Anton und ich – Die andere Frau

Die folgenden drei Erzählungen schrieb ich im Sommer 2007 für das Magazin der Berliner Zeitung.

Das Wochenende verbringe ich allein. Anton ist in Japan. Er ist viel unterwegs. Damit er schneller hier und dort ist, hat er eine zweite Wohnung in der Schweiz gemietet.
Das Alleinsein macht mir nichts aus. Ich mag es auch, bei ihm in der Schweiz zu sein, zwischen den Orten zu leben, unterwegs zu sein. Ich bin glücklich, Antons Stimme jeden Abend am Telefon zu hören.

Einmal fragte er, wie oft ich an ihn denke. „Immer“, sagte ich. Anton glaubte mir nicht. „Ich kann das“, sagte ich. „An dich denken und dabei alle möglichen anderen Dinge tun. Ich trage dich unter der Haut.“

An diesem Sonntagnachmittag gehe ich in eine Fotogalerie. Vor einem Bild, auf dem Jim Jarmusch zwischen zwei Palmwedeln hindurch blickt, spricht mich ein schlanker, älterer Herr mit kurzen, grauen Haaren an. „Haben Sie Lust, morgen nach London zu fliegen?“
Seine Augen tasten verlegen meine Reaktion ab. Er hat eine Weile überlegt, ob er mich ansprechen sollte.
„Und dann?“, frage ich.
„Sie bleiben bis Freitag, schauen sich die Stadt an, genießen die Zeit. Es ist alles gebucht, alles bezahlt.“
„Mit Ihnen?“
„Nein.“ Er lacht. Seine hundert Fältchen springen sofort in ihre Form. Er scheint gern zu lachen. Er sieht glücklich aus. Die Reise hat er für seine Tochter gebucht und der ist nun etwas dazwischen gekommen. Alle seine Freunde hat er schon gefragt.
„Ich dachte, sie würden gern mal wieder nach London fahren. Sie sehen so aus“, sagt er.
Ich blicke zu Jim Jarmusch auf. Er beobachtet mich genau, als sei ich ein unbekanntes Studienobjekt in den Palmen.

In der nächsten Woche habe ich mir einiges vorgenommen. Es ließe sich vielleicht verschieben. Aber da ist das Meeting am Dienstag. Leider wichtig. Nein, es wird wohl nichts.
Wir verabschieden uns. Ich sehe dem Mann nach. Im Gehen streift er seinen Mantel über und schaut sich noch einmal um.

Am Montagabend, vermutlich zu der Stunde, als das Flugzeug nach London den Ärmelkanal überquert, klingelt eine schöne, fremde Frau an meiner Tür. Sie tritt ohne Aufforderung ein.
Was sie gleich sagen wird, möchte sie nicht im Treppenhaus sagen. Der Satz ist allein für mich bestimmt. Sie sagt: „Ich bin die zweite Frau in Antons Leben.“
Ich taste mich in die Küche, an das Spülbecken und stürze ein Glas Wasser hinunter.
„Könnte ich auch ein Glas bekommen?“, sagt die Besucherin.
„Natürlich.“ Meine Hände zittern.

Jetzt könnte ich in einem weichen Flugzeugsitz hängen, ahnungslos das Abendrot betrachten und an einem Tomatensaft nuckeln.

Ich taste nach den Zigaretten in der Tasche meines Jacketts. Es sind noch drei.
Seit Wochen spüre ich die andere Frau. Immer wieder habe ich Anton auf sie angesprochen.
„Und du bist wirklich nicht verliebt?“
„Nein.“
„Du hast einen Rasierapparat für 200 Euro gekauft. Das hast du nicht für mich getan. Du läufst hier immer unrasiert rum. Du hast abgenommen. Der Sex ist übrigens auch besser.“
„Da ist niemand. Glaub mir.“
Natürlich glaube ich ihm. Ich vertraue ihm völlig.

„Ich wollte sie kennenlernen. Anton hat so viel von Ihnen erzählt“, sagt die Frau. Sie spricht leise.
Gestern habe sie spontan entschieden, den Nachtzug zu nehmen. Seit dem Morgen warte sie auf mich. Sie lebt in der Schweiz, nicht weit von Anton entfernt.
Die Frau zieht ihre Jacke aus und hängt sie über den Stuhl.
„Entschuldigen Sie“, sagt sie. „Ich vertrage den Rauch nicht.“ Ich öffne das Fenster und lasse mich an dem offenen Flügel auf den Fußboden sinken.

„Wo haben Sie sich getroffen?“
Sie erzählt von einer Messe, auf der sie Anton das erstemal gesehen und wie sie in der Nacht darauf erwacht ist und plötzlich wusste, dass sie diesen Mann kennenlernen muss, wie sie ihn am nächsten Tag bei einem Geschäftsessen gefragt hat, welche Musik er mag und er ihr die Antwort auf einem kleinen Zettel über den Tisch geschoben hat. Es sei das Ticket seines Hotels mit der Zimmernummer gewesen. Wie sie das erste Mal neben ihm aufgewacht ist und dachte, sie sei Anton, mit ihm verschmolzen. „Diese Nähe bis zur Selbstauflösung“, sagt sie. „Das habe ich mit noch keinem Mann erlebt.“

Sie senkt den Kopf. Die langen, dunklen Haare fallen vor das Gesicht. Es ist eine Pose. Sie schämt sich kein bisschen. Sie ist es gewohnt, jeden Mann und jede Frau zu besiegen. Der Spiegel gibt immer zu ihren Gunsten Auskunft. Sie ist Schneewittchen.

„Und dann? Wie ging es weiter? Wo haben Sie sich getroffen? Wo geliebt? Bei Anton? In diesem Bett in seiner Wohnung, in dem…“ Sie nickt.
Aber wie ist das möglich? Wir telefonieren doch jeden Abend, jede Nacht, manchmal dreimal am Abend. Wenn wir nach Hause kommen, wenn wir gegessen haben und wenn wir ins Bett gehen. Antons Wohnung ist klein.
„Liegst du schon im Bett?“
„Ja.“
„Was hast du an?“
„Ein T-Shirt. Eines, das du getragen hast, als du letztes Wochenende hier warst. Es duftet noch nach dir.“
„Wie war das, wenn ich angerufen habe?“ Die andere Frau kann sich an keinen Anruf erinnern.

„Weiß er, dass Sie hier sind?“ Sie schüttelt den Kopf. „Er hat gesagt, Sie würden es nicht verkraften. Er liebt Sie.“ Sie streckt ihre Hand nach mir aus. Ich zucke zurück.

In Stansted in den Vorortzug steigen und durch britisch-grüne Wiesen, an Cottages vorbei fliegen, bis sich die Gebäude immer mehr verdichten und schließlich bis an die Gleise wachsen. Liverpool-Station.
Ich bin sicher, dass der Mann ein gutes Hotel für seine Tochter gebucht hat, irgendwo in Kensington oder Chelsea.

Wie sieht jemand aus, der London mag? Gut wahrscheinlich. Exzentrisch. Jung.
Die Besucherin redet derweil über ihre Beziehungen, wie sie waren, wie sie endeten und dass sie alle ihre Männer immer noch liebe. „Es bleibt doch die Energie der Liebe“, sagt sie. Ganz egal, wie es mit Anton weitergehen würde, ob sie sich trennen oder zusammen bleiben, schon jetzt sei diese Liebe für ihr ganzes Leben.

Sie schlägt einen Spaziergang vor. Wir laufen gegen den Wind in Richtung Museumsinsel.

Ich wäre endlich einmal in die Courtauld-Gallery gegangen. Dort hängt das Original eines meiner Lieblingsbilder, „Bar in den Folies-Bergère“ von Edouard Manet. Wenn ich das Mädchen an der Bar sehe, ist es, als blicke ich in mein Spiegelbild.
Ich kann mich nicht satt sehen an diesem Gesicht. Es ist viel aufschlussreicher als mein Spiegelbild. Nach und nach entdecke ich alles, was sie fühlt, ihre Schüchternheit und ihre Wut, ihre Angst und ihre Lust auf das Leben. Sie träumt, während sie die Leute bedient.

