Ein kleines, kuschliges Zugehörigkeitsgefühl

Kuschelheimat-Matroschka

Die Kuschelheimat-Matroschka mit den schönen, langen Wimpern zeichnete Anni von Bergen für Das Magazin. http://annivonbergen.com

 

Kathrin Schrader beneidet manchmal die anderen um ihre Heimat und ihr Heimweh. Ihr fehlt etwas, aber bald kommt ihr in den Sinn, dass sie sich so was Ähnliches längst erschaffen hat. 

Héctor gibt sich mal wieder seiner Verzweiflung über Deutschland und die Deutschen hin. Es ist immer dasselbe. Wir seien ein schweigsames, angepasstes Volk und hätten viel zu wenig Sex. Er könne niemals in diesem Land heimisch werden, in dem es mehr regnete als in London und kälter sei als in Alaska, im Sommer jedenfalls, in dieser Nation, in der keiner zu feiern verstünde und sowohl Männer als auch Frauen sich kleideten, als lebten sie noch in Erdbehausungen oder Holzhütten wie einst die Wikinger. Er werde in seinem Herzen und seiner Lebensart immer Franzose bleiben. Mir kommt es vor, als sei Frankreich für ihn eine Art Notfallkoffer, den er nur öffnen braucht, wenn mal ein Tag schiefging und schon steigt die fabelhafte Welt der Amélie daraus empor, nach frischem Baguette und Croissant

und dem süßen Parfüm einer charmanten Pariser Prostituierten duftend, und vernebelt ihm das Hirn.

Meine griechische Freundin Maria hat oft Heimweh. Sie pflegt die Melancholie einer Exilantin, die auf dieses reiche, von ihr als kalt empfundene Land angewiesen ist, das ihr als einziges in Europa noch Arbeit biete, die das Überleben sicherte. Wenn die schweren Pakete ihrer Mutter mit griechischen Spezialitäten, mit selbst gebackenen Pastetchen und Süßigkeiten eintreffen, versammelt sie alle ihre Freunde in ihrer Küche zu einem großen Sehnsuchts-Schmaus. Dann schwelgt sie in Erinnerungen an das kleine Dorf am Meer.

Ich beneide Héctor und Maria darum, nicht von hier zu sein und einen Alibi-Ort für das Gefühl der Fremdheit zu haben. Wie ein Schwamm sauge ich ihre Klagen über die Deutschen auf und verinnerliche sie in meinen Poren. Ja, ja, bitte bestätigt mir mein Unbehagen mit diesem Land meiner Herkunft, das ich nicht Heimat nennen will, weil ich darin ebenso unpassend bin wie ihr, hineingeworfen in eine beladene Geschichte, unfreiwillig in dieses Volk, das den Ruf hat, besonders effizient zu sein. Exportweltmeister! Ich nehme jede Verurteilung auf mich. Ich halte meinen Kopf unter die Guillotine.

Einmal habe ich Héctor vorgeschlagen, gemeinsam nach Frankreich zu gehen, aber er hielt nicht viel von dieser Idee. Er weiß genau, warum er Frankreich den Rücken gekehrt hat. Abenteuerlust war das natürlich, aber auch das Gefühl, seine einfache, proletarische Herkunft dort niemals abschütteln zu können. Hier fragt ihn kein Mensch danach. Seit fast dreißig Jahren lebt er in Deutschland. Ich könnte es so drehen und behaupten, dass auch ich erst seit knapp dreißig Jahren in diesem Land lebe, denn vorher stand an dieser Stelle ein anderes. Nicht, dass ich es vermisse. Nicht im Traum würde ich mir die DDR zurückwünschen. Sie war mir keine Heimat. Aber auch die DDR eignet sich durchaus, eine vermeintlich verlorene Heimat zu beklagen. Manchmal, wenn ich sehr verzweifelt bin, tue ich das sogar. Es ist der Versuch, ein kleines, kuscheliges Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen, wenn draußen der kalte Wind bläst, die Illusion, es sei ein besserer Ort gewesen, an dem ich gezeugt und geboren wurde und aufgewachsen bin. Wie Héctor drehe ich dann die alte Spieluhr und schon klimpern mich die Erinnerungen in eine Traumwelt, die es nie gab.

Wenn ich Héctors Exilanten-Status auch für mich zu beanspruchen wage, schimpft er, die DDR sei mindestens genauso deutsch gewesen wie die Bundesrepublik, wenn nicht noch schlimmer. Und kommt dann mit Asterix und den Galliern. „Wenn du diesen widerständigen Geist verinnerlicht hast, der in der französischen Gesellschaft seit Generationen verankert ist…“ Wahrscheinlich hält er die Comics aus den Sechzigerjahren für historische Tatsachen.

