Von der Post – Post – Post – in die Moderne und zurück.

Zeitreisen in Dessau. Teil I

ION von Euripides in einer Inszenierung des Provinztheater Kosmos an orakelhaften Orten. Regie: Jens MehrleKarte mit Text

      Theaterplakat von Anja Mikolajetz

 

Ion hat eine goldene Stirn. Seine Gedanken sind edel wie Gold. Sensitiv und weise ist er. Seine Nase, die Wangen und das Kinn sind weiß, sein Mund noch nicht von den Dramen des Lebens gezeichnet. Er ist jung und schön, ein Tempeldiener des Apollon. Ein Gottessohn. Keiner von hier. Die anderen Personen sind mir vertraut: seine schwache Mutter und deren Mann, der nicht Ions Vater ist, es aber gern sein möchte, etwas einfältig in seinem Versuch, alles richtig zu machen. Grau ist sein Gesicht, die Augen liegen in tiefen Höhlen unter der vorspringenden Stirn, auf der senkrechte Falten stehen. Und der böse, alte Mann schließlich, der es schafft, Ions Mutter dazu zu bringen, Ion zu töten, obwohl sein Zorn sich zuerst gegen deren Ehe-Mann richtet, der aus einem fremden Geschlecht stammt, das ursprünglich nicht in Delphi ansässig ist. Er lacht, er grinst, selbstgewiss und selbstherrlich ist dieser Verteidiger seines Landes gegen den Fremden.

I O N – drei Buchstaben, drei Schicksale. Drei Hauptdarsteller, so will es die griechische Tragödie, weshalb zwei von ihnen die Rollen im Stück wechseln. Die Schauspieler tragen Masken. Auch darin hält sich die Inszenierung an das alte griechische Theater. Aber es ist ungewöhnlich. Masken sind im modernen Theater ein bisschen in Verruf geraten. Falsch, nicht modernes Theater! Ich bin in Dessau. Ich bin der Moderne im Bauhaus begegnet und mir ist klar geworden: Wir sind so etwas von Post-Post-Post-Modern, dass ich mich fühle, als sei ich durch eine Zeitmaschine gedreht worden. Post-Post-Post: Alles ist erlaubt. Nichts kann uns mehr provozieren. Alles schon dagewesen. Wir sind müde.

Masken! Die Masken von Anja Mikolajetz sind stark. Es ist ein Vergnügen, sie anzuschauen und wie ein Voyeur dahinter Augen, Lippen, Zungen zu erhaschen.

Nach der Aufführung erzählen die drei Schauspieler Mark Harvey Mühlemann(Ion/ein Diener),Felix Würgler(Hermes/Xuthus (der Ehemann)/Der Alte/Phythia (Apollon) und Athene) und Babette Winter(Kreusa, die Mutter von Ion) von ihrer Arbeit mit den Masken. Schnell sei klar geworden, dass das Spiel mit Masken ein völlig anderes als das gewohnte sei, erzählt Felix Würgler. Viel abhängiger vom Auge und der Führung des Regisseurs seien sie gewesen und hätten dennoch bei jeder Aufführung befürchtet, die Gesten zu über- oder untertreiben, auch, hinter der Maske zu verschwinden. Eine zusätzliche Herausforderung war, das Gegenüber auf der Bühne nicht richtig sehen zu können, auch das Publikum nicht.

Masken sind wie eine Wand. Ein Schutz. Eine Grenze. Die Darsteller, insbesondere Felix Würgler und Mark Harvey Mühlemann in ihren wechselnden Rollen verstehen es hervorragend, präsent zu bleiben, mit den Masken. Es ist eine Kunst, eine Maske zu tragen. Masken sind statisch und somit das Gegenteil von einem Gesicht, das durch Bewegung erst entsteht und geformt wird. Die Maskenträger auf der Bühne sprechen aus einer anderen Welt, jenseits der Zeit. Sie sind Grenzgänger zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden. Von dort kommen ihre Botschaften.

Das antike Drama von Euripides ist so aktuell, dass mich einige Sätze schaudern machen. Wie kann ein über 2000 Jahre alter Text uns die gegenwärtige Welt spiegeln?

Was geht hier eigentlich vor?

Der warme Jazz des Kontrabassisten Volkmar Paschold bricht das Mythologische und markiert Ort und Zeit. Wir sind im Jahr 2018 in der Marienkirche in Dessau. Es ist ein milder Abend im Oktober. Für Morgen ist Sonnenschein angesagt.

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Die Autorin nach der Reise von der Post – Post – Post- in die Moderne und zurück

 

 

 

 

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