Die Frau redet über Anton, immer noch, seine Arbeit, seine Gesundheit, die Sache mit den zwei Frauen. Wie er immer wieder über mich spricht. Wie er sich mit seiner Liebe zu mir quält. Wie sehr sie ihn versteht und sich Sorgen um ihn macht. Sie kennt jeden Streit, den ich mit Anton hatte.
Ich zittere. Ist es wirklich so kalt?
Wir trinken einen Tee bei Starbucks. Er wärmt kein bisschen. Ich zittere immer noch. Wer uns hier sitzen sieht, könnte denken, dass wir Freundinnen sind.
„Erzählen Sie von sich“, fordert sie mich auf.
„Was möchten Sie wissen? Anton hat Ihnen doch schon alles gesagt.“
„Was ist Anton für Sie?“
„Er ist mein Mann“, sage ich.
„Das ist nur eine Bezeichnung, ein Familienstand. Ich meine, was er Ihnen bedeutet?“
„Er ist mir in die Haut geritzt. Wie ein Tattoo. Es ist nicht alles gut mit ihm. Manchmal tut es weh. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Es ist was es ist.“

Mein Spiegelbild, das Mädchen an der Bar in den Folies Bergère, ist herausgeputzt in ihrem Korsett mit Spitze und einer Blume am Dekolletee. Sie schaut in die Menge der Leute, die sich amüsieren, denen sie Wein und Champagner eingeschenkt hat. Ein Mann spricht sie an. Ich glaube, sie hat Tränen in den Augen.
Ich kann gerade nicht weinen.

Ich könnte die Frau bitten, mich jetzt allein zu lassen. Als hätte sie meinen Gedanken erraten, blickt sie zur Uhr. Der Nachtzug geht in einer halben Stunde.
„Sie können bleiben, wenn Sie möchten.“ Ich weiß nicht, warum ich das sage. Vielleicht aus Schwäche, weil ich heute abend nicht allein sein will. Anton ist unerreichbar. Vielleicht aus Neugier. Weil ich noch nicht alles weiß.

Wir könnten über andere Dinge reden, unsere Arbeit, Filme, Bücher, Musik, Kinder.
„Möchten Sie Kinder?“
„Bisher habe ich mir noch nie Kinder gewünscht. Mit noch keinem Mann“, sagt sie. „Schwangerschaften erschienen mir so…bedrohlich. Dieser dicke Bauch. Aber jetzt, mit Anton, habe ich das erste Mal den Wunsch, ein Kind zu haben. Von ihm. Es ist seine Wärme und seine Intensität.“
Sie schaut in ihre Teetasse.

Wir schleichen durch die Straßen, sitzen auf einer Terrasse. Die Frau redet. Ich klappere mit den Zähnen. Ich kann nichts sagen, nichts denken, außer, dass ich hätte in London sein können, dass es vielleicht der Anfang von etwas geworden wäre. Doch ich sitze hier. Vor einem Ende. Dieser Nacht werden Tage folgen. In meinen Kalender sind Termine gekritzelt. Ich stelle mir die Frage des Überlebens…

Am nächsten Morgen, nachdem sie gegangen ist, werfe ich alle Textilien, die direkt mit ihr in Berührung gekommen sind, in den Müll. Auch die karierte Wolldecke, in die gehüllt sie gegen fünf Uhr morgens neben meinem Bett aufgetaucht war. Ich saß seit Stunden und starrte aus dem Fenster. Ich sah zu, wie der Kosmos seine helle Seite allmählich in das irdische Guckloch schob. Als die Vögel zu kreischen begannen, hatte ich auf die Uhr geschaut. Halb fünf. Kein Schlaf. Nicht eine Minute.
Sie hatte oben aus der Decke heraus geschaut und vorgeschlagen, dass wir alle drei mal voneinander Abstand nehmen sollten. Für ein halbes Jahr vielleicht.

In der Konferenz, wegen der ich die Londonreise abgelehnt habe, registriere ich, dass um mich herum gesprochen wird, doch der Sinn der Worte kommt nicht bei mir an. „Könnten Sie das bitte wiederholen?“ Nichts davon ist wichtig. Alles ist belanglos.

Mein Ärztin füllt mir weiße Kügelchen in eine Tüte und verspricht, dass sie sofort helfen. Aber was kann schon helfen, wenn einem die Haut bei lebendigem Leib abgezogen wird?

Ich begreife den Blick des Mannes in der Galerie, als er sich noch einmal zu mir umdreht. Etwas tragisches stand in seinen Augen. Jetzt weiß ich, dass er ein Engel war. Er war gesandt, um mich zu schützen.

Anton und ich – Warten

Mit Anton, das war von Anfang an etwas Besonderes. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich in einer stabilen Beziehung angekommen. Daran änderte sich auch nichts, als er wegen seiner Arbeit eine zweite Wohnung in der Schweiz mietete und wir seither viele Wochen getrennt verbringen.
Vor einigen Wochen begann sich ein schlimmer Verdacht in mir zu regen. Anton war schlanker geworden, nervöser. Er schien häufig abwesend. Am Telefon vermisste ich seine kleinen Witze.

An einem Wochenende schaltete er das Telefon aus und sagte, er müsse über sich und seine Arbeit nachdenken. Es ändere sich gerade sehr viel. Er hatte offenbar keine Lust mehr, mit mir über seine Arbeitsprobleme zu sprechen. Manchmal hatte es mich genervt. Jetzt vermisste ich sein Vertrauen.

„Ich verliere Anton“, erzählte ich einer Freundin am Telefon.
„Bleib cool“, sagte sie. „Es wird genauso sein, wie er sagt: Er muss nachdenken.“

Auf die Einladung einer anderen Freundin zur Sommernachtsparty auf dem Dach antwortete ich mit einer SMS: „Bin nicht in Partylaune. Anton liebt eine andere Frau.“
„Geht ein Mann, warten drei neue“, schrieb sie zurück. „Komm vorbei.“

Eines Nachts klingelte ich bei meiner liebsten Freundin, die gerade ein Baby erwartet. „Ich weiß, dass Anton in diesem Moment mit einer anderen Frau schläft. Ich werde verrückt. Kann ich heute Nacht bei euch bleiben?“
Sie richtete mir das Sofa her und sagte, ich solle mit Anton über die Sache reden.

Anton zerstreute meine Bedenken. „Niemals würde ich dich wegen einer anderen Frau verlassen.“
Ich teilte es meinen Freundinnen umgehend mit.
Zwei Stunden später rief ich sie der Reihe nach wieder an. „Dass er mich nicht wegen einer anderen verlässt, heißt aber nicht, dass es keine andere gibt, oder?“

Vor zwei Tagen, Anton war gerade in ein Flugzeug nach Tokio gestiegen, klingelte eine fremde Frau an meiner Wohnungstür. Sie sagte, sie sei die andere Frau in Antons Leben. Sie war aus der Schweiz nach Berlin gereist, um mir zu sagen, dass sie Anton nun seit fünf Monaten kennt und spürt, dass er der Mann ihres Lebens ist.

Meine geschiedene Freundin sagt, ich solle mich sofort von Anton trennen. Sie sagt, ich solle mich endlich auf mich selbst besinnen, auf das, was ICH will.
Ich finde, dass sie Recht hat.

Ich räume Antons Sachen aus unserem gemeinsamen Kleiderschrank und stopfe sie unter Verwünschungen in eine Umzugskiste. Die Umzugskiste schiebe ich in den Flur. Anton kann sie sich gleich unter den Arm klemmen, wenn er für immer zu ihr in die Schweiz fährt.