Moment mal! Auch meine Tochter ist in Deutschland mit den Asterix-Büchern aufgewachsen. Hat sie diesen Geist verinnerlicht? Ein bisschen rebellisch ist sie schon. Aber das hat sie eher von mir als von Asterix. Außerdem hat sie noch viel mehr gelesen als französische und belgische Comics, im Grunde Bücher und Geschichten aus der ganzen Welt, von den Filmen ganz zu schweigen. Ihr Heimatgefühl muss das einer Weltbürgerin sein.

Die Unmöglichkeit meiner Heimat begann ebenfalls mit Büchern. „Das Tagebuch der Anne Frank“ hatte ich schon gelesen und „Professor Mamlock“ im Fernsehen gesehen, als ich elf – oder zwölfjährig in der großen Pause vor der Deutschstunde eher zufällig einen dicken Fotoband aus dem Regal im Klassenzimmer zog. Was ich darin sah, hat sich mir eingebrannt wie eine Tätowierung. Ich kann mich an jedes Detail dieses heißen Frühlingstages erinnern. Ich war müde von der plötzlichen Hitze und hatte keine Lust auf die letzte Unterrichtsstunde in dem aufgeheizten Raum. Ich trug einen grünen Pullover, den ich nicht leiden konnte. Weil ich mich darin zu dick fand, aß ich statt dem Mittagessen nur einen Apfel, dessen süßen Geschmack ich noch auf der Zunge hatte, als ich die Bilder von den Leichenbergen in Auschwitz sah. Seither haben mich die Fragen danach, wie so etwas geschehen konnte und warum ausgerechnet hier, nicht mehr losgelassen. Sie wurden zur Obsession. Ich begann, in der Geschichte zu versinken, mich durch sie hindurch zu wühlen und zu fressen. Heute lebe ich mit der Geschichte, ich lebe auf ihr, ich hüpfe, tanze, schlafe und picknicke darauf wie die Touristen auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin, immer in der Gefahr, den Halt zu verlieren, im Tanz die nächste Stele zu verfehlen und wieder in den Abgrund des Grauens zu stürzen. Heimat ist das nicht. Das Wort hat den Klang von Sicherheit, Harmlosigkeit, Wärme und freundlicher Erwartung. Héctor sagt, ich könne doch nichts für Verbrechen, die vor 75 Jahren begangen wurden. Das stimmt natürlich. Es ist auch kein Schuldgefühl, das mich umtreibt. Vielleicht ist es Scham, Angst auch, dass es wieder ein „System“ geben könnte, dass uns zu Mithelfern der Verbrecher macht. Ich erinnere ihn daran, dass auch er gern mit Hitler-Vergleichen um sich wirft und das Wort „Nazi“ ziemlich oft strapaziert. Es gibt keine Steigerung des Bösen. Er hingegen würde sich niemals die Amélie-Romantik aus seinem Notfallkoffer stehlen lassen. Von wegen Napoleon und so! Nach der Revolution bricht die französische Geschichte für ihn ab.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass ich mich mit Menschen angefreundet habe, die ihre Heimat ebenso vermissen wie ich. Gemeinsam richten wir uns in unserer Heimatlosigkeit ein, schaffen uns darin ein Zuhause, Héctor mit Amélie, Maria mit Pasteten und ich mit den Stelen. Zuhause ist etwas anders als Heimat. Es ist ein Ort, an dem ich mich unabhängig von meiner Herkunft und Identität aufgehoben und verstanden fühle, wo das Verstehen nicht einmal vom gleichen Wortschatz abhängt, sondern vom gleichen Sinn und Wollen. Ich kann jederzeit bei Maria und ihrem kanadischen Freund Pierre klingeln. Ich störe nie, weil ich sie gar nicht stören kann. Sie lassen sich nicht stören. Wenn ich komme, bin ich da. Ich esse mit ihnen. Ich koche für sie. Sofort sprechen wir über das, was uns gerade bewegt. Ich bin nicht die Einzige, die sich bei ihnen Zuhause fühlt. Sie mögen Gesellschaft. Es ist ausdrücklich ihr Sinn und Wollen, ein Zuhause zu schaffen für viele Heimatlose, egal, woher und unter welchen Umständen sie gekommen sind. Ein Zuhause kann ich suchen oder erschaffen. Es ist ortsunabhängig und flexibel wie ein Zelt. Selbst das Hotel, in dem ich eine Woche lang lebe, wird zum vorübergehenden Zuhause. Heimat wird es nicht. Heimat ist festgelegt. Das Wort beschreibt mindestens eine Region, in der Regel ein ganzes Land, dessen Grenzen in kriegerischen Auseinandersetzungen von Generälen und Königen festgelegt wurden. Ich mag weder Kriege noch Generäle und Könige eigentlich auch nicht. Meine Tochter findet diese Haltung krass düster. Sie mag das Wort Heimat und das Gefühl, das für sie damit verbunden ist.

