Letzter Aufruf

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Foto © Andrea Vollmer

„Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her.“

Mit 50 Jahren kannst du noch entscheiden, ob du wirklich jung werden willst

Mit neunzehn Jahren, in zerrissenen Turnschuhen, ungeschminkt und unzufrieden mit meinem Körper, meinen Haaren, meinem Gesicht und dem Leben überhaupt, in das ich geworfen war, unternahm ich manchmal den Versuch, mir eine bessere Zukunft auszumalen. Eines fernen Tages, mit Mitte Zwanzig ungefähr, würde ich eine begehrenswerte, schöne Frau sein, mit einem oder mehreren Liebhabern und einem Beruf, in dem meine Meinung geschätzt und meine Ideen gefragt sind. So machte ich mir Mut. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich diese erträumten Lebensumstände erst einstellen würden, wenn ich 50 Jahre alt geworden bin. In Worten: F Ü N F Z I G. Ein derart hohes Alter überhaupt zu erreichen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute bin ich überzeugt, dass einige meiner Vorbild-Frauen, die ich damals für Mittzwanzigerinnen hielt, in Wahrheit fünfzig waren. Fünfzig ist verflucht alt und verflixt jung. Schon als Neunzehnjährige dachte ich viel über die Zeit als Phänomen und das Älterwerden als Fluch nach. Damals begann ich, darüber zu reden und zu schreiben. Im Rede- und Schreibfluss zündete ich eine Zigarette an der nächsten an.

Eines Tages sah ich in der Wohnung eines Freundes eine Grafik von Herbert Sandberg. Sie zeigt einen Menschen in gestreifter Kleidung, der in hohem Tempo aus einem dunklen Raum flieht. Die Häuser rasen wie eine Startbahn an ihm vorüber. Er streckt die Arme aus. Seine großen Hände greifen in den Raum, in die Zukunft. Unter seinen Armen flattern rote Flügel, schmale, zarte Flügel. Wie kleine Flammen züngeln sie. Sein Mund ist zu einem Schrei geöffnet. Neben dieses Bild hatte Sandberg ein Zitat von Picasso gesetzt: „…aber es dauert sehr lange bis man wirklich jung ist.“ Ich weiß nicht mehr, wie viele Zigaretten ich in Betrachtung dieses Bildes geraucht habe und seine Bedeutung zu verstehen suchte. Ich schaute den Mann auf dem Bild an und sah mich selbst, meinen Schrei, meine Wut und meinen Drang, davon zu laufen, mich emporzuschwingen und zu fliegen. Aber ich besaß keine Flügel. Ich floh nicht. Ich fühlte mich erstarrt und alt.

Damals beschloss ich, jung zu werden. Wie hatten Picasso und Sandberg das angestellt? Immerhin waren sie doch schon früh im Leben berühmte Künstler geworden. So alt wie ich konnten sie sich niemals gefühlt haben. Sandberg assoziierte Jugend offenbar mit Ausbruch oder Aufbruch, dem Überwinden von Angst und anderen Hemmnissen. Und Picasso? Natürlich: Er wollte die Welt wieder wie ein Kind wahrzunehmen, um diese große Einfachheit zu erzielen. Das ist bekannt. Aber welcher Weg führt auf dem Weg der Zeit zurück? Spaß? Unvernunft?

Als Kind hatte ich einmal einen alten Mann getroffen, der mir wahrhaft jung erschienen war. Er war ein Schüler meines Opas gewesen, der als Lehrer schwerhörige und gehörlose Kinder unterrichtet hatte. Ungefähr ein Jahr, nachdem mein Opa gestorben war, stand dieser Mann bei uns zu Hause vor der Tür. Er kam unangemeldet und machte einen Riesenlärm, als er das Haus betrat. Mittlerweile trug er zwar ein gutes Gerät im Ohr, das ihm ermöglichte, besser als in seiner Kindheit zu hören, dennoch sprach er ungewöhnlich laut. Kaum angekommen, setzte er sich ans Klavier und begann zu spielen. Wenn mein Opa gespielt hatte, war ich immer an seiner Seite gewesen. So auch jetzt. Ich lümmelte neben dem seltsamen Fremden am Klavier, unruhig, schlaksig. Ich war kein besonders hübsches Mädchen und zudem immer verschnupft. Ich schnäuzte heftig in große Herrentaschentücher. Diese Lautstärke verband mich mit unserem Gast. Er spielte anders als mein Opa. Seltsame, dissonante Tongebilde kämpften sich aus seinen Fingern. Er schlug die Tasten kräftig an. Meine Großmutter und meine Mutter kicherten hinter seinem Rücken. Er spürte es. Ich mochte seine Musik. Er schien gar kein richtiger Erwachsener zu sein, sondern wie ich, ein Kind ohne Vorzeichen und Noten, disharmonisch, ein Freund. Die Wüste der Jahre existierte zwischen uns nicht. In seiner Gegenwart schien es mir vorstellbar, erwachsen zu werden, ohne alt zu sein. Möglicherweise war er der erste Mann, in dessen Gegenwart ich mich attraktiv fühlte.

Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und nur noch selten verschnupft. Dass ich kein hübsches Mädchen war, ist lange her. Ich trage Lippenstift und im Sommer lackiere ich mir die Fingernägel. Mit meinem Körper und meinen Haaren habe ich lange verhandelt. Es kommt vor, dass ich mich schön finde, auf meine Weise. Die muss nicht jeder mögen. Die Dreißiger und Vierziger habe ich überstanden. Nach meinem vierzigsten Geburtstag verschwand die Angst davor alt zu werden. Die roten Flügel wuchsen, das Tempo nahm zu. Ich lief auf der Startbahn, hob ab. Ich fand einen Beruf, in dem meine Meinung geschätzt ist und meine Ideen gefragt sind. Ich segele in der Sonne und denke: Was für ein irrer Zufall, auf diesem verrückten Planeten zwischengelandet zu sein! Vielleicht denken Neugeborene so. Vielleicht meinte Picasso das.

Zugegeben, es geht nicht allen so. „Jetzt kommt nichts mehr“, sagte eine Bekannte kurz nach ihrem fünfzigsten Geburtstag neulich, eine sehr attraktive Frau. „Was meinst du?“ fragte ich.

„Das Leben“, sagte sie. „Es ist vorbei.“ Diese Freundin lebt seit Jahrzehnten mit ihrem Mann in immer dergleichen Wohnung und geht immer derselben Arbeit nach. In dieser Zeit habe ich mindestens vier Leben abgerissen und neu aufgebaut, bin zig Mal umgezogen und habe gefühlt hundert verschiedene Jobs gehabt. Für sie schien es mit Fünfzig zu spät zu sein, die vielen anderen Leben, die sie oft erträumt und sich ausgemalt hatte, noch anzugehen. Natürlich ist es niemals zu spät, ein Leben abzureißen und ein neues aufzubauen. Aber sie war gänzlich aus der Übung.

Eine zweite Freundin findet nun keine Arbeit mehr, denn entweder bekommt sie davon Rückenschmerzen oder der lange Arbeitsweg lässt ihr zu wenig Zeit für ihre zwölfjährige Tochter. Zum Arbeitsamt will sie auch nicht gehen, weil sie bereits mehrere Prozesse gegen das Amt führt. Sie denkt, dass in jeder neuen Arbeitslosigkeit ein weiterer Rechtsstreit hinzukommt. Eine dritte Freundin ist depressiv geworden, als ihre zwei erwachsenen Kinder kurz hintereinander das Haus verließen. Eine vierte ärgert sich, weil sie plötzlich dicker geworden ist. Eine fünfte ist von ihrem Mann verlassen worden und glaubt, das hätte etwas mit dem Alter zu tun.

Hat es ja auch. Ich will nicht ignorant sein und so tun, als gäbe es keine Biologie. Naturgemäß sollte ein Fräulein gebärfähig sein, um als Partnerin für die lebenslang zeugungsfähigen Männlein in Frage zu kommen. Aber dass Zeugungs- und Gebärfähigkeit von den meisten mit Jugend verwechselt wird, ärgert mich doch. Müssen wir uns pushen und botoxen, färben und bleichen, Muskeln trainieren, Abenteuerurlaub machen und schlaflos von einer Großstadt zur anderen um den Globus hoppen, um allen zu beweisen, wie potent wir noch sind?

Keiner der Stammgäste in der Nachtbar, in der ich vor zwanzig Jahren jobbte, hielt sich bewusst jung. Ich nahm keinen Altersunterschied zwischen den Gästen und mir wahr. Dass die meisten von ihnen verflucht viel älter waren als ich, weiß ich nur, weil sie mir nach und nach ihre Leben erzählten, während ich ihnen Cocktails mixte und Wasser reichte. Sie kamen mir wie Seiltänzer vor, tollkühne Wundergläubige, die jede Nacht lebten, als gäbe es kein Morgen.

Ich hingegen dachte oft an den nächsten Tag, weil ich mein Kind mit vollständig gepackter Tasche pünktlich in die Schule schicken und am Nachmittag mit ihm Hausaufgaben machen musste. Die flirrende Atmosphäre in der Bar, die Komplimente und belangvollen Gespräche hielten mich wach. Manchmal endete die Nacht im Morgengrauen bei einem starken Kaffee in jemandes Küche. Fred, ein Künstler, der abwechselnd als Mann und als Frau in der Bar erschien, brachte einmal seine erwachsene Tochter mit, ein andermal seine Mutter. Die Tochter war wenige Jahre jünger als ich. Aber besser gefiel mir seine Mutter, eine faszinierend schöne Frau mit langen, weißen Haaren und einer wunderbar rauchigen Stimme. Die Jugendlichkeit von Fred und seiner Mutter hatte mit einer Spur Waghalsigkeit zu tun. Sie klammerten sich nicht an die Illusion ewiger Jugend. Sie hatten losgelassen. Sie fielen. Ihre kleinen Flammen-Flügel knisterten und funkelten.