Ich schiebe die Bügel mit meinen Kleidungsstücken weit auseinander. Sie waren so gepresst die ganzen Jahre. Ich hole tief Luft.
Ich betrachte die befreiten Mäntel, Röcke, Hosen und Blusen und denke darüber nach, wer ICH bin und was ICH eigentlich will.

Meine jugendliche Freundin, die gerade auf Wohnungssuche ist, bietet mir ihre alte Wohnung zur Nachmiete an. „Hell und gemütlich und du kannst jederzeit raus aufs Dach.“ Am liebsten würde ich sofort nach Friedrichshain ziehen und den Sommer auf dem Dach verbringen. Direkt unter den Sternen. Und atmen.

Ich kann nicht schlafen und nicht essen. Meine Herzfrequenz hat sich verdreifacht. Ich rauche wieder. Meine Chefin legt mir nahe, zum Arzt zu gehen. Ich kann mich nur schwer auf meine Arbeit konzentrieren.

Ziellos treibe ich durch die Straßen. In diesen Tagen, während ich darauf warte, dass Anton aus Tokio zurückkommt und mir gegenüber steht, nehme ich alles deutlicher wahr als sonst. Die Gesichter der Passanten, ihre Hast, ihre Bitterkeit, ihren Gleichmut.
Die beiden Mädchen, die seit dem Morgen Zeitungsabos anbieten. Wieder und wieder schmettern sie den Passanten denselben Spruch entgegen, strecken die Zeitungen über die Köpfe der Menschenmenge, gegen den Strom. Die Tram, die an der Ampel heulend zum Stehen kommt. Fußgänger schieben sich zwischen den puffenden Autos hindurch. Ein Preßlufthammer knattert. Der Arbeiter wischt sich den Schweiß mit einem ledernen Handschuh von der Stirn. Staub glitzert in der Sonne und rieselt auf nackte, verschwitzte Haut.
Die Straße tröstet mich. Ich weiß, dass ich Anton gehen lassen, neu beginnen kann, wenn nicht auf einem Dach unter Sternen, dann in einem Hinterhof. Inmitten der Menschen, die kämpfen und hoffen, dringe ich zum süßen Kern meines Schmerzes vor. Es ist die Liebe selbst.

Kaum senkt sich der Abend in die Straßen, kommt die Angst. Sie breitet sich zu einem Abgrund aus. Ich rutsche ab. Ich falle. Im Fallen wird mir klar, dass ich selbst der Abgrund bin. Ich bin der Grand Canyon der Furcht.
Ich bereue, manchmal ungeduldig auf die Uhr geschaut zu haben, wenn Anton von den Problemen mit seinen Schweizer Kollegen erzählt hat. Ich bereue, ihn beschimpft zu haben, wenn ich lange auf ihn warten musste, wenn wir eine Tour ins Grüne machen wollten und er ewig nicht fertig wurde, weil er wieder alles verlegt hatte: Seinen Schlüssel, sein Geld, die Bahncard. Am meisten bereue ich die Nächte, in denen ich keine Lust auf Sex hatte.

Werde ich allein sein können? Werde ich jemals wieder lieben? Bin ich nicht längst zu erstarrt, um mich dem Leben hingeben zu können?

Ich rufe meine finnische Freundin an. „Anton ist ganz schön blöd, eine Frau wie dich aufs Spiel zu setzen“, sagt sie.

Ich rufe meine französische Freundin an. „Verflixter Anton“, sagt sie. „Was macht er mit dir?“

Eine Stunde vor Mitternacht rufe ich meine verheiratete, schwangere Freundin an. „Darf ich vorbei kommen?“
„Klar.“
„Vielleicht war diese Frau gar nicht wichtig für Anton. Vielleicht war sie hier, weil er gerade mit ihr Schluss gemacht hat“, sagt meine verheiratete, schwangere Freundin.

Ich bin sicher, dass sie Recht hat. Am nächsten Tag packe ich Antons Sachen wieder in den Kleiderschrank. Ich stecke meinen Kopf zwischen seine Hemden und Jacken. Ich sauge seinen Duft tief ein. Plötzlich ist die Sehnsucht nach seiner hellen, warmen Stimme so übermächtig, dass ich ihn anrufe.
„Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“
„Nur noch zwei Tage, dann bin ich zurück. Ist alles in Ordnung?“
„Mmm.“

Ich rufe einen Freund an. Er hat mir einmal gesagt, dass er jederzeit kommen und mich trösten würde. Anruf genügt.
Er ist anders als meine Freundinnen. Man kann mit ihm nicht über dieses Auf und Ab sprechen. Er kennt das nicht. Er sagt nur: „Tut mir leid, Mensch.“ Er fühlt sich nicht missbraucht, weil ich einfach so mit ihm schlafe, weil ich Trost brauche.

Im Café treffe ich meine weise Freundin.
„Warum sollte Anton dich verlassen?“, sagt sie. „In der Schweiz hat er sie. Hier hat er seine Wohnung, seine Post und dich, die sich um alles kümmert.
„Ich muss weg…“
„Was hast du davon, umzuziehen? Du änderst ja nichts. Du bist auf dem Dach genauso traurig wie in eurer komfortablen Wohnung.“
„Aber ich…ich ertrage das nicht.“
„Was? Dass es ihm gerade besser geht als dir?“
„Nein, aber dieses Gefühl, ein Abgrund zu sein und gleichzeitig das Bungy-Seil, an dem mein ICH auf und ab schnellt. Ich möchte die Tür hinter mir zumachen und zur Ruhe kommen, meine Wunden lecken.“
„Möchtest du die Tür wirklich schon zumachen? Was ist denn passiert außer dem, was überall und jedem passiert?“
„Deshalb trennen sich alle überall.“
„Lebst du wirklich besser ohne ihn?“
„Kann man gut leben mit einem Kerl, der einen monatelang betrogen hat?“
„Finde es heraus“, sagt meine weise Freundin. „Setze dir eine Frist. Warte, bis dein Herz wieder normal schlägt.“

Die andere Frau in Antons Leben hat mir geschrieben. Sie fragt, ob wir Brieffreundinnen werden. Ich zerreiße den Brief. Niemals wird sie zum Kreis meiner großartigen Freundinnen zählen.

Stunden, bevor Anton landet, fahre ich zum Flughafen. Ich schlendere durch die Hallen und führe imaginäre Dialoge mit ihm. Die andere Frau kommt darin nicht vor. Sie hat hier nichts zu suchen.

Anton umarmt mich. „Was ist los? Du zitterst.“
„Sie war bei mir“, sage ich.
„Wer?“, sagt Anton.
„Wer?“, äffe ich ihn nach. „Die andere Frau in deinem Leben.“
Anton sagt nichts, aber ich spüre seine Erschütterung. Er lässt seinen Koffer stehen und entfernt sich einige Schritte, bleibt stehen, schaut aus der Halle auf die Taxispur vor dem Eingang, kehrt zurück.
„Komm.“
Wir setzen uns in das Bistro vor der Anzeigetafel.
„Warum hast du es nicht gesagt?“
„Ich konnte nicht“, sagt Anton. Er blickt auf die Tischplatte. „In den letzten Wochen ist mir alles zuviel geworden. Deshalb bin ich ein paar Tage länger in Tokio geblieben. Um nachzudenken.“
Dann lenkt er auch schon ab, spricht über seine Arbeit, dass er nicht so weitermachen möchte, dass es ihn nervt, sich immer beweisen zu müssen, dass die Schweiz ihm bis sonstwo steht und überhaupt…
„Ich bin kein Manager.“ Er schaut mich an. Er hat Tränen in den Augen. „In Tokio ist mir klar geworden, dass ich wieder ein Clown sein will. Ich bin ein Clown.“ Er lässt den Kopf in seine Arme auf dem kleinen Tisch fallen und schluchzt.
Ich streichele Antons Locken. Sie sind in den letzten Jahren ein bißchen grau geworden. Auf dem Foto von ihm als Musikclown grinst er weiß geschminkt unter seinen dunkelbraunen Locken hervor. Das war lange, bevor wir uns getroffen haben.
Er sagt, er wolle weg, etwas Neues beginnen, irgendwo.
„Geh mit ihr nach Timbuktu oder dahin, wo der Pfeffer wächst. Ich werde dahin gehen, wo man mich liebt.“
„Ich werde nicht bei ihr bleiben“, schluchzt Anton. Ich reiche ihm ein Taschentuch. Die Serviererin bringt ein Glas Wasser.
Wir halten uns an den Händen in diesem Transitraum unseres Lebens, ungewiss, wohin es uns tragen wird, ob gemeinsam oder getrennt.
Anton beruhigt sich langsam. Es gibt in diesem Moment nicht viel zu reden.
Er sagt nur: „Du siehst gut aus.“
„Aber ich bin fix und fertig.“
„Es steht dir gut.“
Wir schauen hinaus auf die Rollbahn.
Irgendwann stehen wir auf und verlassen den Flughafen, stützen uns gegenseitig wie Gestrandete nach einem Schiffbruch.
Man muss nicht immer reden. Manchmal tut es einfach gut, nichts zu sagen.
Später, wenn Anton duscht, werde ich meine Freundinnen anrufen.