„Aber was bedeutet es für dich?“

„Der Ort und seine Kultur, was mich geprägt hat eben und was mich unterscheidet.“

„Das Land auch?“

Das Land, die Landschaft, die Sprache. Kommt auf die Perspektive an. Wenn ich in Südamerika bin, ist Deutschland meine Heimat. Bin ich in Deutschland, ist Dresden meine Heimat, bin ich in Dresden, ist es die Neustadt.“

„Aber das ist so vordefiniert. Andere haben entschieden, was deine Heimat sein soll. Es ist abhängig vom Zufall deiner Geburt. Und dann sitzt du da, mit dieser Geschichte.“

„Das ist wie mit meinem Gesicht und meinem Körper. Ich kann nur bedingt etwas daran ändern. Also muss ich damit klarkommen, das Beste draus machen.“

Bald geht sie nach Skandinavien. Mit einem Stipendium arbeitet sie zuerst drei Monate in Oslo und dann in Helsinki. Eigentlich hat sie gerade gar keine Lust, aus Dresden wegzugehen. Sie findet alles, was hier geschieht, spannend und fühlt sich jetzt dringend gebraucht. Aber das Stipendium könnte sie beruflich weiterbringen.

Die Bereitschaft, an immer neuen Orten zu arbeiten und zu leben und ein perfektes Englisch gehören in ihrer Generation zu den Grundausstattungen einer beruflichen Laufbahn. Da bekommt das altmodische Wort Heimat natürlich einen heimeligen Sound. Ich frage sie nach den Bildern und Erinnerungen, die sie in ihren Notfallkoffer packt. „Keine Ahnung. Ich glaube, das weiß ich erst, wenn ich dort bin und Heimweh bekomme.“ Sie lacht. „Ich erzähle ich es dir, wenn wir skypen.“ Bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist sie für die deutsche Mannschaft. Mir ist es peinlich, dass die Deutschen nach den Siegen ihrer Nationalmannschaft mehr Kinder zeugen als in gewöhnlichen Nächten. Ich stelle mir den Sex im nationalistischen Taumel vor und kämpfe mit Brechreiz. Deswegen bin ich immer für die gegnerische Mannschaft. Zum Public Viewing gehe ich eigentlich nur, um Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Bei der letzten Weltmeisterschaft, beim Spiel Deutschland gegen Frankreich, hörten wir zu Beginn einen Mann hinter uns sagen: „Guck dir doch mal die Mannschaft an. Das sind doch gar keine Deutschen!“ Vermutlich hatte er die letzten zwanzig Jahre im Koma gelegen. Meine Tochter wandte sich zu ihm um. Sie kann furchterregend mit ihren grünen Augen funkeln. Deshalb sind ihre politischen Freunde traurig, dass sie Dresden gerade jetzt verlässt. „Doch. DAS SIND Deutsche!“ fauchte sie. Ich sah mich nach dem Mann um. Er war blass. Die Wut meiner Tochter hatte ihm die Sprache verschlagen. Ich genoss diesen Moment, obwohl er gewissermaßen nationalistisch war. Aber gleichzeitig war er die Umkehrung davon. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie glücklich ich darüber bin, dass mein Kind im Alter von zwölf Jahren eine Rassismus-Forscherin geworden ist. So wie ich mit zwölf Jahren eine Faschismus-Forscherin wurde. Wahrscheinlich repräsentieren wir eine typisch deutsche Familienkarriere.

Seltsam, während ich das aufschreibe und mich an die Szene erinnere, denke ich, dass dieser Moment so etwas wie Heimat enthielt. Falls ich den Versuch einer positive Annäherung unternähme. Diese Begebenheit käme mir in den Sinn, wenn ich aufgefordert wäre, meine Heimat zu beschreiben, egal, aus welcher Perspektive, ob von der anderen Elbseite oder aus Südamerika oder vom Mars. In meinem Zuhause würde ich einen Mann, der die deutsche Nationalmannschaft undeutsch findet, nicht zulassen. Aber er gehört zu meiner Heimat. Wie meine Tochter. Und diese Heimat habe ich mit erschaffen.

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