Liebe auf den ersten Satz

Berliner Zeitung

Berliner Zeitung 22. Oktober 2007

Rina, eine jüdische Philosophin in Berlin, ist der deutschen Sprache früh verfallen. Jetzt kennt sie auch deutsche Tücken.

In wenigen Tagen ist es endlich soweit. Rina wird in den Geburtsort Friedrich Nietzsches fahren, ein kleines Dorf in der Nähe von Leipzig. Röcken.

Röcken wollte sie schon während ihrer ersten Reise nach Deutschland besuchen, kam dann aber einfach nicht aus Berlin raus, weil hier so viel los war.

Noch früher, als sie in ihrer Heimatstadt Tel-Aviv deutsch zu lernen begann, träumte sie bereits davon, auf den Spuren ihres Lieblingsphilosophen unterwegs zu sein.

Mit Nietzsche hat ihre Leidenschaft für die Philosophie und die deutsche Sprache begonnen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie das erstemal Nietzsche las, damals noch in ihrer Muttersprache Hebräisch. Es war Liebe auf den ersten Satz.

Jetzt hat Rina einige Semester Philosophie an der Technischen Universität Berlin hinter sich. Ihre jugendliche Schwärmerei für die deutsche Kulturnation hat sich relativiert. „Anfangs glaubte ich, in Deutschland sitzen alle mit einem Goethe im Café. Ich war wirklich erstaunt, Leute zu treffen, die sich gar nicht für Literatur interessieren.“

Rina hat ein bisschen Angst vor der Fahrt nach Röcken. „Meinst du, ich kann als Jüdin allein dahin fahren?“

Der Ort zählt etwas mehr als sechshundert Einwohner. Ein Nest. Kleiner als Mügeln und gar nicht so weit davon entfernt.

Die „Freunde von Röcken“, ein gemeinnütziger Verein, der sich darum kümmert, dass Nietzsches Geburtshaus nicht weiter verfällt, stammen nicht aus der Gegend.

Rina ist sehr weiß. Dass sie Jüdin ist, sieht man ihr nicht an der Nasenspitze an. Zumindest hat ihr das ein Kommilitone neulich versichert. „Jüdin? Komisch, du siehst gar nicht so aus. Mund und Nase, alles ganz normal.“

Es sind diese Bemerkungen, die Rina verunsichern. Natürlich hat sie als Jugendliche vom Antisemitismus in Europa gehört. Ihn zu erleben, ist aber noch etwas anderes.

Niemals hätte sie geglaubt, Angst zu bekommen. Sie will die Angst auch gar nicht wahrhaben. Sie spricht verwundert über ihre Erlebnisse. Sie lacht darüber. Sie wisse ja, dass sie hier sicher sei. Nicht umsonst genieße Berlin in Israel mittlerweile den Ruf, die beste europäische Stadt für Juden zu sein.

Doch dann entschuldigt sie sich dafür, dass sie ihr Foto lieber nicht in der Zeitung haben will und wenn, dann nur mit dieser großen Sonnenbrille. Und ihren vollständigen Namen möchte sie lieber auch nicht veröffentlichen. „Es ist nur…ich bin nicht sicher, weißt du.“

Die Beunruhigung wird immer wieder genährt. Einmal war sie zu einer Gesellschaft geladen. Als der Gastgeber sie fragte, ob sie Jüdin sei, da sie doch aus Israel komme und Rina diese Frage wie gewohnt in ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit bejahte, richteten sich plötzlich alle Blicke auf sie. „Keiner sagte mehr etwas. Es war auf einmal ganz still. Es dauerte bestimmt eine Minute, bis sie sich wieder gefangen hatten und weiter redeten.“

Sie könnte noch viele ähnliche Geschichten erzählen, möchte aber nicht. Das sei doch alles nicht der Rede wert. „Es ist eben schwierig in Europa.“ Punkt. Ihre Angst bezeichnet sie als irrational.

In umgekehrter Weise gleicht sie ihren deutschen Altersgenossen, die einen normalen Umgang mit dem deutschen Nationalgefühl fordern. Man müsse nicht immer und immer wieder den Holocaust herauf beschwören. Das sei doch nun wirklich lange genug her.

Im Unterschied zu ihren Altersgenossen in Deutschland sind es aber nicht die unbekannten Urgroßeltern, die von Verfolgung betroffen waren, sondern Rinas eigene Eltern.