Anton und ich – Im Transit einer Ehe

Freunde erzählen mir, dass es möglich und normal ist, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben. Sie hätten das schon erlebt. Monogames Verhalten sei anerzogen. Eine Frage der Kultur.

Mein Schrei, als ich Anton mit der anderen Frau sah, ist völlig unkultiviert. Der Schmerz ist wild und roh. Ich würge unbekannte Laute hervor. Sie ringen sich von der urzeitlichen Grenze zwischen Tier und Mensch in mein Kissen.

Es erscheint mir unmöglich, die Intensität der Liebe für zwei Menschen gleichzeitig zu empfinden. Ich kann es nicht ertragen, meinen Mann, meinen besten Freund, mit einer anderen Frau zu teilen.

Ich streife mit meinen Wimpern, meinen Wangen, meinen Lippen über seinen Körper, dem ich Namen gegeben habe, von denen ich glaubte, dass niemand sie kennt außer ihm und mir, dieser Körper, dessen Geruch mich erregt, dessen Wärme mich tröstet, mit dem ich in diesem Augenblick verschmelzen möchte, damit uns nie wieder der letzte Aufruf zum Einchecken trennt. Sein Körper, an dem ich mich seit Jahren reibe, der mich lehrt, was Mann und Frau unterscheidet und was ich bin: Ein nacktes Wesen. Erschreckend weich.
„Ich möchte, dass du mich noch ein letztes Mal liebst. Dann lasse ich dich gehen.“
Denn mir ist klar, dass unsere Geschichte jetzt zu Ende ist.

Manchmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, Anton zu verlassen. Doch ich bin niemals gegangen. Immer, wenn ich es ernsthaft in Erwägung zog, fielen mir die Konzerte ein, die wir gemeinsam besucht haben und die Platten, die er mir beiläufig auf den Schreibtisch gelegt hat. „Hier. Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Musik, die ich durch ihn entdeckt habe: Messiaen, Fauré, Stravinsky, Gorecki, Deep Purple und Steve Reich.

Anton ist nachdenklich und still. Er sitzt häufig am Klavier und schlägt einige Tasten an. Er klimpert ein paar Akkorde. Wir sprechen nicht viel. Ich kann sehen, dass er kämpft.
Ich würde ihm Unrecht tun, wenn ich meinte, er hätte seit Monaten ein Verhältnis mit einer Frau, die ihm nichts bedeutet. Ich mache mir keine Illusionen. Die Ernüchterung trifft mich mit voller Wucht. Jeder Traum perlt daran ab. Jede Hoffnung stirbt.

Ich möchte Anton fragen, wie oft er sie getroffen hat und wo.
Ich möchte ihm sagen, dass ich deutlich spüre, wie sie ihn berührt hat. Sie hat die Sehnsucht nach seinem alten Leben als Musiker zum Klingen gebracht. Ich möchte ihn fragen, ob sie dieselbe Musik liebt wie er und ob sie ein Instrument spielt. Keine einzige dieser Fragen bringe ich jemals über die Lippen. Sie bleiben in meinen Eingeweiden stecken.

Anton sagt: „Gib uns Zeit zum Nachdenken, Distanz zu gewinnen zu dem, was passiert ist. Ich möchte dich nicht verlieren. Ich liebe dich.“
„Also gut“, sage ich. „Wieviel Zeit brauchst du?“
„Und du?“, sagt Anton.
Ich betrachte meine Füße und zucke die Schultern.

Ich sehe mir Wohnungen an. In einem großen, hellen Zimmer mit einem Balkon zur Straße stelle ich mir den Beginn meines neuen Lebens vor. Hier sitzen, ausruhen, arbeiten, während die Abendsonne ins Zimmer scheint, wieder allein, frei, tun und lassen können, was ich will, flirten, andere Menschen treffen, vielleicht reisen…eine neue Musik finden.
„Ich muss noch einmal darüber nachdenken“, sage ich der Vermieterin. „Ich rufe sie morgen an.“

Die Frau, die Anton verlässt, ist eine völlig andere als die, die bei ihm bleiben wird. Ich bin beide Frauen. Ich treibe zwischen meinen Identitäten hin und her. Ich habe keine Ahnung, welche von diesen beiden Frauen mir näher ist, für welche von ihnen ich mich letztendlich entscheiden werde. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Der Vermieterin sage ich ab. Es ist noch zu früh. Ich besuche Anton in der Schweiz, wo er zeitweise lebt. Hier hat er die andere Frau getroffen.
„Sie war hier. Sie hat meinen Honig gegessen.“ Ich knalle die Kühlschranktür wieder zu.
„Welchen Honig?“, sagt Anton. „Ich schwöre dir, sie war nicht hier. Wir haben uns nicht mehr gesehen, seit ich aus Japan zurückgekommen bin.“
„Und wo ist der Honig? Du ißt keinen. Das letzte Mal war noch ein halbes Glas da: Dunkler Waldhonig.“
Anton seufzt. „Ich weiß nicht, was mit deinem Honig passiert ist, okay? Aber ich weiß, dass sie nicht hier war.“
„Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

Als Anton im Bad ist, schaue ich mir sein Telefon an. Ich lese alle Kurznachrichten. Ich sehe, wie oft sie ihn und wie oft er sie angerufen hat. Ziemlich oft. Mir zittern die Hände. Mein Herz kracht gegen die Rippen.

„Es ist vorbei“, sage ich. „Die letzte Rolle, die ich spielen will, ist die einer Frau, die ihrem Mann nachspioniert, die sein Telefon und seine Taschen untersucht. Ich hasse mich dafür, so etwas zu tun.“
Ich heule vor Wut. Ich schlage nach ihm. Ich schreie ihn an. Anton wehrt sich nicht.
„Ich finde gut, dass du es getan hast“, sagt er später. „Man tut solche Sachen. Du solltest dich nicht hassen deswegen.“
„Können wir nicht tauschen? Du heiratest sie und ich werde deine Geliebte? Diese Rolle liegt mir mehr.“
„Ich weiß“, sagt Anton. „Darin hast du Erfahrung.“
Ich konnte es ertragen, einen verheirateten Mann zu lieben. Das hier kann ich nicht ertragen. Ich werde verrückt dabei.

„Ich habe mit ihr gesprochen“, sagt Anton. „Wir haben uns sehr lange unterhalten. Wir werden uns nicht mehr sehen.“

Wieder verfangen sich die ungefragten Fragen in meinem Bauch. Sie akzeptiert das? Sie lässt dich einfach gehen? Wird sie damit klar kommen? Wie lange?
Ich frage nur: „Warum?“
Anton sagt: „Weil es auch mir zuerst um mich geht. Weil mir alles zuviel geworden ist.“

Ich bitte ihn, nicht mehr nach Berlin zu kommen.
„Ich möchte aber nächstes Wochenende kommen“, sagt er.
Ich habe mich entschieden. Ich bin die Frau, die Anton verlassen wird. Ich bin die Frau, die sich ärgert, das jemand anderes in das große, helle Zimmer mit dem Balkon zur Straße einziehen wird.
Ich beschließe, nicht zu Hause zu sein, wenn Anton nach Berlin kommt. Ich rufe meine beste Freundin an. „Kein Problem“, sagt sie. „Das Sofa gehört dir.“ Mein neues Leben wird großartig. Ich fühle mich stark.

