Kathrins Notiz-Blog 20. Juli 12

© Illustration Liane Heinze

Leon und ich, wir sind beide überzeugt von der Macht und dem Karma der Dinge. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Macht der Dinge, aber Leon scheut sich, gebrauchte Möbel zu kaufen, schon gar keine Polstermöbel, die mit den Energien fremder Orgasmen und Streitigkeiten aufgeladen sind. Aus Respekt vor Leon und dem Geheimnis, das uns verbindet, schlafe ich mit Kolja niemals in unserem Bett.

An diesem Abend gab es deshalb in der ganzen Stadt keinen Platz für Kolja und mich. Bei ihm zu Hause war die Familie, im Büro wurden seit einigen Tagen Nachtschichten gemacht, weil zwei Architekten einen Wettbewerb vorbereiteten.

Wir waren lange durch die Stadt spaziert, dabei mehrmals vom Regen überrascht worden und in verschiedene  Bars geflüchtet. In einer dieser Bars hatte ich Leon von der Toilette aus angerufen, ungefähr gegen elf. Er hatte traurig geklungen. „Komm doch zurück!“ hatte ich ihn gebeten. „Warum tust du uns das an, diese Entfernung, das Hin und Her? Es zerreißt dich. Du bist nie vollständig an einem Ort. Immer fehlt dir etwas und dann tickst du aus. Deine Seele bleibt auf der Strecke. Sie kann mit dem Tempo nicht mithalten.“

„Es passiert gerade sehr viel“, hatte Leon gesagt. „Ich muss mal verreisen, um über mein Leben nachzudenken.“ In diesem Moment hatte ich das Empfinden, die Toilettenwände, bekrakelt mit Liebesschwüren, Morddrohungen, Sexfantasien, Tags, Hilferufen und Telefonnummern, rückten gegen mich vor. „Möchtest du mich verlassen?“

„Wieso denkst du das?“ hatte er gefragt.

„Weil du über dein Leben sprichst. Wer oder was ist dein Leben?“

Er hatte geschwiegen.

„Was ist los?“

Ich hatte den Eindruck, dass er meine Ungeduld genoss, als er sagte: „Wir haben uns auseinander gelebt.“

„Lass uns mal wieder etwas Gemeinsames machen, eine kleine Reise, einen Ausflug, lass uns in die Sauna gehen, nur wir zwei…“

Er hatte geseufzt. „Ich brauche eine Zeit allein.“

„Allein? Du hast jemanden, nicht wahr?“

„Nein“, hatte er nach einer kleinen Pause gesagt. „Du?“

„Nein.“ Ich war erstaunt gewesen, wie leicht mir die Lüge über die Lippen ging.

Der Gedanke war mir durch den Kopf gezuckt, dass auch ich ein Möbel in Leons Leben bin, ein Möbelstück, das fremdes Sperma aufgesogen hatte. Ich selbst hatte das Geheimnis zerstört. Kolja von unserem Bett fernzuhalten war sentimental und abergläubisch. Deshalb also kamen Männer auf die Idee, dass Frauenkörper komplett verhüllt sein müssten.  Sie waren Möbelstücke im Leben der Männer, die einzigen Möbelstücke, die sich aus dem Haus bewegen und fremden Blicken aussetzen konnten.

Aber als ich aufgelegt und die Toilette endlich verlassen hatte, war mir noch eingefallen, dass Frauen im Unterschied zu Möbeln Schleim und Blut absonderten, Schweiß und jede Menge Tränen. Sie spülten und schwitzten die Spermien wieder aus. Im Gegensatz zu einem Schrank oder einem Bett wandelte sich eine Frau in jedem Moment. Sie war eben ein lebendiges Wesen. Sie veränderte sich schon, wenn sie einem Mann begegnete, der in ihrem Gesicht las wie in einem Buch. Die Männer, die den Schleier verlangten, wussten das. Aber auch die Männer waren lebendig. Auch sie konnten sich durch einen einzigen Blick einer Frau verändern. Auch sie müssten sich also verschleiern.

Koljas hatte bereits gezahlt und draußen vor der Bar gewartet. Wir waren weiter durch die Nacht gelaufen. Wir hatten wenig gesprochen.

„Wieso nimmst du nicht an dem Architektur-Wettbewerb teil?“ fragte ich, als wir weit nach Mitternacht in einem verlassenen Club landeten.

Kolja winkte ab, blickte zum Fenster hinaus in den Regen, das Gesicht in die Hand gestützt, in der er auch die Zigarette hielt. Der Rauch kräuselte an seiner Schläfe empor.