Wie besessen probiere ich eine Haarfarbe nach der anderen aus, um die ersten grauen Haare zu verstecken. Die Farbe soll meiner alten gleichen und ganz natürlich aussehen. Ich bin fünfzig und manchmal noch verflucht alt.

Doch mehr und mehr gleiche ich einer matschigen Frucht, die bald ihre volle Süße erreicht hat, ihre absolute Essenz. Dann wird sie zu gären beginnen und berauschend sein, ein Geheimtipp unter den Tieren im Garten.

Wie viele Jahre werden es dann noch sein, bevor die süße Essenz in Fäulnis kippt? Ich war nie so begehrt wie jetzt. Kürzlich habe ich es mir geleistet, einen Liebhaber zu verlassen. Natürlich wird es schwieriger mit den Jahren. Aber das hat eher mit unserer gesteigerten Kompliziertheit zu tun als mit unserer körperlichen Verfassung. Wir haben feste Vorstellungen davon, wie das Leben und unser Gefährte darin zu sein haben. Es gibt fünfzigjährige Frauen, die zum ersten Rendezvous einen Fragenkatalog dabeihaben, den sie Punkt für Punkt abarbeiten. Manchmal passiert es, dass mir ein Mann gefällt. Dann werde ich wieder so schüchtern wie mit neunzehn Jahren. Dabei bin ich schon Großmutter. Mein Enkel nennt mich Omi. Auf dem Spielplatz sorgen wir damit für Aufsehen. Die meisten glauben, sich verhört zu haben. Sie denken, ich sei die Mutter und heiße Naomi oder so. Manchmal, wenn meine Arme bis zu den Achselhöhlen im Sand stecken, weil ich verzweigte Tunnelsysteme für seine kleinen Autos grabe, denke ich, dass er mich so wahrnehmen muss wie ich damals den fremden Klavierspieler: als einen Menschen, der nicht wirklich zur Erwachsenenwelt gehört. Die Wüste der Jahre existiert zwischen uns nicht.

Die Neunzehnjährige ist mir wieder nahe. Mit Fünfzig bin ich so autonom wie sie, aber ohne Angst. Aus Liebe zu ihr trage ich auf dem Spielplatz zerrissene Turnschuhe und drehe mir gelegentlich eine Zigarette. Das Mädchen mit den Herrentaschentüchern habe ich ins Herz geschlossen. Sie war eigentlich hübsch. Das habe ich kürzlich erst entdeckt. Die Dreißigjährige in der Bar bewundere ich. Sie war stark. Wie eine Matrjoschka trage ich alle Frauen in mir, die ich bisher war.

Am Anfang des Lebens waren die Dinge um mich herum groß und bedeutend und ich selbst fühlte mich unsichtbar winzig. Die Entscheidung, wirklich jung zu werden, schloss ein, den Sand der Jahre durch mich hindurch fließen zu lassen, bis er die Bedeutung der Dinge abgeschliffen hatte und ich als Person frei sichtbar wurde, so klein, so groß, so hübsch und so jung.

2 thoughts on “Letzter Aufruf

  1. Was für ein furios-exzellent-präziser Bericht eines Seelenlebens einer Älterwerdenden. Vertiefend und, verstärkend noch zur ohnehin schon so reichen, so funkelnden Sprache Kathrin Schraders, mochte ich bei jedem Satz, jedem Wort, jeder Silbe der Selbst-Werdung einer Frau ausrufen hier vorm Bildschirm, Ja! So ist es es, genauso! Immer intensiver mit den Jahren zu sich zurückzukehren, genauer, zu einem Ich, sich, selbst zu finden, das zu Beginn verpuppt war und sich erst mit den Jahren gezeigt hat – und das nähert sich einer Konnotation von Jung-sein, die so nichts zu tun hat damit, was gemeinhin assoziiert wird mit Jung-und Altsein. Ich bin 61 und ich habe mich zurückdenkend, so meine ich, noch nie so lebendig gefühlt, so mit allen Sinnen das Leben erfassend und vielleicht auch begreifend. Menschen, die mir begegnen, beschreiben mich oft mit einem Empfinden der Alterslosigkeit, gerade erst gestern eine junge Frau mit 29 Lenzen. Nicht, dass nicht klar wäre, dass ich über 50 sein muss, das sieht man einfach auch an der Augenpartie, es ist auch etwas in den Zügen eines Menschen, das ein gelebtes Leben zeigt (und das ist gut so) – die Alterslosigkeit im Empfinden (nicht nur) dieser jungen Frau war assoziiert mit dem von ihr als absolut positiv empfundenen Nichtzuordnenkönnen zu eiern Altersgruppe. Ich denke auch, es sind weniger die Generationen, die Jahre eines biologischen Lebens, die uns voneinander unterscheiden, es ist das Denken, die Art des sich Gewahrwerdens und Gewahrseins eines Lebens und der Rolle, die wir darin spielen

  2. Liebe Katharina Daniels, vielen Dank für diese wunderbare Antwort auf meinen Text. Es gibt kein größeres Glück für eine Autor*in als verstanden zu werden. Ich hätte es nicht so „furios-exzellent-präzise“ analysieren können wie Sie. :-)

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