„Wann wirst du kommen?“, frage ich Anton.
„Freitag oder Samstag“, sagt er. „Weiß noch nicht.“

Am Freitagabend gehe ich ins Yogastudio. Ich stehe seit ungefähr sieben Minuten auf dem Kopf, als es draußen plötzlich dunkel wird. Das Unwetter beginnt mit einer Sturmbö. Ein Ast kracht gegen das Fenster. Im Nachbarhof beginnt ein Kind zu weinen. Dann trommeln die ersten Tropfen auf das Dach. Es blitzt. Kurz darauf walzt der Donner wie eine Lawine über die Stadt.

Ein Yogi muss auf seinen Körper konzentriert bleiben. Ich strecke mich intensiver gegen die zunehmende Schwerkraft. Ich presse meine Schulterblätter gegen die Rippen, damit mein Herz sich weit öffnen kann. Ich schaue in mein Herz und sehe nichts als das Gewitter. Parvati, die schwarze Göttin, zieht wie eine Gewitterwolke durch meine Mitte. Parvati, die uns die verborgenen Seiten unserer Seele öffnet, die uns davor bewahrt, zu glauben, wir seien lichter und besser als andere Wesen.
Von Parvati heißt es, sie habe, um ihren Gemahl Shiva zurückzuerlangen, Millionen Jahre auf einem Bein gestanden, bis schließlich Pflanzen an ihr emporwuchsen und sie selbst zu einem Baum wurde.
Es gelang ihr, Shiva so sehr zu beeindrucken, dass er sie zur Frau nahm, ohne zu erkennen, dass sich hinter der Baum-Frau seine ehemalige Gemahlin Parvati verbirgt.

Möglich, dass Anton jetzt gerade im Flugzeug sitzt, dass er während der Landung von den Wetterwolken geschüttelt wird oder oben über der Stadt kreisen muss. Könnte sein, dass dem Piloten der Treibstoff ausgeht, wenn das Gewitter sich nicht beruhigt.

Als ich wieder auf den Füßen und auf der Straße stehe und mein Telefon einschalte, habe ich eine Nachricht von Anton: Komme heute abend gegen neun Uhr.

Ich laufe im strömenden Regen nach Hause, nur mit einem T-Shirt und kurzen Hosen bekleidet, Flip-Flops an den Füßen. Der Regen ist warm. Am Horizont wird es heller. Die Kugel des Fernsehturms leuchtet. Falls Grau leuchten kann, dann leuchtet es so wie die Kugel des Fernsehturms nach einem Gewitter.
Ich rufe meine beste Freundin an. „Dieses Unwetter…ich hatte plötzlich Angst, weil…Anton sitzt gerade im Flugzeug, verstehst du? Ich glaube, ich möchte doch lieber bei ihm sein.“
„Habe ich mir schon gedacht“, sagt meine Freundin.

Ich rufe Anton an. Er sitzt bereits in der S-Bahn.
„Hast du Hunger?“
„Hmmm.“
Ich kaufe schnell noch etwas zu essen ein.

„Was denkst du über uns?“, frage ich ihn am nächsten Morgen, während er sich rasiert.
„Die Frage ist doch, was wir eigentlich wollen? Was willst du?“
„Ich möchte dich nicht verlieren. Dich verlieren wäre wie die Musik zu verlieren.“
Er setzt sich neben mich auf die Badewanne. Überall in seinem Gesicht klebt Seife. „Ich habe mich selbst verloren“, sagt er.
Anton streift mir das Hemd über den Kopf. Wieder einmal bin ich nackt. Ich küsse die Seife aus seinen Ohren.
Wir schwören, uns niemals im Stich zu lassen, füreinander da zu sein. Wo auch immer wir sind. Mit wem auch immer. Solange wir atmen.

Ich beschließe, nicht mehr nachzuforschen, was er, wo auch immer, mit wem auch immer, redet und tut. Ich beschließe, dass es seine Sache ist und nichts mit uns zu tun hat, dass alles, was uns mit anderen Menschen verbindet, nur blasser und schwächer sein kann als das, was wir miteinander erleben.
Und wenn ich mich neu verliebe? Könnte ich mein Versprechen dann noch halten?
Ich beschließe, das nicht jetzt zu entscheiden, sondern die Zeit mit Anton zu genießen.

Megaher(t)z

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Brauchen Verliebte nur Gedanken-Frequenzen, um sich zu verstehen? Sind sie stärker als jedes Mobilfunknetz? Wird der Empfang klarer, je leidenschaftlicher die Beziehung ist? Und was passiert eigentlich, wenn der Empfang ausbleibt?

Erste Wolken fetzen an den Scheiben der Boeing vorüber. Wie ein Netz aus Lichtgirlanden liegt die Stadt am Boden ausgebreitet. Auf einer der schnurdünnen Landstraßen da unten fährt ein Mann zurück zu seiner Familie. In den Nächten hat er seine Arme und Beine wie eine Klammer um mich gelegt. „Ich laufe nicht weg. Keine Angst“, habe ich ihm in der Dunkelheit zugeflüstert. „Du wirst mich nie wieder los.“

Auf dem Flughafen, eine Stunde vor unserem Abschied, hat er gesagt, dass er seine Familie nicht verlassen wird. Er sah an mir vorbei zu den Terminals. Er schob mich zum Check-In. „Wegen der Kinder. Ich bringe es nicht übers Herz.“ In diesem Moment sehnte ich mich nach Sebastian. Ich wünschte, er trete geschminkt und kostümiert hinter einer Säule hervor, zaubere eine winzige Flöte aus dem Ärmel und tiriliere, bis die Kinder ihm nachlaufen oder trommele, dass dem Familienmann die Ohren platzen oder puste wie im Zirkus den Weltenschmerz aus seiner Tuba, dass er weit weg fliegt, bis unter die Kuppel und durch das kleine Loch hinaus noch höher, bis jenseits der Stratosphäre, wo niemand ihn mehr findet.

Seit Tagen habe ich nichts von Sebastian gehört. Er ist wieder auf Tournee, aber wo, das habe ich vergessen. Während des Steigflugs ist das Telefonieren verboten. In solchen Situationen helfen gedachte Frequenzen. Zwischen Verliebten schwingen sie ungestört, weil Verliebte immer aneinander denken. Gedanken-Frequenzen sind stärker als jedes Funknetz. Sie reichen über Ozeane und Gebirge hinweg. Je leidenschaftlicher die Beziehung, desto klarer der Empfang. Gedanken-Frequenzen bleiben immer geschaltet, sogar in der Oper und unter Wasser. Diese Woche mit dir war einfach…vollkommen, denke ich an den Familienmann auf der Straße. Vollkommen…das Wort ist zu wuchtig, es übersteigt das zulässige Handgepäck, aber mir fällt kein leichteres ein. Der Sternenhimmel vor dem Schlafzimmerfenster, die Skiausrüstung, die du besorgt hast, die Abende in der Sauna und danach nackt im Schnee…niemals ein Anruf, der störte. Perfekt organisiert… Ich habe nachgedacht. Das mit deiner Familie gefällt mir. Es passt zu dir. Du bist jemand, auf den man sich verlassen kann.

Über unsere Frequenz empfange ich sein Lächeln. Er findet das Wort vollkommen angemessen. Er mag gewichtige Worte. Das habe ich gern für dich getan, Darling. Die Frequenz zwischen Sebastian und mir schwingt nicht mehr. Wenn wir auf unseren Reisen aneinander denken, dann nur, weil wir besorgt sind, dass zu Hause etwas nicht läuft.

