Aus der Tarnung

Jeanne-Mammen-Retrospektive  „Die Beobachterin“

in der Berlinischen Galerie

vom 6. Oktober 2017 bis 1. Januar 2018

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Jeanne Mammen. Selbstbildnis. 1929. 

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Jeanne Mammen. Sie repräsentiert. um 1928. 

Es gibt ein Foto von Jeanne Mammen, da sitzt die Künstlerin in ihrem Wohnatelier Ku-Damm 29 und hält den Stift bereit zum Zeichnen. Ihr Blick ist konzentriert auf ein Modell oder Objekt gerichtet. Zugleich schaut sie die Fotografin an, die sie aus dieser Richtung aufnimmt. So wird der Betrachter des Fotos zum Modell, das kritisch von der Malerin fixiert wird.

„Die Beobachterin“ heißt die Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie, noch zu sehen bis zum 15. Januar 2018. Beobachterinnen sind nicht gemütlich. Sie sind Jägerinnen, die ihre Beute nicht aus dem Auge lassen. Beobachterinnen versuchen sich zu tarnen. Sie sehen harmlos aus.

Jeanne Mammen war kein Glamourgirl der Zwanzigerjahre wie die, die sie so wunderbar zeichnete. Ebenso wenig war sie ein exotischer „Prinz von Theben“. Den Kreisen der Berliner Boheme blieb sie fern. Vermutlich schlich sie sich nur zu Milieu-Studien ins Romanische Café. Sie war diskret. So gut wie nichts ist über Privat- und Liebesleben bekannt. Auf einem der wenigen Selbstbildnisse zeigt sie sich in schwarzer Kleidung mit diesem eindringlichen Blick der Beobachterin. Trotzig auch. Die schmale Figur mit dem Bubikopf kann heute (nach den Beatles) auch als zehnjähriger Junge gelesen werden.

Zum Zeitpunkt des Fotos, das die Beobachterin in ihrem Wohnatelier zeigt, lagen bittere Jahre hinter ihr. Als die Nazis an die Macht kamen, verlor sie ihre Auftraggeber: Modeblätter und Magazine, für die sie nicht nur stilisierte Modepüppchen gezeichnet hat, sondern lebendige Frauen und ihre Männer. Sie alle stellten ihr Erscheinen ein oder wurden „gleichgeschaltet“. Jeanne Mammen, bereits eine bekannte Chronistin, hatte keinen Platz mehr darin.

Kurt Tucholsky hatte 1929 in der Weltbühne an sie geschrieben: „Die zarten, duftigen Aquarelle, die Sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlichen, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten ihrer Zunftkollegen derart, dass man Ihnen eine kleine Liebeserklärung schuldig ist. Ihre Figuren fassen sich sauber an, sie sind anmutig und herb dabei und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier.“ Auch die berühmte, satirische Zeitschrift Simplicissimus druckte ihre Bilder. Mammen nahm kein Geld dafür. Lediglich eine gute Bildunterschrift sollten die Redakteure finden. Wenngleich Jeanne Mammen bemüht schien, nicht aufzufallen, die Gesichter und Figuren, ihre Beute, die sie sich auf der Straße in schnellen Skizzen einverleibte, tragen alle etwas von ihr. Weil sie mit ihnen war. Ihre berühmten „Revuegirls“ sollen sogar Ähnlichkeit mit ihr und ihrer geliebten Schwester Mimi haben.

Zu ihren ersten Sammlern zählten in den Dreißigerjahren das Ehepaar Gaffron, Max Delbrück und Erich Kuby, alle Gegner des Naziregimes, die sich in privaten Salons trafen. Vermutlich sicherte der Verkauf ihrer Bilder an die Freunde der Künstlerin das Überleben in dieser Zeit.

Mammen verließ Berlin trotz allem nicht. Sie blieb am Ku-Damm 29, probierte in ihrem kleinen Atelier kubistische Zeichnungen und Gemälde. Auf der Weltausstellung in Paris hatte sie Picassos Gemälde „Guernica“ gesehen und war fasziniert. Sie malte mit Temperafarben auf Pappe. Besseres Material war nicht mehr da. Sie schuf anklagende, starke Gemälde, wie den „Jongleur“, die „polnische Bauersfrau“ und „das Kind im Luftschutzkeller“.

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Jeanne Mammen. Jongleur. zwischen 1935 und 1940. 

Später, als ihr Atelier zerstört war, schuf sie im Pelzmantel mit kalten Fingern Gipsplastiken. Jeanne Mammens Hinwendung zum Kubismus hängt mit ihrer inneren Emigration in die französische Kultur zusammen. Zwar war sie in Berlin geboren, aber in Paris aufgewachsen. Dort hatte sie ihre Lebensschule und ihre Kunstausbildung an der Académie Julian bekommen. Als der erste Weltkrieg ausbrach, floh die deutsche Familie aus Frankreich. Sie galten nun als feindliche Ausländer. Fortan wohnten sie in Berlin. Anfangs hatte Jeanne Mammen Schwierigkeiten mit den steifen, wilhelminischen Sitten der Stadt und zweifelte daran, es dort aushalten zu können.

Ihr inneres Exil in der Nazizeit führte sie zurück in die französische Sprache. Sie las wieder Cocteau, Flaubert und Rimbaud. Sie übersetzte Texte von Rimbaud. „Illuminationen“ erschien 1967 im Insel-Verlag, Frankfurt/Main. Anlässlich der Retrospektive „Die Beobachterin“ hat die Kuratorin Annelie Lütgens für eine Neuauflage des bemerkenswerten, vergriffenen Bändchens gesorgt.

Auch ein Drehbuch schrieb Mammen in den Dreißigerjahren. „Schreib mir Emmy!“ erzählt die Geschichte einer Postkarte, die Emmy an Max nach Hamburg schickt, nachdem sie im Exil in New York angekommen ist. Die genauen Kameraanweisungen im Skript verraten, dass Mammen mit der Filmkunst der Zwanzigerjahre vertraut war, etwa mit Eric Saties und René Clairs „Entr’act“ und Walter Ruttmanns „Sinfonie einer Großstadt“.

Im Jahr 2017 wurde dieses Drehbuch zum ersten Mal umgesetzt, von Studierenden der Hochschule der Künste Bremen unter der Leitung der Malerin Heike Kati Barath und der Leiterin der Film- und Videowerkstatt Ulrike Isenberg. Der Film ist im Videoraum der Galerie zu sehen.

Der Berliner Zeichner Manuel Kirsch zeichnete nach Mammens Drehbuch ein Graphic Novel, das ebenfalls, zusammen mit drei Skizzen der Künstlerin und ihrem Drehbuch, in der Ausstellung besichtigt werden kann.

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