonne hatte ihr hellbraunes Haar strähnchenweise blondiert. Ihre Augen glänzten. In der Dämmerung schimmerte ihre Haut tiefbraun ohne einen weißen Fleck. Sie trug ein rückenfreies Kleid und sah umwerfend darin aus.

„War schön“, sagte sie verträumt. „Prickelt noch nach. – Aber ich bin trotzdem gern zurückgekommen.“ Der Abendwind kühlte die Stirn. Im September erlischt das Feuer. Es geht wieder los mit dem Planen und Grübeln, zurück vom Bauch in den Kopf. Aber langsam. Instinktiv treten wir auf die Bremse und blasen noch einmal in die Glut. Aber es geht spürbar in die dunkle Zeit des Jahres. Da besinnt man sich gern auf das, was man hat. Der Gedanke, dass Melanie wegen einer Urlaubsbekanntschaft in eine andere Stadt gehen könnte, verpuffte ohne Schrecken. Sie war ja da. Alles war so wie immer. Nur schöner. Melanie legte sich ein hauchdünnes Fransentuch um die Schultern. Wir stießen an. Und plötzlich –Heureka!- wusste ich, was uns fehlt: Feuerwerk jetzt!

September ist der Monat des Erlöschens und Beginnens. Wir haben die Batterien mit Licht gefüllt. Es geht wieder los. Als Bertram letzten September in unsere Bürogemeinschaft gekommen ist, haben wir mit Kaffee angestoßen. Immer kommen die Neuen im September. Jedenfalls kommt es mir so vor, aber wenn ich intensiver nachdenke, fällt mir ein, dass auch schon im März, Mai und November Neue kamen. Aber nur im September haben wir mit Bertram angestoßen. Die anderen hatten sich murmelnd vorgestellt und waren dann hinterm Monitor verschwunden.

Es ist doch so, dass die wirklich bedeutenden Neuanfänge im September liegen. Die Kinder kommen in die nächste Klasse oder auf eine neue Schule. Sie brechen auf, zur Universität, in die Ausbildung, in ein Austauschjahr oder ein Soziales Jahr oder ein Ökologisches Jahr. Ich lasse die Wortwiederholungen absichtlich zu, weil es immer mehr Jahre gibt, die im September beginnen. Es liegt doch auf der Hand. Ich muss eine Online-Petition auf Change.org starten.

Ich mag den Namen Silvester auch. Aber so festlich er auch knistert, der 31. Dezember ist saisonal betrachtet einfach ungeeignet für den Jahreswechsel. Es ist pieselgrau und kalt. Am ersten Januar geht es genauso pieselig weiter. Nichts ist neu. Null Beginning. Jeder andere Tag des Jahres hat mehr Überraschungspotential als der erste Januar. Man erhebt sich am Nachmittag verkatert aus den Kissen –draußen ist es bereits wieder dunkel- friert und sucht nach einer sauren Gurke. Wenn man nach diesem kargen Frühstück die Nase raus hält, sieht man nichts als den Matsch von Böllerpappen, der mit dem Schneematsch emulgiert. Auf dem Schreibtisch liegt der neue Kalender. Ein paar Termine müssen jetzt von diversen Schmierzetteln übertragen werden. Aber man fürchtet sich ihn aufzuschlagen. Ich fühle mich am ersten Januar immer wie auf einem Zehn-Meter-Brett. Unter mir liegt im Dunkel das Jahr ausgebreitet und ich muss jetzt springen. Mitten im Winter!

Im September hingegen trägt uns noch die Leichtigkeit des Sommers. Nie sehen die Leute so attraktiv aus wie jetzt. Ihre Körper sind wie karamellisiert. Vom Schwimmen, Radfahren und Wandern ist alles wieder straff. Wir könnten die Silvesterkollektionen, die für überheizte amerikanische Landhäuser entworfen wurden, endlich auch bei uns tragen. Ballkleider mit freien Rücken und langen Schlitzen, aus denen die Beine hervor blitzen und schillernd lackierte Zehennägel in Riemchensandalen. In kurzen Röckchen und Hosen und bauchfreien Shirts würden wir auf den Dächern tanzen. Oder gleich im Bikini. Es gibt oft noch heiße Tage im September. Im Urlaub kauften wir in jedem Winkel der Welt ein schönes Tuch für die Schultern, mit Fransen und bunt, wie das von Melanie, in das wir uns kunstvoll hinein wickeln und so tun, als wäre uns ein bisschen kalt, wenn dann um Mitternacht das Feuerwerk beginnt.