„Hast du die Zeitung für nächste Woche abbestellt?“

„Ist Post für mich gekommen?“

„Und vergiss nicht, die Bäume zu gießen.“

Früher hätte Sebastian meinen ersten harmlosen Flirt mit dem Mann in Amerika sofort bemerkt. Selbst über den Ozean hinweg. „Du lachst eine Oktave höher. Was ist passiert?“

Die Maschine trägt schwer an den Passagieren, am Gewicht ihrer Lebensgeschichten. In dieser Höhe schwirrt die Luft von gedachten Frequenzen. Die Stadt ist unter den Wolken verschwunden. Bald beruhigen sich die Motoren. Wir sind oben. Ich taste mich auf Strümpfen durch die Reihen dösender Passagiere und hole abwechselnd Kaffee und Wasser. Schlafen kann ich nicht.

Am nächsten Morgen betrete ich eine geputzte, verlassene Wohnung. Ich gebe meinem Koffer einen Tritt. Er ist eh schon an einigen Stellen kaputt. Sebastian hat ihn mir geschenkt, als das mit den vielen Reisen anfing. Er hat mir damals Mut gemacht, mit sound bizarre zu arbeiten, einem weltweiten Netzwerk von Musikern. Wir komponieren und produzieren Filmmusik. Ungefähr in diese Zeit fiel sein Durchbruch als Musical-Clown. Seitdem erhält er Einladungen aus der ganzen Welt. Ich falle auf das Futon, noch in Mantel und Schuhen. Ich falle wie eine Statue vom Sockel und bleibe da liegen. Ich fühle mich von der Reise über den Ozean seltsam gedehnt. Als wäre mein Kopf noch in Amerika, während meine Füße hier in Europa auf dem Bett liegen.

Der Mann in Amerika schläft noch. Er lebt mit seiner Familie in einem Holzhaus an einem Flussufer. Auf dem Weg zum Flughafen hat er einen Umweg gemacht. Er ist langsam an seinem Haus vorbei gefahren. Wie ein Scherenschnitt stand es vor dem leuchtenden Abendhimmel. „Hast du keine Angst, dass uns jemand sieht?“ Er antwortete nicht. Er blickte an mir vorbei nach draußen. Er bediente sich meiner Augen, um das Haus, den Garten mit Pool und den Zweitwagen vor der Garage ein weiteres Mal in Besitz zu nehmen. Eine kleine Affäre würde seine Existenz nicht gefährden.

Ich rappele mich mühsam vom Futon wieder hoch. Mir ist schwindlig. Ich wanke zu den Bäumen, befühle die Erde. Sie ist noch feucht. Es kann nicht lange her sein, dass Sebastian weg gefahren ist. Gegen Mittag ruft der Mann aus Amerika an. Er klingt ausgeschlafen. „Wie geht’s dir? Wie war dein Flug?“

„Du fehlst mir. Ich möchte zurück“, sage ich.

„Wir werden das bald wieder machen,“ tröstet er mich.

Ich habe ihm nicht von Sebastian erzählt. Ich frage mich, wie Sebastian reagieren würde, wenn er von dem Mann in Amerika erfahren würde. Ich hatte noch nie ein Geheimnis vor Sebastian. Seit zehn Jahren nicht, seit jenem Tag im Dezember, als er sich in einem Klaviergeschäft mir gegenüber an den Flügel setzte und in meine Ballade von Chopin einsetzte. Jedes Jahr am gleichen Tag besuchen wir wieder dieses Klaviergeschäft, in dem wir uns begegnet sind. Ich denke noch an Sebastian. Aber es ist Routine und Routine reicht bei weitem nicht aus, eine Frequenz am Leben zu halten.

In der Nacht rufe ich Sebastian an. Er ist in seinem Hotelzimmer vor dem Fernseher eingeschlafen. „Was ist los?“

„Hast du heute an mich gedacht?“, frage ich.

„Ist etwas passiert?“

„Nein.“

„Keine Post?“

„Auch kein Fax.“

„Ich bin müde“, sagt Sebastian.

„Danke, dass du die Bäume gegossen hast.“

„Langsam wächst alles zu. Und überall sitzen Spinnen.“

„Stören dich die Spinnen?“

Sebastian macht ein unentschiedenes Geräusch.

„Ich bin heute aus Amerika zurück gekommen.“

„Stimmt. Hatte ich schon vergessen. Entschuldige.“

„Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wo du gerade spielst.“

„Poznan.“

Als er einige Tage später nach Hause kommt, erzähle ich ihm von dem Mann in Amerika. Sebastian stürzt einen Whisky hinunter und gleich darauf einen zweiten. Er läuft in der Wohnung auf und ab. „Ich bin nicht verliebt. Wir werden uns auch nicht wiedersehen,“ sage ich. „Ich wollte dich nicht verletzen… aber diese Ödnis zwischen uns wird langsam unerträglich. Findest du nicht?“

Sebastian schnappt sein Saxophon und verschwindet. „Warte!“ Seine Schritte hallen im Treppenhaus. Dann klappt die Tür. Plötzlich steht alles auf der Kippe. Ich suche überall nach Zigaretten. Ich habe schon lange nicht mehr geraucht.Steh dazu! Du kommst durch! Keine Angst! Besser, wir beenden es jetzt als nie! Es wird uns einen Kreativ-Schub geben. Das steht doch in jedem Ratgeber. Loslassen! Erst hinterher wird uns klar sein, wie gut es war, so zu entscheiden. Ich wühle meine alten Handtaschen aus dem Schrank. Vergeblich. Keine Zigarette.

Ich rufe Sebastian an. Sein Telefon ist ausgeschaltet. Ich rufe seinen besten Freund an. Er ist nicht dort. Nachts liege ich wach. Basti, hörst du mich? Komm zurück. Ich möchte dich noch einmal lieben…Wir sollten nicht so auseinander gehen. Lass uns Freunde bleiben. Hörst du? Basti? Ich war niemals unehrlich zu dir. Ich wollte auch jetzt nicht unehrlich sein, mein liebster Freund. Eine erkaltete Liebe ist…man muss dazu stehen, dass es vorbei ist.

Es ist unheimlich, auf einer toten Frequenz zu senden…Hörst du mich? Basti? Wenn wir auseinander gehen, dann nicht wegen dem Mann in Amerika, sondern weil wir uns auseinander gelebt haben in den letzten zwei Jahren auf all diesen verflixten Reisen.

„Denkst du an mich?“, frage ich den Mann in Amerika am nächsten Tag.

„Immer, Liebling.“

Ich könnte nach Amerika gehen und in seiner Nähe leben. Eine Zeitlang jedenfalls. Für einen Neuanfang wäre es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen. „Du bist jederzeit willkommen“, sagt er. Es klingt wie an einer Hotel-Rezeption.

Nach zwei Tagen ruft Sebastian an. Er möchte mich an einem neutralen Ort treffen. „In unserem Café, du weißt schon, wo es die Stufen rauf geht.“ Es ist eigentlich kein Café, sondern ein winziges Bistro mit zwei Tischen und schmalen ledergepolsterten Leisten an der Wand, auf denen man seinen Po abstützen kann. Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht haben Sebastian und ich dort gefrühstückt und seitdem immer mal wieder. Das Bistro ist geschlossen. Auf einem Schild an der Tür verabschieden sich die Inhaber von ihren Gästen und danken für ihre Treue. Ich setze mich auf die Stufen und warte. Endlich kommt Sebastian. Er sieht blass aus.

„Mit diesen vielen Reisen muss Schluss sein“, sagt er. Seine Stimme klingt erschöpft. „Ich möchte eine eigene Bühne gründen. Auf dem Land. Ich weiß nicht, ob du die richtige Frau dafür bist.“

„Du wirst jemanden finden“, sage ich.

