In einem Bäckerladen in Mitte

Ansichtskarten aus Deutschland

Das Foto ist aus meiner Serie „Ansichtskarten aus Deutschland“ – hier: Berlin-Mitte

Ich verbringe die Mittagspause in einem Bäckerladen in Mitte. Am Nebentisch sitzen fünf Personen unterschiedlicher Herkunft, die miteinander deutsch sprechen.

Sie suchen sich ein Phänomen zu erklären: Die Deutschen. Keineswegs abfällig, sondern respektvoll, erstaunt. Die Polin spricht über einen Aufenthalt in Skandinavien, wo die Leute noch viel reservierter seien als in Deutschland. Ein Mann, dessen Akzent ich nicht verorten kann, meint, die Leute in Osteuropa seien anders als die Deutschen. Die Familie spiele dort eine größere Rolle. Der arabische Mann erzählt, wie er einmal in Berlin im Krankenhaus war und sein Bettnachbar keinen Besuch von seinen Kindern bekommen hat, weil die in den Urlaub gefahren waren. „Das wäre bei uns undenkbar, dass wir in den Urlaub fahren, wenn die Eltern im Krankenhaus liegen“, sagt er. Der Spanier erzählt von den wöchentlichen Familientreffen bei seiner Oma, die er in wundervoller Erinnerung hat. Der dritte Mann vertritt die These, dass es am Wetter in Deutschland liegt. Die beiden Polinnen geben ihm Recht. Aber Polen ist doch genauso dunkel und kalt, denke ich. Am liebsten würde ich mich einmischen.

Dann beginnt sich ihr Gespräch um Krieg und Religion zu drehen. Sie dämpfen ihre Stimmen und stecken die Köpfe dichter zusammen. Ich bin draußen und fühle mich ein bisschen verlassen.

Porträt von Andrea Vollmer

© Andrea Vollmer

Die Autorin im Café nach dem Belauschen der anderen

 

 

One thought on “In einem Bäckerladen in Mitte

  1. Wie anregend! Wie schön!
    Als ich vor vielen Jahren als Schottin nach Deutschland zum Studieren kam, hat mich an den Deutschen beeindruckt: Das Verweilen im Gespräch bei einem Thema, die Zuverlässigkeit der Verabredungen und die intellektuelle Neugier, und dass sie keine Angst vor dem Schweigen hatten.

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