Ein Kellner begann, die Stühle hochzustellen, bedeutete uns aber, dass wir sitzen bleiben könnten. „Du weißt, ich habe keinen Ehrgeiz“, sagte Kolja.

„Ich mache mir Gedanken um Leon“, sagte ich.

„Warum?“

„Ich verliere ihn. Er spürt dich.“

Kolja nahm meine Hand. Sein Blick streifte mich flüchtig, dann blieb sein Blick an dem Mann hängen, der die Stühle hochstellte. Er schlug vor zu gehen.

Später liefen wir durch einen Park. Die Bäume tropften, aber die Wolken am Dämmerhimmel lichteten sich. Es ging auf vier. Ein Fuchs trabte vor uns über den Weg, zog sich ins Gebüsch zurück. Als wir an der Stelle vorbeigingen, funkelten seine Augen im Dunkel. „Ich mag Füchse. Ich mag ihren Gang“, sagte ich. Wir setzten uns auf eine Bank und warteten darauf, dass der Fuchs wieder aus seinem Versteck hervor kommen würde. „Du frierst“, sagte Kolja. Er reichte mir seine Lederjacke. Sie war warm und trocken und duftete nach ihm. Am liebsten hätte ich sie für immer anbehalten.

„Auch wenn es schwierig ist mit Leon, werde ich bei ihm bleiben. Ich liebe ihn. Ich weiß es jetzt. Manchmal war ich nicht sicher. Manchmal habe ich ihn gehasst. Aber ich kann niemals ohne ihn sein.“

„Er ist gerade weit weg. Wenn er wieder da ist, beginnt das Theater von vorn. Wirst sehen.“

„Ich habe keine Lust auf Dauerdrama. Wenn du frei wärst, gäbe es keine Frage für mich“, sagte ich. „Warum haben wir uns nicht fünf Jahre früher getroffen?“ Kolja drückte mich an sich und schüttelte mich ein bisschen. Ich mochte dieses Schütteln nicht. Es fühlte sich kumpelhaft an.

„Das Leben ist sehr unvollkommen“, sagte Kolja. „Sehr, sehr, sehr.“ Ein Eichhörnchen huschte über den Weg. Der Fuchs ließ sich nicht mehr blicken.

„Du hast es nicht so schlecht getroffen“, sagte ich. „Wie geht es deiner Mutter?“

Er bedankte sich.

„Ich würde sie gern wiedersehen“, sagte ich.

„Sie hat sicher nichts dagegen.“

Die Nacht zog an uns vorüber, als wären wir ihre Zuschauer, als säßen wir in einer geschützten Loge, in der die Zeit stillstand. Aber in diesen Stunden, die zu einem Augenblick verschmolzen, brodelten die Jahre mit Leon in meinem Kopf. Bilder kamen und vergingen. Einmal, als mir auf der Bank neben Kolja die Augen zufielen, brach sofort wieder dieser Tumult in meinen Schlaf ein, ein entsetzlicher Lärm, vor dem ich Jolandas Rufen und Leons helle Stimme erkannte. Ich schreckte auf. Meine eigenen Träume hinderten mich zu schlafen. Im Park war es still. Überall herrschte Ruhe, außer in meinem Schlaf.

Kolja schlug vor, einen Bäckerladen zu suchen. Es gäbe einige, die schon um sechs Uhr aufmachten. Wir schlichen weiter durch die Straßen. Wir liefen einfach immer weiter, ziellos. Wir wussten nicht, in welcher Nebenstraße ein Bäcker geöffnet sein würde. Schließlich fanden wir einen in der Nähe des Alex. An einem der hohen Bistrotische tranken wir schwarzen Kaffee und aßen warme Croissant dazu.

Draußen huschten ein paar Autos über den regennassen Asphalt. Die Nachtschwärmer, die eben noch rauchend vor dem Club um die Ecke gestanden hatten, kamen herein und ein Stammgast, ein schlafloser Mann um die Fünfzig, der die ganze Nacht lang auf den ersten Kaffee und die Plauderei mit der Verkäuferin gewartet zu haben schien. „Wie immer?“ fragte sie. Er nickte. „Wie immer.“

Ich sah Kolja an. Sein Gesicht war grau. Er grinste. Er griff nach meiner Hand und sagte: „Wie immer?“ Und ich nickte und sagte: „Wie immer.“

 

 

 

 

 

 

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