„Es läuft gerade so gut bei dir. Du solltest das weitermachen“, sagt er.

„Das werde ich auch.“

Wir laufen die Straße hinab, essen in einem indischen Restaurant und gehen nach Hause.In der Nacht streichelt Sebastian die Seitenlinie meines Körpers, fahrig, auf und ab, wie er manchmal durch die Wohnung läuft. Mein Kopf liegt wie immer in der Mulde unter seiner Schulter. Es ist mein Platz. Ich habe ihn geformt. Er wird Sebastian für immer an mich erinnern.

„Kennst du eine Frau für dein Bühnenprojekt?“ Sebastian schüttelt den Kopf.Er rollt mich auf die Seite, wie er es immer tut. Er beißt mich in den Nacken, wie ich es liebe. Dann flüstert er meinen Namen. In voller Länge. Ohne Schnörkel hinten dran.

„Hast du eben meinen Namen gesagt?“

„Ja.“

„Du hast meinen Namen noch nie so zärtlich gesagt.“

„Ach komm…“

„Du hast mich im Bett immer bei diesen international üblichen Kosenamen genannt.“

„Ist das wahr?“

„Ich habe mir immer gewünscht, dass du beim Sex meinen Namen sagst.“

„Du hättest doch nur sagen brauchen, dass du drauf stehst.“

„So etwas spricht man nicht aus. Es muss sich übertragen. Ohne Worte.“

Sebastian flüstert wieder und wieder meinen Namen. Er dehnt und haucht und stottert ihn. Er schluchzt meinen Namen. Er atmet ihn. Ich liege wach und blicke zur Decke, während er längst schläft. Sein Kopf ruht wie üblich in der Mulde neben meinem Hüftknochen. Immer wieder höre ich, wie Sebastian meinen Namen sagt. Vom Urknall unserer Verliebtheit hat er meinen Wunsch erst jetzt empfangen. Auf einer langwelligen, unbekannten Frequenz.

„Ab dem 10. Dezember habe ich eine Woche frei“, sagt der Mann in Amerika. „Kommst du, Darling?“ Der 11. Dezember ist Sebastians und mein Tag. Das erste Mal seit neun Jahren würde ich nicht mit ihm in den Klavierladen gehen. Es ist gut, Rituale aufzubrechen.

„Hast du jemals meinen Namen…Ich meine, weißt du eigentlich, wie ich heiße?“

„Natürlich. Du heißt Simone. Ein wunderschöner Name.“

„Hast du schon einmal eine Frau mit diesem Namen geliebt?“

„Nein.“

„Seltsam nicht? Ein Name ist banal und gleichzeitig einzigartig. Wie das Leben gleichzeitig beides ist.“

„Wirst du kommen, Liebling?“

„Ich habe am 11. Dezember einen wichtigen Termin. Vielleicht lässt er sich verschieben…Ich rufe dich an.“

Am 11. Dezember beginnt es zu schneien. Ich stehe vor dem Klavierladen und schaue durch das Fenster. Niemand ist drin. Die Klaviere glänzen in der warmen Beleuchtung. Ich habe Lust, eins aufzuschlagen und die Ballade von Chopin zu spielen. Die Ballade von damals. Ich gehe weiter.

Am Nachmittag ruft Sebastian an. Er habe ein Haus für sein Theater gefunden. Ob ich Lust hätte, es mir anzuschauen. Ich steige ins Auto und fahre los. Außerhalb der Stadt wird das Schneetreiben dichter. Die Felder sind schon weiß. Ich überlege, ob ich auf dem Land leben könnte. Den Bäumen und Spinnen täte es jedenfalls gut.

Advent in Paris

Berliner Zeitung

Wir müssen nur rasch eines unserer Kinder vom Flughafen Orly in Paris abholen. Dauert nicht lange. Morgen sind wir wieder da.

In diesem Jahr werden wir zu dritt Weihnachten feiern, so richtig mit Geschenken, Baum, selbst gebackenen Plätzchen und Kinderoper.

Quentin lebt in Südamerika, nicht weit vom Äquator. Er hat uns geschrieben, dass er sich auf den Schnee in Europa freut.

Am Gare du Nord krachen die Flügeltüren der Metro hinter uns zu. Wir sind drin. Im Strom der Menschen strudeln wir die Rolltreppe hinab. Unten empfangen uns uniformierte Kontrolleure. Sie legen den Finger an die Mütze und fordern uns auf, die Billets zu zeigen. Schnell muss das gehen, sonst bildet sich ein Knoten.

Weiter durch zugige Gänge. Ein Schwarzer streitet mit einem arabischen Zeitungshändler. Rolltreppen rauf. Rolltreppen runter.

In der Metro schimpft ein junger Mann auf die Kontrolleure. Es sei schließlich nicht seine Schuld, dass die Drucker oben nicht funktionierten. „Sehen Sie sich das an. Nichts.“ Er weist auf den Rand des Schnipsels, wo normalerweise der blaue Zifferncode des Entwerters landet. „Das machen die mit Absicht“, ruft ein älterer Herr. „Haben die Ihnen etwa Geld abgeknöpft?“ Der junge Mann hält eine Rechnung über die Köpfe in Richtung des älteren. „Zahlen Sie auf keinen Fall. Man darf sich das nicht bieten lassen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.“ Die beiden steigen an der nächsten Station aus, schlendern gestikulierend über den Bahnsteig, ungeachtet der Menschen, die ihnen entgegen zum Zug hasten.

Unser Hotel liegt am Place de la Nation. Wir steigen in den ersten Stock hinauf, schieben den Wäscheberg vor der Tür beiseite und treten in unser Zimmer. Zum Glück haben wir nicht viel Gepäck. Quentin kommt morgen früh. Zwei Koffer würden vermutlich nicht in das Zimmer passen. Zumindest, wenn man das Bad noch erreichen will.

Kurz nachdem wir uns aufs Bett geworfen haben, erreicht Antoine ein Anruf aus Südamerika. Quentin kommt einen Tag später. Alle Flüge sind nach hinten verschoben, weil es gestern in Paris ein Unwetter gegeben hat.

Im Foyer des Hotels beraten wir, was zu tun ist. Das künstliche Feuer im Kamin flackert wie eine sterbende Glühlampe.

Wir telefonieren mit unseren Chefs. Zum Glück ist niemand verärgert. Für Unwetter haben alle Verständnis. Kann jedem passieren. Der Student an der Rezeption verlängert unser Zimmer um einen Tag. Jetzt müssen wir nur noch den Mietwagen umbuchen. In der Autovermietung auf dem Flughafen Orly meldet sich niemand. Wir versuchen es wieder und wieder. Wir rufen die Station in Berlin an. „Kein Problem“, sagt der Mann in Berlin. „Natürlich können Sie umbuchen. Rufen Sie die Kollegen in Orly morgen früh wieder an.“

Ein Tag in Paris. Wir schlendern die Straße hinab. Der Strom der Passanten verdichtet sich, je mehr wir uns den großen Kaufhäusern und glamourösen Läden der City nähern. Ehe wir uns versehen, sind wir in den Strom der Käufer eingeklemmt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Wir werden in das glitzernde Foyer eines Kaufhauses gesogen und durch parfümgesättigte Luft in Richtung Rolltreppe gedrängt. Auf den Förderbändern stehen die Menschen so dicht, dass keine Stecknadel mehr zu Boden fallen kann. Aber unter dem halbrunden Geländer in der zweiten Etage, auf dem Übergang zwischen zwei Rolltreppen, liegt ein blauer Wollhandschuh.

Der Mann, der ihn verloren hat, sucht vermutlich draußen auf der Straße in seinen Taschen, bleibt stehen, wird angerempelt, beschimpft, weiter geschoben.