Schluss mit Raclette und Feuerzangenbowle in Pantoffeln! Zukünftig klettern wir auf Plateaus und Berge, feiern an Bord oder im Ballon. Die Sektperlen prickeln auf nackte Arme und Dekolletés. Statt von unerfreulichen, fetttriefenden Weihnachtsorgien kommen wir aus dem Urlaub, sind im Kopf noch auf Weite eingestellt. Weil wir fremde Länder und Kontinente besuchten, haben wir alle Jahresrückblicke im Fernsehen zu Hause verpasst. Wunderbar! Die Bilanzen und Abrechnungen haben wir vor den Ferien erledigt. Der Sommer ist es jetzt, der zwischen den Jahren liegt. Der Ausnahmezustand.

Und unsere guten Vorsätze für das neue Jahr erst! Statt Diäten, Eisbaden, Drogenentzug, Sparen, Sport und weniger Fernsehen würden wir längere Urlaube beschließen an ferneren Orten, auf jeden Fall häufiger freie Tage, weniger Überstunden, neue Kochrezepte, überhaupt mehr Genuss. Wir würden uns vornehmen, im nächsten Sommer buntes Glas am Strand zu sammeln oder Pflanzen zu pressen oder zum Malen in die Toscana zu fahren. Wir würden beschließen, Geld für eine neue Frisur oder den Salsa-Kurs auszugeben und die Renovierung der Wohnung guten Gewissens um ein weiteres Jahr verschieben. Wir fänden es an der Zeit, eine Seitensprungagentur zu testen, ein neues Sexspielzeug oder sonst was Verrücktes. Genau deswegen fordere ich Silvester im September. Die verpassten Jahresrückschauen, die lustvollen Vorsätze und kapriziösen Wünsche würden unsere Sicht auf das Leben und die Welt, auf die Chancen des neuen Jahres verändern.

Wieso ist eigentlich noch niemand darauf gekommen? Bevor ich die Online-Petition frei klicke, informiere ich mich auf Wikipedia und lese, dass der erste September in Byzanz und Griechenland als der erste Tag des Jahres galt. Später übernahm Russland diesen Kalender. Der erste September wurde als „Tag der Schöpfung“ gefeiert, in Russland sogar noch bis zum Jahr 1699. Da der erste September inzwischen historisch belastet ist, ebenso wie der elfte September, der in Äthiopien der erste Tag des Jahres ist und das Neujahr in den Glaubensgemeinschaften der Kopten und Rastafari, bin ich dafür, einen anderen Tag auszuwählen. Wie wäre es mit dem 22. September? Das war der erste Tag des neuen Jahres nach dem französischen Revolutionskalender, der 1793 eingeführt wurde. Er sei zum ersten Tag der neuen Zeitrechnung erklärt worden, weil an diesem Tag der Kopf der Königin gerollt war, lese ich. Zweifel beschleichen mich. Der französische Revolutionskalender galt nur wenige Jahre, bis 1805. Er war ziemlich radikal. Die Woche sollte fortan statt sieben zehn Tage haben. Das war die Abrechnung mit der Religion und der Bibel. Die Monate erhielten neue Namen und wurden verschoben. Aus dem September wurde vom 18. August bis 16. September der Fructidor (von der Feldfrucht) und ab 22. September der Vendémiaire (von der Weinlese). Das Jahresende, die Sansculottiden, vom 17.-21. September, bestanden aus dem Tag der Tugend, dem Tag des Geistes, dem Tag der Arbeit, dem Tag der Meinung, dem Tag der Belohnung und dem Tag der Revolution.

Ich finde das problematisch und beschließe, dass der 22. September für freie Rücken und nackte Arme eh zu spät wäre. Mir wird klar, dass ich gegen radikal vorgenommene Zeitenwechsel bin. Mir macht ja schon die eine Stunde zu Beginn und Ende der Sommerzeit zu schaffen. Das Hin – und Hergeschiebe von Stunden und Monaten sollte aufhören. Es sollte auch niemand mehr geköpft werden.

Kürzlich las ich, dass Älteste der Inuit beobachtet haben, dass die Erde ein kleines bisschen von der Stelle gehüpft ist. Als hätte es in ihrer Umlaufbahn ein Schlagloch gegeben. Seitdem geht die Sonne an anderen Orten auf und unter als vorher. Das haben die Inuit jedenfalls beobachtet. Sie haben das der NASA mitgeteilt, aber was die NASA geantwortet hat, weiß ich nicht. Ich meine, wenn die Erde einen Hüpfer in Zeit und Raum macht, könnten wir das doch auch tun. Vielleicht ist genau jetzt die Zeit für meine Idee gekommen. Der September ist übrigens der einzige Monat, in dem es in Deutschland keinen gesetzlichen Feiertag gibt. Auch das ist eine entspannende Tatsache. Vielleicht sollte das so bleiben. Mit der Online-Petition, das lasse ich lieber. Aber feiern könnten wir den September ja trotzdem und froh sein, dass es ihn noch gibt.

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