„Ich bin froh, dass du das mal erlebst“, sagt die Mutter am Telefon. „Damit du weißt, was für ein Glück es ist, dass du deine Kindheit in Israel verbringen und ganz selbstverständlich jüdisch sein konntest.“

Rinas Familie stammt aus der Bukowina und Galizien, Regionen, die heute auf dem Gebiet der Ukraine und Rumäniens liegen. Ihre Eltern verließen Rumänien in den Siebzigerjahren. Rina wurde 1983 in Tel Aviv geboren.

Auf jeder Party trifft sie mindestens einen, der die Lösung des Nahostkonfliktes in der Tasche hat. Israelis und Palästinenser müssten einfach mehr zusammen reden, das Patentrezept Nummer eins, quillt Rina inzwischen zu den Ohren raus. Es gibt aber auch skurrilere Vorschläge. Neulich äußerte einer die Idee einer Volksbefragung, nach der man aus dem Mittelwert der Meinungen weitere politische Maßnahmen ableiten sollte.

Rina findet es gut, in Israel aufgewachsen zu sein. Schade sei nur, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

Nach wie vor ist Deutsch für sie die schönste Sprache der Welt. Sie spricht es so gut, dass man den winzigen Restsatz ihres Akzents eher für einen leichten Dialekt hält, eine vergessene Sprache von weiter her, aus dem Osten, aus einer vergangenen Zeit, als jiddisch und deutsch noch dicht beisammen lebten.

Rina liebt es, Wörter zu entdecken. Sie schmeckt die Worte. Ihre Stimme klingt ruhig und dunkel. „Seit ich das erste Mal auf der Ausländerbehörde war, warte ich auf eine Gelegenheit, das Wort ‚etwaige‘ zu benutzen.“

Mit einem Freund aus ihrer WG betreibt sie ein Schwäbisch-Hebräisches Sprachtandem. Wie die Schwaben die Dinge verniedlichen, das erinnert sie an Jiddisch. Unter den deutschen Dialekten entzücken sie besonders Schwäbisch und Sächsisch. Sie wundert sich, dass so viele Sachsen in Berlin offenbar ein Problem mit ihrer sprachlichen Herkunft haben. Selbst auf ihre ausdrückliche Bitte tun sie sich schwer damit, ein bisschen sächsisch zu reden. „Es ist doch so ein wunderschöner Dialekt. Nietzsche muss sächsisch gesprochen haben.“

In Israel hat sie Jiddisch-Kurse besucht, gemeinsam mit Leuten aus aller Welt, unter anderem mit einem vietnamesischen Ehepaar, das jetzt zu Hause nur noch jiddisch spricht. Sie tun es, damit die Sprache nicht stirbt. Ihr Kind soll jiddisch als Muttersprache lernen.

Der sinnliche Schmelz aus Mittelhochdeutsch und Hebräisch, mit slawischen und aramäischen Einflüssen freilich, zeige doch die kulturelle Nähe von Juden und Deutschen, meint Rina, eine Mischung, in der sie sich Zuhause fühlt.

Kurz nach dem kulturellen Höhepunkt ihres Aufenthalts in Deutschland, der Fahrt nach Röcken, wird sie das Land vorerst verlassen. Ihre Doktorarbeit schreibt sie in den USA. Die amerikanische Dissertation sei in Fachkreisen anerkannter, weil sie mit einem aktiveren Studienprozess verbunden ist als in Deutschland.

Was danach kommen wird, weiß Rina noch nicht. Sie hat keine Präferenzen, was ihr Fach betrifft. Im Hinblick auf die Sprache ist sie allerdings sicher: „Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Land zu leben, in dem kein Deutsch gesprochen wird.“

Dass Deutschland so viele Philosophen hervorgebracht hat, sieht sie in der Sprache begründet. „Eine Sprache, in der man ‚dasselbe‘ und ‚das Gleiche‘ unterscheidet, musste die Sprache der Philosophie werden.“

Doch warum ausgerechnet Nietzsche? „Er war ein Dichter“, sagt Rina. „Außerdem ist es gar nicht wahr, dass seine Philosophie zur Nazi-Ideologie passt. Nur, weil Hitler sich einmal mit seiner Schwester getroffen hat. In Wirklichkeit war Nietzsche das Gegenteil von einem Antisemiten. Er war ein Anti-Antisemit.“

Vielleicht wäre es gut gegen die „irrationale Angst“, wenn sie nicht allein nach Röcken fahren würde. Sie könnte zum Beispiel ihren Leipziger Freund mitnehmen, den sie sowieso auf dieser Reise besucht. „Mein Freund ist aber auch Jude“, resigniert sie. „Allerdings kommt er aus England. Er hat blaue Augen.“ Das könne für den Aufenthalt in Röcken möglicherweise von Vorteil sein.

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