Es ist zu eng, um sich nach dem Handschuh zu bücken. Was sollte man auch damit tun? Sich im Gewühl zu einem der überlasteten Verkäufer schubsen? Vielleicht hat der Besitzer des Handschuhs selbst bemerkt, als er ihn fallen ließ, konnte ihn aber nicht aufheben, weil er weiter geschoben wurde, ins nächste Stockwerk, zu den Stapeln glitzernder Weihnachtsdekorationen, den Bündeln bunter Bestecke, Säcken voller Ausstechformen, Stapeln von Pfannen, Tiegeln und Töpfen.

Wahrscheinlich hat er sich gewehrt. Sehen Sie nicht meinen Handschuh? Was sind Sie für ein Egoist! So machen Sie doch Platz! Was heißt hier: Rolltreppe? Ziehen Sie die Notbremse! Sie wissen nicht, wo die ist? Dann rufen Sie die Feuerwehr. Machen Sie schon!

Digital-Kameras, Telefone, Flachbildschirme, Verstärker in Edel-Design, Retro-Radios, das Iphone…Die Luft wird knapp. Wir taumeln entkräftet nach draußen, an ineinander verkeilten Reisebussen vorbei durch Hupkonzerte, im machtvollen Pulk der Fußgänger über rote Ampeln. Die Sirene eines Krankenwagens heult vergeblich gegen den Stillstand im Kreisverkehr.

Für kurze Zeit entkommen wir der Masse in tote Nebenstraßen, bis wir auf einem großen Boulevard wieder in die Orgie eintauchen.

Hier flanieren Bourgois durch luxuriöse Einrichtungsläden. Geduldig warten sie an der Kasse. Sie kaufen Plastikleuchter in ausladenden Formen und schrillen Farben, Tischdekorationen aus Straß, goldene Teller, silberne Schüsseln, Flitter-Flatter, stilisierte Weihnachtsbäume aus Sperrholz und Stahlrohr und kartonweise blau funkelnde Glaskugeln. Hinter der Kasse lassen sie sich goldene Schleifen um den Edelkitsch binden. Das dauert Stunden. Stunden, in denen sie sich mit dem Personal am Packtisch über die Trends austauschen und darüber, wie sie im letzten Jahr mit wem und wo und dass es im Grunde jedes Jahr dasselbe, aber diesmal doch anders…

Die Designläden sind randvoll gefüllt mit Zen. Zen, das sind japanische Büroartikeln und Seifenspender. Zen sind Platzdeckchen und minimalistischer Baumschmuck. Ein Werbespot auf einer Großleinwand verspricht Zen sogar in einem Joghurt.

„Du warst noch nie in den Galeries Lafayette?“, fragt Antoine. „Nein“, sage ich. „Es hat mich nicht interessiert.“

„Du musst dir das Haus unbedingt ansehen.“ Antoine zieht mich weiter, vorbei an pelzgemäntelten Damen vor luxuriösen Auslagen. Das Publikum fasert auf die Straße aus, weil die Bürgersteige zu schmal sind. Polizisten auf Fahrrädern winken die Autos an dem Konsum-Tross vorbei.

Über uns wölbt sich die goldene Kuppel des Kaufhauses. „Möchtest du etwas? Ein neues Parfüm? Ich schenke es dir zu Weihnachten“, sagt Antoine. Ich schüttele den Kopf. Es ist zu laut zum Reden. Es ist zu viel zum Wünschen. Zum Glück gibt es mehrere Ausgänge.

Wir pressen uns in eine Metro und fahren zurück zum Hotel.

Am nächsten Morgen erreicht Antoine die Autovermietung auf dem Flughafen. Er sitzt auf dem Barhocker vor dem Internet-Computer im Foyer des Hotels. Ich habe mich neben die Kaminfunzel zurückgezogen und blättere in einem Einrichtungsmagazin. Es zieht mich zu den Zen-Tempeln. Vielleicht kaufe ich den Weihnachtsbaum aus Stahlrohr.

Eine kleine, blonde Frau tritt aus dem Fahrstuhl. Sie ist mit nichts außer einem Spitzenhemdchen und einem Handtuch um die Hüften bekleidet. „So etwas ist mir noch nie passiert“, schimpft sie. Der Student an der Rezeption blickt über den Tresen. „Mein Zimmer ist nicht gemacht. Ich habe es eben beim Duschen bemerkt.“ Sie bleibt mitten im Foyer, vor der Eingangstür, stehen. Sie ist barfuß. Ihre Haare sind mit Klemmen hoch gesteckt.

Der Mann an der Rezeption entschuldigt sich und fragt nach ihrer Zimmernummer.

Antoine scheint Schwierigkeiten mit der Autovermietung zu haben. „Was heißt, es geht nicht?“, ruft er in den Hörer. „Wieso geht es denn nicht? Haben Sie nur das eine Auto? Ich dachte, Sie wären eine der größten Autovermietungen Europas.“

„Ich möchte sofort den Hotelbesitzer sprechen“, zetert die Blondine.

Die Hoteldirektorin, eine drahtige Frau in den Fünfzigern, schlendert ins Foyer. „Es sind Haare in der Dusche“, beschwert sich das Mädchen. „Das ist widerlich.“

„Das Zimmer ist gemacht“, gibt der Junge an der Rezeption gelassen zurück. „Ich habe mit dem Service gesprochen.“

„Sie sollen sich die Dusche noch einmal anschauen“, weist die Dame des Hauses ihn an.

„Das ist alles?“, faucht das Mädchen. „Keine Entschuldigung?“

„Ich habe mich entschuldigt, Madame“, sagt der Student.

Die Hoteldirektorin schüttelt nervös ein Schlüsselbund. Sie grinst in meine Richtung.

Hinter mir kämpft Antoine immer noch mit der Autovermietung. „Sie sind zuerst laut geworden, Monsieur. Ich habe nur eine Frage gestellt. Eine ganz normale Frage. Meine Frage: Wieso können Sie den Wagen nicht einfach bis morgen stehenlassen? Haben Sie keine Parkplätze? Ihre Kollegen in Berlin…“

„Wir schauen uns die Dusche jetzt noch einmal an und bringen das in Ordnung.“

„Jedenfalls ist es das letzte Mal, dass ich hier war.“ Das Mädchen zieht ein Telefon unter ihrem Handtuch hervor.

„Sie sind frei.“ Die Direktorin zuckt die Schultern. Das Mädchen tippt mit spitzen Fingernägeln eine Nummer. Sie beschimpft ihr Opfer, das absolut mieseste Hotel in ganz Paris für sie gebucht zu haben. Sie droht Maßnahmen an.

Die Hotel-Dame macht auf dem Absatz einen Schwenk und verdreht die Augen.

„Ich möchte ihren Vorgesetzten sprechen“, verlangt Antoine. Ich überlege, wo in unserer Wohnung der Zen-Baum am besten zur Wirkung käme.

„Wieso spät?“, ruft Antoine. „Es hat einen Sturm gegeben. Alle Flüge sind verschoben. Das müssen Sie doch gemerkt haben.“

Nach weiteren zwanzig Minuten Diskussion reserviert man uns einen Wagen am Gare du Lyon.

Die Blonde krakeelt noch im Aufzug in ihr Telefon.

Am nächsten Tag stehen wir auf, als die erste Metro unter unseren Betten entlang rumpelt. Im Stau auf der Autobahn rücken wir langsam an die Peripherie der Stadt. Motorradfahrer wedeln im Slalom zwischen den sechsspurig schleichenden Autos. 

Vor der Abflughalle Orly West tummeln sich karibisch bunte Menschen. Quentin kommt. Schmal und sehr weiß. „Wo ist der Schnee?“, fragt er.

Auch in Berlin liegt kein Schnee. Dafür ist es ruhig wie in einem Kurort. Die Eisbahn neben der Oper haben wir fast für uns allein. Wenige Fußgänger schlendern Unter den Linden entlang. Sie meditieren an roten Ampeln vor freien Straßen. Die Karussells auf dem Weihnachtsmarkt drehen glitzernde Runden. Der Fernsehturm blinkt in den Abend. Berlin ist Zen.